Ich habe mich in jun¬≠gen Jah¬≠ren recht aus¬≠gie¬≠big mit Ruck¬≠sack und Rei¬≠se¬≠schecks aus¬≠ge¬≠r√ľs¬≠tet in ande¬≠ren L√§n¬≠dern und auf ande¬≠ren Kon¬≠ti¬≠nen¬≠ten umge¬≠tan. Oft waren es Welt¬≠ge¬≠gen¬≠den, die als nicht beson¬≠ders sicher gal¬≠ten und dies auch tat¬≠s√§ch¬≠lich nicht waren. Ich hat¬≠te immer Gl√ľck ‚Äď der √úber¬≠land¬≠bus der¬≠sel¬≠ben Linie wur¬≠de erst am Tag nach mei¬≠ner Fahrt aus¬≠ge¬≠raubt, der Raub¬≠√ľber¬≠fall auf das Beach¬≠vol¬≠ley¬≠ball-Spiel geschah mei¬≠nen zeit¬≠wei¬≠li¬≠gen Mit¬≠rei¬≠sen¬≠den, nicht mir, der Taschen¬≠dieb such¬≠te sich den Mann aus, der vor mir durch die Fu√ü¬≠g√§n¬≠ger¬≠zo¬≠ne Rios schlen¬≠der¬≠te. Sogar die Hoodlums, die mich in St. Lou¬≠is auf dem Weg vom Base¬≠ball¬≠sta¬≠di¬≠on zur Unter¬≠kunft dumm anquatsch¬≠ten und ‚Äěunter¬≠su¬≠chen‚Äú woll¬≠ten, gaben sich schlie√ü¬≠lich mit ein paar bl√∂¬≠den Spr√ľ¬≠chen zufrie¬≠den, weil sie den unver¬≠hofft in ihrem Kiez auf¬≠ge¬≠tauch¬≠ten Deut¬≠schen so ulkig fanden.

Man wuss¬≠te auch bis zu einem gewis¬≠sen Grad, wie man sich sch√ľt¬≠zen konn¬≠te: in alten Kla¬≠mot¬≠ten her¬≠um¬≠lau¬≠fen (mei¬≠ne Stan¬≠dard¬≠kluft: alte Bun¬≠des¬≠wehr¬≠ho¬≠se, schmut¬≠zi¬≠ge Segel¬≠tuch¬≠schu¬≠he, schlabb¬≠ri¬≠ges Polo¬≠hemd), einen Geld¬≠g√ľr¬≠tel tra¬≠gen, die Lan¬≠des¬≠spra¬≠che beherr¬≠schen. Nachts nicht an roten Ampeln hal¬≠ten, auf kei¬≠nen Fall unbe¬≠glei¬≠tet in die Fave¬≠la. Nicht auf Gespr√§¬≠che mit komi¬≠schen Leu¬≠ten ein¬≠las¬≠sen, die einem in der Baixa von Lis¬≠sa¬≠bon Dro¬≠gen und gol¬≠de¬≠ne Arm¬≠band¬≠uh¬≠ren ver¬≠kau¬≠fen wol¬≠len. Und vor allem wuss¬≠te man, dass all die¬≠se Vor¬≠sichts¬≠ma√ü¬≠nah¬≠men nicht mehr n√∂tig sein w√ľr¬≠den, sobald man in M√ľn¬≠chen oder Ber¬≠lin wie¬≠der das Flug¬≠zeug ver¬≠las¬≠sen hat¬≠te. Das eige¬≠ne Land war ein biss¬≠chen lang¬≠wei¬≠lig, man war nicht son¬≠der¬≠lich stolz dar¬≠auf, die Leu¬≠te rann¬≠ten zu sehr dem Geld hin¬≠ter¬≠her, und kul¬≠tu¬≠rell gaben einem New Orleans und Bahia alles, was man brauch¬≠te. Aber eines war die¬≠ses Land ganz bestimmt: sicher und verl√§sslich.

Ich muss geste¬≠hen, dass mich die¬≠ses Gef√ľhl von abso¬≠lu¬≠ter Sicher¬≠heit und Ver¬≠l√§ss¬≠lich¬≠keit in den letz¬≠ten Mona¬≠ten schlei¬≠chend und schlie√ü¬≠lich in den letz¬≠ten Tagen mit dra¬≠ma¬≠ti¬≠scher Geschwin¬≠dig¬≠keit ver¬≠las¬≠sen hat. Das liegt, nat√ľr¬≠lich, an der poli¬≠ti¬≠schen Reak¬≠ti¬≠on auf den stark anschwel¬≠len¬≠den Fl√ľcht¬≠lings¬≠strom, den Atten¬≠ta¬≠ten von Paris und all dem, was seit¬≠dem pas¬≠siert ist. Vor ein paar Tagen sa√ü ich mit vie¬≠len ande¬≠ren bud¬≠dhis¬≠tisch Gesinn¬≠ten in einem Medi¬≠ta¬≠ti¬≠ons¬≠zen¬≠trum und h√∂r¬≠te zu, wie ein Bhikk¬≠hu aus S√ľd¬≠deutsch¬≠land sei¬≠ne Sicht der Din¬≠ge erl√§u¬≠ter¬≠te und dann die frisch er√∂ff¬≠ne¬≠ten R√§um¬≠lich¬≠kei¬≠ten seg¬≠ne¬≠te. Gleich¬≠zei¬≠tig ertapp¬≠te ich mich st√§n¬≠dig dabei, wie ich zur T√ľr sah und √ľber¬≠leg¬≠te, was wohl zu tun w√§re, wenn pl√∂tz¬≠lich ein Ver¬≠mumm¬≠ter her¬≠ein¬≠sprin¬≠gen, ‚ÄěAlla¬≠hu akbar!‚Äú rufen und die Ban¬≠de von G√∂t¬≠zen¬≠an¬≠be¬≠tern, die wir f√ľr ihn w√§ren, ins Jen¬≠seits bef√∂r¬≠dern w√ľr¬≠de. √úber¬≠zo¬≠gen, nat√ľr¬≠lich. Die Jungs von IS und al-Quai¬≠da haben Wich¬≠ti¬≠ge¬≠res zu tun, als irgend¬≠wo in Nie¬≠der¬≠sach¬≠sen aufs plat¬≠te Land zu fah¬≠ren und ein paar R√§u¬≠cher¬≠st√§b¬≠chen¬≠ab¬≠bren¬≠ner nie¬≠der¬≠zu¬≠schie¬≠√üen. Jeden¬≠falls einst¬≠wei¬≠len noch. Ande¬≠rer¬≠seits bin ich gera¬≠de ziem¬≠lich froh, kein beson¬≠ders gro¬≠√üer Fu√ü¬≠ball¬≠fan zu sein. Wir sol¬≠len hero¬≠isch unser Leben wei¬≠ter¬≠le¬≠ben, hei√üt es, mit allen Frei¬≠hei¬≠ten und Frei¬≠z√ľ¬≠gig¬≠kei¬≠ten. Um ehr¬≠lich zu sein ‚Äď das wirkt wie ein F√ľnf¬≠j√§h¬≠ri¬≠ger, der einem ande¬≠ren F√ľnf¬≠j√§h¬≠ri¬≠gen zuruft: ‚ÄěBei dei¬≠nem doo¬≠fen Krieg mach ich aber nicht mi-hit!!!‚Äú Nur dass der ande¬≠re gar kein F√ľnf¬≠j√§h¬≠ri¬≠ger ist. Und sein Gewehr ist auch nicht aus Plastik.

Es herrscht gro¬≠√üe Ver¬≠wir¬≠rung in der Welt, sag¬≠te der Bhikk¬≠hu, und da hat er wohl recht. Nicht das ‚ÄěB√∂se‚Äú, nicht das ‚ÄěIrra¬≠tio¬≠na¬≠le‚Äú, aber gro¬≠√üe Ver¬≠wir¬≠rung. Ich habe mei¬≠nen Roman Wolfs¬≠stadt √ľber einen Poli¬≠zis¬≠ten geschrie¬≠ben, der 1948 einen Mord¬≠fall auf¬≠kl√§¬≠ren soll, aber in Wirk¬≠lich¬≠keit muss er das R√§t¬≠sel l√∂sen, dass er selbst ist. Im Som¬≠mer 1942 in der Ukrai¬≠ne herrsch¬≠te auch gro¬≠√üe Ver¬≠wir¬≠rung, da hat ihm jemand befoh¬≠len, auf Frau¬≠en und Kin¬≠der zu schie¬≠√üen, und er hat den Befehl nicht ver¬≠wei¬≠gert, obwohl er es gedurft h√§t¬≠te. War¬≠um nicht? Eine der Ant¬≠wor¬≠ten, die er fin¬≠det, ist das Ver¬≠gn√ľ¬≠gen an abso¬≠lu¬≠ter Macht, der Macht √ľber Leben und Tod. Gott der Herr, der √ľber die √Ągyp¬≠ter kommt. Ich glau¬≠be nicht, dass ein sol¬≠ches Ver¬≠gn√ľ¬≠gen nur bei uns Deut¬≠schen zu fin¬≠den ist, des¬≠we¬≠gen sch√§¬≠me ich mich auch nicht beson¬≠ders, zu die¬≠sem Volk zu geh√∂¬≠ren. Ich glau¬≠be, da geht es um anthro¬≠po¬≠lo¬≠gi¬≠sche Poten¬≠zia¬≠le, die mehr oder weni¬≠ger jeder in sich tr√§gt, die aber durch die beson¬≠de¬≠ren poli¬≠ti¬≠schen, kul¬≠tu¬≠rel¬≠len und gesell¬≠schaft¬≠li¬≠chen Umst√§n¬≠de der ers¬≠ten H√§lf¬≠te des 20. Jahr¬≠hun¬≠derts zuf√§l¬≠lig in Deutsch¬≠land zum Aus¬≠bruch gekom¬≠men sind. Wenn das ein biss¬≠chen pes¬≠si¬≠mis¬≠tisch klingt, kann ich es nicht √§ndern. Wer sich l√§n¬≠ger mit der Sho¬≠ah besch√§f¬≠tigt und hin¬≠ter¬≠her immer noch ein durch¬≠weg posi¬≠ti¬≠ves Men¬≠schen¬≠bild ver¬≠tritt, hat sich nicht lan¬≠ge genug damit besch√§ftigt.

Ich glau¬≠be auch, dass die¬≠se Poten¬≠zia¬≠le jetzt wie¬≠der zum Aus¬≠bruch kom¬≠men. Der Poli¬≠tik der USA und ihrer Ver¬≠b√ľn¬≠de¬≠ter im Nahen Osten hat ‚Äď von Eisen¬≠ho¬≠wer und Mos¬≠sa¬≠degh √ľber Rea¬≠gan und Afgha¬≠ni¬≠stan bis zum ver¬≠bre¬≠che¬≠ri¬≠schen Irak-Krieg des Geor¬≠ge W. Bush und des Tony Blair ‚Äď jede Men¬≠ge Mons¬≠ter in die Welt gesetzt, die sie jetzt ver¬≠zwei¬≠felt wie¬≠der ein¬≠zu¬≠fan¬≠gen ver¬≠su¬≠chen. Fai¬≠led Sta¬≠tes sind ent¬≠stan¬≠den, Zonen der Unre¬≠gier¬≠bar¬≠keit, in denen die nack¬≠te Gewalt herrscht wie im Som¬≠mer 1942 im Osten Euro¬≠pas. Mit Reli¬≠gi¬≠on hat das auf den ers¬≠ten Blick nichts zu tun. Die Dschi¬≠ha¬≠dis gehen in Schwarz wie noch jede Todes¬≠schwa¬≠dron vor ihnen, als coo¬≠le K√§mp¬≠fer gegen das Impe¬≠ri¬≠um und die Las¬≠ter des Wes¬≠tens locken sie die Ver¬≠ach¬≠te¬≠ten Euro¬≠pas an eben¬≠so wie jun¬≠ge Frau¬≠en, deren Sehn¬≠sucht nach abso¬≠lu¬≠ter Hin¬≠ga¬≠be (auch die gibt es) kei¬≠ne libe¬≠ra¬≠le Gesell¬≠schaft mehr stil¬≠len kann. Gegen die Viel¬≠deu¬≠tig¬≠keit der Welt set¬≠zen sie die ver¬≠f√ľh¬≠re¬≠ri¬≠sche Kraft der ein¬≠fa¬≠chen Wor¬≠te. Sie k√∂nn¬≠ten genau¬≠so gut ‚ÄěBom¬≠ben auf Engel¬≠land‚Äú sin¬≠gen und sich einen Toten¬≠kopf an ihr Kopf¬≠tuch heften.

Auf den zwei¬≠ten Blick ist es nat√ľr¬≠lich trotz¬≠dem ein Pro¬≠blem der Reli¬≠gi¬≠on. Ich bin kein Exper¬≠te f√ľr isla¬≠mi¬≠sche Theo¬≠lo¬≠gie und bezweif¬≠le nicht, dass es eine Les¬≠art des Koran gibt, die all die mar¬≠ki¬≠gen Wor¬≠te √ľber den Kampf gegen die Ungl√§u¬≠bi¬≠gen nur als inne¬≠ren Kampf und Meta¬≠pher ver¬≠steht, ich bezweif¬≠le nicht ein¬≠mal, dass die¬≠se Les¬≠art die heut¬≠zu¬≠ta¬≠ge vor¬≠herr¬≠schen¬≠de ist. Aber wie fast alle Reli¬≠gio¬≠nen ist auch der Islam in sich bek√§mp¬≠fen¬≠de Frak¬≠tio¬≠nen zer¬≠fal¬≠len, und eini¬≠ge davon bevor¬≠zu¬≠gen nun mal Les¬≠ar¬≠ten, die ein gutes St√ľck w√∂rt¬≠li¬≠cher sind. Wer woll¬≠te da von dem Islam sprechen?

Und wer woll¬≠te bestrei¬≠ten, dass letzt¬≠end¬≠lich der Glau¬≠be an den einen, ein¬≠zi¬≠gen Gott, des¬≠sen Pro¬≠phe¬≠ten die eine, ein¬≠zi¬≠ge Wahr¬≠heit ver¬≠k√ľn¬≠den, immer im Wider¬≠spruch ste¬≠hen muss mit der viel¬≠f√§l¬≠ti¬≠gen, wider¬≠spr√ľch¬≠li¬≠chen, chao¬≠ti¬≠schen Welt? Das ist selbst¬≠ver¬≠st√§nd¬≠lich ein Wesens¬≠merk¬≠mal aller Mono¬≠the¬≠is¬≠men, und es ver¬≠lei¬≠tet sie im schlimms¬≠ten Fall zu hals¬≠star¬≠ri¬≠gem Fun¬≠da¬≠men¬≠ta¬≠lis¬≠mus ‚Äď von dem j√ľdi¬≠schen Sied¬≠ler in der West¬≠bank, der die Torah f√ľr eine Art ewig g√ľl¬≠ti¬≠gen Grund¬≠buch¬≠ein¬≠trag h√§lt, √ľber den ame¬≠ri¬≠ka¬≠ni¬≠schen Bible thum¬≠per, der Abtrei¬≠bungs¬≠√§rz¬≠te ermor¬≠det, bis zu dem Lon¬≠do¬≠ner Hass¬≠pre¬≠di¬≠ger al-Mas¬≠ri, der eine Frau lie¬≠ber tot sehen will, als ihr Nackt¬≠heit zu erlau¬≠ben. F√ľr das Juden¬≠tum spricht aus mei¬≠ner Sicht, dass sie mich nicht bekeh¬≠ren wol¬≠len, f√ľr das Chris¬≠ten¬≠tum, dass ihm die letz¬≠ten zwei¬≠hun¬≠dert Jah¬≠re Auf¬≠kl√§¬≠rung die Z√§h¬≠ne gezo¬≠gen haben. Mir w√§re woh¬≠ler, wenn wir das mit dem Islam jetzt auch m√∂g¬≠lichst schnell hin¬≠krie¬≠gen k√∂nnten.

In der Zwi¬≠schen¬≠zeit herrscht gro¬≠√üe Ver¬≠wir¬≠rung. Und gro¬≠√üe Gefahr. Ich wei√ü nicht, wie es dem Leser geht, aber wenn ich mich an die Stel¬≠le der IS-Leu¬≠te ver¬≠set¬≠ze, k√∂nn¬≠te es kei¬≠ne bes¬≠se¬≠re Zeit f√ľr mich geben als jetzt die¬≠se. Ver¬≠wal¬≠tung und Sicher¬≠heits¬≠kr√§f¬≠te aller L√§n¬≠der von Grie¬≠chen¬≠land bis Schwe¬≠den sind mit dem nicht enden wol¬≠len¬≠den Fl√ľcht¬≠lings¬≠strom besch√§f¬≠tigt, die Wach¬≠sam¬≠keit ist natur¬≠ge¬≠m√§√ü nicht so hoch wie zu nor¬≠ma¬≠len Zei¬≠ten. Zudem las¬≠sen sich √ľber den Zug der Ver¬≠zwei¬≠fel¬≠ten pro¬≠blem¬≠los mit fal¬≠schen P√§s¬≠sen ver¬≠se¬≠he¬≠ne Schl√§¬≠fer nach Euro¬≠pa ein¬≠schleu¬≠sen, die unter ihrem rich¬≠ti¬≠gen Namen viel¬≠leicht Schwie¬≠rig¬≠kei¬≠ten h√§t¬≠ten, weil sie hier poli¬≠zei¬≠be¬≠kannt sind. Ich wei√ü, ich wei√ü, da regt sich sofort Wider¬≠spruch ‚Ķ Nat√ľr¬≠lich sind die Fl√ľcht¬≠lin¬≠ge zu min¬≠des¬≠tens 99,999 % kei¬≠ne Ter¬≠ro¬≠ris¬≠ten, aber wenn noch nicht mal der Staat genau wei√ü, wer da eigent¬≠lich gera¬≠de unter¬≠wegs ist, wenn vie¬≠le Fl√ľcht¬≠lin¬≠ge nach Grenz¬≠√ľber¬≠tritt oder Erst¬≠auf¬≠nah¬≠me aus dem Gesichts¬≠feld der Beh√∂r¬≠den ver¬≠schwin¬≠den, wer k√∂nn¬≠te da schon beschw√∂¬≠ren, was mit den rest¬≠li¬≠chen 0,001 % los ist?

Man muss sich noch¬≠mal vor Augen hal¬≠ten, dass der Angriff auf Paris aus Sicht des IS eigent¬≠lich fehl¬≠ge¬≠schla¬≠gen ist. Ziel w√§re das L√§n¬≠der¬≠spiel gewe¬≠sen, sicher nicht zuf√§l¬≠lig eines zwi¬≠schen den bei¬≠den F√ľh¬≠rungs¬≠m√§ch¬≠ten Euro¬≠pas, drei Leu¬≠te mit Spreng¬≠g√ľr¬≠teln h√§t¬≠ten sich inmit¬≠ten der Zuschau¬≠er in die Luft gesprengt, hun¬≠der¬≠te von Men¬≠schen w√§ren vor den Augen der Fern¬≠seh¬≠zu¬≠schau¬≠er direkt gestor¬≠ben, tau¬≠sen¬≠de in der dar¬≠auf¬≠hin ein¬≠set¬≠zen¬≠den Mas¬≠sen¬≠pa¬≠nik. Sicher¬≠heits- und Hilfs¬≠kr√§f¬≠te h√§t¬≠ten sich gleich¬≠zei¬≠tig um die Ablen¬≠kungs¬≠an¬≠grif¬≠fe auf das Bata¬≠clan und die Caf√©s k√ľm¬≠mern m√ľs¬≠sen und w√§ren der Lage ver¬≠mut¬≠lich nicht mehr Herr gewor¬≠den. Ein furcht¬≠erre¬≠gen¬≠des, blu¬≠ti¬≠ges Spek¬≠ta¬≠kel, das sogar den 11. Sep¬≠tem¬≠ber in den Schat¬≠ten gestellt h√§t¬≠te. Die Hel¬≠den des Abends waren die Sicher¬≠heits¬≠leu¬≠te, die den Angrei¬≠fern den Ein¬≠tritt ins Sta¬≠di¬≠on verwehrten.

Wer¬≠den sol¬≠che Hel¬≠den immer recht¬≠zei¬≠tig zur Stel¬≠le sein? Die Dschi¬≠ha¬≠dis wer¬≠den nicht ruhen, bis sie einen neu¬≠en Ver¬≠such unter¬≠nom¬≠men haben, um die Schar¬≠te aus¬≠zu¬≠wet¬≠zen, und ‚Äď mit Ver¬≠laub ‚Äď wei¬≠ter im Caf√© sit¬≠zen und auf Kon¬≠zer¬≠te gehen, um die √úber¬≠le¬≠gen¬≠heit unse¬≠rer Lebens¬≠art zu demons¬≠trie¬≠ren, wird das Pro¬≠blem nicht l√∂sen. Aber was statt¬≠des¬≠sen? Wie sol¬≠len wir reagie¬≠ren? Sicher auch nicht durch das Ent¬≠sen¬≠den von Flug¬≠zeug¬≠tr√§¬≠gern und wei¬≠te¬≠ren Trup¬≠pen. Das ver¬≠su¬≠chen die Ame¬≠ri¬≠ka¬≠ner jetzt seit 14 Jah¬≠ren, und letzt¬≠end¬≠lich hat es sich als v√∂l¬≠li¬≠ge Plei¬≠te erwie¬≠sen. Die Tali¬≠ban ste¬≠hen wie¬≠der vor Kun¬≠dus, der Zusam¬≠men¬≠bruch des Zwei¬≠strom¬≠lands hat den Isla¬≠mis¬≠ten sogar einen eige¬≠nen ‚ÄěStaat‚Äú beschert. Kraft erzeugt Gegen¬≠kraft, und genau das will der IS ja. Wenn man das Pro¬≠blem auf die¬≠se Wei¬≠se l√∂sen will, m√ľss¬≠te man ‚Äď wie der CIA-Kil¬≠ler Quinn in der neu¬≠en Staf¬≠fel von Home¬≠land so pr√§¬≠gnant bemerkt ‚Äď bereit sein, 200.000 Mann Boden¬≠trup¬≠pen f√ľr zwan¬≠zig Jah¬≠re vor Ort sta¬≠tio¬≠nie¬≠ren und in den von ihnen gesch√ľtz¬≠ten Zonen eben¬≠so vie¬≠le Leh¬≠rer und Sozi¬≠al¬≠ar¬≠bei¬≠ter wir¬≠ken las¬≠sen, um eine anst√§n¬≠dig funk¬≠tio¬≠nie¬≠ren¬≠de Gesell¬≠schaft auf¬≠zu¬≠bau¬≠en. Und selbst dann w√ľss¬≠te man nicht, ob es klappt und ob da nicht noch ande¬≠re, fun¬≠da¬≠men¬≠ta¬≠le¬≠re Kr√§f¬≠te am Werk sind (aber davon ein ande¬≠res Mal mehr).

Statt¬≠des¬≠sen die Waf¬≠fen nie¬≠der¬≠le¬≠gen und hof¬≠fen, dass unser ‚Äěfreund¬≠li¬≠ches Gesicht‚Äú den gan¬≠zen Nahen Osten ansteckt? Dass unse¬≠re Hilfs¬≠be¬≠reit¬≠schaft die Angrei¬≠fer lang¬≠fris¬≠tig dazu brin¬≠gen wird, ihre Aggres¬≠si¬≠on ein¬≠zu¬≠stel¬≠len und sich in den Koope¬≠ra¬≠ti¬≠ons¬≠mo¬≠dus zu bege¬≠ben? Ich wei√ü nicht, was Ange¬≠la Mer¬≠kels Stra¬≠te¬≠gie ist, aber wenn sie eine hat, ist es ver¬≠mut¬≠lich die¬≠se. Und grund¬≠s√§tz¬≠lich w√§re das viel¬≠leicht sogar eine ganz gute Idee, aber in der jet¬≠zi¬≠gen Lage und als Ant¬≠wort auf eine kon¬≠kre¬≠te, kurz¬≠fris¬≠ti¬≠ge Bedro¬≠hung ‚Ķ? Die Fl√ľcht¬≠lin¬≠ge kom¬≠men mit gro¬≠√üen Hoff¬≠nun¬≠gen zu uns, aber aller Wahr¬≠schein¬≠lich¬≠keit nach wird ein Gro√ü¬≠teil von ihnen mona¬≠te¬≠lang in Turn¬≠hal¬≠len und Zelt¬≠st√§d¬≠ten leben m√ľs¬≠sen, bevor eine v√∂l¬≠lig √ľber¬≠for¬≠der¬≠te Ver¬≠wal¬≠tung auch nur den Beginn ihres Asyl¬≠ver¬≠fah¬≠rens in Gang gesetzt hat. Nach allem, was man so h√∂rt und liest, wer¬≠den sie auch mit¬≠tel¬≠fris¬≠tig eher Pro¬≠ble¬≠me haben, in den deut¬≠schen Arbeits¬≠markt zu kom¬≠men, und der eine oder ande¬≠re wird ins Gr√ľ¬≠beln kom¬≠men, war¬≠um er eigent¬≠lich nicht in sei¬≠nem Zelt in der T√ľr¬≠kei geblie¬≠ben ist, wenn es ihm hier auch nicht bes¬≠ser geht. Ich sehe da ein gro¬≠√ües Poten¬≠zi¬≠al an Unzu¬≠frie¬≠den¬≠heit, und das wird die Sicher¬≠heits¬≠la¬≠ge nicht verbessern.

Au√üer¬≠dem hal¬≠te ich es f√ľr abwe¬≠gig, die K√§mp¬≠fer des IS in der momen¬≠ta¬≠nen Lage durch Freund¬≠lich¬≠keit auf¬≠hal¬≠ten zu wol¬≠len. Sie sind nur ein paar ver¬≠wirr¬≠te Jungs, wie gesagt, aber manch¬≠mal ist die Ver¬≠wir¬≠rung zu stark, um noch mit Wor¬≠ten oder Ver¬≠nunft etwas bewe¬≠gen zu k√∂n¬≠nen. Nicht anders als bei unse¬≠ren ver¬≠wirr¬≠ten Vor¬≠fah¬≠ren zwi¬≠schen 1933 und 1945. Ich bin nicht f√ľr einen Feld¬≠zug gegen den IS, aber ich bin auch kein Pazi¬≠fist. Und ich bin froh, dass Gro√ü¬≠bri¬≠tan¬≠ni¬≠en, die USA und die Sowjet¬≠uni¬≠on im 2. Welt¬≠krieg nicht von Pazi¬≠fis¬≠ten regiert wurden.

Ohne einen gewis¬≠sen Grad an Wehr¬≠haf¬≠tig¬≠keit wird es nicht gehen. Und ich kann mir nicht vor¬≠stel¬≠len, dass wir unter den gegen¬≠w√§r¬≠ti¬≠gen Umst√§n¬≠den unse¬≠re Poli¬≠tik der offe¬≠nen Gren¬≠zen auf ewig fort¬≠set¬≠zen k√∂n¬≠nen. Ja, das bedeu¬≠tet das Ende von Schen¬≠gen. Eine schwer zu schlu¬≠cken¬≠de Kr√∂¬≠te, gera¬≠de f√ľr einen Gro√ü¬≠teil der West¬≠deut¬≠schen, der seit den 1950ern davon tr√§umt, sei¬≠ne natio¬≠na¬≠le Iden¬≠ti¬≠t√§t auf¬≠zu¬≠ge¬≠ben und in einem irgend¬≠wie gear¬≠te¬≠ten √ľber¬≠staat¬≠li¬≠chen ‚ÄěEuro¬≠pa‚Äú auf¬≠zu¬≠ge¬≠hen. Das mag damals sogar mach¬≠bar gewe¬≠sen sein, aber inzwi¬≠schen ist die Euro¬≠p√§i¬≠sche Uni¬≠on nach diver¬≠sen Erwei¬≠te¬≠rungs¬≠run¬≠den, dem auf hal¬≠bem Weg ste¬≠cken¬≠ge¬≠blie¬≠be¬≠nen Eini¬≠gungs¬≠pro¬≠zess und dem Vaban¬≠que-Spiel der Euro-Ein¬≠f√ľh¬≠rung zu einem hilf¬≠los tau¬≠meln¬≠den Fran¬≠ken¬≠stein-Mons¬≠ter gewor¬≠den, das nie¬≠man¬≠den mehr zum Tr√§u¬≠men bringt. Und gera¬≠de die ost¬≠eu¬≠ro¬≠p√§i¬≠schen Mit¬≠glieds¬≠staa¬≠ten, die ja mit dem Epo¬≠chen¬≠wech¬≠sel 1989/90 √ľber¬≠haupt erst zu einer Ein¬≠heit von Staat und Nati¬≠on gefun¬≠den haben, haben die¬≠se Tr√§u¬≠me ohne¬≠hin nie geteilt und wer¬≠den sie auf abseh¬≠ba¬≠re Zeit auch nicht teilen.

Wenn das Kapi¬≠tal kei¬≠ne Gren¬≠zen kennt, darf es auch f√ľr Men¬≠schen kei¬≠ne Gren¬≠zen geben, so oder √§hn¬≠lich argu¬≠men¬≠tiert Mer¬≠kel. Aber es ist ja gera¬≠de die Gren¬≠zen¬≠lo¬≠sig¬≠keit des Kapi¬≠tals, die 2007/8 aus einer begrenz¬≠ten ame¬≠ri¬≠ka¬≠ni¬≠schen Immo¬≠bi¬≠li¬≠en¬≠kri¬≠se ein welt¬≠wei¬≠tes Desas¬≠ter gemacht hat, es scheint mir also kei¬≠ne gute Idee zu sein, die¬≠sel¬≠ben Dumm¬≠hei¬≠ten jetzt auf ande¬≠ren Gebie¬≠ten zu wie¬≠der¬≠ho¬≠len. Es gibt kei¬≠ne wirk¬≠lich funk¬≠tio¬≠nie¬≠ren¬≠den √ľber¬≠staat¬≠li¬≠chen Ein¬≠rich¬≠tun¬≠gen, die sol¬≠che kri¬≠sen¬≠haf¬≠ten Ent¬≠wick¬≠lun¬≠gen wirk¬≠sam ein¬≠d√§m¬≠men k√∂n¬≠nen, und rea¬≠lis¬≠tisch betrach¬≠tet wird es auch in n√§he¬≠rer Zukunft kei¬≠ne geben. Der wich¬≠tigs¬≠te Hand¬≠lungs¬≠rah¬≠men von Poli¬≠tik und sozia¬≠ler Steue¬≠rung ist und bleibt der Nationalstaat.

Ja, man muss den Fl√ľcht¬≠lin¬≠gen hel¬≠fen. Nicht nur den Fl√ľcht¬≠lin¬≠gen, allen Men¬≠schen, die durch Krieg ihre Hei¬≠mat ver¬≠lo¬≠ren haben und von reli¬≠gi√∂¬≠sen Fana¬≠ti¬≠kern bedroht wer¬≠den. Ich will jetzt nicht im Detail die Ver¬≠s√§um¬≠nis¬≠se wie¬≠der¬≠ho¬≠len, die ande¬≠re aus¬≠f√ľhr¬≠lich beschrie¬≠ben haben, aber es w√§re sicher hilf¬≠reich, wenn zum Bei¬≠spiel die Leu¬≠te in den Fl√ľcht¬≠lings¬≠la¬≠gern in der T√ľr¬≠kei und im Liba¬≠non nicht hun¬≠gern m√ľss¬≠ten, weil der Wes¬≠ten und die Golf¬≠staa¬≠ten ver¬≠s√§umt haben, der UN bereits zuge¬≠sag¬≠te Hilfs¬≠gel¬≠der zu √ľber¬≠wei¬≠sen. Es w√§re noch hilf¬≠rei¬≠cher, den¬≠je¬≠ni¬≠gen, deren Leben und Gesund¬≠heit nicht unmit¬≠tel¬≠bar bedroht sind, klar¬≠zu¬≠ma¬≠chen, dass sie sich gar nicht erst auf den Weg machen brau¬≠chen. Und am hilf¬≠reichs¬≠ten w√§re es, end¬≠lich ein Gesetz zu beschlie¬≠√üen, dass die Fra¬≠ge der Ein¬≠wan¬≠de¬≠rung auf eine klar defi¬≠nier¬≠te Grund¬≠la¬≠ge stellt, anstatt sich vom Augen¬≠blick mit¬≠rei¬≠√üen zu las¬≠sen und aufs Bes¬≠te zu hoffen.

Auf kei¬≠nen Fall kann es eine L√∂sung sein, die eige¬≠ne Staat¬≠lich¬≠keit auf¬≠zu¬≠ge¬≠ben und eine Situa¬≠ti¬≠on zuzu¬≠las¬≠sen, die am Ende auch den Fl√ľcht¬≠lin¬≠gen (die ja gera¬≠de des¬≠we¬≠gen hier¬≠her¬≠kom¬≠men, weil sie Sicher¬≠heit und Sta¬≠bi¬≠li¬≠t√§t suchen) gef√§hr¬≠lich wer¬≠den kann. Ich habe kei¬≠ne Patent¬≠l√∂¬≠sun¬≠gen. Wir m√ľs¬≠sen vor¬≠sich¬≠tig sein und bei jedem Schritt pr√ľ¬≠fen, was zu tun ist. Aber wir gehen gera¬≠de sozu¬≠sa¬≠gen jeden Tag unbe¬≠glei¬≠tet in die Fave¬≠la und zie¬≠hen dabei unse¬≠ren bes¬≠ten Anzug an, und das durch Stra¬≠√üen, die auf kei¬≠ner Kar¬≠te ver¬≠zeich¬≠net sind. Das ist nicht nur gef√§hr¬≠lich, es ist abso¬≠lut verantwortungslos.