Immer die¬≠se Kin¬≠der¬≠fra¬≠gen ‚Ķ Jetzt woll¬≠te mein Sohn wis¬≠sen, war¬≠um jun¬≠ge Leu¬≠te eigent¬≠lich meis¬≠tens ¬Ľlinks¬ę sind. Ich muss¬≠te nat√ľr¬≠lich sofort an den wahl¬≠wei¬≠se Win¬≠s¬≠ton Chur¬≠chill oder Bert¬≠rand Rus¬≠sell zuge¬≠schrie¬≠be¬≠nen Spruch den¬≠ken, nach dem man kein Herz hat, wenn man mit zwan¬≠zig kein Sozia¬≠list ist, aber kei¬≠nen Ver¬≠stand, wenn man die¬≠ser Welt¬≠an¬≠schau¬≠ung mit vier¬≠zig immer noch anh√§ngt. Mei¬≠ne Frau hin¬≠ge¬≠gen erin¬≠ner¬≠te mich s√ľf¬≠fi¬≠sant grin¬≠send an mein altes Che-Gue¬≠va¬≠ra-T-Shirt, das ich vor etli¬≠chen Jah¬≠ren bei den Bau¬≠ar¬≠bei¬≠ten hier auf¬≠ge¬≠tra¬≠gen habe. Tat¬≠s√§ch¬≠lich kann ich nicht v√∂l¬≠lig leug¬≠nen, in mei¬≠ner Jugend bis zu einem gewis¬≠sen Grad dem damals weit ver¬≠brei¬≠te¬≠ten Aber¬≠glau¬≠ben ange¬≠han¬≠gen zu sein, man m√ľs¬≠se das, was hin¬≠ter dem Eiser¬≠nen Vor¬≠hang so kra¬≠chend und offen¬≠sicht¬≠lich geschei¬≠tert war, unter dem Vor¬≠zei¬≠chen von √Ėko¬≠lo¬≠gie, Anti-Dog¬≠ma¬≠tis¬≠mus und Jimi Hen¬≠drix noch¬≠mal ganz neu in Angriff nehmen.

Aber war¬≠um? Bezie¬≠hungs¬≠wei¬≠se, war¬≠um glau¬≠be ich das jetzt nicht mehr ‚Ķ? Viel¬≠leicht spielt ja jugend¬≠li¬≠cher √úber¬≠mut eine Rol¬≠le, revo¬≠lu¬≠tio¬≠n√§¬≠re Begeis¬≠te¬≠rung, die Hor¬≠mo¬≠ne und so wei¬≠ter. Die ver¬≠strahl¬≠ten Typen, die letz¬≠ten Som¬≠mer beim G20-Gip¬≠fel in Ham¬≠burg Bar¬≠ri¬≠ka¬≠den¬≠kampf gespielt haben, schie¬≠nen voll davon zu sein. Aber das sind bestimmt auch ¬ĽHoo¬≠li¬≠gans gegen Sala¬≠fis¬≠mus¬ę oder ¬ĽSala¬≠fis¬≠ten gegen ungl√§u¬≠bi¬≠ge Hun¬≠de¬ę. Das gan¬≠ze zwan¬≠zigs¬≠te Jahr¬≠hun¬≠dert war ja eigent¬≠lich eine ein¬≠zi¬≠ge Geis¬≠ter¬≠bahn, in der hin¬≠ter jeder Kur¬≠ve eine neue, w√ľten¬≠de Jugend¬≠be¬≠we¬≠gung her¬≠vor¬≠ge¬≠sprun¬≠gen kam, egal unter wel¬≠cher Flag¬≠ge. Hor¬≠mo¬≠ne sind, wie mir scheint, welt¬≠an¬≠schau¬≠ungs¬≠m√§¬≠√üig flexibel.

Viel eher geht es um die Kraft des rei¬≠nen Her¬≠zens. Als zwan¬≠zig¬≠j√§h¬≠ri¬≠ger Stu¬≠dent kann man in der Regel auf vol¬≠le zwei Jahr¬≠zehn¬≠te zur√ľck¬≠bli¬≠cken, in denen der eige¬≠ne Bei¬≠trag zum Lebens¬≠un¬≠ter¬≠halt eben¬≠so beschei¬≠den aus¬≠ge¬≠fal¬≠len ist wie die per¬≠s√∂n¬≠li¬≠che Mit¬≠wir¬≠kung an der Steue¬≠rung des Gemein¬≠we¬≠sens, zu dem man geh√∂rt. Das ver¬≠f√ľhrt dann bei¬≠spiels¬≠wei¬≠se dazu, ¬ĽReich¬≠tum¬ę als etwas zu betrach¬≠ten, das irgend¬≠wie auf √ľber¬≠na¬≠t√ľr¬≠li¬≠che Wei¬≠se von selbst da sei und nur ¬Ľgerecht ver¬≠teilt¬ę wer¬≠den m√ľs¬≠se ‚Äď so wie die Geschwis¬≠ter¬≠schar die gerech¬≠te Ver¬≠tei¬≠lung des Taschen¬≠gelds von den Eltern ein¬≠for¬≠dert. Und die Poli¬≠tik ger√§t zum Kas¬≠per¬≠le¬≠thea¬≠ter, in dem das b√∂se, gie¬≠ri¬≠ge Kro¬≠ko¬≠dil besiegt wer¬≠den muss, das ‚Äď als Poli¬≠ti¬≠ker, Ban¬≠ker oder Arbeit¬≠ge¬≠ber¬≠pr√§¬≠si¬≠dent getarnt ‚Äď der gerech¬≠ten Ver¬≠tei¬≠lung im Wege steht.

Etwas pom¬≠p√∂¬≠ser aus¬≠ge¬≠dr√ľckt: Man sieht die Welt vor allem im Ide¬≠al gespie¬≠gelt. Und sind Frei¬≠heit, Gleich¬≠heit, Br√ľ¬≠der¬≠lich¬≠keit nicht wun¬≠der¬≠ba¬≠re Idea¬≠le? Ganz zu schwei¬≠gen von Ver¬≠nunft, Huma¬≠ni¬≠t√§t und Gerech¬≠tig¬≠keit ‚Ķ! Wenn man jung ist, liebt man Idea¬≠le. Sie erlau¬≠ben es einem, in die Hel¬≠den¬≠rol¬≠le zu schl√ľp¬≠fen, in der man sich in die¬≠sem Lebens¬≠al¬≠ter ger¬≠ne sieht ‚Äď nicht zuletzt wegen der, √§hem, vor¬≠teil¬≠haf¬≠ten Wir¬≠kung auf das ande¬≠re Geschlecht nat√ľr¬≠lich. Man st√ľrmt in die Welt hin¬≠ein im Voll¬≠ge¬≠f√ľhl der eige¬≠nen Recht¬≠schaf¬≠fen¬≠heit und sucht √ľber¬≠all nach Dra¬≠chen, die man besie¬≠gen kann. Und selbst¬≠ver¬≠st√§nd¬≠lich k√§mpft man nicht aus Ego¬≠is¬≠mus, son¬≠dern daf√ľr, arme, unter¬≠dr√ľck¬≠te Proletarier/Drittweltbewohner/Minderheiten, die aus irgend¬≠wel¬≠chen geheim¬≠nis¬≠vol¬≠len Gr√ľn¬≠den nicht in der Lage sind, selbst f√ľr ihre Inter¬≠es¬≠sen ein¬≠zu¬≠tre¬≠ten, aus den Klau¬≠en der Bes¬≠tie zu befreien ‚Ķ

Wenn man Gl√ľck hat, nimmt einen das Leben sp√§¬≠ter sanft bei der Hand und zeigt einem anhand aus¬≠ge¬≠w√§hl¬≠ter Bei¬≠spie¬≠le, dass vor dem Reich¬≠tum meis¬≠tens ein Rie¬≠sen¬≠hau¬≠fen Arbeit steht, statt eines gl√§n¬≠zen¬≠den Sie¬≠ges h√§u¬≠fig nur das klei¬≠ne¬≠re √úbel zur Wahl steht und das Gegen¬≠teil einer schlech¬≠ten Idee meist eine noch schlech¬≠te¬≠re ist. Wenn man Pech hat, haben ein oder zwei gr√∂¬≠√üe¬≠re per¬≠s√∂n¬≠li¬≠che Kata¬≠stro¬≠phen exakt die glei¬≠che Wir¬≠kung. Das Ergeb¬≠nis ist ‚Äď hof¬≠fent¬≠lich ‚Äď eine gewis¬≠se N√ľch¬≠tern¬≠heit und Skep¬≠sis sowie die Erkennt¬≠nis, dass ande¬≠re Leu¬≠te ihre Bed√ľrf¬≠nis¬≠se meist ganz gut selbst arti¬≠ku¬≠lie¬≠ren k√∂n¬≠nen und jedes Ide¬≠al, das man bis in die letz¬≠te Kon¬≠se¬≠quenz zu ver¬≠wirk¬≠li¬≠chen sucht, mit ziem¬≠li¬≠cher Sicher¬≠heit gera¬≠de¬≠wegs in die tota¬≠li¬≠t√§¬≠re H√∂l¬≠le f√ľhrt. Gleich¬≠heit etwa ist eine tol¬≠le Sache, wenn es dar¬≠um geht, dass vor dem Gesetz nie¬≠mand bevor¬≠zugt wird. Wenn man aller¬≠dings wei¬≠ter¬≠geht und for¬≠dert, dass jeder Mensch tat¬≠s√§ch¬≠lich gleich sein soll (obwohl doch jeder von uns eine eige¬≠ne Welt ist), endet man aller Erfah¬≠rung nach in der Gleich¬≠heit des sibi¬≠ri¬≠schen Arbeitslagers.

Aber das wei√ü man nat√ľr¬≠lich noch nicht, wenn man sei¬≠ne Nase zum ers¬≠ten Mal aus der T√ľr der Kind¬≠heit her¬≠aus¬≠steckt. Ich glau¬≠be, ich war vier¬≠zehn oder f√ľnf¬≠zehn, als ich spon¬≠tan in der Buch¬≠hand¬≠lung der n√§chs¬≠ten Klein¬≠stadt ein Taschen¬≠buch mit den Wer¬≠ken von Marx und Engels erwarb und von vor¬≠ne bis hin¬≠ten durch¬≠las ‚Äď ohne gro√ü zu begrei¬≠fen, um was es ging, ver¬≠steht sich. Aber es kam der Satz dar¬≠in vor, dass Reli¬≠gi¬≠on das ¬ĽOpi¬≠um des Vol¬≠kes¬ę sei, und das gefiel mir, hat¬≠te ich doch gera¬≠de im Ver¬≠lauf des Kon¬≠fir¬≠man¬≠den¬≠un¬≠ter¬≠richts unver¬≠se¬≠hens mei¬≠nen Glau¬≠ben ver¬≠lo¬≠ren. Irgend so ein alter Kna¬≠cker mit Bart, der in den Wol¬≠ken sitzt? Was woll¬≠te der denn ‚Ķ

Womit ein wei¬≠te¬≠rer Fak¬≠tor f√ľr die Beliebt¬≠heit sozia¬≠lis¬≠ti¬≠scher Vor¬≠stel¬≠lun¬≠gen bei der Jugend ange¬≠spro¬≠chen ist. Sie glei¬≠chen vage bestimm¬≠ten christ¬≠li¬≠chen Wer¬≠ten, ohne dass man daf√ľr an √ľber¬≠na¬≠t√ľr¬≠li¬≠che Wesen glau¬≠ben muss. Und es ist genau¬≠so unm√∂g¬≠lich, sie eins zu eins in die Rea¬≠li¬≠t√§t umzu¬≠set¬≠zen: Rein theo¬≠re¬≠tisch klingt es ja abso¬≠lut gro√ü¬≠ar¬≠tig, die ande¬≠re Wan¬≠ge hin¬≠zu¬≠hal¬≠ten und sei¬≠nen Man¬≠tel mit einem Bett¬≠ler zu tei¬≠len. Man sieht sich schon h√∂chst¬≠per¬≠s√∂n¬≠lich selbst auf dem Pferd sit¬≠zen und dem armen Hund da unten am Boden voll Mit¬≠ge¬≠f√ľhl die hal¬≠be Toga rei¬≠chen ‚Ķ Im All¬≠tag l√§uft es dann aller¬≠dings ein biss¬≠chen anders ‚Äď wel¬≠cher Unter¬≠neh¬≠mer etwa k√∂nn¬≠te sich stets an Matth. 5, 40 hal¬≠ten (¬ĽUnd wenn jemand mit dir rech¬≠ten will und dir dei¬≠nen Rock neh¬≠men, dem lass auch den Man¬≠tel¬ę), ohne mit¬≠tel¬≠fris¬≠tig Bank¬≠rott erkl√§¬≠ren zu m√ľs¬≠sen? Man gibt also ab und zu ein klei¬≠nes St√ľck¬≠chen Man¬≠tel ab und hofft, dass man dadurch das Kamel doch noch irgend¬≠wie durchs Nadel¬≠√∂hr zw√§ngt. So, wie man f√ľr die Revo¬≠lu¬≠ti¬≠on k√§mpft, ohne auf teu¬≠re Zigar¬≠ren und Rolex-Uhren zu verzichten.

Und dann gibt es nat√ľr¬≠lich immer die Ver¬≠lo¬≠ckung, in die Haut des roman¬≠ti¬≠schen Hel¬≠den zu schl√ľp¬≠fen, der wie der Wan¬≠de¬≠rer √ľber dem Nebel¬≠meer allem Irdi¬≠schen ent¬≠sagt und sich ganz der Sache des Vol¬≠kes ver¬≠schreibt ‚Ķ Das letz¬≠te Mal, als ich so rich¬≠tig Sym¬≠pa¬≠thien f√ľr eine lin¬≠ke Bewe¬≠gung emp¬≠fand, war in den 1990ern, als ein gewis¬≠ser ¬ĽSub¬≠co¬≠man¬≠dan¬≠te Mar¬≠cos¬ę mit einer Kis¬≠te B√ľcher aus Mexi¬≠ko-Stadt in den lakan¬≠do¬≠ni¬≠schen Urwald zog, um unter dem Schlacht¬≠ruf ¬ĽAlles f√ľr alle, nichts f√ľr uns!¬ę f√ľr die Rech¬≠te der Indi¬≠ge¬≠nen zu k√§mp¬≠fen und ¬ĽInter¬≠ga¬≠lak¬≠ti¬≠sche Tref¬≠fen gegen den Neo¬≠li¬≠be¬≠ra¬≠lis¬≠mus¬ę zu ver¬≠an¬≠stal¬≠ten. Nat√ľr¬≠lich hat¬≠te der Mann schwer einen an der Waf¬≠fel ‚Äď aber geht‚Äôs noch poe¬≠ti¬≠scher ‚Ķ? Zur glei¬≠chen Zeit las ich aller¬≠dings Ches Boli¬≠via¬≠ni¬≠sches Tage¬≠buch, das mit sei¬≠nem Exis¬≠ten¬≠zia¬≠lis¬≠mus der ver¬≠zwei¬≠fel¬≠ten Iso¬≠la¬≠ti¬≠on das v√∂l¬≠lig humor¬≠lo¬≠se Gegen¬≠st√ľck zu den drol¬≠li¬≠gen Aktio¬≠nen der mexi¬≠ka¬≠ni¬≠schen Zapa¬≠tis¬≠ten bildete.

Das war wahr¬≠schein¬≠lich der Anfang vom Ende. Je l√§n¬≠ger ich die Aben¬≠teu¬≠er des argen¬≠ti¬≠ni¬≠schen Ex-Arz¬≠tes nach¬≠ver¬≠folg¬≠te, der in v√∂l¬≠li¬≠ger Ver¬≠ken¬≠nung der Sach¬≠la¬≠ge und blin¬≠dem Aktio¬≠nis¬≠mus ver¬≠such¬≠te, mit einer Hand¬≠voll Despe¬≠ra¬≠dos, die den bom¬≠bas¬≠ti¬≠schen Namen ¬ĽNatio¬≠na¬≠le Befrei¬≠ungs¬≠ar¬≠mee¬ę trug, in Boli¬≠vi¬≠en eine sozia¬≠lis¬≠ti¬≠sche Revo¬≠lu¬≠ti¬≠on her¬≠bei¬≠zu¬≠f√ľh¬≠ren, des¬≠to frem¬≠der wur¬≠de mir das alles. Die beson¬≠de¬≠ren Umst√§n¬≠de, die in Kuba zum Erfolg gef√ľhrt hat¬≠ten, waren eben spe¬≠zi¬≠fisch kuba¬≠nisch und hat¬≠ten nichts mit irgend¬≠ei¬≠ner welt¬≠ge¬≠schicht¬≠li¬≠chen Dia¬≠lek¬≠tik tun, als deren Erf√ľl¬≠lungs¬≠ge¬≠hil¬≠fen sich der Coman¬≠dan¬≠te und sei¬≠ne Mit¬≠strei¬≠ter sahen. Der Anden¬≠staat war statt¬≠des¬≠sen nichts wei¬≠ter als die Kulis¬≠se f√ľr einen Film, in dem sie die Haupt¬≠rol¬≠le spiel¬≠ten. Ich konn¬≠te mich immer weni¬≠ger mit die¬≠ser beson¬≠ders d√§m¬≠li¬≠chen Ver¬≠k√∂r¬≠pe¬≠rung von Rous¬≠se¬≠aus ¬ĽVolon¬≠t√© gene¬≠ra¬≠le¬ę iden¬≠ti¬≠fi¬≠zie¬≠ren, einer selbst ernann¬≠ten Avant¬≠gar¬≠de also, die mein¬≠te, bes¬≠ser als das Volk zu wis¬≠sen, was das Volk wollte.

Was wie¬≠der¬≠um Erin¬≠ne¬≠run¬≠gen an den Zwie¬≠spalt wach¬≠rief, in den mich die radi¬≠ka¬≠le Lin¬≠ke in gewis¬≠ser Wei¬≠se von Anfang an gebracht hat¬≠te. Ich bin Arbei¬≠ter¬≠sohn, und die ein paar Jah¬≠re √§lte¬≠ren Arzt- und Leh¬≠rer¬≠kin¬≠der, die in der Fu√ü¬≠g√§n¬≠ger¬≠zo¬≠ne der erw√§hn¬≠ten Klein¬≠stadt die Kom¬≠mu¬≠nis¬≠ti¬≠sche Volks¬≠zei¬≠tung ver¬≠teil¬≠ten und mei¬≠nen Vater zur Revo¬≠lu¬≠ti¬≠on auf¬≠sta¬≠cheln woll¬≠ten, erf√ľll¬≠ten mich schon als Drei¬≠zehn¬≠j√§h¬≠ri¬≠gen mit einer geh√∂¬≠ri¬≠gen Por¬≠ti¬≠on Befremd¬≠nis. Arbei¬≠ter sind kei¬≠ne Arbei¬≠ter, weil sie von b√∂sen M√§ch¬≠ten dazu gezwun¬≠gen wur¬≠den, son¬≠dern weil das eben der Weg war, der ihnen im Leben offen¬≠stand. Und das wis¬≠sen die meis¬≠ten von ihnen. Wenn ihnen jemand zu erz√§h¬≠len ver¬≠sucht, die ¬ĽArbei¬≠ter¬≠klas¬≠se¬ę sei in Wirk¬≠lich¬≠keit ein Vehi¬≠kel, mit des¬≠sen Hil¬≠fe ¬Ľdie Geschich¬≠te¬ę vor¬≠ha¬≠be, den kom¬≠mu¬≠nis¬≠ti¬≠schen Him¬≠mel auf Erden zu errich¬≠ten, wer¬≠den sie schnell miss¬≠trau¬≠isch und rie¬≠chen den Bra¬≠ten. Der in der Regel dar¬≠aus besteht, dass ein paar ver¬≠krach¬≠te Bohe¬≠mi¬≠ens auf ihrem R√ľcken ver¬≠su¬≠chen, die Macht im Staat an sich zu rei¬≠√üen. So ganz habe ich das ‚Äď bei allen Sym¬≠pa¬≠thien f√ľr den Kampf gegen Aus¬≠beu¬≠tung und Unter¬≠dr√ľ¬≠ckung ‚Äď nie vergessen.

Das Schlim¬≠me war ja ohne¬≠hin, dass die¬≠ser Kampf nicht nur in Boli¬≠vi¬≠en in der Regel gera¬≠de¬≠wegs ins Nichts f√ľhr¬≠te. Von den mexi¬≠ka¬≠ni¬≠schen Zapa¬≠tis¬≠ten etwa war am Ende nur noch lee¬≠re Sym¬≠bo¬≠lik zu h√∂ren. Hier eine Pres¬≠se¬≠kon¬≠fe¬≠renz, dort eine Demo, schlie√ü¬≠lich eine gro√ü¬≠ar¬≠ti¬≠ge Erkl√§¬≠rung, die eine noch gro√ü¬≠ar¬≠ti¬≠ge¬≠re Kon¬≠fe¬≠renz ank√ľn¬≠dig¬≠te, und immer wie¬≠der inter¬≠na¬≠tio¬≠na¬≠le Tref¬≠fen, zu denen (um ein b√∂ses Wort zu zitie¬≠ren) ¬Ľtrust-fund babies¬ę aus aller Welt anreis¬≠ten, also Berufs¬≠s√∂h¬≠ne und ‚ÄĎt√∂ch¬≠ter, die nach San Cris¬≠t√≥¬≠bal de las Casas pil¬≠ger¬≠ten, um die total authen¬≠ti¬≠schen Indi¬≠ge¬≠nen ken¬≠nen¬≠zu¬≠ler¬≠nen, die sie von der Pla¬≠ge eben jenes Neo¬≠li¬≠be¬≠ra¬≠lis¬≠mus befrei¬≠en soll¬≠ten, dem sie ihren monat¬≠li¬≠chen Scheck ver¬≠dank¬≠ten. Eine Befrei¬≠ungs¬≠ar¬≠mee, die nichts befrei¬≠te. Eine Revo¬≠lu¬≠ti¬≠on, die nichts revo¬≠lu¬≠tio¬≠nier¬≠te. Eine Wider¬≠stands¬≠be¬≠we¬≠gung, die sich dar¬≠in ersch√∂pf¬≠te, die Jung¬≠stein¬≠zeit gegen die Moder¬≠ne zu verteidigen.

Und so ende¬≠te das T‚ÄĎShirt mit el Che vor¬≠ne drauf dann als Arbeits¬≠klei¬≠dung auf dem Bau. Eigent¬≠lich ein ange¬≠mes¬≠sen pro¬≠le¬≠ta¬≠ri¬≠scher Rah¬≠men, fin¬≠de ich. Mein Vater ‚Äď mitt¬≠ler¬≠wei¬≠le Rent¬≠ner ‚Äď ver¬≠lor kein Wort dar¬≠√ľber, w√§h¬≠rend wir Sei¬≠te an Sei¬≠te dar¬≠an arbei¬≠te¬≠ten, die Lat¬≠ten f√ľr die D√§m¬≠mung an die Dach¬≠bal¬≠ken zu schrau¬≠ben. Wahr¬≠schein¬≠lich wun¬≠der¬≠te er sich ins¬≠ge¬≠heim ein biss¬≠chen, aber letzt¬≠end¬≠lich war das Kon¬≠ter¬≠fei des ber√ľhm¬≠ten Revo¬≠lu¬≠tio¬≠n√§rs f√ľr ihn blo√ü ein fl√ľch¬≠ti¬≠ges Bild, das gele¬≠gent¬≠lich √ľber sei¬≠nen Fern¬≠seh¬≠schirm gehuscht war. Der Gl√ľckliche ‚Ķ

Bin ich also heu¬≠te ¬Ľrechts¬ę? Also, bit¬≠te ‚Ķ In den Scho√ü der Kir¬≠che bin ich nicht zur√ľck¬≠ge¬≠kehrt, und Leu¬≠te, die ihre Stel¬≠lung ihrem Nach¬≠na¬≠men, ererb¬≠ten Mil¬≠lio¬≠nen oder Vit¬≠amin B ver¬≠dan¬≠ken, kann ich wei¬≠ter¬≠hin nicht ernst neh¬≠men. Aber ich glau¬≠be auch, dass der Mensch einen irre¬≠du¬≠zi¬≠blen Kern hat, der weder durch Erzie¬≠hung, noch durch Arbeits¬≠la¬≠ger oder noch so aus¬≠ge¬≠kl√ľ¬≠gel¬≠tes ¬ĽNud¬≠ging¬ę ver¬≠√§n¬≠dert wer¬≠den kann. Und dass eine funk¬≠tio¬≠nie¬≠ren¬≠de, natio¬≠nal- und sozi¬≠al¬≠staat¬≠lich orga¬≠ni¬≠sier¬≠te libe¬≠ra¬≠le Demo¬≠kra¬≠tie ohne impe¬≠ria¬≠lis¬≠ti¬≠sche Ambi¬≠tio¬≠nen eine aus¬≠ge¬≠spro¬≠chen wert¬≠vol¬≠le his¬≠to¬≠ri¬≠sche Errun¬≠gen¬≠schaft ist, die man nicht leicht¬≠fer¬≠tig uto¬≠pi¬≠schen Phan¬≠tas¬≠te¬≠rei¬≠en opfern darf. Wahr¬≠schein¬≠lich bin ich also ein ¬ĽAlt-1848er¬ę. Nicht zuf√§l¬≠lig ist die erfolg¬≠lo¬≠se Revo¬≠lu¬≠ti¬≠on damals immer noch der Teil der deut¬≠schen Geschich¬≠te, der mir am meis¬≠ten G√§n¬≠se¬≠haut verursacht.

Und die edlen Idea¬≠le? Sol¬≠len mei¬≠ne Kin¬≠der gro√ü wer¬≠den, ohne jemals das s√ľ√üe Gift der br√ľ¬≠der¬≠li¬≠chen Gemein¬≠schaft aller Men¬≠schen genos¬≠sen zu haben ‚Ķ? Nun, die Ableh¬≠nung eines Extrems bedeu¬≠tet ja nicht, dass man den zugrun¬≠de lie¬≠gen¬≠den Wert ins¬≠ge¬≠samt ablehnt ‚Äď der Mensch ist eben¬≠so wenig ganz und gar br√ľ¬≠der¬≠lich, wie er aus¬≠schlie√ü¬≠lich in Kon¬≠kur¬≠renz zuein¬≠an¬≠der leben kann. Wo genau der Kom¬≠pro¬≠miss liegt, den man zwi¬≠schen den bei¬≠den Extre¬≠men fin¬≠det, wird immer Gegen¬≠stand des poli¬≠ti¬≠schen Streits blei¬≠ben. Und mei¬≠nen Kin¬≠dern w√ľn¬≠sche ich (inso¬≠fern ich mich da √ľber¬≠haupt ein¬≠mi¬≠sche), dass sie im Leben ein paar Umwe¬≠ge weni¬≠ger gehen m√ľs¬≠sen als ich ‚Ķ

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