Bernd Ohm

Autorenblog

Kategorie: Reisen

Am Golf der Dichter

Das Schöne an der Zeit vor dem Internet war, dass man noch von Weg abkommen konnte. Nehmen wir beispielsweise Pfingsten 1987 – ich hatte aus irgendeinem Grund, der mir entfallen ist, in München ein Physikstudium aufgenommen, und musste nun eine größere Zahl von Versuchsprotokollen ausarbeiten, um für die zugehörige  Lehrveranstaltung einen Schein zu bekommen. Ich glaube, bereits vorhandene Protokolle aus den vorangegangenen Semestern spielten dabei eine nicht unerhebliche Rolle (schummeln konnte man auch ohne Google), aber darauf wollte ich jetzt eigentlich nicht hinaus.

Entscheidend ist, dass ich für ein paar Tage nach Italien heruntertrampte, um die lästige Aufgabe wenigstens in angenehmer Umgebung hinter mich zu bringen. Dabei spielte auch eine gewisse Kathrin eine Rolle – ich glaube, sie studierte Sonderpädagogik –, die mit einer Freundin gerade südlich der Alpen unterwegs war und über die Feiertage eine Jugendherberge südlich von La Spezia ansteuern wollte. Ich rechnete mir einen gewissen Überrumpelungseffekt aus, wenn ich nun unangekündigt in dieser Jugendherberge auftauchen würde, um meine Chancen bei der jungen Dame zu erhöhen, und achtete beim Trampen darauf, dass die Mitfahrgelegenheiten in die richtige Richtung gingen.

Leider hatte ich vergessen, wie der Ort genau hieß, in dem sich das Zielobjekt befand. Heute wäre das natürlich kein Problem – man geht auf die Website des internationalen Jugendherbergsverbands und guckt kurz nach. Oder man steuert La Spezia in der Karten-App an und schaut, ob man südlich davon einen entsprechenden Ort findet. (Es handelte sich übrigens um Marina di Massa.) Aber 1987? Hätte ich vielleicht extra zu Hugendubel fahren sollen, um im Regal mit den Reiseführern die Adresse zu finden? Teures Geld für eine Karte ausgeben? Ach was, einfach mal drauflos, in La Spezia wissen sie schon Bescheid …

Wussten sie leider nicht. Die Dame im dortigen Tourismus-Büro offenbarte beim Thema »ostelli della gioventù« eine bodenlos tiefe Wissenslücke und konnte sich nur düster erinnern, irgendwann mal etwas von einer entsprechenden Einrichtung in Lerici gehört zu haben, einem alten Fischernest am Südende des Golfes von La Spezia, dort sollte ich mich doch am besten selbst umschauen. Immerhin konnte sie mir sagen, welche Buslinie ich dafür nehmen musste, also machte ich mich auf den Weg.

Und dann – na ja, meine ersten Eindrücke habe ich später so beschrieben:

Gott, er liebte das…! Der Bus donnerte im Kamikaze-Tempo die engen Serpentinen zum Meer hinunter, und wenn man dabei die Orientierung behielt, konnte man dieses unglaubliche Blau zwischen den Bäumen hindurchschimmern sehen: Türkis, Himmelsfarben, Aquamarin, tiefes Dunkel wie Samt, vermischt mit dem Umbra der Felsen und dem Ocker der Sandbänke, unterbrochen vom schattigen Grün der Zypressen und Pinien, orangenen, gelben und roten Flecken; Mauerstücke, Ziegel. Ein richtiges Postkartenglück.

Das Städtchen hieß Lerici und lag recht malerisch um eine kleine Bucht am Südende der italienischen Riviera herum verteilt. Einer von diesen beiden englischen Helden der Romantik, war es Byron oder Shelley, sollte hier vor Urzeiten beim Baden im Meer ertrunken sein, also war es nicht besonders überraschend, dass jedes zweite Hotel Shelley, Palma di Byron oder Byron di Shelley hieß, ganz abgesehen von den Massen ältlicher Engländerinnen, die anscheinend einen guten Teil ihrer Bildungsreise durch das Land, wo die Zitronen blühten, damit verbrachten, hier die Uferpromenade auf- und abzulaufen. Wahrscheinlich hofften sie darauf, auf mystische Weise einen Hauch der Seele des verstorbenen Dichters aufzuschnappen; diese aber schwebte gelangweilt über den Wassern und ignorierte sie.

Die Szenerie war so, wie man sich’s wünschte. An den beiden Ecken der Bucht standen ein paar burgartige Überreste von alten, genuesischen Festungsanlagen, im Hafen schaukelten friedlich diverse Yachten und Segelboote vor sich hin, die Häuser hatten alle so einen leicht angegilbten, südlichen Charme, gleich dahinter stiegen die dichtbewachsenen Felsen auf – und überhaupt, wenn er je im Leben von Italien geträumt hatte, musste das genauso ausgesehen haben wie Lerici.

Mit anderen Worten: Es war Liebe auf den ersten Blick. Wie ich später herausfand, hatte die Jugendherberge in der alten Burg bereits Ende der 1960er zugemacht, jetzt befand sich ein Museum für Paläontologie in dem Gemäuer. Aber das war mir egal. Ich suchte mir ein Hotelzimmer, das ich mir gerade noch so leisten konnte, und schwebte durch die Gassen wie von Elfen verzaubert. Diese Farben! Dieser Duft! Diese Menschen! Sogar Kathrin vergaß ich umgehend und lernte dafür Gianna kennen, mit der ich ein paarmal die Mole auf- und ablief, immer zwischen dem Blick auf das weite Meer und dem in ihre rehbraunen Augen hin und herpendelnd. Leider beherrschte ich die Landessprache nicht und sie nur diese, sodass wir nur nonverbal kommunizieren konnten. Aber wird Sprache nicht ohnehin überbewertet …?

Lerici in den frühen 1960ern

Wie man sich denken kann, war ich später noch öfter in dem kleinen Städtchen, das außer bei englischen Shelley-Fans nie den Status des Geheimtipps verloren hat. Die typischen deutschen Touristen wandern lieber auf der anderen Seite des »Golfo dei Poeiti« in den Cinque Terre, weil man sich da so hübsch an der urigen Armut der Olivenbauern weiden kann, und wer ligurische Fischerdorfromantik pur will, fährt eben nach Portofino.

Ich nicht. Im Laufe der Jahre erfuhr ich, dass die bewusste Jugendherberge eigentlich ein Künstlertreff gewesen war, in dem sich in den 1950ern Hemingway und andere Größen die Klinke in die Hand gegeben hatten. Die Kastellanin und Herbergsmutter Maddalena Di Carlo, eine etwas exzentrische alte Dame, war bekannt dafür, nachts die Katzen von Lerici mit den Spagettiresten des Abendessens zu füttern, ihr Zimmer war ein Sammelsurium von Kunstwerken und Kitschobjekten, die ihr Gäste aus aller Welt geschickt hatten, sie stieg sogar gelegentlich auf den Bergfried und betete zu den Windgöttern. Alle Welt nannte sie »Regina dei vagaboni«, die Königin der Vagabunden. Vielleicht kannte sie Rudolf Jacobs, einen aus Bremen stammenden Architekten, der im 2. Weltkrieg als Offizier für die Festungsbauten im Golf von La Spezia zuständig war und in Lerici wohnte. Als er die Gräueltaten von SS und Mussolinis Schwarzhemden nicht mehr ertrug, lief er zu den italienischen Partisanen über und kam bei einer Aktion im nahen Sarzana ums Leben. Noch heute verehren ihn die Italiener als Helden.

Ansonsten gibt es gar nicht so viel berichten aus dieser Ecke der Welt. Der Hafen war vor langer Zeit im Mittelalter von einer gewissen Bedeutung, weil sich hier die Genuesen mit den Pisanern stritten und die hinter den Bergen liegende Lunigiana einen Zugang zum Meer brauchte. Dante hat die Burg mal irgendwo erwähnt, Arnold Böcklin lebte für kurze Zeit in der Gegend, genauso D.H. Lawrence und Emma Orczy. In der Literatur spielt der Ort keine große Rolle.

Ich fand, es war mal Zeit, das zu ändern …

Die weiße Stadt, viele Jahre später

Es ist immer ein bisschen gefährlich, nach so langer Zeit an einen Ort zurückzukehren, der im eigenen Leben eine, sagen wir mal, nicht ganz unbedeutende Rolle gespielt hat. Der erste Anfall von saudade erfasst mich beim Blick aus dem Fenster der Unterkunft, der vom Graça-Hügel nach Südosten hinunter zum Fluss geht. Ist da am Ufer nicht irgendwo Santa Apolônia, wo ich als junger Spund mit einem alten Bundeswehrrucksack auf dem Rücken aus dem Zug von Madrid gestolpert bin und zum ersten Mal die Luft am Westrand Europas geschnuppert habe? Und ist hier in Graça nicht irgendwo das muffige Sechsbettzimmer, in das mich die zahnlose Alte geschleppt hat, der ich vor dem Bahnhof in die Fänge gelaufen war? Das Leben vor dem Internet war weniger organisiert, dafür in der Regel spannender …

Später gehen wir zum nächstgelegenen Miradouro, und es kommt noch schlimmer. Da hinten links die Gegend, in der mir meine zukünftige Ex-Frau gezeigt hat, was »um café e um bagaço« bedeutet. Weiter rechts, in der Unterstadt, die Altbauwohnung von José, dem schwulen Rechtsanwalt, der mir (zu Recht) prophezeite, dass ich mich irgendwann wieder mit meinen Eltern aussöhnen würde. Noch weiter rechts, schon oben im Chiado, die Praça Camões, war da nicht die Vorstellung der Zirkusschule, mit der Paula und Fernanda irgendwie zu tun hatten? Spuckte da nicht irgendwer Feuer? Fing nicht mein Freund Christian selbiges für eine der Lusitanierinnen, als sie uns später in Deutschland besuchten?

Gleich daneben das »Palpita-me«, in dem João Osório (der Name muss mal an die Öffentlichkeit) mir einen der peinlichsten Momente meines Lebens verschaffte. Weiterlesen

Neulich im dicken, fetten B

Ich weiß gar nicht so genau, woran es liegt. Vielleicht an dem Schwall aus Urin und Erbrochenem, der einem aus dem U-Bahn-Aufgang an der Möckernbrücke entgegengeweht kommt. Oder an den Halbstarken, die lautstark und aggressiv auf Arabisch durch den Waggon pöbeln und sich dabei keinen Deut um die anderen Fahrgäste scheren. An den jungen Türkinnen auf dem Kottbusser Damm, die Kopftücher und knöchellange Mäntel tragen und mit ihren Kindern wie gewohnt in der Muttersprache Präsident Erdoğans reden. An den Proleten in Jogginganzügen, die am hellichten Tag ihre Bierflaschen aufmachen und einen aus wässrig-grauen Augen lauernd anstarren, jederzeit bereit zur Explosion. An die obligatorischen Matratzen, die selbst über die Osterfeiertage die Bürgersteige vollmüllen. An der unbezähmbaren Lust der Bewohner dieser Stadt, auch die schönste Eingangstür und den glänzendsten neuen Hausanstrich ohne Umschweife mit hässlichem Geschreibsel zu überziehen. An dem bleiernen Himmel, der einen selbst bei frühlingshafter Wärme in die Depression treibt.

In Wirklichkeit ist es wahrscheinlich enttäuschte Liebe. Als ich vor Jahr und Tag das schrecklich reiche und aufgeräumte München verließ, um meine Zelte an der Spree aufzuschlagen, gab es das alles auch schon, aber es hat mich eigentlich nicht weiter gestört. Im Gegenteil, schien es sich doch um typische Charaktereigenschaften einer echten Metropole zu handeln, allenfalls um Geburtswehen einer großartigen, neuen Zeit, die hier heraufdämmerte und mir einen Logenplatz im großen Theater der Weltgeschichte bieten würde. All die jungen Leute aus aller Herren Länder, all der frische Wind nach vier Jahrzehnten sozialistischem Mief! Die ganze Stadt war irgendwie auf Anfang, und man konnte davon träumen, dass sie an ihre eigenen großen Zeiten in den 1920ern wieder anknüpfen würde, an das Paris der Lost Generation, Sinatras New York oder Swinging London.

Wie albern einem das heute erscheint … Weiterlesen

Eigenartensterben

Wenn man vor fünfzehn, zwanzig Jahren nach Portugal reiste, erwarteten einen dort Wunder, Mysterien und Magie: eine halb befremdliche, halb verführerische Welt voller träger Nachmittage in von der Neuzeit vergessenen Bergdörfern und Fischernestern, in denen die Sklaventrommel der industriellen Normzeit noch nicht so unbarmherzig den Takt vorgab wie zu Hause im ungemütlichen Norden; stille, leuchtend barockweiße Städte voll eigensinnigem Stolz und Wehmut nach den Zeiten Indiens und der brasilianischen Goldminen (nicht zu reden von der Hauptstadt, in der jede Nacht von Neuem die Naturgesetze ausgehebelt wurden); freundliche, sanfte und bemerkenswert un-spanische Menschen, deren Melancholie und geheime Maßlosigkeit man ergründen und staunend bewundern, aber niemals teilen konnte.

Kehrt man heute an die einstigen Sehnsuchtsorte zurück, findet man … den Heidepark Soltau. Dank einer ihre finsteren Machenschaften durchaus nicht im Untergrund betreibenden Verschwörung aus Brüsseler Bürokraten, ausländischen Großinvestoren und der üblichen Melange aus größenwahnsinnigen Lokalpolitikern, korrupten Beamten und spendablen Bauunternehmern vor Ort (man denke nur an die berüchtigte Expo ’98) verfügt das Land heute über großzügig ausgebaute Autobahnen und Landstraßen, ein dichtes Netz gruselig verkitschter Monumente von nationaler historischer Bedeutung und jede Menge auf einsame Strände geklotzte Spaßrutschen Marke „Erlebnisbad“. Davor jeweils ein riesiger Busparkplatz, mit Straßenlampen bestückt wie sonst nur die belgischen Autobahnen (und sicherlich ebenso wie diese aus der Erdumlaufbahn sichtbar) und drei große, verschiedenfarbige Container für die korrekte Mülltrennung. In farblich postmodern gehaltenen Einkaufszentren und Fußgängerzonen mit herzigem Kopfsteinpflaster und Waschbetonkübeln (nur dass darin Palmen stehen) sitzen junge Menschen im Café – in Lissabon seit neuestem in der weltweit ungefähr siebenhundertneunundsechzigsten Filiale des „Hard Rock Café“ – und hören die gleiche Musik, tragen die gleiche, von MTV abgeschaute Mode und reden vermutlich denselben Unsinn wie ihre Altersgenossen in London, Berlin oder meinetwegen Warschau. Was bis vor kurzem noch eine Art universalistischer Verheißung war („Alle Menschen sind gleich!“), erscheint heute eher als wahrgemachte Drohung. Und der Norden wirkt mit einem Mal wesentlich weniger ungemütlich.

Natürlich bin ich gerade ungerecht. Natürlich haben auch die Portugiesen das Recht, zu globalisierten Kleinbürgern zu werden und ihr Land in einen Themenpark namens „Portugal“ zu verwandeln, wenn ihnen das in den Kram passt, natürlich sind sie mit denselben amerikanischen Filmen und Fernsehserien aufgewachsen wie wir, hören dieselben angloamerikanische Musik, träumen dieselben amerikanischen Träume; natürlich kann niemand von ihnen verlangen, den Eselskarren wieder anzuspannen, damit wir zivilisationsmüden Nord- und Mitteleuropäer ein paar pittoreske Fotos mehr aus dem Urlaub mit nach Hause nehmen können; natürlich sollen sie keine Kultur aufrechterhalten, die sich auch durch weitverbreiteten Analphabetismus und den beständigen Zwang zur Emigration auszeichnete – aber: Haben sie denn in dieser schönen neuen Welt noch das, was man einmal „Seele“ genannt hat, und das für kein Land wichtiger schien als für dieses?

Wir anderen haben ganz gewiss keine mehr. Wir haben das bisschen, was nach all den Katastrophen des 20. Jahrhunderts noch davon übrig war, vor Jahren schon an einen Mephisto im Siegfried-und-Roy-Kostüm verkauft, der uns mit dem einnehmenden Lächeln eines kalifornischen Gebrauchtwarenhändlers dafür den Traum von ewiger Jugend, Schönheit und der nie endenden Karriere als IT-Manager, Börsenjockey oder Rockstar aufgeschwätzt hat. Großen Widerstand haben wir ihm nicht geleistet, und die großen Träume und Utopien, bei denen es ja auch darum gegangen wäre, sich ein Stück dieser Seele zurückzuerobern, sind irgendwo auf dem Weg liegen geblieben, von den Schamanen einer neuen barbarischen Religion in den Schmutz getreten und verhöhnt, von jenen schamhaft beschwiegen, die einmal so glühend an sie geglaubt haben.

Jetzt also auch Länder wie Portugal. Oder Griechenland. Oder Irland. Oder welches Land Sie auch wollen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass man noch Reisen im bestmöglichen Sinne der Wortes unternehmen konnte: als Sich-Einlassen auf die Fremdheit einer andere Landschaft, einer anderen Sprache, einer anderen Art, in der Welt zu sein. Wer reiste, dem öffnete sich, wenn er Glück hatte und es richtig anstellte, die Welt, dem eröffnete sich das Geheimnis des Lebens. Heute könnten wir vermutlich Estnisch oder Litauisch lernen und würden feststellen, dass auch im Baltikum im Jahre 12 nach dem Ende des sowjetischen Imperiums zumindest die Jugend vornehmlich damit beschäftigt ist, den neuen Harry Potter nicht zu verpassen, sich eine Meinung über „Matrix Reloaded“ zu bilden, eine Fahrgelegenheit zur Love-Parade zu organisieren und – um sich das alles auch leisten zu können – einen Job zu ergattern, bei dem man in lässiger Aufmachung zwölf Stunden am Tag mit Kräuterbrause und belegten Teigfladen in der Hand vor dem Computer sitzt und elektronische Werbezettelchen entwirft (auch als „Webdesign“ bekannt). Die Innenstädte ganz Europas gleichen sich in ihrer ahistorischen, aufgeputzten Kulissenhaftigkeit, die Vorstädte in ihrer monströsen Mischung aus riesigen Wohnmaschinen und putzigen Einfamilienhäusern, das platte Land in seinem albernen Wunsch, nicht mehr plattes Land zu sein, sondern glasglitzernde und stahlschimmernde Metropole. Wer heute reist, der findet wenig mehr als das eigene Spiegelbild.

Was haben wir dafür aufgegeben? An was können wir uns noch erinnern, das einmal zu uns gehört hat? Denn nicht nur der Schneeleopard und das Edelweiß können aussterben. Schon lange wird beklagt, dass auch die Sprachen immer weniger werden. Optimisten zufolge zehn Prozent, Pessimisten zufolge zwei Drittel aller 6000 auf der Erde gesprochenen Sprachen werden dieses Jahrhundert nicht überleben. Jede von ihnen ist eine ganze Welt für sich. Aber was nützen am Ende sogar unterschiedliche Sprachen, wenn man darin immer nur dasselbe sagen kann? Ihre Großeltern haben vielleicht noch den Dialekt des Landesteils gesprochen, aus dem sie stammten, Ihre Eltern immerhin richtiges Hochdeutsch. Sie selbst sind sicher stolz auf ihr gutes Englisch und realisieren jetzt, dass dieser Unsinn hier keinen Sinn macht, und wenn jemand Sie fragt, ob Sie okay sind, zucken Sie nicht zusammen, sondern antworten mit „Nicht wirklich“; wer weiß, wie es Ihren Enkeln gehen wird, mit ihrem „Master“-Abschluss an der „International University Kleinbobingen“, ihrer Stelle als „Chief Technical Officer“ oder „Content Manager“, ihrem Leben in „Just in time“-Bereitschaft. Denn am Ende des historisch-ökonomischen Vorgangs, um den es hier geht, wird schließlich die gesamte Kultur dran glauben müssen, das Besondere, das Störrische, das Unverwechselbare, eben die Eigenart eines jeden Volkes und eines jeden Menschen.

Warum das alles so ist? Geben wir uns ein wenig idyllischer Nostalgie hin und hören wir, was zwei heute wenig populäre deutsche Philosophen vor 150 Jahren zum Thema zu sagen hatten:

Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen. […] An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion.

Der Schuldige hieß damals „Bourgeoisie“, heute sagt man lieber „Globalisierung“, und Marx und Engels, diese verstaubten alten Knaben, die einem oft so überraschend heutig anmuten, waren seinerzeit der festen Überzeugung, dass diese Entwicklung eine nötige Vorbedingung für den Übergang der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit darstellen würde. Wenn wir den beiden also ein letztes Mal Glauben schenken wollen, müsste sozusagen erst auch die letzte neuguineischen Jäger-und-Sammler-Gemeinde eine Handy-Quote von knapp 100 Prozent aufweisen, müsste der letzte Angolaner im Gewerbegebiet Luanda-Süd bei IKEA ein „IVAR“-Regal und nachher bei OBI das Werkzeug zum Zusammenschrauben kaufen, müsste der letzte Allgäuer Anarchistenbauer den von den Vätern ererbten Hof versilbern und zu Telekom-Aktien machen, bis die Menschheit endlich bereit wäre für die Rückkehr ins Paradies. Oder, um uns für einen Moment wieder Portugal zuzuwenden: Deutsche Supermärkte, amerikanische Kaffeehäuser und schwedische Möbel, ebenso die von den heimgekehrten Gastarbeitern in den Norden des Landes importierte mitteleuropäische Haus- und Wohnkultur (Jägerzaun! Alpendach!) oder der Umstand, dass der Algarve neben Mallorca und der Costa del Sol ebenso zu einer Zweigstelle des deutschen Altenheimsystems geworden ist wie die Fischerdörfer und Korkeichenwälder des Südwestens eine Enklave kiffender Kreuz- und Prenzlberger Aussteiger darstellen, wären nur äußerer Ausdruck eines historisch notwendigen Prozesses, dem man sich besser nicht in den Weg stellt, weil er ohnehin nicht aufzuhalten ist.

Heute werden solche Weisheiten nicht mehr von der Kommunistischen Internationale, sondern vom Weltwirtschaftsforum in Davos verkündet. Werden sie dadurch glaubwürdiger? Anders gesagt: Wenn man auf einen Berg steigt und unterwegs ein Edelweiß findet, soll man es dann ausreißen, weil an dieser Stelle ja eine Seilbahnstütze einbetoniert werden soll? Wenn man den letzten Schneeleoparden findet, soll man ihn erschießen, weil man Angst hat, dass er die örtlichen Wege für Trekking-Urlauber gefährden könnte? Wenn man eine Sprache entdeckt, die niemand mehr spricht, soll man alle darin geschrieben Bücher zu Recyclingpapier machen, weil sie ja doch niemand mehr liest? Wenn man an sich selbst störrischen Eigensinn und hartnäckige Macken feststellt, soll man sie ausmerzen, um sich marktkonform auf dem Arbeitsmarkt anpreisen zu können? Sollen wir einfach nur dasitzen, die Hände in den Schoß legen und warten, bis es zu spät ist?

Man müsste klein anfangen, eine Rote Liste der bedrohten Nationaleigenschaften aufstellen; Greenpeace könnte neues Leben eingehaucht werden, indem die Organisation – die ja im Grunde ein zutiefst konservatives Anliegen vertritt – begriffe, dass auch der Kampf gegen die Globalisierung eine Form des Artenschutzes darstellt, dass scheinbar überkommene Formen der handwerklichen Produktion wie zum Beispiel eine simple Tischlerwerkstatt oder eine richtige, „altmodische“ Schmiede mit Amboss und Funkenregen zu den Dingen gehört, deren Verlust unsere Welt nicht weniger verarmen lassen als das Aussterben einer südamerikanischen Käferspezies. Das gleiche gilt für englische Maßeinheiten, französische Lebenskunst (selbst Frankreich war schon mal französischer…), italienische Spontaneität, portugiesische Melancholie und, auch das, deutschen Fleiß und deutsche Gründlichkeit. Es gibt eine Ökologie der Kulturen, und sie befindet sich ebenso in der Defensive wie die der Arten.

Machen wir uns nichts vor: Die kapitalistische Produktionsweise mag ja allen anderen an Leistungsfähigkeit und Effizienz überlegen sein; vom Menschen versteht sie herzlich wenig. Und wird sie konsequent und marktliberal zu Ende gedacht, ist sie nicht weniger unmenschlich als Stalins zu Ende gedachte Aufklärung und Hitlers zu Ende gedachte Romantik. Lassen Sie uns auch diesem, vielleicht letzten, Totalitarismus entgegentreten und konsequent für die ewige Unzurichtbarkeit des menschlichen Wesens streiten! Stehen wir zu unseren Macken, zu unserer Faulheit, dem kleinen Quäntchen Irrationalität, ohne das wir nicht leben könnten, zu unseren obskuren Dialekten, die kaum jemand spricht, unserem abseitigen Musikgeschmack, der von EMI oder Bertelsmann nicht befriedigt werden kann, zu unserem hartnäckigen Festhalten an eine von den Vorfahren überkommen Landschaftsgestaltung und Bauweise, zu unserer Zugehörigkeit an diese oder jene ganz unverwechselbar eigenständige Gruppe von Menschen (Sie müssen sich nicht auf eine beschränken, aber Sie werden es nicht schaffen, zu keiner zu gehören), ganz allgemein zu unserem Festhalten am Alten, Hergebrachten, wenn uns das Neue nicht gefallen will. Und hören wir auf, über unsere französischen Nachbarn zu spotten, die wieder einmal viel klüger sind als wir und ungeachtet der allgemeinen Häme hartnäckig wenigstens versuchen, an ihrer Sprache und ihrer Kultur festzuhalten, und sei es mit so plumpen Mitteln wie dem einer „Chanson-Quote“ im Radio. Die haben sich wenigstens noch nicht aufgegeben.

Die Alternative ist grausam: Stellen Sie sich eine Zukunft vor, in der lauter blonde, blauäugige, krankheitslose Menschenklone (Brad Pitt! Jenniffer Aniston!) in den funktional chromschönen Einkaufspassagen pastellfarbener Legolandstädte (Potsdamer Platz!) einen lockstoffhaft duftenden, nach allen Regeln der geschmackslaboratorischen Kaffeekunst gebrauten Latte Macchiato schlürfen und über die im Caféhaustisch eingelassenen Bildschirme gleichzeitig eine Konferenz mit Kapstadt abhalten, Abendkarten für eine Wiederaufnahme von „Evita“ im Westend bestellen und die aktuellen Kurse ihrer Aktien an der Börse von Kuala Lumpur überprüfen. Später würden sie beim Italoinder eine Pizza Tandoori mit Algensalat essen und schließlich mit einem stromlinienförmigen, wasserstoffbetriebenen Sportwagen Zuffenhausener Bauart und Mailänder Design in die Berge draußen vor der Stadt schweben, wo sie in ihrem Landhaus im spanischen Stil im Angesicht der landschaftlichen Schönheiten der Krimhalbinsel und dank eines pränatal eingestellten und vollkommen optimierten Hormonhaushalts optimal vorbereitet auf eine Weise miteinander schlafen, von der wir noch nicht einmal träumen können. Wenn sie sich noch unterhalten, dann vermutlich in einer entfernt dem Englischen verwandten Stummelsprache (gibt’s jetzt schon: „Yo, man! Whassup?“). Abgesehen davon, dass einem schon der Instinkt sagt, dass solche Eloi sicher auch irgendwelche Morlocks bräuchten, die ihnen nötigenfalls mal das verstopfte Klo reinigen, wäre dies vor allem eins, nämlich die Selbstabschaffung des Menschen – in all seiner Zerbrechlichkeit und Unzulänglichkeit. Totalitarismus.

Große Worte, gewiss. Und wie sich gegen all das wehren? Wie Portugal wieder portugiesisch machen? Sie müssen, wie gesagt, nicht gleich Berge versetzen. Fangen Sie einfach mal damit an, Sie selbst zu sein. Der Rest ergibt sich dann ja vielleicht.

 

(Anmerkung: Der Text ist schon ein paar Jahre älter und berücksichtigt daher die Finanzkrise und alle seitherigen Entwicklungen nicht. Man könnte vom heutigen Standpunkt aus natürlich einwenden, dass die Gleichmacherei eben doch nur oberflächlicher Art war und die gravierenden Mentalitätsunterschiede zwischen den einzelnen Staaten Europas sich nicht so leicht beseitigen lassen wie in diesem Text befürchtet.)

© 2017 Bernd Ohm

Theme von Anders NorénHoch ↑

Facebook Auto Publish Powered By : XYZScripts.com