Bernd Ohm

Autorenblog

Kategorie: Geschichte (Seite 2 von 3)

Die Geister Tom Joads

Vor Jahr und Tag schrieb die amerikanische Historikerin Barbara Tuchman einen dieser »populär-historischen« Bestseller, die in den letzten Jahrzehnten hauptsächlich in der angelsächsischen Welt entstanden sind. Die Torheit der Regierungen – von Troja bis Vietnam heißt das nach wie vor uneingeschränkt zu empfehlende Werk, und falls der Verlag mal eine Fortsetzung planen sollte, müssen die Ereignisse der letzten Tage darin unbedingt einen Ehrenplatz finden. So langsam mischen sich ja die ersten Stimmen der Vernunft in das aufgeregte Hin- und Hergeflatter der öffentlichen Meinung (ich empfehle etwa diese exzellente Analyse von Thomas Spahn), und es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass wir es in Wirklichkeit mit einer grandios schiefgelaufenen Palastrevolte Boris Johnsons zu tun haben, der wahrscheinlich mit einem knappen »Remain« gerechnet hat, um dann hinterher mit diesem Ergebnis im Rücken seinen Intimfeind Cameron aus dem Amt zu jagen und in Brüssel neue Sonderkonditionen herausschlagen zu können. Und nu hatter den Salat.

Ob Großbritannien wirklich in den nächsten Jahren aus der EU austreten wird, muss sich erst zeigen. Vielleicht finden die taumelnden Tölpel doch noch irgendeinen Weg, um sich bei wenigstens teilweiser Gesichtswahrung aus der Affäre zu ziehen – die Souveränität des Parlaments, die Nichteinbeziehung der Auslandsbriten, das doch insgesamt sehr knappe Ergebnis, ein neues Referendum wegen des zu erwartenden Wirtschaftschaos, was auch immer. Dadurch würde allerdings nicht die tiefere Ursache für das blamable Wahlergebnis beseitigt, die gleichermaßen den Grund für Johnsons epochale Fehleinschätzung darstellen dürfte: der Verrat an den einfachen Leuten. Weiterlesen

The United States of what …?

Die gegenwärtige Krise der Europäischen Union ist so tiefgreifend, dass man einerseits Lust hat, den ganzen Laden in die Luft zu sprengen, andererseits drängt sich einem dann doch wieder der Ausweg auf, nun erst recht ein vereintes Europa zu schaffen, das dann wenigstens einigermaßen konsistent agieren und die gewaltigen Strukturreformen angehen könnte, die für eine langfristige Rettung der gemeinsamen Währung und die Gewährleistung einer gemeinsamen Außenpolitik nötig wären.

Aber bevor man sich wilden Blütenträumen hingibt, sollte man vielleicht doch noch mal kurz ein wenig nachdenken. Wie würde wohl ein solcher europäischer Superstaat aussehen? Gott sei Dank gibt es das Project for Democratic Union, einen in München und London ansässigen »Think Tank«, der sich bereits vielerlei Gedanken zu dieser Frage gemacht hat. Dahinter steht der irische, in Cambridge tätige Geschichtsprofessor Brendan Simms (angeblich von Schäuble verehrt), der die Zukunft der Union langfristig in den »Vereinigten Staaten von Europa« sieht. Am Ende würde Großbritannien seiner Meinung nach wohl nicht dazugehören, aber den Brexit findet er verfrüht. Erst solle die Euro-Zone einen Bundesstaat gründen, dann könne das Vereinigte Königreich austreten, ohne dass es zu größeren Verwerfungen käme.

Wie dem auch sei – das neue Europa soll dieser Vision nach einen direkt gewählten Präsidenten sowie ein Zweikammerparlament mit Abgeordnetenhaus und Senat nach US-Vorbild bekommen. Auswärtige Angelegenheiten, Bankenaufsicht und Währung wären fürderhin eine reine Unionsangelegenheit, ebenso wie das Kommando über eine einheitliche europäische Armee, deren ausschließliche Dienstsprache – ebenso wie die einzig zulässige Verwaltungssprache – Englisch wäre. Das französische Nukleararsenal würde in die Hände der VSE, Verzeihung, USE übergehen, deren junge Bürger alle verpflichtet wären, ein Jahr Bürger- oder Wehrdienst zu leisten. Außerdem wären alle nationalen Staatsschulden in europäische Schuldverschreibungen zu überführen. Freihandel wäre nur mit »echten Demokratien« erlaubt.

Na ja. Wenn ich ehrlich bin, gefällt mir davon nur der Teil mit dem allgemeinen Bürgerdienst. Weiterlesen

Quark 83

Ich ertrage die Hervorbringungen des deutschen Fernsehens in der Regel nur in homöopathischer Dosierung, von daher war ich einigermaßen gespannt, wie sich wohl die allseits in den Himmel gelobte Serie Deutschland 83 machen würde, die ja dem Vernehmen nach die Erzählweise der neuen US-Serien auf hiesige Verhältnisse übertragen sollte und durch „Erfolg in den USA“ geadelt war. Zudem fällt mein eigenes Gastspiel bei der Bundeswehr in die Zeit kurz nach der dargestellten Handlung, da will man natürlich wissen, ob alles korrekt dargestellt ist.

Das Positive zuerst: klasse Ausstattung! Genau so, mit diesen Stahlrohrbetten und den blauen oder orangen Resopalmöbeln, sah damals eine Wehrpflichtigenstube beim westdeutschen Militär aus. Womit aber gleich die Probleme beginnen, denn natürlich waren Offiziere, zumal solche beim Stab, in Zweibettzimmern untergebracht, die eine gewisse Freiheit zur persönlichen Gestaltung ließen. Und die Art, wie die Jungs ihre Barette trugen, hätte unseren Spieß sicher zu einer seiner berüchtigten „Seid ihr Pizzabäcker?“-Tiraden angestachelt.

Der Alltag beim Barras zeichnet sich eben durch vielerlei Details aus, die man durch oberflächliches Recherchieren nicht so schnell in den Griff bekommt. Und genau da liegt die Crux der dramaturgischen Prämisse: Die Vorstellung, man könnte einen Angehörigen der bewaffneten Organe der DDR mal eben durch einen Crash-Kurs bei einem linken Uni-Professor und die Lektüre der Zentralen Dienstvorschrift zu einem überzeugend wirkenden Bundeswehroffizier machen, ist so abenteuerlich wie unglaubwürdig. Weiterlesen

Wollte Strauß Atombomben über der Ostsee?

Beim Recherchieren im Internet stößt man ja auf die irrsten Sachen. Zum Beispiel die erstaunliche Tatsache, dass es die „Marxistischen Blätter“ noch gibt, die während meiner Studienzeit immer von irgendwelchen sektiererhaften Gestalten umsonst vor der Mensa an der Leopoldstraße verteilt wurden und mir so manches unvergessliche Leseerlebnis verschafften, während ich Stammessen III, Dampfnudel mit Vanillesoße, verdrückte. Heute erscheinen die entsprechenden Artikel auf einer Seite namens Linksnet, und ich kann nahtlos an alte Erfahrungen anknüpfen. Da wird zum Beispiel auf dieser Seite hier behauptet:

Nach der Abriegelung der DDR-Grenze am 13. August 1961 erklärte die Bundesregierung den Mauerbau zum NATO-Bündnisfall und forderte die Umsetzung der NATO-Strategie der „massiven Vergeltung“ mit vollem Einsatz von Atomwaffen. General Steinhoff verlangte als deutscher militärischer Vertreter bei der NATO zumindest den selektiven Atomwaffengebrauch. Noch im Dezember 1961 drängten Strauß und Oberst Beermann in Washington darauf, zumindest einige Atombomben demonstrativ über der Ostsee oder einem DDR-Truppenübungsplatz zu zünden.

Man traut ja Strauß und Adenauer allerhand zu. Aber der Mauerbau als Bündnisfall? Atompilze über der Ostsee? Das weicht derart von der Standard-Geschichtsschreibung ab, dass es geradezu eine Sensation wäre, wenn die Angaben sich bewahrheiten würden. Aber tun sie das? Eine entsprechende Diskussion im Geschichtsforum bringt keine Klärung, weitere Fundstellen im Netz beziehen sich einfach nur (meistens ohne Nennung, aber relativ offensichtlich) auf die Linksnet-Seite.

Aber wozu hat man schließlich selbst Geschichte studiert … Die Fußnote zu dem zitierten Absatz führt zur Quelle der Informationen, dem 2005 erschienenen Buch Die Bundeswehr. Eine kritische Geschichte 1955-2005 des Münchner Politologen und Historikers Detlef Bald, der seiner Wikipedia-Seite zufolge früher einen Lehrauftrag an der Bundeswehr-Uni in Neubiberg hatte, aber wegen kritischer Äußerungen zur Bundeswehr-Traditionspflege heute nicht mehr für die Streitkräfte arbeitet. Das Buch ist auszugsweise auf Google Books verfügbar, zum Glück sind die Seiten 58 und 59, die die angesprochenen Informationen enthalten, für jedermann in der Vorschau sichtbar (ich selbst bin ein paar Euro im Antiquariat losgeworden und verfüge über ein vollständiges Exemplar). Zum Verständnis der folgenden Diskussion sollte man die Seiten gelesen haben. Weiterlesen

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