Autorenblog

Kategorie: Medien (Seite 1 von 3)

Vom Segen des Feindes

Von Syd Field bis Robert McKee ver¬≠s√§umt es kei¬≠ner der bekann¬≠ten Dreh¬≠buch-Gurus, auf die Wich¬≠tig¬≠keit des Ant¬≠ago¬≠nis¬≠ten hin¬≠zu¬≠wei¬≠sen, wenn es um die dra¬≠ma¬≠ti¬≠sche Form einer Geschich¬≠te geht. Die¬≠ser Gegen¬≠spie¬≠ler der Haupt¬≠fi¬≠gur ist das Haupt¬≠hin¬≠der¬≠nis auf deren Weg zum dra¬≠ma¬≠ti¬≠schen Ziel, der Kata¬≠ly¬≠sa¬≠tor, um neue Erkennt¬≠nis¬≠se zu erlan¬≠gen, und die trei¬≠ben¬≠de Kraft, von der die ent¬≠schei¬≠den¬≠den Ereig¬≠nis¬≠se des Plots in Gang gesetzt wer¬≠den. Jedem Har¬≠ry Pot¬≠ter sein Lord Vol¬≠de¬≠mort, jeder Ripley ihr Ali¬≠en, jedem J. J. Git¬≠tes sein Noah Cross. Ohne Ant¬≠ago¬≠nist ist eine Geschich¬≠te kei¬≠ne Geschich¬≠te, son¬≠dern nur eine belie¬≠bi¬≠ge Anein¬≠an¬≠der¬≠rei¬≠hung von Gege¬≠ben¬≠hei¬≠ten und Vor¬≠komm¬≠nis¬≠sen. Dabei muss die¬≠ses dra¬≠ma¬≠ti¬≠sche Grund¬≠prin¬≠zip nicht unbe¬≠dingt von einer Per¬≠son ver¬≠k√∂r¬≠pert wer¬≠den ‚Äď es kann auch ein abge¬≠spal¬≠te¬≠ner Teil der Per¬≠s√∂n¬≠lich¬≠keit sein wie Tyler Durden in Fight Club, eine tota¬≠li¬≠t√§¬≠re Ideo¬≠lo¬≠gie wie in 1984 oder gar ein gan¬≠zer Pla¬≠net wie in Der Marsia¬≠ner.

Was pas¬≠sie¬≠ren kann, wenn ein zen¬≠tra¬≠ler und √ľber¬≠zeu¬≠gen¬≠der Ant¬≠ago¬≠nist fehlt, l√§sst sich bei¬≠spiel¬≠haft in der drit¬≠ten Staf¬≠fel der Serie Baby¬≠lon Ber¬≠lin ver¬≠fol¬≠gen, die gera¬≠de in der ARD-Media¬≠thek ver¬≠f√ľg¬≠bar ist. Ich war ja schon von den ers¬≠ten bei¬≠den Staf¬≠feln nur so halb √ľber¬≠zeugt, aber im Nach¬≠hin¬≠ein wird mir bewusst, wie sehr der wun¬≠der¬≠ba¬≠re Peter Kurth als ¬ĽOber¬≠kom¬≠mis¬≠sar Bru¬≠no Wol¬≠ter¬ę den Laden sei¬≠ner¬≠zeit zusam¬≠men¬≠ge¬≠hal¬≠ten hat. Er war der Haupt¬≠geg¬≠ner des stets etwas t√§pp¬≠si¬≠gen Gere¬≠on Rath, er hat¬≠te die F√§den in jeder Hin¬≠sicht in der Hand, und er konn¬≠te so schnell vom Kom¬≠man¬≠do¬≠ton in ver¬≠schla¬≠ge¬≠ne Leut¬≠se¬≠lig¬≠keit wech¬≠seln, dass es dem Zuschau¬≠er kalt den R√ľcken her¬≠un¬≠ter¬≠lief. Ein Pracht¬≠ex¬≠em¬≠plar von einem Antagonisten!

Lei¬≠der starb Bru¬≠no Wol¬≠ter am Ende der 2. Staf¬≠fel (in einem, mit Ver¬≠laub, doch etwas Bruce-Wil¬≠lis-haf¬≠ti¬≠gen Fina¬≠le), und man hat es nicht ver¬≠stan¬≠den, in den neu¬≠en Fol¬≠gen f√ľr ad√§qua¬≠ten Ersatz zu sor¬≠gen. Statt¬≠des¬≠sen pr√§¬≠sen¬≠tiert man uns den durch¬≠ge¬≠knall¬≠ten Lei¬≠ter des poli¬≠zei¬≠li¬≠chen Erken¬≠nungs¬≠diens¬≠tes (der bei sei¬≠nen fr√ľ¬≠he¬≠ren Auf¬≠trit¬≠ten in der Serie auf¬≠f√§l¬≠lig wenig Durch¬≠ge¬≠knallt¬≠heit erken¬≠nen lie√ü), einen natio¬≠na¬≠lis¬≠ti¬≠schen Intri¬≠gan¬≠ten, der genau¬≠so h√∂l¬≠zern agier¬≠te wie in den ers¬≠ten bei¬≠den Staf¬≠feln, sowie einen farb¬≠lo¬≠sen unga¬≠ri¬≠schen Gau¬≠ner, der noch eine Rech¬≠nung mit dem ¬ĽArme¬≠ni¬≠er¬ę offen hat¬≠te. Der Plot f√§llt dadurch v√∂l¬≠lig aus¬≠ein¬≠an¬≠der, und man hat den Ein¬≠druck, einer Kol¬≠lek¬≠ti¬≠on zusam¬≠men¬≠hang¬≠lo¬≠ser, aber gewollt hoch¬≠dra¬≠ma¬≠ti¬≠scher Sze¬≠nen bei¬≠zu¬≠woh¬≠nen, die alle aus ganz unter¬≠schied¬≠li¬≠chen Fil¬≠men stam¬≠men: in einem davon wird die Poli¬≠zei von einem Psy¬≠cho¬≠pa¬≠then in den eige¬≠nen Rei¬≠hen genarrt, im zwei¬≠ten k√§mpft ein inte¬≠grer Beam¬≠ter gegen eine per¬≠fi¬≠de poli¬≠ti¬≠sche Ver¬≠schw√∂¬≠rung an, und im drit¬≠ten wird das ewi¬≠ge Lied vom Bru¬≠der¬≠zwist im Gano¬≠ven¬≠mil¬≠lieu gesungen.

Dies ist nat√ľr¬≠lich teil¬≠wei¬≠se der ¬Ľhori¬≠zon¬≠ta¬≠len¬ę Erz√§hl¬≠wei¬≠se geschul¬≠det, aber in den ers¬≠ten bei¬≠den Staf¬≠feln wur¬≠den die ver¬≠schie¬≠de¬≠nen Hand¬≠lungs¬≠str√§n¬≠ge noch wie erw√§hnt von der ¬ĽBru¬≠no Wolter¬ę-Figur zusam¬≠men¬≠ge¬≠hal¬≠ten; hier gibt es nichts der¬≠glei¬≠chen. Dadurch tre¬≠ten die vie¬≠len klei¬≠nen Schwach¬≠stel¬≠len der Pro¬≠duk¬≠ti¬≠on um so deut¬≠li¬≠cher her¬≠vor: die an Selbst¬≠par¬≠odie gren¬≠zen¬≠den bedeu¬≠tungs¬≠schwan¬≠ge¬≠ren Dia¬≠lo¬≠ge, der alber¬≠ne Ver¬≠such, der treu¬≠deut¬≠schen Welt der Ring¬≠ver¬≠ei¬≠ne ein knall¬≠har¬≠tes Chi¬≠ca¬≠go-Image zu ver¬≠pas¬≠sen, die ner¬≠vi¬≠gen Osti¬≠na¬≠ti der Film¬≠mu¬≠sik, die eher an das Post¬≠punk-Kreuz¬≠berg der 1980er als an die Gol¬≠de¬≠nen Zwan¬≠zi¬≠ger erin¬≠nert, die Ein¬≠falls¬≠lo¬≠sig¬≠keit des Plots (schon wie¬≠der eine natio¬≠na¬≠lis¬≠ti¬≠sche Ver¬≠schw√∂¬≠rung ‚Ķ!), die voy¬≠eu¬≠ris¬≠ti¬≠sche Lust der Kame¬≠ra am Ekel. Sogar einen Ste¬≠phen-King-Moment der ¬ĽKri¬≠mi¬≠nal-Tele¬≠pa¬≠thie¬ę muss¬≠te man ertragen.

Immer¬≠hin ist die deut¬≠sche Pres¬≠ti¬≠ge-Serie nicht die ein¬≠zi¬≠ge Pro¬≠duk¬≠ti¬≠on, die nach dem Able¬≠ben des Haupt-Wider¬≠sa¬≠chers ihren Schwung ver¬≠lo¬≠ren hat. Schon The Wire krankt nach dem Sieg √ľber die Barks¬≠da¬≠le-Ban¬≠de am Ende der 3. Staf¬≠fel dar¬≠an, dass die Erz√§h¬≠lung sich zer¬≠fa¬≠sert und immer neue B√∂se¬≠wich¬≠te aus dem Hut gezau¬≠bert wer¬≠den, die aber nie wie¬≠der das For¬≠mat von Avon Barks¬≠da¬≠le und Strin¬≠ger Bell errei¬≠chen. Glei¬≠ches gilt f√ľr Home¬≠land nach dem Ende Bro¬≠dys am Bau¬≠kran in Tehe¬≠ran und Sher¬≠lock nach dem Ver¬≠schwin¬≠den Moriar¬≠tys. Wor¬≠aus man m√∂g¬≠li¬≠cher¬≠wei¬≠se die Erkennt¬≠nis mit¬≠neh¬≠men soll¬≠te, dass auch ein hori¬≠zon¬≠ta¬≠ler Plot, der sich √ľber meh¬≠re¬≠re Epi¬≠so¬≠den oder Staf¬≠feln einer Serie hin¬≠zieht, irgend¬≠wann ein¬≠mal aus¬≠er¬≠z√§hlt ist. N√§m¬≠lich genau dann, wenn der Ant¬≠ago¬≠nist besiegt ist.

Ideale und was daraus werden kann

Ges­tern mit den Kin­dern Iron Sky geschaut. Ihnen hat er durch­aus gefal­len, ich hin­ge­gen fin­de wei­ter­hin, dass Götz Otto nicht gera­de ein gro­ßer Schau­spie­ler ist, den Wit­zen Timing und Tem­po fehlt, und die Leu­te unpas­sen­der­wei­se alle Eng­lisch reden wie in einem ame­ri­ka­ni­schen College-Wohnheim.

Sei‚Äôs drum. Wenn Regis¬≠seur Timo Vuo¬≠ren¬≠so¬≠la auch nicht gera¬≠de der n√§chs¬≠te Bil¬≠ly Wil¬≠der oder David Zucker ist, so hat er doch eine Sze¬≠ne ins Dreh¬≠buch geschrie¬≠ben, die einem mehr √ľber den his¬≠to¬≠ri¬≠schen Natio¬≠nal¬≠so¬≠zia¬≠lis¬≠mus ver¬≠r√§t als so man¬≠che lang¬≠at¬≠mi¬≠ge Geschichts-Doku. Es han¬≠delt sich um Rena¬≠te Rich¬≠ters nai¬≠ve klei¬≠ne Anspra¬≠che im B√ľro der US-Pr√§¬≠si¬≠den¬≠tin, in der sie die Idea¬≠le der Mond-Nazis vorstellt.

Die Wor­te sind ein biss­chen unbe­hol­fen (wie der gan­ze Film), aber es lohnt sich durch­aus, sie hier wiederzugeben:

It‚Äôs very simp¬≠le: the world is sick ‚Äď but we are the doc¬≠tors. The world is ana¬≠emic ‚Äď but we are the vit¬≠amins. The world is wea¬≠ry ‚Äď but we are the strength. We are here to make the world healt¬≠hy once again. With hard work. With hones¬≠ty. With cla¬≠ri¬≠ty. With decen¬≠cy. We are the pro¬≠duct of loving mothers and bra¬≠ve fathers. We are the embo¬≠di¬≠ment of love and bra¬≠very. We are the gift of both God and sci¬≠ence. We are the ans¬≠wer to the ques¬≠ti¬≠on. We are the pro¬≠mi¬≠se deli¬≠ve¬≠r¬≠ed to all mankind.

Die deut­sche Syn­chro­ni­sa­ti­on scheint mir nicht sehr prä­zi­se, von daher rasch eine eige­ne Übersetzung:

Es ist sehr ein¬≠fach. Die Welt ist krank ‚Äď aber wir sind die Hei¬≠ler. Die Welt ist blut¬≠leer ‚Äď aber wir sind der Vit¬≠am¬≠in¬≠sto√ü. Die Welt ist m√ľde ‚Äď aber wir sind die Kraft. Wir sind gekom¬≠men, um die Welt wie¬≠der gesund zu machen. Mit har¬≠ter Arbeit. Mit Auf¬≠rich¬≠tig¬≠keit. Mit Klar¬≠heit. Mit Anstand. Wir sind das Pro¬≠dukt lie¬≠be¬≠vol¬≠ler M√ľt¬≠ter und tap¬≠fe¬≠rer V√§ter. Wir sind die Ver¬≠k√∂r¬≠pe¬≠rung von Lie¬≠be und Tap¬≠fer¬≠keit. Wir sind die Gabe sowohl Got¬≠tes als auch der Wis¬≠sen¬≠schaft. Wir sind die Ant¬≠wort auf die Fra¬≠ge. Wir sind das Ver¬≠spre¬≠chen, dass der gesam¬≠ten Mensch¬≠heit gege¬≠ben wurde.

Im Film wird die Rede dann als genia¬≠le PR-Idee ver¬≠kauft, mit der die (Sarah Palin nach¬≠ge¬≠bil¬≠de¬≠te) US-Pr√§¬≠si¬≠den¬≠tin ihre Wie¬≠der¬≠wahl sichern will. Eine umju¬≠bel¬≠te Wahl¬≠kampf¬≠ver¬≠an¬≠stal¬≠tung wird gezeigt. Das poli¬≠ti¬≠sche Sys¬≠tem und die √Ėffent¬≠lich¬≠keit der Ver¬≠ei¬≠nig¬≠ten Staa¬≠ten, das will der Film uns damit sagen, sind anf√§l¬≠lig f√ľr die √úber¬≠nah¬≠me faschis¬≠ti¬≠scher Ideale.

Ange¬≠sichts der bes¬≠tia¬≠li¬≠schen his¬≠to¬≠ri¬≠schen Rea¬≠li¬≠t√§¬≠ten erschei¬≠nen Rena¬≠tes vor Opti¬≠mis¬≠mus spr√ľ¬≠hen¬≠de Wor¬≠te nat√ľr¬≠lich (was wohl beab¬≠sich¬≠tigt ist) als kom¬≠plett gaga. Aber ich glau¬≠be, sie ent¬≠hal¬≠ten eine tie¬≠fe¬≠re Wahr¬≠heit: Wir sind es mitt¬≠ler¬≠wei¬≠le gewohnt, ¬ĽNazis¬ę in Film und Lite¬≠ra¬≠tur als sadis¬≠ti¬≠sche Unmen¬≠schen pr√§¬≠sen¬≠tiert zu bekom¬≠men, deren ein¬≠zi¬≠ge Moti¬≠va¬≠ti¬≠on dar¬≠in zu bestehen scheint, ande¬≠ren Men¬≠schen lust¬≠voll B√∂ses anzu¬≠tun. In der Regel han¬≠delt es sich um sinist¬≠re Typen mit Schmiss auf der Wan¬≠ge und Leder¬≠hand¬≠schu¬≠hen, die ger¬≠ne mal die Pis¬≠to¬≠le z√ľcken und irgend¬≠wen aus einem Impuls her¬≠aus erschie¬≠√üen. Dum¬≠me Skla¬≠ven ihrer eige¬≠nen Macht¬≠geil¬≠heit. Und wenn sie intel¬≠li¬≠gent sind, sind es intel¬≠li¬≠gen¬≠te, char¬≠man¬≠te Sadis¬≠ten wie Chris¬≠toph Waltz‚Äô SS-Stan¬≠dar¬≠ten¬≠f√ľh¬≠rer Landa.

Es soll¬≠te einem klar sein, dass die his¬≠to¬≠ri¬≠schen Nazis sich in die¬≠sem Bild nicht im gerings¬≠ten wie¬≠der¬≠fin¬≠den w√ľr¬≠den. Aus eige¬≠ner Sicht waren sie statt¬≠des¬≠sen auf¬≠op¬≠fe¬≠rungs¬≠be¬≠rei¬≠te Idea¬≠lis¬≠ten, die einen Wan¬≠del zum Bes¬≠se¬≠ren her¬≠bei¬≠f√ľh¬≠ren woll¬≠ten und deren Vor¬≠stel¬≠lun¬≠gen durch¬≠aus zu jenen pas¬≠sen, die Rena¬≠te in ihrer Rede pr√§¬≠sen¬≠tiert. Die Nazis haben die Sho¬≠ah nicht in Gang gesetzt, weil sie unheil¬≠ba¬≠re Sadis¬≠ten oder von nebu¬≠l√∂¬≠sem ¬ĽHass¬ę beherrscht waren, son¬≠dern weil sie die Juden als ¬ĽKrank¬≠heit¬ę betrach¬≠tet haben, die aus¬≠ge¬≠merzt wer¬≠den muss¬≠te, um die Welt zu hei¬≠len. Sie haben sich eben¬≠so wie die Anh√§n¬≠ger von ¬ĽMond¬≠f√ľh¬≠rer Kort¬≠z¬≠fleisch¬ę als Ant¬≠wort auf die m√ľde Deka¬≠denz des B√ľr¬≠ger¬≠tums gese¬≠hen. Auch der Ver¬≠such des Faschis¬≠mus, den Kreis aus archai¬≠schem reli¬≠gi√∂¬≠sen Den¬≠ken und tech¬≠ni¬≠scher Moder¬≠ne ins Qua¬≠drat zu brin¬≠gen, ist in der Phra¬≠se von der ¬ĽGabe sowohl Got¬≠tes als auch der Wis¬≠sen¬≠schaft¬ę pr√§¬≠gnant zusam¬≠men¬≠ge¬≠fasst. Wenn man die¬≠sen Idea¬≠lis¬≠mus nicht ver¬≠steht, ver¬≠steht man weder Himm¬≠lers ber√ľch¬≠tig¬≠te Pose¬≠ner Rede noch den bizar¬≠ren Umstand, dass jah¬≠re¬≠lang Res¬≠sour¬≠cen in einen mili¬≠t√§¬≠risch v√∂l¬≠lig sinn¬≠lo¬≠sen Ver¬≠nich¬≠tungs¬≠ap¬≠pa¬≠rat gesteckt wur¬≠den, obwohl die Wehr¬≠macht an allen Fron¬≠ten in der Defen¬≠si¬≠ve war. Es muss¬≠ten eben Opfer gebracht wer¬≠den ‚Äď und wenn es das eige¬≠ne Volk war.

Das hei√üt nat√ľr¬≠lich um Got¬≠tes Wil¬≠len nicht, dass die¬≠se Idea¬≠le auch nur beden¬≠kens¬≠w√ľr¬≠dig w√§ren (was man in Zei¬≠ten des ¬ĽVogel¬≠schiss¬ę wohl beto¬≠nen muss), aber es soll¬≠te ‚Äď darf ich ¬Ľidea¬≠ler¬≠wei¬≠se¬ę schrei¬≠ben? ‚Äď zu einem gewis¬≠sen Miss¬≠trau¬≠en f√ľh¬≠ren. Es glaubt ja jeder, der mit hei¬≠√üem Her¬≠zen ein Ide¬≠al ver¬≠folgt, dass er h√∂he¬≠ren Wahr¬≠hei¬≠ten ver¬≠pflich¬≠tet ist, mit dem Her¬≠zen immer nur das Rich¬≠ti¬≠ge sieht und Wider¬≠st√§n¬≠de aus¬≠schlie√ü¬≠lich der Dumm¬≠heit der ver¬≠blen¬≠de¬≠ten Mit¬≠men¬≠schen zu ver¬≠dan¬≠ken sind. K√∂nn¬≠te sein. K√∂nn¬≠te aber auch sein, dass man sich genau¬≠so irrt wie damals die brau¬≠ne Ban¬≠de und genau wie bei die¬≠ser irgend¬≠wer hin¬≠ter¬≠her die Tr√ľm¬≠mer weg¬≠r√§u¬≠men muss ‚Ķ

In dubio pro Carrie Mathison

Zur¬≠zeit befin¬≠den wir uns wie¬≠der im Bin¬≠ge-Viewing-Modus ‚Äď die sechs¬≠te Staf¬≠fel von ¬ĽHome¬≠land¬ę ist kom¬≠plett abruf¬≠be¬≠reit, und wir konn¬≠ten ein¬≠fach nicht wider¬≠ste¬≠hen. Nach¬≠dem der Aus¬≠flug nach Ber¬≠lin in Staf¬≠fel 5 ein wenig an den Haa¬≠ren her¬≠bei¬≠ge¬≠zo¬≠gen schien (allein die¬≠ser selt¬≠sa¬≠me ¬ĽPhil¬≠an¬≠throp Otto D√ľring¬ę ‚Ķ), hat man die¬≠ses Mal die wei¬≠se Ent¬≠schei¬≠dung getrof¬≠fen, nicht schon wie¬≠der einen isla¬≠mis¬≠ti¬≠schen Anschlag auf die freie Welt ver¬≠hin¬≠dern zu m√ľs¬≠sen. Statt¬≠des¬≠sen geht es ‚Äď ganz in der Tra¬≠di¬≠ti¬≠on des Polit¬≠thril¬≠lers der 1970er ‚Äď um ein Kom¬≠plott des ¬ĽDeep Sta¬≠te¬ę gegen die eige¬≠ne Regie¬≠rung, die mit unar¬≠ti¬≠gen Din¬≠gen wie Trup¬≠pen¬≠ab¬≠zug aus dem Nahen Osten und Reor¬≠ga¬≠ni¬≠sa¬≠ti¬≠on der Geheim¬≠diens¬≠te droht. Wer also Fil¬≠me wie ¬ĽDie drei Tage des Con¬≠dors¬ę, ¬ĽZeu¬≠ge einer Ver¬≠schw√∂¬≠rung¬ę oder ¬ĽDie Unbe¬≠stech¬≠li¬≠chen¬ę mag, kommt hier voll auf sei¬≠ne Kosten.

Wir haben vor Jah¬≠ren mal ver¬≠sucht, etwas √Ąhn¬≠li¬≠ches f√ľr deut¬≠sche Ver¬≠h√§lt¬≠nis¬≠se auf die Bei¬≠ne zu stel¬≠len, aber im Nach¬≠hin¬≠ein muss ich lei¬≠der sagen, dass das Ergeb¬≠nis in k√ľnst¬≠le¬≠ri¬≠scher Hin¬≠sicht doch recht stark gegen die ame¬≠ri¬≠ka¬≠ni¬≠schen Vor¬≠bil¬≠der abf√§llt. Ganz abge¬≠se¬≠hen davon, dass die Res¬≠te des angeb¬≠li¬≠chen ¬ĽRAF-Phan¬≠toms¬ę nat√ľr¬≠lich in Wirk¬≠lich¬≠keit irgend¬≠wo hier in Nord¬≠west¬≠deutsch¬≠land her¬≠um¬≠schwir¬≠ren und einen Geld¬≠trans¬≠por¬≠ter nach dem ande¬≠ren √ľberfallen ‚Ķ

Update 22. Mai: Nach¬≠dem wir jetzt durch sind, muss ich mei¬≠nen Hut noch tie¬≠fer zie¬≠hen: ein Kom¬≠plott des ¬ĽDeep Sta¬≠te¬ę gegen die eige¬≠ne Regie¬≠rung ‚Äď und am Ende hat der ¬ĽDeep Sta¬≠te¬ę auch noch Recht gehabt. Das muss man erst¬≠mal hinkriegen ‚Ķ!

¬ĽPaterson¬ę: Ausflug ins letzte Jahrtausend

Eigent¬≠lich war alles wie immer. Die ver¬≠schro¬≠be¬≠nen Figu¬≠ren ohne jede Vor¬≠ge¬≠schich¬≠te. Die sanf¬≠te Bl√∂d¬≠heit irgend¬≠ei¬≠nes Kr√§h¬≠win¬≠kels, in dem trotz aller Gott¬≠ver¬≠las¬≠sen¬≠heit Kunst und Poe¬≠sie auf¬≠schei¬≠nen. Die Gaga-Dia¬≠lo¬≠ge (ein Japa¬≠ner setzt sich neben einen heim¬≠lich als Dich¬≠ter t√§ti¬≠gen Bus¬≠fah¬≠rer und fragt ihn aus blau¬≠em Him¬≠mel her¬≠aus, ob er viel¬≠leicht Dich¬≠ter sei). Die maxi¬≠mal zwei Gesichts¬≠aus¬≠dr√ľ¬≠cke des Haupt¬≠dar¬≠stel¬≠lers (der aller¬≠dings schon in Epi¬≠so¬≠de VII nicht durch son¬≠der¬≠lich kom¬≠ple¬≠xes Minen¬≠spiel auf¬≠fiel). Die schwar¬≠zen Hips¬≠ter aus Brook¬≠lyn, die sich aus einem fr√ľ¬≠hen Spike-Lee-Film nach New Jer¬≠sey ver¬≠irrt haben. Die Lako¬≠nie hoch zehn. Die lie¬≠be¬≠voll zur Schau gestell¬≠ten klei¬≠nen Pein¬≠lich¬≠kei¬≠ten des All¬≠tags. Die Fei¬≠er der Idiosynkrasie.

In den Acht¬≠zi¬≠gern, als wir alle in unse¬≠rer eige¬≠nen klei¬≠nen Welt leb¬≠ten, war Jim Jar¬≠musch mit die¬≠sem Stil auf der H√∂he der Zeit. Kein gro¬≠√ües Dra¬≠ma, kei¬≠ne Welt¬≠hal¬≠tig¬≠keit, kei¬≠ne Poli¬≠tik. Statt¬≠des¬≠sen die¬≠se typi¬≠sche Punk-Hal¬≠tung, die gesam¬≠te Geis¬≠tes- und Kul¬≠tur¬≠ge¬≠schich¬≠te erst mal auf einen gro¬≠√üen M√ľll¬≠hau¬≠fen zu wer¬≠fen, um sich dann hier und da v√∂l¬≠lig zusam¬≠men¬≠hang¬≠lo¬≠se Ein¬≠zel¬≠st√ľ¬≠cke her¬≠aus¬≠zu¬≠pi¬≠cken, die man in poe¬≠ti¬≠scher Z√§rt¬≠lich¬≠keit h√ľtet wie einen unend¬≠lich wert¬≠vol¬≠len Schatz (in Pater¬≠son die Gedich¬≠te Wil¬≠liam Car¬≠los Wil¬≠liams‚Äô). Dazu ein Lied von Tom Waits, der aller¬≠dings die¬≠ses Mal fehlte.

Ich habe die¬≠se Fil¬≠me geliebt damals. Als Night on Earth lief, bin ich selbst Taxi gefah¬≠ren und h√§t¬≠te sofort eine Epi¬≠so¬≠de bei¬≠steu¬≠ern k√∂n¬≠nen. Es war, als h√§t¬≠te jemand mein Leben gespie¬≠gelt. Ich konn¬≠te jah¬≠re¬≠lang Rober¬≠to Benig¬≠nis ¬ĽVery dif¬≠fi¬≠cult to catch rabbit¬ę-Szene aus Down by Law nach¬≠spie¬≠len. Aus Begeis¬≠te¬≠rung wur¬≠de selbst Idiosynkrasie.

Heu¬≠te sehe ich Jar¬≠muschs neu¬≠es¬≠ten Film und wer¬≠de schmerz¬≠haft dar¬≠an erin¬≠nert, wie weit ent¬≠fernt das alles ist. Die Welt l√§sst sich nicht mehr igno¬≠rie¬≠ren, das gro¬≠√üe Dra¬≠ma ist l√§ngst zur√ľck auf der B√ľh¬≠ne, und die Umst√§n¬≠de ver¬≠lan¬≠gen nach Ent¬≠schei¬≠dun¬≠gen, von denen man vor drei¬≠√üig Jah¬≠ren nicht im Gerings¬≠ten erwar¬≠te¬≠te, sie ein¬≠mal tref¬≠fen zu m√ľs¬≠sen. Es passt nicht mehr.

Ich wei√ü nicht ein¬≠mal, ob das schlecht ist. Man lebt schon sehr pri¬≠vi¬≠le¬≠giert, wenn man sich in sei¬≠ne Nische ver¬≠krie¬≠chen kann, ohne daf√ľr irgend¬≠ei¬≠nen Preis zah¬≠len zu m√ľs¬≠sen. Und Per¬≠ma¬≠nent Vaca¬≠ti¬≠on ist wahr¬≠schein¬≠lich eher eine Dro¬≠hung als ein Gl√ľcksversprechen.

Aller¬≠dings muss ich zuge¬≠ben, dass die Gedich¬≠te sehr sch√∂n waren.

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