Bernd Ohm

Autorenblog

Kategorie: Medien (Seite 2 von 3)

Ein Hauch Bürgerkrieg

Ich wollte vorgestern eigentlich nur auf der Leipziger Buchmesse meinen Verleger treffen und vorher ein wenig schauen, was die Konkurrenz so treibt. Stattdessen geriet ich zufällig in einen Tumult, der sich um den Messestand des Compact-Magazins herum entfaltete. So um die zweihundert Leute reckten Fäuste und Transparente in die Höhe und brüllten lautstark Parolen gegen die Anwesenheit der Zeitschrift auf der Buchmesse. Die Atmosphäre war aggressiv aufgeladen und schien kurz vor der Explosion zu stehen, was noch durch die Anwesenheit breitschultriger Security-Leute an den Ecken des burgartigen Messestands verstärkt wurde. Gott sei Dank passierte nichts Schlimmes (bzw. war es schon passiert).

Ich habe diese Zeitschrift noch nie gelesen, und nach allem, was ich über die dort verbreiteten Inhalte gehört habe, wird es auch weiterhin bei dieser Nichtbekanntschaft bleiben. Aber – solange von den Redakteuren nichts strafrechtlich Relevantes getan oder verlangt wird, haben diese Leute Gott verdammt nochmal das Recht, ihre Meinung zu sagen! Was ist mit der Freiheit los, die doch angeblich immer jene des Andersdenkenden sein soll? Was wäre, wenn im Gegenzug ein paar Skinheads den Messestand der taz stürmen? Andere niederzubrüllen, weil einem ihre Ansichten nicht gefallen, ändert weder die Ansichten, noch wird es irgendjemanden dazu bringen, diese nicht mehr zu teilen. (Die Leipziger Volkszeitung behauptet, hier habe es eine »Spontandemo« von Messebesuchern gegeben – wer bringt denn bitteschön »spontan« Plakate und Transparente zur Buchmesse mit…?)

Am Vorabend hatten meine Gastgeber mir von den Straßenkämpfen erzählt, die sich im letzten Dezember in der Leipziger Südvorstadt abgespielt hatten, wo sie leben. Vor ihrer Haustür türmten Autonome Mülltonnen zu Barrikaden auf und steckten sie in Brand, später wurden Bankautomaten – Symbole des bösen Kapitalismus – zerstört und eine Bushaltestelle zerschlagen. (Ich hoffe, die Jungs haben vorher noch Geld gezogen, um am nächsten Tag einkaufen gehen zu können.) Anlass des Ganzen war offenbar eine eher kleine Neonazi-Demo, die mit ihrem Aufmarsch die Linken provozieren wollten.

Wo soll das eigentlich hinführen? Auf der einen Seite Pegida und die Glatzen, auf der anderen der Schwarze Block und das Kommando Norbert Blüm? Wohin Weimar geführt hat, wissen wir doch wohl.

Quark 83

Ich ertrage die Hervorbringungen des deutschen Fernsehens in der Regel nur in homöopathischer Dosierung, von daher war ich einigermaßen gespannt, wie sich wohl die allseits in den Himmel gelobte Serie Deutschland 83 machen würde, die ja dem Vernehmen nach die Erzählweise der neuen US-Serien auf hiesige Verhältnisse übertragen sollte und durch „Erfolg in den USA“ geadelt war. Zudem fällt mein eigenes Gastspiel bei der Bundeswehr in die Zeit kurz nach der dargestellten Handlung, da will man natürlich wissen, ob alles korrekt dargestellt ist.

Das Positive zuerst: klasse Ausstattung! Genau so, mit diesen Stahlrohrbetten und den blauen oder orangen Resopalmöbeln, sah damals eine Wehrpflichtigenstube beim westdeutschen Militär aus. Womit aber gleich die Probleme beginnen, denn natürlich waren Offiziere, zumal solche beim Stab, in Zweibettzimmern untergebracht, die eine gewisse Freiheit zur persönlichen Gestaltung ließen. Und die Art, wie die Jungs ihre Barette trugen, hätte unseren Spieß sicher zu einer seiner berüchtigten „Seid ihr Pizzabäcker?“-Tiraden angestachelt.

Der Alltag beim Barras zeichnet sich eben durch vielerlei Details aus, die man durch oberflächliches Recherchieren nicht so schnell in den Griff bekommt. Und genau da liegt die Crux der dramaturgischen Prämisse: Die Vorstellung, man könnte einen Angehörigen der bewaffneten Organe der DDR mal eben durch einen Crash-Kurs bei einem linken Uni-Professor und die Lektüre der Zentralen Dienstvorschrift zu einem überzeugend wirkenden Bundeswehroffizier machen, ist so abenteuerlich wie unglaubwürdig. Weiterlesen

Randale in Ralswiek

Wir haben neulich mit den Kindern Urlaub auf Rügen gemacht, und wie das Leben so spielte, fanden wir uns eines kalten Abends Anfang September auf den harten Plastiksitzen der Ralswieker Naturbühne wieder und sahen uns an, wie eine verwirrend große Schauspielermeute sich daran versuchte, die Verwicklungen der Vitalienbrüder um Klaus Störtebeker und Godeke Michels in die schwedischen Thronkämpfe des ausgehenden 14. Jahrhunderts zu veranschaulichen. Als alter Veteran der Störtebeker-Kritik komme ich natürlich nicht umhin, hier ein paar Worte zu dem Spektakel zu verlieren.

Als erstes: Die Stuntmänner, allesamt aus Ungarn stammend, waren hervorragend! Sie flogen durch die Luft, sausten auf ihren Pferden über die komplett mit Sand gefüllte Bühne und ließen sich samt ihrer Sturmleitern von den Stadtmauern Stockholms stoßen, dass es eine helle Freude war. Auch die Pyrotechniker lieferten eine insgesamt sehr ansehnliche Arbeit ab, die in spektakulären Explosionen, wild züngelnden Bränden und donnerndem Kanonenfeuer ihre Höhepunkte hatte. Kostüm und Bühnenbild haben mir sehr gut gefallen, in beiden Fällen wurde ein guter Kompromiss zwischen historischer Authentizität und theatralischer Überspitzung gefunden. Sehr beeindruckend die rollenden Kulissenteile, die immer wieder neue Einblicke in das Geschehen boten!

Was allerdings fehlte, war ein roter Faden bei der Handlung. Ich will mich hier gar nicht an irgendeiner historischen Genauigkeit aufhängen, die hatte ich ohnehin nur in Grenzen erwartet. Aber so richtig Spannung wollte trotzdem nicht aufkommen, was wohl hauptsächlich daran lag, dass die einfachsten dramaturgischen Grundregeln nicht beachtet wurden. Zum Beispiel die, dass ein Protagonist einen mächtigen Antagonisten braucht, um zur starken Figur zu werden. Störtebeker hingegen, der in diesem Teil der mehrteiligen Produktion hauptsächlich in seiner Funktion als mecklenburgischer Blockadebrecher agiert, hat (statt Manteufel und Langendoorp, wie im ersten Teil) nur einen vertrottelten Lübecker Kaufmannssohn vor sich, den er mit ein paar lässigen Tricks außer Gefecht setzen kann. Keine große Sache. Die wirklich Agierenden sind stattdessen die Nebenfiguren: Daniela Kiefer als furios über die Bühne reitende Königin Margarete, Norbert Braun als mecklenburgischer Befehlshaber in Stockholm, Albrecht Pecatel, und Patricia Schäfer als Herzogin von Mecklenburg. Das führt zu einem schweren dramaturgischen Ungleichgewicht, das auch von der actionreichen Inszenierung nicht aufgefangen werden kann.

Vollends unverständlich bleibt der Zweikampf Störtebekers mit dem schwedischen Heerführer Swarte Skaaning am Schluss. Die beiden haben sich nie vorher gesehen, warum also sollte unser sympathischer Oberpirat den Mann entgegen der Bitten von Herzogin Ingeborg abstechen und damit den Weg in die Illegalität gehen? Hier wäre mal historische Korrektheit angebracht gewesen, und die hätte gefordert, dass die Vitalienbrüder von den politischen Kräften aufgegeben werden, denen sie bis zu einem gewissen Zeitpunkt nützlich waren. Erst dadurch werden sie wirklich zu “Piraten”, und erst dadurch wird ihre übergroße Wut auf den Autoritäten ihrer Zeit verständlich.

Völlig überflüssig wirkten Nebenrollen wie Magister Wigbold, der keinerlei dramaturgisch erkennbare Funktion hatte. Auch Elisabeth Langendoorp passte als love interest Störtebekers nicht so recht in die Geschichte und blieb kaum in Erinnerung.

Nervig fand ich auch, mit Verlaub, eine gewisse “Ostigkeit”. Den heftig sächselnden Piratenclown als Zugeständnis an die Urlauber aus Jena und Dresden hätte ich ja noch hingenommen, und Wolfgang Lippert ist eben, na ja, Wolfgang Lippert. Aber muss man sich 2014 wirklich noch schale Witze über “Kaufleute aus dem Westen” (hier: Lübeck) anhören, die in den “Wilden Osten” (hier: Wismar) kommen und die naiven, aber gutherzigen Einheimischen übers Ohr hauen? Und das auf einer Insel, die bei meinem ersten Besuch 1990 durchgängig so aussah: Rügen alt, jetzt aber im Allgemeinen diesen Eindruck macht: Rügen neu… Überhaupt – die einzige Figur, die den Zuschauer halbwegs daran erinnerte, dass man es hier mit einer zuvorderst NORD-deutschen Geschichte zu tun hatte, war Andreas Euler als Godeke Michels. Man muss ja nicht gleich alles auf Plattdeutsch machen wie die Konkurrenz in Marienhafe, aber son büschen aussem Vollen schöpfen un ma orntlich auf die Kacke haun darf man dann eigentlich schon bei dem Thema.

Wie dem auch sei, den Kindern hat’s gefallen. Wahrscheinlich kommen wir wieder…

Nie nicht kein „The Wire“ hier

Bin heute im Tagträumermodus: einmal eine Geschichte für das Fernsehen erzählen, die noch keiner erzählt hat! Mit Handlungsbögen, die sich über mehrere Folgen erstrecken, lebensnahen und doch kunstvollen Dialogen, realistischen Figuren und jeder Menge Wut über den Zustand, in dem sich das Land und unsere Gesellschaft befinden. Einmal wirklich aus dem Leben schöpfen, wie David Simon, der sich nach dem erzwungenem Ende seiner Journalistenkarriere erstmal ein Jahr lang an eine Straßenecke stellte, um die Leute zu verstehen, die dort Drogen verkauften!

Simon ist, wie inzwischen allgemein bekannt sein dürfte, der kreative Kopf hinter der US-amerikanischen Fernsehserie “The Wire”, bei der über fünf Staffeln hinweg aus verschiedenen Blickwinkeln die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in Simons Heimatstadt Baltimore beleuchtet werden. Die vom Bezahlsender HBO von 2002 bis 2008 produzierte Serie ist (zumindest in ihren ersten drei Staffeln) tatsächlich das Meisterwerk der Erzählkunst, als das sie inzwischen landauf, landab angepriesen wird, und so kann es nicht verwundern, dass mittlerweile so gut wie jeder deutsche TV-Regisseur, der etwas auf sich hält und mitschnacken will, das Baltimore-Epos im Interview zu seinem neuesten Fernsehserienprojekt als Inspirationsquelle und Vorbild erwähnt.

Ganz explizit war das bei “Im Angesicht des Verbrechens” der Fall, einer ARD-Serie, die nicht nur einen selten dämlichen Titel aufwies, sondern leider auch die eigenen Ansprüche nicht halten konnte. Ja, ja, da zogen sich “Handlungsstränge über mehrere Ebenen”, und “ästhetische Kamerabilder” gab es auch, aber der Plot dreht sich wieder nur um denselben alten Quark, diesmal dargeboten in einer komplett artifiziellen Welt, die von irgendeiner “Russenmafia” handeln soll, die in irgendeiner Stadt namens “Berlin” eine irgendwie geartete “Unterwelt” beherrscht. Ach ja, und die Schwester des Polizisten ist natürlich mit dem Ober-Mafioso liiert. Jimmy McNulty, hilf! Weiterlesen

Ältere Beiträge Neuere Beiträge

© 2018 Bernd Ohm

Theme von Anders NorénHoch ↑

WP Facebook Auto Publish Powered By : XYZScripts.com