Autorenblog

Kategorie: Allgemeines (Seite 2 von 10)

Und jetzt: »Sechs Tage im Herbst«!

Mit gro­ßer Freu­de darf ich ver­kün­den, dass mein nächs­ter Roman, ein Polit­thril­ler, im Früh­jahr 2021 bei Gra­fit in Köln erschei­nen wird.
 
Wer immer schon wis­sen woll­te, wie das eigent­lich mit der »Drit­ten Genera­ti­on« der Roten Armee Frak­ti­on so war, wel­che Rol­le die Paläs­ti­nen­ser dabei gespielt haben und wie es sich anfühlt, als ehe­ma­li­ger mili­tan­ter Links­ra­di­ka­ler eine behag­lich-bür­ger­li­che Vor­stadt­exis­tenz zu füh­ren, soll­te sich den Titel vor­mer­ken. Wie immer bleibt mein Stil der klas­si­schen deutsch­spra­chi­gen Moder­ne und der Neu­en Sach­lich­keit verbunden.
 
Ab sofort bei den übli­chen Quel­len vorbestellbar!

 

Bernd Ohm
Sechs Tage im Herbst
Roman. Ori­gi­nal­aus­ga­be
ca. 272 Sei­ten, bro­schiet
ca. € 13,00 [D], € 13,40 [A]
ISBN 978–3‑89425–768‑2
eISBN 978–3‑89425–769‑9
Waren­grup­pe: 2121
Erschei­nungs­ter­min:
April 2021

Ratschlag für Autoren, die nicht im Herdenbuch stehen

Vor ein paar Tagen war Alfred Döblins Geburts­tag. Eine gute Gele­gen­heit, sich ein paar Grund­sät­ze ins Gedächt­nis zu rufen, die mir eini­ges bedeu­ten und die ins­be­son­de­re beim Schrei­ben von Wolfs­stadt ihre Wir­kung ent­fal­tet haben:

Die Dar­stel­lung erfor­dert bei der unge­heu­ren Men­ge des Geform­ten einen Kino­s­til. In höchs­ter Gedrängt­heit und Prä­zi­si­on hat die Fül­le der Gesich­te vor­bei­zu­zie­hen. Der Spra­che das Aeu­ßers­te der Plas­tik und Leben­dig­keit abzu­rin­gen. Der Erzähl­schlen­dri­an hat im Roman kei­nen Platz; man erzählt nicht, son­dern baut. Der Erzäh­ler hat sei­ne bäu­ri­sche Ver­trau­lich­keit. Knapp­heit, Spar­sam­keit der Wor­te ist nötig; fri­sche Wen­dun­gen. Von Peri­oden, die das Neben­ein­an­der des Kom­ple­xen wie das Hin­ter­ein­an­der rasch zusam­men­fas­sen erlau­ben, ist umfäng­li­cher Gebrauch zu machen. Rapi­de Abläu­fe, Durch­ein­an­der in blo­ßen Stich­wor­ten; wie über­haupt an allen Stel­len die höchs­te Exakt­heit in sug­ges­ti­ven Wen­dun­gen zu errei­chen gesucht wer­den muß. Das Gan­ze darf nicht erschei­nen wie gespro­chen son­dern wie vor­han­den. Die Wort­kunst muss sich nega­tiv zei­gen, in dem was sie ver­mei­det: ein feh­len­der Schmuck, im Feh­len der Absicht, im Feh­len des bloß sprach­lich schö­nen oder schwung­haf­ten, im Fern­hal­ten der Mani­riert­heit. Bil­der sind gefähr­lich und nur gele­gent­lich anzu­wen­den; man muß sich an die Ein­zig­ar­tig­keit jedes Vor­gangs her­an­spü­ren, die Phy­sio­gno­mie und das beson­de­re Wachs­tum eines Ereig­nis­ses begrei­fen und scharf und sach­lich geben; Bil­der sind bequem.

Die Hege­mo­nie des Autors ist zu bre­chen; nicht weit genug kann der Fana­tis­mus der Selbst­ver­leug­nung getrie­ben wer­den. Oder der Fana­tis­mus der Ent­äu­ße­rung: ich bin nicht ich, son­dern die Stra­ße, die Later­nen, dies und dies Ereig­nis, wei­ter nichts. Das ist es, was ich den stei­ner­nen Stil nenne.

[…]

Der Natu­ra­lis­mus ist kein his­to­ri­scher Ismus, son­dern das Sturz­bad, das immer wie­der über die Kunst her­ein­bricht und her­ein­bre­chen muß. Der Psy­cho­lo­gis­mus, der Ero­tis­mus muß fort­ge­schwemmt wer­den; Ent­selbstung, Ent­äu­ße­rung des Autors, Deper­so­na­ti­on. Die Erde muß wie­der damp­fen. Los vom Men­schen! Mut zur kine­ti­schen Phan­ta­sie und zum Erken­nen der unglaub­li­chen rea­len Kon­tu­ren! Tat­sa­chen­phan­ta­sie! Der Roman muß sei­ne Wie­der­ge­burt erle­ben als Kunst­wert und moder­nes Epos.

(Alfred Döblin: An Roman­au­toren und ihre Kri­ti­ker, in: Der Sturm, Mai 1913)

1929 mit Ufos

His­to­ri­ker soll­ten sich eigent­lich kei­ne his­to­ri­schen Fil­me anse­hen, man ärgert sich ja doch bloß. Manch­mal ist aller­dings die Ver­su­chung zu groß – zum Bei­spiel konn­te man in der ARD-App gera­de die ers­ten bei­den Staf­feln von Baby­lon Ber­lin bin­gen, und man hat­te doch so viel davon gelesen …

Mein Ein­druck? Ich schwan­ke zwi­schen Enthu­si­as­mus und mit­tel­schwe­rer Genervt­heit. Einer­seits sind Kame­ra, Aus­stat­tung, Licht und Dreh­buch wirk­lich toll. Die Schau­spie­ler machen einen exzel­len­ten Job (allen vor­an Peter Kurth), und man kann mal sehen, was in ihnen steckt, wenn sie vor höhe­ren Anfor­de­run­gen ste­hen als dem durch­schnitt­li­chen deut­schen Fern­seh­kri­mi. Sogar die ziem­lich unplau­si­ble Anla­ge der Rol­le von Lot­te Rit­ter (einer­seits kunst­sei­de­nes Mäd­chen, ande­rer­seits Möch­te­gern-Poli­zis­tin) und die alber­ne »Chi­ca­goi­sie­rung« der Ber­li­ner Ring­ver­ei­ne lass ich mal durch­ge­hen, man kann ja nicht immer nur meckern.

Was mir aller­dings wirk­lich sau­er auf­stößt, sind die Sze­nen im Nacht­le­ben. Es muss eine fata­le Pro­duk­ti­ons­kon­fe­renz gege­ben haben, bei der man beschloss, qua­si als Brecht­schen V‑Effekt Bor­del­le, Nacht­bars und das »Moka Efti« wie Ufos zu insze­nie­ren, die per Zeit­rei­se aus dem Ber­lin der Jetzt­zeit in die Wei­ma­rer Repu­blik gebeamt wur­den. Das Lied der rus­si­schen Grä­fin hört sich an, als ob irgend­wo noch eine alte »Rosenstolz«-Demokassette her­um­lag, die man mit aller­lei Sound­tech­nik zur Tech­no-Minioper auf­ge­bla­sen hat. In der letz­ten Fol­ge der ers­ten Staf­fel gab’s den Del­ta-Blues. Und dann zap­peln sie alle her­um, als ob sie gera­de im »Berg­hain« oder im »Kit­Kat Club« wären. Man merkt die Absicht – he, Zuschau­er: die­ser Tanz auf dem Vul­kan damals ist genau­so wie dein eige­ner Tanz!!! – und ist ver­stimmt. So viel Holz­ham­mer muss doch nun wirk­lich nicht sein … Wenn man, wie ich, die Popu­lär­mu­sik der Wei­ma­rer Repu­blik mit ihrer unnach­ahm­li­chen Mischung aus jüdisch-iro­ni­scher Leich­tig­keit und deutsch-sen­ti­men­ta­ler Melan­cho­lie für eine der edels­ten Her­vor­brin­gun­gen der mit­tel­eu­ro­päi­schen Kul­tur über­haupt hält, lei­det man beim Zuschau­en tau­send Qualen.

Na gut. Ich guck trotz­dem wei­ter. Hier ein biss­chen wirk­li­che Musik von damals:

Panik auf dem Narrenschiff

Poli­tik ist natür­lich auch immer irgend­wie Fami­li­en­dra­ma: Die CDU spielt dabei die Rol­le der etwas alt­mo­di­schen Eltern, die den Laden zusam­men­hal­ten müs­sen, die SPD ist die stre­ber­haf­te Toch­ter mit eige­ner Fami­lie, die im Manage­ment einer gemein­nüt­zi­gen Orga­ni­sa­ti­on arbei­tet, die FDP der kin­der­lo­se Sohn mit Zahn­arzt­pra­xis, und die AfD gibt den pein­li­chen Onkel, der auf der Kon­fir­ma­ti­ons­fei­er zu spä­ter Stun­de anfängt, im Suff die ers­te Stro­phe des Deutsch­land­lieds zu sin­gen. Die Grü­nen hin­ge­gen sind der ewig jugend­li­che Rebell, der alle mit sei­nem kom­pro­miss­lo­sen Mora­lis­mus und sei­nen radi­ka­len Ideen nervt. Er hat zwar die ande­ren dazu gebracht, ihren Müll zu tren­nen und Bio­fleisch zu kau­fen (selbst die Eltern geben zu, dass es bes­ser schmeckt), aber nie­mand wür­de erwar­ten, dass er irgend­wann ein­mal Fami­li­en­vor­stand wird. Am aller­we­nigs­ten er selbst.

In die­sem Sin­ne ist wohl die Beklem­mung zu ver­ste­hen, die Robert Habeck bei sei­nen Fern­seh­in­ter­views am Sonn­tag­abend nach der Euro­pa­wahl deut­lich anzu­mer­ken war. Die Wahl­er­geb­nis­se legen nahe, dass der Grü­nen-Kapi­tän sein »Nar­ren­schiff Uto­pia« (FJS) dem­nächst zum Staats­damp­fer umta­keln muss und damit vor der unan­ge­neh­men Auf­ga­be steht, all den gro­ßen Wor­ten end­lich Taten fol­gen zu las­sen. Aber wie soll das gehen? Die Grü­nen haben vor lan­ger Zeit das Ziel eines fun­da­men­ta­len Wan­dels auf­ge­ge­ben und sich dem Mär­chen ver­schrie­ben, man kön­ne den gro­ßen, Res­sour­cen und Ener­gie ver­schlin­gen­den Behe­mo­th Indus­trie­ge­sell­schaft am Leben erhal­ten (und ihm gleich­zei­tig sei­ne sui­zi­da­le Ten­denz neh­men), indem man ihn mit Son­nen- und Wind­ener­gie antreibt und mit sei­nen eige­nen Aus­schei­dun­gen füt­tert. In den Wor­ten von wei­land Rudolf Bahro: die Brü­cke der Tita­nic mit Son­nen­blu­men schmücken.

Die Wäh­ler lie­ben die­se Geschich­te, weil sie ihnen das beru­hi­gen­de Gefühl ver­schafft, irgend­wie ihren eige­nen, res­sour­cen- und ener­gie­ver­schlin­gen­den Lebens­stil (wir sind selbst der Behe­mo­th!) auf­recht­erhal­ten zu kön­nen, ohne dabei ein schlech­tes Gewis­sen haben zu müs­sen. Irgend­je­mand wird schon ein Pas­sa­gier­flug­zeug bau­en, das mit Strom fliegt. Irgend­je­mand wird Power-to-Fuel so bil­lig machen, dass auch die Unter­schich­ten damit ihre Autos betan­ken kön­nen. Irgend­je­mand wird ein intel­li­gen­tes Netz kon­zi­pie­ren, das den Strom bedarfs­ge­recht ver­teilt, auch wenn es kei­ne Atom- und Koh­le­kraft­wer­ke mehr gibt.

Aber Habeck ist nicht dumm. Irgend­wo tief in sich drin wird er schon ahnen, dass er auf der Wel­le eines Schnee­ball­sys­tems segelt, die in abseh­ba­rer Zukunft auf den Strand schla­gen wird. Irgend­wann wird man mer­ken, dass es wenig Sinn hat, ab und zu mal auf eine Flug­rei­se zu ver­zich­ten, wenn gleich­zei­tig in Chi­na dut­zen­de neu­er Flug­hä­fen ent­ste­hen. Irgend­wann wird die mons­trö­se Steu­er­last dazu füh­ren, dass auch hier­zu­lan­de die Unter­schich­ten die gel­ben Wes­ten anzie­hen, den Knüp­pel in die Hand neh­men und den bösen Onkel wäh­len. Irgend­wann wird die Bun­des­re­gie­rung zuge­ben müs­sen, dass man fos­si­le und Kern­kraft­wer­ke gar nicht abschal­ten kann, ohne einen lan­des­wei­ten Black­out mit kata­stro­pha­len Fol­gen zu ris­kie­ren. Und wer möch­te dann schon Kapi­tän sein …?

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