Mit der nahe¬≠lie¬≠gends¬≠ten Ant¬≠wort kann ich (zum Gl√ľck) nicht die¬≠nen: Ich muss kein Fami¬≠li¬≠en¬≠trau¬≠ma auf¬≠ar¬≠bei¬≠ten, weil einer mei¬≠ner Gro√ü¬≠el¬≠tern bei der SS oder sonst wie als T√§ter am Holo¬≠caust betei¬≠ligt war. Mei¬≠ne Vor¬≠fah¬≠ren sowohl v√§ter¬≠li¬≠cher- als auch m√ľt¬≠ter¬≠li¬≠cher¬≠seits waren, soweit ich das noch fest¬≠stel¬≠len kann, stock¬≠kon¬≠ser¬≠va¬≠ti¬≠ve, ein¬≠fa¬≠che Land¬≠leu¬≠te, die auch in den Jah¬≠ren des ‚ÄěDrit¬≠ten Rei¬≠ches‚Äú hart¬≠n√§¬≠ckig an st√§n¬≠disch gepr√§g¬≠ten Gesell¬≠schafts¬≠vor¬≠stel¬≠lun¬≠gen fest¬≠hiel¬≠ten, die sich ent¬≠we¬≠der in der Ver¬≠eh¬≠rung des Hohen¬≠zol¬≠lern¬≠hau¬≠ses oder im Ein¬≠ste¬≠hen f√ľr die ‚ÄěWel¬≠fen¬≠par¬≠tei‚Äú aus¬≠dr√ľck¬≠ten (mei¬≠ne Mut¬≠ter wur¬≠de in Hin¬≠ter¬≠pom¬≠mern, mein Vater in der dama¬≠li¬≠gen preu¬≠√üi¬≠schen Pro¬≠vinz Han¬≠no¬≠ver gebo¬≠ren). Leh¬≠manns Eltern, die nicht an Hit¬≠lers Geburts¬≠tag eine Ker¬≠ze ent¬≠z√ľn¬≠de¬≠ten wie der Rest des Dor¬≠fes, son¬≠dern am Ehren¬≠tag Wil¬≠helms II. ‚Äď das sind mei¬≠ne Gro√ü¬≠el¬≠tern. ‚ÄěEs muss doch auch gro¬≠√üe Leu¬≠te auf der Welt geben‚Äú, pfleg¬≠te mein Pom¬≠mern-Gro√ü¬≠va¬≠ter zu sagen, ‚Äědamit auch die klei¬≠nen Leu¬≠te Arbeit haben.‚Äú

Sol¬≠che Ansich¬≠ten wir¬≠ken heu¬≠te eini¬≠ger¬≠ma¬≠√üen befremd¬≠lich, und Wider¬≠stands¬≠k√§mp¬≠fer sind trotz aller Reser¬≠viert¬≠heit den Nazis gegen¬≠√ľber nicht aus ihnen gewor¬≠den, aber nie¬≠mand von ihnen ist in die Par¬≠tei ein¬≠ge¬≠tre¬≠ten, um Kar¬≠rie¬≠re zu machen, nie¬≠mand war bei der SA und hat Syn¬≠ago¬≠gen ange¬≠z√ľn¬≠det, nie¬≠mand hat sich frei¬≠wil¬≠lig zur Waf¬≠fen-SS gemel¬≠det oder als Toten¬≠kopf-Sol¬≠dat Kon¬≠zen¬≠tra¬≠ti¬≠ons¬≠la¬≠ger bewacht. Mein Pom¬≠mern-Gro√ü¬≠va¬≠ter, der schon im Ers¬≠ten Welt¬≠krieg Sol¬≠dat gewe¬≠sen war und um den Zwei¬≠ten gera¬≠de so her¬≠um¬≠kam, soll sei¬≠nem Sohn, als der in den Krieg muss¬≠te, gera¬≠ten haben, nur immer den Kopf unten und sich von den ‚ÄěFana¬≠ti¬≠schen‚Äú fern zu hal¬≠ten ‚Äď eine Emp¬≠feh¬≠lung, an die sich mein Onkel hielt, bis ihm noch kurz vor Schluss auf dem R√ľck¬≠zug ein Gra¬≠n¬≠at¬≠tref¬≠fer den Arm weg¬≠riss und zum Kriegs¬≠in¬≠va¬≠li¬≠den mach¬≠te. Mein Nie¬≠der¬≠sach¬≠sen-Gro√ü¬≠va¬≠ter wur¬≠de, bei¬≠na¬≠he 40-J√§h¬≠rig, als ein¬≠fa¬≠cher Sol¬≠dat zur Luft¬≠waf¬≠fe ein¬≠ge¬≠zo¬≠gen und bewach¬≠te die Flug¬≠h√§¬≠fen, von denen aus Kre¬≠ta erobert wur¬≠de, aber wegen einer begin¬≠nen¬≠den Lun¬≠gen¬≠krank¬≠heit konn¬≠te er nicht mit dem Rest sei¬≠ner Ein¬≠heit nach Afri¬≠ka wei¬≠ter¬≠zie¬≠hen und ver¬≠brach¬≠te den Gro√ü¬≠teil sei¬≠ner Mili¬≠t√§r¬≠zeit damit, auf der grie¬≠chi¬≠schen Insel und in Ita¬≠li¬≠en Feld¬≠post aus¬≠zu¬≠tra¬≠gen. Als der Krieg sich sei¬≠nem Ende n√§her¬≠te, geriet er unter das Kom¬≠man¬≠do eines klu¬≠gen Offi¬≠ziers, der sich sei¬≠ne eige¬≠nen Marsch¬≠be¬≠feh¬≠le aus¬≠stell¬≠te und mit einer klei¬≠nen Grup¬≠pe von Sol¬≠da¬≠ten von einer Ecke der umk√§mpf¬≠ten ‚ÄěFes¬≠tung Deutsch¬≠land‚Äú in die ande¬≠re fuhr und Kampf¬≠hand¬≠lun¬≠gen ver¬≠mied, bis sich im April 1945 alle den Eng¬≠l√§n¬≠dern ergaben.

Wenn Sie das an den bra¬≠ven Sol¬≠da¬≠ten Schwe¬≠jk erin¬≠nert ‚Äď bit¬≠te sehr. Ich stam¬≠me, um ehr¬≠lich zu sein, lie¬≠ber von Schwe¬≠jk ab als von all¬≠zu schnei¬≠di¬≠gen Rit¬≠ter¬≠kreuz¬≠tr√§¬≠gern und Ober¬≠sturm¬≠bann¬≠f√ľh¬≠rern. Was das Gift noch alles ange¬≠rich¬≠tet h√§t¬≠te, das mei¬≠nen Eltern √ľber die Jah¬≠re in Schu¬≠le, HJ und BdM ein¬≠ge¬≠tr√§u¬≠felt wur¬≠de, kann ich nicht sagen. Im Mai 1945 waren sie bei¬≠de 15 und haben das Ende des Krie¬≠ges ganz sicher nicht als ‚ÄěBefrei¬≠ung‚Äú emp¬≠fun¬≠den, aber in jedem Fall waren sie zu jung, um sich irgend¬≠wie schul¬≠dig gemacht zu haben.

M√∂g¬≠li¬≠cher¬≠wei¬≠se erlau¬≠ben mir die¬≠se beson¬≠de¬≠ren Fami¬≠li¬≠en¬≠um¬≠st√§n¬≠de sogar, mich dem The¬≠ma unbe¬≠fan¬≠ge¬≠ner zu n√§hern. Aber wie bin ich damit in Ber√ľh¬≠rung gekom¬≠men? Eigent¬≠lich begann alles mit mei¬≠nem alten Freund Luis. Er ist Spa¬≠ni¬≠er, und irgend¬≠wie gerie¬≠ten wir an einem sch√∂¬≠nen Som¬≠mer¬≠abend vor etli¬≠chen Jah¬≠ren in ein Gespr√§ch √ľber die an Gewalt und Grau¬≠sam¬≠keit so √ľber¬≠aus rei¬≠che Geschich¬≠te unse¬≠rer bei¬≠den L√§n¬≠der. Nat√ľr¬≠lich kamen die Sho¬≠ah und der Spa¬≠ni¬≠sche B√ľr¬≠ger¬≠krieg zur Spra¬≠che, und da stell¬≠te er mir dann die¬≠se Fra¬≠ge: Ja, die Repu¬≠bli¬≠ka¬≠ner haben Non¬≠nen abge¬≠schlach¬≠tet und die Land¬≠g√ľ¬≠ter von Fran¬≠co-Anh√§n¬≠gern ange¬≠z√ľn¬≠det. Das kann man nicht ent¬≠schul¬≠di¬≠gen, aber es ist nach der jahr¬≠hun¬≠der¬≠te¬≠lan¬≠gen Unter¬≠dr√ľ¬≠ckung des spa¬≠ni¬≠schen Vol¬≠kes durch Kle¬≠rus und Ober¬≠schicht doch wenigs¬≠tens erkl√§r¬≠bar. Hier hat¬≠te sich eine unge¬≠heu¬≠re Men¬≠ge an Hass ange¬≠staut, die jeder¬≠zeit zum Aus¬≠bruch kom¬≠men konn¬≠te. Was zum Teu¬≠fel aber brach¬≠te einen zu einer Son¬≠der¬≠ein¬≠heit abkom¬≠man¬≠dier¬≠ten deut¬≠schen Poli¬≠zis¬≠ten dazu, 1942 irgend¬≠wo fern im Osten in der Ukrai¬≠ne sein Gewehr zu erhe¬≠ben und ohne Skru¬≠pel unbe¬≠waff¬≠ne¬≠te und wehr¬≠lo¬≠se Men¬≠schen zu erschie¬≠√üen, Grei¬≠se, Frau¬≠en, Kin¬≠der dar¬≠un¬≠ter, die weder ihm noch sei¬≠nen Vor¬≠fah¬≠ren jemals irgend¬≠ein Leid ange¬≠tan hat¬≠ten? War die Nazi-Pro¬≠pa¬≠gan¬≠da wirk¬≠lich so wir¬≠kungs¬≠voll, dass er die¬≠se armen, abge¬≠ris¬≠se¬≠nen Schtetl-Bewoh¬≠ner f√ľr die Speer¬≠spit¬≠ze der Wei¬≠sen von Zion hal¬≠ten muss¬≠te, die danach trach¬≠te¬≠ten, dem deut¬≠schen Volk das Blut auszusaugen?

Ich woll¬≠te zu einer Ant¬≠wort anset¬≠zen, stell¬≠te aber ver¬≠bl√ľfft fest, dass ich kei¬≠ne hat¬≠te. In der Schu¬≠le und in B√ľchern, die ich gele¬≠sen hat¬≠te, war in die¬≠sem Zusam¬≠men¬≠hang viel vom preu¬≠√üi¬≠schen Unter¬≠ta¬≠nen¬≠geist die Rede gewe¬≠sen, von Ador¬≠no, Freud, Fromm, auto¬≠ri¬≠t√§¬≠rem Cha¬≠rak¬≠ter, unter¬≠dr√ľck¬≠ter Sexua¬≠li¬≠t√§t und nar¬≠ziss¬≠tisch gest√∂r¬≠ten Per¬≠s√∂n¬≠lich¬≠kei¬≠ten. Und nat√ľr¬≠lich hat¬≠te es die Nazi-Pro¬≠pa¬≠gan¬≠da gege¬≠ben, den V√∂l¬≠ki¬≠schen Beob¬≠ach¬≠ter, den St√ľr¬≠mer, den Rund¬≠funk, die ideo¬≠lo¬≠gi¬≠sche Schu¬≠lung in allen m√∂g¬≠li¬≠chen Orga¬≠ni¬≠sa¬≠tio¬≠nen. Aber kauft man sich eine Fla¬≠sche Zucker¬≠brau¬≠se, blo√ü weil man dau¬≠ernd einen ent¬≠spre¬≠chen¬≠den Wer¬≠be¬≠spot im Radio h√∂rt, und sei es auch zehn Mal am Tag? Und reicht das alles wirk¬≠lich, um die T√∂tungs¬≠hem¬≠mung au√üer Kraft zu set¬≠zen, die zum Mord an wehr¬≠lo¬≠sen Men¬≠schen nun ein¬≠mal √ľber¬≠wun¬≠den wer¬≠den muss?

Dar¬≠√ľber hin¬≠aus wis¬≠sen wir inzwi¬≠schen von vie¬≠len Men¬≠schen, die allem Anschein nach deut¬≠sche Bil¬≠der¬≠buch¬≠spie¬≠√üer waren, aber trotz¬≠dem im ent¬≠schei¬≠den¬≠den Moment auf die Stim¬≠me ihres Gewis¬≠sens h√∂r¬≠ten und sich in Gefahr brach¬≠ten, um Ver¬≠folg¬≠ten zu hel¬≠fen: der kon¬≠ser¬≠va¬≠ti¬≠ve Bau¬≠er Hein¬≠rich Asch¬≠off etwa, das NSdAP-Mit¬≠glied Wilm Hosen¬≠feld, sogar Albert, der Bru¬≠der Her¬≠mann G√∂rings. Was trieb sie an? Was trieb, um ein weni¬≠ger dra¬≠ma¬≠ti¬≠sches Bei¬≠spiel aus mei¬≠ner eige¬≠nen Fami¬≠lie zu nen¬≠nen, mei¬≠ne preu¬≠√üisch-k√∂nigs¬≠treue Gro√ü¬≠mutter an, als sie mei¬≠ne damals drei¬≠zehn¬≠j√§h¬≠ri¬≠ge Mut¬≠ter mit¬≠ten in der Nacht mit dem Fahr¬≠rad ins Nach¬≠bar¬≠dorf schick¬≠te, die ukrai¬≠ni¬≠sche Zwangs¬≠ar¬≠bei¬≠te¬≠rin vom Nach¬≠bar¬≠hof auf dem Gep√§ck¬≠tr√§¬≠ger, die ent¬≠ge¬≠gen allen Vor¬≠schrif¬≠ten ihre dort¬≠hin ver¬≠schlepp¬≠te Cou¬≠si¬≠ne besu¬≠chen soll¬≠te? Wahr¬≠schein¬≠lich ganz ein¬≠fach Mit¬≠leid im Ange¬≠sicht des lei¬≠den¬≠den Mit¬≠men¬≠schen. Nicht mehr ‚Äď nicht weniger.

Aber war¬≠um fehl¬≠te die¬≠ses Mit¬≠leid den T√§tern? War¬≠um hoben sie ihre Hand gegen ihren Bru¬≠der, obwohl ihre christ¬≠li¬≠che Erzie¬≠hung und jedes Anstands¬≠ge¬≠f√ľhl ihnen sagen muss¬≠te, dass dies ein Ver¬≠bre¬≠chen war? Obwohl kein jahr¬≠hun¬≠der¬≠te¬≠al¬≠ter Hass sie dazu ver¬≠lei¬≠ten konn¬≠te? Die Fra¬≠ge ist nicht tri¬≠vi¬≠al. Man muss nicht zu den ‚ÄěAnti-Deut¬≠schen‚Äú geh√∂¬≠ren, um zu sp√ľ¬≠ren, dass eine naiv-begeis¬≠ter¬≠te Iden¬≠ti¬≠fi¬≠zie¬≠rung mit unse¬≠rem natio¬≠na¬≠len Kol¬≠lek¬≠tiv wie in ande¬≠ren L√§n¬≠dern nicht m√∂g¬≠lich ist ‚Äď es gibt ein Kel¬≠ler¬≠ge¬≠schoss, in das man ungern hin¬≠ab¬≠steigt, weil dort Mil¬≠lio¬≠nen von Toten auf einen war¬≠ten, auch wenn es viel¬≠leicht nicht direkt die eige¬≠nen Vor¬≠fah¬≠ren waren, die sie umge¬≠bracht haben. Es geht also, wenn man so will, auch um eine Art Identit√§tsfindung.

Ich bin stol¬≠zer Inha¬≠ber eines Uni¬≠ver¬≠si¬≠t√§ts¬≠ab¬≠schlus¬≠ses in Geschich¬≠te, also durch¬≠w√ľhl¬≠te ich jede Men¬≠ge fach¬≠wis¬≠sen¬≠schaft¬≠li¬≠che Auf¬≠s√§t¬≠ze und B√ľcher, schlie√ü¬≠lich die damals viel¬≠dis¬≠ku¬≠tier¬≠ten Wer¬≠ke von Chris¬≠to¬≠pher Brow¬≠ning und Dani¬≠el Gold¬≠ha¬≠gen, Ganz nor¬≠ma¬≠le M√§n¬≠ner und Hit¬≠lers wil¬≠li¬≠ge Voll¬≠stre¬≠cker. W√§h¬≠rend die meis¬≠ten His¬≠to¬≠ri¬≠ker und Sozio¬≠lo¬≠gen die Fra¬≠ge nach den Ursa¬≠chen des Holo¬≠caust auf einer recht abs¬≠trak¬≠ten Ebe¬≠ne behan¬≠deln (‚ÄěAus¬≠wuchs der Moder¬≠ne‚Äú, ‚Äěkumu¬≠la¬≠ti¬≠ve Radi¬≠ka¬≠li¬≠sie¬≠rung‚Äú, ‚ÄěVer¬≠wal¬≠tungs¬≠mord‚Äú usw.) und damit f√ľr die Beant¬≠wor¬≠tung der Fra¬≠ge mei¬≠nes Freun¬≠des Luis wenig Erhel¬≠len¬≠des bei¬≠zu¬≠tra¬≠gen haben, gehen Brow¬≠ning und Gold¬≠ha¬≠gen ‚Äď wie auch inzwi¬≠schen eini¬≠ge wei¬≠te¬≠re His¬≠to¬≠ri¬≠ker ‚Äď direkt auf die Ebe¬≠ne der T√§ter, in bei¬≠den F√§l¬≠len das Reser¬≠ve-Poli¬≠zei¬≠ba¬≠tail¬≠lon 101 und des¬≠sen Mord¬≠ak¬≠tio¬≠nen im pol¬≠ni¬≠schen Gene¬≠ral¬≠gou¬≠ver¬≠ne¬≠ment im Som¬≠mer 1942. W√§h¬≠rend Brow¬≠ning Grup¬≠pen¬≠zw√§n¬≠ge und eine Kul¬≠tur des mili¬≠t√§¬≠ri¬≠schen Gehor¬≠sams am Werk sieht und durch Her¬≠an¬≠zie¬≠hung des Mil¬≠gram-Expe¬≠ri¬≠ments nahe¬≠legt, dass unter den dar¬≠ge¬≠stell¬≠ten Bedin¬≠gun¬≠gen so gut wie jeder zum M√∂r¬≠der wer¬≠den k√∂nn¬≠te, meint Gold¬≠ha¬≠gen einen ‚Äěeli¬≠mi¬≠na¬≠to¬≠ri¬≠schen Anti¬≠se¬≠mi¬≠tis¬≠mus‚Äú zu erken¬≠nen, der seit dem sp√§¬≠ten 19. Jahr¬≠hun¬≠dert das Den¬≠ken fast der gesam¬≠ten deut¬≠schen Bev√∂l¬≠ke¬≠rung beherrscht habe und nun im Rah¬≠men der Sho¬≠ah in die Tat umge¬≠setzt wor¬≠den sei.

Hier ist nicht der Ort, um den His¬≠to¬≠ri¬≠ker¬≠streit der sp√§¬≠ten 1990er nach¬≠zu¬≠zeich¬≠nen, der sich im Anschluss an die Ver¬≠√∂f¬≠fent¬≠li¬≠chung von Gold¬≠ha¬≠gens Buch ent¬≠spann. Sagen wir ein¬≠fach, dass mich weder die eine noch die ande¬≠re Posi¬≠ti¬≠on v√∂l¬≠lig √ľber¬≠zeu¬≠gen konn¬≠te. Nat√ľr¬≠lich, Grup¬≠pen¬≠zw√§n¬≠ge und in der mili¬≠t√§¬≠ri¬≠schen Aus¬≠bil¬≠dung ein¬≠ge¬≠√ľb¬≠ter Gehor¬≠sam m√ľs¬≠sen eine Rol¬≠le gespielt haben, das wei√ü jeder, der selbst bei den Sol¬≠da¬≠ten war, und sei es nur die Mischung aus Pfad¬≠fin¬≠der¬≠la¬≠ger und Irren¬≠haus, die ich selbst Mit¬≠te der 1980er bei der Bun¬≠des¬≠wehr ken¬≠nen¬≠ler¬≠nen durf¬≠te. Und an Juden¬≠feind¬≠schaft herrsch¬≠te in Deutsch¬≠land his¬≠to¬≠risch gese¬≠hen nun wahr¬≠lich kein Man¬≠gel, vom Bau¬≠ern, der dem j√ľdi¬≠schen Vieh¬≠h√§nd¬≠ler sei¬≠nen Gesch√§fts¬≠sinn nei¬≠de¬≠te, √ľber den Pfar¬≠rer, der den Juden ihren ‚Äěfei¬≠gen Mord‚Äú an Jesus Chris¬≠tus nicht ver¬≠ge¬≠ben konn¬≠te, bis hin zum Medi¬≠zi¬≠ner, der ras¬≠sen¬≠bio¬≠lo¬≠gi¬≠schen Phan¬≠tas¬≠te¬≠rei¬≠en anhing. Aber reicht das schon? Die meis¬≠ten Poli¬≠zis¬≠ten mor¬≠de¬≠ten selbst dann, wenn ihre Vor¬≠ge¬≠setz¬≠ten ihnen die Teil¬≠nah¬≠me an den Erschie¬≠√üun¬≠gen frei¬≠ge¬≠stellt hat¬≠ten. Das scheint gegen Brow¬≠ning und f√ľr Gold¬≠ha¬≠gen zu spre¬≠chen. Aber ver¬≠birgt sich hin¬≠ter jeder Ableh¬≠nung von Min¬≠der¬≠hei¬≠ten auch gleich der unbe¬≠ding¬≠te Wunsch, deren Ange¬≠h√∂¬≠ri¬≠ge aus¬≠zu¬≠rot¬≠ten? Wie h√§t¬≠te ein der¬≠art tief¬≠sit¬≠zen¬≠der Hass sich nicht l√§ngst Bahn gebro¬≠chen oder wenigs¬≠tens im All¬≠tags¬≠le¬≠ben durch Juden¬≠po¬≠gro¬≠me schon in den Jahr¬≠zehn¬≠ten zuvor ge√§u¬≠√üert, gera¬≠de in der Kri¬≠sen¬≠zeit der Wei¬≠ma¬≠rer Republik?

Irgend¬≠et¬≠was fehl¬≠te, ich wuss¬≠te nur nicht was. Ich wuss¬≠te aber, dass ich die Fra¬≠ge nicht auf dem Weg einer his¬≠to¬≠ri¬≠schen Stu¬≠die beant¬≠wor¬≠ten konn¬≠te. Die Geschichts¬≠wis¬≠sen¬≠schaft tut sich ‚Äď aus gutem Grund ‚Äď schwer mit der Ana¬≠ly¬≠se von psy¬≠cho¬≠lo¬≠gi¬≠schen Tat¬≠be¬≠st√§n¬≠den in der Ver¬≠gan¬≠gen¬≠heit, schlie√ü¬≠lich kann man Ver¬≠stor¬≠be¬≠ne nicht auf die Couch legen, um ihre unbe¬≠wuss¬≠ten Regun¬≠gen zu erfor¬≠schen. Aber ohne irgend¬≠ei¬≠ne Art von Ein¬≠blick in den Geist der Men¬≠schen, die da am Werk waren, kommt man in die¬≠sem Fall √ľber All¬≠ge¬≠mein¬≠pl√§t¬≠ze und Abs¬≠trak¬≠tio¬≠nen nicht hin¬≠aus. Einen sol¬≠chen Ein¬≠blick kann viel¬≠leicht eine fik¬≠ti¬≠ve Erz√§h¬≠lung bieten.

Ich leb¬≠te damals in M√ľn¬≠chen und war mit einem Film¬≠pro¬≠jekt besch√§f¬≠tigt, bei dem es um ver¬≠schw√∂¬≠re¬≠ri¬≠sche Dun¬≠kel¬≠m√§n¬≠ner im Ter¬≠ro¬≠ris¬≠mus- und Geheim¬≠dienst¬≠mi¬≠lieu der 1980er geht. Aus heu¬≠ti¬≠ger Sicht, ich muss es mal zuge¬≠ben, ein ziem¬≠li¬≠cher Schmar¬≠ren, aber im Ver¬≠lauf der Recher¬≠che woll¬≠te ich die Glaub¬≠w√ľr¬≠dig¬≠keit einer Quel¬≠le √ľber¬≠pr√ľ¬≠fen und stie√ü dabei zuf√§l¬≠lig auf einen Mord, der im Fr√ľh¬≠jahr 1948 in M√ľn¬≠chen gesche¬≠hen war, aber nie auf¬≠ge¬≠kl√§rt wur¬≠de: Eine stark ver¬≠st√ľm¬≠mel¬≠te Frau¬≠en¬≠lei¬≠che in einem Bag¬≠ger¬≠see neben der Auto¬≠bahn. Ver¬≠d√§ch¬≠ti¬≠ge aus den Krei¬≠sen der Dis¬≠pla¬≠ced Per¬≠sons, j√ľdi¬≠scher √úber¬≠le¬≠ben¬≠der der Kon¬≠zen¬≠tra¬≠ti¬≠ons¬≠la¬≠ger, die damals zu zehn¬≠tau¬≠sen¬≠den in S√ľd¬≠bay¬≠ern leb¬≠ten. Ein Poli¬≠zei¬≠korps, das sich zu wesent¬≠li¬≠chen Tei¬≠len aus ‚ÄěAlten Kame¬≠ra¬≠den‚Äú zusam¬≠men¬≠setz¬≠te. Die wil¬≠de Gesetz¬≠lo¬≠sig¬≠keit der Tr√ľm¬≠mer¬≠zeit, gleich¬≠zei¬≠tig inmit¬≠ten der Rui¬≠nen die ers¬≠ten zar¬≠ten Regun¬≠gen der klein¬≠b√ľr¬≠ger¬≠li¬≠chen Spie¬≠√ü¬≠er¬≠welt West¬≠deutsch¬≠lands, die √ľber all die¬≠se Fra¬≠gen f√ľr die n√§chs¬≠ten Jahr¬≠zehn¬≠te einen dich¬≠ten Man¬≠tel des Schwei¬≠gens legen w√ľrde.

Das war die Geburts¬≠stun¬≠de von Fritz Leh¬≠mann und ‚ÄěWolfs¬≠stadt‚Äú.

 

 

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Die Shoah in der Ukraine
M√ľnchen, Fr√ľhjahr 1948