Das Schlimms¬≠te ist, dass ich die¬≠sen Quark ver¬≠mut¬≠lich auch noch selbst mit ange¬≠setzt habe: So etwa Mit¬≠te, Ende der 90er Jah¬≠re bas¬≠tel¬≠te ich an einem Dreh¬≠buch √ľber das Leben Klaus St√∂r¬≠te¬≠be¬≠ckers her¬≠um, das sei¬≠ner¬≠zeit diver¬≠sen M√ľnch¬≠ner Film-Fuz¬≠zis unter die Augen kam und bei die¬≠sen f√ľr gew√∂hn¬≠lich die Fra¬≠ge pro¬≠vo¬≠zier¬≠te: ‚ÄúUnd war¬≠um l√§uft er am Ende nicht ohne Kopf an sei¬≠nen Kame¬≠ra¬≠den vor¬≠bei?‚ÄĚ Weil ich kein Fan¬≠ta¬≠sy-Epos erz√§h¬≠len woll¬≠te, nat√ľr¬≠lich, son¬≠dern die tra¬≠gi¬≠sche Pas¬≠si¬≠on einer Schar von Auf¬≠r√ľh¬≠rern, die an ihrer Zeit schei¬≠tern ‚Äď so typisch deutsch wie Tho¬≠mas M√ľnt¬≠zer, die 48er Revo¬≠lu¬≠ti¬≠on oder die Baye¬≠ri¬≠sche R√§te¬≠re¬≠pu¬≠blik. Am Ende gewann ich den Ein¬≠druck, dass sich die¬≠se Geschich¬≠te im der¬≠zei¬≠ti¬≠gen deut¬≠schen Film- und Fern¬≠seh¬≠we¬≠sen nur als Kas¬≠per¬≠le¬≠thea¬≠ter erz√§h¬≠len lie¬≠√üe und beschloss, auf bes¬≠se¬≠re Zei¬≠ten zu warten.

Umso gr√∂¬≠√üer war mei¬≠ne √úber¬≠ra¬≠schung, in der Vor¬≠ank√ľn¬≠di¬≠gung des dies¬≠j√§h¬≠ri¬≠gen ARD-Oster¬≠pro¬≠gramms einen gro√ü ange¬≠leg¬≠ten, von der M√ľnch¬≠ner Bava¬≠ria pro¬≠du¬≠zier¬≠ten Fern¬≠seh-Zwei¬≠tei¬≠ler namens ‚ÄúSt√∂r¬≠te¬≠be¬≠ker‚ÄĚ zu fin¬≠den, des¬≠sen Inhalts¬≠be¬≠schrei¬≠bung exakt die¬≠ses Kas¬≠per¬≠le¬≠thea¬≠ter erwar¬≠ten lie√ü. Hat¬≠te mein hei√ü gekoch¬≠tes Fer¬≠ment sei¬≠ner¬≠zeit doch irgend¬≠wel¬≠che G√§rungs¬≠pro¬≠zes¬≠se in Gang gesetzt? W√ľr¬≠de ich einen Anwalt brau¬≠chen? Also Abend¬≠essen vor¬≠ver¬≠legt, die Kin¬≠der ins Bett gebracht und gemein¬≠sam mit der Liebs¬≠ten zwei freie Aben¬≠de dem D√§mon Glot¬≠ze geop¬≠fert. Das Ergeb¬≠nis? Die Lei¬≠dens¬≠ge¬≠schich¬≠te war da ‚Äď lei¬≠der erleb¬≠te ich sie.

Zun√§chst die posi¬≠ti¬≠ven Sei¬≠ten: 1) Die Aus¬≠stat¬≠tung war h√ľbsch und zeigt, dass man auch mit schlap¬≠pen 7 Mil¬≠lio¬≠nen Euro ein ganz manier¬≠li¬≠ches Bild der Epo¬≠che um 1400 hin¬≠be¬≠kom¬≠men kann. 2) Etwai¬≠ge √Ąhn¬≠lich¬≠kei¬≠ten mit mei¬≠nen Expo¬≠s√©s haben sich, falls die¬≠se im Ent¬≠ste¬≠hungs¬≠pro¬≠zess tat¬≠s√§ch¬≠lich irgend¬≠ei¬≠ne Rol¬≠le gespielt haben soll¬≠ten, so weit ver¬≠fl√ľch¬≠tigt, dass die Bava¬≠ria den lan¬≠gen Arm des Urhe¬≠ber¬≠rechts nicht zu f√ľrch¬≠ten braucht.

Jeden¬≠falls von mei¬≠ner Sei¬≠te. Was die Rech¬≠te¬≠inha¬≠ber der Wer¬≠ke Wil¬≠li Bredels angeht, eines 1964 ver¬≠stor¬≠be¬≠nen, aus Ham¬≠burg stam¬≠men¬≠den Arbei¬≠ter¬≠schrift¬≠stel¬≠lers, der sich in den 40er Jah¬≠ren im Mos¬≠kau¬≠er Exil einen St√∂r¬≠te¬≠be¬≠cker-Roman mit dem Titel ‚ÄúDie Vita¬≠li¬≠en¬≠br√ľ¬≠der‚ÄĚ aus¬≠dach¬≠te und die¬≠sen 1950 in Ost-Ber¬≠lin ver¬≠√∂f¬≠fent¬≠lich¬≠te, w√§re ich mir nicht so sicher. Bredel war Tr√§¬≠ger des DDR-Natio¬≠nal¬≠prei¬≠ses und sp√§¬≠ter dort Pr√§¬≠si¬≠dent der Aka¬≠de¬≠mie der K√ľns¬≠te, au√üer¬≠dem schrieb er Mit¬≠te der 50er Jah¬≠re das Dreh¬≠buch f√ľr ‚ÄúErnst Th√§l¬≠mann ‚Äď K√§mp¬≠fer sei¬≠ner Klas¬≠se‚ÄĚ; ein Dis¬≠si¬≠dent war er also nicht gera¬≠de. Auch in √§sthe¬≠ti¬≠scher Hin¬≠sicht gehen ‚ÄúDie Vita¬≠li¬≠en¬≠br√ľ¬≠der‚ÄĚ aus heu¬≠ti¬≠ger Sicht ein wenig arg in Rich¬≠tung tro¬≠cke¬≠ne Agit¬≠prop, aber den Zuschau¬≠ern des TV-‚ÄúEreignisses‚ÄĚ vom ver¬≠gan¬≠ge¬≠nen Wochen¬≠en¬≠de d√ľrf¬≠te doch die eine oder ande¬≠re Ein¬≠zel¬≠heit des Plots bekannt vor¬≠kom¬≠men: Bredels St√∂r¬≠te¬≠be¬≠cker ist eltern- und hei¬≠mat¬≠los, er k√§mpft gegen einen b√∂sen Patri¬≠zi¬≠er und des¬≠sen noch b√∂se¬≠ren Sohn, er heu¬≠ert auf dem Schiff eines guten Patri¬≠zi¬≠ers an, der unter¬≠des¬≠sen von dem b√∂sen Duo abser¬≠viert wird und stirbt, an Bord muss er einen Zwei¬≠kampf mit einem Mus¬≠kel¬≠rie¬≠sen bestehen, die Mann¬≠schaft meu¬≠tert wegen der Unge¬≠rech¬≠tig¬≠keit des Schiffs¬≠f√ľh¬≠rers, das Schiff wird in ‚ÄúSee¬≠ti¬≠ger‚ÄĚ umbe¬≠nannt (im Film: ‚ÄúSee¬≠wolf‚ÄĚ) und segelt nun unter St√∂r¬≠te¬≠be¬≠ckers Kom¬≠man¬≠do als Kape¬≠rer, auf einer der auf¬≠ge¬≠brach¬≠ten Kog¬≠gen befin¬≠den sich lau¬≠ter Rats¬≠her¬≠ren, die gefan¬≠gen genom¬≠men, in Hering¬≠s¬≠ton¬≠nen gesteckt und gegen St√∂r¬≠te¬≠be¬≠ckers im Ker¬≠ker schmach¬≠ten¬≠den bes¬≠ten Freund (im Film: sei¬≠nen Bru¬≠der) ein¬≠ge¬≠tauscht wer¬≠den, bei der √úber¬≠ga¬≠be stellt sich her¬≠aus, dass die¬≠ser geblen¬≠det wur¬≠de. Erken¬≠nen Sie die Melodie?

Bei den rest¬≠li¬≠chen Ver¬≠wick¬≠lun¬≠gen und Ver¬≠stri¬≠ckun¬≠gen des Action-Melo¬≠drams haben sich des¬≠sen Macher (die offen¬≠bar zur Bernd-Eichin¬≠ger-Schu¬≠le der ange¬≠wand¬≠ten Zuschau¬≠er¬≠ver¬≠ach¬≠tung geh√∂¬≠ren, deren Cre¬≠do da lau¬≠tet: Wir¬≠kung vor Logik!) aller¬≠dings mei¬≠len¬≠weit von Bredels Vor¬≠la¬≠ge ent¬≠fernt, lei¬≠der jedoch noch wei¬≠ter von jeder his¬≠to¬≠ri¬≠schen Wirk¬≠lich¬≠keit oder auch nur dra¬≠ma¬≠ti¬≠schen Plau¬≠si¬≠bi¬≠li¬≠t√§t. Die kom¬≠ple¬≠xe poli¬≠ti¬≠sche Lage der Jah¬≠re um 1400 ‚Äď das schmerzt nat√ľr¬≠lich den His¬≠to¬≠ri¬≠ker ‚Äď wur¬≠de bis zur Unkennt¬≠lich¬≠keit ent¬≠stellt: Eine h√∂l¬≠zer¬≠ne Gud¬≠run Land¬≠gre¬≠be als Dron¬≠ning Mar¬≠gret von D√§ne¬≠mark k√§mpft angeb¬≠lich daf√ľr, zoll¬≠frei¬≠en Zugang zu den Han¬≠se¬≠h√§¬≠fen zu bekom¬≠men und stellt daf√ľr den See¬≠r√§u¬≠bern Kaper¬≠brie¬≠fe aus ‚Äď in Wirk¬≠lich¬≠keit balg¬≠te sich die D√§nen-Herr¬≠sche¬≠rin damals mit Her¬≠zog Albrecht von Meck¬≠len¬≠burg um den schwe¬≠di¬≠schen Thron, wobei die F√∂r¬≠de¬≠rung des Kaper¬≠we¬≠sens von bei¬≠den Sei¬≠ten aus¬≠ging. Die Han¬≠se und die D√§nen hat¬≠ten sich 30 Jah¬≠re vor¬≠her bekriegt, aber dabei spiel¬≠ten Frei¬≠beu¬≠ter gar kei¬≠ne Rol¬≠le. Man kann das dau¬≠ern¬≠de Gejam¬≠mer im Film dar¬≠√ľber, dass die See¬≠r√§u¬≠ber den Han¬≠del zum Erlie¬≠gen brin¬≠gen, gar nicht ohne den Hin¬≠ter¬≠grund der meck¬≠len¬≠bur¬≠gisch-d√§ni¬≠schen Aus¬≠ein¬≠an¬≠der¬≠set¬≠zun¬≠gen ver¬≠ste¬≠hen, denn nat√ľr¬≠lich litt die Han¬≠se als unbe¬≠tei¬≠lig¬≠ter Drit¬≠ter am meis¬≠ten unter der offi¬≠zi¬≠ell gedul¬≠de¬≠ten Kaperei.

Und dann die Details! Stadt¬≠to¬≠re die¬≠nen in ‚ÄúSt√∂r¬≠te¬≠be¬≠cker‚ÄĚ offen¬≠bar nur dazu, deko¬≠ra¬≠tiv in der Gegend her¬≠um¬≠zu¬≠ste¬≠hen ‚Äď geschlos¬≠sen oder auch nur bewacht wer¬≠den sie nie, und jeder¬≠mann kann zu jeder Tages- und Nacht¬≠zeit die Stadt betre¬≠ten ‚Ķ Die M√§n¬≠ner tra¬≠gen Stul¬≠pen¬≠stie¬≠fel, die erst Jahr¬≠hun¬≠der¬≠te sp√§¬≠ter in Mode kamen, die Patri¬≠zi¬≠er¬≠toch¬≠ter ver¬≠l√§sst die Stadt mal eben so und vol¬≠l¬≠eman¬≠zi¬≠piert in frem¬≠der M√§n¬≠ner¬≠be¬≠glei¬≠tung f√ľr einen Aus¬≠ritt (voll¬≠kom¬≠men undenk¬≠bar), der Patri¬≠zi¬≠er¬≠sohn benimmt sich wie ein spa¬≠ni¬≠scher Gockel aus dem Sig¬≠lo de oro, das Klos¬≠ter stammt eben¬≠so wie die Take¬≠la¬≠ge der Kog¬≠gen offen¬≠bar aus der¬≠sel¬≠ben Epo¬≠che, der Guts¬≠hof von St√∂r¬≠te¬≠be¬≠ckers Eltern steht mit¬≠ten den D√ľnen (zwei¬≠fel¬≠los ein fr√ľ¬≠hes agrar¬≠tech¬≠ni¬≠sches Expe¬≠ri¬≠ment), alle See¬≠leu¬≠te k√∂n¬≠nen schwim¬≠men (konn¬≠ten sie nicht!), unbot¬≠m√§¬≠√üi¬≠ge Matro¬≠sen wer¬≠den kiel¬≠ge¬≠holt (eben¬≠falls erst ab dem Zeit¬≠al¬≠ter der Stul¬≠pen¬≠stie¬≠fel √ľblich), ein Patri¬≠zi¬≠er berei¬≠chert sich durch unrecht¬≠m√§¬≠√üi¬≠ge Aneig¬≠nung eines Guts¬≠ho¬≠fes (dabei galt auch fr√ľ¬≠her: und ist der Han¬≠del noch so klein ‚Ķ), die Ehe¬≠trau¬≠ung fin¬≠det im Frei¬≠en statt (die Patri¬≠zi¬≠er waren see¬≠ehr stolz auf ihre gro¬≠√üen, back¬≠stein¬≠ro¬≠ten Kir¬≠chen) und und und. Ach ja, die ein¬≠zi¬≠ge Han¬≠se¬≠stadt, die es jemals gab, hei√üt Ham¬≠burg. Alle Beschl√ľs¬≠se der Han¬≠se wer¬≠den im Ham¬≠bur¬≠ger Rat¬≠haus gef√§llt. Die Ham¬≠bur¬≠ger Rats¬≠her¬≠ren tre¬≠ten als Ver¬≠tre¬≠ter der Han¬≠se auf, ohne mit ande¬≠ren St√§d¬≠ten R√ľck¬≠spra¬≠che zu hal¬≠ten. Das Hoch im Nor¬≠den. M√ľs¬≠sen wir L√ľbeck erw√§h¬≠nen, die ‚ÄúK√∂ni¬≠gin der Han¬≠se‚ÄĚ? Die 70 St√§d¬≠te allein der Kern¬≠han¬≠se im 14. Jahr¬≠hun¬≠dert? Die gro¬≠√üen Han¬≠se¬≠ta¬≠ge? Hier ver¬≠ab¬≠schie¬≠de¬≠te sich die rea¬≠le Geschich¬≠te voll¬≠ends ins Nir¬≠wa¬≠na der Dreh¬≠buch¬≠phan¬≠tas¬≠te¬≠rei, und man konn¬≠te sich des Ein¬≠drucks nicht erweh¬≠ren, irgend¬≠je¬≠mand hat¬≠te kei¬≠ne Lust, sich ins The¬≠ma ein¬≠zu¬≠le¬≠sen und woll¬≠te eigent¬≠lich ein Remake des ‚ÄúRoten Kor¬≠sa¬≠ren‚ÄĚ drehen.

Ins¬≠be¬≠son¬≠de¬≠re Ken¬≠ner der nord¬≠eu¬≠ro¬≠p√§i¬≠schen Geo¬≠gra¬≠phie muss¬≠ten unter Kreuz¬≠feu¬≠er der Dreh¬≠buch¬≠pein¬≠lich¬≠kei¬≠ten lei¬≠den: Von Ham¬≠burg aus kann man offen¬≠bar locker einen Aus¬≠ritt ans Meer machen, die alte und ehr¬≠w√ľr¬≠di¬≠ge Han¬≠se¬≠stadt Wis¬≠by auf Got¬≠land wird zu einer Ansamm¬≠lung von Pira¬≠ten¬≠h√ľt¬≠ten ein¬≠ge¬≠dampft, Got¬≠land selbst liegt irgend¬≠wo fern¬≠ab von allen Schiff¬≠fahrts¬≠rou¬≠ten und nicht mit¬≠ten in der Ost¬≠see (die Vita¬≠lier konn¬≠ten sich auf Got¬≠land wegen der man¬≠geln¬≠den poli¬≠ti¬≠schen Kon¬≠trol¬≠le w√§h¬≠rend der d√§nisch-meck¬≠len¬≠bur¬≠gi¬≠schen Kriegs¬≠h√§n¬≠del fest¬≠set¬≠zen, nicht weil es eine unbe¬≠wohn¬≠te Kari¬≠bik¬≠in¬≠sel war!), von Ham¬≠burg segelt man mal so eben mir nichts, dir nichts nach Kopen¬≠ha¬≠gen (anstatt nach L√ľbeck zu fah¬≠ren und von dort zu segeln), und √ľber¬≠haupt ger√§t jede Fahrt zum Hoch¬≠see¬≠aben¬≠teu¬≠er, obwohl doch sogar im Film selbst erw√§hnt wird, dass man sich sei¬≠ner¬≠zeit stets eng an die K√ľs¬≠ten hielt. Eine ein¬≠zi¬≠ge Tortur.

Was den Plot angeht, fas¬≠sen wir uns kurz ‚Äď des¬≠sen Maschen sind auch f√ľr Nicht-Fach¬≠leu¬≠te ersicht¬≠lich so weit gekn√ľpft, dass m√ľhe¬≠los eine gan¬≠ze Kriegs¬≠kog¬≠ge hin¬≠durch pas¬≠sen w√ľr¬≠de (um von der geball¬≠ten Anh√§u¬≠fung unwahr¬≠schein¬≠li¬≠cher Schick¬≠sals¬≠f√ľ¬≠gun¬≠gen gar nicht erst anzu¬≠fan¬≠gen). Ein Bei¬≠spiel f√ľr vie¬≠le: War¬≠um, zum Hen¬≠ker, ergreift G√∂de¬≠ke Michels in der Aus¬≠ein¬≠an¬≠der¬≠set¬≠zung mit dem Schiffs¬≠haupt¬≠mann dra¬≠ma¬≠tur¬≠gisch v√∂l¬≠lig unvor¬≠be¬≠rei¬≠tet f√ľr St√∂r¬≠te¬≠be¬≠cker Par¬≠tei und wirft sich mit sei¬≠nem Schwert in Kampf¬≠po¬≠si¬≠tur wie ein tele¬≠pa¬≠thisch gesteu¬≠er¬≠ter Cyborg? Und schmei√üt sein gan¬≠zes bis¬≠he¬≠ri¬≠ges Leben √ľber Bord, um Pirat zu wer¬≠den? Kis¬≠met? Erst zwei Minu¬≠ten vor Schluss, als der Prot¬≠ago¬≠nist lehr¬≠buch¬≠m√§¬≠√üig sei¬≠nen Gegen¬≠spie¬≠ler erle¬≠digt, die sch√∂¬≠ne Frau erobert und mit sei¬≠nen Man¬≠nen die Stadt ver¬≠las¬≠sen hat¬≠te, stell¬≠te sich so etwas wie Neu¬≠gier ein: Wie woll¬≠te man in der ver¬≠blei¬≠ben¬≠den kur¬≠zen Zeit von die¬≠sem gl√ľck¬≠li¬≠chen Ende schnell genug zur Hin¬≠rich¬≠tung auf den Gras¬≠brook kom¬≠men? Man tat es mit¬≠tels einer auf¬≠ge¬≠setzt wir¬≠ken¬≠den Off-Erz√§h¬≠lung, die noch schnell den Tages¬≠ord¬≠nungs¬≠punkt ‚Äúkopf¬≠los wan¬≠ken¬≠der Pira¬≠ten¬≠h√§upt¬≠ling‚ÄĚ abhak¬≠te und ange¬≠sichts des vor¬≠an¬≠ge¬≠hen¬≠den gl√ľck¬≠li¬≠chen Endes in dra¬≠ma¬≠tur¬≠gi¬≠scher Hin¬≠sicht so befremd¬≠lich wirk¬≠te wie die elek¬≠tro¬≠ni¬≠schen M√§tz¬≠chen, mit denen man sie am Schnei¬≠de¬≠tisch auf¬≠ge¬≠motzt hat¬≠te. Man fragt sich kurz, wie Ham¬≠let heu¬≠te aus¬≠s√§¬≠he: Kurz vor Schluss hei¬≠ra¬≠tet er Ophe¬≠lia, r√§cht sei¬≠nen Vater, wird K√∂nig von D√§ne¬≠mark und f√§llt schlie√ü¬≠lich in einem Epi¬≠log einem ver¬≠schluck¬≠ten H√ľh¬≠ner¬≠bein zum Opfer?

Immer¬≠hin schei¬≠nen die Schau¬≠spie¬≠ler gro¬≠√üen Spa√ü am Pirat-Spie¬≠len gehabt zu haben. Nach Her¬≠zens¬≠lust rau¬≠fen und intri¬≠gie¬≠ren, tur¬≠nen und gri¬≠mas¬≠sie¬≠ren, fech¬≠ten und char¬≠gie¬≠ren sie, was das Zeug h√§lt. Dies war sicher umso sch√∂¬≠ner, als offen¬≠bar kein Regis¬≠seur in der N√§he war, der ihnen bei ihrem mun¬≠te¬≠ren Trei¬≠ben Ein¬≠halt gebo¬≠ten h√§t¬≠te. Im Alter wer¬≠den sie ihre Enkel auf den Scho√ü neh¬≠men und von den Zei¬≠ten schw√§r¬≠men, als das Augen¬≠rol¬≠len noch gehol¬≠fen hat.

Und St√∂r¬≠te¬≠be¬≠cker? Offen¬≠bar total¬≠ly fit-for-fun und mar¬≠ti¬≠al-arts-taug¬≠lich. War¬≠um der Mann auf das glei¬≠che Auf¬≠tei¬≠len der Beu¬≠te bestand, war¬≠um er ‚ÄúGot¬≠tes Freund‚ÄĚ genannt wur¬≠de, war¬≠um er nicht nur F√ľrs¬≠ten, Pr√§¬≠la¬≠ten und Pfef¬≠fer¬≠s√§¬≠cken, son¬≠dern der gesam¬≠ten Welt den Krieg erkl√§r¬≠te, war¬≠um er zum Freund des Vol¬≠kes wur¬≠de ‚Äď Pus¬≠te¬≠ku¬≠chen, bil¬≠li¬≠ge Kli¬≠schees. Wohl wahr, aus dem Leben des nord¬≠deut¬≠schen Volks¬≠hel¬≠den ist au√üer sagen¬≠haf¬≠ten Erz√§h¬≠lun¬≠gen nicht all¬≠zu viel bekannt (immer¬≠hin lau¬≠te¬≠te sein Vor¬≠na¬≠me in Wirk¬≠lich¬≠keit ver¬≠mut¬≠lich ‚ÄúJohann‚ÄĚ ‚Ķ), aber jede his¬≠to¬≠ri¬≠sche Fik¬≠ti¬≠on muss sich doch zumin¬≠dest die Auf¬≠ga¬≠be stel¬≠len, ein plau¬≠si¬≠bel in sei¬≠ner Epo¬≠che rekon¬≠stru¬≠ier¬≠tes Leben wie¬≠der¬≠zu¬≠ge¬≠ben; was wir am Wochen¬≠en¬≠de gese¬≠hen haben, war hin¬≠ge¬≠gen ein abstru¬≠ser Kos¬≠t√ľm¬≠schin¬≠ken mit der hier¬≠zu¬≠lan¬≠de seit jeher g√§n¬≠gi¬≠gen Mischung aus Bru¬≠ta¬≠li¬≠t√§t, Sen¬≠ti¬≠men¬≠ta¬≠li¬≠t√§t und Kla¬≠mauk, fern¬≠ab jeder his¬≠to¬≠ri¬≠schen Wirk¬≠lich¬≠keit und ‚Äď noch schlim¬≠mer ‚Äď Wahrhaftigkeit.

Am Ende bleibt eine bit¬≠te¬≠re Erkennt¬≠nis: Wenn der deut¬≠sche Unter¬≠hal¬≠tungs¬≠film ganz bei sich ist, lan¬≠det er offen¬≠bar unwei¬≠ger¬≠lich in einer voll¬≠kom¬≠men k√ľnst¬≠li¬≠chen Welt vol¬≠ler holz¬≠schnitt¬≠ar¬≠ti¬≠ger Figu¬≠ren, vor¬≠her¬≠seh¬≠ba¬≠rer Ent¬≠wick¬≠lun¬≠gen und fader Wit¬≠ze ‚Äď kurz: beim Karl-May-Film. Irgend¬≠wann in der Mit¬≠te des ers¬≠ten Teils sagt mir mei¬≠ne Frau: Wenn du bei die¬≠sem Stuss mit¬≠ge¬≠macht h√§t¬≠test, w√ľr¬≠de ich dir jetzt aber den Kopf waschen. Da habe ich wohl noch¬≠mal Gl√ľck gehabt.

(Hin¬≠weis: Dies ist die Ori¬≠gi¬≠nal¬≠ver¬≠si¬≠on eines Arti¬≠kels, der zuerst 2006 in der jun¬≠gen welt erschien. Er bezieht sich auf den St√∂r¬≠te¬≠be¬≠cker-Zwei¬≠tei¬≠ler, der damals in der ARD lief.)