Bernd Ohm

Autorenblog

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Nie war Terrorismus einfacher

Erinnern Sie sich noch an die »Rote Armee Fraktion«? (Allein dieser bescheuerte Name …) Wochenlang mussten die armen Hunde den Arbeitsweg ihrer potenziellen Opfer ausbaldowern, sich komplizierte Sprengfallen ausdenken, Waffengeschäfte überfallen, Sprengstoff von den kämpfenden Zellen in Belgien organisieren, die Dummköpfe der Unterstützerszene dazu bringen, ihnen konspirative Wohnungen zu mieten, den Kontakt zu den palästinensischen Genossen nicht abreißen lassen und und und … Was für ein Aufwand!

RAF-Anschlag Ramstein 1981 (By U.S. Air Force photo, http://www.nationalmuseum.af.mil/, [Public domain], via Wikimedia Commons)

Heute geht das wesentlich effizienter. Alles, was man braucht, ist ein Irrer und ein Lkw. Ein Lieferwagen reicht auch. Oder sogar nur ein Dodge Challenger. Vermutlich würde bereits ein VW up! (noch so ein bescheuerter Name) für diverse Tote sorgen.

Vorsichtige Frage: Wie viele Lkw, Lieferwagen und VW up!s gibt es eigentlich in Deutschland? Und wie viele Irre …?

In dubio pro Carrie Mathison

Zurzeit befinden wir uns wieder im Binge-Viewing-Modus – die sechste Staffel von »Homeland« ist komplett abrufbereit, und wir konnten einfach nicht widerstehen. Nachdem der Ausflug nach Berlin in Staffel 5 ein wenig an den Haaren herbeigezogen schien (allein dieser seltsame »Philanthrop Otto Düring« …), hat man dieses Mal die weise Entscheidung getroffen, nicht schon wieder einen islamistischen Anschlag auf die freie Welt verhindern zu müssen. Stattdessen geht es – ganz in der Tradition des Politthrillers der 1970er – um ein Komplott des »Deep State« gegen die eigene Regierung, die mit unartigen Dingen wie Truppenabzug aus dem Nahen Osten und Reorganisation der Geheimdienste droht. Wer also Filme wie »Die drei Tage des Condors«, »Zeuge einer Verschwörung« oder »Die Unbestechlichen« mag, kommt hier voll auf seine Kosten.

Wir haben vor Jahren mal versucht, etwas Ähnliches für deutsche Verhältnisse auf die Beine zu stellen, aber im Nachhinein muss ich leider sagen, dass das Ergebnis in künstlerischer Hinsicht doch recht stark gegen die amerikanischen Vorbilder abfällt. Ganz abgesehen davon, dass die Reste des angeblichen »RAF-Phantoms« natürlich in Wirklichkeit irgendwo hier in Nordwestdeutschland herumschwirren und einen Geldtransporter nach dem anderen überfallen …

Update 22. Mai: Nachdem wir jetzt durch sind, muss ich meinen Hut noch tiefer ziehen: ein Komplott des »Deep State« gegen die eigene Regierung – und am Ende hat der »Deep State« auch noch Recht gehabt. Das muss man erstmal hinkriegen …!

Zu Trump: alles schon gesagt

Man kann dem neuen amerikanischen Cäsar so einiges vorwerfen – sicher nicht, dass er seine Wahlkampfversprechen wie üblich am Tag des Amtsantritts vergessen hätte. Während er die Dekrete unterzeichnet, mit denen der Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko, die Abschaffung der öffentlichen Förderung von Kunst und Kultur und die Verbannung der Klimaforschung von den Webseiten amerikanischer Behörden eingeleitet wird, sollte man sich einen Augenblick Zeit nehmen, um den griechischen Historiker Polybios zu lesen, der sich vor über zweitausend Jahren mit der Frage beschäftigt hat, wie sich im Verlauf der (ihm damals bekannten) Geschichte verschiedene Regierungsformen entwickelten und wiederum von anderen abgelöst wurden.

Aus dem Werdegang der griechischen Stadtstaaten destillierte er dabei einen Kreislauf, bei dem in anfänglicher Anarchie entschlossene Gewaltmenschen die Initiative ergreifen und als Tyrannen und Könige die Macht ergreifen, um dann von rebellierenden Aristokraten und Oligarchen abgelöst zu werden, die allerdings wiederum der allgemeinen Volksherrschaft Platz machen müssen, wenn sich der demos gegen sie erhebt. Weiter geht es so:

Haben sie dann die einen von ihnen getötet die andern in die Verbannung gejagt, so wagen sie weder einen König an ihre Spitze zu stellen, da sie deren frühere Ungerechtigkeit noch fürchten, noch haben sie den Mut, den Staat einer Schar von Wenigen anzuvertrauen, da ihnen noch deren bisherige Verblendung vor Augen steht, so wenden sie sich denn, da ihnen nur eine einzige Hoffnung ungetrübt bleibt, die zu sich selber, dieser zu, machen die Staatsverfassung aus einer oligarchischen zu einer Demokratie und übernehmen selber die Vorsorge und den Schutz des Gemeinwesens. Und so lange noch einige von denen am Leben sind, welche die Willkür- und Gewaltherrschaft durch Erfahrung kennengelernt haben, halten sie zufrieden mit der nunmehrigen Verfassung die Gleichberechtigung und die Freiheit der Rede in Ehren.

Wenn aber ein junges Geschlecht an deren Stelle tritt und die Demokratie wieder an Kinder und Kindeskinder überliefert wird, dann suchen einige, indem sie wegen der langen Gewohnheit die Gleichberechtigung und Freiheit der Rede nicht mehr für etwas Großes achten, mehr zu gelten als das Volk; hauptsächlich aber geraten die, welche an Vermögen hervorragen, auf diesen Abweg. Wenn solche nunmehr sich nach Ämtern drängen und diese nicht durch sich selber und durch eigene Tüchtigkeit erlangen können, so vergeuden sie Hab und Gut indem sie die Menge auf jede Weise zu ködern und zu verführen suchen. Haben sie diese nun einmal in Folge ihrer unsinnigen Ämtergier empfänglich und gierig nach Geschenken gemacht, dann löst sich auch die Demokratie wieder auf, und an die Stelle der Demokratie tritt Gewalt und Herrschaft der Faust. Denn ist die Menge einmal daran gewöhnt, sich von fremdem Gute zu nähren und ihre Blicke bei ihrem Lebensunterhalt auf die Besitzungen anderer zu richten, und bekommt sie einen hochstrebenden und entschlossenen Führer, der aber durch Armut von den Ehrenstellen im Staate ausgeschlossen ist, so schafft dieser dann eine Herrschaft der Faust, und um ihn geschart schreitet das Volk zu Mord, Verbannungen und neuen Verteilungen des Landes, bis es völlig verwildert wieder einen Zwingherrn und Monarchen findet.

(Quelle, Rechtschreibung und Wortwahl leicht modernisiert)

Es wäre noch zu diskutieren, ob Trump zu denjenigen gehört, »welche an Vermögen hervorragen« und mehr gelten wollen als das Volk (das könnten aber auch die Clintons und ihre Gesellschaftsschicht sein), oder zu den »entschlossenen Führern«, um die herum sich das Volk schart, um die Verhältnisse zum Tanzen bringen (wie man vor ein paar Jahrzehnten zu sagen pflegte). Durch »Armut« zeichnet er sich natürlich nicht gerade aus, aber der Wille zur Umwälzung alles Bestehendem scheint ihm ja nicht abzugehen. Vielleicht spielt er beide Rollen auf einmal.

Wer es noch etwas apokalyptischer haben möchte, darf diese Woche beim Erzdruiden vorbeischauen (nein, nicht der von Reichsbürgern): How Great the Fall Can Be.

»Paterson«: Ausflug ins letzte Jahrtausend

Eigentlich war alles wie immer. Die verschrobenen Figuren ohne jede Vorgeschichte. Die sanfte Blödheit irgendeines Krähwinkels, in dem trotz aller Gottverlassenheit Kunst und Poesie aufscheinen. Die Gaga-Dialoge (ein Japaner setzt sich neben einen heimlich als Dichter tätigen Busfahrer und fragt ihn aus blauem Himmel heraus, ob er vielleicht Dichter sei). Die maximal zwei Gesichtsausdrücke des Hauptdarstellers (der allerdings schon in Episode VII nicht durch sonderlich komplexes Minenspiel auffiel). Die schwarzen Hipster aus Brooklyn, die sich aus einem frühen Spike-Lee-Film nach New Jersey verirrt haben. Die Lakonie hoch zehn. Die liebevoll zur Schau gestellten kleinen Peinlichkeiten des Alltags. Die Feier der Idiosynkrasie.

In den Achtzigern, als wir alle in unserer eigenen kleinen Welt lebten, war Jim Jarmusch mit diesem Stil auf der Höhe der Zeit. Kein großes Drama, keine Welthaltigkeit, keine Politik. Stattdessen diese typische Punk-Haltung, die gesamte Geistes- und Kulturgeschichte erst mal auf einen großen Müllhaufen zu werfen, um sich dann hier und da völlig zusammenhanglose Einzelstücke herauszupicken, die man in poetischer Zärtlichkeit hütet wie einen unendlich wertvollen Schatz (in Paterson die Gedichte William Carlos Williams‘). Dazu ein Lied von Tom Waits, der allerdings dieses Mal fehlte.

Ich habe diese Filme geliebt damals. Als Night on Earth lief, bin ich selbst Taxi gefahren und hätte sofort eine Episode beisteuern können. Es war, als hätte jemand mein Leben gespiegelt. Ich konnte jahrelang Roberto Benignis »Very difficult to catch rabbit«-Szene aus Down by Law nachspielen. Aus Begeisterung wurde selbst Idiosynkrasie.

Heute sehe ich Jarmuschs neuesten Film und werde schmerzhaft daran erinnert, wie weit entfernt das alles ist. Die Welt lässt sich nicht mehr ignorieren, das große Drama ist längst zurück auf der Bühne, und die Umstände verlangen nach Entscheidungen, von denen man vor dreißig Jahren nicht im Geringsten erwartete, sie einmal treffen zu müssen. Es passt nicht mehr.

Ich weiß nicht einmal, ob das schlecht ist. Man lebt schon sehr privilegiert, wenn man sich in seine Nische verkriechen kann, ohne dafür irgendeinen Preis zahlen zu müssen. Und Permanent Vacation ist wahrscheinlich eher eine Drohung als ein Glücksversprechen.

Allerdings muss ich zugeben, dass die Gedichte sehr schön waren.

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