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Kategorie: John Michael Greer (Seite 1 von 3)

Zu Trump: alles schon gesagt

Man kann dem neuen amerikanischen Cäsar so einiges vorwerfen – sicher nicht, dass er seine Wahlkampfversprechen wie üblich am Tag des Amtsantritts vergessen hätte. Während er die Dekrete unterzeichnet, mit denen der Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko, die Abschaffung der öffentlichen Förderung von Kunst und Kultur und die Verbannung der Klimaforschung von den Webseiten amerikanischer Behörden eingeleitet wird, sollte man sich einen Augenblick Zeit nehmen, um den griechischen Historiker Polybios zu lesen, der sich vor über zweitausend Jahren mit der Frage beschäftigt hat, wie sich im Verlauf der (ihm damals bekannten) Geschichte verschiedene Regierungsformen entwickelten und wiederum von anderen abgelöst wurden.

Aus dem Werdegang der griechischen Stadtstaaten destillierte er dabei einen Kreislauf, bei dem in anfänglicher Anarchie entschlossene Gewaltmenschen die Initiative ergreifen und als Tyrannen und Könige die Macht ergreifen, um dann von rebellierenden Aristokraten und Oligarchen abgelöst zu werden, die allerdings wiederum der allgemeinen Volksherrschaft Platz machen müssen, wenn sich der demos gegen sie erhebt. Weiter geht es so:

Haben sie dann die einen von ihnen getötet die andern in die Verbannung gejagt, so wagen sie weder einen König an ihre Spitze zu stellen, da sie deren frühere Ungerechtigkeit noch fürchten, noch haben sie den Mut, den Staat einer Schar von Wenigen anzuvertrauen, da ihnen noch deren bisherige Verblendung vor Augen steht, so wenden sie sich denn, da ihnen nur eine einzige Hoffnung ungetrübt bleibt, die zu sich selber, dieser zu, machen die Staatsverfassung aus einer oligarchischen zu einer Demokratie und übernehmen selber die Vorsorge und den Schutz des Gemeinwesens. Und so lange noch einige von denen am Leben sind, welche die Willkür- und Gewaltherrschaft durch Erfahrung kennengelernt haben, halten sie zufrieden mit der nunmehrigen Verfassung die Gleichberechtigung und die Freiheit der Rede in Ehren.

Wenn aber ein junges Geschlecht an deren Stelle tritt und die Demokratie wieder an Kinder und Kindeskinder überliefert wird, dann suchen einige, indem sie wegen der langen Gewohnheit die Gleichberechtigung und Freiheit der Rede nicht mehr für etwas Großes achten, mehr zu gelten als das Volk; hauptsächlich aber geraten die, welche an Vermögen hervorragen, auf diesen Abweg. Wenn solche nunmehr sich nach Ämtern drängen und diese nicht durch sich selber und durch eigene Tüchtigkeit erlangen können, so vergeuden sie Hab und Gut indem sie die Menge auf jede Weise zu ködern und zu verführen suchen. Haben sie diese nun einmal in Folge ihrer unsinnigen Ämtergier empfänglich und gierig nach Geschenken gemacht, dann löst sich auch die Demokratie wieder auf, und an die Stelle der Demokratie tritt Gewalt und Herrschaft der Faust. Denn ist die Menge einmal daran gewöhnt, sich von fremdem Gute zu nähren und ihre Blicke bei ihrem Lebensunterhalt auf die Besitzungen anderer zu richten, und bekommt sie einen hochstrebenden und entschlossenen Führer, der aber durch Armut von den Ehrenstellen im Staate ausgeschlossen ist, so schafft dieser dann eine Herrschaft der Faust, und um ihn geschart schreitet das Volk zu Mord, Verbannungen und neuen Verteilungen des Landes, bis es völlig verwildert wieder einen Zwingherrn und Monarchen findet.

(Quelle, Rechtschreibung und Wortwahl leicht modernisiert)

Es wäre noch zu diskutieren, ob Trump zu denjenigen gehört, »welche an Vermögen hervorragen« und mehr gelten wollen als das Volk (das könnten aber auch die Clintons und ihre Gesellschaftsschicht sein), oder zu den »entschlossenen Führern«, um die herum sich das Volk schart, um die Verhältnisse zum Tanzen bringen (wie man vor ein paar Jahrzehnten zu sagen pflegte). Durch »Armut« zeichnet er sich natürlich nicht gerade aus, aber der Wille zur Umwälzung alles Bestehendem scheint ihm ja nicht abzugehen. Vielleicht spielt er beide Rollen auf einmal.

Wer es noch etwas apokalyptischer haben möchte, darf diese Woche beim Erzdruiden vorbeischauen (nein, nicht der von Reichsbürgern): How Great the Fall Can Be.

1 – Zivilisation und Sukzession

In einem vor ein paar Wochen auf dem Archdruid Report veröffentlichten Beitrag habe ich die schon etwas abgenutzte Metapher von Hefepilzen in einer Petrischale verwendet, um die ökologischen Beschränkungen zu illustrieren, denen Homo sapiens wie alle anderen Lebensformen auch unterliegt. Einige Leser stießen sich an diesem Vergleich und beharrten mehr oder weniger darauf, dass Menschen viel intelligenter als Mikroben wären und daher für uns nicht dieselben Regeln gälten. So schmeichelhaft ein solches Beharren für die menschliche Eitelkeit auch sein mag, muss ich im Lichte der jüngsten Entwicklungen doch diesbezüglich eine gewisse Skepsis anmelden.

Den besten derzeit verfügbaren Daten zufolge hat die weltweite Förderung von konventionellem Erdöl vor fast zwei Jahren ihr Maximum erreicht und geht seitdem zurück; die weltweite Förderung und Gewinnung aller Flüssigbrennstoffe hat demnach vor einem Jahr ihr Maximum erreicht und geht ebenfalls zurück; viele Länder der Dritten Welt befinden sich in einer verzweifelten Zwangslage, weil es für sie immer schwieriger wird, an fossile Brennstoffe zu kommen – und politische wie Wirtschaftsführer überall in der industrialisierten Welt, die durch die Götterdämmerung der billigen, im Überfluss vorhandenen Energie sehr viel mehr zu verlieren hat als die Dritte Welt, behandeln das Hubbert-Maximum weiterhin als Problem einer mangelhaften Öffentlichkeitsarbeit. Falls wir tatsächlich derart viel intelligenter als Mikroben in einer Petrischale sind, dass wir deren Schicksal entkommen können, müssen wir den Beweis dafür noch liefern.

In einem tieferen Sinn gehen solche Bemerkungen natürlich ebenso am eigentlichen Problem vorbei wie die Behauptungen, deren Persiflierung sie dienen sollen. Die Metapher mit der Petrischale ist deshalb so nützlich, weil sie die Funktionsweise von ökologischen Prozessen in einem Kontext aufzeigt, der einfach genug ist, um ein klares Verständnis zu ermöglichen. Dasselbe Muster lässt sich in komplexeren biologischen Systemen ausfindig machen, zu denen auch menschliche Gesellschaften zählen. Die Logik der Petrischale ist letzten Endes dieselbe, die hinter den Zusammenbrüchen auf der Osterinsel und im zentralen Maya-Tiefland stand: Wenn man die für das Überleben notwendigen Ressourcen nicht nachhaltig nutzt, kommt es zur klassischen Kurve des ökologischen Systemüberschwingens (Overshoot) – erst schnelles Bevölkerungswachstum, dann ebenso schnelles Absterben.

Die Menschheit steht in dieser Hinsicht ebenso wenig über den Zwängen ökologischer Prozesse, wie sie über dem Gesetz der Schwerkraft steht. Die Erfindung des Flugzeugs bedeutet nicht, dass das Gesetz der Schwerkraft auf uns nicht mehr zutrifft; sie bedeutet lediglich, dass wir uns unter Einsatz großer Mengen von Energie der Schwerkraft entgegenstemmen und eine Zeit lang vom Boden lösen können. Dasselbe Prinzip gilt für die Gesetze der Ökologie. Es sind ungeheure Mengen von Energie, mit deren Hilfe eine Minderheit der Weltbevölkerung es eine Zeit lang geschafft hat, sich über das Niveau der reinen Subsistenzwirtschaft zu erheben, aber das bedeutet nicht, dass die Gesetze der Ökologie auf uns nicht mehr zutreffen. Es bedeutet, dass es uns dreihundert Jahre lang gelungen ist, die uns von diesen Gesetzen auferlegten Grenzen zu überwinden, indem wir massenhaft fossile Brennstoffe in Kohlendioxid umgewandelt haben. Wenn die fossilen Brennstoffe weg sind, gelten die Gesetze immer noch.

Eines der zentralen Prinzipien der Ökologie besteht sogar darin, dass ähnliche Muster auf vielen unterschiedlichen Komplexitätsebenen ausgemacht werden können. Der Intelligenzunterschied zwischen Hefepilzen und Rotwild ist um ein Vielfaches größer als der zwischen Rotwild und Menschen, und doch durchlaufen die Populationen von Hefepilzen und Rotwild exakt die gleichen Zyklen von Wachstum und Absterben, sofern nicht Räuber-Beute-Beziehungen, sondern die Ressourcenverfügbarkeit den wesentlichen begrenzenden Faktor für die Populationsdichte darstellt. Es ist daher sinnvoll, ökologische Muster bei anderen Lebewesen auf Hinweise zu untersuchen, welche Triebkräfte den entsprechenden Prozessen bei menschlichen Gesellschaften zugrunde liegen.

Ein ökologisches Muster, dem wir uns zu Beginn unseres langen Hinunterrutschens auf der RĂĽckseite der Hubbert-Kurve mit größter Aufmerksam widmen sollten, ist ein Prozess, der als “Sukzession” bezeichnet wird. Wer von meinen Lesern unklug genug war, ein Haus in einem der riesigen und zumeist noch groĂźenteils unverkauften Wohngebiete zu kaufen, die auf dem Höhepunkt der gerade platzenden Immobilienblase erschlossen wurden, wird im Lauf der nächsten Jahre ausreichend Anschauungsmaterial zum Thema Sukzession haben, daher gibt es möglicherweise mehr als einen Anlass, das Konzept hier zusammenfassend darzustellen.

Stellen Sie sich ein mit dem Bulldozer planiertes nacktes StĂĽck Erde vor, auf das jährlich so viel Regen fällt, dass dort ein Wald wachsen kann. Lange bevor das einsame Schild mit “Hier entsteht demnächst ein Villenpark” zu Boden gefallen ist, hat der Wind die Samen invasiver Unkräuter herangebracht auf der Erde verteilt, und es kommt zu einem ersten Bewuchs. Dieser bahnt den Weg fĂĽr andere Unkräuter und Gräser, die schlieĂźlich die Erstankömmlinge verdrängen. Nach ein paar Jahren erheben sich die ersten Sträucher und Pionierbäume und werden zu formativen Arten fĂĽr einen jungen Wald, der die ĂĽbrig gebliebenen Unkräuter und Gräser ĂĽberschattet. In diesem Schatten keimen dann die Schösslinge anderer Baumarten auf. Wenn der Prozess nicht noch irgendwie gestört wird, kann der verlassene Bauplatz bis zu einem Dutzend verschiedener Stadien durchlaufen, bis er schlieĂźlich ein paar Jahrhunderte später als altbestehender Wald zur Ruhe kommt.

Dies ist der Vorgang, der in der Ă–kologie als Sukzession bezeichnet wird. Jeder Schritt auf dem Weg von der nackten Erde zum Altholzbestand ist dabei eine “Sere” oder ein “serales Stadium”. Derselbe Prozess formt die Tierpopulation des ungenutzten Baulands: Eine Art nach der anderen wandert in das Gebiet ein, bis sie durch eine andere ersetzt wird, die besser an die sich wandelnden Umweltbedingungen und das jeweilige Nahrungsangebot angepasst ist. Auch unter der Erdoberfläche herrschen dieselben Bedingungen, d. h. das schwindelerregend komplexe Gewebe der Lebensformen, das einen gesunden Boden ausmacht, formiert sich zunächst neu und durchläuft dann seine eigenen Ă„nderungszyklen. Ungenutztes Bauland in einer anderen Ă–koregion wĂĽrde ein ganz anderes Bild abgeben und eine andere Folge seraler Stadien durchlaufen, bis das Klimaxstadium erreicht ist – dies ist die Bezeichnung fĂĽr die letzte, relativ stabile Sere in einem vollentwickelten Ă–kosystem, wie etwa der altbestehende Wald in unserem Beispiel. Die Details unterschieden sich jeweils, aber das Grundmuster ist identisch.

Ein wesentliches Kennzeichen des Musters ist die Art, wie in anfänglichen bzw. späteren seralen Stadien mit Energie und anderen Ressourcen umgegangen wird. Die in anfänglichen seralen Stadien auftretenden Arten – im Ă–kologenjargon: “r-selektiert” oder “r-Strategen” – maximieren in der Regel ihre Kontrolle der Ressourcen und ihre Produktion von Biomasse, auch wenn dies eine ineffiziente Nutzung von Ressourcen und Energie bedeutet. Unkräuter sind ein klassisches Beispiel fĂĽr r-Strategen: Sie wachsen schnell, breiten sich rasch aus und werden unterdrĂĽckt, sobald sich langsamer wachsende Pflanzen etabliert haben oder die reichlich vorhandenen Ressourcen, die ihr schnelles Wachstum ermöglicht haben, knapp werden. Arten, die eher in späteren seralen Stadien verbreitet sind – “K-selektiert” oder “K-Strategen” – maximieren ihre Effizienz bei der Nutzung von Ressourcen und Energie, auch wenn dies bedeutet, dass sie nur begrenzt Biomasse produzieren oder nicht in alle verfĂĽgbaren ökologischen Nischen vorstoĂźen. Hartholzbäume der gemäßigten Zone sind ein klassisches Beispiel fĂĽr K-Strategen: Sie wachsen langsam, benötigen Jahre, um auszuwachsen, und ĂĽberdauern, wenn man sie in Ruhe lässt, Jahrhunderte.

Man muss nur dieses Sukzessionsmodell auf die Ökologie des Menschen übertragen, um zu einer bemerkenswert nützlichen Sichtweise der Zwangslage zu gelangen, in der sich die heutige Industriegesellschaft befindet. In der Sukzessions-Terminologie ausgedrückt befinden wir uns im Übergang zwischen einer r-selektierten Sere und einer k-selektierten Sere, die erstere ersetzen wird. Die industriellen Wirtschaftssysteme der Gegenwart maximieren – wie jede andere r-selektierte Sere auch – die Produktion auf Kosten der Nachhaltigkeit; die erfolgreichen Wirtschaftssysteme der Zukunft, die einer Welt ohne den preisgünstigen Energieüberfluss von heute gerecht werden müssen, werden ihre Nachhaltigkeit auf Kosten der Produktion maximieren müssen – wie jede andere K-selektierte Sere auch.

Um diesen Vorgang in die richtige Perspektive zu bringen, muss man den Faktor des evolutionären Wandels mit einbeziehen, denn Klimaxgesellschaften sind nur vom Standpunkt der menschlichen Lebensspanne aus betrachtet stabil. Sie wandeln sich durch Änderungen der Umwelt oder – und dies oftmals sehr viel schneller – durch die Ankunft einer neuen Art in der betreffenden Region. Manchmal lässt dieser letztere Prozess die Sukzession eine Zeit lang in umgekehrter Richtung ablaufen. Wenn beispielsweise eine r-selektierte Art die dominante Art einer K-selektierten Klimaxgesellschaft verdrängt, wird die Sukzession am Ende wieder in die gewohnte Richtung ablaufen, aber die neue Klimaxgesellschaft sieht möglicherweise ganz anders aus als die alte.

Man muss diesen Gedanken nur auf die Humanökologie von beispielsweise Nordamerika übertragen und kann leicht dasselbe Muster finden. Eine Klimaxgesellschaft von K-selektierten Gartenbau- und Wildbeuterkulturen der Ureinwohner wurde von einer invasiven europäischen Bauern-Sere mit sehr viel stärker r-selektierter Ökologie zerstört und fast vollständig ersetzt. Nicht lange, nachdem die neue Gesellschaft sich eingenistet hatte, und bevor die Sukzession sie wiederum in Richtung einer eher K-selektierten Ökologie drängen konnte, trat eine zweite invasive Sere – die Industriegesellschaft – auf, die auf Ressourcen zugreifen konnte, die den anderen beiden Seren verwehrt waren. Diese zweite invasive Sere, die erste ihrer Art auf dem gesamten Planeten, markierte das äußerste Extrem des r-selektierten Spektrums; ihre Fähigkeit zur Ausbeutung und Nutzung ungeheurer Energiemengen ermöglichte es ihr, die vorangehende Bauern-Sere zu dominieren und die Überbleibsel der alten Klimaxgesellschaft an den Rand des Aussterbens zu bringen.

Wie alle r-selektierten Seren war die Industriegesellschaft allerdings an zwei Flanken verletzlich. Wie bei allen frühen seralen Stadien einer Sukzession bestand das Risiko, dass eine effizientere K-selektierte Sere sie letztendlich verdrängen würde, und ihre Fähigkeit zur Nutzung von Ressourcen in nicht-nachhaltiger Weise machte sie anfällig für zerstörerische Zyklen starken Wachstums und ebenso starken Absterbens, die mehr oder weniger garantierten, dass sie letztendlich durch eine effizientere Sere ersetzt werden würde. Beide Prozesse sind in vollem Gange. Die Industriegesellschaft befindet sich zum jetzigen Zeitpunkt weit in der Überschwingphase, was irgendeine Art von Zusammenbruch mehr oder weniger unvermeidlich macht. Gleichzeitig schießen seit den 1970ern sichtbare Sprösslinge der effizienteren K-selektierten menschlichen Ökosysteme der Zukunft aus dem Boden, unter anderem in Form eines rasch wachsenden Netzes von Biobauernhöfen, lokalen Bauernmärkten, angemessenen Technologien oder alternativen Denkweisen und Philosophien.

In diesem Zusammenhang muss auf drei wesentliche Punkte hingewiesen werden. Erstens besteht einer der Unterschiede zwischen Menschen und anderen Organismen darin, dass menschliche Ökosysteme eher kulturell als biologisch determiniert sind. Dieselben Individuen sind wenigstens theoretisch in der Lage, von einem r-selektierten zu einem K-selektierten menschlichen Ökosystem zu wechseln, indem sie ihre Existenzweise ändern. Da es unwahrscheinlich ist, dass ein K-selektiertes menschliches Ökosystem schnell genug ausgedehnt werden kann, um die durch das Vergehen der r-selektierten Industriegesellschaft entstehende Lücke auszufüllen, ist für vielleicht die nächsten hundert Jahre trotz allem mit großem menschlichen Leid und vielen Zerstörungen zu rechnen. Trotzdem werden diejenigen, die gewillt sind, den Übergang zu einer K-selektierten Lebensweise eher früher als später in Angriff zu nehmen, in der Auflösung der industriellen Systeme möglicherweise Chancen zum Überleben oder sogar zu einem gedeihlichen Auskommen finden.

Zweitens muss ich kurz auf das Thema des Beitrags der letzten Woche aus dem Archdruid Report zurĂĽckkommen, “Das Fermi-Paradoxon”. Wie in dem erwähnten Beitrag erläutert, wird bei dem Paradoxon im Kern davon ausgegangen, dass das heutige, enorme Energiemengen verschwendende System bruchlos in die Zukunft fortgesetzt wird, und dass noch fortschrittlicheren Gesellschaften sogar noch mehr Energie zur VerfĂĽgung stehen wird, die sie noch verschwenderischer einsetzen werden. Das Konzept der Sukzession impliziert ein radikal anderes Konzept der möglichen Erscheinungsform einer fortschrittlicheren Zivilisation. Die moderne Industriegesellschaft hier auf der Erde ist das genaue GegenstĂĽck der ersten Sere von Pionier-Unkräutern auf dem oben erwähnten ungenutzten Bauland – schnell wachsend, ressourcenhungrig, ineffizient und dazu bestimmt, im weiteren Verlauf der Sukzession durch effizientere, K-selektierte Seren ersetzt zu werden.

Eine wirklich fortschrittliche Zivilisation, auf diesem oder auf anderen Planeten, hat möglicherweise mehr mit einer Klimaxgesellschaft gemein: Sie könnte sehr bescheidene Energie- und Ressourcenmengen mit hoher Effizienz nutzen, die Nachhaltigkeit maximieren und langfristigen Aufbau betreiben. Eine solche Zivilisation wäre in den Weiten des interstellaren Raums schwer zu entdecken, und die Begrenztheit der verfügbaren Energiemengen würde es extrem unwahrscheinlich machen, dass sie versuchen könnte, diese Weiten zu überwinden. Dadurch würde sie als Zivilisation kaum zu einem Fehlschlag, außer in den Augen derjenigen, denen die Industriezeitalter-Phantasien der Science-Fiction über alles gehen.

Drittens geht es um Themen, die einen zentralen Bestandteil der zukünftig hier erscheinenden Beiträge in diesem Blog bilden werden. Die Klimaxgesellschaft, die auf einen Zeitraum ausgedehnter ökologischer Zerrüttungen und das Auftreten neuer Artenzusammensetzungen folgt, hat in der Regel wenig gemein mit den Klimaxgesellschaften, die vor dem Auftreten der Zerrüttungen bestand. In analoger Weise, und aus mehr oder weniger denselben Gründen, sind Behauptungen, dass die deindustrialisierte Welt notwendigerweise dasselbe Aussehen annehmen wird wie irgendeine Gesellschaft der Vergangenheit – ob es sich dabei um die Welt des Mittelalters, Wildbeuter-Stammesgesellschaften oder sonstige Phantasien handelt –, mit mehr als den üblichen Vorbehalten zu genießen. Der Großteil des Erbes der heutigen Industriegesellschaften wird in der vor uns liegenden Zukunft nicht haltbar sein, aber nicht das gesamte Erbe. Einige Technologien der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit könnten in den menschlichen Ökosystemen der deindustrialisierten Zukunft durchaus weiterhin eine wichtige Rolle spielen, und viele andere können uns helfen, den Niedergang erträglicher zu gestalten. Einige der Optionen abzustecken kann uns heute, wo konstruktives Handeln dringend erforderlich ist, dabei helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

26. September 2007

2 – Auf dem Weg in eine Ă–kotechnik-Gesellschaft

Eine der Folgen, die sich aus dem ernsthaften Erwägen ökologischer Modelle als Erklärungsmuster für das Dilemma unserer Industriegesellschaft ergeben, besteht darin, dass viele der alltäglichen Prämissen, auf denen unsere heutige Kultur aufbaut, offenbar auf den Kopf gestellt werden müssen.

Beispielsweise begreifen heute viele derjenigen, die sich seiner überhaupt bewusst sind, das drohende Hubbert-Maximum als Problem einer neuen Energiequelle, die es zu finden gilt, damit wir die Industriegesellschaft in ihrer derzeitigen Form fortsetzen können.

Vom Standpunkt der Ă–kologie aus betrachtet ist dieses Denken eine Art Musterbeispiel fĂĽr Widersinnigkeit, denn es ist ja genau die derzeitige Form der Industriegesellschaft, die unsere Zwangslage so unausweichlich macht.

So, wie sie sich heute darstellt, lässt sich die industrielle Ökonomie in ökologischer Hinsicht am besten als raffinierter Plan beschreiben, dessen Ziel in der schnellstmöglichen Verwandlung von Ressourcen in Schadstoffe besteht. Von daher sind Ressourcenerschöpfung und Umweltverschmutzung nicht etwa unerwünschte Nebenerscheinungen des Industrialismus, sondern sie ergeben sich aus dessen Grundstruktur: Je schneller Ressourcen zu Schadstoffen werden, desto besser gedeiht die industrielle Wirtschaft, und umgekehrt. Dies ist der Kern unseres Dilemmas.

Das Hubbert-Maximum ist einfach das Symptom einer umfassenderen Krise – der fundamentalen Nicht-Nachhaltigkeit eines Systems, das sich unter der Zielsetzung herausgebildet hat, den Verbrauch von Ressourcen auf einem endlichen Planeten unendlich zu machen –, und wenn man dieses Problem lösen will, ohne den größeren Kontext zu berücksichtigen, kann man sicher sein, dass an anderen Stellen andere Symptome auftreten werden, die dieselbe Funktion erfüllen.

Seit nunmehr über einem Jahrhundert fordern diejenigen, die dieses Dilemma begriffen haben, dass unsere Zivilisation sich in Richtung einer nachhaltigen Gesellschaft wandeln muss. Insbesondere in den 1970ern wurde eine ganze Reihe von Vorschlägen in die Welt gesetzt, wie ein solcher Übergang zu bewerkstelligen wäre, und selbst heute noch erscheint mehr oder weniger jedes Jahr ein neues Buch mit einem entsprechenden Plan. Viele davon sind wohlkonzipiert und würden wahrscheinlich sogar einigermaßen gut funktionieren, und selbst die schlechtesten davon wären am Ende sicher immer noch besser als die derzeitige Strategie des Schlafwandelns auf den Abgrund zu. Aber nicht einer davon, sogar auf dem Höhepunkt der Energiekrisen der 1970er, erhielt mehr als nur einen kurzen Augenblick der Beachtung, und dies sowohl seitens der Schaltzentralen der Macht in Regierungen und Wirtschaft, die für die meisten Routineentscheidungen der modernen Gesellschaft zuständig sind, als auch seitens der breiten Bevölkerungsmasse, deren Meinungen die letzte Entscheidungsinstanz bilden.

Es gibt verschiedene Wege, dieses Versagen zu verstehen, aber die im Beitrag der letzten Woche (“Zivilisation und Sukzession”) behandelten ökologischen Perspektiven eröffnen einen Aspekt, unter dem das Problems meines Wissens nach bisher nicht analysiert wurde. Wenn der Ăśbergang von einem menschlichen sozialen System zu einem anderen als eine Form von Sukzession betrachtet werden kann, bei dem Gesellschaftsformen einander ablösen wie serale Stadien in der Natur, könnte man daraus auch folgern, dass der soziale Wandel einem ganz eigenen Takt folgt. Im Sukzessionsprozess eines Waldbioms in den gemäßigten Breiten werden beispielsweise Pionierkräuter durch Gräser ersetzt, diese dann durch Stauden und Sträucher, und Letztere schlieĂźlich durch Bäume, wobei Reihenfolge und zeitliche Gliederung des Vorgangs bis zum einem gewissen Grad vorhersagbar sind.

Die Ursache für diese Vorhersagbarkeit ist nicht ohne Bedeutung für unsere derzeitige Lage. Die bloße Erde eines aufgegebenen Bauplatzes in den gemäßigten Zonen etwa ist eine geeignete Umgebung für die Ansiedlung von Pionierkräutern, nicht aber für die Hartholzbäume, Unterholzgewächse und anderen Lebewesen, aus denen die Klimaxgesellschaft des Waldes hier besteht. Pionierkräuter, die sich in ihrer Entwicklung darauf spezialisiert haben, auf gestörten Böden zu gedeihen, schießen schnell empor und bedecken nach wenigen Jahren den Boden. Im Verlauf dieses Vorgangs allerdings ändern sie wiederum ihre Umgebung und machen sie dadurch erneut besiedlungsfähig, aber nicht durch weitere Pionierkräuter, sondern durch Gräser und andere Pflanzen, und diese verdrängen schließlich die Kräuter und besetzen den aufgegebenen Bauplatz.

Derselbe Prozess wiederholt sich, wenn die Gräser und andere Pflanzen des zweiten seralen Stadiums die Umgebung des aufgegebenen Bauplatzes ihrerseits so weit geändert haben, dass er besser für eine andere Sere als für ihre eigenen Nachkommen geeignet ist. Der Vorgang setzt sich fort und verliert dabei allmählich an Geschwindigkeit, bis schließlich eine Klimaxgesellschaft erreicht ist, die ihre Umgebung so konstant hält, dass sie für die Nachkommen ihrer eigenen Mitgliedsorganismen geeignet bleibt. An diesem Punkt ist Nachhaltigkeit erreicht: Die Klimaxgesellschaft ändert sich immer noch über längere Zeiträume, durch Klimawandel oder das Auftreten neuer Arten, die von anderswoher einsickern, und sie kann durch Feuer oder andere Katastrophen in bloße Erde zurückverwandelt werden, aber es ist möglich, dass sie dieselbe wiedererkennbare Form über Jahrtausende hinweg beibehält. Das Streben nach einer nachhaltigen Gesellschaft verläuft, anders ausgedrückt, parallel zur Sukzessionsfolge eines Ökosystems in Richtung auf eine Klimaxgesellschaft, und weder der eine noch der andere Prozess kann durch eine einzige Wandlung erreicht werden.

Dafür lassen sich eindeutige Beispiele aus der menschlichen Geschichte finden. Die Erfindung der Landwirtschaft in der Alten Welt erfolgte nach dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 11.000 Jahren, als ein dramatischer Klimawandel auf der ganzen Welt stabile Ökosysteme durcheinander brachte und menschliche Kulturen neue Wege finden mussten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Im Nahen Osten verwandelten sich fruchtbare Grassteppen in Wüsten, nachdem der Winterregen, der jahrtausendelang verlässlich gefallen war, ausblieb, und die Menschen verfielen darauf, in Flusstälern Getreide anzubauen und auf den umliegenden Hügeln Vieh zu weiden, da dies die einzige Alternative zum Hungertod war. Derselbe Vorgang wiederholte sich etwas später in Mexiko, dem Kernland der Landwirtschaft in der Neuen Welt, als eine parallele Reihe von Klimawandelprozessen dort ebenfalls zur Wüstenbildung führte.

Das neue Ă–kosystem des Ackerbaus erwies sich als äuĂźerst erfolgreich und breitete sich mit groĂźer Geschwindigkeit aus, aber es war immer noch sehr wenig effizient, da es allein auf der natĂĽrlichen Fruchtbarkeit des Bodens beruhte. Es waren Tausende von Jahren und eine Reihe katastrophaler ZusammenbrĂĽche notwendig, damit ein wirklich nachhaltiges System daraus werden konnte, und einige der letzten Schritte in diese Richtung erfolgten nicht vor der Geburt des Biolandbaus im 20. Jahrhundert. Nichtsdestotrotz muss man sich unbedingt vor Augen halten, dass die Landwirtschaft letztlich doch nachhaltig wurde, und in einigen Ă–kosystemen sogar jahrhundertelang nachhaltig betrieben wurde. Die enorme Regenerationsfähigkeit des ostasiatischen Reisanbaus wurde schon vor langer Zeit von F. H. King in “Farmers of Forty Centuries” dokumentiert, aber wer weiĂź schon, dass Syrien – wo der Getreideanbau wahrscheinlich erfunden wurde und auf jeden Fall schon so lange betrieben wird wie kaum irgendwo sonst auf der Welt – heute noch immer im größeren Umfang Weizen exportiert.

Die Geburt des Industrialismus vor einigen Jahrhunderten steht, wie ich vorschlagen möchte, für einen parallelen Prozess, in dem ein neues menschliches Ökosystem aufgekommen ist. Wie die Landwirtschaft in den Anfängen ihres geschichtlichen Wegs ist dieses neue Ökosystem ungeheuer wenig effizient und verschwendet Energie und Ressourcen in einer nicht aufrechtzuerhaltenden Geschwindigkeit. Und ebenso wie die Landwirtschaft wird seine Entwicklung vermutlich von katastrophischen Zusammenbrüchen begleitet werden, dessen erster mit einiger Wahrscheinlichkeit pünktlich über die nächsten paar Jahrzehnte hinweg eintreten wird. Möglicherweise wird einer dieser Zusammenbrüche das Ende des gesamten Projekts einläuten – schließlich ist nicht jeder ökologischen Neuunternehmung Erfolg beschieden –, aber ebenso möglich ist es, dass weniger verschwenderische Ausprägungen desselben grundlegenden Ökosystems am Ende ihren Weg zu einem neuen, nachhaltigen Modell von menschlichen Gemeinschaften finden werden, das auf solchen Elementen fortschrittlicher Technologie beruht, die langfristig und mit Hilfe erneuerbarer Ressourcen hergestellt, betrieben und gewartet werden können.

Mir scheint die Vorstellung nicht unplausibel, dass man den Industrialismus aus der Perspektive der fernen Zukunft einmal als eine frĂĽhe und ineffiziente Form dessen, was man “Technik-Gesellschaft” nennen könnte, betrachten wird. Wie andere Formen von menschlichen Ă–kosystemen könnte man die Technik-Gesellschaft vielleicht am besten anhand ihrer Energiequellen beschreiben. Eine Wildbeutergesellschaft beruht hauptsächlich auf Energie in Form von Nahrung, die natĂĽrlichen Ă–kosystemen entnommen und durch kleine Mengen von nicht aus Nahrung stammender Energie in Form von Feuerholz usw. ergänzt wird. Eine Agrargesellschaft beruht hauptsächlich auf Energie in Form von Nahrung, die einem kĂĽnstlichen Ă–kosystem, das durch menschliche Anstrengungen geschaffen und aufrechterhalten wird, entnommen und durch kleine Mengen von nicht aus Nahrung stammender Energie in Form von Feuerholz und anderen Brennstoffen sowie kleinen Mengen von Wind-, Wasser- und Sonnenenergie ergänzt wird.

Eine Technik-Gesellschaft hingegen beruht hauptsächlich auf Energie aus erneuerbaren oder nicht-erneuerbaren Quellen, die durch Nahrung ergänzt werden, die ganz oder teilweise mit Hilfe von nicht aus Nahrung stammender Energie erzeugt wird. Die moderne Industriegesellschaft ist einfach eine Technik-Gesellschaft, deren Energieerzeugung auf nicht-erneuerbaren Quellen beruht und die ihre Waren- und Dienstleistungsproduktion zum Preis einer ungeheuren Ineffizienz maximiert hat. Am anderen Ende des Spektrums befindet sich eine Idee der Technik-Gesellschaft, vielleicht am besten als “Ă–kotechnik-Gesellschaft” charakterisiert, die auf erneuerbaren Energiequellen fuĂźt und die Effizienz ihres Energie- und Ressourcenverbrauchs zum Preis eines wesentlich beschränkteren Zugangs zu Waren und Dienstleistungen maximieren wird.

In der Abenddämmerung der Industriegesellschaft scheint das Konzept einer Ökotechnik-Gesellschaft verlockend, und dies nicht nur für diejenigen, denen die tiefgreifende Abhängigkeit der Menschen von der irdischen Biosphäre bewusst ist. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, und wenn man sich dabei in irgendeiner Form am Sukzessionsmodell orientieren kann, ist der Versuch, vom wuchernden Unkraut der Industriegesellschaft direkt in die grünenden Wälder der Ökotechnik-Zivilisation zu springen, zum Scheitern verurteilt. Selbst ohne Berücksichtigung des Sukzessionsmodells haben wir nur eine extreme nebulöse Vorstellung davon, welche Form eine wirklich nachhaltige Technik-Gesellschaft annehmen könnte, und die geschichtliche Erfahrung legt nahe, dass ein langer Evolutionsprozess des Immer-wieder-Ausprobierens nötig sein wird, um die unvermeidlichen Macken zu beseitigen und eine Form der Technik-Gesellschaft zu entwickeln, die tatsächlich eine langfristige Stabilität ermöglicht.

Natürlich wird dieser Prozess vom nahenden Zusammenbruch der modernen Industriegesellschaft beeinflusst werden, aber nicht auf die Art, die von den derzeit grassierenden verweltlichten Apokalypse-Religionen propagiert wird. Wer auch immer vom Ende des Industriezeitalters erwartet, dass dadurch die Ära der von ihm bevorzugten Version einer utopischen Gesellschaft eingeleitet wird, sollte sich meiner festen Überzeugung nach auf eine ungeheure Enttäuschung einstellen. Radikale Pläne sozialer Änderung florieren in der Regel in der expandierenden Phase einer Kultur, wenn die überreichen Ressourcen zum Experimentieren verleiten, aber unter den rauen Bedingungen eines Zeitalters des Niedergangs und der Schrumpfung gibt es solche Freiheiten einfach nicht mehr. In den vor uns liegenden Jahrzehnten und Jahrhunderten, in denen die meisten Menschen ums Überleben kämpfen werden – viele davon vergeblich –, wird der Traum einer idealen Gesellschaft hinter die Erfüllung dringenderer Bedürfnisse zurücktreten müssen.

Es ist allerdings durchaus wichtig zu verstehen, dass dies nur eine andere Art ist, bereits anderweitig vorgebrachte Argumente zu formulieren. Wenn menschliche Gesellschaften in ihrer Aufeinanderfolge irgendwie der ökologischen Sukzession ähneln, werden die Gesellschaften, die aus den TrĂĽmmern der Industriegesellschaft entstehen, diejenigen sein, die am besten an die Umwelt angepasst sind, die von ihren Vorgängern geschaffen wurde. Sie sind vielleicht noch lange nicht nachhaltig, haben sich aber höchstwahrscheinlich bereits ein beträchtliches StĂĽck in diese Richtung bewegt, und sei es nur deshalb, weil die Möglichkeiten zur Verschwendung von Ressourcen durch die Erschöpfung so vieler davon beträchtlich eingeschränkt seien werden. Welche Formen diese Gesellschaften annehmen könnten, wird das Thema des nächsten Beitrags (“Die Leiter nach unten”) sein.

04. Oktober 2007

(http://thearchdruidreport.blogspot.com/2007/10/toward-ecotechnic-society.html)

3 – Die Leiter hinab

Der letztwöchige Beitrag im Archdruid Report warf die Frage auf, ob zukĂĽnftige Gesellschaften in der Lage sein könnten, einen relativ hohen technologischen Stand aufrecht zu erhalten, ohne in dieselbe Falle zu laufen wie unsere heutige Industriegesellschaft und sich dabei auf den verschwenderischen Gebrauch nichterneuerbarer Ressourcen zu stĂĽtzen. Den Traum, eine Zivilisation solcher Art aufzubauen – eine “Ă–kotechnik-Gesellschaft”, um den vor mir im besagten Beitrag verwendeten Begriff zu verwenden –, hegen schon seit Jahren viele, die sich in alternativen Kreisen bewegen, und dies nicht ohne Grund.

Dem Traum zugrunde liegt eine gewiefte philosophische Strategie. Ein zentraler Bestandteil der Rhetorik, mit der die sozialen Strukturen unserer modernen industriellen Welt gerechtfertigt werden, ist die zwanghaft vorgetragene diametrale Gegensätzlichkeit der aufgeklärten, technisch fortschrittlichen Industriegesellschaften und des angeblich elendig primitiven vorindustriellen Lebens. Viele der heutigen Kritiker des Industrialismus fallen darauf herein, akzeptieren diese Gegensätzlichkeit und drehen einfach die Wertzuschreibung um, als ob es möglich wäre, aus einer dualistischen Denkweise auszubrechen, indem man den Dualismus auf den Kopf stellt.

Der Ökotechnik-Traum ist insofern cleverer, als dass er diese Gegensätzlichkeit von vornherein überwindet. Um kurz in den Jargon des modernen Druidentums zu verfallen: Eine unaufgelöste Zweiheit wird in eine ausgewogene Dreiheit verwandelt. Weniger abgehoben ausgedrückt geht es darum, einen dritten Weg zu finden, der viele der besten Seiten der gegensätzlichen Positionen in sich vereint und den scheinbaren Widerspruch dadurch hinwegfegt, dass das Feld der möglichen Optionen erweitert wird – nicht nur auf drei, sondern auf unendlich viele. Die Frage ist nicht mehr, ob man eines der beiden Systeme in seiner Gesamtheit akzeptiert – in einer Wahl, die keinerlei Alternativen kennt –, sondern welche Auswahl man aus einer schwindelerregend großen Zahl von Faktoren treffen möchte, die zur Entstehung der zukünftigen Gesellschaft beitragen sollen.

Die Vision einer Ökotechnik-Zukunft sollte man also unbedingt weiter im Hinterkopf behalten. Als Planung für die nähere Zukunft verstanden steht sie allerdings vor denselben enormen Schwierigkeiten, die in meinem früheren Beitrag zum Sukzessionsprozess behandelt wurden. In der Sprache der ökologischen Sukzession ist eine vollkommene Ökotechnik-Gesellschaft eine Klimaxgesellschaft, und man kann nicht mit einem einzigen Sprung von der Pionierbesiedlung durch Unkräuter zur Klimaxgesellschaft des altbestehenden Walds gelangen. Die Bedingungen, unter denen sich eine Klimaxgesellschaft angesichts der Konkurrenz anderer biotischer Gesellschaften etablieren und halten könnte, sind noch nicht erreicht.

Dies gilt für menschliche Sozialsysteme nicht weniger als für die jeder anderen biotischen Gemeinschaft. Der Gedanke ist so wohltuend wie beliebt, dass sozialer Wandel beim Menschen hauptsächlich durch bewusste Entscheidung oder sonst welche einzigartig menschlichen Faktoren getragen würde, aber die Wissenschaft von der Ökologie des Menschen ebenso wie die historischen Tatsachen – und die Geschichte ist nichts weiter als die menschliche Ökologie in der Zeit – sprechen eine andere Sprache. Die industrielle Zivilisation hat nicht über andere Formen von menschlichen Gesellschaften triumphiert, weil ihre Mitglieder dies vereinbart und geplant hätten, sondern weil sie es zur Zeit ihres Aufkommens, in einer Welt voller unangetasteter Reserven von fossilen Brennstoffen, verstanden hat, den Konkurrenzdruck anderer sozialer Systeme und die Beschränkungen der Natur zu überwinden.

Ebenso steht die industrielle Zivilisation deshalb vor dem Untergang, weil ihre Aussichten, sich gegen die Widrigkeiten der Natur und die Konkurrenz anderer, weniger energie- und technologieabhängiger Gesellschaften zu behaupten, durch die Knappheit und Verteuerung der fossilen Brennstoffe höchst zweifelhaft geworden sind. Die menschlichen Gesellschaften, die im Gefolge des verschwindenden Industrialismus entstehen, werden wiederum solche sein, die sich unter den gewandelten Bedingungen des Zeitalters der Deindustrialisierung besser etablieren und halten können als ihre Konkurrenten. Wir mögen unsere Vorlieben haben – das letzte Wort hat die Natur.

Die Bedingungen, die es einer Ökotechnik-Gesellschaft erlauben würden, sich zu etablieren und zu halten, sind mehr oder weniger diejenigen, die geherrscht haben, bevor die industrielle Revolution die Schatzkiste der im Erdinnern verborgenen Kohlenwasserstoffe aufbrach und zum kurzfristigen Nutzen zu plündern begann. In einer Welt, deren Energieressourcen auf Sonne, Wind, Wasser, Muskelarbeit und Biomasse beschränkt sind und in der alle Arbeiten mit diesen Hilfsmitteln ausgeführt werden müssen, haben diejenigen Gesellschaften, die effiziente und nachhaltige Technologien zur Nutzung dieser Ressourcen entwickeln, einen entscheidenden Überlebensvorteil gegenüber konkurrierenden Gesellschaften, die dies nicht tun – man vergleiche nur die 5000-jährige Geschichte des kaiserlichen China mit dem tödlichen Strudel, in dem die Maya untergingen.

Das unmittelbare Problem für die Verwirklichung der Ökotechnik-Gesellschaft besteht darin, dass diese Bedingungen eben noch nicht wieder herrschen. Bis jetzt haben wir ungefähr die Hälfte der weltweiten Erdölreserven aufgebraucht und etwas weniger als die Hälfte der Kohle- und Erdgasreserven. Die Förderung all dieser Brennstoffe ist durch globale Maxima und anschließende Rückgänge gekennzeichnet, was unter anderem bedeutet, dass sie in abnehmender Menge noch für lange Zeit verfügbar sein werden. Zwar werden die modernen Industriegesellschaften das Ende des stetigen Wachstums ihrer Energieversorgung vermutlich in ihrer heutigen Form nicht überleben, aber das Fördermaximum für fossile Brennstoffe wird höchstwahrscheinlich dazu führen, dass andere, besser an eine Welt mit sinkender Energieverfügbarkeit angepasst Formen des Industrialismus entstehen – und solange noch fossile Energie verfügbar ist, werden diese neo-industriellen Gesellschaften aller Vorrausicht nach über größere ökonomische und militärische Macht verfügen als ihre Ökotechnik-Konkurrenten.

Anders gesagt werden viele Hinterlassenschaften der heutigen Industriegesellschaften noch die nächsten Jahrzehnte oder Jahrhunderte überdauern. Dieses Erbstücke bestehen aus gespeicherter Energie – der Energie, die für ihre Herstellung und den Aufbau der erforderlichen Material- und Wissensbasis nötig war –, und die zusätzliche Energie, die für ihre Wartung und Nutzung anfällt, dürfte in vielen Fällen im Vergleich zu der darin gespeicherten Energie eher klein sein; der für den Weiterbetrieb eines Staudamms oder eines Computers nötige Aufwand ist relativ klein im Verhältnis zu dem darin enthaltenen Aufwand oder zu den Vorteilen, die einem ihr Besitz und ihre Nutzung bieten kann.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass deindustrialisierte Gesellschaften, die nicht mehr in der Lage wären, einen Staudamm oder einen Computer zu bauen, für einige Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte das nötige Wissen und die entsprechende Ressourcenbasis bewahren können, um diese Anlagen weiter zu betreiben, ähnlich wie es in den dunklen Jahrhunderten nach dem Fall Roms überall in Europa städtische Gemeinschaften gab, die römische Aquädukte nutzten und reparierten, diese aber niemals selbst hätten bauen können. Ein großer Teil der technischen Hinterlassenschaften, die das Zeitalter der Deindustrialisierung erben wird, besteht allerdings aus nicht-erneuerbaren Ressourcen; wenn sie schließlich defekt sind, gehen sie verloren – für Jahrzehnte, für Jahrhunderte oder für immer.

Das Ergebnis zeigt interessante Parallelen zur ökologischen Sukzession. Kurz- und mittelfristig werden im einsetzenden Zeitalter der Deindustrialisierung genau diejenigen Gesellschaften blühen und gedeihen, die am wenigstens in der Lage sind, langfristig zu überleben. Kurzfristig werden Gesellschaften, die ihre verbleibenden fossilen Brennstoffe – gestreckt mit erneuerbaren Ressourcen und möglichst viel High-Tech – so effizient wie möglich nutzen, vermutlich wesentlich besser dastehen als sowohl die verschwenderischen Dinosaurierkulturen der derzeitigen industriellen Epoche wie auch die Niedrigenergie-Gesellschaften, durch die sie schließlich ersetzt werden.

Mittelfristig werden Gesellschaften, die nachhaltige Subsistenzstrategien und Wirtschaftsweisen mit einer effizienten Nutzung der technischen Hinterlassenschaften des Industriezeitalters verbinden, vermutlich wesentlich dastehen als sowohl die weiterhin von fossilen Brennstoffen abhängigen Gesellschaften der vorangehenden Epoche wie auch die Ökotechnik-Gesellschaften, von denen sie wiederum selbst ersetzt werden. Erst wenn die Förderung fossiler Brennstoffe an einem Punkt angelangt ist, an dem Kohle und Öl seltene geologische Kuriositäten sind und die verbleibenden Hinterlassenschaften des Industriezeitalters keine größere wirtschaftliche Rolle mehr spielen, werden Ökotechnik-Gesellschaften ihre volle Wirkung entfalten.

Diese Abfolge muss man unbedingt berĂĽcksichtigen, wenn man fĂĽr die Zukunft plant. Eines der groĂźen Hindernisse fĂĽr den Aufbau von “Rettungsboot-Gemeinschaften”, wie sie sich so viele Denker in der Peak-Oil-Bewegung heute ausmalen, besteht darin, dass diese Gemeinschaften zwar in der Zukunft möglich sein werden (jedenfalls theoretisch), dies aber nicht fĂĽr die Gegenwart gilt. Es gibt einfach nicht sonderlich viele Menschen, die in der Lage wären, ihren Platz in der Industriegesellschaft zu verlassen, aufs Land in ein Ă–kodorf zu ziehen und sich dort jahrzehntelang selbst zu versorgen, während die industrielle Maschinerie um sie herum langsam, aber sicher knirschend und bebend zum Halt kommt.

Im Kontext des hier von mir vorgestellten Modells ähneln die angehenden Gründer von Rettungsboot-Gemeinschaften den Sämlingen irgendeiner Spezies eines altbestehenden Walds, die versuchen, in einem Stück Erde Wurzeln zu schlagen, dass noch von Pionierunkräutern bedeckt ist. Die Bedingungen, unter denen sie gedeihen könnten, sind einfach noch nicht eingetreten. Die letzten Jahre der Industriegesellschaft und die Jahrzehnte der neo-industriellen Gesellschaften, die in einem Zeitalter der erreichten Grenzen mit schrumpfenden Energiereserven kämpfen werden, sind so gesehen eine Hürde, die erst genommen werden muss, bevor eine wirklich zukunftsträchtige Gesellschaftsform entwickelt werden kann.

Diese Hürde ist zu nehmen, aber dazu ist eine andere Herangehensweise erforderlich. Anstatt zu versuchen, mit einem einzigen Sprung direkt in einer ökologisch ausgewogenen, vollständig nachhaltigen Gesellschaft zu landen, könnte es sich als notwendig erweisen, beim Abstieg von der Leiter eine Sprosse nach der anderen zu nehmen, sich dabei an den jeweiligen Wandel anzupassen und zu versuchen, jeden Schritt der Abfolge vorauszuahnen, um rechtzeitig dafür planen zu können. Währenddessen kann man gleichzeitig auf die eine oder andere Art im kleineren Maßstand die Subsistenzstrategien und sozialen Netze ausprobieren, die für die fernere Zukunft nötig sind.

Diese Strategie ist eher evolutionär als revolutionär – das heißt, sie verfolgt einen schrittweisen Wandel und einen kontinuierlichen Fortschritt des Experimentierens, anstatt zu versuchen, mit der Vergangenheit vollkommen zu brechen und der Wirklichkeit ein Ideal aufzuzwingen, dass sich am Ende vielleicht als ebenso wenig lebensfähig erweist wie das, was es ersetzen soll. Unter anderem bedeutet dies, dass sie auf örtlicher und sogar individueller Ebene umgesetzt werden kann, ein Detail, dass sie in praktischer Hinsicht wesentlich anwendbarer macht als Versuche, die Gesellschaft als Ganzes von oben nach unten zu ändern. Wie dieser Prozess verlaufen könnte, werde ich einigen der zukünftigen Beiträge hier behandeln.

10. Oktober 2007

http://thearchdruidreport.blogspot.com/2007/10/climbing-down-ladder.html

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