Bernd Ohm

Autorenblog

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Auf Ideen kommt man …

Ellen Terry as Lady Macbeth 1889 John Singer Sargent

Wie man hört, wurde in Italien gerade eine Fassung von Carmen aufgeführt, in der die Titelfigur am Ende nicht von ihrem verschmähten Liebhaber Don José erdolcht wird, sondern vielmehr diesen selbst mit einer Pistole erschießt. Es soll irgendetwas mit der #MeToo-Debatte zu tun haben, so genau habe ich es nicht gelesen. Aber ich kann mir nicht helfen, ich muss den Faden einfach weiterspinnen: Könnte nicht auch Der Herr der Ringe so enden, dass Arwen den einen Ring kriegt und all diesen müden Waldläufern, Elben und Zauberern mal zeigt, was eine Harke ist? Weil nämlich nur Männer (igitt) von dessen dunkler Macht korrumpiert werden? Auch spräche doch eigentlich nichts dagegen, dass Lady Macbeth Schottland unter ihrer wohlwollenden Herrschaft vereint und danach die bösen Engländer besiegt, die gerade mutwillig die Lehenshoheit des Heiligen Römischen Reiches verlassen hätten. Nicht zuletzt sollte man den Schluss von Die drei Musketiere leicht umschreiben: Lady de Winter wird verschont, weil sie Anna von Österreich (Österreich!!!) als AfD-Unterstützerin entlarven kann und all ihre Intrigen daher als gerechtfertigt erscheinen.

Die »veralteten« Versionen geben wir dann einfach Winston Smith, damit er sie ins Gedächtnis-Loch schmeißt.

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Heil Cäsar?

Es mag für Außenstehende etwas verwunderlich klingen, aber ich habe in den frühen 1990ern ein komplettes Geschichtsstudium absolviert, ohne dass auch nur ein einziges Mal von mir erwartet wurde, mich mit Geschichtsphilosophie oder übergeordneten Theorien zum Gang der Geschichte an sich zu befassen. Die Lehramtskandidaten standen damals in der Pflicht, sich ein möglichst großes, überblicksartiges Wissen anzueignen, während wir Magisteranwärter zur detaillierten Quellenarbeit angehalten wurden und ansonsten von einer Mikroperspektive zur nächsten sprangen, immer auf der Grundlage einer vagen Ad-hoc-Heuristik, die nie bewusst gemacht wurde und im Grunde auf der Annahme beruhte, dass man als gebildeter Zeitgenosse schon irgendwie verstand, worum es ging.

Das hatte sicher mit der Vergangenheit unserer Dozenten zu tun, die in ihrer eigenen Studienzeit einen allzu großen Schluck aus der Zaubertrankproduktion von Marx & Engels Nachf. abbekommen hatten und nun – nach dem Untergang des Sowjetreiches – peinlich berührt auf Abstand achteten, wenn es um den Lauf der Weltgeschichte und die darin wirkenden Faktoren ging. Aber auch mit der damals einsetzenden Unterwerfung der Geisteswissenschaften unter die Fuchtel der Moral. Wer sich als »links« verstand, widmete seine Studien nicht mehr dem historischen Materialismus, sondern der Emanzipation der Dritten Welt oder dem Kampf gegen die Diskriminierung von Minderheiten aller Art; wer sich als »rechts« verstand, studierte keine Geschichte (jedenfalls habe ich keinen kennengelernt). Immer ging es um einen Perspektivenwechsel bei der Art, wie Geschichte erzählt wird (aus der Sicht der Unterdrückten, der Frauen, der Minderheiten usw. statt der des »alten weißen Mannes«), so gut wie nie um die Geschichte selbst.

Oswald Spengler gezeichnet von Rudolf Großmann 1922

Quelle: Rudolf Großmann 1922 [Public domain], aus Wikimedia Commons

Noch schwerer hatten es die Welterklärer von der anderen Seite des politischen Spektrums. Den Namen »Toynbee« kenne ich nur, weil ich damals – in einer Art Vorwegnahme des Internets – gerne in Mußestunden durch die Unibibliothek gesurft bin und beim Durchhangeln von einer Fußnote zur nächsten irgendwann bei Mankind and Mother Earth hängenblieb, was mich dann wiederum zu Toynbees Hauptwerk A Study of History brachte. Und mit jemandem wie Oswald Spengler und seinem Untergang des Abendlandes beschäftigte man sich als Akademiker einfach nicht. Es war eines dieser Bücher, von denen man vage wusste, dass es die Leute beeinflusst hatte, die für die Nazidiktatur und Auschwitz verantwortlich waren; das musste man nicht lesen, es reichte, den Namen irgendwo im Köcher mit den Polemikpfeilen parat zu haben.

Das war vielleicht ein wenig voreilig. Weiterlesen

Bin ich Einwandererkind?

Von allen Narreteien, die einem derzeit um die Ohren gehauen werden, ist die absonderlichste die neuerdings des Öfteren geäußerte Ansicht, die Ostpreußen, Schlesier und Pommern seien in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland »eingewandert«, und man möge doch dies nicht vergessen, wenn man die heutigen »Einwanderer« betrachte. Die Meinung hat sich schon so weit durchgesetzt, dass sie teilweise nur noch ganz beiläufig geäußert wird, so etwa in der FAS vom letzten Wochenende in einem Porträt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kretschmann, dessen Eltern nach dem Krieg dort »aus Ostpreußen eingewandert« seien.

Ich habe dann jedes Mal das Gefühl, man würde auf das Grab meiner Mutter spucken, die 1947 durchaus gegen ihren Willen in einen Güterwaggon steigen musste, um den Landstrich zu verlassen, in dem sie geboren und aufgewachsen war. Nein, das war keine »Einwanderung«. Man wandert weder aus noch ein, wenn man aus einem Landesteil in einen anderen zwangsumgesiedelt wird oder dort landet, weil man vor der Roten Armee geflohen ist.

Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten war eine Strafe für die Verbrechen, die die Deutschen im Krieg begangen hatten. Die Strafe war vielleicht ungerecht, weil nur ein Teil der Deutschen davon getroffen wurde und auch solche, die gar nichts mit den Nazis zu tun gehabt hatten, aber es war letzten Endes eine angesichts der Größe der Verbrechen gerechtfertigte Strafe, und als solche ist sie zu akzeptieren. Nur soll man jetzt bitte nicht anfangen, sich in die Tasche zu lügen und das mit Begriffen zu verharmlosen, die Freiwilligkeit und Eigeninitiative suggerieren, oder gar meinen, damals seien Menschen aus anderen Ländern »zu uns« gekommen, die es dort nicht mehr ausgehalten hätten.

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