Bernd Ohm

Autorenblog

Kategorie: Politik (Seite 1 von 4)

Panik auf dem Narrenschiff

Politik ist natürlich auch immer irgendwie Familiendrama: Die CDU spielt dabei die Rolle der etwas altmodischen Eltern, die den Laden zusammenhalten müssen, die SPD ist die streberhafte Tochter mit eigener Familie, die im Management einer gemeinnützigen Organisation arbeitet, die FDP der kinderlose Sohn mit Zahnarztpraxis, und die AfD gibt den peinlichen Onkel, der auf der Konfirmationsfeier zu später Stunde anfängt, im Suff die erste Strophe des Deutschlandlieds zu singen. Die Grünen hingegen sind der ewig jugendliche Rebell, der alle mit seinem kompromisslosen Moralismus und seinen radikalen Ideen nervt. Er hat zwar die anderen dazu gebracht, ihren Müll zu trennen und Biofleisch zu kaufen (selbst die Eltern geben zu, dass es besser schmeckt), aber niemand würde erwarten, dass er irgendwann einmal Familienvorstand wird. Am allerwenigsten er selbst.

In diesem Sinne ist wohl die Beklemmung zu verstehen, die Robert Habeck bei seinen Fernsehinterviews am Sonntagabend nach der Europawahl deutlich anzumerken war. Die Wahlergebnisse legen nahe, dass der Grünen-Kapitän sein »Narrenschiff Utopia« (FJS) demnächst zum Staatsdampfer umtakeln muss und damit vor der unangenehmen Aufgabe steht, all den großen Worten endlich Taten folgen zu lassen. Aber wie soll das gehen? Die Grünen haben vor langer Zeit das Ziel eines fundamentalen Wandels aufgegeben und sich dem Märchen verschrieben, man könne den großen, Ressourcen und Energie verschlingenden Behemoth Industriegesellschaft am Leben erhalten (und ihm gleichzeitig seine suizidale Tendenz nehmen), indem man ihn mit Sonnen- und Windenergie antreibt und mit seinen eigenen Ausscheidungen füttert. In den Worten von weiland Rudolf Bahro: die Brücke der Titanic mit Sonnenblumen schmücken.

Die Wähler lieben diese Geschichte, weil sie ihnen das beruhigende Gefühl verschafft, irgendwie ihren eigenen, ressourcen- und energieverschlingenden Lebensstil (wir sind selbst der Behemoth!) aufrechterhalten zu können, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Irgendjemand wird schon ein Passagierflugzeug bauen, das mit Strom fliegt. Irgendjemand wird Power-to-Fuel so billig machen, dass auch die Unterschichten damit ihre Autos betanken können. Irgendjemand wird ein intelligentes Netz konzipieren, das den Strom bedarfsgerecht verteilt, auch wenn es keine Atom- und Kohlekraftwerke mehr gibt.

Aber Habeck ist nicht dumm. Irgendwo tief in sich drin wird er schon ahnen, dass er auf der Welle eines Schneeballsystems segelt, die in absehbarer Zukunft auf den Strand schlagen wird. Irgendwann wird man merken, dass es wenig Sinn hat, ab und zu mal auf eine Flugreise zu verzichten, wenn gleichzeitig in China dutzende neuer Flughäfen entstehen. Irgendwann wird die monströse Steuerlast dazu führen, dass auch hierzulande die Unterschichten die gelben Westen anziehen, den Knüppel in die Hand nehmen und den bösen Onkel wählen. Irgendwann wird die Bundesregierung zugeben müssen, dass man fossile und Kernkraftwerke gar nicht abschalten kann, ohne einen landesweiten Blackout mit katastrophalen Folgen zu riskieren. Und wer möchte dann schon Kapitän sein …?

Auf der Blutbeeren-Brücke

Ein Lied, das ich gerade dauernd höre, verrät einem wahrscheinlich mehr über die Aussichten, dass wir jemals die »Vereinigten Staaten von Europa« gründen werden, als sämtliche Wahlprogramme zur Europawahl zusammen. Dabei hat es gar nichts mit der EU zu tun, sondern stammt aus einem 2007 erschienenen Konzeptalbum der polnischen Sängerin Aga Zaryan über den Aufstand der »Polnischen Heimatarmee« gegen die deutschen Besatzer im Spätsommer und Herbst 1944. Wer jetzt brechtisch-biermanneske Bedeutungshuberei erwartet, liegt allerdings völlig daneben: Zaryan ist als Jazz-Interpretin weit über die Grenzen ihres Heimatlands hinaus bekannt, die musikalische Umsetzung ist dementsprechend, und der Text ist weder heroisch-patriotisch, noch prangert er in flammenden Farben die apokalyptische Zerstörungswut an, mit der in jenem Jahr Wehrmacht, SS und ihre osteuropäischen Hilfstruppen (von Lehmann in Wolfsstadt immer als »Kosaken oder Kalmücken oder so« verunglimpft) die polnische Hauptstadt überzogen.

Stattdessen wird hier ein Gedicht der außerhalb ihres Heimatlands mehr oder weniger unbekannten Dichterin Krystyna Krahelska vertont, die währen der deutschen Besatzung selbst bei den Partisanen kämpfte, am Warschauer Aufstand als Sanitäterin der Heimatarmee teilnahm und dabei gleich in den ersten Augusttagen ihr Leben lassen musste. Hier eine Ad-hoc-Übersetzung der ersten Strophen:

Ich ging über die Blutbeeren-Brücke
Die Blutbeeren-Brücke schaukelte
Der Wind pfiff ein Lied über das Schilf
Und schrieb mit Federn in das Wasser

Die roten Beeren fielen
Bis auf den Grund des dunklen Wassers
Ich ging über die Blutbeeren-Brücke
Die Blutbeeren-Brücke bog sich nach unten

Ich wollte mich an dich erinnern
Aber du bist mir nicht eingefallen
Da waren Räder auf dem dunklen Wasser
Da war ein Blutbeeren-Herz in mir

Man denkt unwillkürlich an die düstere Welt, in der Andrzej Sapkowskis Romane und The Witcher spielen, und in der Tat ist Kalinowy Most, die »Schneeball-« oder »Blutbeeren-Brücke«, in den altslawischen Märchen und Heldensagen eine Brücke zwischen der Welt der Lebenden und der Toten und der Ort des Kampfes zwischen Gut und Böse. Eine düstere Vorahnung des eigenen Todes liegt in Krahelskas Zeilen ebenso wie die Angst des Soldaten am Abend vor dem Angriff, die Trauer um tote Kameraden und die Schwere des Schicksals, das auf dem Land lastet. Auf deutsche Verhältnisse übertragen: als würde Lisa Bassenge ein Lied über die Münchner Räterepublik singen, in dem die rechtsradikalen Freikorps mit Muspells Söhnen beim Ragnarök verglichen werden.

Ein solches Lied werden wir wohl niemals zu hören bekommen, was schon auf einen gewichtigen Unterschied beim Blick auf die eigene Geschichte und Überlieferung dies- und jenseits der Oder hindeutet: In Polen schämt man sich nicht für seine Vorfahren, man ist stolz drauf, nie das Haupt gebeugt zu haben – selbst wenn keine der zahlreichen Erhebungen zur Zeit der Partitionen oder dann im Kommunismus jemals von Erfolg gekrönt war. Und der souveräne Nationalstaat wird weithin nicht als Quelle allen Übels gesehen, sondern als endlich eingelöstes Versprechen nach einer langen Durststrecke, während derer man unter der Knute der mächtigen Nachbarn stand und nicht einmal einen eigenen Staat vorweisen konnte. Geschweige denn, dass man seine Flagge auf fernen Kontinenten aufgepflanzt oder mit afrikanischen Sklaven gehandelt hätte.

Man sagt ja, dass jedes Land seine eigene Erwartungen an das geeinte Europa hat: Für die Franzosen sei es ein Mittel, ihren eigenen Einfluss in der Welt halbwegs auf dem von früher gewohnten Niveau zu halten, für die Südländer ein Weg zum Reichtum des Nordens, für die Deutschen die Hoffnung, keine Deutschen mehr sein zu müssen, sondern »Europäer«. Für Polen und die anderen kleinen Länder Ostmitteleuropas ist es ein sicherer Hafen, in dem sie vor den Zumutungen des großen östlichen Nachbarn geschützt sind. Aber eben ein Hafen, in dem man anlegen kann; kein Schiffsfriedhof, auf dem man abwracken muss. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich jemals in Bundesstaaten der Vereinigten Staaten von Europa verwandeln werden, ist praktisch null. Was also werden die Pan-Europäer tun, wenn sie ihren Willen nicht bekommen, die Panzer wieder in Bewegung setzen und dort einmarschieren …?

Kleiner Nachtrag: Anna Maria Jopek haut in die gleiche Kerbe …

 

 

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Der Teufel und die Phase Drei

Faust wäre eigentlich der Mann der Stunde. Sein unstillbarer Wissensdurst, seine maßlose Dynamik und Machtgier, seine Sehnsucht nach Rausch und Spiritualität – all das sind zweifellos immer noch wir. Auch einen nicht ganz unbedeutenden Teufelspakt haben wir geschlossen, der uns die wissenschaftliche Revolution, fossile Brennstoffe und tausend unverzichtbare technische Helferlein beschert hat, nun aber langsam darauf zusteuert, dass der Fürst der Finsternis seinen üblichen Lohn einfordert. Nicht ganz zufällig hat Spengler unsere Kultur, die im Spätmittelalter aus der Ursuppe von Alchimie und Entdeckungsfahrten entstand, als »faustisch« bezeichnet.

Was wohl das heutige Theater daraus macht? Ich bin leider nicht so im Thema drin – das letzte positive Bühnenerlebnis, an das ich mich erinnern kann, muss irgendwann gegen Ende der 1980er Jahre in den Münchner Kammerspielen gewesen sein; ich glaube, es war eine Aufführung von Tschechows Möwe. Die Kostüme entsprachen der Zeit des Stückes, das Bühnenbild sah aus wie ein russischer Gutshof Ende des 19. Jahrhunderts von innen ausgesehen haben mag, und die Schauspieler verkörperten die Rollen so, wie es der Autor vorgesehen hatte, ohne dass der Text einer Figur auf verschiedene Sprecher verteilt wurde oder ein einsamer Mime sämtliche Rollentexte mit verstellter Stimme aus dem Reclam-Heft ablas. Nicht mal Videoeinspielungen oder Gesangseinlagen gab es. Später ging ich immer seltener ins Theater; irgendwann habe ich es ganz aufgegeben.

Ich schweife ab. Vor kurzem entdeckte ich das Konterfei Mephistos auf dem Cover einer etwas merkwürdigen, nach einem römischen Schriftsteller benannten Zeitschrift, die mir eine Erklärung dafür versprach, »was Goethes Meisterwerk unsterblich macht«. Gesehen, gekauft, ärgerlich wieder weggelegt. Der Haupttext mäandert so vor sich hin, irgendwas mit Gretchen und »Metoo« sowie eine Parade der absonderlichsten Inszenierungsideen, die gerade auf den deutschsprachigen Bühnen im Umlauf sind. Wichtiger als der Inhalt des Stücks scheint mittlerweile zu sein, welche Rolle der Goethekult im »3. Reich« spielte. Ein paar Seiten weiter meint irgendjemand sogar, der Dichterfürst hätte etwas gegen Bodenspekulation schreiben wollen … Der einzige, der auch nur in die Nähe des Problems kommt, ist ein gewisser Nicolas Stemann, der aber auf halbem Weg stehenbleibt und Goethes Drama der »Geburt des modernen Kapitalismus« zuweist – als wäre Fausts grandiose Neulandgewinnung nicht ebenso gut ein Vorläufer kommunistischer oder faschistischer Megaprojekte. Mephisto, das ist ja das Dilemma, hat die Moderne insgesamt gebracht, nicht nur die liberal-kapitalistische Variante.

Thema also leider verfehlt. Woran mag das liegen? Vielleicht daran, dass wir noch nicht bereit für die Depression sind. Nein, das ist jetzt keine erneute Abschweifung – ich meine damit die dritte der fünf Phasen des Sterbeprozesses, die um 1970 von der schweizerisch-amerikanischen Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross in ihrem Buch Interviews mit Sterbenden identifiziert wurden. Kübler-Ross hatte aus ihrer Beschäftigung mit Todeskandidaten die Erkenntnis gewonnen, dass die meisten Menschen auf die Nachricht ihres bevorstehenden Todes zunächst mit Nichtwahrhabenwollen (denial), dann mit Zorn (anger) und Verhandeln (bargaining), schließlich mit trauernder Depression (depression and grief) und Hinnahme (acceptance) reagieren.

Das Modell lässt sich problemlos auf die langsam allgemein dämmernde Erkenntnis übertragen, dass die Menschheit dank Mephistos Geschenk dabei ist, durch globale Erwärmung, Erschöpfung der Ressourcen und Naturzerstörung nachhaltig ihre eigene Existenzgrundlage zu beseitigen. Allerdings ist dabei nicht jeder gleich schnell: Bei ScienceFiles und in AfD-Kreisen etwa hat man sich fest in Phase Eins einbetoniert, während die Gelbwesten und die Extinction Rebels ungehemmt ihren Zorn ausleben und das Dark Mountain Project schon melancholisch überlegt, wie es nach dem Zusammenbruch weitergehen könnte.

Interessanter ist die dritte Phase, in der sich wohl die meisten von uns befinden. Kübler-Ross meinte damit den Glauben von Todgeweihten, das drohende Unheil etwa durch einen »Handel mit Gott« (indem man etwa sein Vermögen der Kirche stiftet) noch irgendwie abwenden zu können. Auch eine ganz banale Änderung ihrer Lebensweise kann angeboten werden: Wenn man sich radikal ändert, ab sofort aufhört zu rauchen, zu trinken, Drogen zu nehmen und ungesund zu essen, wenn man Sport treibt, meditiert und Yoga macht – dann könnte man doch noch ein paar Jahre herausschinden, oder …? Das entspricht in etwa unserer Hoffnung, wir müssten nur Unmassen von Windrädern in die Landschaft stellen, Dieselmotoren verbieten und genügend Geldmittel in die Wasserstoffforschung stecken, um damit den Untergang unserer Zivilisation nochmal ein Schnippchen zu schlagen. Wie in dem Märchen vom Bauern und dem Teufel, in dem der clevere Landmann den Höllenfürsten überlistet und ihm einen Schatz abtrotzt, ohne seine Seele dafür hergeben zu müssen.

Aber ist der Teufel wirklich so dumm? Damit wären wir wieder beim Fauststoff, der in seiner klassischen Variante, also in der Volkssage und in Marlowes Doktor Faustus, eine eindeutige Antwort darauf gibt: Der Wittenberger Gelehrte erhält als Lohn für den Verkauf seiner Seele einen von Drachen gezogenen Himmelswagen, eine Audienz beim Papst, eine Stellung als Berater des Kaisers, Zaubermittel jeder Art und als letztes Extra die Gunst der schönsten Frau der Antike, der berühmten Helena. Aber dann kommt die Nacht, in der abgerechnet wird, und es bleibt der Phantasie des Lesers oder Zuschauers überlassen, wie wohl die Blutspritzer und Gehirnreste, die sein Famulus am nächsten Morgen an den Wänden von Fausts Studierstube entdeckt, dorthin gekommen sein mögen.

Nicht so Goethe: Von den Idealen der Aufklärung beseelt konnte er seinen tragischen Helden nicht einfach so zur Hölle fahren lassen. Stattdessen läutert sich der Teufelspaktierer am Schluss, indem er den Sinn des Lebens darin findet, selbstlos den bedürftigen Massen durch sein großes Eindeichungsprojekt zu helfen und dadurch unsterblichen Ruhm zu erlangen. Mephisto hingegen mutiert ganz wie im Märchen zum lüsternen Trottel, der sich von den appetitlich anzusehenden Hintern der Engel ablenken lässt und dadurch Fausts Seele nicht mehr in die Hände bekommt. Eine Inkarnation der Großen Muttergöttin segnet alles ab, selbst die Sache mit Gretchen ist verziehen und vergeben, und ein mystischer Chor beschwört das »Ewig-Weibliche«.

Auf unsere Situation übertragen: Können wir trotz unserer vielen schweren Sünden darauf hoffen, doch noch das Ruder herumzureißen und Erlösung in einer sonnen- und windgetriebenen Welt zu finden, in der spirituell beseelte Naturverbundenheit und technische Zivilisation sich nicht mehr gegenseitig ausschließen? Oder gar, wie von Elon Musk und Jeff Bezos erträumt, mit neuem Schwung den Weltraum erobern und die Natur hier unten sich selbst überlassen …? Die Antwort darauf mag jeder sich selbst geben, aber ich würde vermutlich sogar wieder ins Theater gehen, wenn nur mal jemand den Faust unter diesem Aspekt inszenieren würde (aber bitte keine Reclam-Heftchen!) …

Che und ich

Immer diese Kinderfragen … Jetzt wollte mein Sohn wissen, warum junge Leute eigentlich meistens »links« sind. Ich musste natürlich sofort an den wahlweise Winston Churchill oder Bertrand Russell zugeschriebenen Spruch denken, nach dem man kein Herz hat, wenn man mit zwanzig kein Sozialist ist, aber keinen Verstand, wenn man dieser Weltanschauung mit vierzig immer noch anhängt. Meine Frau hingegen erinnerte mich süffisant grinsend an mein altes Che-Guevara-T-Shirt, das ich vor etlichen Jahren bei den Bauarbeiten hier aufgetragen habe. Tatsächlich kann ich nicht völlig leugnen, in meiner Jugend bis zu einem gewissen Grad dem damals weit verbreiteten Aberglauben angehangen zu sein, man müsse das, was hinter dem Eisernen Vorhang so krachend und offensichtlich gescheitert war, unter dem Vorzeichen von Ökologie, Anti-Dogmatismus und Jimi Hendrix nochmal ganz neu in Angriff nehmen.

Aber warum? Beziehungsweise, warum glaube ich das jetzt nicht mehr …? Vielleicht spielt ja jugendlicher Übermut eine Rolle, revolutionäre Begeisterung, die Hormone und so weiter. Die verstrahlten Typen, die letzten Sommer beim G20-Gipfel in Hamburg Barrikadenkampf gespielt haben, schienen voll davon zu sein. Aber das sind bestimmt auch »Hooligans gegen Salafismus« oder »Salafisten gegen ungläubige Hunde«. Das ganze zwanzigste Jahrhundert war ja eigentlich eine einzige Geisterbahn, in der hinter jeder Kurve eine neue, wütende Jugendbewegung hervorgesprungen kam, egal unter welcher Flagge. Hormone sind, wie mir scheint, weltanschauungsmäßig flexibel.

Viel eher geht es um die Kraft des reinen Herzens. Als zwanzigjähriger Student kann man in der Regel auf volle zwei Jahrzehnte zurückblicken, in denen der eigene Beitrag zum Lebensunterhalt ebenso bescheiden ausgefallen ist wie die persönliche Mitwirkung an der Steuerung des Gemeinwesens, zu dem man gehört. Das verführt dann beispielsweise dazu, »Reichtum« als etwas zu betrachten, das irgendwie auf übernatürliche Weise von selbst da sei und nur »gerecht verteilt« werden müsse – so wie die Geschwisterschar die gerechte Verteilung des Taschengelds von den Eltern einfordert. Und die Politik gerät zum Kasperletheater, in dem das böse, gierige Krokodil besiegt werden muss, das – als Politiker, Banker oder Arbeitgeberpräsident getarnt – der gerechten Verteilung im Wege steht.

Etwas pompöser ausgedrückt: Man sieht die Welt vor allem im Ideal gespiegelt. Und sind Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nicht wunderbare Ideale? Ganz zu schweigen von Vernunft, Humanität und Gerechtigkeit …! Wenn man jung ist, liebt man Ideale. Sie erlauben es einem, in die Heldenrolle zu schlüpfen, in der man sich in diesem Lebensalter gerne sieht – nicht zuletzt wegen der, ähem, vorteilhaften Wirkung auf das andere Geschlecht natürlich. Man stürmt in die Welt hinein im Vollgefühl der eigenen Rechtschaffenheit und sucht überall nach Drachen, die man besiegen kann. Und selbstverständlich kämpft man nicht aus Egoismus, sondern dafür, arme, unterdrückte Proletarier/Drittweltbewohner/Minderheiten, die aus irgendwelchen geheimnisvollen Gründen nicht in der Lage sind, selbst für ihre Interessen einzutreten, aus den Klauen der Bestie zu befreien …

Wenn man Glück hat, nimmt einen das Leben später sanft bei der Hand und zeigt einem anhand ausgewählter Beispiele, dass vor dem Reichtum meistens ein Riesenhaufen Arbeit steht, statt eines glänzenden Sieges häufig nur das kleinere Übel zur Wahl steht und das Gegenteil einer schlechten Idee meist eine noch schlechtere ist. Wenn man Pech hat, haben ein oder zwei größere persönliche Katastrophen exakt die gleiche Wirkung. Das Ergebnis ist – hoffentlich – eine gewisse Nüchternheit und Skepsis sowie die Erkenntnis, dass andere Leute ihre Bedürfnisse meist ganz gut selbst artikulieren können und jedes Ideal, das man bis in die letzte Konsequenz zu verwirklichen sucht, mit ziemlicher Sicherheit geradewegs in die totalitäre Hölle führt. Gleichheit etwa ist eine tolle Sache, wenn es darum geht, dass vor dem Gesetz niemand bevorzugt wird. Wenn man allerdings weitergeht und fordert, dass jeder Mensch tatsächlich gleich sein soll (obwohl doch jeder von uns eine eigene Welt ist), endet man aller Erfahrung nach in der Gleichheit des sibirischen Arbeitslagers.

Aber das weiß man natürlich noch nicht, wenn man seine Nase zum ersten Mal aus der Tür der Kindheit heraussteckt. Ich glaube, ich war vierzehn oder fünfzehn, als ich spontan in der Buchhandlung der nächsten Kleinstadt ein Taschenbuch mit den Werken von Marx und Engels erwarb und von vorne bis hinten durchlas – ohne groß zu begreifen, um was es ging, versteht sich. Aber es kam der Satz darin vor, dass Religion das »Opium des Volkes« sei, und das gefiel mir, hatte ich doch gerade im Verlauf des Konfirmandenunterrichts unversehens meinen Glauben verloren. Irgend so ein alter Knacker mit Bart, der in den Wolken sitzt? Was wollte der denn …

Womit ein weiterer Faktor für die Beliebtheit sozialistischer Vorstellungen bei der Jugend angesprochen ist. Sie gleichen vage bestimmten christlichen Werten, ohne dass man dafür an übernatürliche Wesen glauben muss. Und es ist genauso unmöglich, sie eins zu eins in die Realität umzusetzen: Rein theoretisch klingt es ja absolut großartig, die andere Wange hinzuhalten und seinen Mantel mit einem Bettler zu teilen. Man sieht sich schon höchstpersönlich selbst auf dem Pferd sitzen und dem armen Hund da unten am Boden voll Mitgefühl die halbe Toga reichen … Im Alltag läuft es dann allerdings ein bisschen anders – welcher Unternehmer etwa könnte sich stets an Matth. 5, 40 halten (»Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel«), ohne mittelfristig Bankrott erklären zu müssen? Man gibt also ab und zu ein kleines Stückchen Mantel ab und hofft, dass man dadurch das Kamel doch noch irgendwie durchs Nadelöhr zwängt. So, wie man für die Revolution kämpft, ohne auf teure Zigarren und Rolex-Uhren zu verzichten.

Und dann gibt es natürlich immer die Verlockung, in die Haut des romantischen Helden zu schlüpfen, der wie der Wanderer über dem Nebelmeer allem Irdischen entsagt und sich ganz der Sache des Volkes verschreibt … Das letzte Mal, als ich so richtig Sympathien für eine linke Bewegung empfand, war in den 1990ern, als ein gewisser »Subcomandante Marcos« mit einer Kiste Bücher aus Mexiko-Stadt in den lakandonischen Urwald zog, um unter dem Schlachtruf »Alles für alle, nichts für uns!« für die Rechte der Indigenen zu kämpfen und »Intergalaktische Treffen gegen den Neoliberalismus« zu veranstalten. Natürlich hatte der Mann schwer einen an der Waffel – aber geht’s noch poetischer …? Zur gleichen Zeit las ich allerdings Ches Bolivianisches Tagebuch, das mit seinem Existenzialismus der verzweifelten Isolation das völlig humorlose Gegenstück zu den drolligen Aktionen der mexikanischen Zapatisten bildete.

Das war wahrscheinlich der Anfang vom Ende. Je länger ich die Abenteuer des argentinischen Ex-Arztes nachverfolgte, der in völliger Verkennung der Sachlage und blindem Aktionismus versuchte, mit einer Handvoll Desperados, die den bombastischen Namen »Nationale Befreiungsarmee« trug, in Bolivien eine sozialistische Revolution herbeizuführen, desto fremder wurde mir das alles. Die besonderen Umstände, die in Kuba zum Erfolg geführt hatten, waren eben spezifisch kubanisch und hatten nichts mit irgendeiner weltgeschichtlichen Dialektik tun, als deren Erfüllungsgehilfen sich der Comandante und seine Mitstreiter sahen. Der Andenstaat war stattdessen nichts weiter als die Kulisse für einen Film, in dem sie die Hauptrolle spielten. Ich konnte mich immer weniger mit dieser besonders dämlichen Verkörperung von Rousseaus »Volonté generale« identifizieren, einer selbst ernannten Avantgarde also, die meinte, besser als das Volk zu wissen, was das Volk wollte.

Was wiederum Erinnerungen an den Zwiespalt wachrief, in den mich die radikale Linke in gewisser Weise von Anfang an gebracht hatte. Ich bin Arbeitersohn, und die ein paar Jahre älteren Arzt- und Lehrerkinder, die in der Fußgängerzone der erwähnten Kleinstadt die Kommunistische Volkszeitung verteilten und meinen Vater zur Revolution aufstacheln wollten, erfüllten mich schon als Dreizehnjährigen mit einer gehörigen Portion Befremdnis. Arbeiter sind keine Arbeiter, weil sie von bösen Mächten dazu gezwungen wurden, sondern weil das eben der Weg war, der ihnen im Leben offenstand. Und das wissen die meisten von ihnen. Wenn ihnen jemand zu erzählen versucht, die »Arbeiterklasse« sei in Wirklichkeit ein Vehikel, mit dessen Hilfe »die Geschichte« vorhabe, den kommunistischen Himmel auf Erden zu errichten, werden sie schnell misstrauisch und riechen den Braten. Der in der Regel daraus besteht, dass ein paar verkrachte Bohemiens auf ihrem Rücken versuchen, die Macht im Staat an sich zu reißen. So ganz habe ich das – bei allen Sympathien für den Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung – nie vergessen.

Das Schlimme war ja ohnehin, dass dieser Kampf nicht nur in Bolivien in der Regel geradewegs ins Nichts führte. Von den mexikanischen Zapatisten etwa war am Ende nur noch leere Symbolik zu hören. Hier eine Pressekonferenz, dort eine Demo, schließlich eine großartige Erklärung, die eine noch großartigere Konferenz ankündigte, und immer wieder internationale Treffen, zu denen (um ein böses Wort zu zitieren) »trust-fund babies« aus aller Welt anreisten, also Berufssöhne und -töchter, die nach San Cristóbal de las Casas pilgerten, um die total authentischen Indigenen kennenzulernen, die sie von der Plage eben jenes Neoliberalismus befreien sollten, dem sie ihren monatlichen Scheck verdankten. Eine Befreiungsarmee, die nichts befreite. Eine Revolution, die nichts revolutionierte. Eine Widerstandsbewegung, die sich darin erschöpfte, die Jungsteinzeit gegen die Moderne zu verteidigen.

Und so endete das T-Shirt mit el Che vorne drauf dann als Arbeitskleidung auf dem Bau. Eigentlich ein angemessen proletarischer Rahmen, finde ich. Mein Vater – mittlerweile Rentner – verlor kein Wort darüber, während wir Seite an Seite daran arbeiteten, die Latten für die Dämmung an die Dachbalken zu schrauben. Wahrscheinlich wunderte er sich insgeheim ein bisschen, aber letztendlich war das Konterfei des berühmten Revolutionärs für ihn bloß ein flüchtiges Bild, das gelegentlich über seinen Fernsehschirm gehuscht war. Der Glückliche …

Bin ich also heute »rechts«? Also, bitte … In den Schoß der Kirche bin ich nicht zurückgekehrt, und Leute, die ihre Stellung ihrem Nachnamen, ererbten Millionen oder Vitamin B verdanken, kann ich weiterhin nicht ernst nehmen. Aber ich glaube auch, dass der Mensch einen irreduziblen Kern hat, der weder durch Erziehung, noch durch Arbeitslager oder noch so ausgeklügeltes »Nudging« verändert werden kann. Und dass eine funktionierende, national- und sozialstaatlich organisierte liberale Demokratie ohne imperialistische Ambitionen eine ausgesprochen wertvolle historische Errungenschaft ist, die man nicht leichtfertig utopischen Phantastereien opfern darf. Wahrscheinlich bin ich also ein »Alt-1848er«. Nicht zufällig ist die erfolglose Revolution damals immer noch der Teil der deutschen Geschichte, der mir am meisten Gänsehaut verursacht.

Und die edlen Ideale? Sollen meine Kinder groß werden, ohne jemals das süße Gift der brüderlichen Gemeinschaft aller Menschen genossen zu haben …? Nun, die Ablehnung eines Extrems bedeutet ja nicht, dass man den zugrunde liegenden Wert insgesamt ablehnt – der Mensch ist ebenso wenig ganz und gar brüderlich, wie er ausschließlich in Konkurrenz zueinander leben kann. Wo genau der Kompromiss liegt, den man zwischen den beiden Extremen findet, wird immer Gegenstand des politischen Streits bleiben. Und meinen Kindern wünsche ich (insofern ich mich da überhaupt einmische), dass sie im Leben ein paar Umwege weniger gehen müssen als ich …

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