Es mag f√ľr Au√üen¬≠ste¬≠hen¬≠de etwas ver¬≠wun¬≠der¬≠lich klin¬≠gen, aber ich habe in den fr√ľ¬≠hen 1990ern ein kom¬≠plet¬≠tes Geschichts¬≠stu¬≠di¬≠um absol¬≠viert, ohne dass auch nur ein ein¬≠zi¬≠ges Mal von mir erwar¬≠tet wur¬≠de, mich mit Geschichts¬≠phi¬≠lo¬≠so¬≠phie oder √ľber¬≠ge¬≠ord¬≠ne¬≠ten Theo¬≠rien zum Gang der Geschich¬≠te an sich zu befas¬≠sen. Die Lehr¬≠amt¬≠skan¬≠di¬≠da¬≠ten stan¬≠den damals in der Pflicht, sich ein m√∂g¬≠lichst gro¬≠√ües, √ľber¬≠blicks¬≠ar¬≠ti¬≠ges Wis¬≠sen anzu¬≠eig¬≠nen, w√§h¬≠rend wir Magis¬≠ter¬≠an¬≠w√§r¬≠ter zur detail¬≠lier¬≠ten Quel¬≠len¬≠ar¬≠beit ange¬≠hal¬≠ten wur¬≠den und ansons¬≠ten von einer Mikro¬≠per¬≠spek¬≠ti¬≠ve zur n√§chs¬≠ten spran¬≠gen, immer auf der Grund¬≠la¬≠ge einer vagen Ad-hoc-Heu¬≠ris¬≠tik, die nie bewusst gemacht wur¬≠de und im Grun¬≠de auf der Annah¬≠me beruh¬≠te, dass man als gebil¬≠de¬≠ter Zeit¬≠ge¬≠nos¬≠se schon irgend¬≠wie ver¬≠stand, wor¬≠um es ging.

Das hat¬≠te sicher mit der Ver¬≠gan¬≠gen¬≠heit unse¬≠rer Dozen¬≠ten zu tun, die in ihrer eige¬≠nen Stu¬≠di¬≠en¬≠zeit einen all¬≠zu gro¬≠√üen Schluck aus der Zau¬≠ber¬≠trank¬≠pro¬≠duk¬≠ti¬≠on von Marx & Engels Nachf. abbe¬≠kom¬≠men hat¬≠ten und nun ‚Äď nach dem Unter¬≠gang des Sowjet¬≠rei¬≠ches ‚Äď pein¬≠lich ber√ľhrt auf Abstand ach¬≠te¬≠ten, wenn es um den Lauf der Welt¬≠ge¬≠schich¬≠te und die dar¬≠in wir¬≠ken¬≠den Fak¬≠to¬≠ren ging. Aber auch mit der damals ein¬≠set¬≠zen¬≠den Unter¬≠wer¬≠fung der Geis¬≠tes¬≠wis¬≠sen¬≠schaf¬≠ten unter die Fuch¬≠tel der Moral. Wer sich als ¬Ľlinks¬ę ver¬≠stand, wid¬≠me¬≠te sei¬≠ne Stu¬≠di¬≠en nicht mehr dem his¬≠to¬≠ri¬≠schen Mate¬≠ria¬≠lis¬≠mus, son¬≠dern der Eman¬≠zi¬≠pa¬≠ti¬≠on der Drit¬≠ten Welt oder dem Kampf gegen die Dis¬≠kri¬≠mi¬≠nie¬≠rung von Min¬≠der¬≠hei¬≠ten aller Art; wer sich als ¬Ľrechts¬ę ver¬≠stand, stu¬≠dier¬≠te kei¬≠ne Geschich¬≠te (jeden¬≠falls habe ich kei¬≠nen ken¬≠nen¬≠ge¬≠lernt). Immer ging es um einen Per¬≠spek¬≠ti¬≠ven¬≠wech¬≠sel bei der Art, wie Geschich¬≠te erz√§hlt wird (aus der Sicht der Unter¬≠dr√ľck¬≠ten, der Frau¬≠en, der Min¬≠der¬≠hei¬≠ten usw. statt der des ¬Ľalten wei¬≠√üen Man¬≠nes¬ę), so gut wie nie um die Geschich¬≠te selbst.

Oswald Spengler gezeichnet von Rudolf Großmann 1922

Quel­le: Rudolf Groß­mann 1922 [Public domain], aus Wiki­me­dia Commons

Noch schwe¬≠rer hat¬≠ten es die Welt¬≠erkl√§¬≠rer von der ande¬≠ren Sei¬≠te des poli¬≠ti¬≠schen Spek¬≠trums. Den Namen ¬ĽToyn¬≠bee¬ę ken¬≠ne ich nur, weil ich damals ‚Äď in einer Art Vor¬≠weg¬≠nah¬≠me des Inter¬≠nets ‚Äď ger¬≠ne in Mu√üe¬≠stun¬≠den durch die Uni¬≠bi¬≠blio¬≠thek gesurft bin und beim Durch¬≠han¬≠geln von einer Fu√ü¬≠no¬≠te zur n√§chs¬≠ten irgend¬≠wann bei Man¬≠kind and Mother Earth h√§n¬≠gen¬≠blieb, was mich dann wie¬≠der¬≠um zu Toyn¬≠bees Haupt¬≠werk A Stu¬≠dy of Histo¬≠ry brach¬≠te. Und mit jeman¬≠dem wie Oswald Speng¬≠ler und sei¬≠nem Unter¬≠gang des Abend¬≠lan¬≠des besch√§f¬≠tig¬≠te man sich als Aka¬≠de¬≠mi¬≠ker ein¬≠fach nicht. Es war eines die¬≠ser B√ľcher, von denen man vage wuss¬≠te, dass es die Leu¬≠te beein¬≠flusst hat¬≠te, die f√ľr die Nazi¬≠dik¬≠ta¬≠tur und Ausch¬≠witz ver¬≠ant¬≠wort¬≠lich waren; das muss¬≠te man nicht lesen, es reich¬≠te, den Namen irgend¬≠wo im K√∂cher mit den Pole¬≠mik¬≠pfei¬≠len parat zu haben.

Das war viel¬≠leicht ein wenig vor¬≠ei¬≠lig. Ich habe mir Speng¬≠lers dicke Schwar¬≠te mal irgend¬≠wann aus rei¬≠ner Neu¬≠gier in einer bil¬≠li¬≠gen Gesamt¬≠aus¬≠ga¬≠be gekauft, die dann jah¬≠re¬≠lang unge¬≠le¬≠sen im B√ľcher¬≠re¬≠gal stand, w√§h¬≠rend ich mich mei¬≠nen eige¬≠nen Mikro¬≠per¬≠spek¬≠ti¬≠ven wid¬≠me¬≠te, von denen eine inzwi¬≠schen zur Buch¬≠form gefun¬≠den hat (wei¬≠te¬≠re wer¬≠den fol¬≠gen). Aber schlie√ü¬≠lich war es dann doch soweit und ich begann, mich durchzuk√§mpfen.

F√ľr eine abschlie¬≠√üen¬≠de Bewer¬≠tung ist es durch¬≠aus noch zu fr√ľh, aber ich muss geste¬≠hen, dass ich neben aller¬≠lei goe¬≠the- und nietz¬≠schea¬≠ni¬≠schem Geschwur¬≠bel und an ziem¬≠lich lan¬≠gen Haa¬≠ren her¬≠bei¬≠ge¬≠zo¬≠ge¬≠nen Ver¬≠glei¬≠chen auch auf die eine oder ande¬≠re Per¬≠le gesto¬≠√üen bin, die man auf kei¬≠nen Fall vor die S√§ue wer¬≠fen soll¬≠te. Speng¬≠lers Ansatz ist ja (sehr grob gesagt), dass jede der in der Mensch¬≠heits¬≠ge¬≠schich¬≠te auf¬≠ge¬≠tre¬≠te¬≠nen Kul¬≠tu¬≠ren ver¬≠schie¬≠de¬≠ne Pha¬≠sen durch¬≠l√§uft, die man als ¬ĽBeu¬≠te¬≠krie¬≠ger¬≠tum¬ę, ¬Ľst√§n¬≠di¬≠schen Feu¬≠da¬≠lis¬≠mus¬ę, ¬Ľabso¬≠lu¬≠ten Staat¬ę, ¬ĽZivi¬≠li¬≠sa¬≠ti¬≠on der Welt¬≠st√§d¬≠te¬ę und ¬ĽDik¬≠ta¬≠tur gro¬≠√üer M√§n¬≠ner¬ę bezeich¬≠nen k√∂nnte.

Die letz¬≠te Pha¬≠se wur¬≠de von Speng¬≠ler selbst in Anleh¬≠nung an die Ver¬≠h√§lt¬≠nis¬≠se im R√∂mi¬≠schen Reich nach dem Ende der Repu¬≠blik als ¬ĽC√§sa¬≠ris¬≠mus¬ę bezeich¬≠net. Da unse¬≠re Kul¬≠tur (er nann¬≠te sie die ¬Ľfaus¬≠ti¬≠sche¬ę) den¬≠sel¬≠ben Weg gehen wer¬≠de wie die ande¬≠ren, sei auch ihr lang¬≠sa¬≠mes Ver¬≠ge¬≠hen in einer sol¬≠chen Ent¬≠wick¬≠lung vor¬≠ge¬≠zeich¬≠net, Speng¬≠ler erwar¬≠te¬≠te dies f√ľr einen Zeit¬≠raum, der sich vom 20. Jahr¬≠hun¬≠dert bis etwa 2200 erstre¬≠cken w√ľr¬≠de. Es geht also gar nicht um einen schlag¬≠ar¬≠ti¬≠gen ¬ĽUnter¬≠gang¬ę, und der Autor bemerk¬≠te sp√§¬≠ter sel¬≠ber, er h√§t¬≠te sein Buch lie¬≠ber ¬ĽDie Voll¬≠endung des Abend¬≠lan¬≠des¬ę nen¬≠nen sol¬≠len, weil es sich hier um Vor¬≠g√§n¬≠ge han¬≠de¬≠le, die einer¬≠seits zwangs¬≠l√§u¬≠fi¬≠ger Art und ande¬≠rer¬≠seits von gr√∂¬≠√üe¬≠ren his¬≠to¬≠ri¬≠schen Dimen¬≠sio¬≠nen seien.

Cole_Thomas_The_Course_of_Empire_Destruction_1836

Quel¬≠le: Tho¬≠mas Cole: The Cour¬≠se of Empi¬≠re ‚ÄĒ Dest¬≠ruc¬≠tion (1836) [Public domain], aus Wiki¬≠me¬≠dia Com¬≠mons)

Inter¬≠es¬≠sant ist dabei, wie er den Weg zu einem neu¬≠en C√§sa¬≠ren¬≠tum aus der libe¬≠ra¬≠len, b√ľr¬≠ger¬≠li¬≠chen Demo¬≠kra¬≠tie her¬≠aus ent¬≠wi¬≠ckelt (nat√ľr¬≠lich wie¬≠der¬≠um in Anleh¬≠nung an das Ende der r√∂mi¬≠schen Repu¬≠blik). Dem¬≠nach lau¬≠ert bei die¬≠ser Staats¬≠form stets die Gefahr, dass aus der urspr√ľng¬≠li¬≠chen Idee der ¬ĽVolks¬≠ver¬≠tre¬≠tung¬ę fr√ľ¬≠her oder sp√§¬≠ter (f√ľr Speng¬≠ler eher fr√ľ¬≠her) eine abge¬≠schlos¬≠se¬≠ne Poli¬≠ti¬≠ker¬≠kas¬≠te her¬≠vor¬≠geht, die die idea¬≠lis¬≠ti¬≠schen Vor¬≠stel¬≠lun¬≠gen der jewei¬≠li¬≠gen Ver¬≠fas¬≠sungs¬≠v√§¬≠ter ad absur¬≠dum f√ľhrt:

Dass die gesam¬≠te Mas¬≠se der W√§h¬≠ler¬≠schaft aus einem gemein¬≠sa¬≠men Antrieb her¬≠aus M√§n¬≠ner ent¬≠sen¬≠det, die ihre Sache f√ľh¬≠ren sol¬≠len, wie es in allen Ver¬≠fas¬≠sun¬≠gen ganz naiv gemeint ist, war nur im ers¬≠ten Anlauf m√∂g¬≠lich und setzt vor¬≠aus, dass nicht ein¬≠mal die Ans√§t¬≠ze zur Orga¬≠ni¬≠sa¬≠ti¬≠on bestimm¬≠ter Grup¬≠pen vor¬≠han¬≠den sind. [‚Ķ] Mit dem Dasein einer Ver¬≠samm¬≠lung ist aber sofort die Bil¬≠dung tak¬≠ti¬≠scher Ein¬≠hei¬≠ten ver¬≠bun¬≠den, deren Zusam¬≠men¬≠halt auf dem Wil¬≠len beruht, die ein¬≠mal errun¬≠ge¬≠ne herr¬≠schen¬≠de Stel¬≠lung zu behaup¬≠ten, und die sich nicht im gerings¬≠te mehr als Sprach¬≠rohr ihrer W√§h¬≠ler betrach¬≠tet, son¬≠dern umge¬≠kehrt die¬≠se mit allen Mit¬≠teln der Agi¬≠ta¬≠ti¬≠on gef√ľ¬≠gig machen, um sie f√ľr ihre Zwe¬≠cke ein¬≠zu¬≠set¬≠zen. (S. 1126)

Neben der Ten­denz der gewähl­ten Abge­ord­ne­ten, sich zu einer abge­ho­be­nen Eli­te zusam­men­zu­schlie­ßen, die es bes­ser weiß als das gewöhn­li­che Volk, kommt noch der star­ke Ein­fluss wirt­schaft­li­cher Kräfte:

In den Anf√§n¬≠gen der Demo¬≠kra¬≠tie geh√∂rt dem Geis¬≠te das Feld allein. Es gibt nichts Edle¬≠res und Rei¬≠ne¬≠res als die Nacht¬≠sit¬≠zung des 4. August 1789 und den Schwur im Ball¬≠haus oder die Gesin¬≠nung in der Frank¬≠fur¬≠ter Pauls¬≠kir¬≠che [‚Ķ] Bald danach indes¬≠sen mel¬≠det sich die ande¬≠re Gr√∂¬≠√üe jeder Demo¬≠kra¬≠tie und mahnt an die Tat¬≠sa¬≠che, dass man von sei¬≠nen ver¬≠fas¬≠sungs¬≠m√§¬≠√üi¬≠gen Rech¬≠ten nur Gebrauch machen kann, wenn man Geld hat. Die fr√ľ¬≠he Demo¬≠kra¬≠tie, die der hoff¬≠nungs¬≠vol¬≠len Ver¬≠fas¬≠sungs¬≠ent¬≠w√ľr¬≠fe, die f√ľr uns etwa bis zu Lin¬≠coln, Bis¬≠marck und Glad¬≠stone reicht, muss die¬≠se Erfah¬≠rung machen; die sp√§¬≠te, f√ľr uns die des rei¬≠fen Par¬≠la¬≠men¬≠ta¬≠ris¬≠mus, geht von ihr aus. Da haben sich Wahr¬≠hei¬≠ten und Tat¬≠sa¬≠chen in Gestalt von Par¬≠teiide¬≠al und Par¬≠tei¬≠kas¬≠se end¬≠g√ľl¬≠tig getrennt. Der ech¬≠te Par¬≠la¬≠men¬≠ta¬≠ri¬≠er f√ľhlt sich eben durch das Geld von der Abh√§n¬≠gig¬≠keit befreit, die in der nai¬≠ven Auf¬≠fas¬≠sung des W√§h¬≠lers vom Gew√§hl¬≠ten ent¬≠hal¬≠ten ist. (S. 1131)

Die Wah¬≠len ver¬≠kom¬≠men infol¬≠ge¬≠des¬≠sen zu einer Art ¬ĽZen¬≠su¬≠ren¬≠ver¬≠ga¬≠be¬ę, in deren Ver¬≠lauf der W√§h¬≠ler alle paar Jah¬≠re die herr¬≠schen¬≠den Eli¬≠ten bewer¬≠ten kann, ohne wirk¬≠li¬≠chen Ein¬≠fluss auf die ma√ü¬≠geb¬≠li¬≠chen Pro¬≠zes¬≠se zu haben. Um die Zen¬≠su¬≠ren nicht unan¬≠ge¬≠mes¬≠sen schlecht aus¬≠fal¬≠len zu las¬≠sen, wird durch die poli¬≠ti¬≠sche Klas¬≠se ein m√∂g¬≠lichst star¬≠ker Ein¬≠fluss auf die Medi¬≠en aus¬≠ge¬≠√ľbt (Speng¬≠ler kann¬≠te nat√ľr¬≠lich noch kein Fern¬≠se¬≠hen oder Inter¬≠net und spricht von ¬ĽPres¬≠se¬≠kam¬≠pa¬≠gnen¬ę). Und da die Eli¬≠ten letzt¬≠end¬≠lich vor allem an der Auf¬≠recht¬≠erhal¬≠tung ihres eige¬≠nen Sta¬≠tus inter¬≠es¬≠siert sind, ver¬≠lie¬≠ren sie nach und nach die F√§hig¬≠keit, sich mit den all¬≠f√§l¬≠li¬≠gen Pro¬≠ble¬≠men auseinanderzusetzen.

Wie man sich den¬≠ken kann, f√ľhrt die¬≠ser Zustand mit der Zeit zu einer gewis¬≠sen Erm√ľ¬≠dung sei¬≠tens des Wahl¬≠volks und diver¬≠sen Sehn¬≠s√ľch¬≠ten nach den ¬Ľalten Werten¬ę:

Durch das Geld ver¬≠nich¬≠tet die Demo¬≠kra¬≠tie sich selbst, nach¬≠dem das Geld den Geist ver¬≠nich¬≠tet hat. Aber eben weil alle Tr√§u¬≠me ver¬≠flo¬≠gen sind, dass die Wirk¬≠lich¬≠keit sich jemals durch die Gedan¬≠ken irgend¬≠ei¬≠nes Zen¬≠on oder Marx ver¬≠bes¬≠sern lie¬≠√üe, und man gelernt hat, dass im Rei¬≠che der Wirk¬≠lich¬≠keit ein Macht¬≠wil¬≠le nur durch einen ande¬≠ren gest√ľrzt wer¬≠den kann ‚Äď das ist die gro¬≠√üe Erfah¬≠rung im Zeit¬≠al¬≠ter der k√§mp¬≠fen¬≠den Staa¬≠ten ‚Äď, erwacht end¬≠lich eine tie¬≠fe Sehn¬≠sucht nach allem, was noch von edlen, alten Tra¬≠di¬≠tio¬≠nen lebt. Man ist der Geld¬≠wirt¬≠schaft m√ľde bis zum Ekel. Man hofft auf eine Erl√∂¬≠sung irgend¬≠wo¬≠her, auf einen ech¬≠ten Ton von Ehre und Rit¬≠ter¬≠lich¬≠keit, von inne¬≠rem Adel, von Ent¬≠sa¬≠gung und Pflicht. Und nun bricht die Zeit an, wo in der Tie¬≠fe die form¬≠vol¬≠len M√§ch¬≠te des Blu¬≠tes wie¬≠der erwa¬≠chen, die durch den Ratio¬≠na¬≠lis¬≠mus der gro¬≠√üen St√§d¬≠te ver¬≠dr√§ngt wor¬≠den sind. (S. 1143)

Die¬≠se Sehn¬≠s√ľch¬≠te machen sich nun skru¬≠pel¬≠lo¬≠se und macht¬≠hung¬≠ri¬≠ge Ein¬≠zel¬≠ne zu Nut¬≠zen, die gro¬≠√üe Geld¬≠mit¬≠tel und die gro¬≠√üe Schmie¬≠ren¬≠ko¬≠m√∂¬≠die der Pro¬≠pa¬≠gan¬≠da dazu ein¬≠set¬≠zen, sich ‚Äď noch mit¬≠hil¬≠fe der demo¬≠kra¬≠ti¬≠schen Mecha¬≠nis¬≠men, aber gegen die tra¬≠di¬≠tio¬≠nel¬≠len Eli¬≠ten ‚Äď selbst an die Spit¬≠ze des Staa¬≠tes zu set¬≠zen, den sie dann umge¬≠hend zu einer Dik¬≠ta¬≠tur umfor¬≠men (gege¬≠be¬≠nen¬≠falls ohne die √§u√üe¬≠re Form zu √§ndern). Speng¬≠ler schrieb vor 1920 und hat¬≠te die Heer¬≠f√ľh¬≠rer der sp√§¬≠ten r√∂mi¬≠schen Repu¬≠blik vor Augen, aber nat√ľr¬≠lich kann man genau¬≠so gut an Mus¬≠so¬≠li¬≠ni und Hit¬≠ler den¬≠ken, die in die¬≠ser Sicht¬≠wei¬≠se sozu¬≠sa¬≠gen den ers¬≠ten Ver¬≠such zur Eta¬≠blie¬≠rung die¬≠ser Herr¬≠schafts¬≠form in unse¬≠rer Kul¬≠tur dar¬≠stel¬≠len w√ľrden.

[‚Ķ] die Form der regie¬≠ren¬≠den Min¬≠der¬≠heit ent¬≠wi¬≠ckelt sich vom Stand √ľber die Par¬≠tei zur Gefolg¬≠schaft von Ein¬≠zel¬≠nen. Das Ende der Demo¬≠kra¬≠tie und ihr √úber¬≠gang zum C√§sa¬≠ris¬≠mus √§u√üert sich des¬≠halb dar¬≠in, dass nicht etwa die Par¬≠tei des Drit¬≠ten Stan¬≠des, der Libe¬≠ra¬≠lis¬≠mus ver¬≠schwin¬≠det, son¬≠dern die Par¬≠tei als Form √ľber¬≠haupt. Die Gesin¬≠nung, das volks¬≠t√ľm¬≠li¬≠che Ziel, die abs¬≠trak¬≠ten Idea¬≠le aller ech¬≠ten Par¬≠tei¬≠po¬≠li¬≠tik l√∂sen sich auf, und an ihre Stel¬≠le tritt die Pri¬≠vat¬≠po¬≠li¬≠tik, der unge¬≠hemm¬≠te Macht¬≠wil¬≠le weni¬≠ger Ras¬≠se¬≠men¬≠schen. (S. 1125f, unter ¬ĽRas¬≠se¬ę ver¬≠stand Speng¬≠ler nicht die bio¬≠lo¬≠gi¬≠sche, son¬≠dern eine bestimm¬≠te Qua¬≠li¬≠t√§t von Per¬≠s√∂n¬≠lich¬≠keit, man den¬≠ke an Begrif¬≠fe wie ¬ĽRas¬≠se¬≠weib¬ę)

Man muss nicht an Speng¬≠lers Geschichts¬≠mor¬≠pho¬≠lo¬≠gie ins¬≠ge¬≠samt glau¬≠ben, aber hier war er offen¬≠sicht¬≠lich einem Mecha¬≠nis¬≠mus auf der Spur, dem (bei aller √úber¬≠spit¬≠zung) eine gewis¬≠se G√ľl¬≠tig¬≠keit nicht abzu¬≠spre¬≠chen ist. Die Abge¬≠ho¬≠ben¬≠heit der Eli¬≠ten in der alten BRD hat man mal durch den Begriff ¬ĽRaum¬≠schiff Bonn¬ę gekenn¬≠zeich¬≠net, heu¬≠te von einem ¬ĽRaum¬≠schiff Ber¬≠lin¬ę zu spre¬≠chen, w√§re schon fast zu nied¬≠lich. Der Ein¬≠fluss der Wirt¬≠schaft auf die Gesetz¬≠ge¬≠bung wird immer wie¬≠der skan¬≠da¬≠li¬≠siert, aber √§ndern tut sich dadurch eigent¬≠lich nichts. Manch¬≠mal wer¬≠den Geset¬≠zes¬≠ent¬≠w√ľr¬≠fe gleich von den Lob¬≠by¬≠is¬≠ten selbst geschrie¬≠ben.

Und erle¬≠ben wir nicht gera¬≠de, dass sich die Par¬≠tei¬≠en von den eini¬≠ger¬≠ma¬≠√üen ver¬≠l√§ss¬≠li¬≠chen Inter¬≠es¬≠sen¬≠ver¬≠tre¬≠tun¬≠gen bestimm¬≠ter Tei¬≠le der Gesell¬≠schaft, wie sie sich beim ¬ĽNeu¬≠start¬ę nach dem Schock des Zwei¬≠ten Welt¬≠kriegs her¬≠aus¬≠ge¬≠bil¬≠det hat¬≠ten, in Kanz¬≠ler¬≠wahl¬≠ver¬≠ei¬≠ne und Platt¬≠for¬≠men des gef√ľh¬≠li¬≠gen Aktio¬≠nis¬≠mus jen¬≠seits der ¬Ľabs¬≠trak¬≠ten Idea¬≠le aller ech¬≠ten Par¬≠tei¬≠po¬≠li¬≠tik¬ę ver¬≠wan¬≠delt haben? Die SPD steht nicht mehr f√ľr die klei¬≠nen Leu¬≠te, die CDU nicht mehr f√ľr das B√ľr¬≠ger¬≠tum, und schon tau¬≠chen Pro¬≠fi¬≠teu¬≠re auf, die auf einer Wel¬≠le der Unzu¬≠frie¬≠den¬≠heit in die Par¬≠la¬≠men¬≠te rei¬≠ten. (Man haut momen¬≠tan ger¬≠ne auf den ¬ĽRechts¬≠po¬≠pu¬≠lis¬≠mus¬ę ein, aber was w√§ren die SED-Erben von der Lin¬≠ken, wenn nicht ¬Ľlinks¬≠po¬≠pu¬≠lis¬≠tisch¬ę?) Die Kanz¬≠le¬≠rin f√ľhrt das Land pr√§¬≠si¬≠den¬≠tin¬≠nen¬≠gleich mit einer gro¬≠√üen Koali¬≠ti¬≠on, die kei¬≠ne Par¬≠tei¬≠en mehr kennt, und Wahl¬≠er¬≠geb¬≠nis¬≠se fol¬≠gen nicht mehr aus √úber¬≠zeu¬≠gun¬≠gen, son¬≠dern aus der Beliebt¬≠heit die¬≠ses oder jenes Landesf√ľrsten.

Die von Speng¬≠ler ange¬≠spro¬≠che¬≠ne Sehn¬≠sucht nach dem ¬Ľech¬≠ten Ton von Ehre und Rit¬≠ter¬≠lich¬≠keit¬ę spie¬≠gelt sich in der unge¬≠heu¬≠ren Popu¬≠la¬≠ri¬≠t√§t der Fan¬≠ta¬≠sy-Lite¬≠ra¬≠tur mit ihrem sozu¬≠sa¬≠gen ¬Ľkon¬≠zen¬≠trier¬≠ten Mit¬≠tel¬≠al¬≠ter¬ę wider (des¬≠sen Sog, um Miss¬≠ver¬≠st√§nd¬≠nis¬≠sen vor¬≠zu¬≠beu¬≠gen, auch ich selbst mich nicht ent¬≠zie¬≠hen kann) eben¬≠so wie in den jun¬≠gen Leu¬≠ten mit ihren Man¬≠ga-Kos¬≠t√ľ¬≠men, die einem in Leip¬≠zig auf der Buch¬≠mes¬≠se allent¬≠hal¬≠ben √ľber den Weg lau¬≠fen. (Was w√§ren Man¬≠gas ande¬≠res als ein Patch¬≠work aus Mythen¬≠frag¬≠men¬≠ten, Kos¬≠t√ľ¬≠men und Hal¬≠tun¬≠gen, das man sich auf der gro¬≠√üen Res¬≠ter¬≠am¬≠pe der euro¬≠p√§i¬≠schen Kul¬≠tur zusam¬≠men¬≠ge¬≠klaubt hat? Und alles mit unschul¬≠dig gro¬≠√üen Kin¬≠der¬≠au¬≠gen, als sei man f√ľr das alles gar nicht verantwortlich.)

Das ist noch nicht alles: Jen¬≠seits des Atlan¬≠tiks hat sich, uns wie immer eini¬≠ge Jah¬≠re oder Jahr¬≠zehn¬≠te vor¬≠aus, ein ech¬≠ter C√§sar mit ¬Ľunge¬≠hemm¬≠tem Macht¬≠wil¬≠len¬ę auf¬≠ge¬≠macht, um sich mit¬≠hil¬≠fe sei¬≠ner Dol¬≠lar¬≠mil¬≠li¬≠ar¬≠den an die Spit¬≠ze des Staa¬≠tes zu set¬≠zen wie einst der bekann¬≠te Feld¬≠herr aus der Fami¬≠lie der Julier. Donald Trump glaubt erkenn¬≠bar an nichts wei¬≠ter als an sei¬≠ne eige¬≠ne Un√ľber¬≠treff¬≠lich¬≠keit, aber er ist sehr geschickt dar¬≠in, sich die Wut der unte¬≠ren Mit¬≠tel¬≠klas¬≠se und der Arbei¬≠ter¬≠schicht in den USA zu Diens¬≠ten zu machen. (Glaubt wirk¬≠lich jemand, dass er sich kei¬≠nen bes¬≠se¬≠ren Fri¬≠seur leis¬≠ten k√∂nn¬≠te, wenn er woll¬≠te? Das ist ein¬≠fach eine Arbei¬≠ter¬≠klas¬≠sen-Soli¬≠da¬≠ri¬≠t√§ts-Tol¬≠le.) Es ist nicht aus¬≠ge¬≠macht, dass die dabei wir¬≠ken¬≠den Kr√§f¬≠te aus¬≠rei¬≠chen wer¬≠den, ihn in das Wei¬≠√üe Haus zu brin¬≠gen, aber wenn nicht ihn, dann viel¬≠leicht irgend¬≠je¬≠man¬≠den, der nach ihm kommt und auf dem glei¬≠chen Ticket f√§hrt. Die Wut jeden¬≠falls wird unter einer Pr√§¬≠si¬≠den¬≠tin Clin¬≠ton nicht gerin¬≠ger werden.

Bust-of-Caesar

Quel­le: Bill Nye (1900) [Public domain], aus Wiki­me­dia Commons

Donald_Trump_(23691565882)

Quel¬≠le: Gage Skid¬≠mo¬≠re ‚ÄĒ Donald Trump, CC BY-SA 2.0, aus Wiki¬≠me¬≠dia Commons

 

Und die F√§hig¬≠keit, die all¬≠f√§l¬≠li¬≠gen Pro¬≠ble¬≠me zu l√∂sen? W√§h¬≠rend ich dies hier schrei¬≠be, ist es in Br√ľs¬≠sel zu einem neu¬≠en isla¬≠mis¬≠ti¬≠schen Anschlag gekom¬≠men, und so lang¬≠sam wei√ü man schon, was pas¬≠siert: Poli¬≠ti¬≠ker und Jour¬≠na¬≠lis¬≠ten aller Art mel¬≠den sich umge¬≠hend zu Wort, um ¬ĽBetrof¬≠fen¬≠heit¬ę √ľber die ¬ĽTra¬≠g√∂¬≠die¬ę und ¬ĽSoli¬≠da¬≠ri¬≠t√§t¬ę mit den Opfern zu ver¬≠k√ľn¬≠den, auf der Lin¬≠ken und bei den Gr√ľ¬≠nen wird eben¬≠so schnell davor gewarnt, die Anschl√§¬≠ge f√ľr ¬ĽHet¬≠ze¬ę gegen die ¬ĽFl√ľcht¬≠lin¬≠ge¬ę zu ¬Ľinstru¬≠men¬≠ta¬≠li¬≠sie¬≠ren¬ę. Anschlie¬≠√üend wer¬≠den die ¬Ľfei¬≠gen¬ę Anschl√§¬≠ge ver¬≠ur¬≠teilt, dann wird unse¬≠re ¬Ľfreie¬ę Lebens¬≠wei¬≠se und die ¬ĽVer¬≠tei¬≠di¬≠gung unse¬≠rer Wer¬≠te¬ę beschwo¬≠ren und ein¬≠mal mehr ¬ĽEnt¬≠schlos¬≠sen¬≠heit¬ę beim ¬ĽKampf gegen den Ter¬≠ro¬≠ris¬≠mus¬ę ange¬≠k√ľn¬≠digt, nicht ohne zu erw√§h¬≠nen, dass es in einer ¬Ľoffe¬≠nen Gesell¬≠schaft¬ę nat√ľr¬≠lich ¬Ľkei¬≠nen Schutz¬ę davor geben k√∂n¬≠ne. Mit ande¬≠ren Wor¬≠ten: Man wei√ü eigent¬≠lich nicht, was man machen soll, und drescht lee¬≠re, gef√ľhl¬≠vol¬≠le Phrasen.

Ange¬≠sichts die¬≠ses geschw√§t¬≠zi¬≠gen Unver¬≠m√∂¬≠gens muss man sich nicht wun¬≠dern, wenn die W√§h¬≠ler sich mehr und mehr nach ande¬≠ren L√∂sun¬≠gen umse¬≠hen. Die Gesell¬≠schaft radi¬≠ka¬≠li¬≠siert sich, irgend¬≠wann wird viel¬≠leicht das Cha¬≠os so gro√ü, dass die Leu¬≠te jedem aus der Hand fres¬≠sen, der den Ein¬≠druck macht, sie davor besch√ľt¬≠zen zu k√∂n¬≠nen. Was uns zur Voll¬≠endung die¬≠ses Pro¬≠zes¬≠ses fehlt, ist eigent¬≠lich nur noch eine gr√∂¬≠√üe¬≠re Wirt¬≠schafts¬≠kri¬≠se. Der neue C√§sar m√ľss¬≠te dabei mit¬≠nich¬≠ten AfD-Mit¬≠glied oder Pegi¬≠da-Anh√§n¬≠ger sein, Mus¬≠so¬≠li¬≠ni hat sei¬≠ne Kar¬≠rie¬≠re schlie√ü¬≠lich auch als Redak¬≠teur einer sozia¬≠lis¬≠ti¬≠schen Par¬≠tei¬≠zei¬≠tung begon¬≠nen. Also ‚Äď irgend¬≠wel¬≠che Vorschl√§ge?

Immer¬≠hin k√∂n¬≠nen wir beten, dass wir nicht Nero, son¬≠dern Mark Aurel bekom¬≠men ‚Ķ Noch lie¬≠ber w√§re mir aller¬≠dings, wenn Speng¬≠ler am Ende doch noch wider¬≠legt w√ľrde.