Autorenblog

Kategorie: Allgemeines (Seite 6 von 11)

Nie war Terrorismus einfacher

Erin­nern Sie sich noch an die »Rote Armee Frak­ti­on«? (Allein die­ser bescheu­er­te Name …) Wochen­lang muss­ten die armen Hun­de den Arbeits­weg ihrer poten­zi­el­len Opfer aus­bal­do­wern, sich kom­pli­zier­te Spreng­fal­len aus­den­ken, Waf­fen­ge­schäf­te über­fal­len, Spreng­stoff von den kämp­fen­den Zel­len in Bel­gi­en orga­ni­sie­ren, die Dumm­köp­fe der Unter­stüt­zer­sze­ne dazu brin­gen, ihnen kon­spi­ra­ti­ve Woh­nun­gen zu mie­ten, den Kon­takt zu den paläs­ti­nen­si­schen Genos­sen nicht abrei­ßen las­sen und und und … Was für ein Aufwand!

RAF-Anschlag Ram­stein 1981 (By U.S. Air For­ce pho­to, http://www.nationalmuseum.af.mil/, [Public domain], via Wiki­me­dia Commons)

Heu­te geht das wesent­lich effi­zi­en­ter. Alles, was man braucht, ist ein Irrer und ein Lkw. Ein Lie­fer­wa­gen reicht auch. Oder sogar nur ein Dodge Chal­len­ger. Ver­mut­lich wür­de bereits ein VW up! (noch so ein bescheu­er­ter Name) für diver­se Tote sorgen.

Vor­sich­ti­ge Fra­ge: Wie vie­le Lkw, Lie­fer­wa­gen und VW up!s gibt es eigent­lich in Deutsch­land? Und wie vie­le Irre …?

In dubio pro Carrie Mathison

Zur­zeit befin­den wir uns wie­der im Bin­ge-Viewing-Modus – die sechs­te Staf­fel von »Home­land« ist kom­plett abruf­be­reit, und wir konn­ten ein­fach nicht wider­ste­hen. Nach­dem der Aus­flug nach Ber­lin in Staf­fel 5 ein wenig an den Haa­ren her­bei­ge­zo­gen schien (allein die­ser selt­sa­me »Phil­an­throp Otto Düring« …), hat man die­ses Mal die wei­se Ent­schei­dung getrof­fen, nicht schon wie­der einen isla­mis­ti­schen Anschlag auf die freie Welt ver­hin­dern zu müs­sen. Statt­des­sen geht es – ganz in der Tra­di­ti­on des Polit­thril­lers der 1970er – um ein Kom­plott des »Deep Sta­te« gegen die eige­ne Regie­rung, die mit unar­ti­gen Din­gen wie Trup­pen­ab­zug aus dem Nahen Osten und Reor­ga­ni­sa­ti­on der Geheim­diens­te droht. Wer also Fil­me wie »Die drei Tage des Con­dors«, »Zeu­ge einer Ver­schwö­rung« oder »Die Unbe­stech­li­chen« mag, kommt hier voll auf sei­ne Kosten.

Wir haben vor Jah­ren mal ver­sucht, etwas Ähn­li­ches für deut­sche Ver­hält­nis­se auf die Bei­ne zu stel­len, aber im Nach­hin­ein muss ich lei­der sagen, dass das Ergeb­nis in künst­le­ri­scher Hin­sicht doch recht stark gegen die ame­ri­ka­ni­schen Vor­bil­der abfällt. Ganz abge­se­hen davon, dass die Res­te des angeb­li­chen »RAF-Phan­toms« natür­lich in Wirk­lich­keit irgend­wo hier in Nord­west­deutsch­land her­um­schwir­ren und einen Geld­trans­por­ter nach dem ande­ren überfallen …

Update 22. Mai: Nach­dem wir jetzt durch sind, muss ich mei­nen Hut noch tie­fer zie­hen: ein Kom­plott des »Deep Sta­te« gegen die eige­ne Regie­rung – und am Ende hat der »Deep Sta­te« auch noch Recht gehabt. Das muss man erst­mal hinkriegen …!

Zu Trump: alles schon gesagt

Man kann dem neu­en ame­ri­ka­ni­schen Cäsar so eini­ges vor­wer­fen – sicher nicht, dass er sei­ne Wahl­kampf­ver­spre­chen wie üblich am Tag des Amts­an­tritts ver­ges­sen hät­te. Wäh­rend er die Dekre­te unter­zeich­net, mit denen der Bau einer Mau­er an der Gren­ze zu Mexi­ko, die Abschaf­fung der öffent­li­chen För­de­rung von Kunst und Kul­tur und die Ver­ban­nung der Kli­ma­for­schung von den Web­sei­ten ame­ri­ka­ni­scher Behör­den ein­ge­lei­tet wird, soll­te man sich einen Augen­blick Zeit neh­men, um den grie­chi­schen His­to­ri­ker Poly­bi­os zu lesen, der sich vor über zwei­tau­send Jah­ren mit der Fra­ge beschäf­tigt hat, wie sich im Ver­lauf der (ihm damals bekann­ten) Geschich­te ver­schie­de­ne Regie­rungs­for­men ent­wi­ckel­ten und wie­der­um von ande­ren abge­löst wurden.

Aus dem Wer­de­gang der grie­chi­schen Stadt­staa­ten destil­lier­te er dabei einen Kreis­lauf, bei dem in anfäng­li­cher Anar­chie ent­schlos­se­ne Gewalt­men­schen die Initia­ti­ve ergrei­fen und als Tyran­nen und Köni­ge die Macht ergrei­fen, um dann von rebel­lie­ren­den Aris­to­kra­ten und Olig­ar­chen abge­löst zu wer­den, die aller­dings wie­der­um der all­ge­mei­nen Volks­herr­schaft Platz machen müs­sen, wenn sich der demos gegen sie erhebt. Wei­ter geht es so:

Haben sie dann die einen von ihnen getö­tet die andern in die Ver­ban­nung gejagt, so wagen sie weder einen König an ihre Spit­ze zu stel­len, da sie deren frü­he­re Unge­rech­tig­keit noch fürch­ten, noch haben sie den Mut, den Staat einer Schar von Weni­gen anzu­ver­trau­en, da ihnen noch deren bis­he­ri­ge Ver­blen­dung vor Augen steht, so wen­den sie sich denn, da ihnen nur eine ein­zi­ge Hoff­nung unge­trübt bleibt, die zu sich sel­ber, die­ser zu, machen die Staats­ver­fas­sung aus einer olig­ar­chi­schen zu einer Demo­kra­tie und über­neh­men sel­ber die Vor­sor­ge und den Schutz des Gemein­we­sens. Und so lan­ge noch eini­ge von denen am Leben sind, wel­che die Will­kür- und Gewalt­herr­schaft durch Erfah­rung ken­nen­ge­lernt haben, hal­ten sie zufrie­den mit der nun­meh­ri­gen Ver­fas­sung die Gleich­be­rech­ti­gung und die Frei­heit der Rede in Ehren.

Wenn aber ein jun­ges Geschlecht an deren Stel­le tritt und die Demo­kra­tie wie­der an Kin­der und Kin­des­kin­der über­lie­fert wird, dann suchen eini­ge, indem sie wegen der lan­gen Gewohn­heit die Gleich­be­rech­ti­gung und Frei­heit der Rede nicht mehr für etwas Gro­ßes ach­ten, mehr zu gel­ten als das Volk; haupt­säch­lich aber gera­ten die, wel­che an Ver­mö­gen her­vor­ra­gen, auf die­sen Abweg. Wenn sol­che nun­mehr sich nach Ämtern drän­gen und die­se nicht durch sich sel­ber und durch eige­ne Tüch­tig­keit erlan­gen kön­nen, so ver­geu­den sie Hab und Gut indem sie die Men­ge auf jede Wei­se zu ködern und zu ver­füh­ren suchen. Haben sie die­se nun ein­mal in Fol­ge ihrer unsin­ni­gen Ämter­gier emp­fäng­lich und gie­rig nach Geschen­ken gemacht, dann löst sich auch die Demo­kra­tie wie­der auf, und an die Stel­le der Demo­kra­tie tritt Gewalt und Herr­schaft der Faust. Denn ist die Men­ge ein­mal dar­an gewöhnt, sich von frem­dem Gute zu näh­ren und ihre Bli­cke bei ihrem Lebens­un­ter­halt auf die Besit­zun­gen ande­rer zu rich­ten, und bekommt sie einen hoch­stre­ben­den und ent­schlos­se­nen Füh­rer, der aber durch Armut von den Ehren­stel­len im Staa­te aus­ge­schlos­sen ist, so schafft die­ser dann eine Herr­schaft der Faust, und um ihn geschart schrei­tet das Volk zu Mord, Ver­ban­nun­gen und neu­en Ver­tei­lun­gen des Lan­des, bis es völ­lig ver­wil­dert wie­der einen Zwing­herrn und Mon­ar­chen findet.

(Quel­le, Recht­schrei­bung und Wort­wahl leicht modernisiert)

Es wäre noch zu dis­ku­tie­ren, ob Trump zu den­je­ni­gen gehört, »wel­che an Ver­mö­gen her­vor­ra­gen« und mehr gel­ten wol­len als das Volk (das könn­ten aber auch die Clin­tons und ihre Gesell­schafts­schicht sein), oder zu den »ent­schlos­se­nen Füh­rern«, um die her­um sich das Volk schart, um die Ver­hält­nis­se zum Tan­zen brin­gen (wie man vor ein paar Jahr­zehn­ten zu sagen pfleg­te). Durch »Armut« zeich­net er sich natür­lich nicht gera­de aus, aber der Wil­le zur Umwäl­zung alles Bestehen­dem scheint ihm ja nicht abzu­ge­hen. Viel­leicht spielt er bei­de Rol­len auf einmal.

Wer es noch etwas apo­ka­lyp­ti­scher haben möch­te, darf die­se Woche beim Erz­drui­den vor­bei­schau­en (nein, nicht der von Reichs­bür­gern): How Gre­at the Fall Can Be.

»Paterson«: Ausflug ins letzte Jahrtausend

Eigent­lich war alles wie immer. Die ver­schro­be­nen Figu­ren ohne jede Vor­ge­schich­te. Die sanf­te Blöd­heit irgend­ei­nes Kräh­win­kels, in dem trotz aller Gott­ver­las­sen­heit Kunst und Poe­sie auf­schei­nen. Die Gaga-Dia­lo­ge (ein Japa­ner setzt sich neben einen heim­lich als Dich­ter täti­gen Bus­fah­rer und fragt ihn aus blau­em Him­mel her­aus, ob er viel­leicht Dich­ter sei). Die maxi­mal zwei Gesichts­aus­drü­cke des Haupt­dar­stel­lers (der aller­dings schon in Epi­so­de VII nicht durch son­der­lich kom­ple­xes Minen­spiel auf­fiel). Die schwar­zen Hips­ter aus Brook­lyn, die sich aus einem frü­hen Spike-Lee-Film nach New Jer­sey ver­irrt haben. Die Lako­nie hoch zehn. Die lie­be­voll zur Schau gestell­ten klei­nen Pein­lich­kei­ten des All­tags. Die Fei­er der Idiosynkrasie.

In den Acht­zi­gern, als wir alle in unse­rer eige­nen klei­nen Welt leb­ten, war Jim Jar­musch mit die­sem Stil auf der Höhe der Zeit. Kein gro­ßes Dra­ma, kei­ne Welt­hal­tig­keit, kei­ne Poli­tik. Statt­des­sen die­se typi­sche Punk-Hal­tung, die gesam­te Geis­tes- und Kul­tur­ge­schich­te erst mal auf einen gro­ßen Müll­hau­fen zu wer­fen, um sich dann hier und da völ­lig zusam­men­hang­lo­se Ein­zel­stü­cke her­aus­zu­pi­cken, die man in poe­ti­scher Zärt­lich­keit hütet wie einen unend­lich wert­vol­len Schatz (in Pater­son die Gedich­te Wil­liam Car­los Wil­liams’). Dazu ein Lied von Tom Waits, der aller­dings die­ses Mal fehlte.

Ich habe die­se Fil­me geliebt damals. Als Night on Earth lief, bin ich selbst Taxi gefah­ren und hät­te sofort eine Epi­so­de bei­steu­ern kön­nen. Es war, als hät­te jemand mein Leben gespie­gelt. Ich konn­te jah­re­lang Rober­to Benig­nis »Very dif­fi­cult to catch rabbit«-Szene aus Down by Law nach­spie­len. Aus Begeis­te­rung wur­de selbst Idiosynkrasie.

Heu­te sehe ich Jar­muschs neu­es­ten Film und wer­de schmerz­haft dar­an erin­nert, wie weit ent­fernt das alles ist. Die Welt lässt sich nicht mehr igno­rie­ren, das gro­ße Dra­ma ist längst zurück auf der Büh­ne, und die Umstän­de ver­lan­gen nach Ent­schei­dun­gen, von denen man vor drei­ßig Jah­ren nicht im Gerings­ten erwar­te­te, sie ein­mal tref­fen zu müs­sen. Es passt nicht mehr.

Ich weiß nicht ein­mal, ob das schlecht ist. Man lebt schon sehr pri­vi­le­giert, wenn man sich in sei­ne Nische ver­krie­chen kann, ohne dafür irgend­ei­nen Preis zah­len zu müs­sen. Und Per­ma­nent Vaca­ti­on ist wahr­schein­lich eher eine Dro­hung als ein Glücksversprechen.

Aller­dings muss ich zuge­ben, dass die Gedich­te sehr schön waren.

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