Bernd Ohm

Autorenblog

Kategorie: Medien (Seite 1 von 2)

In dubio pro Carrie Mathison

Zurzeit befinden wir uns wieder im Binge-Viewing-Modus – die sechste Staffel von »Homeland« ist komplett abrufbereit, und wir konnten einfach nicht widerstehen. Nachdem der Ausflug nach Berlin in Staffel 5 ein wenig an den Haaren herbeigezogen schien (allein dieser seltsame »Philanthrop Otto Düring« …), hat man dieses Mal die weise Entscheidung getroffen, nicht schon wieder einen islamistischen Anschlag auf die freie Welt verhindern zu müssen. Stattdessen geht es – ganz in der Tradition des Politthrillers der 1970er – um ein Komplott des »Deep State« gegen die eigene Regierung, die mit unartigen Dingen wie Truppenabzug aus dem Nahen Osten und Reorganisation der Geheimdienste droht. Wer also Filme wie »Die drei Tage des Condors«, »Zeuge einer Verschwörung« oder »Die Unbestechlichen« mag, kommt hier voll auf seine Kosten.

Wir haben vor Jahren mal versucht, etwas Ähnliches für deutsche Verhältnisse auf die Beine zu stellen, aber im Nachhinein muss ich leider sagen, dass das Ergebnis in künstlerischer Hinsicht doch recht stark gegen die amerikanischen Vorbilder abfällt. Ganz abgesehen davon, dass die Reste des angeblichen »RAF-Phantoms« natürlich in Wirklichkeit irgendwo hier in Nordwestdeutschland herumschwirren und einen Geldtransporter nach dem anderen überfallen …

Update 22. Mai: Nachdem wir jetzt durch sind, muss ich meinen Hut noch tiefer ziehen: ein Komplott des »Deep State« gegen die eigene Regierung – und am Ende hat der »Deep State« auch noch Recht gehabt. Das muss man erstmal hinkriegen …!

»Paterson«: Ausflug ins letzte Jahrtausend

Eigentlich war alles wie immer. Die verschrobenen Figuren ohne jede Vorgeschichte. Die sanfte Blödheit irgendeines Krähwinkels, in dem trotz aller Gottverlassenheit Kunst und Poesie aufscheinen. Die Gaga-Dialoge (ein Japaner setzt sich neben einen heimlich als Dichter tätigen Busfahrer und fragt ihn aus blauem Himmel heraus, ob er vielleicht Dichter sei). Die maximal zwei Gesichtsausdrücke des Hauptdarstellers (der allerdings schon in Episode VII nicht durch sonderlich komplexes Minenspiel auffiel). Die schwarzen Hipster aus Brooklyn, die sich aus einem frühen Spike-Lee-Film nach New Jersey verirrt haben. Die Lakonie hoch zehn. Die liebevoll zur Schau gestellten kleinen Peinlichkeiten des Alltags. Die Feier der Idiosynkrasie.

In den Achtzigern, als wir alle in unserer eigenen kleinen Welt lebten, war Jim Jarmusch mit diesem Stil auf der Höhe der Zeit. Kein großes Drama, keine Welthaltigkeit, keine Politik. Stattdessen diese typische Punk-Haltung, die gesamte Geistes- und Kulturgeschichte erst mal auf einen großen Müllhaufen zu werfen, um sich dann hier und da völlig zusammenhanglose Einzelstücke herauszupicken, die man in poetischer Zärtlichkeit hütet wie einen unendlich wertvollen Schatz (in Paterson die Gedichte William Carlos Williams‘). Dazu ein Lied von Tom Waits, der allerdings dieses Mal fehlte.

Ich habe diese Filme geliebt damals. Als Night on Earth lief, bin ich selbst Taxi gefahren und hätte sofort eine Episode beisteuern können. Es war, als hätte jemand mein Leben gespiegelt. Ich konnte jahrelang Roberto Benignis »Very difficult to catch rabbit«-Szene aus Down by Law nachspielen. Aus Begeisterung wurde selbst Idiosynkrasie.

Heute sehe ich Jarmuschs neuesten Film und werde schmerzhaft daran erinnert, wie weit entfernt das alles ist. Die Welt lässt sich nicht mehr ignorieren, das große Drama ist längst zurück auf der Bühne, und die Umstände verlangen nach Entscheidungen, von denen man vor dreißig Jahren nicht im Geringsten erwartete, sie einmal treffen zu müssen. Es passt nicht mehr.

Ich weiß nicht einmal, ob das schlecht ist. Man lebt schon sehr privilegiert, wenn man sich in seine Nische verkriechen kann, ohne dafür irgendeinen Preis zahlen zu müssen. Und Permanent Vacation ist wahrscheinlich eher eine Drohung als ein Glücksversprechen.

Allerdings muss ich zugeben, dass die Gedichte sehr schön waren.

Ciao bella

Was man beim Recherchieren so alles findet – Unterschiede bei der Aneignung der anglo-amerikanischen Popkultur Anfang der 1960er in Italien und Deutschland beispielsweise. Südlich des Brenners integrierte man Musik und Film relativ entspannt in die einheimische Lebensweise, und nicht nur Adriano Celentano sprang leichtfüßig vom Rock’n’Roll zur traditionellen Italo-Schnulze, ohne sich dabei ein Bein zu verrenken (er war aber auch wirklich extrem gelenkig):

Auch die Hochkultur zeigte dem Neuen nicht die kalte Schulter. Der damals immerhin schon fünfzigjährige Avantgarde-Filmregisseur Michelangelo Antonioni beispielsweise legte locker einen von Mina gesungenen Twist-Kracher über die Eingangstitel seines 1962er-Beziehungsdramas L’eclisse, zu dem er auch noch – so jedenfalls die italienische Wikipedia – selbst den Text geschrieben und es geschafft hatte, darin das Wort »Radioaktivität« unterzubringen. Man muss den Regisseur nicht mögen (für Freunde minutenlanger Einstellungen mit gut gekleideten, von abstrakter Kunst und moderner Architektur umrahmten Oberschichts-Italienern, die keine Worte für ihr übergroßes Leiden an der Welt finden, ist er allerdings ein absolutes Muss), der Umgang mit der Musik nötigt jedenfalls einigen Respekt ab. Das ist ungefähr so, als ob Bernhard Wicki mit Ted Herold oder Conny Froboess zusammengearbeitet hätte … Weiterlesen

Ein Hauch Bürgerkrieg

Ich wollte vorgestern eigentlich nur auf der Leipziger Buchmesse meinen Verleger treffen und vorher ein wenig schauen, was die Konkurrenz so treibt. Stattdessen geriet ich zufällig in einen Tumult, der sich um den Messestand des Compact-Magazins herum entfaltete. So um die zweihundert Leute reckten Fäuste und Transparente in die Höhe und brüllten lautstark Parolen gegen die Anwesenheit der Zeitschrift auf der Buchmesse. Die Atmosphäre war aggressiv aufgeladen und schien kurz vor der Explosion zu stehen, was noch durch die Anwesenheit breitschultriger Security-Leute an den Ecken des burgartigen Messestands verstärkt wurde. Gott sei Dank passierte nichts Schlimmes (bzw. war es schon passiert).

Ich habe diese Zeitschrift noch nie gelesen, und nach allem, was ich über die dort verbreiteten Inhalte gehört habe, wird es auch weiterhin bei dieser Nichtbekanntschaft bleiben. Aber – solange von den Redakteuren nichts strafrechtlich Relevantes getan oder verlangt wird, haben diese Leute Gott verdammt nochmal das Recht, ihre Meinung zu sagen! Was ist mit der Freiheit los, die doch angeblich immer jene des Andersdenkenden sein soll? Was wäre, wenn im Gegenzug ein paar Skinheads den Messestand der taz stürmen? Andere niederzubrüllen, weil einem ihre Ansichten nicht gefallen, ändert weder die Ansichten, noch wird es irgendjemanden dazu bringen, diese nicht mehr zu teilen. (Die Leipziger Volkszeitung behauptet, hier habe es eine »Spontandemo« von Messebesuchern gegeben – wer bringt denn bitteschön »spontan« Plakate und Transparente zur Buchmesse mit…?)

Am Vorabend hatten meine Gastgeber mir von den Straßenkämpfen erzählt, die sich im letzten Dezember in der Leipziger Südvorstadt abgespielt hatten, wo sie leben. Vor ihrer Haustür türmten Autonome Mülltonnen zu Barrikaden auf und steckten sie in Brand, später wurden Bankautomaten – Symbole des bösen Kapitalismus – zerstört und eine Bushaltestelle zerschlagen. (Ich hoffe, die Jungs haben vorher noch Geld gezogen, um am nächsten Tag einkaufen gehen zu können.) Anlass des Ganzen war offenbar eine eher kleine Neonazi-Demo, die mit ihrem Aufmarsch die Linken provozieren wollten.

Wo soll das eigentlich hinführen? Auf der einen Seite Pegida und die Glatzen, auf der anderen der Schwarze Block und das Kommando Norbert Blüm? Wohin Weimar geführt hat, wissen wir doch wohl.

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