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Kategorie: C. G. Jung

Der Kohlestrom des B√∂sen

Kohlekraftwerk Mehrum

Neu¬≠lich frag¬≠ten die Kin¬≠der, wie eigent¬≠lich Ver¬≠schw√∂¬≠rungs¬≠theo¬≠rien ent¬≠ste¬≠hen. Auch in unse¬≠rem ver¬≠tr√§um¬≠ten klei¬≠nen Dorf kein unge¬≠w√∂hn¬≠li¬≠ches The¬≠ma, denn es gibt wohl nichts, von dem unse¬≠re Zeit so beses¬≠sen w√§re, wie die Vor¬≠stel¬≠lung, irgend¬≠wel¬≠che fins¬≠te¬≠ren M√§ch¬≠te w√ľr¬≠den im Hin¬≠ter¬≠grund die F√§den zie¬≠hen. Auch unter den Alters¬≠ka¬≠me¬≠ra¬≠den unse¬≠res Nach¬≠wuch¬≠ses haben sich schon gewis¬≠se Zwei¬≠fel an Neil Arm¬≠strongs Mond¬≠spa¬≠zier¬≠gang oder der Unge¬≠f√§hr¬≠lich¬≠keit von Kon¬≠dens¬≠strei¬≠fen breit¬≠ge¬≠macht, und sp√§¬≠te¬≠re His¬≠to¬≠ri¬≠ker wer¬≠den unse¬≠re Epo¬≠che sicher als ¬ĽKon¬≠spi¬≠ra¬≠ti¬≠ve¬ę bezeichnen.

Nun h√§t¬≠te ich ein¬≠fach ant¬≠wor¬≠ten k√∂n¬≠nen, dass es eben manch¬≠mal Ver¬≠schw√∂¬≠run¬≠gen gibt ‚Äď Water¬≠ga¬≠te, Sad¬≠dam Hus¬≠seins angeb¬≠li¬≠che Mas¬≠sen¬≠ver¬≠nich¬≠tungs¬≠waf¬≠fen oder die Rol¬≠le der CIA bei der F√∂r¬≠de¬≠rung der abs¬≠trak¬≠ten Kunst. Und bei den √ľbli¬≠cher¬≠wei¬≠se als ¬ĽTheo¬≠rie¬ę bezeich¬≠ne¬≠ten Ver¬≠schw√∂¬≠run¬≠gen wis¬≠se man es nur noch nicht so genau. Aber gemeint waren nat√ľr¬≠lich Gedan¬≠ken¬≠kon¬≠struk¬≠te, die so weit jen¬≠seits der Plau¬≠si¬≠bi¬≠li¬≠t√§t ange¬≠sie¬≠delt sind, dass ande¬≠re Fak¬≠to¬≠ren im Spiel sein m√ľs¬≠sen: au√üer¬≠ir¬≠di¬≠sche Rep¬≠ti¬≠lo¬≠ide, Area 51, Prieu¬≠r√© de Sion und der¬≠glei¬≠chen. Ich kram¬≠te also zusam¬≠men, was mir so ein¬≠fiel: die mensch¬≠li¬≠che Nei¬≠gung zur Reduk¬≠ti¬≠on kom¬≠ple¬≠xer Zusam¬≠men¬≠h√§n¬≠ge auf ¬ĽGut gegen B√∂se¬ę, die unbe¬≠wuss¬≠te Pro¬≠jek¬≠ti¬≠on der eige¬≠nen schlech¬≠ten Eigen¬≠schaf¬≠ten auf ande¬≠re (C. G. Jungs ¬ĽSchat¬≠ten¬ę), die Selbst¬≠sti¬≠li¬≠sie¬≠rung der Ver¬≠schw√∂¬≠rungs¬≠gl√§u¬≠bi¬≠gen zu Teil¬≠ha¬≠bern von eli¬≠t√§¬≠rem ¬ĽGeheim¬≠wis¬≠sen¬ę und die Nei¬≠gung, in Stress¬≠si¬≠tua¬≠tio¬≠nen Kau¬≠sa¬≠li¬≠t√§¬≠ten zu sehen, wo kei¬≠ne sind. So rich¬≠tig zufrie¬≠den war ich damit aller¬≠dings selbst nicht.

Bis dann eini¬≠ge Tage sp√§¬≠ter im Lokal¬≠teil unse¬≠rer Zei¬≠tung eine Mel¬≠dung ins Haus flat¬≠ter¬≠te, die mir eine unver¬≠hoff¬≠te Erleuch¬≠tung ver¬≠schaff¬≠te. Dazu muss ich erl√§u¬≠tern, dass der Teil Nord¬≠deutsch¬≠lands, in dem wir leben, in den letz¬≠ten zwan¬≠zig Jah¬≠ren mit nicht uner¬≠heb¬≠li¬≠chen Men¬≠gen von Wind¬≠r√§¬≠dern voll¬≠ge¬≠stellt wor¬≠den ist, deren Strom nun dort¬≠hin trans¬≠por¬≠tiert wer¬≠den soll, wo er gebraucht wird ‚Äď also in der Regel ein paar hun¬≠dert Kilo¬≠me¬≠ter wei¬≠ter s√ľd¬≠lich. Wenn man Strom an Orten erzeugt, wo vor¬≠her kein Strom erzeugt wur¬≠de, ist es nur logisch, dass man neue Strom¬≠tras¬≠sen und Umspann¬≠wer¬≠ke bau¬≠en muss, bei¬≠des ist bei¬≠spiels¬≠wei¬≠se in der N√§he unse¬≠res ver¬≠tr√§um¬≠ten klei¬≠nen Dor¬≠fes geplant. Ich selbst bin abso¬≠lut dage¬≠gen und habe auch kei¬≠ne mora¬≠li¬≠schen Bauch¬≠schmer¬≠zen des¬≠we¬≠gen ‚Äď es ist nichts ver¬≠kehrt an dem Wunsch, die Strom¬≠pro¬≠duk¬≠ti¬≠on auf erneu¬≠er¬≠ba¬≠re Quel¬≠len umzu¬≠stel¬≠len, aber solan¬≠ge es kei¬≠ne tech¬≠nisch zuver¬≠l√§s¬≠si¬≠gen, kos¬≠ten¬≠g√ľns¬≠ti¬≠gen Spei¬≠cher¬≠m√∂g¬≠lich¬≠kei¬≠ten und kei¬≠ne wirk¬≠lich trag¬≠f√§¬≠hi¬≠ge Neu¬≠kon¬≠zep¬≠ti¬≠on des Strom¬≠net¬≠zes gibt, ist das alles nur plan- und kopf¬≠lo¬≠ser Aktio¬≠nis¬≠mus, der ver¬≠tr√§um¬≠te klei¬≠ne D√∂r¬≠fer in einen rie¬≠si¬≠gen, trost¬≠lo¬≠sen Indus¬≠trie¬≠park verwandelt.

Ener­gie­wen­de am Spätnachmittag

√Ąhn¬≠li¬≠cher Ansicht, so ver¬≠riet es mir jeden¬≠falls das Lokal¬≠blatt, scheint ein Rats¬≠mit¬≠glied in einer nahen Klein¬≠stadt zu sein, an der eben¬≠falls eine der neu geplan¬≠ten Strom¬≠tras¬≠sen vor¬≠bei¬≠f√ľh¬≠ren soll. Die Gew√§hrs¬≠per¬≠son (n√§he¬≠re Anga¬≠ben spa¬≠re ich mir) hat sogar eine Online-Peti¬≠ti¬≠on gestar¬≠tet, in der das Bun¬≠des¬≠um¬≠welt¬≠mi¬≠nis¬≠te¬≠ri¬≠um auf¬≠ge¬≠for¬≠dert wird, den Hoch¬≠span¬≠nungs-Tras¬≠sen¬≠bau umge¬≠hend zu stop¬≠pen. Etwas ver¬≠wir¬≠rend ist aller¬≠dings, dass es sich dabei um das Mit¬≠glied einer Par¬≠tei han¬≠delt, die in ihrem Namen die Far¬≠be fri¬≠schen Gra¬≠ses f√ľhrt und eben jenes ¬ĽErneu¬≠er¬≠ba¬≠re-Ener¬≠gien-Gesetz¬ę mit auf den Weg gebracht hat, dem wir das meta¬≠sta¬≠sen¬≠ar¬≠ti¬≠ge Wachs¬≠tum von Wind¬≠parks und neu¬≠en Lei¬≠tun¬≠gen √ľber¬≠haupt zu ver¬≠dan¬≠ken haben. Noch ver¬≠wir¬≠ren¬≠der: Das besag¬≠te Rats¬≠mit¬≠glied sitzt sogar im Vor¬≠stand einer √∂rt¬≠li¬≠chen Genos¬≠sen¬≠schaft, deren Zweck die ¬ĽErrich¬≠tung und Unter¬≠hal¬≠tung von Anla¬≠gen zur Erzeu¬≠gung rege¬≠ne¬≠ra¬≠ti¬≠ver Ener¬≠gien, ins¬≠be¬≠son¬≠de¬≠re Solar¬≠an¬≠la¬≠gen und Wind¬≠kraft¬≠an¬≠la¬≠gen¬ę ist.

Und am ver¬≠wir¬≠rends¬≠ten ist schlie√ü¬≠lich die Begr√ľn¬≠dung f√ľr die Online-Peti¬≠on. Dort wird n√§m¬≠lich behaup¬≠tet, dass zwei von drei der neu¬≠en Tras¬≠sen dem Trans¬≠port von Koh¬≠le¬≠strom dien¬≠ten.

Wei­ter­le­sen

Gärten des Grauens

Jeder kennt das: Der Rasen sieht aus wie ein Tep¬≠pich. Die gehark¬≠ten Wege drum her¬≠um ver¬≠lau¬≠fen wie mit dem Line¬≠al gezo¬≠gen. Damit das Gras nicht √ľber die R√§n¬≠der wuchert, hat man es mit Spe¬≠zi¬≠al¬≠werk¬≠zeug gestutzt und zur Sicher¬≠heit noch genau gleich¬≠m√§¬≠√üig den Rand des Sodens neben der Weg¬≠ein¬≠fas¬≠sung abge¬≠sto¬≠chen. Auf den Bee¬≠ten fin¬≠det sich nicht eine ein¬≠zi¬≠ge ver¬≠welk¬≠te Bl√ľ¬≠te, daf√ľr ist alles h√ľbsch in Torf ein¬≠ge¬≠packt, und an den schat¬≠ti¬≠gen Stel¬≠len kommt die che¬≠mi¬≠sche Keu¬≠le zum Ein¬≠satz, um den Giersch aus¬≠zu¬≠mer¬≠zen. Pas¬≠send dazu eine Gar¬≠ten¬≠m√∂¬≠bel¬≠gar¬≠ni¬≠tur, von deren leder¬≠nen Sitz¬≠fl√§¬≠chen man essen k√∂nn¬≠te, und eine Hecke, die alle zwei Wochen mit der Nagel¬≠sche¬≠re auf 1 Meter 55 gehal¬≠ten wird. Im Herbst nicht ein ein¬≠zi¬≠ges Blatt Laub. Und wenn doch, wird sofort die H√∂l¬≠len¬≠ma¬≠schi¬≠ne ange¬≠wor¬≠fen, um es wegzublasen.

War¬≠um macht man so etwas? Muss das sein? Ist das sch√∂n? Sicher, auch Hip¬≠pie-G√§r¬≠ten brau¬≠chen Pfle¬≠ge, und dass der Giersch sich √ľber¬≠all breit macht, ist nir¬≠gend¬≠wo ger¬≠ne gese¬≠hen. Aber war¬≠um muss alles so geord¬≠net und geo¬≠me¬≠trisch sein? Was treibt Men¬≠schen dazu, viel Schwei√ü und Arbeit dar¬≠in zu inves¬≠tie¬≠ren, jedes biss¬≠chen Leben¬≠dig¬≠keit aus ihren G√§r¬≠ten zu vertreiben?

Gut, sagt ihr, das sind Spie¬≠√üer, und Spie¬≠√üer sind eben so. Aber da macht man es sich in biss¬≠chen leicht. Was ist das schlie√ü¬≠lich √ľber¬≠haupt, ein Spie¬≠√üer? Und war¬≠um mag er kei¬≠nen Wild¬≠wuchs? Er k√∂nn¬≠te sich ja vor den Fern¬≠se¬≠her h√§n¬≠gen (ja, es han¬≠delt sich meist um √§lte¬≠re Zeit¬≠ge¬≠nos¬≠sen), ein Bier auf¬≠ma¬≠chen und in Ruhe das Gras wach¬≠sen las¬≠sen. Was st√∂rt ihn daran?

Und was mag er da in Wirk¬≠lich¬≠keit nicht? Gehen wir in der Zeit zur√ľck, ein paar hun¬≠dert oder tau¬≠send Jah¬≠re. Da gab es noch wirk¬≠li¬≠che Wild¬≠nis, rie¬≠si¬≠ge W√§l¬≠der vol¬≠ler gef√§hr¬≠li¬≠cher Tie¬≠re und wild wuchern¬≠der Natur. Und dann kamen Leu¬≠te mit Stein¬≠√§x¬≠ten, sp√§¬≠ter waren sie aus Metall, und f√§ll¬≠ten B√§u¬≠me, bau¬≠ten aus dem Holz und Lehm geo¬≠me¬≠trisch sau¬≠ber geord¬≠ne¬≠te Struk¬≠tu¬≠ren, in denen sie leb¬≠ten, und teil¬≠ten das gero¬≠de¬≠te Land in vier¬≠ecki¬≠ge St√ľ¬≠cke, auf denen Sie Boh¬≠nen oder Ein¬≠korn anbau¬≠ten und die sie mit Flecht¬≠z√§u¬≠ne gegen das im Wald wei¬≠den¬≠de Vieh und fre¬≠che Rehe sch√ľtz¬≠ten. Jedes ein¬≠ge¬≠z√§un¬≠te St√ľck Land war ein Sieg √ľber die Natur, die das Men¬≠schen¬≠tier in sei¬≠ner Inkar¬≠na¬≠ti¬≠on als J√§ger und Samm¬≠ler nur recht d√ľrf¬≠tig an ihren Sch√§t¬≠zen teil¬≠ha¬≠ben lie√ü. Gera¬≠de Lini¬≠en sind prak¬≠tisch, um beim Pfl√ľ¬≠gen nicht die Ori¬≠en¬≠tie¬≠rung zu ver¬≠lie¬≠ren, und wer sein Gem√ľ¬≠se von Wild¬≠kr√§u¬≠tern √ľber¬≠wu¬≠chern l√§sst, wird im n√§chs¬≠ten Win¬≠ter Pro¬≠ble¬≠me haben, an aus¬≠rei¬≠chend Vit¬≠ami¬≠ne zu kommen.

So weit, so gut. Aber, so sagt ihr zu Recht, das gilt heu¬≠te doch gar nicht mehr. Drau¬≠√üen, jen¬≠seits des Gar¬≠ten¬≠zauns erstreckt sich kei¬≠ne wuchern¬≠de Wild¬≠nis, son¬≠dern ein eben¬≠so geo¬≠me¬≠trisch geord¬≠ne¬≠tes Acker¬≠land, auf dem hekt¬≠ar¬≠wei¬≠se √∂de Mono¬≠kul¬≠tu¬≠ren aus Raps, Wei¬≠zen oder Mais anein¬≠an¬≠der¬≠ge¬≠reiht ste¬≠hen. In Deutsch¬≠land gibt es nicht ein ein¬≠zi¬≠ges Fle¬≠cken Erde, dass dem Gestal¬≠tungs¬≠wil¬≠len des Men¬≠schen ent¬≠kom¬≠men w√§re, sogar ‚ÄúNatio¬≠nal¬≠parks‚ÄĚ muss man ein¬≠rich¬≠ten und so ummo¬≠deln, dass sie aus¬≠se¬≠hen wie der Urwald, von dem die St√§d¬≠ter tr√§u¬≠men. Und trotz¬≠dem wird der eige¬≠ne Gar¬≠ten gehegt und gepflegt, als gel¬≠te es immer noch, die b√∂se Natur im Schach zu hal¬≠ten, die einem die Fr√ľch¬≠te schwei√ü¬≠trei¬≠ben¬≠der Feld¬≠ar¬≠beit weg¬≠neh¬≠men will. Haben sich die Leu¬≠te nur irgend¬≠wie im Jahr¬≠hun¬≠dert geirrt oder k√∂n¬≠nen ein¬≠fach nicht von alten Gewohn¬≠hei¬≠ten lassen?

Die Ant¬≠wort d√ľrf¬≠te tief in den dunk¬≠len Geheim¬≠nis¬≠sen der deut¬≠schen See¬≠le, ja der See¬≠le des Euro¬≠p√§¬≠ers schlecht¬≠hin ver¬≠bor¬≠gen lie¬≠gen. Nein, ich kom¬≠me jetzt nicht mit Freuds ana¬≠ler Pha¬≠se und Ador¬≠nos auto¬≠ri¬≠t√§¬≠rem Cha¬≠rak¬≠ter. Sehen wir uns lie¬≠ber an, was C.G. Jung in Traum und Traum¬≠deu¬≠tung √ľber die Bezie¬≠hung des Unbe¬≠wuss¬≠ten zur Natur zu sagen hatte:

Wir haben kei­ne Busch­see­le mehr, die uns mit einem wil­den Tier iden­ti­fi­ziert. Unse­re direk­te Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Natur ist zusam­men mit der damit ver­bun­de­nen beträcht­li­chen emo­tio­na­len Ener­gie im Unbe­wuss­ten versunken.

Soll¬≠te der Gar¬≠ten des Grau¬≠ens also eine Art unbe¬≠wuss¬≠ter Kom¬≠mu¬≠ni¬≠ka¬≠ti¬≠on mit der Natur sein? Noch zen¬≠tra¬≠ler ist hier wohl der Vor¬≠gang der Pro¬≠jek¬≠ti¬≠on: Die Inhal¬≠te des Unbe¬≠wuss¬≠ten k√∂n¬≠nen wir direkt nicht erfas¬≠sen (sonst w√§re es ja nicht unbe¬≠wusst), son¬≠dern nur auf dem Wege der Pro¬≠ji¬≠zie¬≠rung die¬≠ser Inhal¬≠te auf die Objek¬≠te der Au√üen¬≠welt. Die¬≠se Pro¬≠ji¬≠zie¬≠rung funk¬≠tio¬≠niert ganz auto¬≠ma¬≠tisch, und sie funk¬≠tio¬≠niert des¬≠halb, weil es irgend¬≠et¬≠was in die¬≠ser Au√üen¬≠welt gibt, das √ľber eine asso¬≠zia¬≠ti¬≠ve gedank¬≠li¬≠che Ver¬≠kn√ľp¬≠fung mit einem Inhalt der unbe¬≠wuss¬≠ten Psy¬≠che par¬≠al¬≠lel gesetzt wer¬≠den kann.

Was aber fin¬≠den wir, wenn wir tief in das Unbe¬≠wuss¬≠te des abend¬≠l√§n¬≠di¬≠schen Chris¬≠ten¬≠men¬≠schen eben¬≠so wie in das sei¬≠nes athe¬≠is¬≠tisch-auf¬≠ge¬≠kl√§r¬≠ten Vet¬≠ters schau¬≠en? All jene m√ľh¬≠sam ver¬≠dr√§ng¬≠te Wild¬≠heit, Grau¬≠sam¬≠keit und Unb√§n¬≠dig¬≠keit, die wir tra¬≠di¬≠tio¬≠nell der ‚ÄúNatur‚ÄĚ zuschrei¬≠ben (mit his¬≠to¬≠risch durch¬≠aus guten Gr√ľn¬≠den, sie¬≠he oben), und die vom Chris¬≠ten¬≠tum zu den Wer¬≠ken des Satans gez√§hlt, von der Auf¬≠kl√§¬≠rung aber in die Schmud¬≠del¬≠ecke des Aso¬≠zia¬≠len ver¬≠wie¬≠sen wird ‚Äď mit jeweils √§hn¬≠li¬≠chem Resul¬≠tat. C.G. Jung zufol¬≠ge ist das gro¬≠√üe Pro¬≠blem der euro¬≠p√§i¬≠schen Kul¬≠tur die feh¬≠len¬≠de Inte¬≠gra¬≠ti¬≠on die¬≠ses ‚ÄúSchat¬≠ten¬≠ar¬≠che¬≠typs‚ÄĚ in die Gesamt¬≠per¬≠s√∂n¬≠lich¬≠keit, d. h. die ein¬≠sei¬≠ti¬≠ge Beto¬≠nung des Chris¬≠tus¬≠vor¬≠bilds, das noch im Ide¬≠al des auf¬≠ge¬≠kl√§r¬≠ten Men¬≠schen wei¬≠ter¬≠wirkt, der sich Tech¬≠nik und Natur¬≠wis¬≠sen¬≠schaf¬≠ten bedient, um die Welt sei¬≠nem Wil¬≠len zu unter¬≠wer¬≠fen. Ein voll ent¬≠wi¬≠ckel¬≠tes ‚ÄúSelbst‚ÄĚ kann erst ent¬≠ste¬≠hen, wenn der Schat¬≠ten im Ver¬≠lauf einer Indi¬≠vi¬≠dua¬≠ti¬≠on bewusst und zum akzep¬≠tier¬≠ten Teil der Per¬≠s√∂n¬≠lich¬≠keit wird ‚Äď ohne die¬≠se zu beherr¬≠schen und ohne die F√§hig¬≠keit des Men¬≠schen zum Leben in Gemein¬≠schaft mit ande¬≠ren zu beeintr√§chtigen.

Das ist nat√ľr¬≠lich eine schwie¬≠ri¬≠ge Kunst, die der Psy¬≠che eini¬≠ges an Ener¬≠gie abver¬≠langt (‚ÄúEs muss aller¬≠dings aner¬≠kannt wer¬≠den, da√ü man nichts schwe¬≠rer ertr√§gt als sich selbst.‚ÄĚ, C.G. Jung: Die Bezie¬≠hun¬≠gen zwi¬≠schen dem Ich und dem Unbe¬≠wu√ü¬≠ten, Zwei¬≠ter Teil, Die Indi¬≠vi¬≠dua¬≠ti¬≠on, S. 110), und so ver¬≠wun¬≠dert es nicht, dass man den gan¬≠zen Plun¬≠der am liebs¬≠ten ein¬≠fach in den Kel¬≠ler tr√§gt, mit g√∂tt¬≠li¬≠chem Bei¬≠stand die T√ľr zum Auf¬≠gang ver¬≠ram¬≠melt und hofft, ihn dadurch los¬≠zu¬≠wer¬≠den. Was nat√ľr¬≠lich nie¬≠mals gelingt.

Denn der Schat¬≠ten klopft sofort wie¬≠der an der Vor¬≠der¬≠t√ľr an und will her¬≠ein, dies¬≠mal aber nicht als offen¬≠sicht¬≠li¬≠cher Teil der eige¬≠nen Per¬≠s√∂n¬≠lich¬≠keit, son¬≠dern in Gestalt des macht¬≠l√ľs¬≠ter¬≠nen Aus¬≠l√§n¬≠ders (die eige¬≠ne Macht¬≠lust!), des hab¬≠gie¬≠ri¬≠gen Juden (die eige¬≠ne Hab¬≠gier!), des gei¬≠zi¬≠gen Kapi¬≠ta¬≠lis¬≠ten (der eige¬≠ne Geiz!) oder eben in Form der wild wuchern¬≠den Natur, die man unbe¬≠dingt in Schach hal¬≠ten muss, um die eige¬≠ne Wild¬≠heit nicht aner¬≠ken¬≠nen zu m√ľs¬≠sen. So wird doch auf recht ein¬≠fa¬≠che Wei¬≠se ein Schuh draus ‚Äď der Gar¬≠ten Eden in der west¬≠li¬≠chen Tra¬≠di¬≠ti¬≠on ist nun mal ein Gar¬≠ten, kein Urwald. Man fin¬≠det die¬≠se Men¬≠ta¬≠li¬≠t√§t nicht zuf√§l¬≠lig beson¬≠ders aus¬≠ge¬≠pr√§gt in den pro¬≠tes¬≠tan¬≠ti¬≠schen Gebie¬≠ten, wo der Kampf mit dem Teu¬≠fel bekannt¬≠lich im eige¬≠nen Gewis¬≠sen aus¬≠ge¬≠foch¬≠ten wer¬≠den muss, w√§h¬≠rend man katho¬≠li¬≠scher¬≠seits wie √ľblich ein biss¬≠chen g‚Äôschlamperter sein kann, weil man‚Äôs in der Beich¬≠te dann ja eh wie¬≠der loswird.

Wie die¬≠se Men¬≠ta¬≠li¬≠t√§t in den letz¬≠ten zwei¬≠hun¬≠dert Jah¬≠ren die Umwand¬≠lung Deutsch¬≠lands in die wohl¬≠ge¬≠ord¬≠ne¬≠te √Ėdnis unse¬≠rer Gegen¬≠wart vor¬≠an¬≠ge¬≠trie¬≠ben hat, wird ein¬≠ge¬≠hend ‚Äď wenn auch ohne die Bezug¬≠nah¬≠me auf das Unbe¬≠wuss¬≠te und die Ana¬≠ly¬≠ti¬≠sche Psy¬≠cho¬≠lo¬≠gie ‚Äď in dem sehr erhel¬≠len¬≠den Buch Die Erobe¬≠rung der Natur: Eine Geschich¬≠te der Deut¬≠schen Land¬≠schaft des bri¬≠ti¬≠schen His¬≠to¬≠ri¬≠kers David Black¬≠bourne beschrie¬≠ben. Wir sehen hier in dem Spie¬≠gel, den uns ein aus¬≠l√§n¬≠di¬≠scher Wis¬≠sen¬≠schaft¬≠ler vor¬≠h√§lt, all jene ‚Äúgro¬≠√üen Pro¬≠jek¬≠te‚ÄĚ, mit denen die Deut¬≠schen ihre Natur unter¬≠wor¬≠fen haben ‚Äď von der Begra¬≠di¬≠gung des Rheins durch Tul¬≠la √ľber die Tro¬≠cken¬≠le¬≠gung des Oder¬≠bruchs und die Ein¬≠dei¬≠chung der nord¬≠west¬≠deut¬≠schen See¬≠mar¬≠schen bis hin zu den Kul¬≠ti¬≠vie¬≠rungs¬≠pro¬≠jek¬≠ten der Nazis im besetz¬≠ten Ost¬≠eu¬≠ro¬≠pa. Zwar sahen eini¬≠ge Zeit¬≠ge¬≠nos¬≠sen auch den enor¬≠men Ver¬≠lust an Bio¬≠di¬≠ver¬≠si¬≠t√§t, den etwa Theo¬≠dor Fon¬≠ta¬≠ne am Bei¬≠spiel des Oder¬≠bruchs als ‚ÄúVer¬≠nich¬≠tungs¬≠krieg gegen Wild¬≠bret und Gefl√ľ¬≠gel‚ÄĚ bezeich¬≠ne¬≠te, aber viel wich¬≠ti¬≠ger ist das Gef√ľhl der neu¬≠en Sied¬≠ler und ihrer Nach¬≠kom¬≠men, nun in einem ‚ÄúPara¬≠dies‚ÄĚ zu leben (das dann im Fall der Gebie¬≠te √∂st¬≠lich der Oder nach 1945 zu einem ‚Äúver¬≠lo¬≠re¬≠nen‚ÄĚ Para¬≠dies wur¬≠de), das von Men¬≠schen¬≠hand in √úber¬≠ein¬≠stim¬≠mung mit dem g√∂tt¬≠li¬≠chen Plan geschaf¬≠fen wor¬≠den war.

Zwangs¬≠l√§u¬≠fig konn¬≠ten Ver¬≠trie¬≠ben¬≠en¬≠dich¬≠ter wie Agnes Mie¬≠gel die Abtre¬≠tung der Hei¬≠mat an Polen und die Sowjet¬≠uni¬≠on auch nicht anders sehen als unter dem Vor¬≠zei¬≠chen einer vor¬≠geb¬≠li¬≠chen R√ľck¬≠kehr der Wildnis:

O kalt weht der Wind √ľber lee¬≠res Land,
O leich¬≠ter weht Asche als Staub und Sand!
Und die Nes¬≠sel w√§chst hoch an geborst¬≠ner Wand,
Aber höher die Dis­tel am Ackerrand!

Fr√ľ¬≠her aber:

Da wog¬≠te der Rog¬≠gen wie See so weit,
Da klang aus den Erlen der Spros­ser Singen
Wenn Her­de und Foh­len zur Trän­ke gingen,
Hof auf, Hof ab, wie ein Herz so sacht,
Klang das Klop¬≠fen der Sen¬≠sen in hel¬≠ler Nacht,
Und Heu¬≠kahn an Heu¬≠kahn lag still auf dem Strom

[…]

Gar¬≠be an Gar¬≠be im Fel¬≠de stand.
H√ľgel auf, H√ľgel ab, bis zum H√ľnengrab
Stan¬≠den die Hocken, brot¬≠duf¬≠tend und hoch,

(Agnes Mie­gel, Es war ein Land)

Hier klingt das Bild einer wohl¬≠ge¬≠ord¬≠ne¬≠ten, gr√ľ¬≠nen Kul¬≠tur¬≠land¬≠schaft an, die der wil¬≠den Natur abge¬≠run¬≠gen wur¬≠de, und die nun wie¬≠der, unter sowje¬≠ti¬≠scher Herr¬≠schaft, in den Zustand der wil¬≠den, z√ľgel¬≠lo¬≠sen Natur zur√ľck¬≠kehrt, der die deut¬≠schen Sied¬≠ler einst¬≠mals Ein¬≠halt gebo¬≠ten hatten.

Das also ist das anfangs beschrie¬≠be¬≠ne Spie√ü¬≠er¬≠gl√ľck: ein Gar¬≠ten Eden, aus dem alles B√∂se und Wil¬≠de ver¬≠trie¬≠ben wur¬≠de und des¬≠sen Gren¬≠zen st√§n¬≠dig gegen den Wie¬≠der¬≠ein¬≠fall der ver¬≠dr√§ng¬≠ten D√§mo¬≠nen des eige¬≠nen Unbe¬≠wuss¬≠ten ver¬≠tei¬≠digt wer¬≠den m√ľs¬≠sen. Him¬≠mel hilf den armen, ver¬≠lo¬≠re¬≠nen See¬≠len! Jungs gro¬≠√ües Pro¬≠jekt der Indi¬≠vi¬≠dua¬≠ti¬≠on und der Inte¬≠gra¬≠ti¬≠on des Schat¬≠tens ist so n√∂tig wie eh und je, und mit jedem Tag w√§chst die Sehn¬≠sucht nach Wildnis.

Trotz­dem muss ich jetzt mal raus und das Aus­le­ger­wirr­war im Erd­beer­beet besei­ti­gen. Man muss halt irgend­wie die Balan­ce finden…

 

 

Warum Mittelalter?

Jedes Jahr zu Herbst¬≠be¬≠ginn spie¬≠len sich in der klei¬≠nen Stadt, die ein paar Kilo¬≠me¬≠ter wei¬≠ter fluss¬≠auf¬≠w√§rts liegt, wun¬≠der¬≠li¬≠che Sze¬≠nen ab: Men¬≠schen jeden Alters und jeder Pro¬≠fes¬≠si¬≠on wer¬≠fen sich in Leder, Ket¬≠ten¬≠hemd und Zobel¬≠pel¬≠z¬≠imi¬≠tat, um zwei Tage lang die G√§ss¬≠chen des alten Burg¬≠fle¬≠ckens mit einem ‚ÄúMit¬≠tel¬≠al¬≠ter¬≠markt‚ÄĚ zu bele¬≠ben, der mit dem ech¬≠ten Mit¬≠tel¬≠al¬≠ter in etwa so viel zu tun hat wie der Musi¬≠kan¬≠ten¬≠stadl mit wirk¬≠li¬≠cher Volks¬≠mu¬≠sik. Zum Auf¬≠takt schrei¬≠tet der Graf, der hier im 15. Jahr¬≠hun¬≠dert tat¬≠s√§ch¬≠lich resi¬≠dier¬≠te, von Bru¬≠der Bischof und Toch¬≠ter Non¬≠ne beglei¬≠tet auf den Platz und er√∂ff¬≠net das Spek¬≠ta¬≠kel, das angeb¬≠lich zu Ehren sei¬≠ner Toch¬≠ter abge¬≠hal¬≠ten wird, die in der Spiel¬≠hand¬≠lung soeben zur √Ąbtis¬≠sin ihres Kon¬≠vents erho¬≠ben wur¬≠de. Sp√§¬≠ter tau¬≠chen in der Regel noch ein Min¬≠ne¬≠s√§n¬≠ger auf, dann diver¬≠se Musik¬≠grup¬≠pen, die mit Trom¬≠mel und Schal¬≠mei zum Mit¬≠tel¬≠al¬≠ter-Folk auf¬≠spie¬≠len, dann tap¬≠fe¬≠re Rit¬≠ter, die sich in Erman¬≠ge¬≠lung einer ech¬≠ten Tur¬≠nier¬≠bahn Stroh¬≠s√§¬≠cke um die Ohren hau¬≠en, und schlie√ü¬≠lich zieht sp√§t nachts eine aben¬≠teu¬≠er¬≠lich aus¬≠staf¬≠fier¬≠te Bitt- und Bu√ü¬≠pro¬≠zes¬≠si¬≠on samt Pest¬≠kar¬≠ren und laut¬≠hals st√∂h¬≠nen¬≠den Kran¬≠ken durch die Markt¬≠stra¬≠√üen bis an den Fluss. Danach wird ordent¬≠lich Met getrunken.

√Ėrt¬≠li¬≠chen Tra¬≠di¬≠tio¬≠nen ist das nicht gera¬≠de ver¬≠pflich¬≠tet ‚Äď im Mit¬≠tel¬≠al¬≠ter kann¬≠te man hier wie in vie¬≠len Orten Nord¬≠deutsch¬≠lands einen j√§hr¬≠li¬≠chen ‚ÄúFrei¬≠markt‚ÄĚ, der zu Petri Ket¬≠ten¬≠fei¬≠er (1. August) abge¬≠hal¬≠ten wur¬≠de; M√§rk¬≠te au√üer¬≠halb der Regel waren ein eher sel¬≠te¬≠nes Ph√§¬≠no¬≠men. Und nur, weil eine Gra¬≠fen¬≠toch¬≠ter die Lei¬≠tung eines Klos¬≠ters √ľber¬≠nahm, h√§t¬≠te der Papa sicher nicht extra eine der¬≠ar¬≠ti¬≠ge Gro√ü¬≠ver¬≠an¬≠stal¬≠tung ins Leben geru¬≠fen. Das wur¬≠de schlicht erwar¬≠tet ‚Äď wozu sonst h√§t¬≠te er dem Klos¬≠ter eine gro√ü¬≠z√ľ¬≠gi¬≠ge j√§hr¬≠li¬≠che Geld¬≠ren¬≠te √ľber¬≠schrie¬≠ben? Auch die von den Ver¬≠an¬≠stal¬≠tern gespro¬≠che¬≠ne ‚ÄúMarkt¬≠spra¬≠che‚ÄĚ, ein put¬≠zi¬≠ges Kau¬≠der¬≠welsch aus Luther- und Barock¬≠deutsch (‚ÄúGebe er mir zwei Sil¬≠ber¬≠lin¬≠ge, dass Ein¬≠lass sei!‚ÄĚ), hat so rein gar nicht mit¬≠tel¬≠al¬≠ter¬≠li¬≠ches, denn in die¬≠ser Epo¬≠che sprach (und schrieb) man hier¬≠zu¬≠lan¬≠de Mit¬≠tel¬≠nie¬≠der¬≠deutsch, den alt¬≠ehr¬≠w√ľr¬≠di¬≠gen Vor¬≠fah¬≠ren des heu¬≠ti¬≠gen Platt¬≠deut¬≠schen. Und dann die Kos¬≠t√ľ¬≠me! Einer sieht aus wie ein Wikin¬≠ger, der n√§chs¬≠te wie ein ent¬≠fern¬≠ter Vet¬≠ter Albrecht D√ľrers, eine drit¬≠te hat sich beim Out¬≠fit von Vam¬≠pi¬≠rel¬≠la inspi¬≠rie¬≠ren las¬≠sen, und zu guter Letzt bie¬≠gen auch noch ein paar Pira¬≠ten um die Ecke, die es irgend¬≠wie von der Schild¬≠kr√∂¬≠ten¬≠in¬≠sel hier¬≠her ver¬≠schla¬≠gen hat.

Dem Enthu¬≠si¬≠as¬≠mus von Mit¬≠wir¬≠ken¬≠den und Zuschau¬≠ern tut das nicht den gerings¬≠ten Abbruch. Im Gegen¬≠teil, das Spek¬≠ta¬≠kel erfreut sich gr√∂√ü¬≠ter Beliebt¬≠heit ‚Äď bei klei¬≠nen Jungs, die ihre V√§ter zum Stand mit den Pappr√ľs¬≠tun¬≠gen zer¬≠ren, eben¬≠so wie bei Leh¬≠re¬≠rin¬≠nen, die sich in lan¬≠ge Samt¬≠ge¬≠w√§n¬≠der h√ľl¬≠len und ein Wochen¬≠en¬≠de lang das Spinn¬≠rad antrei¬≠ben, und Ver¬≠wal¬≠tungs¬≠fach¬≠an¬≠ge¬≠stell¬≠ten, die sich einen Topf¬≠helm auf¬≠set¬≠zen, eine Hel¬≠le¬≠bar¬≠de in die Hand neh¬≠men und br√ľl¬≠lend Befeh¬≠le ertei¬≠len. Irgend¬≠et¬≠was am Mit¬≠tel¬≠al¬≠ter fasziniert.

Wenn die fal¬≠schen Rit¬≠ter und Pest¬≠kran¬≠ken sich ihre krat¬≠zi¬≠gen Lei¬≠nen¬≠hem¬≠den √ľber¬≠wer¬≠fen, haben ein paar Kilo¬≠me¬≠ter wei¬≠ter s√ľd¬≠lich die, wie man in Bay¬≠ern sagt, ganz Vogel¬≠wil¬≠den schon wie¬≠der ihre Sachen gepackt und sich auf den Heim¬≠weg gemacht. Acht¬≠tau¬≠send sol¬≠len es angeb¬≠lich sein, die sich all¬≠j√§hr¬≠lich f√ľr ein paar Tage im August als Pala¬≠di¬≠ne, Drui¬≠den, Bar¬≠ba¬≠ren, Orks, Unto¬≠te oder Ele¬≠men¬≠tar¬≠we¬≠sen des Feu¬≠ers ver¬≠klei¬≠den und sich auf den Wei¬≠den eines alten Guts¬≠hofs gegen¬≠sei¬≠tig Gum¬≠mi¬≠schwer¬≠ter um die Ohren hau¬≠en. Sie tau¬≠chen ab in das mit Ana¬≠bo¬≠li¬≠ka auf¬≠ge¬≠pump¬≠te Mit¬≠tel¬≠al¬≠ter der Fan¬≠ta¬≠sy-B√ľcher und ‚ÄĎCom¬≠pu¬≠ter¬≠spie¬≠le, suchen nach Kraft¬≠kris¬≠tal¬≠len oder Zwer¬≠gen¬≠sch√§t¬≠zen, schmie¬≠den Alli¬≠an¬≠zen zwi¬≠schen Gro√ü¬≠f√ľrs¬≠ten und Hohe¬≠pries¬≠te¬≠rin¬≠nen oder ver¬≠su¬≠chen, das Sie¬≠gel der Alten zu bre¬≠chen, um am Ende (was auch sonst?) das B√∂se zu besie¬≠gen. Die Kos¬≠t√ľ¬≠me sind aus¬≠ge¬≠feil¬≠ter, aber noch unhis¬≠to¬≠ri¬≠scher als auf dem Gra¬≠fen¬≠markt, daf√ľr darf man sich hier hem¬≠mungs¬≠los nekro¬≠phi¬≠len und blut¬≠d√ľrs¬≠ti¬≠gen Phan¬≠tas¬≠te¬≠rei¬≠en hin¬≠ge¬≠ben und so tun, als sei der alte Eichen¬≠s√ľn¬≠der des Guts¬≠hofs ein Zau¬≠ber¬≠wald vol¬≠ler Dun¬≠kel¬≠el¬≠fen und Wargs.

Die Sze¬≠ne ist irgend¬≠wann aus den Pen-und-Paper- bzw. PC-Rol¬≠len¬≠spie¬≠len her¬≠vor¬≠ge¬≠gan¬≠gen. Man ver¬≠setzt sich nicht nur im Geis¬≠te in sei¬≠nen Spie¬≠le-Ava¬≠tar, son¬≠dern ver¬≠k√∂r¬≠pert die¬≠sen sozu¬≠sa¬≠gen selbst. Da aber die F√§hig¬≠kei¬≠ten eines Cha¬≠rak¬≠ters in einem Rol¬≠len¬≠spiel durch ein recht kom¬≠pli¬≠zier¬≠tes Punk¬≠te- und Regel¬≠sys¬≠tem fest¬≠ge¬≠legt sind, kann man nicht ein¬≠fach los¬≠zie¬≠hen und tat¬≠s√§ch¬≠li¬≠che Aben¬≠teu¬≠er erle¬≠ben (die ja nur des¬≠we¬≠gen aben¬≠teu¬≠er¬≠lich sind, weil man wirk¬≠lich etwas aufs Spiel setzt), son¬≠dern bewegt sich in einer mehr oder weni¬≠ger fest¬≠ge¬≠leg¬≠ten Geschich¬≠te, deren Ablauf von der Spiel¬≠lei¬≠tung mit¬≠hil¬≠fe der ‚ÄúNicht-Spie¬≠ler-Cha¬≠rak¬≠te¬≠re‚ÄĚ gesteu¬≠ert wird. Und wenn einem die Skill-Punk¬≠te zum Meu¬≠chel¬≠mord feh¬≠len, nutzt einem auch das kunst¬≠fer¬≠tigs¬≠te Real¬≠welt-Anschlei¬≠chen an den Feind nichts, wenn der gera¬≠de mit einem Zau¬≠ber¬≠trank sei¬≠nen Intui¬≠ti¬≠ons¬≠wert erh√∂ht hat und den √úber¬≠fall m√ľhe¬≠los abweh¬≠ren kann.

Dass man mich da nicht miss¬≠ver¬≠steht: Ich habe nichts gegen das Mit¬≠tel¬≠al¬≠ter. Schlie√ü¬≠lich bin ich aus¬≠ge¬≠bil¬≠de¬≠ter His¬≠to¬≠ri¬≠ker, das hei√üt ich m√∂ch¬≠te wis¬≠sen, war¬≠um alles im Ver¬≠lauf der Zeit so gewor¬≠den ist, wie es ist. Vie¬≠le Ph√§¬≠no¬≠me¬≠ne der Jetzt¬≠zeit aber ver¬≠steht man erst, wenn man ihre Wur¬≠zeln kennt, und die lie¬≠gen nun mal f√ľr unse¬≠re Brei¬≠ten¬≠gra¬≠de im Wesent¬≠li¬≠chen in die¬≠ser Epo¬≠che. Von daher ist das Mit¬≠tel¬≠al¬≠ter sogar mei¬≠ne Lieb¬≠lings¬≠zeit‚Ķ! Ich bin auch Eska¬≠pis¬≠mus in Form von Fan¬≠ta¬≠sy-RPGs gegen¬≠√ľber nicht abge¬≠neigt und habe schon so man¬≠chen elek¬≠tro¬≠ni¬≠schen Pixel-Ork mit einem eben¬≠so elek¬≠tro¬≠ni¬≠schen Pixel-Zwei¬≠h√§n¬≠der plus Feu¬≠er¬≠ball-Zau¬≠ber in die ewi¬≠gen Jagd¬≠gr√ľn¬≠de geschickt. Ich lese sogar alle drei, vier Jahr den Herrn der Rin¬≠ge von vor¬≠ne bis hin¬≠ten durch, obwohl ich die Geschich¬≠te so lang¬≠sam nun wirk¬≠lich aus¬≠wen¬≠dig ken¬≠ne. Trotz¬≠dem ver¬≠sp√ľ¬≠re ich bei bei¬≠den oben genann¬≠ten Ver¬≠an¬≠stal¬≠tun¬≠gen ein gewis¬≠ses Befremden.

Zun√§chst ein¬≠mal war ja das ech¬≠te Mit¬≠tel¬≠al¬≠ter f√ľr die meis¬≠ten Men¬≠schen, die es tat¬≠s√§ch¬≠lich erlebt haben, kei¬≠ne beson¬≠ders sch√∂¬≠ne Zeit. Wer nicht schon als Kind an einer der vie¬≠len Krank¬≠hei¬≠ten oder in den zahl¬≠lo¬≠sen klei¬≠nen Kriegs¬≠hand¬≠lun¬≠gen ver¬≠starb, den erwar¬≠te¬≠te ein kur¬≠zes Leben vol¬≠ler Kno¬≠chen¬≠ar¬≠beit, Hun¬≠ger und Schmutz. Die meis¬≠ten Men¬≠schen waren kei¬≠ne strah¬≠len¬≠den Rit¬≠ter, gelehr¬≠ten M√∂n¬≠che oder umher¬≠schwei¬≠fen¬≠de Aben¬≠teu¬≠rer, son¬≠dern elen¬≠de Bau¬≠ern, die oft mit Leib und Leben ihrem Herrn ver¬≠schrie¬≠ben waren und jedes Jahr im Som¬≠mer von neu¬≠em zit¬≠ter¬≠ten, ob die Ern¬≠te dies¬≠mal aus¬≠rei¬≠chen w√ľr¬≠de, um die Abga¬≠ben zu zah¬≠len. Fah¬≠ren¬≠de Rit¬≠ter waren in der Regel arme Schlu¬≠cker, die bei den gro¬≠√üen Her¬≠ren um ein Lehen bet¬≠tel¬≠ten, das ihnen ein eini¬≠ger¬≠ma¬≠√üen ertr√§g¬≠li¬≠ches Leben im Alter bie¬≠ten konn¬≠te. Vagan¬≠ten und Spiel¬≠leu¬≠te waren ehr¬≠los und ver¬≠femt. Eine R√ľs¬≠tung kos¬≠te¬≠te so viel wie ein paar Dut¬≠zend Och¬≠sen, und Frau¬≠en in unab¬≠h√§n¬≠gi¬≠gen gesell¬≠schaft¬≠li¬≠chen Rol¬≠len waren wenn √ľber¬≠haupt nur in den luf¬≠ti¬≠gen Sph√§¬≠ren des Hoch¬≠adels oder im Halb¬≠dun¬≠kel schw√ľ¬≠len Dunst der Bade¬≠stu¬≠ben zu fin¬≠den. Wenn man es wag¬≠te, eige¬≠ne Ansich¬≠ten √ľber Gott und die Welt zu haben, muss¬≠te man sie vor den Scher¬≠gen der Kir¬≠che ver¬≠ber¬≠gen oder dem siche¬≠ren Tod als Ket¬≠zer ins Auge sehen. Wer woll¬≠te in sol¬≠chen Zei¬≠ten leben‚Ķ!?

Dar¬≠√ľber hin¬≠aus hat man es hier nat√ľr¬≠li¬≠che mit der¬≠sel¬≠ben Fremd¬≠scham zu tun, die einen bef√§llt, wenn man erwach¬≠se¬≠nen Men¬≠schen begeg¬≠net, die sich am Wochen¬≠en¬≠de als India¬≠ner, r√∂mi¬≠sche Legio¬≠n√§¬≠re oder Pan¬≠zer¬≠gre¬≠na¬≠die¬≠re des 2. Welt¬≠kriegs ver¬≠klei¬≠den. Nat√ľr¬≠lich kann man an einer Geschich¬≠te, und sei sie noch abstrus, im Geis¬≠te in einem extrem hohen Grad teil¬≠ha¬≠ben, aber selbst so tun, als erle¬≠be man sie? Das Adre¬≠na¬≠lin, das man beim Spie¬≠len eines PC-Adven¬≠tures oder beim Lesen eines span¬≠nen¬≠den Thril¬≠lers aus¬≠sch√ľt¬≠tet, ist ja gera¬≠de des¬≠we¬≠gen echt, weil man sich im Vor¬≠gang des Spie¬≠lens oder Lesens in der Abs¬≠trak¬≠ti¬≠on der eige¬≠nen Vor¬≠stel¬≠lungs¬≠welt mit den Prot¬≠ago¬≠nis¬≠ten iden¬≠ti¬≠fi¬≠ziert, die ja jeder¬≠zeit im Ver¬≠lauf ihrer Aben¬≠teu¬≠er das Leben ver¬≠lie¬≠ren k√∂nn¬≠ten. Wie span¬≠nend aber kann es sein, selbst zu einer fik¬≠ti¬≠ven Figur zu wer¬≠den, deren Schick¬≠sal eben nicht durch die eige¬≠nen, son¬≠dern fik¬≠tiv zuge¬≠schrie¬≠be¬≠ne Eigen¬≠schaf¬≠ten bestimmt wird? Schau¬≠spie¬≠ler k√∂n¬≠nen das, es ist ihr Beruf, aber es muss Zuschau¬≠er geben, die mit ihnen mit¬≠fie¬≠bern, sonst kann die Fik¬≠ti¬≠on nicht wirken.

Trotz¬≠dem ‚Äď alles, was Men¬≠schen tun, hat irgend¬≠ei¬≠nen Sinn. Wel¬≠cher also ist es hier?

Sicher¬≠lich spielt der erw√§hn¬≠te Eska¬≠pis¬≠mus eine gewis¬≠se Rol¬≠le. Das war schon bei eini¬≠gen mei¬≠ner Kom¬≠mi¬≠li¬≠to¬≠nen so, die nicht des¬≠we¬≠gen Geschich¬≠te stu¬≠dier¬≠ten, weil sie irgend¬≠ei¬≠ne Art von Erkennt¬≠nis¬≠in¬≠ter¬≠es¬≠se geplagt h√§t¬≠te, son¬≠dern weil die sich ger¬≠ne ‚Äúin ver¬≠gan¬≠ge¬≠ne Zei¬≠ten hin¬≠ein¬≠ver¬≠setz¬≠ten‚ÄĚ. (Ach, ihr wacke¬≠ren All¬≠g√§u¬≠er Lehr¬≠amt¬≠skan¬≠di¬≠da¬≠ten‚Ķ!) Die moder¬≠nen Indus¬≠trie¬≠staa¬≠ten erm√∂g¬≠li¬≠chen ihren Bewoh¬≠nern ein Leben im √úber¬≠fluss der mate¬≠ri¬≠el¬≠len M√∂g¬≠lich¬≠kei¬≠ten, ohne Hun¬≠ger und Not, fried¬≠vol¬≠ler als je zuvor in der Mensch¬≠heits¬≠ge¬≠schich¬≠te. Nicht ein¬≠mal die Gei¬≠√üel des Krie¬≠ges ken¬≠nen wir noch, die unse¬≠re Vor¬≠fah¬≠ren noch alle paar Jah¬≠re oder wenigs¬≠tens Jahr¬≠zehn¬≠te mit Tod, Gewalt und Pesti¬≠lenz heim¬≠such¬≠te. Im Gegen¬≠teil, wir haben ein lan¬≠ges Leben, in dem wir Ein¬≠dr√ľ¬≠cke sam¬≠meln und Erfah¬≠run¬≠gen machen k√∂nnen.

Aber eines ist die¬≠ses Leben nicht: selbst¬≠be¬≠stimmt. Jeder ist nur ein klei¬≠ner Bestand¬≠teil einer rie¬≠si¬≠gen, m√∂g¬≠lichst ratio¬≠nal orga¬≠ni¬≠sier¬≠ten Maschi¬≠ne, die der Her¬≠vor¬≠brin¬≠gung von Waren und Dienst¬≠leis¬≠tun¬≠gen dient, und in der Regel kann man sei¬≠ne Rol¬≠le in die¬≠sem R√§der¬≠werk nur aus¬≠f√ľl¬≠len, wenn man so ver¬≠n√ľnf¬≠tig wie m√∂g¬≠lich sei¬≠ne Auf¬≠ga¬≠ben erle¬≠digt. Das ist der faus¬≠ti¬≠sche Pakt, den jeder ein¬≠ge¬≠hen muss, um nicht unter besag¬≠te R√§der zu kom¬≠men, und die √úber¬≠be¬≠to¬≠nung der Ratio im All¬≠tag f√ľhrt nat√ľr¬≠lich ten¬≠den¬≠zi¬≠ell dazu, dass man in der arbeits¬≠frei¬≠en Zeit umso hef¬≠ti¬≠ger die Z√ľgel schie¬≠√üen l√§sst und sich einem v√∂l¬≠lig sinn¬≠ent¬≠leer¬≠ten Hedo¬≠nis¬≠mus (Par¬≠ty! Par¬≠ty!) oder sons¬≠ti¬≠gen Spiel¬≠ar¬≠ten der Regres¬≠si¬≠on hin¬≠gibt, von denen Live-Rol¬≠len¬≠spie¬≠le oder Mit¬≠tel¬≠al¬≠ter-Ree¬≠nact¬≠ment ein¬≠fach nur zwei beson¬≠ders exzen¬≠tri¬≠sche Vari¬≠an¬≠ten w√§ren.

Ich schrei¬≠be aus¬≠dr√ľck¬≠lich ‚Äúw√§ren‚ÄĚ. Denn die sym¬≠pa¬≠thi¬≠sche Ernst¬≠haf¬≠tig¬≠keit, die beson¬≠ders die Live-Rol¬≠len¬≠spie¬≠ler (jeden¬≠falls die in dem Film Wochen¬≠end¬≠krie¬≠ger gezeig¬≠ten Ver¬≠tre¬≠ter die¬≠ser Spe¬≠zi¬≠es) aus¬≠zeich¬≠net, spricht nicht unbe¬≠dingt daf√ľr, dass wir es hier ein¬≠fach nur mit √ľber¬≠spann¬≠ten Zivi¬≠li¬≠sa¬≠ti¬≠ons¬≠fl√ľcht¬≠lin¬≠gen zu tun haben, die sich ein paar Tage lang in Con¬≠an, den Bar¬≠ba¬≠ren oder Lilith, die Erz¬≠d√§¬≠mo¬≠nin ver¬≠wan¬≠deln, um der Tret¬≠m√ľh¬≠le des All¬≠tags zu ent¬≠kom¬≠men. Die all¬≠um¬≠fas¬≠sen¬≠de iro¬≠ni¬≠sche Distanz, mit der sich unse¬≠re heu¬≠ti¬≠ge Jugend vor jeder Art von Ernst¬≠haf¬≠tig¬≠keit oder Nach¬≠den¬≠ken √ľber das neo¬≠li¬≠be¬≠ra¬≠le R√§der¬≠werk, bei dem sie ‚Äď halb hin¬≠ge¬≠zo¬≠gen, halb sich str√§u¬≠bend ‚Äď mit¬≠ma¬≠chen muss, zu sch√ľt¬≠zen sucht, fin¬≠det man aus¬≠ge¬≠rech¬≠net hier √ľber¬≠haupt nicht. Ganz im Gegen¬≠teil: LAR¬≠Per sind offen¬≠bar √ľber¬≠durch¬≠schnitt¬≠lich intel¬≠li¬≠gent, sozi¬≠al hoch¬≠kom¬≠pe¬≠tent und reflek¬≠tie¬≠ren das, was sie tun, mit Begeis¬≠te¬≠rung und Sach¬≠ver¬≠stand. Mehr noch, sie erfor¬≠schen in ihren Rol¬≠len¬≠spie¬≠len Sei¬≠ten ihrer Per¬≠s√∂n¬≠lich¬≠keit, die in ihrem ‚Äúnor¬≠ma¬≠len‚ÄĚ Leben offen¬≠bar zu kurz kom¬≠men, und sind wom√∂g¬≠lich aus¬≠ge¬≠gli¬≠che¬≠ner und mit sich selbst bes¬≠ser im Rei¬≠nen als wir armen Nicht-LARPer.

Was also bewegt sie? Was ist ihr Geheim¬≠nis? Als eine der Rol¬≠len¬≠spie¬≠le¬≠rin¬≠nen in dem erw√§hn¬≠ten Film Wochen¬≠end¬≠krie¬≠ger nach der Moti¬≠va¬≠ti¬≠on gefragt wird, sich so auf¬≠w√§n¬≠dig als Elfen¬≠k√∂¬≠ni¬≠gin aus¬≠zu¬≠staf¬≠fie¬≠ren, macht sie eine inter¬≠es¬≠san¬≠te Bemer¬≠kung: ‚ÄúDer Mensch sehnt sich ja doch nach irgend¬≠et¬≠was, das gr√∂¬≠√üer ist als man selbst.‚ÄĚ Also ‚Ķ nach einer Gott¬≠heit? Nach der Vor¬≠se¬≠hung? Soll¬≠te hier ein Bed√ľrf¬≠nis ver¬≠su¬≠chen, sich Bahn zu schaf¬≠fen, das letz¬≠ten Endes eigent¬≠lich reli¬≠gi√∂¬≠ser Natur ist? Schon die aus¬≠ge¬≠feil¬≠te fik¬≠ti¬≠ve Mytho¬≠lo¬≠gie hin¬≠ter den Live-Rol¬≠len¬≠spie¬≠len, bei denen nicht nur ein umfang¬≠rei¬≠ches Regel¬≠werk zum Ein¬≠satz kommt, son¬≠dern auch Unmen¬≠gen von Ein¬≠fl√ľs¬≠sen aus den ver¬≠schie¬≠dens¬≠ten kul¬≠tu¬≠rel¬≠len, magi¬≠schen und reli¬≠gi√∂¬≠sen Tra¬≠di¬≠tio¬≠nen ihre Wir¬≠kung ent¬≠fal¬≠ten, spricht f√ľr die¬≠se Deu¬≠tung. Die G√∂t¬≠ter stei¬≠gen in Form von Ava¬≠taren in die Welt der Men¬≠schen hin¬≠ab wie im Hin¬≠du¬≠is¬≠mus, in der Regel ist die aus¬≠ge¬≠dach¬≠te Welt von einem hei¬≠li¬≠gen Ener¬≠gie¬≠prin¬≠zip erf√ľllt, das dem Mana der S√ľd¬≠see¬≠in¬≠su¬≠la¬≠ner oder dem grie¬≠chi¬≠schen Pneu¬≠ma gleicht und von ‚ÄúZau¬≠be¬≠rern‚ÄĚ und ‚ÄúDrui¬≠den‚ÄĚ genutzt wer¬≠den kann, und wenn man das rich¬≠ti¬≠ge Ritu¬≠al mit dem rich¬≠ti¬≠gen Grad an magi¬≠scher Kon¬≠zen¬≠tra¬≠ti¬≠ons¬≠f√§¬≠hig¬≠keit aus¬≠f√ľhrt kann man sogar Anie¬≠sha Fey, die ers¬≠te Toch¬≠ter der Nega¬≠ti¬≠on bezwin¬≠gen. Von den f√ľr Boss¬≠k√§mp¬≠fe zust√§n¬≠di¬≠gen D√§mo¬≠nen, deren Namen oft aus der kab¬≠ba¬≠lis¬≠ti¬≠schen Tra¬≠di¬≠ti¬≠on ent¬≠lehnt sind, ganz zu schweigen.

Also eine Art Pseu¬≠do-Reli¬≠gi¬≠on? Aber wel¬≠che Reli¬≠gi¬≠on, wenn man ihre Grund¬≠la¬≠gen n√§her unter¬≠sucht, w√§re nicht ‚Äúpseu¬≠do‚ÄĚ? Man fin¬≠det, wenn man die viel¬≠f√§l¬≠ti¬≠gen √§u√üe¬≠ren Erschei¬≠nungs¬≠for¬≠men der Mit¬≠wir¬≠ken¬≠den eines Live-Rol¬≠len¬≠spiel (oder sogar eines Mit¬≠tel¬≠al¬≠ter¬≠markts) auf ihre gemein¬≠sa¬≠men Urspr√ľn¬≠ge zur√ľck¬≠f√ľhrt, tat¬≠s√§ch¬≠lich nichts wei¬≠ter als die Arche¬≠ty¬≠pen, die Carl Gus¬≠tav Jung im kol¬≠lek¬≠ti¬≠ven Unbe¬≠wuss¬≠ten der Mensch¬≠heit ver¬≠or¬≠te¬≠te und deren Pro¬≠jek¬≠ti¬≠on nach au√üen in G√∂t¬≠ter und Geis¬≠ter die Grund¬≠la¬≠ge jeder Reli¬≠gi¬≠on sind, ob eta¬≠bliert oder nicht: den wei¬≠sen Alten, die b√∂se Hexe, die m√§ch¬≠ti¬≠ge Mut¬≠ter, den strah¬≠len¬≠den Hel¬≠den, den Schat¬≠ten, den Wil¬≠den Mann, die Mai¬≠en¬≠k√∂¬≠ni¬≠gin, die G√∂t¬≠tin der Jagd, √ľber¬≠haupt jede Art von Ani¬≠ma ‚Äď der gan¬≠ze Geis¬≠ter- und G√∂t¬≠ter¬≠zoo von Ani¬≠mis¬≠mus und Poly¬≠the¬≠is¬≠mus tritt uns hier ent¬≠ge¬≠gen, und er tr√§gt ech¬≠te R√ľs¬≠tun¬≠gen und fal¬≠sche Spitz¬≠oh¬≠ren. Die Mit¬≠tel¬≠al¬≠ter¬≠sze¬≠ne ist hier sozu¬≠sa¬≠gen die Vor¬≠stu¬≠fe, weil es eigent¬≠lich nur um eine m√∂g¬≠lichst authen¬≠ti¬≠sche Kos¬≠t√ľ¬≠mie¬≠rung geht, aber die LAR¬≠Per gehen dann den kon¬≠se¬≠quen¬≠ten n√§chs¬≠ten Schritt. Jeder der Mit¬≠wir¬≠ken¬≠den eines Live-Rol¬≠len¬≠spiels ist irgend¬≠wie im Auf¬≠trag einer h√∂he¬≠ren Macht unter¬≠wegs, und jeder fin¬≠det dort wenigs¬≠tens andeu¬≠tungs¬≠wei¬≠se etwas, das nur die Reli¬≠gi¬≠on bie¬≠ten kann: Sinn. Es mag albern sein, Anie¬≠sha Fey besie¬≠gen zu wol¬≠len, aber wenn man dazu beru¬≠fen ist, was soll man machen? Jeder hat sein Schicksal.

Nicht zuf√§l¬≠lig geht der Auf¬≠stieg des Fan¬≠ta¬≠sy-Gen¬≠res mit dem Abstieg des Chris¬≠ten¬≠tums in Euro¬≠pa ein¬≠her. Es d√ľrf¬≠te heu¬≠te selbst im hin¬≠ters¬≠ten Ober¬≠bay¬≠ern schwer sein, noch jeman¬≠den zu fin¬≠den, der so inbr√ľns¬≠tig und gl√ľ¬≠hend an Gott, die Mut¬≠ter Maria und die Hei¬≠li¬≠gen glaubt, wie dies vie¬≠le Men¬≠schen im tat¬≠s√§ch¬≠li¬≠chen Mit¬≠tel¬≠al¬≠ter getan haben. Aber das hat unse¬≠ren Hun¬≠ger auf das Numi¬≠no¬≠se nicht besei¬≠ti¬≠gen k√∂n¬≠nen. Und es hat immer mehr dazu gef√ľhrt, dass wir uns unser magisch-mythi¬≠sches Zeit¬≠al¬≠ter, die Ahnen¬≠zeit, die noch jede mensch¬≠li¬≠che Kul¬≠tur hat¬≠te, selbst zusam¬≠men¬≠zim¬≠mern. Und nichts ande¬≠res ist wohl die¬≠se Tra¬≠ves¬≠tie, die auf den Mit¬≠tel¬≠al¬≠ter¬≠m√§rk¬≠ten auf¬≠ge¬≠f√ľhrt und bei den Live-Rol¬≠len¬≠spie¬≠len ins Absur¬≠de gestei¬≠gert wird, als die Traum¬≠zeit der Moder¬≠ne. Eine Welt, die nie¬≠mals war, aber immer ist. Eine Sehn¬≠sucht nach h√∂he¬≠rer Bedeu¬≠tung, nach reli¬≠gi√∂¬≠sem Ritu¬≠al, die nir¬≠gends sonst mehr befrie¬≠digt wird. Die ers¬≠ten Schrit¬≠te auf dem Weg zur√ľck in eine Welt, die uns nach der Auf¬≠kl√§¬≠rung f√ľr immer ver¬≠schlos¬≠sen schien. Wenn die fr√ľ¬≠he Sci¬≠ence Fic¬≠tion mit ihren galak¬≠ti¬≠schen Erobe¬≠run¬≠gen eine fik¬≠ti¬≠ve Fort¬≠schrei¬≠bung des impe¬≠ria¬≠lis¬≠ti¬≠schen Zeit¬≠al¬≠ters nach des¬≠sen Ende ist, spielt die Fan¬≠ta¬≠sy die Rol¬≠le des Reli¬≠gi¬≠ons¬≠er¬≠sat¬≠zes nach dem Tod Gottes.

Es hat also auch gar kei¬≠nen Sinn, die man¬≠geln¬≠de his¬≠to¬≠ri¬≠sche Authen¬≠ti¬≠zi¬≠t√§t die¬≠ser Ver¬≠an¬≠stal¬≠tun¬≠gen zu bekla¬≠gen. Eben¬≠so k√∂nn¬≠te man den Teil¬≠neh¬≠mern eines St.-Martin-Zuges vor¬≠wer¬≠fen, dass die vom Mar¬≠tins-Dar¬≠stel¬≠ler getra¬≠ge¬≠ne R√ľs¬≠tung im 4. Jahr¬≠hun¬≠dert nicht gebr√§uch¬≠lich war und die R√∂mer damals noch nicht so gro¬≠√üe Pfer¬≠de hat¬≠ten. Und dass die Geschich¬≠te mit dem Bett¬≠ler und dem Man¬≠tel sowie¬≠so blo√ü aus¬≠ge¬≠dacht ist. Es geht hier viel¬≠mehr um eine inne¬≠re Wahr¬≠heit, die dem rei¬≠nen His¬≠to¬≠ri¬≠ker fremd blei¬≠ben muss, um das halb bewuss¬≠te Ein¬≠tau¬≠chen in eine Welt, bei der das Inners¬≠te nach Au√üen pro¬≠ji¬≠ziert wird. Um geleb¬≠tes Ritual.

Puh…

Der ein¬≠gangs erw√§hn¬≠te Graf w√§r¬≠te also das Urbild des ‚ÄúWei¬≠sen Herr¬≠schers‚ÄĚ, sein Bru¬≠der, der Bischof jenes des ‚ÄúMagi¬≠ers‚ÄĚ, die Toch¬≠ter w√§re die ‚ÄúHohe¬≠pries¬≠te¬≠rin‚ÄĚ, die ver¬≠sam¬≠mel¬≠ten Rit¬≠ter alles Inkar¬≠na¬≠tio¬≠nen des ‚ÄúStrah¬≠len¬≠den Hel¬≠den‚ÄĚ, die Gauk¬≠ler sol¬≠che des ‚ÄúNar¬≠ren‚ÄĚ, und selbst die Pira¬≠ten h√§t¬≠ten noch ihre Rol¬≠le, n√§m¬≠lich die des ‚Äúrebel¬≠li¬≠schen Engels‚ÄĚ in der Tra¬≠di¬≠ti¬≠on Luzi¬≠fers. Man k√∂nn¬≠te ein gan¬≠zes Tarot-Blatt aus ihnen machen.

Soll¬≠te das also schon die Ant¬≠wort sein? Mit¬≠tel¬≠al¬≠ter-Ree¬≠nact¬≠ment und LARP-Cons als sozu¬≠sa¬≠gen frei¬≠re¬≠li¬≠gi√∂¬≠se Erwe¬≠ckungs¬≠tref¬≠fen, deren Teil¬≠neh¬≠mer in den kol¬≠lek¬≠tiv orga¬≠ni¬≠sier¬≠ten Kon¬≠takt mit den tiefs¬≠ten see¬≠li¬≠schen Kr√§f¬≠ten in sich selbst tre¬≠ten? Ich den¬≠ke, es ist zumin¬≠dest ein Teil der Ant¬≠wort. Im n√§chs¬≠ten Text die¬≠ser Rei¬≠he wer¬≠de ich aller¬≠dings unter¬≠su¬≠chen, ob es nicht noch einen ande¬≠ren Grund f√ľr die Mit¬≠tel¬≠al¬≠tersehn¬≠sucht gibt, n√§m¬≠lich den, dass das Zeit¬≠al¬≠ter uns eine Auf¬≠ga¬≠be gege¬≠ben hat, die wir immer noch nicht gel√∂st haben. Ins¬≠be¬≠son¬≠de¬≠re wird es um die Idee des Hei¬≠li¬≠gen Grals gehen, den Zau¬≠be¬≠rer Mer¬≠lin und die Fra¬≠ge, was bei¬≠de mit der Sehn¬≠sucht nach see¬≠li¬≠scher Ganz¬≠heit und der √úber¬≠win¬≠dung des Chris¬≠ten¬≠tums zu tun haben. Blei¬≠ben Sie also dran!

 

Fak¬≠ten, Daten, Hintergr√ľnde:

Was ist Mittelalter-Reenactment?

Was ist ein Live-Rollenspiel?

Was sind Archetypen?

C.G. Jung-Taschen¬≠buch¬≠aus¬≠ga¬≠be: Arche¬≠ty¬≠pen, M√ľn¬≠chen 2001

 

Abenteuer mit C. G. Jung

Eigent¬≠lich eine eher l√§s¬≠ti¬≠ge Sache, so eine Hel¬≠den¬≠fahrt. Eben noch geht man fried¬≠lich durch sei¬≠nen Gar¬≠ten, schnei¬≠det die Rosen und gie√üt den Blu¬≠men¬≠kohl, da kommt pl√∂tz¬≠lich so ein komi¬≠scher alter Kerl mit einem grau¬≠en, ver¬≠beul¬≠ten Filz¬≠hut ins Dorf, erz√§hlt die¬≠ses und jenes, stellt neu¬≠gie¬≠ri¬≠ge Fra¬≠gen, zeigt einem neue Wege ‚Äď und schon ist man mit¬≠ten¬≠drin im gr√∂√ü¬≠ten Schla¬≠mas¬≠sel und schreibt einen Blog. Dabei woll¬≠te man doch nur sei¬≠ne Ruhe haben‚Ķ

Und immer die¬≠se l√§s¬≠ti¬≠gen Hin¬≠der¬≠nis¬≠se, die dem Hel¬≠den sozu¬≠sa¬≠gen arche¬≠ty¬≠pisch in den Weg gelegt wer¬≠den! Was genau woll¬≠te man noch¬≠mal sagen? Wie lau¬≠tet das Syn¬≠onym von ‚ÄúPer¬≠spek¬≠ti¬≠ven‚ÄĚ? Und wer will das alles √ľber¬≠haupt lesen? Eine Hel¬≠den¬≠fahrt (Rol¬≠len¬≠spiel¬≠freun¬≠de ken¬≠nen sie als ‚ÄúQuest‚ÄĚ) f√ľhrt in der Regel in d√ľs¬≠te¬≠re H√∂h¬≠len voll schlecht gelaun¬≠ter Dra¬≠chen, durch Hohl¬≠we¬≠ge, hin¬≠ter deren n√§chs¬≠ter Bie¬≠gung schon Diebs¬≠ge¬≠sin¬≠del und Lum¬≠pen¬≠pack war¬≠tet, in die tiefs¬≠ten Tie¬≠fen des Oze¬≠ans und auf die h√∂chs¬≠ten H√∂hen der Ber¬≠ge. Man kennt das ja aus ‚ÄúGothic‚ÄĚ und ‚ÄúDra¬≠ken¬≠sang‚ÄĚ. Und ob man das Gol¬≠de¬≠ne Vlies am Ende wirk¬≠lich in die H√§n¬≠de bekommt‚Ķ?

Der komi¬≠sche Alte in mei¬≠nem Fall war Carl Gus¬≠tav Jung. Mein Wis¬≠sen √ľber die Psy¬≠cho¬≠ana¬≠ly¬≠se hat¬≠te sich bis dahin dar¬≠auf beschr√§nkt, dass laut Onkel Freud alle klei¬≠nen Jungs ger¬≠ne mit ihrer Mama schla¬≠fen wol¬≠len und sp√§¬≠ter neu¬≠ro¬≠tisch wer¬≠den, weil das nicht geklappt hat. Klang alles eher ver¬≠schro¬≠ben und ziem¬≠lich √ľber¬≠holt, ein √úber¬≠bleib¬≠sel des ver¬≠klemm¬≠ten B√ľr¬≠ger¬≠tums der Kai¬≠ser¬≠zeit und der 1950er in den USA, allen¬≠falls noch von Inter¬≠es¬≠se, wenn man alte Woo¬≠dy-Allen-Fil¬≠me ver¬≠ste¬≠hen woll¬≠te. Von ande¬≠ren Schu¬≠len der See¬≠len¬≠kun¬≠de, die wesent¬≠lich inter¬≠es¬≠san¬≠te¬≠re Ans√§t¬≠ze ver¬≠fol¬≠gen, hat¬≠te ich nur vage geh√∂rt. Und dass die Neu¬≠ro¬≠wis¬≠sen¬≠schaft¬≠ler bei ihrer Erfor¬≠schung des Gehirns St√ľck f√ľr St√ľck das gute alte Unbe¬≠wuss¬≠te wie¬≠der aus¬≠ge¬≠gra¬≠ben haben, war eine gera¬≠de¬≠zu schock¬≠ar¬≠ti¬≠ge Erkenntnis.

Eben¬≠so unver¬≠hofft tra¬≠fen mich die Erkennt¬≠nis¬≠se des ‚ÄúScha¬≠ma¬≠nen von Bol¬≠lin¬≠gen‚ÄĚ, auf den ich mehr oder weni¬≠ger zwang¬≠l√§u¬≠fig stie√ü, als ich her¬≠aus¬≠fin¬≠den woll¬≠te, was es eigent¬≠lich mit die¬≠ser selt¬≠sa¬≠men Sch√ľs¬≠sel namens ‚ÄúGral‚ÄĚ auf sich hat. Die jung‚Äôsche Per¬≠spek¬≠ti¬≠ve hier¬≠zu hat nicht er selbst for¬≠mu¬≠liert, son¬≠dern sei¬≠ne Wit¬≠we Emma Jung zusam¬≠men mit Marie-Loui¬≠se von Franz (Die Grals¬≠le¬≠gen¬≠de in psy¬≠cho¬≠lo¬≠gi¬≠scher Sicht), aber den¬≠noch war die¬≠ses Buch ein idea¬≠ler Aus¬≠gangs¬≠punkt f√ľr wei¬≠te¬≠re Erkun¬≠dungs¬≠fahr¬≠ten in die Welt des tief¬≠gr√ľn¬≠di¬≠gen Schwei¬≠zers, die mich zur Alche¬≠mie, zur Gno¬≠sis, zu den Arche¬≠ty¬≠pen, zur Reli¬≠gi¬≠on und tau¬≠send Din¬≠gen mehr f√ľhr¬≠ten. Pl√∂tz¬≠lich hat¬≠te ich einen Schl√ľs¬≠sel an der Hand (oder wenigs¬≠tens Tei¬≠le davon), mit dem ich ein tie¬≠fe¬≠res Ver¬≠st√§nd¬≠nis all jener r√§t¬≠sel¬≠haf¬≠ten und unver¬≠st√§nd¬≠li¬≠chen Din¬≠ge gewin¬≠nen konn¬≠te, die mich von jeher umtrei¬≠ben: Chris¬≠ten¬≠tum, Zen, Tran¬≠ce, Mythen, Spi¬≠ri¬≠tua¬≠li¬≠t√§t, die selt¬≠sa¬≠men Din¬≠ge, die wir Men¬≠schen mit unse¬≠rem Pla¬≠ne¬≠ten anstel¬≠len. Selbst eine vor¬≠der¬≠gr√ľn¬≠dig so bana¬≠le Ange¬≠le¬≠gen¬≠heit wie ein Com¬≠pu¬≠ter-Fan¬≠ta¬≠sy-RPG erscheint in einem ganz ande¬≠ren Licht, wenn man sich klar macht, dass man eigent¬≠lich gera¬≠de in sei¬≠nem eige¬≠nen Unbe¬≠wuss¬≠ten unter¬≠wegs ist.

Irgend¬≠wann war mir klar, dass ich dar¬≠√ľber schrei¬≠ben muss¬≠te. Zwar gab es vor eini¬≠gen Jah¬≠ren die her¬≠vor¬≠ra¬≠gen¬≠de, von R√ľdi¬≠ger S√ľn¬≠ner her¬≠aus¬≠ge¬≠ge¬≠be¬≠ne Inter¬≠net¬≠zeit¬≠schrift Ata¬≠lan¬≠te, aber mir scheint, dass deutsch¬≠spra¬≠chi¬≠ge Bei¬≠tr√§¬≠ge zum Ver¬≠st√§nd¬≠nis von Geschich¬≠te, Popu¬≠l√§r¬≠kul¬≠tur und all¬≠ge¬≠mei¬≠nen The¬≠men der Zeit aus einer dezi¬≠diert jung‚Äôschen Per¬≠spek¬≠ti¬≠ve im Inter¬≠net ansons¬≠ten recht rar ges√§t sind. Des¬≠halb also die¬≠se Hel¬≠den¬≠rei¬≠se, von der ich nicht im Gerings¬≠ten wei√ü, wohin sie mich f√ľh¬≠ren wird.

Ein Aben¬≠teu¬≠er! Ich f√ľh¬≠le mich wie Gui¬≠sep¬≠pe Berg¬≠mann, kurz bevor er in H.P.s altes Gem√§u¬≠er in Vene¬≠dig ein¬≠tritt‚Ķ Da f√§llt mir ein, waren Sie schon mal in Sal¬≠va¬≠dor da Bahia? Wenn Sie am Pelour¬≠in¬≠ho die ‚ÄúKir¬≠che vom Rosen¬≠kranz der Schwar¬≠zen‚ÄĚ besu¬≠chen, k√∂nn¬≠te es sein, dass Sie der F√ľh¬≠rer anspricht und fragt, ob Sie nicht am Abend eine Can¬≠dom¬≠bl√©-Sit¬≠zung besu¬≠chen m√∂ch¬≠ten, die sei¬≠ne Freun¬≠de in einem Haus in der Vor¬≠stadt abhal¬≠ten wer¬≠den. In Wirk¬≠lich¬≠keit han¬≠delt es sich nat√ľr¬≠lich um eine Bruch¬≠bu¬≠de in der hin¬≠ters¬≠ten Fave¬≠la, aber die aus Afri¬≠ka stam¬≠men¬≠den Tran¬≠ce-Ritua¬≠le, die Sie dort mehr oder weni¬≠ger haut¬≠nah beob¬≠ach¬≠ten k√∂n¬≠nen, sind echt und kein Thea¬≠ter f√ľr gelang¬≠weil¬≠te Pau¬≠schal¬≠tou¬≠ris¬≠ten. Ox√≥s¬≠si, Yeman¬≠j√° und Ogun bestei¬≠gen ihre Pfer¬≠de, die hei¬≠li¬≠gen Kin¬≠der, und rei¬≠ten auf ihnen im Kreis, w√§h¬≠rend die Trom¬≠meln schla¬≠gen und die Mut¬≠ter der Hei¬≠li¬≠gen ihre Stim¬≠me erhebt und die alten Lie¬≠der ihrer Yoru¬≠ba-Vor¬≠fah¬≠ren singt‚Ķ Was das alles mit der Ana¬≠ly¬≠ti¬≠schen Psy¬≠cho¬≠lo¬≠gie zu tun hat? Gera¬≠de kei¬≠ne Zeit, bis zum n√§chs¬≠ten Mal!

© 2021 Bernd Ohm

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