Bernd Ohm

Autorenblog

Kategorie: Politik (Seite 1 von 4)

Greta und die Energiesklaven

Die junge Schwedin hat etwas bewirkt, das muss man ihr lassen. Man weiß nie so recht, ob sie sich das alles selbst ausgedacht hat oder nur ein cleveres PR-Produkt ist, aber immerhin reden wir dank ihrer Aktionen wieder über Dinge, die wichtig sind, anstatt über Trumps Haartolle. Was mich etwas irritiert, ist diese ebenso panische wie folgenlose Hysterie, die um sich greift – plötzlich reden alle aufgeregt vom »Klimanotstand« und trompeten halluzinierende Forderungen wie »Kohleausstieg jetzt!« in die Welt, ohne dass man den Eindruck hat, dass sie sich mit den tieferen Dimensionen des Problems wirklich beschäftigt haben. Und offenbar ohne dass sie für sich selbst Konsequenzen daraus ziehen – freitags für die Future, mittwochs zu Ferienbeginn in den Flieger.

Welche Dimensionen das wären? Man kann sich der Angelegenheit von mehreren Seiten nähern. Eine davon ist das simple Eingeständnis, dass die Erzeugung von Kohlendioxid durch Verheizen fossiler Brennstoffe einen Riesenspaß macht, den Horizont erweitert und zur Persönlichkeitsbildung beiträgt. Bei einen Flug Frankfurt-Rio hin und zurück beispielsweise werden über sechs Tonnen CO2 in die Atmosphäre geblasen (wer’s nachrechnen will: www.klimanko.de), aber die Reise, die ich vor vielen Jahren auf diese Weise gemacht habe, war eine der prägenden Erfahrungen meines Lebens. Ich habe große Teile Brasiliens und auch ein bisschen von Argentinien und Paraguay gesehen, die Wasserfälle von Iguaçu, die Ruinen der Jesuiten-Missionen am Paraná, den Pelourinho von Salvador, den Monster-Verkehrsstau von São Paulo und und und. Ich habe an einem Candomblé-Ritual teilgenommen und in einer República gewohnt. Ich habe jede Menge Brasilianer kennengelernt und – wie schon Jahre zuvor in den Vereinigten Staaten – relativ ernüchtert feststellen müssen, dass man ein Land nicht versteht, bloß weil man seine Populärmusik hört und ein paar seiner Autoren gelesen hat. Und gelernt, dass man in Rio nachts nicht an roten Ampeln hält, weil sonst ein paar üble Burschen mit Maschinenpistolen kommen und einem an Geldbeutel und Leben wollen … Ich wäre nicht derselbe Mensch, wenn ich diese Reise damals nicht gemacht hätte. Aber es bleiben die sechs Tonnen CO2 (die dazugehörigen brasilianischen Inlandsflüge habe ich jetzt geschickt unterschlagen), und es war weiß Gott nicht der einzige Langstreckenflug meines Lebens.

Der Autor als junger Spund vor Grauman’s Chinese Theatre

 Das gleiche gilt natürlich auch für einfachere Vergnügungen wie den spontanen Auto-Ausflug an den Chiemsee, die Fahrt über kurvige Küstenstraßen in Kampanien und den All-American Roadtrip von New York nach Kalifornien. Wie wäre wohl eine Welt, in der solche Freuden verboten oder so teuer wären, dass nur ein paar Reiche das nötige Kleingeld dafür aufbringen könnten? Ein eher trister Ort, nehme ich an, da kann man mir die Vorteile von »Localism« und »Slow-Bewegung« in noch so glühenden Farben ausmalen. Es ist ja kein Wunder, dass die Vorsitzende der bayerischen Grünen gerne über den Jahreswechsel nach San Diego jettet, um dort ein Eis zu löffeln … Diese Scheinheiligkeit kennt man aus zwei Jahrtausenden Christentum zur Genüge, und man darf annehmen, dass die »Klimabewegung« bei ihrem Vorhaben, den Durchschnittsmenschen auf den rechten Pfad der Dekarbonisierung zu bringen, genauso erfolglos sein wird wie dieses, wenn die Sünde doch so schön ist.

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Ein anderer Aspekt des Dilemmas besteht darin, dass fossile Brennstoffe nicht nur Spaß machen, sondern auch Kräfte verleihen, die unsere Vorfahren nur aus Märchen und phantastischen Erzählungen kannten. Siebenmeilenstiefel? EasyJet würde mich nächsten Monat für schlappe 30 Euro in zwei Stunden von Hamburg nach Nizza bringen. Riesen, die Zyklopenmauern auftürmen? Macht heute der Raupenkran LR 13000 mit 3000 Tonnen Tragkraft und 1000 Kilowatt Motorleistung. Feuerspeiende Drachen? Die F-22 Raptor verbreitet ihre tödliche Fracht viel schneller und effizienter.

Das hat einen einfachen Grund: Ein körperlich arbeitender Mensch bringt langfristig eine durchschnittliche physikalische Leistung von allerhöchstens 100 Watt aufs Tapet (Leistungssportler kurzfristig viel mehr, siehe unten das Video). Um täglich eine einzige, müde Kilowattstunde zusammenzubekommen, muss er also schon zwei Überstunden machen. Und die ungefähr drei Kilowattstunden, die an nutzbarer Energie in einem bescheidenen Liter Diesel stecken (bei 30 % Wirkungsgrad des Motors), halten ihn drei bis vier Tage auf Trab. Im Gegensatz dazu setzen wir Geistesarbeiter ein Vielfaches dieser Leistung auf Knopfdruck frei, ohne auch nur darüber nachzudenken. Eben mal kurz den Staubsauger anwerfen? Sechs oder sieben unsichtbare Helfer à 100 Watt saugen mit. Das Gaspedal durchdrücken, um den SUV auf die Überholspur zu bringen? Bei 100 Kilowatt Motorleistung sind es mindestens tausend Mann, die hinten schieben. Und der oben erwähnte LR 13000 setzt eine ganze Kleinstadt an virtuellen Helfern ein, um seine Tonnenlasten zu stemmen.

Diese Überlegungen wurden schon vor Jahrzehnten von dem US-Autor Richard Buckminster Fuller in dem Begriff der »Energiesklaven« zusammengefasst, die jedem für uns ständig zu Diensten sind, um die Vielzahl von Maschinen zu bewegen, deren Arbeit wir unser Märchendasein verdanken. Nach Berechnungen des deutschen Physikers Hans-Peter Dürr arbeiten demnach für jeden Amerikaner 110 solcher unsichtbaren Sklaven, für jeden Europäer immer noch 60. Eine jüngere, etwas detailliertere Rechnung kommt sogar auf eine Truppe von 400 Mann für den durchschnittlichen Franzosen.

Und diese freundlichen, allzeit bereiten Helfer sind spottbillig! Im Gegensatz zu tatsächlichen Sklaven, die viel mehr Energie in Form von Nahrung verbrauchen würden, als sie Arbeit leisten könnten, enthalten fossile Brennstoffe ein Mehrfaches der Energie, die in ihre Gewinnung investiert werden muss. Bei in den USA gefördertem Erdöl liegt dieses auch als »Erntefaktor« oder »EROEI« (Energy Returned on Energy Invested) bezeichnete Verhältnis zwischen 10:1 und 20:1, während deutsche Kohle- oder Gaskraftwerke sogar um die 30:1 bieten. Auch hierfür ist der Grund ganz einfach: Fossile Brennstoffe sind im Grunde nichts weiter als gespeichertes Sonnenlicht, das in Form von toten Tieren und Pflanzen über geologische Zeiträume hinweg im Erdinnern konzentriert wurde, ohne dass irgendjemand etwas dafür tun musste. Es ist, als hätte der Planet für uns mehrere Millionen Jahre lang jedes Jahr die Summe angespart, die man durch ehrliche Arbeit erwirtschaften kann, und dann waren einfach irgendwann mehrere Fantastilliarden auf dem Konto, für deren Gewinnung man nur noch ein paar Löcher in den Boden graben musste. Wir konnten der Versuchung nicht widerstehen und haben konsequenterweise in den letzten Jahrzehnten einen großen Teil dieses unverhofft geerbten Vermögens hemmungslos durchgebracht.

Könnten wir darauf verzichten? Wie denn wohl … Wir alle leben in Umständen, die ohne die jederzeitige Verfügbarkeit von Unmengen billiger Energie nicht denkbar wären. 50 oder 70 Kilometer Arbeitsweg? Kein Problem. Eine Riesen-Gefriertruhe, um nicht so oft einkaufen zu müssen? Kein Problem. Trotzdem ein großes Auto, weil man ja auch mal mit den Kindern und ihren Freunden in den Freizeitpark fahren will? Kein Problem. Der neueste Riesenfernseher aus Korea? Kein Problem. Weintrauben aus Chile? Kein Problem. Die schönen Bodenfliesen aus Italien? Kein Problem. Ein Shopping-Wochenende im Big Apple? Kein Problem. Wir können uns das alles leisten, weil wir selbst Maschinen für uns arbeiten lassen und die Produkte unserer Fabriken in die ganze Welt verkaufen. Alles, was irgendjemand irgendwo mit Hilfe von Maschinen und fossiler Energie herstellt, anbaut oder transportiert, ist so billig, dass kein Erzeugnis von unmittelbarer Menschenhand damit konkurrieren kann. Das klimaneutrale Gemüse, das wir im eigenen Garten ziehen, oder der Pulli aus Wolle von eigenen Schafen sind vielmehr Knochenjobs mit höchstens 100 Watt.

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Nach einem Wort des US-Soziologen William Catton macht uns diese Maschinenwelt mit der hundertfachen Verstärkung unserer Körperkräfte zu Homo colossus, und selbst wenn wir ökologisch korrekt einkaufen, nur noch öffentliche Verkehrsmittel benutzen und das Wohnzimmer mit einheimischem Buchenholz heizen, schaffen wir es damit gerade mal, zu Homo colossus inferior zu schrumpfen. Von echter »Nachhaltigkeit« bleiben wir weit entfernt.

Bleibt also, und das ist die dritte Sichtweise auf das Problem, die Hoffnung, unsere Energiesklaven irgendwie anders als mit fossilen Brennstoffen zu füttern. Um die damit verbundene Herausforderung zu verstehen, ist es nützlich, kurz auf den Kirchturm unseres kleinen, beschaulichen Dorfes zu steigen, der einen guten Blick auf die Umgebung bietet. Wir befinden uns hier in einer weiten, von Schmelzwassern der vorletzten Eiszeit geschaffenen Ebene (für Kenner: ein Teil des Breslau-Magdeburg-Bremer Urstromtals), über der öfter mal ein ganz hübsch steifer Westwind weht. Wie man sich denken kann, hat dieser Umstand die Gegend in den vergangenen zwanzig Jahren für eine bestimmte Art von Bauprojekt interessant gemacht.

Das erste davon sehen wir knapp zwei Kilometer südlich des Dorfes: 12 Windräder eines kleinen Windparks, von denen die jüngsten beiden vom neuesten Typ und so hoch sind, dass sie seit ihrer Errichtung das Dorf optisch erschlagen. In sieben Kilometer Entfernung in Richtung West-Nordwest folgen 22 Windräder des nächsten Windparks, direkt im Westen stehen in zwölf Kilometer Entfernung weitere 8 Anlagen, und mit vier Kilometern wieder näher dran befinden sich ebenfalls 22 Windräder im Nordwesten des Dorfes. Im Norden und Osten existiert aufgrund des Weserlaufs eine gewisse Windradlücke, aber mit 2 Anlagen in Richtung Nordost (2,5 km Entfernung) und 15 Windrädern im Südosten (8–10 km Entfernung) arbeitet man daran, auch diesen Bereich mit einzubeziehen. Bei klarer Sicht kann man sogar noch weiter entfernte größere Windparks ausmachen, aber die kleine Auswahl sollte wohl für einen ersten Eindruck genügen. Demnächst kommen noch eine neue Hochspannungsleitung und ein großes Umspannwerk hinzu, weil der Strom natürlich auch irgendwie dorthin muss, wo er gebraucht wird.

Nur ein paar Windparks

Wie effektiv ist das alles? 2018 kamen den Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen zufolge 35 Prozent des gesamten in Deutschland erzeugten Brutto-Stroms aus erneuerbaren Quellen, davon gut 17 Prozent von Windkraftanlagen und 7 Prozent aus Fotovoltaik. Das klingt zunächst mal ganz gut – allerdings nur, bis einem einfällt, dass Strom nur eine von vielen Energieformen ist. Häuser werden zumeist mit Erdgas oder Heizöl geheizt, Autos fahren mit Benzin oder Diesel, und in der Industrie braucht man neben Strom auch Erdgas und weitere Brennstoffe, um Prozesswärme zu erzeugen und andere Aufgaben zu erledigen. Wenn man alles zusammenzählt, kommt man zu dem deprimierenden Ergebnis, dass laut Bundesministerium für Wirtschaft 2017 (die genauen Daten für 2018 fehlen noch) der Anteil von Wind- und Solarstrom zusammengerechnet beschämend geringe 4 Prozent des Gesamt-Primärenergieverbrauchs betrug, während 80 Prozent weiterhin durch fossile Brennstoffe erzeugt wurden.

Als ich das gelesen habe, musste ich mich erst mal setzen. Der ganze WKA-Wald, der hier um das Dorf herum entstanden ist, die ganzen Solarparks, mit denen man in Süddeutschland noch die letzte Schafweide bebaut hat, und dann ein derart blamables Ergebnis …?!? Und es kommt noch schlimmer: Wenn man, was ja der neueste Plan der Regierung zu sein scheint, das gesamte Land bis 2050 »klimaneutral« machen möchte, müssen die klimawirksamen 80 Prozent entweder abgeschafft oder durch irgendetwas anderes ersetzt werden. Was könnte das sein? Sieben Prozent des Bruttostroms werden mit Hilfe von Biogas erzeugt, ein knappes Prozent der Primärenergie stammt aus Biosprit. Für beide Energieformen zusammen werden allerdings bereits 20 Prozent des deutschen Ackerlands verwendet, sodass nach oben wohl nicht mehr allzu viel Luft ist. Irgendetwas wollen wir ja auch noch essen, und noch mehr Import von Biosprit aus Palmöl könnte das endgültige Ende des tropischen Regenwalds bedeuten … Als nächstes würde einem dementsprechend der einheimische Wald einfallen. Aber hier werden bereits 87 % des jährlich nachwachsenden Rohholzes für andere Zwecke genutzt (Bauholz, Möbel, Brennholz für den Wohnzimmerkamin usw.), es ist also so gut wie überhaupt kein Ausbaupotenzial mehr vorhanden. Zudem ist ein Transport von Holz von vielen verschiedenen Standorten zu einem zentralen Kraftwerk ökonomisch nicht besonders sinnvoll; bereits bei Braunkohle, die einen etwas höheren Heizwert aufweist, werden ja die Kraftwerke möglichst direkt neben den Gruben gebaut, um die Transportkosten zu minimieren. Ebenso wenig darf man auf einen Ausbau der Wasserkraft hoffen: Laut Umwelt-Bundesamt hat auch diese Art der Energieerzeugung ihr Potenzial weitestgehend ausgeschöpft. Und ernsthaft – wollten wir wirklich Rhein, Donau und Elbe durch Staustufen mit Laufwasserkraftwerken so kanalisieren, wie es im 20. Jahrhundert mit der Weser geschehen ist, um den Preis, hinterher ökologisch tote Flüsse zu haben …?

Bleiben Wind und Sonne. Und eine einfache Kopfrechenaufgabe: Wenn momentan 4 Prozent der Primärenergie aus diesen beiden Quellen stammen und weitere 86 Prozent dadurch ersetzt werden sollen (die zusätzlich nötigen 6 Prozent stammen von den stillzulegenden Kernkraftwerken), um welchen Faktor müsste die Zahl der Windräder und Solaranlagen dann steigen …? Wie viele Groß-Stromspeicher und Wasserstoffanlagen bräuchte man, um die Schwankungen von Wind und Sonne auszugleichen? Und wie sähe nachher die Umgebung unseres kleinen, beschaulichen Dorfes aus? Oder besser gesagt, wie sähe dann das ganze Land aus? Man hätte es zerstört, um es zu retten.

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Für einen vierten – und letzten – Aspekt muss ich nochmal auf meine eingangs erwähnten Fernreisen zurückkommen. Einige davon führten mich im Abstand von jeweils mehreren Jahren nach Südostasien, und ich hatte Gelegenheit, vor Ort ein anschauliches Bild davon zu gewinnen, was »wirtschaftliche Entwicklung« bedeuten kann. Ich denke da insbesondere an eine Insel im südchinesischen Meer, die bei Backpackern damals recht beliebt war, weil sie dank des günstigen Wechselkurses auch für kleines Geld ein paradiesisch-tropisches Ferienerlebnis ermöglichte. Bei meinem ersten ersten Besuch, das muss 1993 gewesen sein, kamen wir in einer Stelzenhütte mit Palmblattdach unter, die meiner Erinnerung nach den Gegenwert von ungefähr 5 US-Dollar die Nacht kostete. Auch der Besitzer der Hüttenanlage, ein Thai mit chinesischen Wurzeln, wohnte mit seiner Familie unter ähnlichen Umständen. Eigentlich handelte es sich um einen alten Kokospalmenhain, und er hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Bäume zu fällen, sodass es den ganzen Tag über schön schattig war. Die Rezeption bestand aus einem Fenster mit Klappladen, an dem man auch Bestellungen für das zugehörige Restaurant aufgeben sowie Getränke und Snacks kaufen konnte. Man hatte nicht das Gefühl, dass die Besitzerfamilie sich totarbeitete, und wir Touristen übten uns in Entschleunigung und tropischer Losgelöstheit vom Rummel zu Hause in Europa oder Nordamerika. Was sollte sich an diesem zeitlosen Ort jemals ändern …?

In den 1990ern sehr gemütlich

Wie man sich täuschen kann. Zwei Jahre später waren die Palmen im östlichen Teil des Geländes verschwunden und eine Reihe von weiß verputzten Bungalows an ihre Stelle getreten. Nochmal fünf Jahre später habe ich dort die erste Fassung von Wolfsstadt geschrieben, und jetzt gab es nur noch Bungalows und ein aus Beton errichtetes neues Restaurant direkt am Meer. Der Sohn des Besitzers war erwachsen geworden und hatte eine hübsche Papaya-Verkäuferin geheiratet, die aus dem Norden auf die Insel gekommen war. Er fuhr einen nigelnagelneuen BMW und hatte ziemliches Übergewicht; die Zahl der Palmen war hingegen deutlich zurückgegangen. Ein Jahr später war das Restaurant einer Sturmflut zum Opfer gefallen, wurde aber gerade viel größer und schöner neu errichtet. Und als ich vor kurzem im Internet nachgeschaut habe, was aus der Ecke so geworden ist, musste ich einigermaßen schlucken: Am Ort des gemütlichen Kokospalmenhains mit Stelzenhütten macht sich jetzt ein 5-Sterne-Beach-Resort mit Innenarchitektur und Privatpool-Bungalows breit, in denen eine Übernachtung mehr als hundertmal so viel kostet wie damals.

Die Anlage wird mittlerweile von einem internationalen Hotelkonzern betrieben, aber man macht es sich allzu leicht, wenn man das Geschehen einfach dem bösen westlichen Kapitalismus anlastet: Der jetzige Zustand ist ja nur der logische Endpunkt einer Entwicklung, die bereits unter den einheimischen Besitzern begonnen hat. Die Wahrheit dürfte vielmehr darin bestehen, dass diese Menschen der Versuchung, zu Homo colossus zu werden, ebenso wenig widerstehen können wie wir. Anders ist wohl nicht zu erklären, warum etwa die Regierung von Bangladesch gerade dabei ist, in genau jenem Ganges-Delta, das bei einem Anstieg des Meeresspiegels als erstes überflutet würde, ein riesiges Kohlekraftwerk zu bauen. Oder warum in Indien für die nächsten 15 Jahre der Bau von 100 neuen Flughäfen geplant ist. Oder warum chinesische Touristen mittlerweile ein Fünftel der weltweiten Tourismusausgaben tätigen. Während wir hierzulande über das Abschalten von 45 Gigawatt Kohlestrom streiten, werden weltweit 399 Gigawatt an neuen Kohlekraftwerken gebaut. Wollen wir es den betreffenden Ländern verbieten, weil wir selbst schon so viel CO2 produziert haben …?

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Um es nochmal zusammenzufassen: Homo colossus müsste, um den von ihm verursachten Klimawandel zu stoppen, entweder aufgeben und in die 100-Watt-Welt seiner Vorfahren zurückkehren oder einen neuen Weg finden, seine Maschinen anzutreiben. Momentan sind all unsere Anstrengungen auf das zweite Ziel gerichtet, aber es zeichnet sich schon ab, dass der dabei verfolgte Weg hoffnungslos inadäquat ist. Zudem wird jeder Fortschritt an Dekarbonisierung, der durch den Einsatz regenerativer Energien oder persönlichen Verzicht entsteht, durch den Wunsch der restlichen Welt, möglichst rasch unserem Vorbild zu folgen, wieder zunichte gemacht.

Was also tun? Zunächst mal: Ruhe bewahren. Der Weltuntergang wurde in den letzten Jahrzehnten schon ziemlich oft angekündigt, um dann doch nicht einzutreten. Insbesondere Internetmeldungen des Kalibers »Wenn wir nicht innerhalb von10 Jahren kein CO2 mehr ausstoßen, läuft die globale Erwärmung völlig aus dem Ruder und die Erde ist 2050 unbewohnbar« sind mit äußerster Vorsicht zu genießen. Ob die für die jeweilige Prognose verwendete Modellrechnung wirklich stimmt, werden wir erst in ein paar Jahrzehnten sicher wissen. Trotzdem sollte man natürlich nicht die Hände in den Schoß legen – dass die Prognosen komplett danebenliegen, kann man ebenso wenig beweisen wie ihre hundertprozentige Richtigkeit. Zudem ist es mittel- bis langfristig sinnvoll, sich von den fossilen Brennstoffen zu verabschieden, schließlich werden sie nicht ewig reichen. Dafür hätte ich einen Vorschlag: Wir geben uns alle mal einen Ruck und akzeptieren, dass Flugreisen, große Autos, Kreuzfahrten, Fleischkonsum und überhaupt alle Nicht-Lebensnotwendigkeiten besteuert werden, dass es quietscht (womit ich meine: viel stärker, als es momentan Robert Habeck vorschwebt). Das hat nichts mit Askese zu tun, denn das dadurch eingenommene Geld muss in die Grundlagenforschung gesteckt werden, um neue Quellen billiger, hochkonzentrierter Energie zu erschließen: Kernfusion, hocheffiziente Wasserstoff-Elektrolyseure, was auch immer. Man müsste zwar den Gürtel enger schnallen, hätte aber die Aussicht, dass sich als Belohnung ein neuer Weg auftut, unsere Hightech-Welt anzutreiben. Einer, dem der Rest der Welt dann auch wieder bereitwilliger folgt als unserer chaotischen Wind- und Solarpark-Bauwut. Das wäre es doch wert, oder?

In diesem Zusammenhang ließe sich übrigens erwähnen, dass Kernkraftwerke laut der oben verlinkten Studie einen Erntefaktor von nicht weniger als 75:1 aufweisen, von daher wären die 520 Milliarden Euro, die die Energiewende bis 2025 kosten soll, vielleicht besser dafür ausgegeben worden, diese Technik so weiterzuentwickeln, dass die Anlagen nicht mehr durchgehen können, kein Waffenmaterial produzieren und den bereits angefallenen Atommüll als Brennstoff nutzen können. Nur so meine bescheidene Meinung, aber zumindest kurzzeitig scheint das ja auch Greta aufgefallen zu sein …

Panik auf dem Narrenschiff

Politik ist natürlich auch immer irgendwie Familiendrama: Die CDU spielt dabei die Rolle der etwas altmodischen Eltern, die den Laden zusammenhalten müssen, die SPD ist die streberhafte Tochter mit eigener Familie, die im Management einer gemeinnützigen Organisation arbeitet, die FDP der kinderlose Sohn mit Zahnarztpraxis, und die AfD gibt den peinlichen Onkel, der auf der Konfirmationsfeier zu später Stunde anfängt, im Suff die erste Strophe des Deutschlandlieds zu singen. Die Grünen hingegen sind der ewig jugendliche Rebell, der alle mit seinem kompromisslosen Moralismus und seinen radikalen Ideen nervt. Er hat zwar die anderen dazu gebracht, ihren Müll zu trennen und Biofleisch zu kaufen (selbst die Eltern geben zu, dass es besser schmeckt), aber niemand würde erwarten, dass er irgendwann einmal Familienvorstand wird. Am allerwenigsten er selbst.

In diesem Sinne ist wohl die Beklemmung zu verstehen, die Robert Habeck bei seinen Fernsehinterviews am Sonntagabend nach der Europawahl deutlich anzumerken war. Die Wahlergebnisse legen nahe, dass der Grünen-Kapitän sein »Narrenschiff Utopia« (FJS) demnächst zum Staatsdampfer umtakeln muss und damit vor der unangenehmen Aufgabe steht, all den großen Worten endlich Taten folgen zu lassen. Aber wie soll das gehen? Die Grünen haben vor langer Zeit das Ziel eines fundamentalen Wandels aufgegeben und sich dem Märchen verschrieben, man könne den großen, Ressourcen und Energie verschlingenden Behemoth Industriegesellschaft am Leben erhalten (und ihm gleichzeitig seine suizidale Tendenz nehmen), indem man ihn mit Sonnen- und Windenergie antreibt und mit seinen eigenen Ausscheidungen füttert. In den Worten von weiland Rudolf Bahro: die Brücke der Titanic mit Sonnenblumen schmücken.

Die Wähler lieben diese Geschichte, weil sie ihnen das beruhigende Gefühl verschafft, irgendwie ihren eigenen, ressourcen- und energieverschlingenden Lebensstil (wir sind selbst der Behemoth!) aufrechterhalten zu können, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Irgendjemand wird schon ein Passagierflugzeug bauen, das mit Strom fliegt. Irgendjemand wird Power-to-Fuel so billig machen, dass auch die Unterschichten damit ihre Autos betanken können. Irgendjemand wird ein intelligentes Netz konzipieren, das den Strom bedarfsgerecht verteilt, auch wenn es keine Atom- und Kohlekraftwerke mehr gibt.

Aber Habeck ist nicht dumm. Irgendwo tief in sich drin wird er schon ahnen, dass er auf der Welle eines Schneeballsystems segelt, die in absehbarer Zukunft auf den Strand schlagen wird. Irgendwann wird man merken, dass es wenig Sinn hat, ab und zu mal auf eine Flugreise zu verzichten, wenn gleichzeitig in China dutzende neuer Flughäfen entstehen. Irgendwann wird die monströse Steuerlast dazu führen, dass auch hierzulande die Unterschichten die gelben Westen anziehen, den Knüppel in die Hand nehmen und den bösen Onkel wählen. Irgendwann wird die Bundesregierung zugeben müssen, dass man fossile und Kernkraftwerke gar nicht abschalten kann, ohne einen landesweiten Blackout mit katastrophalen Folgen zu riskieren. Und wer möchte dann schon Kapitän sein …?

Auf der Blutbeeren-Brücke

Ein Lied, das ich gerade dauernd höre, verrät einem wahrscheinlich mehr über die Aussichten, dass wir jemals die »Vereinigten Staaten von Europa« gründen werden, als sämtliche Wahlprogramme zur Europawahl zusammen. Dabei hat es gar nichts mit der EU zu tun, sondern stammt aus einem 2007 erschienenen Konzeptalbum der polnischen Sängerin Aga Zaryan über den Aufstand der »Polnischen Heimatarmee« gegen die deutschen Besatzer im Spätsommer und Herbst 1944. Wer jetzt brechtisch-biermanneske Bedeutungshuberei erwartet, liegt allerdings völlig daneben: Zaryan ist als Jazz-Interpretin weit über die Grenzen ihres Heimatlands hinaus bekannt, die musikalische Umsetzung ist dementsprechend, und der Text ist weder heroisch-patriotisch, noch prangert er in flammenden Farben die apokalyptische Zerstörungswut an, mit der in jenem Jahr Wehrmacht, SS und ihre osteuropäischen Hilfstruppen (von Lehmann in Wolfsstadt immer als »Kosaken oder Kalmücken oder so« verunglimpft) die polnische Hauptstadt überzogen.

Stattdessen wird hier ein Gedicht der außerhalb ihres Heimatlands mehr oder weniger unbekannten Dichterin Krystyna Krahelska vertont, die währen der deutschen Besatzung selbst bei den Partisanen kämpfte, am Warschauer Aufstand als Sanitäterin der Heimatarmee teilnahm und dabei gleich in den ersten Augusttagen ihr Leben lassen musste. Hier eine Ad-hoc-Übersetzung der ersten Strophen:

Ich ging über die Blutbeeren-Brücke
Die Blutbeeren-Brücke schaukelte
Der Wind pfiff ein Lied über das Schilf
Und schrieb mit Federn in das Wasser

Die roten Beeren fielen
Bis auf den Grund des dunklen Wassers
Ich ging über die Blutbeeren-Brücke
Die Blutbeeren-Brücke bog sich nach unten

Ich wollte mich an dich erinnern
Aber du bist mir nicht eingefallen
Da waren Räder auf dem dunklen Wasser
Da war ein Blutbeeren-Herz in mir

Man denkt unwillkürlich an die düstere Welt, in der Andrzej Sapkowskis Romane und The Witcher spielen, und in der Tat ist Kalinowy Most, die »Schneeball-« oder »Blutbeeren-Brücke«, in den altslawischen Märchen und Heldensagen eine Brücke zwischen der Welt der Lebenden und der Toten und der Ort des Kampfes zwischen Gut und Böse. Eine düstere Vorahnung des eigenen Todes liegt in Krahelskas Zeilen ebenso wie die Angst des Soldaten am Abend vor dem Angriff, die Trauer um tote Kameraden und die Schwere des Schicksals, das auf dem Land lastet. Auf deutsche Verhältnisse übertragen: als würde Lisa Bassenge ein Lied über die Münchner Räterepublik singen, in dem die rechtsradikalen Freikorps mit Muspells Söhnen beim Ragnarök verglichen werden.

Ein solches Lied werden wir wohl niemals zu hören bekommen, was schon auf einen gewichtigen Unterschied beim Blick auf die eigene Geschichte und Überlieferung dies- und jenseits der Oder hindeutet: In Polen schämt man sich nicht für seine Vorfahren, man ist stolz drauf, nie das Haupt gebeugt zu haben – selbst wenn keine der zahlreichen Erhebungen zur Zeit der Partitionen oder dann im Kommunismus jemals von Erfolg gekrönt war. Und der souveräne Nationalstaat wird weithin nicht als Quelle allen Übels gesehen, sondern als endlich eingelöstes Versprechen nach einer langen Durststrecke, während derer man unter der Knute der mächtigen Nachbarn stand und nicht einmal einen eigenen Staat vorweisen konnte. Geschweige denn, dass man seine Flagge auf fernen Kontinenten aufgepflanzt oder mit afrikanischen Sklaven gehandelt hätte.

Man sagt ja, dass jedes Land seine eigene Erwartungen an das geeinte Europa hat: Für die Franzosen sei es ein Mittel, ihren eigenen Einfluss in der Welt halbwegs auf dem von früher gewohnten Niveau zu halten, für die Südländer ein Weg zum Reichtum des Nordens, für die Deutschen die Hoffnung, keine Deutschen mehr sein zu müssen, sondern »Europäer«. Für Polen und die anderen kleinen Länder Ostmitteleuropas ist es ein sicherer Hafen, in dem sie vor den Zumutungen des großen östlichen Nachbarn geschützt sind. Aber eben ein Hafen, in dem man anlegen kann; kein Schiffsfriedhof, auf dem man abwracken muss. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich jemals in Bundesstaaten der Vereinigten Staaten von Europa verwandeln werden, ist praktisch null. Was also werden die Pan-Europäer tun, wenn sie ihren Willen nicht bekommen, die Panzer wieder in Bewegung setzen und dort einmarschieren …?

Kleiner Nachtrag: Anna Maria Jopek haut in die gleiche Kerbe …

 

 

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Der Teufel und die Phase Drei

Faust wäre eigentlich der Mann der Stunde. Sein unstillbarer Wissensdurst, seine maßlose Dynamik und Machtgier, seine Sehnsucht nach Rausch und Spiritualität – all das sind zweifellos immer noch wir. Auch einen nicht ganz unbedeutenden Teufelspakt haben wir geschlossen, der uns die wissenschaftliche Revolution, fossile Brennstoffe und tausend unverzichtbare technische Helferlein beschert hat, nun aber langsam darauf zusteuert, dass der Fürst der Finsternis seinen üblichen Lohn einfordert. Nicht ganz zufällig hat Spengler unsere Kultur, die im Spätmittelalter aus der Ursuppe von Alchimie und Entdeckungsfahrten entstand, als »faustisch« bezeichnet.

Was wohl das heutige Theater daraus macht? Ich bin leider nicht so im Thema drin – das letzte positive Bühnenerlebnis, an das ich mich erinnern kann, muss irgendwann gegen Ende der 1980er Jahre in den Münchner Kammerspielen gewesen sein; ich glaube, es war eine Aufführung von Tschechows Möwe. Die Kostüme entsprachen der Zeit des Stückes, das Bühnenbild sah aus wie ein russischer Gutshof Ende des 19. Jahrhunderts von innen ausgesehen haben mag, und die Schauspieler verkörperten die Rollen so, wie es der Autor vorgesehen hatte, ohne dass der Text einer Figur auf verschiedene Sprecher verteilt wurde oder ein einsamer Mime sämtliche Rollentexte mit verstellter Stimme aus dem Reclam-Heft ablas. Nicht mal Videoeinspielungen oder Gesangseinlagen gab es. Später ging ich immer seltener ins Theater; irgendwann habe ich es ganz aufgegeben.

Ich schweife ab. Vor kurzem entdeckte ich das Konterfei Mephistos auf dem Cover einer etwas merkwürdigen, nach einem römischen Schriftsteller benannten Zeitschrift, die mir eine Erklärung dafür versprach, »was Goethes Meisterwerk unsterblich macht«. Gesehen, gekauft, ärgerlich wieder weggelegt. Der Haupttext mäandert so vor sich hin, irgendwas mit Gretchen und »Metoo« sowie eine Parade der absonderlichsten Inszenierungsideen, die gerade auf den deutschsprachigen Bühnen im Umlauf sind. Wichtiger als der Inhalt des Stücks scheint mittlerweile zu sein, welche Rolle der Goethekult im »3. Reich« spielte. Ein paar Seiten weiter meint irgendjemand sogar, der Dichterfürst hätte etwas gegen Bodenspekulation schreiben wollen … Der einzige, der auch nur in die Nähe des Problems kommt, ist ein gewisser Nicolas Stemann, der aber auf halbem Weg stehenbleibt und Goethes Drama der »Geburt des modernen Kapitalismus« zuweist – als wäre Fausts grandiose Neulandgewinnung nicht ebenso gut ein Vorläufer kommunistischer oder faschistischer Megaprojekte. Mephisto, das ist ja das Dilemma, hat die Moderne insgesamt gebracht, nicht nur die liberal-kapitalistische Variante.

Thema also leider verfehlt. Woran mag das liegen? Vielleicht daran, dass wir noch nicht bereit für die Depression sind. Nein, das ist jetzt keine erneute Abschweifung – ich meine damit die dritte der fünf Phasen des Sterbeprozesses, die um 1970 von der schweizerisch-amerikanischen Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross in ihrem Buch Interviews mit Sterbenden identifiziert wurden. Kübler-Ross hatte aus ihrer Beschäftigung mit Todeskandidaten die Erkenntnis gewonnen, dass die meisten Menschen auf die Nachricht ihres bevorstehenden Todes zunächst mit Nichtwahrhabenwollen (denial), dann mit Zorn (anger) und Verhandeln (bargaining), schließlich mit trauernder Depression (depression and grief) und Hinnahme (acceptance) reagieren.

Das Modell lässt sich problemlos auf die langsam allgemein dämmernde Erkenntnis übertragen, dass die Menschheit dank Mephistos Geschenk dabei ist, durch globale Erwärmung, Erschöpfung der Ressourcen und Naturzerstörung nachhaltig ihre eigene Existenzgrundlage zu beseitigen. Allerdings ist dabei nicht jeder gleich schnell: Bei ScienceFiles und in AfD-Kreisen etwa hat man sich fest in Phase Eins einbetoniert, während die Gelbwesten und die Extinction Rebels ungehemmt ihren Zorn ausleben und das Dark Mountain Project schon melancholisch überlegt, wie es nach dem Zusammenbruch weitergehen könnte.

Interessanter ist die dritte Phase, in der sich wohl die meisten von uns befinden. Kübler-Ross meinte damit den Glauben von Todgeweihten, das drohende Unheil etwa durch einen »Handel mit Gott« (indem man etwa sein Vermögen der Kirche stiftet) noch irgendwie abwenden zu können. Auch eine ganz banale Änderung ihrer Lebensweise kann angeboten werden: Wenn man sich radikal ändert, ab sofort aufhört zu rauchen, zu trinken, Drogen zu nehmen und ungesund zu essen, wenn man Sport treibt, meditiert und Yoga macht – dann könnte man doch noch ein paar Jahre herausschinden, oder …? Das entspricht in etwa unserer Hoffnung, wir müssten nur Unmassen von Windrädern in die Landschaft stellen, Dieselmotoren verbieten und genügend Geldmittel in die Wasserstoffforschung stecken, um damit den Untergang unserer Zivilisation nochmal ein Schnippchen zu schlagen. Wie in dem Märchen vom Bauern und dem Teufel, in dem der clevere Landmann den Höllenfürsten überlistet und ihm einen Schatz abtrotzt, ohne seine Seele dafür hergeben zu müssen.

Aber ist der Teufel wirklich so dumm? Damit wären wir wieder beim Fauststoff, der in seiner klassischen Variante, also in der Volkssage und in Marlowes Doktor Faustus, eine eindeutige Antwort darauf gibt: Der Wittenberger Gelehrte erhält als Lohn für den Verkauf seiner Seele einen von Drachen gezogenen Himmelswagen, eine Audienz beim Papst, eine Stellung als Berater des Kaisers, Zaubermittel jeder Art und als letztes Extra die Gunst der schönsten Frau der Antike, der berühmten Helena. Aber dann kommt die Nacht, in der abgerechnet wird, und es bleibt der Phantasie des Lesers oder Zuschauers überlassen, wie wohl die Blutspritzer und Gehirnreste, die sein Famulus am nächsten Morgen an den Wänden von Fausts Studierstube entdeckt, dorthin gekommen sein mögen.

Nicht so Goethe: Von den Idealen der Aufklärung beseelt konnte er seinen tragischen Helden nicht einfach so zur Hölle fahren lassen. Stattdessen läutert sich der Teufelspaktierer am Schluss, indem er den Sinn des Lebens darin findet, selbstlos den bedürftigen Massen durch sein großes Eindeichungsprojekt zu helfen und dadurch unsterblichen Ruhm zu erlangen. Mephisto hingegen mutiert ganz wie im Märchen zum lüsternen Trottel, der sich von den appetitlich anzusehenden Hintern der Engel ablenken lässt und dadurch Fausts Seele nicht mehr in die Hände bekommt. Eine Inkarnation der Großen Muttergöttin segnet alles ab, selbst die Sache mit Gretchen ist verziehen und vergeben, und ein mystischer Chor beschwört das »Ewig-Weibliche«.

Auf unsere Situation übertragen: Können wir trotz unserer vielen schweren Sünden darauf hoffen, doch noch das Ruder herumzureißen und Erlösung in einer sonnen- und windgetriebenen Welt zu finden, in der spirituell beseelte Naturverbundenheit und technische Zivilisation sich nicht mehr gegenseitig ausschließen? Oder gar, wie von Elon Musk und Jeff Bezos erträumt, mit neuem Schwung den Weltraum erobern und die Natur hier unten sich selbst überlassen …? Die Antwort darauf mag jeder sich selbst geben, aber ich würde vermutlich sogar wieder ins Theater gehen, wenn nur mal jemand den Faust unter diesem Aspekt inszenieren würde (aber bitte keine Reclam-Heftchen!) …

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