Autorenblog

Kategorie: Allgemeines (Seite 1 von 10)

Vom Schweinehüten und Wortverdrehen

In poli­ti­scher Hin­sicht ist bes­te Platz für einen Autoren zwei­fel­los der zwi­schen allen Stüh­len. Die Nati­on? Ein abso­lut not­wen­di­ges Übel, aber nie­mand wird mich jemals mit einer Flag­ge wedeln sehen, wenn irgend­wo irgend­wel­che über­be­zahl­ten Sports­ka­no­nen einem Leder­ball hin­ter­her­ren­nen und sich »Natio­nal­mann­schaft« nen­nen. Der Sozi­al­staat? Einer­seits zwin­gend not­wen­dig für den gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt, ander­seits – wenn man’s über­treibt – eine Ein­la­dung zum Fau­len­zen. Die freie Markt­wirt­schaft? Funk­tio­niert unter bestimm­ten Umstän­den, unter ande­ren ist sie ein schlech­ter Witz. Der Kom­mu­nis­mus? Vor Gott und dem BGB mögen alle Men­schen gleich sein, in jeder ande­ren Hin­sicht sind sie es nicht. Und so wei­ter und so fort. Kein Stand­punkt darf einem fremd sein, kei­ne mensch­li­che Regung unver­ständ­lich. Wie soll­te man auch eine Geschich­te schrei­ben, ohne sich noch in die übels­ten und schrägs­ten ihrer han­deln­den Figu­ren hin­ein­ver­set­zen zu kön­nen …? Das heißt natür­lich nicht, dass man über­haupt kei­ne Prin­zi­pi­en haben soll, aber wenn man die Welt durch die Bril­le die­ser oder jener Ideo­lo­gie sieht, ver­engt sich das Blick­feld, bis man nur noch das sieht, was man sehen will. Und nichts könn­te lang­wei­li­ger sein als Lite­ra­tur, die sich irgend­ei­nem Ismus ver­schrie­ben hat.

Trotz­dem gibt es wohl manch­mal Zei­ten, in denen man es nicht ver­mei­den kann, in einem poli­ti­schen oder gesell­schaft­li­chen Streit für die eine oder ande­re Sei­te Par­tei zu ergrei­fen, weil er an die Sub­stanz geht. Wei­ter­le­sen

Neues von einem alten Gespenst

Die 3. Generation der RAF und ihre Helfer

Es ist nun schon über drei Jahr­zehn­te her, und immer noch weiß nie­mand, wer Alfred Herr­hau­sen auf dem Gewis­sen hat. Nie­mand außer den Tätern selbst natür­lich, aber die Mit­glie­der der »Roten Armee Frak­ti­on«, die man gefasst und vor Gericht gebracht hat, schwei­gen nach all den Jah­ren wei­ter­hin hart­nä­ckig über das Gesche­he­ne, und alle Auf­klä­rungs­ver­su­che sind irgend­wann im Sand ver­lau­fen. Dies führ­te schon weni­ge Jah­re nach der Tat zu Spe­ku­la­tio­nen – im Jahr 1992 sahen die Jour­na­lis­ten Ger­hard Wis­new­ski, Wolf­gang Land­gra­eber und Ekke­hard Sie­ker ange­sichts der lücken­haft erschei­nen­den offi­zi­el­len Dar­stel­lung des Tat­her­gangs und wei­te­rer Indi­zi­en eine Ver­schwö­rung am Werk, der sie den Namen »Das RAF-Phan­tom« gaben. Ihre Hypo­the­se: Die »3. Genera­ti­on« der Ter­ro­ris­ten­grup­pe sei in Wirk­lich­keit eine Erfin­dung, gegrün­det und gesteu­ert von Geheim­diens­ten, um unlieb­sa­me Poli­ti­ker oder Wirt­schafts­bos­se aus dem Weg zu räu­men und die öffent­li­che Mei­nung zu beein­flus­sen. Das gleich­na­mi­ge Buch erleb­te eini­ge Auf­la­gen und erfreu­te sich nicht nur unter Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern einer gewis­sen Beliebt­heit, die 1993 noch ver­stärkt wur­de, als allem Anschein nach das flüch­ti­ge RAF-Mit­glied Wolf­gang Grams auf dem Bahn­hof von Bad Klei­nen wäh­rend eines GSG9-Ein­sat­zes vor­sätz­lich liqui­diert wur­de. Auch die Tat­sa­che, das der wegen des Herr­hau­sen-Anschlags gesuch­te Chris­toph Seid­ler 1995 plötz­lich aus sei­nem selbst­ge­wähl­ten Liba­non-Exil wie­der auf­tauch­te und offen­bar gar nicht zur Kom­man­do­ebe­ne der RAF gehört hat­te, schien ins Bild zu passen.

Ich gebe zu, eine Zeit­lang fand auch ich selbst die The­sen des Autoren­tri­os zumin­dest nicht völ­lig abwe­gig. Das hat­te mit mei­nen dama­li­gen Lebens­um­stän­den zu tun – ich been­de­te gera­de mein Stu­di­um und lern­te durch eine Ver­ket­tung nicht wei­ter erwäh­nens­wer­ter Zufäl­le ein paar Leu­te von der Münch­ner Film­hoch­schu­le ken­nen, die einen Dreh­buch­au­tor such­ten, mit dem sie his­to­ri­sche und poli­ti­sche Stof­fe umset­zen konn­ten. Einer davon drück­te mir das »RAF-Phan­tom« in die Hand und bot mir an, gemein­sam ein Dreh­buch zu ent­wi­ckeln, das auf der dar­in ent­wi­ckel­ten Ver­schwö­rungs­theo­rie basie­ren soll­te. In die­sem Moment über­nahm der Fabu­lie­rer in mir das Kom­man­do, und der His­to­ri­ker muss­te erst ein­mal zurück­ste­hen. Was für eine Geschich­te …! Wei­ter­le­sen

»Sechs Tage im Herbst« ist da!

Heu­te ist es soweit! Mein neu­es Buch ist ab sofort bei den übli­chen Quel­len erhält­lich – eine ziem­lich gute Gele­gen­heit, schnell noch beim ört­li­chen Buch­händ­ler vor­bei­zu­schau­en, bevor der nächs­te Lock­down zuschlägt …

Für Unent­schlos­se­ne gibt’s hier jetzt eine Leseprobe:

Lese­pro­be »Sechs Tage im Herbst«

Vom Segen des Feindes

Von Syd Field bis Robert McKee ver­säumt es kei­ner der bekann­ten Dreh­buch-Gurus, auf die Wich­tig­keit des Ant­ago­nis­ten hin­zu­wei­sen, wenn es um die dra­ma­ti­sche Form einer Geschich­te geht. Die­ser Gegen­spie­ler der Haupt­fi­gur ist das Haupt­hin­der­nis auf deren Weg zum dra­ma­ti­schen Ziel, der Kata­ly­sa­tor, um neue Erkennt­nis­se zu erlan­gen, und die trei­ben­de Kraft, von der die ent­schei­den­den Ereig­nis­se des Plots in Gang gesetzt wer­den. Jedem Har­ry Pot­ter sein Lord Vol­de­mort, jeder Ripley ihr Ali­en, jedem J. J. Git­tes sein Noah Cross. Ohne Ant­ago­nist ist eine Geschich­te kei­ne Geschich­te, son­dern nur eine belie­bi­ge Anein­an­der­rei­hung von Gege­ben­hei­ten und Vor­komm­nis­sen. Dabei muss die­ses dra­ma­ti­sche Grund­prin­zip nicht unbe­dingt von einer Per­son ver­kör­pert wer­den – es kann auch ein abge­spal­te­ner Teil der Per­sön­lich­keit sein wie Tyler Durden in Fight Club, eine tota­li­tä­re Ideo­lo­gie wie in 1984 oder gar ein gan­zer Pla­net wie in Der Marsia­ner.

Was pas­sie­ren kann, wenn ein zen­tra­ler und über­zeu­gen­der Ant­ago­nist fehlt, lässt sich bei­spiel­haft in der drit­ten Staf­fel der Serie Baby­lon Ber­lin ver­fol­gen, die gera­de in der ARD-Media­thek ver­füg­bar ist. Ich war ja schon von den ers­ten bei­den Staf­feln nur so halb über­zeugt, aber im Nach­hin­ein wird mir bewusst, wie sehr der wun­der­ba­re Peter Kurth als »Ober­kom­mis­sar Bru­no Wol­ter« den Laden sei­ner­zeit zusam­men­ge­hal­ten hat. Er war der Haupt­geg­ner des stets etwas täpp­si­gen Gere­on Rath, er hat­te die Fäden in jeder Hin­sicht in der Hand, und er konn­te so schnell vom Kom­man­do­ton in ver­schla­ge­ne Leut­se­lig­keit wech­seln, dass es dem Zuschau­er kalt den Rücken her­un­ter­lief. Ein Pracht­ex­em­plar von einem Antagonisten!

Lei­der starb Bru­no Wol­ter am Ende der 2. Staf­fel (in einem, mit Ver­laub, doch etwas Bruce-Wil­lis-haf­ti­gen Fina­le), und man hat es nicht ver­stan­den, in den neu­en Fol­gen für adäqua­ten Ersatz zu sor­gen. Statt­des­sen prä­sen­tiert man uns den durch­ge­knall­ten Lei­ter des poli­zei­li­chen Erken­nungs­diens­tes (der bei sei­nen frü­he­ren Auf­trit­ten in der Serie auf­fäl­lig wenig Durch­ge­knallt­heit erken­nen ließ), einen natio­na­lis­ti­schen Intri­gan­ten, der genau­so höl­zern agier­te wie in den ers­ten bei­den Staf­feln, sowie einen farb­lo­sen unga­ri­schen Gau­ner, der noch eine Rech­nung mit dem »Arme­ni­er« offen hat­te. Der Plot fällt dadurch völ­lig aus­ein­an­der, und man hat den Ein­druck, einer Kol­lek­ti­on zusam­men­hang­lo­ser, aber gewollt hoch­dra­ma­ti­scher Sze­nen bei­zu­woh­nen, die alle aus ganz unter­schied­li­chen Fil­men stam­men: in einem davon wird die Poli­zei von einem Psy­cho­pa­then in den eige­nen Rei­hen genarrt, im zwei­ten kämpft ein inte­grer Beam­ter gegen eine per­fi­de poli­ti­sche Ver­schwö­rung an, und im drit­ten wird das ewi­ge Lied vom Bru­der­zwist im Gano­ven­mil­lieu gesungen.

Dies ist natür­lich teil­wei­se der »hori­zon­ta­len« Erzähl­wei­se geschul­det, aber in den ers­ten bei­den Staf­feln wur­den die ver­schie­de­nen Hand­lungs­strän­ge noch wie erwähnt von der »Bru­no Wolter«-Figur zusam­men­ge­hal­ten; hier gibt es nichts der­glei­chen. Dadurch tre­ten die vie­len klei­nen Schwach­stel­len der Pro­duk­ti­on um so deut­li­cher her­vor: die an Selbst­par­odie gren­zen­den bedeu­tungs­schwan­ge­ren Dia­lo­ge, der alber­ne Ver­such, der treu­deut­schen Welt der Ring­ver­ei­ne ein knall­har­tes Chi­ca­go-Image zu ver­pas­sen, die ner­vi­gen Osti­na­ti der Film­mu­sik, die eher an das Post­punk-Kreuz­berg der 1980er als an die Gol­de­nen Zwan­zi­ger erin­nert, die Ein­falls­lo­sig­keit des Plots (schon wie­der eine natio­na­lis­ti­sche Ver­schwö­rung …!), die voy­eu­ris­ti­sche Lust der Kame­ra am Ekel. Sogar einen Ste­phen-King-Moment der »Kri­mi­nal-Tele­pa­thie« muss­te man ertragen.

Immer­hin ist die deut­sche Pres­ti­ge-Serie nicht die ein­zi­ge Pro­duk­ti­on, die nach dem Able­ben des Haupt-Wider­sa­chers ihren Schwung ver­lo­ren hat. Schon The Wire krankt nach dem Sieg über die Barks­da­le-Ban­de am Ende der 3. Staf­fel dar­an, dass die Erzäh­lung sich zer­fa­sert und immer neue Böse­wich­te aus dem Hut gezau­bert wer­den, die aber nie wie­der das For­mat von Avon Barks­da­le und Strin­ger Bell errei­chen. Glei­ches gilt für Home­land nach dem Ende Bro­dys am Bau­kran in Tehe­ran und Sher­lock nach dem Ver­schwin­den Moriar­tys. Wor­aus man mög­li­cher­wei­se die Erkennt­nis mit­neh­men soll­te, dass auch ein hori­zon­ta­ler Plot, der sich über meh­re­re Epi­so­den oder Staf­feln einer Serie hin­zieht, irgend­wann ein­mal aus­er­zählt ist. Näm­lich genau dann, wenn der Ant­ago­nist besiegt ist.

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