Autorenblog

Kategorie: Geschichte (Seite 5 von 6)

Die Geister Tom Joads

Vor Jahr und Tag schrieb die ame­ri­ka­ni­sche His­to­ri­ke­rin Bar­ba­ra Tuch­man einen die­ser »popu­lär-his­to­ri­schen« Best­sel­ler, die in den letz­ten Jahr­zehn­ten haupt­säch­lich in der angel­säch­si­schen Welt ent­stan­den sind. Die Tor­heit der Regie­run­gen – von Tro­ja bis Viet­nam heißt das nach wie vor unein­ge­schränkt zu emp­feh­len­de Werk, und falls der Ver­lag mal eine Fort­set­zung pla­nen soll­te, müs­sen die Ereig­nis­se der letz­ten Tage dar­in unbe­dingt einen Ehren­platz fin­den. So lang­sam mischen sich ja die ers­ten Stim­men der Ver­nunft in das auf­ge­reg­te Hin- und Her­ge­flat­ter der öffent­li­chen Mei­nung (ich emp­feh­le etwa die­se exzel­len­te Ana­ly­se von Tho­mas Spahn), und es zeich­net sich immer deut­li­cher ab, dass wir es in Wirk­lich­keit mit einer gran­di­os schief­ge­lau­fe­nen Palast­re­vol­te Boris John­sons zu tun haben, der wahr­schein­lich mit einem knap­pen »Remain« gerech­net hat, um dann hin­ter­her mit die­sem Ergeb­nis im Rücken sei­nen Intim­feind Came­ron aus dem Amt zu jagen und in Brüs­sel neue Son­der­kon­di­tio­nen her­aus­schla­gen zu kön­nen. Und nu hat­ter den Salat.

Ob Groß­bri­tan­ni­en wirk­lich in den nächs­ten Jah­ren aus der EU aus­tre­ten wird, muss sich erst zei­gen. Viel­leicht fin­den die tau­meln­den Töl­pel doch noch irgend­ei­nen Weg, um sich bei wenigs­tens teil­wei­ser Gesichts­wah­rung aus der Affä­re zu zie­hen – die Sou­ve­rä­ni­tät des Par­la­ments, die Nicht­ein­be­zie­hung der Aus­lands­bri­ten, das doch ins­ge­samt sehr knap­pe Ergeb­nis, ein neu­es Refe­ren­dum wegen des zu erwar­ten­den Wirt­schafts­cha­os, was auch immer. Dadurch wür­de aller­dings nicht die tie­fe­re Ursa­che für das bla­ma­ble Wahl­er­geb­nis besei­tigt, die glei­cher­ma­ßen den Grund für John­sons epo­cha­le Fehl­ein­schät­zung dar­stel­len dürf­te: der Ver­rat an den ein­fa­chen Leu­ten. Wei­ter­le­sen

The United States of what …?

Die gegen­wär­ti­ge Kri­se der Euro­päi­schen Uni­on ist so tief­grei­fend, dass man einer­seits Lust hat, den gan­zen Laden in die Luft zu spren­gen, ande­rer­seits drängt sich einem dann doch wie­der der Aus­weg auf, nun erst recht ein ver­ein­tes Euro­pa zu schaf­fen, das dann wenigs­tens eini­ger­ma­ßen kon­sis­tent agie­ren und die gewal­ti­gen Struk­tur­re­for­men ange­hen könn­te, die für eine lang­fris­ti­ge Ret­tung der gemein­sa­men Wäh­rung und die Gewähr­leis­tung einer gemein­sa­men Außen­po­li­tik nötig wären.

Aber bevor man sich wil­den Blü­ten­träu­men hin­gibt, soll­te man viel­leicht doch noch mal kurz ein wenig nach­den­ken. Wie wür­de wohl ein sol­cher euro­päi­scher Super­staat aus­se­hen? Gott sei Dank gibt es das Pro­ject for Demo­cra­tic Uni­on, einen in Mün­chen und Lon­don ansäs­si­gen »Think Tank«, der sich bereits vie­ler­lei Gedan­ken zu die­ser Fra­ge gemacht hat. Dahin­ter steht der iri­sche, in Cam­bridge täti­ge Geschichts­pro­fes­sor Bren­dan Simms (angeb­lich von Schäub­le ver­ehrt), der die Zukunft der Uni­on lang­fris­tig in den »Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Euro­pa« sieht. Am Ende wür­de Groß­bri­tan­ni­en sei­ner Mei­nung nach wohl nicht dazu­ge­hö­ren, aber den Bre­x­it fin­det er ver­früht. Erst sol­le die Euro-Zone einen Bun­des­staat grün­den, dann kön­ne das Ver­ei­nig­te König­reich aus­tre­ten, ohne dass es zu grö­ße­ren Ver­wer­fun­gen käme.

Wie dem auch sei – das neue Euro­pa soll die­ser Visi­on nach einen direkt gewähl­ten Prä­si­den­ten sowie ein Zwei­kam­mer­par­la­ment mit Abge­ord­ne­ten­haus und Senat nach US-Vor­bild bekom­men. Aus­wär­ti­ge Ange­le­gen­hei­ten, Ban­ken­auf­sicht und Wäh­rung wären für­der­hin eine rei­ne Uni­ons­an­ge­le­gen­heit, eben­so wie das Kom­man­do über eine ein­heit­li­che euro­päi­sche Armee, deren aus­schließ­li­che Dienst­spra­che – eben­so wie die ein­zig zuläs­si­ge Ver­wal­tungs­spra­che – Eng­lisch wäre. Das fran­zö­si­sche Nukle­ar­ar­se­nal wür­de in die Hän­de der VSE, Ver­zei­hung, USE über­ge­hen, deren jun­ge Bür­ger alle ver­pflich­tet wären, ein Jahr Bür­ger- oder Wehr­dienst zu leis­ten. Außer­dem wären alle natio­na­len Staats­schul­den in euro­päi­sche Schuld­ver­schrei­bun­gen zu über­füh­ren. Frei­han­del wäre nur mit »ech­ten Demo­kra­tien« erlaubt.

Na ja. Wenn ich ehr­lich bin, gefällt mir davon nur der Teil mit dem all­ge­mei­nen Bür­ger­dienst. Wei­ter­le­sen

Quark 83

Ich ertra­ge die Her­vor­brin­gun­gen des deut­schen Fern­se­hens in der Regel nur in homöo­pa­thi­scher Dosie­rung, von daher war ich eini­ger­ma­ßen gespannt, wie sich wohl die all­seits in den Him­mel gelob­te Serie Deutsch­land 83 machen wür­de, die ja dem Ver­neh­men nach die Erzähl­wei­se der neu­en US-Seri­en auf hie­si­ge Ver­hält­nis­se über­tra­gen soll­te und durch „Erfolg in den USA“ geadelt war. Zudem fällt mein eige­nes Gast­spiel bei der Bun­des­wehr in die Zeit kurz nach der dar­ge­stell­ten Hand­lung, da will man natür­lich wis­sen, ob alles kor­rekt dar­ge­stellt ist.

Das Posi­ti­ve zuerst: klas­se Aus­stat­tung! Genau so, mit die­sen Stahl­rohr­bet­ten und den blau­en oder oran­gen Reso­pal­mö­beln, sah damals eine Wehr­pflich­ti­gen­stu­be beim west­deut­schen Mili­tär aus. Womit aber gleich die Pro­ble­me begin­nen, denn natür­lich waren Offi­zie­re, zumal sol­che beim Stab, in Zwei­bett­zim­mern unter­ge­bracht, die eine gewis­se Frei­heit zur per­sön­li­chen Gestal­tung lie­ßen. Und die Art, wie die Jungs ihre Baret­te tru­gen, hät­te unse­ren Spieß sicher zu einer sei­ner berüch­tig­ten „Seid ihr Pizzabäcker?“-Tiraden angestachelt.

Der All­tag beim Barras zeich­net sich eben durch vie­ler­lei Details aus, die man durch ober­fläch­li­ches Recher­chie­ren nicht so schnell in den Griff bekommt. Und genau da liegt die Crux der dra­ma­tur­gi­schen Prä­mis­se: Die Vor­stel­lung, man könn­te einen Ange­hö­ri­gen der bewaff­ne­ten Orga­ne der DDR mal eben durch einen Crash-Kurs bei einem lin­ken Uni-Pro­fes­sor und die Lek­tü­re der Zen­tra­len Dienst­vor­schrift zu einem über­zeu­gend wir­ken­den Bun­des­wehr­of­fi­zier machen, ist so aben­teu­er­lich wie unglaub­wür­dig. Wei­ter­le­sen

Wollte Strauß Atombomben über der Ostsee?

Beim Recher­chie­ren im Inter­net stößt man ja auf die irrs­ten Sachen. Zum Bei­spiel die erstaun­li­che Tat­sa­che, dass es die „Mar­xis­ti­schen Blät­ter“ noch gibt, die wäh­rend mei­ner Stu­di­en­zeit immer von irgend­wel­chen sek­tie­rer­haf­ten Gestal­ten umsonst vor der Men­sa an der Leo­pold­stra­ße ver­teilt wur­den und mir so man­ches unver­gess­li­che Lese­er­leb­nis ver­schaff­ten, wäh­rend ich Stam­mes­sen III, Dampf­nu­del mit Vanil­le­so­ße, ver­drück­te. Heu­te erschei­nen die ent­spre­chen­den Arti­kel auf einer Sei­te namens Links­net, und ich kann naht­los an alte Erfah­run­gen anknüp­fen. Da wird zum Bei­spiel auf die­ser Sei­te hier behauptet:

Nach der Abrie­ge­lung der DDR-Gren­ze am 13. August 1961 erklär­te die Bun­des­re­gie­rung den Mau­er­bau zum NATO-Bünd­nis­fall und for­der­te die Umset­zung der NATO-Stra­te­gie der „mas­si­ven Ver­gel­tung“ mit vol­lem Ein­satz von Atom­waf­fen. Gene­ral Stein­hoff ver­lang­te als deut­scher mili­tä­ri­scher Ver­tre­ter bei der NATO zumin­dest den selek­ti­ven Atom­waf­fen­ge­brauch. Noch im Dezem­ber 1961 dräng­ten Strauß und Oberst Beer­mann in Washing­ton dar­auf, zumin­dest eini­ge Atom­bom­ben demons­tra­tiv über der Ost­see oder einem DDR-Trup­pen­übungs­platz zu zünden.

Man traut ja Strauß und Ade­nau­er aller­hand zu. Aber der Mau­er­bau als Bünd­nis­fall? Atom­pil­ze über der Ost­see? Das weicht der­art von der Stan­dard-Geschichts­schrei­bung ab, dass es gera­de­zu eine Sen­sa­ti­on wäre, wenn die Anga­ben sich bewahr­hei­ten wür­den. Aber tun sie das? Eine ent­spre­chen­de Dis­kus­si­on im Geschichts­fo­rum bringt kei­ne Klä­rung, wei­te­re Fund­stel­len im Netz bezie­hen sich ein­fach nur (meis­tens ohne Nen­nung, aber rela­tiv offen­sicht­lich) auf die Linksnet-Seite.

Aber wozu hat man schließ­lich selbst Geschich­te stu­diert … Die Fuß­no­te zu dem zitier­ten Absatz führt zur Quel­le der Infor­ma­tio­nen, dem 2005 erschie­ne­nen Buch Die Bun­des­wehr. Eine kri­ti­sche Geschich­te 1955–2005 des Münch­ner Poli­to­lo­gen und His­to­ri­kers Det­lef Bald, der sei­ner Wiki­pe­dia-Sei­te zufol­ge frü­her einen Lehr­auf­trag an der Bun­des­wehr-Uni in Neu­bi­berg hat­te, aber wegen kri­ti­scher Äuße­run­gen zur Bun­des­wehr-Tra­di­ti­ons­pfle­ge heu­te nicht mehr für die Streit­kräf­te arbei­tet. Das Buch ist aus­zugs­wei­se auf Goog­le Books ver­füg­bar, zum Glück sind die Sei­ten 58 und 59, die die ange­spro­che­nen Infor­ma­tio­nen ent­hal­ten, für jeder­mann in der Vor­schau sicht­bar (ich selbst bin ein paar Euro im Anti­qua­ri­at los­ge­wor­den und ver­fü­ge über ein voll­stän­di­ges Exem­plar). Zum Ver­ständ­nis der fol­gen­den Dis­kus­si­on soll­te man die Sei­ten gele­sen haben. Wei­ter­le­sen

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