Bernd Ohm

Autorenblog

Kategorie: Allgemeines (Seite 2 von 6)

Im April: »Das Schattencorps«

Neulich beim Surfen auf Amazon … entdeckte ich doch glatt, dass man mein neues Buch schon vorbestellen kann. Verschickt wird’s dann im April!

 

Schattencorps

Sozialismus oder Atomtod

Während im Netz heftig gestritten wird, ob der vorgestern verstorbene Máximo Líder der letzte der romantischen Revolutionäre war oder ein fieser Tyrann, der die Meinungsfreiheit unterdrückte, Schwule und Christen in Konzentrationslager pferchte und sich politischer Gegner durch den Einsatz von Erschießungskommandos entledigte, sollte man nicht vergessen, dass große Teile der Welt, hätte er seinen Willen durchgesetzt, seit 1962 vermutlich eine atomar verstrahlte Wüste wären.

Damals hatte die Sowjetunion, wie allgemein bekannt ist, heimlich begonnen, nukleare Mittelstreckenraketen auf der Karibikinsel zu stationieren. Das war in gewisser Weise verständlich, schließlich hatten die USA seinerzeit ähnliche Waffensysteme in der Türkei aufgestellt, und Chruschtschow wollte im Prinzip nichts weiter als das strategische Gleichgewicht wiederherstellen. Auch von kubanischer Seite aus gesehen überwogen die Vorteile, hatte es doch im Vorjahr die gescheiterte Invasion in der Schweinebucht gegeben, und die Stationierung von Atomwaffen schien eine wirksame Abschreckung gegen weitere derartige Versuche von Seiten der USA zu bieten.

Natürlich flog die Sache auf. Die Amerikaner entdeckten die Raketenstellungen auf U2-Spionageflügen und reagierten mit einer Seeblockade Kubas, die wiederum zur gravierendsten Krise des gesamten Kalten Krieges führte. Mehrere Tage lang war nicht klar, ob die USA eine militärische Invasion der Insel beginnen würden, und auch die sowjetische Führung ließ zunächst die Schiffe mit Militärausrüstung, die noch auf dem Weg nach Kuba waren, weiter Kurs auf die Insel halten. Heute wissen wir, dass eine solche Invasion von Teilen der amerikanischen Regierung und des Militärs gefordert und nur durch Kennedys Besonnenheit verhindert wurde. Wir wissen auch, dass es in dieser extrem angespannten Lage mindestens zweimal aus Versehen beinahe zu einem Atomkrieg gekommen wäre: Ein sowjetisches U-Boot ohne Funkkontakt mit der Einsatzleitung wurde durch amerikanische Übungs-Wasserbomben zum Auftauchen gezwungen, und zwei der drei verantwortlichen Offiziere waren dafür, den an Bord befindlichen Atomtorpedo loszuschicken; nur der Flottillenkommandant Wassili Alexandrowitsch Archipow (ein Held der Menschheit, um mal pathetisch zu werden) verhinderte dies. Unbestätigten Zeugenaussagen zufolge gab es zu gleichen Zeit in einer amerikanischen Raketenstellung auf Okinawa einen Fehlalarm, der fast zum Start der dortigen Raketen geführt hätte.

In dieser Lage bewies Comandante Castro, dass er cojones in der Größe mindestens der Sierra Maestra hatte: In einem Telegramm an Chruschtschow vom 26. Oktober forderte er die Sowjetunion (ziemlich verklausuliert, aber doch deutlich erkennbar) auf, die befürchtete US-Invasion Kubas mit einem atomaren Erstschlag zu beantworten: »Por dura y terrible que sea la solución, no habría otra.« – »So hart und schrecklich die Lösung wäre, es gäbe keine andere.« (Quelle) Womit er sich durchaus im Einklang mit vielen weiteren Kubanern und Mitrevolutionären wissen konnte:

In den Straßen von Havanna skandierten begeisterte Menschen: »Que vengan! Que vengan!« – »Sollen sie doch kommen! Sollen sie doch kommen!« Und Che Guevara schrieb genauso berauscht: »Es ist das fiebererregende Beispiel eines Volkes, das bereit ist, sich im Atomkrieg zu opfern, damit noch seine Asche als Zement diene für eine neue Gesellschaft … Woran wir festhalten ist, dass wir auf dem Weg der Befreiung bleiben müssen, selbst wenn er durch einen Atomkrieg Millionen Opfer kostet, weil wir im Kampf auf Leben und Tod zwischen zwei Systemen nichts anderes denken können als den endgültigen Sieg des Sozialismus oder den Rückschritt durch den atomaren Sieg der imperialistischen Aggression.« (Hoffmann, Bert: Kuba, München 2002, S. 77)

Dazu ist es Gott sei Dank nicht gekommen. Die Russen liebten, wie es in dem schmalzigen Schlager von Sting heißt, ihre Kinder offenbar genauso wie wir und ließen sich hinter dem Rücken Castros auf einen Kuhhandel mit den Amerikanern ein, demzufolge die Raketen aus Kuba wieder abgezogen wurden, während Kennedy zähneknirschend das dortige kommunistische Regime akzeptierte und schließlich etwas später auch die amerikanischen Titan-Raketen aus der Türkei klammheimlich verschwinden ließ.

Was, wenn Chruschtschow nicht nachgegeben hätte? Irgendwann hätte sich Kennedy nicht mehr gegen die Falken im eigenen Lager durchsetzen können, und eine Invasion Kubas wäre unumgänglich geworden. Ein sowjetischer Erstschlag (damals standen 300 russische Sprengköpfe gegen 5000 amerikanische) hätte große Verwüstungen angerichtet, aber die USA hätten zweifellos noch genügend Feuerkraft gehabt, um alles zwischen Ost-Berlin und Wladiwostok (und alles zwischen Havanna und Santiago de Cuba ebenso) in eine atomar verseuchte Wüste zu verwandeln. Ob die Überlebenden sich dem Sozialismus zugewandt hätten, wissen wir nicht, aber es kann uns auch egal sein, weil es uns mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht geben würde.

In diesem Sinne: Möge er in Frieden ruhen! (Mit Betonung auf »ruhen« …)

Die Leute unter dem großen Himmel

Überrascht bin ich eigentlich nicht. Vor langer Zeit schon, als ich mich für Jack Kerouac hielt und per Anhalter durch die Vereinigten Staaten vagabundierte, habe ich diesen Menschenschlag kennengelernt: herzensgut, hilfsbereit und, solange man ihn nicht reizt, ausgesprochen gutmütig. Aber auch ein bisschen krähwinkelig und oft allzu sehr von der eigenen Vortrefflichkeit überzeugt: Man lebt irgendwo in einem dieser flachen und weiten Bundesstaaten, die die Leute aus New York oder Kalifornien nur vom Drüberfliegen kennen, ist glücklich mit sich selbst und seiner kleinen Welt, während der Rest des Planeten oder sogar der eigenen Nation zu einem schemenhaften Etwas zusammenschnurrt, das ab und zu in Form von kriegszerstörten Häuserruinen oder Rassenunruhen in den Großstädten in den Abendnachrichten auftaucht. Die meisten wussten damals weder, dass es zwei Deutschlands gab, noch hätten sie auf einer Weltkarte Paris oder Rom gefunden.

Wenn es gut läuft, sind diese abgeschiedenen Winkel das Paradies auf Erden. Wenn es nicht so gut läuft, verliert man dort schnell die Geduld. Damals lief es nicht so gut: Die USA befanden sich mehr oder weniger seit dem ersten Ölschock in einer permanenten Wirtschaftskrise, die auch durch die »Reaganomics« nicht wirklich besser wurde, Bruce Springsteen sang herzergreifende Lieder über hoffnungslose Verlierer, die der amerikanische Traum vergessen hatte, und das Sterben der großen Stahlwerke hatte die Epoche eingeläutet, in der immer mehr traditionelle Industriebetriebe das Land verlassen würden.

In jenem Sommer war gerade Wahlkampf zwischen Mondale und Reagan, und mehr oder weniger jeder, der mich mitnahm, kam irgendwann auf Politik zu sprechen. Der »große Kommunikator« hatte damals in Europa keine besonders gute Presse, und dies nicht ganz zu Unrecht: Er hatte in seiner ersten Amtszeit den Kalten Krieg auf eine neue Spitze getrieben (heute wissen wir, dass wir bei Able Archer beinahe alle draufgegangen wären), finanzierte seine ideologiegetriebene Wirtschaftspolitik durch eine absurd hohe Staatsverschuldung und war augenscheinlich schon damals geistig nicht mehr so ganz auf der Höhe. Und trotzdem: Sie liebten ihn einfach. Man gab offen zu, dass sich Ronnie vermutlich morgens zwei unterschiedliche Socken anzog, wenn Nancy nicht aufpasste. Man hatte genauso viel Angst vor einem Atomkrieg wie wir Europäer. Man wusste auch, dass die Trickle-down-Politik nicht funktionierte. Aber – Man, he’s just great…! Dass Reagan im Herbst jenes Jahres mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt wurde und Walter Mondale im Orkus der Geschichte verschwand, war keine große Überraschung.

Ich habe lange darüber nachgedacht, weil mir das damals alles so rätselhaft erschien, und bin heute der Meinung, dass die Leute in den besagten Krähwinkeln in Ronald Reagan eigentlich das Bild liebten, das sie sich von sich selbst machten: zupackend, zukunftsorientiert, arbeitsam, gottesfürchtig, gerecht und auserwählt, die Bürger des Neuen Jerusalem zu sein. Es ließe sich leicht einwenden, dass Reagan dies alles nur spielte und das Ganze ohnehin für jemanden, der arbeitslos, geschieden und ohne Schulabschluss durchs Leben geistert, ein unerreichbares Ideal ist, aber welcher politische Führer verdiente es »groß« genannt zu werden, wenn er nicht in irgendeiner Form ein solches Idealbild verkörpern würde? Für die liberalen, modernen Amerikaner der frühen 1960er war Kennedys »Camelot«-Hofstaat das Ziel aller Träume, auch wenn JFK vielleicht in Wirklichkeit nur ein notorischer Fremdgeher mit Rückenproblemen war, der die ersten Soldaten nach Vietnam schickte. Für die Jungs aus North Platte, Nebraska, reichte 1984 ein ehemaliger Westerndarsteller mit rasanter Haartolle und lockeren Sprüchen bei Mikrofonproben.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass all die Leute, die ich damals kennengelernt habe, und ihre Kinder und Kindeskinder noch dazu gestern für den Kandidaten votiert haben, der ihnen Make America Great Again! zugerufen hat. Auch hier lassen sich tausend Gründe finden, warum Trump an seinen eigenen Ansprüchen scheitern wird, auch hier ist der Graben zwischen Ideal und Wirklichkeit unüberbrückbar tief. Aber er gibt ihnen das Gefühl, wieder diejenigen sein zu können, die sie sein möchten. Wer das absehbar böse Ende verhindern will, muss zuallererst dieses Gefühl ernstnehmen und versuchen, ihm auf vernünftige Weise Raum zu geben. Sonst ist The Donald nur der erste in einer Reihe, die jedes Mal schlimmer wird.

Die weiße Stadt, viele Jahre später

Es ist immer ein bisschen gefährlich, nach so langer Zeit an einen Ort zurückzukehren, der im eigenen Leben eine, sagen wir mal, nicht ganz unbedeutende Rolle gespielt hat. Der erste Anfall von saudade erfasst mich beim Blick aus dem Fenster der Unterkunft, der vom Graça-Hügel nach Südosten hinunter zum Fluss geht. Ist da am Ufer nicht irgendwo Santa Apolônia, wo ich als junger Spund mit einem alten Bundeswehrrucksack auf dem Rücken aus dem Zug von Madrid gestolpert bin und zum ersten Mal die Luft am Westrand Europas geschnuppert habe? Und ist hier in Graça nicht irgendwo das muffige Sechsbettzimmer, in das mich die zahnlose Alte geschleppt hat, der ich vor dem Bahnhof in die Fänge gelaufen war? Das Leben vor dem Internet war weniger organisiert, dafür in der Regel spannender …

Später gehen wir zum nächstgelegenen Miradouro, und es kommt noch schlimmer. Da hinten links die Gegend, in der mir meine zukünftige Ex-Frau gezeigt hat, was »um café e um bagaço« bedeutet. Weiter rechts, in der Unterstadt, die Altbauwohnung von José, dem schwulen Rechtsanwalt, der mir (zu Recht) prophezeite, dass ich mich irgendwann wieder mit meinen Eltern aussöhnen würde. Noch weiter rechts, schon oben im Chiado, die Praça Camões, war da nicht die Vorstellung der Zirkusschule, mit der Paula und Fernanda irgendwie zu tun hatten? Spuckte da nicht irgendwer Feuer? Fing nicht mein Freund Christian selbiges für eine der Lusitanierinnen, als sie uns später in Deutschland besuchten?

Gleich daneben das »Palpita-me«, in dem João Osório (der Name muss mal an die Öffentlichkeit) mir einen der peinlichsten Momente meines Lebens verschaffte. Weiterlesen

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