Bernd Ohm

Autorenblog

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Damals unter den Taliban (4)

Deutlich härter als in den bisherigen Fundstücken ging es Ende des 16. Jahrhunderts zu. Damals hatte sich die Reformation in unseren Breiten nach einigen mehr oder weniger turbulenten Jahrzehnten endgültig durchgesetzt, und der letzte Graf von Hoya-Bruchhausen ließ für seinen Herrschaftsbereich 1581 eine Kirchenordnung ausarbeiten, in der auch moralisch unerwünschte Handlungen seiner Untertanen eine gewisse Berücksichtigung fanden:

Ehebruch / öffentliche / mutwillige strassenrüchtige / unverschemnde hurerey / Megde- / Jungfrawn- und Witwenschender / heimlich zusammen lauffen / blutschenderey / und andere unehrliche und unziemliche / unzüchtige mißhandlung und laster / umb welcher willen der Zorn Gottes über die welt / land und leute / kompt / Ordnen wir mit gefengnis / mit verweisung des Lands / Kackstreichen / und mit dem Schwerd / nach gelegenheit der that / zu straffen / darnach sich jedermann wisse zu richten.

»Kackstreichen« ist jetzt nicht das, was man denkt, sondern bedeutet »jemandem Streiche versetzen, der am Kack (=Pranger) steht«, also die öffentliche Auspeitschung. Immerhin erlaubte die Obrigkeit so eine Art Schützenfest (das also hierzulande eine ältere Tradition hat, als man gemeinhin denkt):

Nachdem die hohen Fest / sonderlich Ostern und Pfingsten / durch die Oster feuer / Meigreffschaften / Pfingstgilde / Vogelschiessen / und andere unnütze Zehrung / mißbrauchtet und prophanieret werden / Ordnen wir /das solche mißbreuche gentzlich sollen nachbleiben / Doch wollen wir unsern Unterthanen vergünstigen / das sie zur Übung / den letzten tag in den Pfingsten / oder sonst auff einen werckeltag / nach altem hergenbrachten gebrauch / den Vogel schiessen mögen.

Auf Ideen kommt man …

Ellen Terry as Lady Macbeth 1889 John Singer Sargent

Wie man hört, wurde in Italien gerade eine Fassung von Carmen aufgeführt, in der die Titelfigur am Ende nicht von ihrem verschmähten Liebhaber Don José erdolcht wird, sondern vielmehr diesen selbst mit einer Pistole erschießt. Es soll irgendetwas mit der #MeToo-Debatte zu tun haben, so genau habe ich es nicht gelesen. Aber ich kann mir nicht helfen, ich muss den Faden einfach weiterspinnen: Könnte nicht auch Der Herr der Ringe so enden, dass Arwen den einen Ring kriegt und all diesen müden Waldläufern, Elben und Zauberern mal zeigt, was eine Harke ist? Weil nämlich nur Männer (igitt) von dessen dunkler Macht korrumpiert werden? Auch spräche doch eigentlich nichts dagegen, dass Lady Macbeth Schottland unter ihrer wohlwollenden Herrschaft vereint und danach die bösen Engländer besiegt, die gerade mutwillig die Lehenshoheit des Heiligen Römischen Reiches verlassen hätten. Nicht zuletzt sollte man den Schluss von Die drei Musketiere leicht umschreiben: Lady de Winter wird verschont, weil sie Anna von Österreich (Österreich!!!) als AfD-Unterstützerin entlarven kann und all ihre Intrigen daher als gerechtfertigt erscheinen.

Die »veralteten« Versionen geben wir dann einfach Winston Smith, damit er sie ins Gedächtnis-Loch schmeißt.

Damals unter den Taliban (3)

Überzeugte Nordlichter sehen ja gerne auf die Bewohner gewisser Landstriche weiter im Süden herab, bei denen angeblich der Pfarrer den Leuten erzähle, was sie denn bitteschön zu wählen hätten. Und die doofen Katholen würden’s dann auch noch machen. Ich halte das allerdings eher für eine gesamtdeutsche und konfessionsübergreifende Tradition, jedenfalls hielt unser Dorfschullehrer im Januar 1919 ein paar Tage vor den Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung in Weimar in seiner Schulchronik Folgendes fest:

16. Januar: Rennekamp, Verden, redete abends bei Lütjens über die Deutsch-Hannoversche Partei. Am Schlusse der Versammlung forderte Pastor XYZ alle aus dem Felde zurückgekehrten anwesenden Soldaten auf, den etwa aus dem Felde mitgebrachten Groll nicht der Heimat entgelten lassen zu wollen, indem sie etwa demokratisch wählen wollten, und empfahl die Deutsch-Hannoversche Partei.

Mit »Demokraten«, das muss man wissen, war die SPD gemeint, bei der es sich seinerzeit noch um eine wichtige, ernstzunehmende Partei handelte. In der »Deutsch-Hannoverschen Partei« hingegen sammelten sich Monarchisten und erzkonservative Landleute, die im Kaiserreich eine Rückkehr der Welfen auf den hannoverschen Thron forderten und in der Weimarer Republik (vergeblich) für eine Abspaltung von Preußen und die Schaffung eines Landes »Hannover« eintraten. Auf dem Dachboden von so manchem alten Niedersachsenhaus modert noch in irgendeiner Ecke eine verblichene gelb-weiße Flagge vor sich hin und wartet darauf, dass Ernst-August und Caroline endlich das ihnen von alters her zustehende Leineschloss beziehen.

Ach so, die Wahlergebnisse hier im Dorf am 19. Januar 1919: Deutsch-Hannoversche Partei 46 %, Deutsche Volkspartei 15,7 %, Deutsche Demokratische Partei 14 %, Sozial-Demokratische Partei 12,1 %, Deutsch-Nationale Volkspartei 11,7 % der Stimmen. Die CSU in ihren besten Tagen konnte es besser, aber immerhin …

Damals unter den Taliban (2)

Angesichts der Sorgen, die sich die gestern erwähnten »Hausväter und Herrschaften« um das Seelenheil ihrer Knechte und Mägde machten, muss man sich natürlich fragen, was wohl passierte, wenn das unverschämte Personal dann doch mal frech über die Stränge schlug. Die Fragen kann beantwortet werden – in unserem kleinen verträumten Dorf gab es früher eine einklassige Volksschule, deren Lehrer die wichtigsten Ereignisse in einer kleinen Chronik festhielt. Am 23. Februar 1923 vermerkt er:

Vollmeier Wilhelm M. schoß abends dem Schneidergesellen Heinrich T., der mit M.s Dienstmagd auf dem M.’schen Hofe ein »Stelldichein« hatte, eine Ladung Schrotkörner ins Knie. T. mußte ärztliche Hülfe in Anspruch nehmen. Glücklicherweise ist das Knie gut geheilt.

Unbekannt ist bisher, wie der Dorfpolizist reagierte …

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