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Kategorie: John Michael Greer (Seite 1 von 3)

Zu Trump: alles schon gesagt

Man kann dem neu­en ame­ri­ka­ni­schen Cäsar so eini­ges vor­wer­fen – sicher nicht, dass er sei­ne Wahl­kampf­ver­spre­chen wie üblich am Tag des Amts­an­tritts ver­ges­sen hät­te. Wäh­rend er die Dekre­te unter­zeich­net, mit denen der Bau einer Mau­er an der Gren­ze zu Mexi­ko, die Abschaf­fung der öffent­li­chen För­de­rung von Kunst und Kul­tur und die Ver­ban­nung der Kli­ma­for­schung von den Web­sei­ten ame­ri­ka­ni­scher Behör­den ein­ge­lei­tet wird, soll­te man sich einen Augen­blick Zeit neh­men, um den grie­chi­schen His­to­ri­ker Poly­bi­os zu lesen, der sich vor über zwei­tau­send Jah­ren mit der Fra­ge beschäf­tigt hat, wie sich im Ver­lauf der (ihm damals bekann­ten) Geschich­te ver­schie­de­ne Regie­rungs­for­men ent­wi­ckel­ten und wie­der­um von ande­ren abge­löst wurden.

Aus dem Wer­de­gang der grie­chi­schen Stadt­staa­ten destil­lier­te er dabei einen Kreis­lauf, bei dem in anfäng­li­cher Anar­chie ent­schlos­se­ne Gewalt­men­schen die Initia­ti­ve ergrei­fen und als Tyran­nen und Köni­ge die Macht ergrei­fen, um dann von rebel­lie­ren­den Aris­to­kra­ten und Olig­ar­chen abge­löst zu wer­den, die aller­dings wie­der­um der all­ge­mei­nen Volks­herr­schaft Platz machen müs­sen, wenn sich der demos gegen sie erhebt. Wei­ter geht es so:

Haben sie dann die einen von ihnen getö­tet die andern in die Ver­ban­nung gejagt, so wagen sie weder einen König an ihre Spit­ze zu stel­len, da sie deren frü­he­re Unge­rech­tig­keit noch fürch­ten, noch haben sie den Mut, den Staat einer Schar von Weni­gen anzu­ver­trau­en, da ihnen noch deren bis­he­ri­ge Ver­blen­dung vor Augen steht, so wen­den sie sich denn, da ihnen nur eine ein­zi­ge Hoff­nung unge­trübt bleibt, die zu sich sel­ber, die­ser zu, machen die Staats­ver­fas­sung aus einer olig­ar­chi­schen zu einer Demo­kra­tie und über­neh­men sel­ber die Vor­sor­ge und den Schutz des Gemein­we­sens. Und so lan­ge noch eini­ge von denen am Leben sind, wel­che die Will­kür- und Gewalt­herr­schaft durch Erfah­rung ken­nen­ge­lernt haben, hal­ten sie zufrie­den mit der nun­meh­ri­gen Ver­fas­sung die Gleich­be­rech­ti­gung und die Frei­heit der Rede in Ehren.

Wenn aber ein jun­ges Geschlecht an deren Stel­le tritt und die Demo­kra­tie wie­der an Kin­der und Kin­des­kin­der über­lie­fert wird, dann suchen eini­ge, indem sie wegen der lan­gen Gewohn­heit die Gleich­be­rech­ti­gung und Frei­heit der Rede nicht mehr für etwas Gro­ßes ach­ten, mehr zu gel­ten als das Volk; haupt­säch­lich aber gera­ten die, wel­che an Ver­mö­gen her­vor­ra­gen, auf die­sen Abweg. Wenn sol­che nun­mehr sich nach Ämtern drän­gen und die­se nicht durch sich sel­ber und durch eige­ne Tüch­tig­keit erlan­gen kön­nen, so ver­geu­den sie Hab und Gut indem sie die Men­ge auf jede Wei­se zu ködern und zu ver­füh­ren suchen. Haben sie die­se nun ein­mal in Fol­ge ihrer unsin­ni­gen Ämter­gier emp­fäng­lich und gie­rig nach Geschen­ken gemacht, dann löst sich auch die Demo­kra­tie wie­der auf, und an die Stel­le der Demo­kra­tie tritt Gewalt und Herr­schaft der Faust. Denn ist die Men­ge ein­mal dar­an gewöhnt, sich von frem­dem Gute zu näh­ren und ihre Bli­cke bei ihrem Lebens­un­ter­halt auf die Besit­zun­gen ande­rer zu rich­ten, und bekommt sie einen hoch­stre­ben­den und ent­schlos­se­nen Füh­rer, der aber durch Armut von den Ehren­stel­len im Staa­te aus­ge­schlos­sen ist, so schafft die­ser dann eine Herr­schaft der Faust, und um ihn geschart schrei­tet das Volk zu Mord, Ver­ban­nun­gen und neu­en Ver­tei­lun­gen des Lan­des, bis es völ­lig ver­wil­dert wie­der einen Zwing­herrn und Mon­ar­chen findet.

(Quel­le, Recht­schrei­bung und Wort­wahl leicht modernisiert)

Es wäre noch zu dis­ku­tie­ren, ob Trump zu den­je­ni­gen gehört, »wel­che an Ver­mö­gen her­vor­ra­gen« und mehr gel­ten wol­len als das Volk (das könn­ten aber auch die Clin­tons und ihre Gesell­schafts­schicht sein), oder zu den »ent­schlos­se­nen Füh­rern«, um die her­um sich das Volk schart, um die Ver­hält­nis­se zum Tan­zen brin­gen (wie man vor ein paar Jahr­zehn­ten zu sagen pfleg­te). Durch »Armut« zeich­net er sich natür­lich nicht gera­de aus, aber der Wil­le zur Umwäl­zung alles Bestehen­dem scheint ihm ja nicht abzu­ge­hen. Viel­leicht spielt er bei­de Rol­len auf einmal.

Wer es noch etwas apo­ka­lyp­ti­scher haben möch­te, darf die­se Woche beim Erz­drui­den vor­bei­schau­en (nein, nicht der von Reichs­bür­gern): How Gre­at the Fall Can Be.

1 — Zivilisation und Sukzession

In einem vor ein paar Wochen auf dem Arch­druid Report ver­öf­fent­lich­ten Bei­trag habe ich die schon etwas abge­nutz­te Meta­pher von Hefepil­zen in einer Petri­scha­le ver­wen­det, um die öko­lo­gi­schen Beschrän­kun­gen zu illus­trie­ren, denen Homo sapi­ens wie alle ande­ren Lebens­for­men auch unter­liegt. Eini­ge Leser stie­ßen sich an die­sem Ver­gleich und beharr­ten mehr oder weni­ger dar­auf, dass Men­schen viel intel­li­gen­ter als Mikro­ben wären und daher für uns nicht die­sel­ben Regeln gäl­ten. So schmei­chel­haft ein sol­ches Behar­ren für die mensch­li­che Eitel­keit auch sein mag, muss ich im Lich­te der jüngs­ten Ent­wick­lun­gen doch dies­be­züg­lich eine gewis­se Skep­sis anmelden. 

Den bes­ten der­zeit ver­füg­ba­ren Daten zufol­ge hat die welt­wei­te För­de­rung von kon­ven­tio­nel­lem Erd­öl vor fast zwei Jah­ren ihr Maxi­mum erreicht und geht seit­dem zurück; die welt­wei­te För­de­rung und Gewin­nung aller Flüs­sig­brenn­stof­fe hat dem­nach vor einem Jahr ihr Maxi­mum erreicht und geht eben­falls zurück; vie­le Län­der der Drit­ten Welt befin­den sich in einer ver­zwei­fel­ten Zwangs­la­ge, weil es für sie immer schwie­ri­ger wird, an fos­si­le Brenn­stof­fe zu kom­men – und poli­ti­sche wie Wirt­schafts­füh­rer über­all in der indus­tria­li­sier­ten Welt, die durch die Göt­ter­däm­me­rung der bil­li­gen, im Über­fluss vor­han­de­nen Ener­gie sehr viel mehr zu ver­lie­ren hat als die Drit­te Welt, behan­deln das Hub­bert-Maxi­mum wei­ter­hin als Pro­blem einer man­gel­haf­ten Öffent­lich­keits­ar­beit. Falls wir tat­säch­lich der­art viel intel­li­gen­ter als Mikro­ben in einer Petri­scha­le sind, dass wir deren Schick­sal ent­kom­men kön­nen, müs­sen wir den Beweis dafür noch liefern. 

In einem tie­fe­ren Sinn gehen sol­che Bemer­kun­gen natür­lich eben­so am eigent­li­chen Pro­blem vor­bei wie die Behaup­tun­gen, deren Per­si­flie­rung sie die­nen sol­len. Die Meta­pher mit der Petri­scha­le ist des­halb so nütz­lich, weil sie die Funk­ti­ons­wei­se von öko­lo­gi­schen Pro­zes­sen in einem Kon­text auf­zeigt, der ein­fach genug ist, um ein kla­res Ver­ständ­nis zu ermög­li­chen. Das­sel­be Mus­ter lässt sich in kom­ple­xe­ren bio­lo­gi­schen Sys­te­men aus­fin­dig machen, zu denen auch mensch­li­che Gesell­schaf­ten zäh­len. Die Logik der Petri­scha­le ist letz­ten Endes die­sel­be, die hin­ter den Zusam­men­brü­chen auf der Oster­in­sel und im zen­tra­len Maya-Tief­land stand: Wenn man die für das Über­le­ben not­wen­di­gen Res­sour­cen nicht nach­hal­tig nutzt, kommt es zur klas­si­schen Kur­ve des öko­lo­gi­schen Sys­tem­über­schwin­gens (Over­shoot) – erst schnel­les Bevöl­ke­rungs­wachs­tum, dann eben­so schnel­les Absterben. 

Die Mensch­heit steht in die­ser Hin­sicht eben­so wenig über den Zwän­gen öko­lo­gi­scher Pro­zes­se, wie sie über dem Gesetz der Schwer­kraft steht. Die Erfin­dung des Flug­zeugs bedeu­tet nicht, dass das Gesetz der Schwer­kraft auf uns nicht mehr zutrifft; sie bedeu­tet ledig­lich, dass wir uns unter Ein­satz gro­ßer Men­gen von Ener­gie der Schwer­kraft ent­ge­gen­stem­men und eine Zeit lang vom Boden lösen kön­nen. Das­sel­be Prin­zip gilt für die Geset­ze der Öko­lo­gie. Es sind unge­heu­re Men­gen von Ener­gie, mit deren Hil­fe eine Min­der­heit der Welt­be­völ­ke­rung es eine Zeit lang geschafft hat, sich über das Niveau der rei­nen Sub­sis­tenz­wirt­schaft zu erhe­ben, aber das bedeu­tet nicht, dass die Geset­ze der Öko­lo­gie auf uns nicht mehr zutref­fen. Es bedeu­tet, dass es uns drei­hun­dert Jah­re lang gelun­gen ist, die uns von die­sen Geset­zen auf­er­leg­ten Gren­zen zu über­win­den, indem wir mas­sen­haft fos­si­le Brenn­stof­fe in Koh­len­di­oxid umge­wan­delt haben. Wenn die fos­si­len Brenn­stof­fe weg sind, gel­ten die Geset­ze immer noch. 

Eines der zen­tra­len Prin­zi­pi­en der Öko­lo­gie besteht sogar dar­in, dass ähn­li­che Mus­ter auf vie­len unter­schied­li­chen Kom­ple­xi­täts­ebe­nen aus­ge­macht wer­den kön­nen. Der Intel­li­genz­un­ter­schied zwi­schen Hefepil­zen und Rot­wild ist um ein Viel­fa­ches grö­ßer als der zwi­schen Rot­wild und Men­schen, und doch durch­lau­fen die Popu­la­tio­nen von Hefepil­zen und Rot­wild exakt die glei­chen Zyklen von Wachs­tum und Abster­ben, sofern nicht Räu­ber-Beu­te-Bezie­hun­gen, son­dern die Res­sour­cen­ver­füg­bar­keit den wesent­li­chen begren­zen­den Fak­tor für die Popu­la­ti­ons­dich­te dar­stellt. Es ist daher sinn­voll, öko­lo­gi­sche Mus­ter bei ande­ren Lebe­we­sen auf Hin­wei­se zu unter­su­chen, wel­che Trieb­kräf­te den ent­spre­chen­den Pro­zes­sen bei mensch­li­chen Gesell­schaf­ten zugrun­de liegen. 

Ein öko­lo­gi­sches Mus­ter, dem wir uns zu Beginn unse­res lan­gen Hin­un­ter­rut­schens auf der Rück­sei­te der Hub­bert-Kur­ve mit größ­ter Auf­merk­sam wid­men soll­ten, ist ein Pro­zess, der als “Suk­zes­si­on” bezeich­net wird. Wer von mei­nen Lesern unklug genug war, ein Haus in einem der rie­si­gen und zumeist noch gro­ßen­teils unver­kauf­ten Wohn­ge­bie­te zu kau­fen, die auf dem Höhe­punkt der gera­de plat­zen­den Immo­bi­li­en­bla­se erschlos­sen wur­den, wird im Lauf der nächs­ten Jah­re aus­rei­chend Anschau­ungs­ma­te­ri­al zum The­ma Suk­zes­si­on haben, daher gibt es mög­li­cher­wei­se mehr als einen Anlass, das Kon­zept hier zusam­men­fas­send darzustellen. 

Stel­len Sie sich ein mit dem Bull­do­zer pla­nier­tes nack­tes Stück Erde vor, auf das jähr­lich so viel Regen fällt, dass dort ein Wald wach­sen kann. Lan­ge bevor das ein­sa­me Schild mit “Hier ent­steht dem­nächst ein Vil­len­park” zu Boden gefal­len ist, hat der Wind die Samen inva­si­ver Unkräu­ter her­an­ge­bracht auf der Erde ver­teilt, und es kommt zu einem ers­ten Bewuchs. Die­ser bahnt den Weg für ande­re Unkräu­ter und Grä­ser, die schließ­lich die Ers­tan­kömm­lin­ge ver­drän­gen. Nach ein paar Jah­ren erhe­ben sich die ers­ten Sträu­cher und Pio­nier­bäu­me und wer­den zu for­ma­ti­ven Arten für einen jun­gen Wald, der die übrig geblie­be­nen Unkräu­ter und Grä­ser über­schat­tet. In die­sem Schat­ten kei­men dann die Schöss­lin­ge ande­rer Baum­ar­ten auf. Wenn der Pro­zess nicht noch irgend­wie gestört wird, kann der ver­las­se­ne Bau­platz bis zu einem Dut­zend ver­schie­de­ner Sta­di­en durch­lau­fen, bis er schließ­lich ein paar Jahr­hun­der­te spä­ter als alt­be­stehen­der Wald zur Ruhe kommt. 

Dies ist der Vor­gang, der in der Öko­lo­gie als Suk­zes­si­on bezeich­net wird. Jeder Schritt auf dem Weg von der nack­ten Erde zum Alt­holz­be­stand ist dabei eine “Sere” oder ein “sera­les Sta­di­um”. Der­sel­be Pro­zess formt die Tier­po­pu­la­ti­on des unge­nutz­ten Bau­lands: Eine Art nach der ande­ren wan­dert in das Gebiet ein, bis sie durch eine ande­re ersetzt wird, die bes­ser an die sich wan­deln­den Umwelt­be­din­gun­gen und das jewei­li­ge Nah­rungs­an­ge­bot ange­passt ist. Auch unter der Erd­ober­flä­che herr­schen die­sel­ben Bedin­gun­gen, d. h. das schwin­del­erre­gend kom­ple­xe Gewe­be der Lebens­for­men, das einen gesun­den Boden aus­macht, for­miert sich zunächst neu und durch­läuft dann sei­ne eige­nen Ände­rungs­zy­klen. Unge­nutz­tes Bau­land in einer ande­ren Öko­re­gi­on wür­de ein ganz ande­res Bild abge­ben und eine ande­re Fol­ge sera­ler Sta­di­en durch­lau­fen, bis das Kli­max­sta­di­um erreicht ist – dies ist die Bezeich­nung für die letz­te, rela­tiv sta­bi­le Sere in einem voll­ent­wi­ckel­ten Öko­sys­tem, wie etwa der alt­be­stehen­de Wald in unse­rem Bei­spiel. Die Details unter­schie­den sich jeweils, aber das Grund­mus­ter ist identisch. 

Ein wesent­li­ches Kenn­zei­chen des Mus­ters ist die Art, wie in anfäng­li­chen bzw. spä­te­ren sera­len Sta­di­en mit Ener­gie und ande­ren Res­sour­cen umge­gan­gen wird. Die in anfäng­li­chen sera­len Sta­di­en auf­tre­ten­den Arten – im Öko­lo­gen­jar­gon: “r‑selektiert” oder “r‑Strategen” – maxi­mie­ren in der Regel ihre Kon­trol­le der Res­sour­cen und ihre Pro­duk­ti­on von Bio­mas­se, auch wenn dies eine inef­fi­zi­en­te Nut­zung von Res­sour­cen und Ener­gie bedeu­tet. Unkräu­ter sind ein klas­si­sches Bei­spiel für r‑Strategen: Sie wach­sen schnell, brei­ten sich rasch aus und wer­den unter­drückt, sobald sich lang­sa­mer wach­sen­de Pflan­zen eta­bliert haben oder die reich­lich vor­han­de­nen Res­sour­cen, die ihr schnel­les Wachs­tum ermög­licht haben, knapp wer­den. Arten, die eher in spä­te­ren sera­len Sta­di­en ver­brei­tet sind – “K‑selektiert” oder “K‑Strategen” – maxi­mie­ren ihre Effi­zi­enz bei der Nut­zung von Res­sour­cen und Ener­gie, auch wenn dies bedeu­tet, dass sie nur begrenzt Bio­mas­se pro­du­zie­ren oder nicht in alle ver­füg­ba­ren öko­lo­gi­schen Nischen vor­sto­ßen. Hart­holz­bäu­me der gemä­ßig­ten Zone sind ein klas­si­sches Bei­spiel für K‑Strategen: Sie wach­sen lang­sam, benö­ti­gen Jah­re, um aus­zu­wach­sen, und über­dau­ern, wenn man sie in Ruhe lässt, Jahrhunderte. 

Man muss nur die­ses Suk­zes­si­ons­mo­dell auf die Öko­lo­gie des Men­schen über­tra­gen, um zu einer bemer­kens­wert nütz­li­chen Sicht­wei­se der Zwangs­la­ge zu gelan­gen, in der sich die heu­ti­ge Indus­trie­ge­sell­schaft befin­det. In der Suk­zes­si­ons-Ter­mi­no­lo­gie aus­ge­drückt befin­den wir uns im Über­gang zwi­schen einer r‑selektierten Sere und einer k‑selektierten Sere, die ers­te­re erset­zen wird. Die indus­tri­el­len Wirt­schafts­sys­te­me der Gegen­wart maxi­mie­ren – wie jede ande­re r‑selektierte Sere auch – die Pro­duk­ti­on auf Kos­ten der Nach­hal­tig­keit; die erfolg­rei­chen Wirt­schafts­sys­te­me der Zukunft, die einer Welt ohne den preis­güns­ti­gen Ener­gie­über­fluss von heu­te gerecht wer­den müs­sen, wer­den ihre Nach­hal­tig­keit auf Kos­ten der Pro­duk­ti­on maxi­mie­ren müs­sen – wie jede ande­re K‑selektierte Sere auch. 

Um die­sen Vor­gang in die rich­ti­ge Per­spek­ti­ve zu brin­gen, muss man den Fak­tor des evo­lu­tio­nä­ren Wan­dels mit ein­be­zie­hen, denn Kli­max­ge­sell­schaf­ten sind nur vom Stand­punkt der mensch­li­chen Lebens­span­ne aus betrach­tet sta­bil. Sie wan­deln sich durch Ände­run­gen der Umwelt oder – und dies oft­mals sehr viel schnel­ler – durch die Ankunft einer neu­en Art in der betref­fen­den Regi­on. Manch­mal lässt die­ser letz­te­re Pro­zess die Suk­zes­si­on eine Zeit lang in umge­kehr­ter Rich­tung ablau­fen. Wenn bei­spiels­wei­se eine r‑selektierte Art die domi­nan­te Art einer K‑selektierten Kli­max­ge­sell­schaft ver­drängt, wird die Suk­zes­si­on am Ende wie­der in die gewohn­te Rich­tung ablau­fen, aber die neue Kli­max­ge­sell­schaft sieht mög­li­cher­wei­se ganz anders aus als die alte. 

Man muss die­sen Gedan­ken nur auf die Human­öko­lo­gie von bei­spiels­wei­se Nord­ame­ri­ka über­tra­gen und kann leicht das­sel­be Mus­ter fin­den. Eine Kli­max­ge­sell­schaft von K‑selektierten Gar­ten­bau- und Wild­beu­ter­kul­tu­ren der Urein­woh­ner wur­de von einer inva­si­ven euro­päi­schen Bau­ern-Sere mit sehr viel stär­ker r‑selektierter Öko­lo­gie zer­stört und fast voll­stän­dig ersetzt. Nicht lan­ge, nach­dem die neue Gesell­schaft sich ein­ge­nis­tet hat­te, und bevor die Suk­zes­si­on sie wie­der­um in Rich­tung einer eher K‑selektierten Öko­lo­gie drän­gen konn­te, trat eine zwei­te inva­si­ve Sere – die Indus­trie­ge­sell­schaft – auf, die auf Res­sour­cen zugrei­fen konn­te, die den ande­ren bei­den Seren ver­wehrt waren. Die­se zwei­te inva­si­ve Sere, die ers­te ihrer Art auf dem gesam­ten Pla­ne­ten, mar­kier­te das äußers­te Extrem des r‑selektierten Spek­trums; ihre Fähig­keit zur Aus­beu­tung und Nut­zung unge­heu­rer Ener­gie­men­gen ermög­lich­te es ihr, die vor­an­ge­hen­de Bau­ern-Sere zu domi­nie­ren und die Über­bleib­sel der alten Kli­max­ge­sell­schaft an den Rand des Aus­ster­bens zu bringen. 

Wie alle r‑selektierten Seren war die Indus­trie­ge­sell­schaft aller­dings an zwei Flan­ken ver­letz­lich. Wie bei allen frü­hen sera­len Sta­di­en einer Suk­zes­si­on bestand das Risi­ko, dass eine effi­zi­en­te­re K‑selektierte Sere sie letzt­end­lich ver­drän­gen wür­de, und ihre Fähig­keit zur Nut­zung von Res­sour­cen in nicht-nach­hal­ti­ger Wei­se mach­te sie anfäl­lig für zer­stö­re­ri­sche Zyklen star­ken Wachs­tums und eben­so star­ken Abster­bens, die mehr oder weni­ger garan­tier­ten, dass sie letzt­end­lich durch eine effi­zi­en­te­re Sere ersetzt wer­den wür­de. Bei­de Pro­zes­se sind in vol­lem Gan­ge. Die Indus­trie­ge­sell­schaft befin­det sich zum jet­zi­gen Zeit­punkt weit in der Über­schwing­pha­se, was irgend­ei­ne Art von Zusam­men­bruch mehr oder weni­ger unver­meid­lich macht. Gleich­zei­tig schie­ßen seit den 1970ern sicht­ba­re Spröss­lin­ge der effi­zi­en­te­ren K‑selektierten mensch­li­chen Öko­sys­te­me der Zukunft aus dem Boden, unter ande­rem in Form eines rasch wach­sen­den Net­zes von Bio­bau­ern­hö­fen, loka­len Bau­ern­märk­ten, ange­mes­se­nen Tech­no­lo­gien oder alter­na­ti­ven Denk­wei­sen und Philosophien. 

In die­sem Zusam­men­hang muss auf drei wesent­li­che Punk­te hin­ge­wie­sen wer­den. Ers­tens besteht einer der Unter­schie­de zwi­schen Men­schen und ande­ren Orga­nis­men dar­in, dass mensch­li­che Öko­sys­te­me eher kul­tu­rell als bio­lo­gisch deter­mi­niert sind. Die­sel­ben Indi­vi­du­en sind wenigs­tens theo­re­tisch in der Lage, von einem r‑selektierten zu einem K‑selektierten mensch­li­chen Öko­sys­tem zu wech­seln, indem sie ihre Exis­ten­zwei­se ändern. Da es unwahr­schein­lich ist, dass ein K‑selektiertes mensch­li­ches Öko­sys­tem schnell genug aus­ge­dehnt wer­den kann, um die durch das Ver­ge­hen der r‑selektierten Indus­trie­ge­sell­schaft ent­ste­hen­de Lücke aus­zu­fül­len, ist für viel­leicht die nächs­ten hun­dert Jah­re trotz allem mit gro­ßem mensch­li­chen Leid und vie­len Zer­stö­run­gen zu rech­nen. Trotz­dem wer­den die­je­ni­gen, die gewillt sind, den Über­gang zu einer K‑selektierten Lebens­wei­se eher frü­her als spä­ter in Angriff zu neh­men, in der Auf­lö­sung der indus­tri­el­len Sys­te­me mög­li­cher­wei­se Chan­cen zum Über­le­ben oder sogar zu einem gedeih­li­chen Aus­kom­men finden. 

Zwei­tens muss ich kurz auf das The­ma des Bei­trags der letz­ten Woche aus dem Arch­druid Report zurück­kom­men, “Das Fer­mi-Para­do­xon”. Wie in dem erwähn­ten Bei­trag erläu­tert, wird bei dem Para­do­xon im Kern davon aus­ge­gan­gen, dass das heu­ti­ge, enor­me Ener­gie­men­gen ver­schwen­den­de Sys­tem bruch­los in die Zukunft fort­ge­setzt wird, und dass noch fort­schritt­li­che­ren Gesell­schaf­ten sogar noch mehr Ener­gie zur Ver­fü­gung ste­hen wird, die sie noch ver­schwen­de­ri­scher ein­set­zen wer­den. Das Kon­zept der Suk­zes­si­on impli­ziert ein radi­kal ande­res Kon­zept der mög­li­chen Erschei­nungs­form einer fort­schritt­li­che­ren Zivi­li­sa­ti­on. Die moder­ne Indus­trie­ge­sell­schaft hier auf der Erde ist das genaue Gegen­stück der ers­ten Sere von Pio­nier-Unkräu­tern auf dem oben erwähn­ten unge­nutz­ten Bau­land – schnell wach­send, res­sour­cen­hung­rig, inef­fi­zi­ent und dazu bestimmt, im wei­te­ren Ver­lauf der Suk­zes­si­on durch effi­zi­en­te­re, K‑selektierte Seren ersetzt zu werden. 

Eine wirk­lich fort­schritt­li­che Zivi­li­sa­ti­on, auf die­sem oder auf ande­ren Pla­ne­ten, hat mög­li­cher­wei­se mehr mit einer Kli­max­ge­sell­schaft gemein: Sie könn­te sehr beschei­de­ne Ener­gie- und Res­sour­cen­men­gen mit hoher Effi­zi­enz nut­zen, die Nach­hal­tig­keit maxi­mie­ren und lang­fris­ti­gen Auf­bau betrei­ben. Eine sol­che Zivi­li­sa­ti­on wäre in den Wei­ten des inter­stel­la­ren Raums schwer zu ent­de­cken, und die Begrenzt­heit der ver­füg­ba­ren Ener­gie­men­gen wür­de es extrem unwahr­schein­lich machen, dass sie ver­su­chen könn­te, die­se Wei­ten zu über­win­den. Dadurch wür­de sie als Zivi­li­sa­ti­on kaum zu einem Fehl­schlag, außer in den Augen der­je­ni­gen, denen die Indus­trie­zeit­al­ter-Phan­ta­sien der Sci­ence-Fic­tion über alles gehen. 

Drit­tens geht es um The­men, die einen zen­tra­len Bestand­teil der zukünf­tig hier erschei­nen­den Bei­trä­ge in die­sem Blog bil­den wer­den. Die Kli­max­ge­sell­schaft, die auf einen Zeit­raum aus­ge­dehn­ter öko­lo­gi­scher Zer­rüt­tun­gen und das Auf­tre­ten neu­er Arten­zu­sam­men­set­zun­gen folgt, hat in der Regel wenig gemein mit den Kli­max­ge­sell­schaf­ten, die vor dem Auf­tre­ten der Zer­rüt­tun­gen bestand. In ana­lo­ger Wei­se, und aus mehr oder weni­ger den­sel­ben Grün­den, sind Behaup­tun­gen, dass die deindus­tria­li­sier­te Welt not­wen­di­ger­wei­se das­sel­be Aus­se­hen anneh­men wird wie irgend­ei­ne Gesell­schaft der Ver­gan­gen­heit – ob es sich dabei um die Welt des Mit­tel­al­ters, Wild­beu­ter-Stam­mes­ge­sell­schaf­ten oder sons­ti­ge Phan­ta­sien han­delt –, mit mehr als den übli­chen Vor­be­hal­ten zu genie­ßen. Der Groß­teil des Erbes der heu­ti­gen Indus­trie­ge­sell­schaf­ten wird in der vor uns lie­gen­den Zukunft nicht halt­bar sein, aber nicht das gesam­te Erbe. Eini­ge Tech­no­lo­gien der Gegen­wart und jüngs­ten Ver­gan­gen­heit könn­ten in den mensch­li­chen Öko­sys­te­men der deindus­tria­li­sier­ten Zukunft durch­aus wei­ter­hin eine wich­ti­ge Rol­le spie­len, und vie­le ande­re kön­nen uns hel­fen, den Nie­der­gang erträg­li­cher zu gestal­ten. Eini­ge der Optio­nen abzu­ste­cken kann uns heu­te, wo kon­struk­ti­ves Han­deln drin­gend erfor­der­lich ist, dabei hel­fen, die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen zu treffen. 

26. Sep­tem­ber 2007

2 — Auf dem Weg in eine Ökotechnik-Gesellschaft

Eine der Fol­gen, die sich aus dem ernst­haf­ten Erwä­gen öko­lo­gi­scher Model­le als Erklä­rungs­mus­ter für das Dilem­ma unse­rer Indus­trie­ge­sell­schaft erge­ben, besteht dar­in, dass vie­le der all­täg­li­chen Prä­mis­sen, auf denen unse­re heu­ti­ge Kul­tur auf­baut, offen­bar auf den Kopf gestellt wer­den müssen. 

Bei­spiels­wei­se begrei­fen heu­te vie­le der­je­ni­gen, die sich sei­ner über­haupt bewusst sind, das dro­hen­de Hub­bert-Maxi­mum als Pro­blem einer neu­en Ener­gie­quel­le, die es zu fin­den gilt, damit wir die Indus­trie­ge­sell­schaft in ihrer der­zei­ti­gen Form fort­set­zen können. 

Vom Stand­punkt der Öko­lo­gie aus betrach­tet ist die­ses Den­ken eine Art Mus­ter­bei­spiel für Wider­sin­nig­keit, denn es ist ja genau die der­zei­ti­ge Form der Indus­trie­ge­sell­schaft, die unse­re Zwangs­la­ge so unaus­weich­lich macht. 

So, wie sie sich heu­te dar­stellt, lässt sich die indus­tri­el­le Öko­no­mie in öko­lo­gi­scher Hin­sicht am bes­ten als raf­fi­nier­ter Plan beschrei­ben, des­sen Ziel in der schnellst­mög­li­chen Ver­wand­lung von Res­sour­cen in Schad­stof­fe besteht. Von daher sind Res­sour­cen­er­schöp­fung und Umwelt­ver­schmut­zung nicht etwa uner­wünsch­te Neben­er­schei­nun­gen des Indus­tria­lis­mus, son­dern sie erge­ben sich aus des­sen Grund­struk­tur: Je schnel­ler Res­sour­cen zu Schad­stof­fen wer­den, des­to bes­ser gedeiht die indus­tri­el­le Wirt­schaft, und umge­kehrt. Dies ist der Kern unse­res Dilemmas. 

Das Hub­bert-Maxi­mum ist ein­fach das Sym­ptom einer umfas­sen­de­ren Kri­se – der fun­da­men­ta­len Nicht-Nach­hal­tig­keit eines Sys­tems, das sich unter der Ziel­set­zung her­aus­ge­bil­det hat, den Ver­brauch von Res­sour­cen auf einem end­li­chen Pla­ne­ten unend­lich zu machen –, und wenn man die­ses Pro­blem lösen will, ohne den grö­ße­ren Kon­text zu berück­sich­ti­gen, kann man sicher sein, dass an ande­ren Stel­len ande­re Sym­pto­me auf­tre­ten wer­den, die die­sel­be Funk­ti­on erfüllen. 

Seit nun­mehr über einem Jahr­hun­dert for­dern die­je­ni­gen, die die­ses Dilem­ma begrif­fen haben, dass unse­re Zivi­li­sa­ti­on sich in Rich­tung einer nach­hal­ti­gen Gesell­schaft wan­deln muss. Ins­be­son­de­re in den 1970ern wur­de eine gan­ze Rei­he von Vor­schlä­gen in die Welt gesetzt, wie ein sol­cher Über­gang zu bewerk­stel­li­gen wäre, und selbst heu­te noch erscheint mehr oder weni­ger jedes Jahr ein neu­es Buch mit einem ent­spre­chen­den Plan. Vie­le davon sind wohl­kon­zi­piert und wür­den wahr­schein­lich sogar eini­ger­ma­ßen gut funk­tio­nie­ren, und selbst die schlech­tes­ten davon wären am Ende sicher immer noch bes­ser als die der­zei­ti­ge Stra­te­gie des Schlaf­wan­delns auf den Abgrund zu. Aber nicht einer davon, sogar auf dem Höhe­punkt der Ener­gie­kri­sen der 1970er, erhielt mehr als nur einen kur­zen Augen­blick der Beach­tung, und dies sowohl sei­tens der Schalt­zen­tra­len der Macht in Regie­run­gen und Wirt­schaft, die für die meis­ten Rou­ti­neent­schei­dun­gen der moder­nen Gesell­schaft zustän­dig sind, als auch sei­tens der brei­ten Bevöl­ke­rungs­mas­se, deren Mei­nun­gen die letz­te Ent­schei­dungs­in­stanz bilden. 

Es gibt ver­schie­de­ne Wege, die­ses Ver­sa­gen zu ver­ste­hen, aber die im Bei­trag der letz­ten Woche (“Zivi­li­sa­ti­on und Suk­zes­si­on”) behan­del­ten öko­lo­gi­schen Per­spek­ti­ven eröff­nen einen Aspekt, unter dem das Pro­blems mei­nes Wis­sens nach bis­her nicht ana­ly­siert wur­de. Wenn der Über­gang von einem mensch­li­chen sozia­len Sys­tem zu einem ande­ren als eine Form von Suk­zes­si­on betrach­tet wer­den kann, bei dem Gesell­schafts­for­men ein­an­der ablö­sen wie sera­le Sta­di­en in der Natur, könn­te man dar­aus auch fol­gern, dass der sozia­le Wan­del einem ganz eige­nen Takt folgt. Im Suk­zes­si­ons­pro­zess eines Wald­bi­o­ms in den gemä­ßig­ten Brei­ten wer­den bei­spiels­wei­se Pio­nier­kräu­ter durch Grä­ser ersetzt, die­se dann durch Stau­den und Sträu­cher, und Letz­te­re schließ­lich durch Bäu­me, wobei Rei­hen­fol­ge und zeit­li­che Glie­de­rung des Vor­gangs bis zum einem gewis­sen Grad vor­her­sag­bar sind. 

Die Ursa­che für die­se Vor­her­sag­bar­keit ist nicht ohne Bedeu­tung für unse­re der­zei­ti­ge Lage. Die blo­ße Erde eines auf­ge­ge­be­nen Bau­plat­zes in den gemä­ßig­ten Zonen etwa ist eine geeig­ne­te Umge­bung für die Ansied­lung von Pio­nier­kräu­tern, nicht aber für die Hart­holz­bäu­me, Unter­holz­ge­wäch­se und ande­ren Lebe­we­sen, aus denen die Kli­max­ge­sell­schaft des Wal­des hier besteht. Pio­nier­kräu­ter, die sich in ihrer Ent­wick­lung dar­auf spe­zia­li­siert haben, auf gestör­ten Böden zu gedei­hen, schie­ßen schnell empor und bede­cken nach weni­gen Jah­ren den Boden. Im Ver­lauf die­ses Vor­gangs aller­dings ändern sie wie­der­um ihre Umge­bung und machen sie dadurch erneut besied­lungs­fä­hig, aber nicht durch wei­te­re Pio­nier­kräu­ter, son­dern durch Grä­ser und ande­re Pflan­zen, und die­se ver­drän­gen schließ­lich die Kräu­ter und beset­zen den auf­ge­ge­be­nen Bauplatz. 

Der­sel­be Pro­zess wie­der­holt sich, wenn die Grä­ser und ande­re Pflan­zen des zwei­ten sera­len Sta­di­ums die Umge­bung des auf­ge­ge­be­nen Bau­plat­zes ihrer­seits so weit geän­dert haben, dass er bes­ser für eine ande­re Sere als für ihre eige­nen Nach­kom­men geeig­net ist. Der Vor­gang setzt sich fort und ver­liert dabei all­mäh­lich an Geschwin­dig­keit, bis schließ­lich eine Kli­max­ge­sell­schaft erreicht ist, die ihre Umge­bung so kon­stant hält, dass sie für die Nach­kom­men ihrer eige­nen Mit­glieds­or­ga­nis­men geeig­net bleibt. An die­sem Punkt ist Nach­hal­tig­keit erreicht: Die Kli­max­ge­sell­schaft ändert sich immer noch über län­ge­re Zeit­räu­me, durch Kli­ma­wan­del oder das Auf­tre­ten neu­er Arten, die von anders­wo­her ein­si­ckern, und sie kann durch Feu­er oder ande­re Kata­stro­phen in blo­ße Erde zurück­ver­wan­delt wer­den, aber es ist mög­lich, dass sie die­sel­be wie­der­erkenn­ba­re Form über Jahr­tau­sen­de hin­weg bei­be­hält. Das Stre­ben nach einer nach­hal­ti­gen Gesell­schaft ver­läuft, anders aus­ge­drückt, par­al­lel zur Suk­zes­si­ons­fol­ge eines Öko­sys­tems in Rich­tung auf eine Kli­max­ge­sell­schaft, und weder der eine noch der ande­re Pro­zess kann durch eine ein­zi­ge Wand­lung erreicht werden. 

Dafür las­sen sich ein­deu­ti­ge Bei­spie­le aus der mensch­li­chen Geschich­te fin­den. Die Erfin­dung der Land­wirt­schaft in der Alten Welt erfolg­te nach dem Ende der letz­ten Eis­zeit vor etwa 11.000 Jah­ren, als ein dra­ma­ti­scher Kli­ma­wan­del auf der gan­zen Welt sta­bi­le Öko­sys­te­me durch­ein­an­der brach­te und mensch­li­che Kul­tu­ren neue Wege fin­den muss­ten, ihren Lebens­un­ter­halt zu bestrei­ten. Im Nahen Osten ver­wan­del­ten sich frucht­ba­re Gras­step­pen in Wüs­ten, nach­dem der Win­ter­re­gen, der jahr­tau­sen­de­lang ver­läss­lich gefal­len war, aus­blieb, und die Men­schen ver­fie­len dar­auf, in Fluss­tä­lern Getrei­de anzu­bau­en und auf den umlie­gen­den Hügeln Vieh zu wei­den, da dies die ein­zi­ge Alter­na­ti­ve zum Hun­ger­tod war. Der­sel­be Vor­gang wie­der­hol­te sich etwas spä­ter in Mexi­ko, dem Kern­land der Land­wirt­schaft in der Neu­en Welt, als eine par­al­le­le Rei­he von Kli­ma­wan­del­pro­zes­sen dort eben­falls zur Wüs­ten­bil­dung führte. 

Das neue Öko­sys­tem des Acker­baus erwies sich als äußerst erfolg­reich und brei­te­te sich mit gro­ßer Geschwin­dig­keit aus, aber es war immer noch sehr wenig effi­zi­ent, da es allein auf der natür­li­chen Frucht­bar­keit des Bodens beruh­te. Es waren Tau­sen­de von Jah­ren und eine Rei­he kata­stro­pha­ler Zusam­men­brü­che not­wen­dig, damit ein wirk­lich nach­hal­ti­ges Sys­tem dar­aus wer­den konn­te, und eini­ge der letz­ten Schrit­te in die­se Rich­tung erfolg­ten nicht vor der Geburt des Bio­land­baus im 20. Jahr­hun­dert. Nichts­des­to­trotz muss man sich unbe­dingt vor Augen hal­ten, dass die Land­wirt­schaft letzt­lich doch nach­hal­tig wur­de, und in eini­gen Öko­sys­te­men sogar jahr­hun­der­te­lang nach­hal­tig betrie­ben wur­de. Die enor­me Rege­ne­ra­ti­ons­fä­hig­keit des ost­asia­ti­schen Reis­an­baus wur­de schon vor lan­ger Zeit von F. H. King in “Far­mers of For­ty Cen­tu­ries” doku­men­tiert, aber wer weiß schon, dass Syri­en – wo der Getrei­de­an­bau wahr­schein­lich erfun­den wur­de und auf jeden Fall schon so lan­ge betrie­ben wird wie kaum irgend­wo sonst auf der Welt – heu­te noch immer im grö­ße­ren Umfang Wei­zen exportiert. 

Die Geburt des Indus­tria­lis­mus vor eini­gen Jahr­hun­der­ten steht, wie ich vor­schla­gen möch­te, für einen par­al­le­len Pro­zess, in dem ein neu­es mensch­li­ches Öko­sys­tem auf­ge­kom­men ist. Wie die Land­wirt­schaft in den Anfän­gen ihres geschicht­li­chen Wegs ist die­ses neue Öko­sys­tem unge­heu­er wenig effi­zi­ent und ver­schwen­det Ener­gie und Res­sour­cen in einer nicht auf­recht­zu­er­hal­ten­den Geschwin­dig­keit. Und eben­so wie die Land­wirt­schaft wird sei­ne Ent­wick­lung ver­mut­lich von kata­stro­phi­schen Zusam­men­brü­chen beglei­tet wer­den, des­sen ers­ter mit eini­ger Wahr­schein­lich­keit pünkt­lich über die nächs­ten paar Jahr­zehn­te hin­weg ein­tre­ten wird. Mög­li­cher­wei­se wird einer die­ser Zusam­men­brü­che das Ende des gesam­ten Pro­jekts ein­läu­ten – schließ­lich ist nicht jeder öko­lo­gi­schen Neu­un­ter­neh­mung Erfolg beschie­den –, aber eben­so mög­lich ist es, dass weni­ger ver­schwen­de­ri­sche Aus­prä­gun­gen des­sel­ben grund­le­gen­den Öko­sys­tems am Ende ihren Weg zu einem neu­en, nach­hal­ti­gen Modell von mensch­li­chen Gemein­schaf­ten fin­den wer­den, das auf sol­chen Ele­men­ten fort­schritt­li­cher Tech­no­lo­gie beruht, die lang­fris­tig und mit Hil­fe erneu­er­ba­rer Res­sour­cen her­ge­stellt, betrie­ben und gewar­tet wer­den können. 

Mir scheint die Vor­stel­lung nicht unplau­si­bel, dass man den Indus­tria­lis­mus aus der Per­spek­ti­ve der fer­nen Zukunft ein­mal als eine frü­he und inef­fi­zi­en­te Form des­sen, was man “Tech­nik-Gesell­schaft” nen­nen könn­te, betrach­ten wird. Wie ande­re For­men von mensch­li­chen Öko­sys­te­men könn­te man die Tech­nik-Gesell­schaft viel­leicht am bes­ten anhand ihrer Ener­gie­quel­len beschrei­ben. Eine Wild­beu­ter­ge­sell­schaft beruht haupt­säch­lich auf Ener­gie in Form von Nah­rung, die natür­li­chen Öko­sys­te­men ent­nom­men und durch klei­ne Men­gen von nicht aus Nah­rung stam­men­der Ener­gie in Form von Feu­er­holz usw. ergänzt wird. Eine Agrar­ge­sell­schaft beruht haupt­säch­lich auf Ener­gie in Form von Nah­rung, die einem künst­li­chen Öko­sys­tem, das durch mensch­li­che Anstren­gun­gen geschaf­fen und auf­recht­erhal­ten wird, ent­nom­men und durch klei­ne Men­gen von nicht aus Nah­rung stam­men­der Ener­gie in Form von Feu­er­holz und ande­ren Brenn­stof­fen sowie klei­nen Men­gen von Wind‑, Was­ser- und Son­nen­en­er­gie ergänzt wird. 

Eine Tech­nik-Gesell­schaft hin­ge­gen beruht haupt­säch­lich auf Ener­gie aus erneu­er­ba­ren oder nicht-erneu­er­ba­ren Quel­len, die durch Nah­rung ergänzt wer­den, die ganz oder teil­wei­se mit Hil­fe von nicht aus Nah­rung stam­men­der Ener­gie erzeugt wird. Die moder­ne Indus­trie­ge­sell­schaft ist ein­fach eine Tech­nik-Gesell­schaft, deren Ener­gie­er­zeu­gung auf nicht-erneu­er­ba­ren Quel­len beruht und die ihre Waren- und Dienst­leis­tungs­pro­duk­ti­on zum Preis einer unge­heu­ren Inef­fi­zi­enz maxi­miert hat. Am ande­ren Ende des Spek­trums befin­det sich eine Idee der Tech­nik-Gesell­schaft, viel­leicht am bes­ten als “Öko­tech­nik-Gesell­schaft” cha­rak­te­ri­siert, die auf erneu­er­ba­ren Ener­gie­quel­len fußt und die Effi­zi­enz ihres Ener­gie- und Res­sour­cen­ver­brauchs zum Preis eines wesent­lich beschränk­te­ren Zugangs zu Waren und Dienst­leis­tun­gen maxi­mie­ren wird. 

In der Abend­däm­me­rung der Indus­trie­ge­sell­schaft scheint das Kon­zept einer Öko­tech­nik-Gesell­schaft ver­lo­ckend, und dies nicht nur für die­je­ni­gen, denen die tief­grei­fen­de Abhän­gig­keit der Men­schen von der irdi­schen Bio­sphä­re bewusst ist. Bis dahin ist es aber noch ein wei­ter Weg, und wenn man sich dabei in irgend­ei­ner Form am Suk­zes­si­ons­mo­dell ori­en­tie­ren kann, ist der Ver­such, vom wuchern­den Unkraut der Indus­trie­ge­sell­schaft direkt in die grü­nen­den Wäl­der der Öko­tech­nik-Zivi­li­sa­ti­on zu sprin­gen, zum Schei­tern ver­ur­teilt. Selbst ohne Berück­sich­ti­gung des Suk­zes­si­ons­mo­dells haben wir nur eine extre­me nebu­lö­se Vor­stel­lung davon, wel­che Form eine wirk­lich nach­hal­ti­ge Tech­nik-Gesell­schaft anneh­men könn­te, und die geschicht­li­che Erfah­rung legt nahe, dass ein lan­ger Evo­lu­ti­ons­pro­zess des Immer-wie­der-Aus­pro­bie­rens nötig sein wird, um die unver­meid­li­chen Macken zu besei­ti­gen und eine Form der Tech­nik-Gesell­schaft zu ent­wi­ckeln, die tat­säch­lich eine lang­fris­ti­ge Sta­bi­li­tät ermöglicht. 

Natür­lich wird die­ser Pro­zess vom nahen­den Zusam­men­bruch der moder­nen Indus­trie­ge­sell­schaft beein­flusst wer­den, aber nicht auf die Art, die von den der­zeit gras­sie­ren­den ver­welt­lich­ten Apo­ka­lyp­se-Reli­gio­nen pro­pa­giert wird. Wer auch immer vom Ende des Indus­trie­zeit­al­ters erwar­tet, dass dadurch die Ära der von ihm bevor­zug­ten Ver­si­on einer uto­pi­schen Gesell­schaft ein­ge­lei­tet wird, soll­te sich mei­ner fes­ten Über­zeu­gung nach auf eine unge­heu­re Ent­täu­schung ein­stel­len. Radi­ka­le Plä­ne sozia­ler Ände­rung flo­rie­ren in der Regel in der expan­die­ren­den Pha­se einer Kul­tur, wenn die über­rei­chen Res­sour­cen zum Expe­ri­men­tie­ren ver­lei­ten, aber unter den rau­en Bedin­gun­gen eines Zeit­al­ters des Nie­der­gangs und der Schrump­fung gibt es sol­che Frei­hei­ten ein­fach nicht mehr. In den vor uns lie­gen­den Jahr­zehn­ten und Jahr­hun­der­ten, in denen die meis­ten Men­schen ums Über­le­ben kämp­fen wer­den – vie­le davon ver­geb­lich –, wird der Traum einer idea­len Gesell­schaft hin­ter die Erfül­lung drin­gen­de­rer Bedürf­nis­se zurück­tre­ten müssen. 

Es ist aller­dings durch­aus wich­tig zu ver­ste­hen, dass dies nur eine ande­re Art ist, bereits ander­wei­tig vor­ge­brach­te Argu­men­te zu for­mu­lie­ren. Wenn mensch­li­che Gesell­schaf­ten in ihrer Auf­ein­an­der­fol­ge irgend­wie der öko­lo­gi­schen Suk­zes­si­on ähneln, wer­den die Gesell­schaf­ten, die aus den Trüm­mern der Indus­trie­ge­sell­schaft ent­ste­hen, die­je­ni­gen sein, die am bes­ten an die Umwelt ange­passt sind, die von ihren Vor­gän­gern geschaf­fen wur­de. Sie sind viel­leicht noch lan­ge nicht nach­hal­tig, haben sich aber höchst­wahr­schein­lich bereits ein beträcht­li­ches Stück in die­se Rich­tung bewegt, und sei es nur des­halb, weil die Mög­lich­kei­ten zur Ver­schwen­dung von Res­sour­cen durch die Erschöp­fung so vie­ler davon beträcht­lich ein­ge­schränkt sei­en wer­den. Wel­che For­men die­se Gesell­schaf­ten anneh­men könn­ten, wird das The­ma des nächs­ten Bei­trags (“Die Lei­ter nach unten”) sein. 

04. Okto­ber 2007 

(http://thearchdruidreport.blogspot.com/2007/10/toward-ecotechnic-society.html)

3 — Die Leiter hinab

Der letzt­wö­chi­ge Bei­trag im Arch­druid Report warf die Fra­ge auf, ob zukünf­ti­ge Gesell­schaf­ten in der Lage sein könn­ten, einen rela­tiv hohen tech­no­lo­gi­schen Stand auf­recht zu erhal­ten, ohne in die­sel­be Fal­le zu lau­fen wie unse­re heu­ti­ge Indus­trie­ge­sell­schaft und sich dabei auf den ver­schwen­de­ri­schen Gebrauch nicht­er­neu­er­ba­rer Res­sour­cen zu stüt­zen. Den Traum, eine Zivi­li­sa­ti­on sol­cher Art auf­zu­bau­en – eine “Öko­tech­nik-Gesell­schaft”, um den vor mir im besag­ten Bei­trag ver­wen­de­ten Begriff zu ver­wen­den –, hegen schon seit Jah­ren vie­le, die sich in alter­na­ti­ven Krei­sen bewe­gen, und dies nicht ohne Grund. 

Dem Traum zugrun­de liegt eine gewief­te phi­lo­so­phi­sche Stra­te­gie. Ein zen­tra­ler Bestand­teil der Rhe­to­rik, mit der die sozia­len Struk­tu­ren unse­rer moder­nen indus­tri­el­len Welt gerecht­fer­tigt wer­den, ist die zwang­haft vor­ge­tra­ge­ne dia­me­tra­le Gegen­sätz­lich­keit der auf­ge­klär­ten, tech­nisch fort­schritt­li­chen Indus­trie­ge­sell­schaf­ten und des angeb­lich elen­dig pri­mi­ti­ven vor­in­dus­tri­el­len Lebens. Vie­le der heu­ti­gen Kri­ti­ker des Indus­tria­lis­mus fal­len dar­auf her­ein, akzep­tie­ren die­se Gegen­sätz­lich­keit und dre­hen ein­fach die Wert­zu­schrei­bung um, als ob es mög­lich wäre, aus einer dua­lis­ti­schen Denk­wei­se aus­zu­bre­chen, indem man den Dua­lis­mus auf den Kopf stellt. 

Der Öko­tech­nik-Traum ist inso­fern cle­ve­rer, als dass er die­se Gegen­sätz­lich­keit von vorn­her­ein über­win­det. Um kurz in den Jar­gon des moder­nen Drui­den­tums zu ver­fal­len: Eine unauf­ge­lös­te Zwei­heit wird in eine aus­ge­wo­ge­ne Drei­heit ver­wan­delt. Weni­ger abge­ho­ben aus­ge­drückt geht es dar­um, einen drit­ten Weg zu fin­den, der vie­le der bes­ten Sei­ten der gegen­sätz­li­chen Posi­tio­nen in sich ver­eint und den schein­ba­ren Wider­spruch dadurch hin­weg­fegt, dass das Feld der mög­li­chen Optio­nen erwei­tert wird – nicht nur auf drei, son­dern auf unend­lich vie­le. Die Fra­ge ist nicht mehr, ob man eines der bei­den Sys­te­me in sei­ner Gesamt­heit akzep­tiert – in einer Wahl, die kei­ner­lei Alter­na­ti­ven kennt –, son­dern wel­che Aus­wahl man aus einer schwin­del­erre­gend gro­ßen Zahl von Fak­to­ren tref­fen möch­te, die zur Ent­ste­hung der zukünf­ti­gen Gesell­schaft bei­tra­gen sollen. 

Die Visi­on einer Öko­tech­nik-Zukunft soll­te man also unbe­dingt wei­ter im Hin­ter­kopf behal­ten. Als Pla­nung für die nähe­re Zukunft ver­stan­den steht sie aller­dings vor den­sel­ben enor­men Schwie­rig­kei­ten, die in mei­nem frü­he­ren Bei­trag zum Suk­zes­si­ons­pro­zess behan­delt wur­den. In der Spra­che der öko­lo­gi­schen Suk­zes­si­on ist eine voll­kom­me­ne Öko­tech­nik-Gesell­schaft eine Kli­max­ge­sell­schaft, und man kann nicht mit einem ein­zi­gen Sprung von der Pio­nier­be­sied­lung durch Unkräu­ter zur Kli­max­ge­sell­schaft des alt­be­stehen­den Walds gelan­gen. Die Bedin­gun­gen, unter denen sich eine Kli­max­ge­sell­schaft ange­sichts der Kon­kur­renz ande­rer bio­ti­scher Gesell­schaf­ten eta­blie­ren und hal­ten könn­te, sind noch nicht erreicht. 

Dies gilt für mensch­li­che Sozi­al­sys­te­me nicht weni­ger als für die jeder ande­ren bio­ti­schen Gemein­schaft. Der Gedan­ke ist so wohl­tu­end wie beliebt, dass sozia­ler Wan­del beim Men­schen haupt­säch­lich durch bewuss­te Ent­schei­dung oder sonst wel­che ein­zig­ar­tig mensch­li­chen Fak­to­ren getra­gen wür­de, aber die Wis­sen­schaft von der Öko­lo­gie des Men­schen eben­so wie die his­to­ri­schen Tat­sa­chen – und die Geschich­te ist nichts wei­ter als die mensch­li­che Öko­lo­gie in der Zeit – spre­chen eine ande­re Spra­che. Die indus­tri­el­le Zivi­li­sa­ti­on hat nicht über ande­re For­men von mensch­li­chen Gesell­schaf­ten tri­um­phiert, weil ihre Mit­glie­der dies ver­ein­bart und geplant hät­ten, son­dern weil sie es zur Zeit ihres Auf­kom­mens, in einer Welt vol­ler unan­ge­tas­te­ter Reser­ven von fos­si­len Brenn­stof­fen, ver­stan­den hat, den Kon­kur­renz­druck ande­rer sozia­ler Sys­te­me und die Beschrän­kun­gen der Natur zu überwinden. 

Eben­so steht die indus­tri­el­le Zivi­li­sa­ti­on des­halb vor dem Unter­gang, weil ihre Aus­sich­ten, sich gegen die Wid­rig­kei­ten der Natur und die Kon­kur­renz ande­rer, weni­ger ener­gie- und tech­no­lo­gie­ab­hän­gi­ger Gesell­schaf­ten zu behaup­ten, durch die Knapp­heit und Ver­teue­rung der fos­si­len Brenn­stof­fe höchst zwei­fel­haft gewor­den sind. Die mensch­li­chen Gesell­schaf­ten, die im Gefol­ge des ver­schwin­den­den Indus­tria­lis­mus ent­ste­hen, wer­den wie­der­um sol­che sein, die sich unter den gewan­del­ten Bedin­gun­gen des Zeit­al­ters der Deindus­tria­li­sie­rung bes­ser eta­blie­ren und hal­ten kön­nen als ihre Kon­kur­ren­ten. Wir mögen unse­re Vor­lie­ben haben – das letz­te Wort hat die Natur. 

Die Bedin­gun­gen, die es einer Öko­tech­nik-Gesell­schaft erlau­ben wür­den, sich zu eta­blie­ren und zu hal­ten, sind mehr oder weni­ger die­je­ni­gen, die geherrscht haben, bevor die indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on die Schatz­kis­te der im Erd­in­nern ver­bor­ge­nen Koh­len­was­ser­stof­fe auf­brach und zum kurz­fris­ti­gen Nut­zen zu plün­dern begann. In einer Welt, deren Ener­gie­res­sour­cen auf Son­ne, Wind, Was­ser, Mus­kel­ar­beit und Bio­mas­se beschränkt sind und in der alle Arbei­ten mit die­sen Hilfs­mit­teln aus­ge­führt wer­den müs­sen, haben die­je­ni­gen Gesell­schaf­ten, die effi­zi­en­te und nach­hal­ti­ge Tech­no­lo­gien zur Nut­zung die­ser Res­sour­cen ent­wi­ckeln, einen ent­schei­den­den Über­le­bens­vor­teil gegen­über kon­kur­rie­ren­den Gesell­schaf­ten, die dies nicht tun – man ver­glei­che nur die 5000-jäh­ri­ge Geschich­te des kai­ser­li­chen Chi­na mit dem töd­li­chen Stru­del, in dem die Maya untergingen. 

Das unmit­tel­ba­re Pro­blem für die Ver­wirk­li­chung der Öko­tech­nik-Gesell­schaft besteht dar­in, dass die­se Bedin­gun­gen eben noch nicht wie­der herr­schen. Bis jetzt haben wir unge­fähr die Hälf­te der welt­wei­ten Erd­öl­re­ser­ven auf­ge­braucht und etwas weni­ger als die Hälf­te der Koh­le- und Erd­gas­re­ser­ven. Die För­de­rung all die­ser Brenn­stof­fe ist durch glo­ba­le Maxi­ma und anschlie­ßen­de Rück­gän­ge gekenn­zeich­net, was unter ande­rem bedeu­tet, dass sie in abneh­men­der Men­ge noch für lan­ge Zeit ver­füg­bar sein wer­den. Zwar wer­den die moder­nen Indus­trie­ge­sell­schaf­ten das Ende des ste­ti­gen Wachs­tums ihrer Ener­gie­ver­sor­gung ver­mut­lich in ihrer heu­ti­gen Form nicht über­le­ben, aber das För­der­ma­xi­mum für fos­si­le Brenn­stof­fe wird höchst­wahr­schein­lich dazu füh­ren, dass ande­re, bes­ser an eine Welt mit sin­ken­der Ener­gie­ver­füg­bar­keit ange­passt For­men des Indus­tria­lis­mus ent­ste­hen – und solan­ge noch fos­si­le Ener­gie ver­füg­bar ist, wer­den die­se neo-indus­tri­el­len Gesell­schaf­ten aller Vor­rau­sicht nach über grö­ße­re öko­no­mi­sche und mili­tä­ri­sche Macht ver­fü­gen als ihre Ökotechnik-Konkurrenten. 

Anders gesagt wer­den vie­le Hin­ter­las­sen­schaf­ten der heu­ti­gen Indus­trie­ge­sell­schaf­ten noch die nächs­ten Jahr­zehn­te oder Jahr­hun­der­te über­dau­ern. Die­ses Erb­stü­cke bestehen aus gespei­cher­ter Ener­gie – der Ener­gie, die für ihre Her­stel­lung und den Auf­bau der erfor­der­li­chen Mate­ri­al- und Wis­sens­ba­sis nötig war –, und die zusätz­li­che Ener­gie, die für ihre War­tung und Nut­zung anfällt, dürf­te in vie­len Fäl­len im Ver­gleich zu der dar­in gespei­cher­ten Ener­gie eher klein sein; der für den Wei­ter­be­trieb eines Stau­damms oder eines Com­pu­ters nöti­ge Auf­wand ist rela­tiv klein im Ver­hält­nis zu dem dar­in ent­hal­te­nen Auf­wand oder zu den Vor­tei­len, die einem ihr Besitz und ihre Nut­zung bie­ten kann. 

Es ist sehr wahr­schein­lich, dass deindus­tria­li­sier­te Gesell­schaf­ten, die nicht mehr in der Lage wären, einen Stau­damm oder einen Com­pu­ter zu bau­en, für eini­ge Jahr­zehn­te oder sogar Jahr­hun­der­te das nöti­ge Wis­sen und die ent­spre­chen­de Res­sour­cen­ba­sis bewah­ren kön­nen, um die­se Anla­gen wei­ter zu betrei­ben, ähn­lich wie es in den dunk­len Jahr­hun­der­ten nach dem Fall Roms über­all in Euro­pa städ­ti­sche Gemein­schaf­ten gab, die römi­sche Aquä­duk­te nutz­ten und repa­rier­ten, die­se aber nie­mals selbst hät­ten bau­en kön­nen. Ein gro­ßer Teil der tech­ni­schen Hin­ter­las­sen­schaf­ten, die das Zeit­al­ter der Deindus­tria­li­sie­rung erben wird, besteht aller­dings aus nicht-erneu­er­ba­ren Res­sour­cen; wenn sie schließ­lich defekt sind, gehen sie ver­lo­ren – für Jahr­zehn­te, für Jahr­hun­der­te oder für immer. 

Das Ergeb­nis zeigt inter­es­san­te Par­al­le­len zur öko­lo­gi­schen Suk­zes­si­on. Kurz- und mit­tel­fris­tig wer­den im ein­set­zen­den Zeit­al­ter der Deindus­tria­li­sie­rung genau die­je­ni­gen Gesell­schaf­ten blü­hen und gedei­hen, die am wenigs­tens in der Lage sind, lang­fris­tig zu über­le­ben. Kurz­fris­tig wer­den Gesell­schaf­ten, die ihre ver­blei­ben­den fos­si­len Brenn­stof­fe – gestreckt mit erneu­er­ba­ren Res­sour­cen und mög­lichst viel High-Tech – so effi­zi­ent wie mög­lich nut­zen, ver­mut­lich wesent­lich bes­ser daste­hen als sowohl die ver­schwen­de­ri­schen Dino­sau­ri­er­kul­tu­ren der der­zei­ti­gen indus­tri­el­len Epo­che wie auch die Nied­rig­ener­gie-Gesell­schaf­ten, durch die sie schließ­lich ersetzt werden. 

Mit­tel­fris­tig wer­den Gesell­schaf­ten, die nach­hal­ti­ge Sub­sis­tenz­stra­te­gien und Wirt­schafts­wei­sen mit einer effi­zi­en­ten Nut­zung der tech­ni­schen Hin­ter­las­sen­schaf­ten des Indus­trie­zeit­al­ters ver­bin­den, ver­mut­lich wesent­lich daste­hen als sowohl die wei­ter­hin von fos­si­len Brenn­stof­fen abhän­gi­gen Gesell­schaf­ten der vor­an­ge­hen­den Epo­che wie auch die Öko­tech­nik-Gesell­schaf­ten, von denen sie wie­der­um selbst ersetzt wer­den. Erst wenn die För­de­rung fos­si­ler Brenn­stof­fe an einem Punkt ange­langt ist, an dem Koh­le und Öl sel­te­ne geo­lo­gi­sche Kurio­si­tä­ten sind und die ver­blei­ben­den Hin­ter­las­sen­schaf­ten des Indus­trie­zeit­al­ters kei­ne grö­ße­re wirt­schaft­li­che Rol­le mehr spie­len, wer­den Öko­tech­nik-Gesell­schaf­ten ihre vol­le Wir­kung entfalten. 

Die­se Abfol­ge muss man unbe­dingt berück­sich­ti­gen, wenn man für die Zukunft plant. Eines der gro­ßen Hin­der­nis­se für den Auf­bau von “Ret­tungs­boot-Gemein­schaf­ten”, wie sie sich so vie­le Den­ker in der Peak-Oil-Bewe­gung heu­te aus­ma­len, besteht dar­in, dass die­se Gemein­schaf­ten zwar in der Zukunft mög­lich sein wer­den (jeden­falls theo­re­tisch), dies aber nicht für die Gegen­wart gilt. Es gibt ein­fach nicht son­der­lich vie­le Men­schen, die in der Lage wären, ihren Platz in der Indus­trie­ge­sell­schaft zu ver­las­sen, aufs Land in ein Öko­dorf zu zie­hen und sich dort jahr­zehn­te­lang selbst zu ver­sor­gen, wäh­rend die indus­tri­el­le Maschi­ne­rie um sie her­um lang­sam, aber sicher knir­schend und bebend zum Halt kommt. 

Im Kon­text des hier von mir vor­ge­stell­ten Modells ähneln die ange­hen­den Grün­der von Ret­tungs­boot-Gemein­schaf­ten den Säm­lin­gen irgend­ei­ner Spe­zi­es eines alt­be­stehen­den Walds, die ver­su­chen, in einem Stück Erde Wur­zeln zu schla­gen, dass noch von Pio­nie­runkräu­tern bedeckt ist. Die Bedin­gun­gen, unter denen sie gedei­hen könn­ten, sind ein­fach noch nicht ein­ge­tre­ten. Die letz­ten Jah­re der Indus­trie­ge­sell­schaft und die Jahr­zehn­te der neo-indus­tri­el­len Gesell­schaf­ten, die in einem Zeit­al­ter der erreich­ten Gren­zen mit schrump­fen­den Ener­gie­re­ser­ven kämp­fen wer­den, sind so gese­hen eine Hür­de, die erst genom­men wer­den muss, bevor eine wirk­lich zukunfts­träch­ti­ge Gesell­schafts­form ent­wi­ckelt wer­den kann. 

Die­se Hür­de ist zu neh­men, aber dazu ist eine ande­re Her­an­ge­hens­wei­se erfor­der­lich. Anstatt zu ver­su­chen, mit einem ein­zi­gen Sprung direkt in einer öko­lo­gisch aus­ge­wo­ge­nen, voll­stän­dig nach­hal­ti­gen Gesell­schaft zu lan­den, könn­te es sich als not­wen­dig erwei­sen, beim Abstieg von der Lei­ter eine Spros­se nach der ande­ren zu neh­men, sich dabei an den jewei­li­gen Wan­del anzu­pas­sen und zu ver­su­chen, jeden Schritt der Abfol­ge vor­aus­zu­ah­nen, um recht­zei­tig dafür pla­nen zu kön­nen. Wäh­rend­des­sen kann man gleich­zei­tig auf die eine oder ande­re Art im klei­ne­ren Maß­stand die Sub­sis­tenz­stra­te­gien und sozia­len Net­ze aus­pro­bie­ren, die für die fer­ne­re Zukunft nötig sind. 

Die­se Stra­te­gie ist eher evo­lu­tio­när als revo­lu­tio­när – das heißt, sie ver­folgt einen schritt­wei­sen Wan­del und einen kon­ti­nu­ier­li­chen Fort­schritt des Expe­ri­men­tie­rens, anstatt zu ver­su­chen, mit der Ver­gan­gen­heit voll­kom­men zu bre­chen und der Wirk­lich­keit ein Ide­al auf­zu­zwin­gen, dass sich am Ende viel­leicht als eben­so wenig lebens­fä­hig erweist wie das, was es erset­zen soll. Unter ande­rem bedeu­tet dies, dass sie auf ört­li­cher und sogar indi­vi­du­el­ler Ebe­ne umge­setzt wer­den kann, ein Detail, dass sie in prak­ti­scher Hin­sicht wesent­lich anwend­ba­rer macht als Ver­su­che, die Gesell­schaft als Gan­zes von oben nach unten zu ändern. Wie die­ser Pro­zess ver­lau­fen könn­te, wer­de ich eini­gen der zukünf­ti­gen Bei­trä­ge hier behandeln. 

10. Okto­ber 2007 

http://thearchdruidreport.blogspot.com/2007/10/climbing-down-ladder.html

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