Bernd Ohm

Autorenblog

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Damals unter den Taliban

Ich meckere ja immer ganz gerne über dieses und jenes und finde an der modernen Welt viel Anlass zu Kritik. Andererseits bin ich aber heilfroh, dass ich nicht im Jahr 1898 gelebt habe, als der hiesige Kirchenvorstand folgenden kleinen Antrag auf der Bezirks-Synode einbrachte:

Synode wolle der überhandnehmenden Zuchtlosigkeit der Dienstboten beiderlei Geschlechts, welche sich namentlich darin zeigt, dass dieselben des Abends ohne Erlaubnis der Herrschaften den herrschaftlichen Hof verlassen, sich auf den Straßen umhertreiben und an bestimmten Plätzen sich zusammenscharen, um mit schamlosen Redensarten und nur zu leicht folgenden Schlechtigkeiten sich die Zeit zu vertreiben und ihr Seelenheil zu verscherzen, dadurch zu wehren suchen, dass sie nicht bloß die Kirchenvorstände, sondern alle Hausväter und Herrschaften der ganzen Inspection ernstlich vermahnt, gegen dieses Unwesen, gegen das ein Einzelner und auch eine einzelne Gemeinde nichts auszurichten vermag, weil in solchem Falle die Dienstboten sofort kündigen würden, gemeinsam vorzugehen und mit aller Strenge durchführen, dass kein Dienstbote abends ohne Erlaubnis den herrschaftlichen Hof verlassen darf, keiner die Erlaubnis bekommt, sich zu solchen abendlichen Umherschweifen zu beteiligen, freche Zuwiderhandlungen aber mindestens im Dienstbuch vermerkt werden, und wegen solcher Zuwiderhandlungen etwa entlassene Dienstboten nicht von andern Herrschaften wieder in Dienst genommen werden.

Der Kirchenvorstand von …

Was neben dem Wetter wohl die zweite Ursache ist, warum hierzulande auch im Sommer nicht gerade südländisch-frohes Treiben auf den Dorfstraßen herrscht…

Der Kohlestrom des Bösen

Kohlekraftwerk Mehrum

Neulich fragten die Kinder, wie eigentlich Verschwörungstheorien entstehen. Auch in unserem verträumten kleinen Dorf kein ungewöhnliches Thema, denn es gibt wohl nichts, von dem unsere Zeit so besessen wäre, wie die Vorstellung, irgendwelche finsteren Mächte würden im Hintergrund die Fäden ziehen. Auch unter den Alterskameraden unseres Nachwuchses haben sich schon gewisse Zweifel an Neil Armstrongs Mondspaziergang oder der Ungefährlichkeit von Kondensstreifen breitgemacht, und spätere Historiker werden unsere Epoche sicher als »Konspirative« bezeichnen.

Nun hätte ich einfach antworten können, dass es eben manchmal Verschwörungen gibt – Watergate, Saddam Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen oder die Rolle der CIA bei der Förderung der abstrakten Kunst. Und bei den üblicherweise als »Theorie« bezeichneten Verschwörungen wisse man es nur noch nicht so genau. Aber gemeint waren natürlich Gedankenkonstrukte, die so weit jenseits der Plausibilität angesiedelt sind, dass andere Faktoren im Spiel sein müssen: außerirdische Reptiloide, Area 51, Prieuré de Sion und dergleichen. Ich kramte also zusammen, was mir so einfiel: die menschliche Neigung zur Reduktion komplexer Zusammenhänge auf »Gut gegen Böse«, die unbewusste Projektion der eigenen schlechten Eigenschaften auf andere (C. G. Jungs »Schatten«), die Selbststilisierung der Verschwörungsgläubigen zu Teilhabern von elitärem »Geheimwissen« und die Neigung, in Stresssituationen Kausalitäten zu sehen, wo keine sind. So richtig zufrieden war ich damit allerdings selbst nicht.

Bis dann einige Tage später im Lokalteil unserer Zeitung eine Meldung ins Haus flatterte, die mir eine unverhoffte Erleuchtung verschaffte. Dazu muss ich erläutern, dass der Teil Norddeutschlands, in dem wir leben, in den letzten zwanzig Jahren mit nicht unerheblichen Mengen von Windrädern vollgestellt worden ist, deren Strom nun dorthin transportiert werden soll, wo er gebraucht wird – also in der Regel ein paar hundert Kilometer weiter südlich. Wenn man Strom an Orten erzeugt, wo vorher kein Strom erzeugt wurde, ist es nur logisch, dass man neue Stromtrassen und Umspannwerke bauen muss, beides ist beispielsweise in der Nähe unseres verträumten kleinen Dorfes geplant. Ich selbst bin absolut dagegen und habe auch keine moralischen Bauchschmerzen deswegen – es ist nichts verkehrt an dem Wunsch, die Stromproduktion auf erneuerbare Quellen umzustellen, aber solange es keine technisch zuverlässigen, kostengünstigen Speichermöglichkeiten und keine wirklich tragfähige Neukonzeption des Stromnetzes gibt, ist das alles nur plan- und kopfloser Aktionismus, der verträumte kleine Dörfer in einen riesigen, trostlosen Industriepark verwandelt.

Energiewende am Spätnachmittag

Ähnlicher Ansicht, so verriet es mir jedenfalls das Lokalblatt, scheint ein Ratsmitglied in einer nahen Kleinstadt zu sein, an der ebenfalls eine der neu geplanten Stromtrassen vorbeiführen soll. Die Gewährsperson (nähere Angaben spare ich mir) hat sogar eine Online-Petition gestartet, in der das Bundesumweltministerium aufgefordert wird, den Hochspannungs-Trassenbau umgehend zu stoppen. Etwas verwirrend ist allerdings, dass es sich dabei um das Mitglied einer Partei handelt, die in ihrem Namen die Farbe frischen Grases führt und eben jenes »Erneuerbare-Energien-Gesetz« mit auf den Weg gebracht hat, dem wir das metastasenartige Wachstum von Windparks und neuen Leitungen überhaupt zu verdanken haben. Noch verwirrender: Das besagte Ratsmitglied sitzt sogar im Vorstand einer örtlichen Genossenschaft, deren Zweck die »Errichtung und Unterhaltung von Anlagen zur Erzeugung regenerativer Energien, insbesondere Solaranlagen und Windkraftanlagen« ist.

Und am verwirrendsten ist schließlich die Begründung für die Online-Petion. Dort wird nämlich behauptet, dass zwei von drei der neuen Trassen dem Transport von Kohlestrom dienten.

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Eine Kerze für Doktor Fabian

Eines meiner Lieblingsbücher spielt in den späten Jahren der Weimarer Republik. Sein Held (oder vielmehr Anti-Held) ist ein promovierter Germanist, der sich in der Weltwirtschaftskrise als Werbetexter durchschlägt, bis er auch diesen Job verliert und der Staat ihm »eine kleine Pension bewilligt«. Ziellos mäandert er durch ein Berlin, in dem die Polizei auf streikende Arbeiter einprügelt und dessen Bürgertum geradezu sehnsüchtig darauf wartet, endlich von seiner eigenen moralischen Verkommenheit erlöst zu werden. Was nicht heißt, dass die unteren Schichten in Erich Kästners 1931 erschienenen Roman besser davonkommen:

Soweit diese riesige Stadt aus Stein besteht, ist sie fast noch wie einst. Hinsichtlich der Bewohner gleicht sie längst einem Irrenhaus. Im Osten residiert das Verbrechen, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht, und in allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang.

Beim Besuch einer Zeitungsredaktion wird Dr. phil. Jakob Fabian ungewollt Zeuge einer frühen Version der »Lügenpresse«:

»Aber«, sagte Herr Irrgang betreten, »nun sind doch in der Spalte fünf Zeilen frei.«

»Was tut man in einem so außergewöhnlichen Fall?« fragte Münzer.

»Man füllt die Spalte«, erklärte der Volontär.

Münzer nickte. »Steht nichts im Satz?« Er wühlte in den Bürstenabzügen. »Ausverkauft«, erklärte er. »Saure Gurkenzeit.« Dann prüfe er die Meldungen, die er eben beiseite gelegt hatte, und schüttelte den Kopf.

»Vielleicht kommt noch etwas Brauchbares herein«, schlug der junge Mann vor.

»Sie hätten Säulenheiliger werden sollen«, sagte Münzer. »Oder Untersuchungsgefangener, oder sonst ein Mensch mit viel Zeit. Wenn man eine Notiz braucht und keine hat, erfindet man sie. Passen Sie mal auf!«

Am Ende sind dann in Kalkutta vierzehn Menschen bei Straßenkämpfen zwischen Muslimen und Hindus gestorben, wer wollte das damals schon so genau nachprüfen …? Fabian erhält ein Jobangebot als Zerberus eines Männerbordells, lehnt dankend ab, irrlichtert durch Amüsierhallen und Künstlerateliers und lernt schließlich eine junge Dame kennen und lieben, die dann aber doch lieber Filmkarriere im Bett eines Vorgängers von Harvey Weinstein macht. Am Ende begeht auch noch sein bester Freund Selbstmord, mit dem zusammen er kurz vorher noch am Märkischen Museum einen Kommunisten und einen Nazi davon abgehalten hat, sich gegenseitig totzuschießen. Die Aussichten sind nicht gerade rosig:

[…] nächstens wird ein gigantischer Kampf einsetzen, erst um die Butter aufs Brot, und später ums Plüschsofa; die einen wollen es behalten, die anderen wollen es erobern, und sie werden sich wie die Titanen ohrfeigen, und sie werden schließlich das Sofa zerhacken, damit es keiner kriegt. Unter den Anführern werden auf allen Seiten Marktschreier stehen, die stolze Parolen erfinden und die das eigene Gebrüll besoffen macht. Vielleicht werden sogar zwei oder drei wirkliche Männer darunter sein. Sollten sie zweimal hintereinander die Wahrheit sagen, wird man sie aufhängen.

Warum mir das gerade durch den Kopf geht? Vielleicht deshalb. Oder deshalb (dieses Mal ohne mich). Oder deshalb. Oder deshalb. Oder deshalb. Oder deshalb. Oder deshalb. Oder deshalb. Auf jeden Fall deshalb. Weitere Einzelheiten entnehmen Sie bitte Ihrem bevorzugten Internet-Nachrichtenportal.

Früher hieß es immer, ein Zusammenbruch der Demokratie wie in der Weimarer Republik sei heute nicht möglich, weil der entscheidende negative Einfluss der Weltwirtschaftskrise fehle. Wie mir scheint, kriegen wir das auch ohne hin.

Fabian - Cover 1931

Nie war Terrorismus einfacher

Erinnern Sie sich noch an die »Rote Armee Fraktion«? (Allein dieser bescheuerte Name …) Wochenlang mussten die armen Hunde den Arbeitsweg ihrer potenziellen Opfer ausbaldowern, sich komplizierte Sprengfallen ausdenken, Waffengeschäfte überfallen, Sprengstoff von den kämpfenden Zellen in Belgien organisieren, die Dummköpfe der Unterstützerszene dazu bringen, ihnen konspirative Wohnungen zu mieten, den Kontakt zu den palästinensischen Genossen nicht abreißen lassen und und und … Was für ein Aufwand!

RAF-Anschlag Ramstein 1981 (By U.S. Air Force photo, http://www.nationalmuseum.af.mil/, [Public domain], via Wikimedia Commons)

Heute geht das wesentlich effizienter. Alles, was man braucht, ist ein Irrer und ein Lkw. Ein Lieferwagen reicht auch. Oder sogar nur ein Dodge Challenger. Vermutlich würde bereits ein VW up! (noch so ein bescheuerter Name) für diverse Tote sorgen.

Vorsichtige Frage: Wie viele Lkw, Lieferwagen und VW up!s gibt es eigentlich in Deutschland? Und wie viele Irre …?

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