Bernd Ohm

Autorenblog

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Gärten des Grauens

Jeder kennt das: Der Rasen sieht aus wie ein Tep­pich. Die gehark­ten Wege drum her­um ver­lau­fen wie mit dem Line­al gezo­gen. Damit das Gras nicht über die Rän­der wuchert, hat man es mit Spe­zi­al­werk­zeug gestutzt und zur Sicher­heit noch genau gleich­mä­ßig den Rand des Sodens neben der Weg­ein­fas­sung abge­sto­chen. Auf den Bee­ten fin­det sich nicht eine ein­zi­ge ver­welk­te Blü­te, dafür ist alles hübsch in Torf ein­ge­packt, und an den schat­ti­gen Stel­len kommt die che­mi­sche Keu­le zum Ein­satz, um den Giersch aus­zu­mer­zen. Pas­send dazu eine Gar­ten­mö­bel­gar­ni­tur, von deren leder­nen Sitz­flä­chen man essen könn­te, und eine Hecke, die alle zwei Wochen mit der Nagel­sche­re auf 1 Meter 55 gehal­ten wird. Im Herbst nicht ein ein­zi­ges Blatt Laub. Und wenn doch, wird sofort die Höl­len­ma­schi­ne ange­wor­fen, um es wegzublasen.

War­um macht man so etwas? Muss das sein? Ist das schön? Sicher, auch Hip­pie-Gär­ten brau­chen Pfle­ge, und dass der Giersch sich über­all breit macht, ist nir­gend­wo ger­ne gese­hen. Aber war­um muss alles so geord­net und geo­me­trisch sein? Was treibt Men­schen dazu, viel Schweiß und Arbeit dar­in zu inves­tie­ren, jedes biss­chen Leben­dig­keit aus ihren Gär­ten zu vertreiben?

Gut, sagt ihr, das sind Spie­ßer, und Spie­ßer sind eben so. Aber da macht man es sich in biss­chen leicht. Was ist das schließ­lich über­haupt, ein Spie­ßer? Und war­um mag er kei­nen Wild­wuchs? Er könn­te sich ja vor den Fern­se­her hän­gen (ja, es han­delt sich meist um älte­re Zeit­ge­nos­sen), ein Bier auf­ma­chen und in Ruhe das Gras wach­sen las­sen. Was stört ihn daran?

Und was mag er da in Wirk­lich­keit nicht? Gehen wir in der Zeit zurück, ein paar hun­dert oder tau­send Jah­re. Da gab es noch wirk­li­che Wild­nis, rie­si­ge Wäl­der vol­ler gefähr­li­cher Tie­re und wild wuchern­der Natur. Und dann kamen Leu­te mit Stein­äx­ten, spä­ter waren sie aus Metall, und fäll­ten Bäu­me, bau­ten aus dem Holz und Lehm geo­me­trisch sau­ber geord­ne­te Struk­tu­ren, in denen sie leb­ten, und teil­ten das gero­de­te Land in vier­ecki­ge Stü­cke, auf denen Sie Boh­nen oder Ein­korn anbau­ten und die sie mit Flecht­zäu­ne gegen das im Wald wei­den­de Vieh und fre­che Rehe schütz­ten. Jedes ein­ge­zäun­te Stück Land war ein Sieg über die Natur, die das Men­schen­tier in sei­ner Inkar­na­ti­on als Jäger und Samm­ler nur recht dürf­tig an ihren Schät­zen teil­ha­ben ließ. Gera­de Lini­en sind prak­tisch, um beim Pflü­gen nicht die Ori­en­tie­rung zu ver­lie­ren, und wer sein Gemü­se von Wild­kräu­tern über­wu­chern lässt, wird im nächs­ten Win­ter Pro­ble­me haben, an aus­rei­chend Vit­ami­ne zu kommen.

So weit, so gut. Aber, so sagt ihr zu Recht, das gilt heu­te doch gar nicht mehr. Drau­ßen, jen­seits des Gar­ten­zauns erstreckt sich kei­ne wuchern­de Wild­nis, son­dern ein eben­so geo­me­trisch geord­ne­tes Acker­land, auf dem hekt­ar­wei­se öde Mono­kul­tu­ren aus Raps, Wei­zen oder Mais anein­an­der­ge­reiht ste­hen. In Deutsch­land gibt es nicht ein ein­zi­ges Fle­cken Erde, dass dem Gestal­tungs­wil­len des Men­schen ent­kom­men wäre, sogar “Natio­nal­parks” muss man ein­rich­ten und so ummo­deln, dass sie aus­se­hen wie der Urwald, von dem die Städ­ter träu­men. Und trotz­dem wird der eige­ne Gar­ten gehegt und gepflegt, als gel­te es immer noch, die böse Natur im Schach zu hal­ten, die einem die Früch­te schweiß­trei­ben­der Feld­ar­beit weg­neh­men will. Haben sich die Leu­te nur irgend­wie im Jahr­hun­dert geirrt oder kön­nen ein­fach nicht von alten Gewohn­hei­ten lassen?

Die Ant­wort dürf­te tief in den dunk­len Geheim­nis­sen der deut­schen See­le, ja der See­le des Euro­pä­ers schlecht­hin ver­bor­gen lie­gen. Nein, ich kom­me jetzt nicht mit Freuds ana­ler Pha­se und Ador­nos auto­ri­tä­rem Cha­rak­ter. Sehen wir uns lie­ber an, was C.G. Jung in Traum und Traum­deu­tung über die Bezie­hung des Unbe­wuss­ten zur Natur zu sagen hatte:

Wir haben kei­ne Busch­see­le mehr, die uns mit einem wil­den Tier iden­ti­fi­ziert. Unse­re direk­te Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Natur ist zusam­men mit der damit ver­bun­de­nen beträcht­li­chen emo­tio­na­len Ener­gie im Unbe­wuss­ten versunken.

Soll­te der Gar­ten des Grau­ens also eine Art unbe­wuss­ter Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Natur sein? Noch zen­tra­ler ist hier wohl der Vor­gang der Pro­jek­ti­on: Die Inhal­te des Unbe­wuss­ten kön­nen wir direkt nicht erfas­sen (sonst wäre es ja nicht unbe­wusst), son­dern nur auf dem Wege der Pro­ji­zie­rung die­ser Inhal­te auf die Objek­te der Außen­welt. Die­se Pro­ji­zie­rung funk­tio­niert ganz auto­ma­tisch, und sie funk­tio­niert des­halb, weil es irgend­et­was in die­ser Außen­welt gibt, das über eine asso­zia­ti­ve gedank­li­che Ver­knüp­fung mit einem Inhalt der unbe­wuss­ten Psy­che par­al­lel gesetzt wer­den kann.

Was aber fin­den wir, wenn wir tief in das Unbe­wuss­te des abend­län­di­schen Chris­ten­men­schen eben­so wie in das sei­nes athe­is­tisch-auf­ge­klär­ten Vet­ters schau­en? All jene müh­sam ver­dräng­te Wild­heit, Grau­sam­keit und Unbän­dig­keit, die wir tra­di­tio­nell der “Natur” zuschrei­ben (mit his­to­risch durch­aus guten Grün­den, sie­he oben), und die vom Chris­ten­tum zu den Wer­ken des Satans gezählt, von der Auf­klä­rung aber in die Schmud­del­ecke des Aso­zia­len ver­wie­sen wird – mit jeweils ähn­li­chem Resul­tat. C.G. Jung zufol­ge ist das gro­ße Pro­blem der euro­päi­schen Kul­tur die feh­len­de Inte­gra­ti­on die­ses “Schat­ten­ar­che­typs” in die Gesamt­per­sön­lich­keit, d. h. die ein­sei­ti­ge Beto­nung des Chris­tus­vor­bilds, das noch im Ide­al des auf­ge­klär­ten Men­schen wei­ter­wirkt, der sich Tech­nik und Natur­wis­sen­schaf­ten bedient, um die Welt sei­nem Wil­len zu unter­wer­fen. Ein voll ent­wi­ckel­tes “Selbst” kann erst ent­ste­hen, wenn der Schat­ten im Ver­lauf einer Indi­vi­dua­ti­on bewusst und zum akzep­tier­ten Teil der Per­sön­lich­keit wird – ohne die­se zu beherr­schen und ohne die Fähig­keit des Men­schen zum Leben in Gemein­schaft mit ande­ren zu beeinträchtigen.

Das ist natür­lich eine schwie­ri­ge Kunst, die der Psy­che eini­ges an Ener­gie abver­langt (“Es muss aller­dings aner­kannt wer­den, daß man nichts schwe­rer erträgt als sich selbst.”, C.G. Jung: Die Bezie­hun­gen zwi­schen dem Ich und dem Unbe­wuß­ten, Zwei­ter Teil, Die Indi­vi­dua­ti­on, S. 110), und so ver­wun­dert es nicht, dass man den gan­zen Plun­der am liebs­ten ein­fach in den Kel­ler trägt, mit gött­li­chem Bei­stand die Tür zum Auf­gang ver­ram­melt und hofft, ihn dadurch los­zu­wer­den. Was natür­lich nie­mals gelingt.

Denn der Schat­ten klopft sofort wie­der an der Vor­der­tür an und will her­ein, dies­mal aber nicht als offen­sicht­li­cher Teil der eige­nen Per­sön­lich­keit, son­dern in Gestalt des macht­lüs­ter­nen Aus­län­ders (die eige­ne Macht­lust!), des hab­gie­ri­gen Juden (die eige­ne Hab­gier!), des gei­zi­gen Kapi­ta­lis­ten (der eige­ne Geiz!) oder eben in Form der wild wuchern­den Natur, die man unbe­dingt in Schach hal­ten muss, um die eige­ne Wild­heit nicht aner­ken­nen zu müs­sen. So wird doch auf recht ein­fa­che Wei­se ein Schuh draus – der Gar­ten Eden in der west­li­chen Tra­di­ti­on ist nun mal ein Gar­ten, kein Urwald. Man fin­det die­se Men­ta­li­tät nicht zufäl­lig beson­ders aus­ge­prägt in den pro­tes­tan­ti­schen Gebie­ten, wo der Kampf mit dem Teu­fel bekannt­lich im eige­nen Gewis­sen aus­ge­foch­ten wer­den muss, wäh­rend man katho­li­scher­seits wie üblich ein biss­chen g’schlamperter sein kann, weil man’s in der Beich­te dann ja eh wie­der loswird.

Wie die­se Men­ta­li­tät in den letz­ten zwei­hun­dert Jah­ren die Umwand­lung Deutsch­lands in die wohl­ge­ord­ne­te Ödnis unse­rer Gegen­wart vor­an­ge­trie­ben hat, wird ein­ge­hend – wenn auch ohne die Bezug­nah­me auf das Unbe­wuss­te und die Ana­ly­ti­sche Psy­cho­lo­gie – in dem sehr erhel­len­den Buch Die Erobe­rung der Natur: Eine Geschich­te der Deut­schen Land­schaft des bri­ti­schen His­to­ri­kers David Black­bourne beschrie­ben. Wir sehen hier in dem Spie­gel, den uns ein aus­län­di­scher Wis­sen­schaft­ler vor­hält, all jene “gro­ßen Pro­jek­te”, mit denen die Deut­schen ihre Natur unter­wor­fen haben – von der Begra­di­gung des Rheins durch Tul­la über die Tro­cken­le­gung des Oder­bruchs und die Ein­dei­chung der nord­west­deut­schen See­mar­schen bis hin zu den Kul­ti­vie­rungs­pro­jek­ten der Nazis im besetz­ten Ost­eu­ro­pa. Zwar sahen eini­ge Zeit­ge­nos­sen auch den enor­men Ver­lust an Bio­di­ver­si­tät, den etwa Theo­dor Fon­ta­ne am Bei­spiel des Oder­bruchs als “Ver­nich­tungs­krieg gegen Wild­bret und Geflü­gel” bezeich­ne­te, aber viel wich­ti­ger ist das Gefühl der neu­en Sied­ler und ihrer Nach­kom­men, nun in einem “Para­dies” zu leben (das dann im Fall der Gebie­te öst­lich der Oder nach 1945 zu einem “ver­lo­re­nen” Para­dies wur­de), das von Men­schen­hand in Über­ein­stim­mung mit dem gött­li­chen Plan geschaf­fen wor­den war.

Zwangs­läu­fig konn­ten Ver­trie­ben­en­dich­ter wie Agnes Mie­gel die Abtre­tung der Hei­mat an Polen und die Sowjet­uni­on auch nicht anders sehen als unter dem Vor­zei­chen einer vor­geb­li­chen Rück­kehr der Wildnis:

O kalt weht der Wind über lee­res Land,
O leich­ter weht Asche als Staub und Sand!
Und die Nes­sel wächst hoch an geborst­ner Wand,
Aber höher die Dis­tel am Ackerrand!

Frü­her aber:

Da wog­te der Rog­gen wie See so weit,
Da klang aus den Erlen der Spros­ser Sin­gen
Wenn Her­de und Foh­len zur Trän­ke gin­gen,
Hof auf, Hof ab, wie ein Herz so sacht,
Klang das Klop­fen der Sen­sen in hel­ler Nacht,
Und Heu­kahn an Heu­kahn lag still auf dem Strom

[…]

Gar­be an Gar­be im Fel­de stand.
Hügel auf, Hügel ab, bis zum Hünen­grab
Stan­den die Hocken, brot­duf­tend und hoch,

(Agnes Mie­gel, Es war ein Land)

Hier klingt das Bild einer wohl­ge­ord­ne­ten, grü­nen Kul­tur­land­schaft an, die der wil­den Natur abge­run­gen wur­de, und die nun wie­der, unter sowje­ti­scher Herr­schaft, in den Zustand der wil­den, zügel­lo­sen Natur zurück­kehrt, der die deut­schen Sied­ler einst­mals Ein­halt gebo­ten hatten.

Das also ist das anfangs beschrie­be­ne Spieß­er­glück: ein Gar­ten Eden, aus dem alles Böse und Wil­de ver­trie­ben wur­de und des­sen Gren­zen stän­dig gegen den Wie­der­ein­fall der ver­dräng­ten Dämo­nen des eige­nen Unbe­wuss­ten ver­tei­digt wer­den müs­sen. Him­mel hilf den armen, ver­lo­re­nen See­len! Jungs gro­ßes Pro­jekt der Indi­vi­dua­ti­on und der Inte­gra­ti­on des Schat­tens ist so nötig wie eh und je, und mit jedem Tag wächst die Sehn­sucht nach Wildnis.

Trotz­dem muss ich jetzt mal raus und das Aus­le­ger­wirr­war im Erd­beer­beet besei­ti­gen. Man muss halt irgend­wie die Balan­ce finden…

 

 

Warum Mittelalter?

Jedes Jahr zu Herbst­be­ginn spie­len sich in der klei­nen Stadt, die ein paar Kilo­me­ter wei­ter fluss­auf­wärts liegt, wun­der­li­che Sze­nen ab: Men­schen jeden Alters und jeder Pro­fes­si­on wer­fen sich in Leder, Ket­ten­hemd und Zobel­pel­z­imi­tat, um zwei Tage lang die Gäss­chen des alten Burg­fle­ckens mit einem “Mit­tel­al­ter­markt” zu bele­ben, der mit dem ech­ten Mit­tel­al­ter in etwa so viel zu tun hat wie der Musi­kan­ten­stadl mit wirk­li­cher Volks­mu­sik. Zum Auf­takt schrei­tet der Graf, der hier im 15. Jahr­hun­dert tat­säch­lich resi­dier­te, von Bru­der Bischof und Toch­ter Non­ne beglei­tet auf den Platz und eröff­net das Spek­ta­kel, das angeb­lich zu Ehren sei­ner Toch­ter abge­hal­ten wird, die in der Spiel­hand­lung soeben zur Äbtis­sin ihres Kon­vents erho­ben wur­de. Spä­ter tau­chen in der Regel noch ein Min­ne­sän­ger auf, dann diver­se Musik­grup­pen, die mit Trom­mel und Schal­mei zum Mit­tel­al­ter-Folk auf­spie­len, dann tap­fe­re Rit­ter, die sich in Erman­ge­lung einer ech­ten Tur­nier­bahn Stroh­sä­cke um die Ohren hau­en, und schließ­lich zieht spät nachts eine aben­teu­er­lich aus­staf­fier­te Bitt- und Buß­pro­zes­si­on samt Pest­kar­ren und laut­hals stöh­nen­den Kran­ken durch die Markt­stra­ßen bis an den Fluss. Danach wird ordent­lich Met getrunken.

Ört­li­chen Tra­di­tio­nen ist das nicht gera­de ver­pflich­tet – im Mit­tel­al­ter kann­te man hier wie in vie­len Orten Nord­deutsch­lands einen jähr­li­chen “Frei­markt”, der zu Petri Ket­ten­fei­er (1. August) abge­hal­ten wur­de; Märk­te außer­halb der Regel waren ein eher sel­te­nes Phä­no­men. Und nur, weil eine Gra­fen­toch­ter die Lei­tung eines Klos­ters über­nahm, hät­te der Papa sicher nicht extra eine der­ar­ti­ge Groß­ver­an­stal­tung ins Leben geru­fen. Das wur­de schlicht erwar­tet – wozu sonst hät­te er dem Klos­ter eine groß­zü­gi­ge jähr­li­che Geld­ren­te über­schrie­ben? Auch die von den Ver­an­stal­tern gespro­che­ne “Markt­spra­che”, ein put­zi­ges Kau­der­welsch aus Luther- und Barock­deutsch (“Gebe er mir zwei Sil­ber­lin­ge, dass Ein­lass sei!”), hat so rein gar nicht mit­tel­al­ter­li­ches, denn in die­ser Epo­che sprach (und schrieb) man hier­zu­lan­de Mit­tel­nie­der­deutsch, den alt­ehr­wür­di­gen Vor­fah­ren des heu­ti­gen Platt­deut­schen. Und dann die Kos­tü­me! Einer sieht aus wie ein Wikin­ger, der nächs­te wie ein ent­fern­ter Vet­ter Albrecht Dürers, eine drit­te hat sich beim Out­fit von Vam­pi­rel­la inspi­rie­ren las­sen, und zu guter Letzt bie­gen auch noch ein paar Pira­ten um die Ecke, die es irgend­wie von der Schild­krö­ten­in­sel hier­her ver­schla­gen hat.

Dem Enthu­si­as­mus von Mit­wir­ken­den und Zuschau­ern tut das nicht den gerings­ten Abbruch. Im Gegen­teil, das Spek­ta­kel erfreut sich größ­ter Beliebt­heit – bei klei­nen Jungs, die ihre Väter zum Stand mit den Papprüs­tun­gen zer­ren, eben­so wie bei Leh­re­rin­nen, die sich in lan­ge Samt­ge­wän­der hül­len und ein Wochen­en­de lang das Spinn­rad antrei­ben, und Ver­wal­tungs­fach­an­ge­stell­ten, die sich einen Topf­helm auf­set­zen, eine Hel­le­bar­de in die Hand neh­men und brül­lend Befeh­le ertei­len. Irgend­et­was am Mit­tel­al­ter fasziniert.

Wenn die fal­schen Rit­ter und Pest­kran­ken sich ihre krat­zi­gen Lei­nen­hem­den über­wer­fen, haben ein paar Kilo­me­ter wei­ter süd­lich die, wie man in Bay­ern sagt, ganz Vogel­wil­den schon wie­der ihre Sachen gepackt und sich auf den Heim­weg gemacht. Acht­tau­send sol­len es angeb­lich sein, die sich all­jähr­lich für ein paar Tage im August als Pala­di­ne, Drui­den, Bar­ba­ren, Orks, Unto­te oder Ele­men­tar­we­sen des Feu­ers ver­klei­den und sich auf den Wei­den eines alten Guts­hofs gegen­sei­tig Gum­mi­schwer­ter um die Ohren hau­en. Sie tau­chen ab in das mit Ana­bo­li­ka auf­ge­pump­te Mit­tel­al­ter der Fan­ta­sy-Bücher und ‑Com­pu­ter­spie­le, suchen nach Kraft­kris­tal­len oder Zwer­gen­schät­zen, schmie­den Alli­an­zen zwi­schen Groß­fürs­ten und Hohe­pries­te­rin­nen oder ver­su­chen, das Sie­gel der Alten zu bre­chen, um am Ende (was auch sonst?) das Böse zu besie­gen. Die Kos­tü­me sind aus­ge­feil­ter, aber noch unhis­to­ri­scher als auf dem Gra­fen­markt, dafür darf man sich hier hem­mungs­los nekro­phi­len und blut­dürs­ti­gen Phan­tas­te­rei­en hin­ge­ben und so tun, als sei der alte Eichen­sün­der des Guts­hofs ein Zau­ber­wald vol­ler Dun­kel­el­fen und Wargs.

Die Sze­ne ist irgend­wann aus den Pen-und-Paper- bzw. PC-Rol­len­spie­len her­vor­ge­gan­gen. Man ver­setzt sich nicht nur im Geis­te in sei­nen Spie­le-Ava­tar, son­dern ver­kör­pert die­sen sozu­sa­gen selbst. Da aber die Fähig­kei­ten eines Cha­rak­ters in einem Rol­len­spiel durch ein recht kom­pli­zier­tes Punk­te- und Regel­sys­tem fest­ge­legt sind, kann man nicht ein­fach los­zie­hen und tat­säch­li­che Aben­teu­er erle­ben (die ja nur des­we­gen aben­teu­er­lich sind, weil man wirk­lich etwas aufs Spiel setzt), son­dern bewegt sich in einer mehr oder weni­ger fest­ge­leg­ten Geschich­te, deren Ablauf von der Spiel­lei­tung mit­hil­fe der “Nicht-Spie­ler-Cha­rak­te­re” gesteu­ert wird. Und wenn einem die Skill-Punk­te zum Meu­chel­mord feh­len, nutzt einem auch das kunst­fer­tigs­te Real­welt-Anschlei­chen an den Feind nichts, wenn der gera­de mit einem Zau­ber­trank sei­nen Intui­ti­ons­wert erhöht hat und den Über­fall mühe­los abweh­ren kann.

Dass man mich da nicht miss­ver­steht: Ich habe nichts gegen das Mit­tel­al­ter. Schließ­lich bin ich aus­ge­bil­de­ter His­to­ri­ker, das heißt ich möch­te wis­sen, war­um alles im Ver­lauf der Zeit so gewor­den ist, wie es ist. Vie­le Phä­no­me­ne der Jetzt­zeit aber ver­steht man erst, wenn man ihre Wur­zeln kennt, und die lie­gen nun mal für unse­re Brei­ten­gra­de im Wesent­li­chen in die­ser Epo­che. Von daher ist das Mit­tel­al­ter sogar mei­ne Lieb­lings­zeit…! Ich bin auch Eska­pis­mus in Form von Fan­ta­sy-RPGs gegen­über nicht abge­neigt und habe schon so man­chen elek­tro­ni­schen Pixel-Ork mit einem eben­so elek­tro­ni­schen Pixel-Zwei­hän­der plus Feu­er­ball-Zau­ber in die ewi­gen Jagd­grün­de geschickt. Ich lese sogar alle drei, vier Jahr den Herrn der Rin­ge von vor­ne bis hin­ten durch, obwohl ich die Geschich­te so lang­sam nun wirk­lich aus­wen­dig ken­ne. Trotz­dem ver­spü­re ich bei bei­den oben genann­ten Ver­an­stal­tun­gen ein gewis­ses Befremden.

Zunächst ein­mal war ja das ech­te Mit­tel­al­ter für die meis­ten Men­schen, die es tat­säch­lich erlebt haben, kei­ne beson­ders schö­ne Zeit. Wer nicht schon als Kind an einer der vie­len Krank­hei­ten oder in den zahl­lo­sen klei­nen Kriegs­hand­lun­gen ver­starb, den erwar­te­te ein kur­zes Leben vol­ler Kno­chen­ar­beit, Hun­ger und Schmutz. Die meis­ten Men­schen waren kei­ne strah­len­den Rit­ter, gelehr­ten Mön­che oder umher­schwei­fen­de Aben­teu­rer, son­dern elen­de Bau­ern, die oft mit Leib und Leben ihrem Herrn ver­schrie­ben waren und jedes Jahr im Som­mer von neu­em zit­ter­ten, ob die Ern­te dies­mal aus­rei­chen wür­de, um die Abga­ben zu zah­len. Fah­ren­de Rit­ter waren in der Regel arme Schlu­cker, die bei den gro­ßen Her­ren um ein Lehen bet­tel­ten, das ihnen ein eini­ger­ma­ßen erträg­li­ches Leben im Alter bie­ten konn­te. Vagan­ten und Spiel­leu­te waren ehr­los und ver­femt. Eine Rüs­tung kos­te­te so viel wie ein paar Dut­zend Och­sen, und Frau­en in unab­hän­gi­gen gesell­schaft­li­chen Rol­len waren wenn über­haupt nur in den luf­ti­gen Sphä­ren des Hoch­adels oder im Halb­dun­kel schwü­len Dunst der Bade­stu­ben zu fin­den. Wenn man es wag­te, eige­ne Ansich­ten über Gott und die Welt zu haben, muss­te man sie vor den Scher­gen der Kir­che ver­ber­gen oder dem siche­ren Tod als Ket­zer ins Auge sehen. Wer woll­te in sol­chen Zei­ten leben…!?

Dar­über hin­aus hat man es hier natür­li­che mit der­sel­ben Fremd­scham zu tun, die einen befällt, wenn man erwach­se­nen Men­schen begeg­net, die sich am Wochen­en­de als India­ner, römi­sche Legio­nä­re oder Pan­zer­gre­na­die­re des 2. Welt­kriegs ver­klei­den. Natür­lich kann man an einer Geschich­te, und sei sie noch abstrus, im Geis­te in einem extrem hohen Grad teil­ha­ben, aber selbst so tun, als erle­be man sie? Das Adre­na­lin, das man beim Spie­len eines PC-Adven­tures oder beim Lesen eines span­nen­den Thril­lers aus­schüt­tet, ist ja gera­de des­we­gen echt, weil man sich im Vor­gang des Spie­lens oder Lesens in der Abs­trak­ti­on der eige­nen Vor­stel­lungs­welt mit den Prot­ago­nis­ten iden­ti­fi­ziert, die ja jeder­zeit im Ver­lauf ihrer Aben­teu­er das Leben ver­lie­ren könn­ten. Wie span­nend aber kann es sein, selbst zu einer fik­ti­ven Figur zu wer­den, deren Schick­sal eben nicht durch die eige­nen, son­dern fik­tiv zuge­schrie­be­ne Eigen­schaf­ten bestimmt wird? Schau­spie­ler kön­nen das, es ist ihr Beruf, aber es muss Zuschau­er geben, die mit ihnen mit­fie­bern, sonst kann die Fik­ti­on nicht wirken.

Trotz­dem – alles, was Men­schen tun, hat irgend­ei­nen Sinn. Wel­cher also ist es hier?

Sicher­lich spielt der erwähn­te Eska­pis­mus eine gewis­se Rol­le. Das war schon bei eini­gen mei­ner Kom­mi­li­to­nen so, die nicht des­we­gen Geschich­te stu­dier­ten, weil sie irgend­ei­ne Art von Erkennt­nis­in­ter­es­se geplagt hät­te, son­dern weil die sich ger­ne “in ver­gan­ge­ne Zei­ten hin­ein­ver­setz­ten”. (Ach, ihr wacke­ren All­gäu­er Lehr­amt­skan­di­da­ten…!) Die moder­nen Indus­trie­staa­ten ermög­li­chen ihren Bewoh­nern ein Leben im Über­fluss der mate­ri­el­len Mög­lich­kei­ten, ohne Hun­ger und Not, fried­vol­ler als je zuvor in der Mensch­heits­ge­schich­te. Nicht ein­mal die Gei­ßel des Krie­ges ken­nen wir noch, die unse­re Vor­fah­ren noch alle paar Jah­re oder wenigs­tens Jahr­zehn­te mit Tod, Gewalt und Pesti­lenz heim­such­te. Im Gegen­teil, wir haben ein lan­ges Leben, in dem wir Ein­drü­cke sam­meln und Erfah­run­gen machen können.

Aber eines ist die­ses Leben nicht: selbst­be­stimmt. Jeder ist nur ein klei­ner Bestand­teil einer rie­si­gen, mög­lichst ratio­nal orga­ni­sier­ten Maschi­ne, die der Her­vor­brin­gung von Waren und Dienst­leis­tun­gen dient, und in der Regel kann man sei­ne Rol­le in die­sem Räder­werk nur aus­fül­len, wenn man so ver­nünf­tig wie mög­lich sei­ne Auf­ga­ben erle­digt. Das ist der faus­ti­sche Pakt, den jeder ein­ge­hen muss, um nicht unter besag­te Räder zu kom­men, und die Über­be­to­nung der Ratio im All­tag führt natür­lich ten­den­zi­ell dazu, dass man in der arbeits­frei­en Zeit umso hef­ti­ger die Zügel schie­ßen lässt und sich einem völ­lig sinn­ent­leer­ten Hedo­nis­mus (Par­ty! Par­ty!) oder sons­ti­gen Spiel­ar­ten der Regres­si­on hin­gibt, von denen Live-Rol­len­spie­le oder Mit­tel­al­ter-Ree­nact­ment ein­fach nur zwei beson­ders exzen­tri­sche Vari­an­ten wären.

Ich schrei­be aus­drück­lich “wären”. Denn die sym­pa­thi­sche Ernst­haf­tig­keit, die beson­ders die Live-Rol­len­spie­ler (jeden­falls die in dem Film Wochen­end­krie­ger gezeig­ten Ver­tre­ter die­ser Spe­zi­es) aus­zeich­net, spricht nicht unbe­dingt dafür, dass wir es hier ein­fach nur mit über­spann­ten Zivi­li­sa­ti­ons­flücht­lin­gen zu tun haben, die sich ein paar Tage lang in Con­an, den Bar­ba­ren oder Lilith, die Erz­dä­mo­nin ver­wan­deln, um der Tret­müh­le des All­tags zu ent­kom­men. Die all­um­fas­sen­de iro­ni­sche Distanz, mit der sich unse­re heu­ti­ge Jugend vor jeder Art von Ernst­haf­tig­keit oder Nach­den­ken über das neo­li­be­ra­le Räder­werk, bei dem sie – halb hin­ge­zo­gen, halb sich sträu­bend – mit­ma­chen muss, zu schüt­zen sucht, fin­det man aus­ge­rech­net hier über­haupt nicht. Ganz im Gegen­teil: LAR­Per sind offen­bar über­durch­schnitt­lich intel­li­gent, sozi­al hoch­kom­pe­tent und reflek­tie­ren das, was sie tun, mit Begeis­te­rung und Sach­ver­stand. Mehr noch, sie erfor­schen in ihren Rol­len­spie­len Sei­ten ihrer Per­sön­lich­keit, die in ihrem “nor­ma­len” Leben offen­bar zu kurz kom­men, und sind womög­lich aus­ge­gli­che­ner und mit sich selbst bes­ser im Rei­nen als wir armen Nicht-LARPer.

Was also bewegt sie? Was ist ihr Geheim­nis? Als eine der Rol­len­spie­le­rin­nen in dem erwähn­ten Film Wochen­end­krie­ger nach der Moti­va­ti­on gefragt wird, sich so auf­wän­dig als Elfen­kö­ni­gin aus­zu­staf­fie­ren, macht sie eine inter­es­san­te Bemer­kung: “Der Mensch sehnt sich ja doch nach irgend­et­was, das grö­ßer ist als man selbst.” Also … nach einer Gott­heit? Nach der Vor­se­hung? Soll­te hier ein Bedürf­nis ver­su­chen, sich Bahn zu schaf­fen, das letz­ten Endes eigent­lich reli­giö­ser Natur ist? Schon die aus­ge­feil­te fik­ti­ve Mytho­lo­gie hin­ter den Live-Rol­len­spie­len, bei denen nicht nur ein umfang­rei­ches Regel­werk zum Ein­satz kommt, son­dern auch Unmen­gen von Ein­flüs­sen aus den ver­schie­dens­ten kul­tu­rel­len, magi­schen und reli­giö­sen Tra­di­tio­nen ihre Wir­kung ent­fal­ten, spricht für die­se Deu­tung. Die Göt­ter stei­gen in Form von Ava­taren in die Welt der Men­schen hin­ab wie im Hin­du­is­mus, in der Regel ist die aus­ge­dach­te Welt von einem hei­li­gen Ener­gie­prin­zip erfüllt, das dem Mana der Süd­see­in­su­la­ner oder dem grie­chi­schen Pneu­ma gleicht und von “Zau­be­rern” und “Drui­den” genutzt wer­den kann, und wenn man das rich­ti­ge Ritu­al mit dem rich­ti­gen Grad an magi­scher Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit aus­führt kann man sogar Anie­sha Fey, die ers­te Toch­ter der Nega­ti­on bezwin­gen. Von den für Boss­kämp­fe zustän­di­gen Dämo­nen, deren Namen oft aus der kab­ba­lis­ti­schen Tra­di­ti­on ent­lehnt sind, ganz zu schweigen.

Also eine Art Pseu­do-Reli­gi­on? Aber wel­che Reli­gi­on, wenn man ihre Grund­la­gen näher unter­sucht, wäre nicht “pseu­do”? Man fin­det, wenn man die viel­fäl­ti­gen äuße­ren Erschei­nungs­for­men der Mit­wir­ken­den eines Live-Rol­len­spiel (oder sogar eines Mit­tel­al­ter­markts) auf ihre gemein­sa­men Ursprün­ge zurück­führt, tat­säch­lich nichts wei­ter als die Arche­ty­pen, die Carl Gus­tav Jung im kol­lek­ti­ven Unbe­wuss­ten der Mensch­heit ver­or­te­te und deren Pro­jek­ti­on nach außen in Göt­ter und Geis­ter die Grund­la­ge jeder Reli­gi­on sind, ob eta­bliert oder nicht: den wei­sen Alten, die böse Hexe, die mäch­ti­ge Mut­ter, den strah­len­den Hel­den, den Schat­ten, den Wil­den Mann, die Mai­en­kö­ni­gin, die Göt­tin der Jagd, über­haupt jede Art von Ani­ma – der gan­ze Geis­ter- und Göt­ter­zoo von Ani­mis­mus und Poly­the­is­mus tritt uns hier ent­ge­gen, und er trägt ech­te Rüs­tun­gen und fal­sche Spitz­oh­ren. Die Mit­tel­al­ter­sze­ne ist hier sozu­sa­gen die Vor­stu­fe, weil es eigent­lich nur um eine mög­lichst authen­ti­sche Kos­tü­mie­rung geht, aber die LAR­Per gehen dann den kon­se­quen­ten nächs­ten Schritt. Jeder der Mit­wir­ken­den eines Live-Rol­len­spiels ist irgend­wie im Auf­trag einer höhe­ren Macht unter­wegs, und jeder fin­det dort wenigs­tens andeu­tungs­wei­se etwas, das nur die Reli­gi­on bie­ten kann: Sinn. Es mag albern sein, Anie­sha Fey besie­gen zu wol­len, aber wenn man dazu beru­fen ist, was soll man machen? Jeder hat sein Schicksal.

Nicht zufäl­lig geht der Auf­stieg des Fan­ta­sy-Gen­res mit dem Abstieg des Chris­ten­tums in Euro­pa ein­her. Es dürf­te heu­te selbst im hin­ters­ten Ober­bay­ern schwer sein, noch jeman­den zu fin­den, der so inbrüns­tig und glü­hend an Gott, die Mut­ter Maria und die Hei­li­gen glaubt, wie dies vie­le Men­schen im tat­säch­li­chen Mit­tel­al­ter getan haben. Aber das hat unse­ren Hun­ger auf das Numi­no­se nicht besei­ti­gen kön­nen. Und es hat immer mehr dazu geführt, dass wir uns unser magisch-mythi­sches Zeit­al­ter, die Ahnen­zeit, die noch jede mensch­li­che Kul­tur hat­te, selbst zusam­men­zim­mern. Und nichts ande­res ist wohl die­se Tra­ves­tie, die auf den Mit­tel­al­ter­märk­ten auf­ge­führt und bei den Live-Rol­len­spie­len ins Absur­de gestei­gert wird, als die Traum­zeit der Moder­ne. Eine Welt, die nie­mals war, aber immer ist. Eine Sehn­sucht nach höhe­rer Bedeu­tung, nach reli­giö­sem Ritu­al, die nir­gends sonst mehr befrie­digt wird. Die ers­ten Schrit­te auf dem Weg zurück in eine Welt, die uns nach der Auf­klä­rung für immer ver­schlos­sen schien. Wenn die frü­he Sci­ence Fic­tion mit ihren galak­ti­schen Erobe­run­gen eine fik­ti­ve Fort­schrei­bung des impe­ria­lis­ti­schen Zeit­al­ters nach des­sen Ende ist, spielt die Fan­ta­sy die Rol­le des Reli­gi­ons­er­sat­zes nach dem Tod Gottes.

Es hat also auch gar kei­nen Sinn, die man­geln­de his­to­ri­sche Authen­ti­zi­tät die­ser Ver­an­stal­tun­gen zu bekla­gen. Eben­so könn­te man den Teil­neh­mern eines St.-Martin-Zuges vor­wer­fen, dass die vom Mar­tins-Dar­stel­ler getra­ge­ne Rüs­tung im 4. Jahr­hun­dert nicht gebräuch­lich war und die Römer damals noch nicht so gro­ße Pfer­de hat­ten. Und dass die Geschich­te mit dem Bett­ler und dem Man­tel sowie­so bloß aus­ge­dacht ist. Es geht hier viel­mehr um eine inne­re Wahr­heit, die dem rei­nen His­to­ri­ker fremd blei­ben muss, um das halb bewuss­te Ein­tau­chen in eine Welt, bei der das Inners­te nach Außen pro­ji­ziert wird. Um geleb­tes Ritual.

Puh…

Der ein­gangs erwähn­te Graf wär­te also das Urbild des “Wei­sen Herr­schers”, sein Bru­der, der Bischof jenes des “Magi­ers”, die Toch­ter wäre die “Hohe­pries­te­rin”, die ver­sam­mel­ten Rit­ter alles Inkar­na­tio­nen des “Strah­len­den Hel­den”, die Gauk­ler sol­che des “Nar­ren”, und selbst die Pira­ten hät­ten noch ihre Rol­le, näm­lich die des “rebel­li­schen Engels” in der Tra­di­ti­on Luzi­fers. Man könn­te ein gan­zes Tarot-Blatt aus ihnen machen.

Soll­te das also schon die Ant­wort sein? Mit­tel­al­ter-Ree­nact­ment und LARP-Cons als sozu­sa­gen frei­re­li­giö­se Erwe­ckungs­tref­fen, deren Teil­neh­mer in den kol­lek­tiv orga­ni­sier­ten Kon­takt mit den tiefs­ten see­li­schen Kräf­ten in sich selbst tre­ten? Ich den­ke, es ist zumin­dest ein Teil der Ant­wort. Im nächs­ten Text die­ser Rei­he wer­de ich aller­dings unter­su­chen, ob es nicht noch einen ande­ren Grund für die Mit­tel­al­tersehn­sucht gibt, näm­lich den, dass das Zeit­al­ter uns eine Auf­ga­be gege­ben hat, die wir immer noch nicht gelöst haben. Ins­be­son­de­re wird es um die Idee des Hei­li­gen Grals gehen, den Zau­be­rer Mer­lin und die Fra­ge, was bei­de mit der Sehn­sucht nach see­li­scher Ganz­heit und der Über­win­dung des Chris­ten­tums zu tun haben. Blei­ben Sie also dran!

 

Fak­ten, Daten, Hintergründe:

Was ist Mittelalter-Reenactment?

Was ist ein Live-Rollenspiel?

Was sind Archetypen?

C.G. Jung-Taschen­buch­aus­ga­be: Arche­ty­pen, Mün­chen 2001

 

Gottes Freund, des Zuschauers Feind

Das Schlimms­te ist, dass ich die­sen Quark ver­mut­lich auch noch selbst mit ange­setzt habe: So etwa Mit­te, Ende der 90er Jah­re bas­tel­te ich an einem Dreh­buch über das Leben Klaus Stör­te­be­ckers her­um, das sei­ner­zeit diver­sen Münch­ner Film-Fuz­zis unter die Augen kam und bei die­sen für gewöhn­lich die Fra­ge pro­vo­zier­te: “Und war­um läuft er am Ende nicht ohne Kopf an sei­nen Kame­ra­den vor­bei?” Weil ich kein Fan­ta­sy-Epos erzäh­len woll­te, natür­lich, son­dern die tra­gi­sche Pas­si­on einer Schar von Auf­rüh­rern, die an ihrer Zeit schei­tern – so typisch deutsch wie Tho­mas Münt­zer, die 48er Revo­lu­ti­on oder die Baye­ri­sche Räte­re­pu­blik. Am Ende gewann ich den Ein­druck, dass sich die­se Geschich­te im der­zei­ti­gen deut­schen Film- und Fern­seh­we­sen nur als Kas­per­le­thea­ter erzäh­len lie­ße und beschloss, auf bes­se­re Zei­ten zu warten.

Umso grö­ßer war mei­ne Über­ra­schung, in der Vor­ankün­di­gung des dies­jäh­ri­gen ARD-Oster­pro­gramms einen groß ange­leg­ten, von der Münch­ner Bava­ria pro­du­zier­ten Fern­seh-Zwei­tei­ler namens “Stör­te­be­ker” zu fin­den, des­sen Inhalts­be­schrei­bung exakt die­ses Kas­per­le­thea­ter erwar­ten ließ. Hat­te mein heiß gekoch­tes Fer­ment sei­ner­zeit doch irgend­wel­che Gärungs­pro­zes­se in Gang gesetzt? Wür­de ich einen Anwalt brau­chen? Also Abend­essen vor­ver­legt, die Kin­der ins Bett gebracht und gemein­sam mit der Liebs­ten zwei freie Aben­de dem Dämon Glot­ze geop­fert. Das Ergeb­nis? Die Lei­dens­ge­schich­te war da – lei­der erleb­te ich sie.

Zunächst die posi­ti­ven Sei­ten: 1) Die Aus­stat­tung war hübsch und zeigt, dass man auch mit schlap­pen 7 Mil­lio­nen Euro ein ganz manier­li­ches Bild der Epo­che um 1400 hin­be­kom­men kann. 2) Etwai­ge Ähn­lich­kei­ten mit mei­nen Expo­sés haben sich, falls die­se im Ent­ste­hungs­pro­zess tat­säch­lich irgend­ei­ne Rol­le gespielt haben soll­ten, so weit ver­flüch­tigt, dass die Bava­ria den lan­gen Arm des Urhe­ber­rechts nicht zu fürch­ten braucht.

Jeden­falls von mei­ner Sei­te. Was die Rech­te­inha­ber der Wer­ke Wil­li Bredels angeht, eines 1964 ver­stor­be­nen, aus Ham­burg stam­men­den Arbei­ter­schrift­stel­lers, der sich in den 40er Jah­ren im Mos­kau­er Exil einen Stör­te­be­cker-Roman mit dem Titel “Die Vita­li­en­brü­der” aus­dach­te und die­sen 1950 in Ost-Ber­lin ver­öf­fent­lich­te, wäre ich mir nicht so sicher. Bredel war Trä­ger des DDR-Natio­nal­prei­ses und spä­ter dort Prä­si­dent der Aka­de­mie der Küns­te, außer­dem schrieb er Mit­te der 50er Jah­re das Dreh­buch für “Ernst Thäl­mann – Kämp­fer sei­ner Klas­se”; ein Dis­si­dent war er also nicht gera­de. Auch in ästhe­ti­scher Hin­sicht gehen “Die Vita­li­en­brü­der” aus heu­ti­ger Sicht ein wenig arg in Rich­tung tro­cke­ne Agit­prop, aber den Zuschau­ern des TV-“Ereignisses” vom ver­gan­ge­nen Wochen­en­de dürf­te doch die eine oder ande­re Ein­zel­heit des Plots bekannt vor­kom­men: Bredels Stör­te­be­cker ist eltern- und hei­mat­los, er kämpft gegen einen bösen Patri­zi­er und des­sen noch böse­ren Sohn, er heu­ert auf dem Schiff eines guten Patri­zi­ers an, der unter­des­sen von dem bösen Duo abser­viert wird und stirbt, an Bord muss er einen Zwei­kampf mit einem Mus­kel­rie­sen bestehen, die Mann­schaft meu­tert wegen der Unge­rech­tig­keit des Schiffs­füh­rers, das Schiff wird in “See­ti­ger” umbe­nannt (im Film: “See­wolf”) und segelt nun unter Stör­te­be­ckers Kom­man­do als Kape­rer, auf einer der auf­ge­brach­ten Kog­gen befin­den sich lau­ter Rats­her­ren, die gefan­gen genom­men, in Hering­s­ton­nen gesteckt und gegen Stör­te­be­ckers im Ker­ker schmach­ten­den bes­ten Freund (im Film: sei­nen Bru­der) ein­ge­tauscht wer­den, bei der Über­ga­be stellt sich her­aus, dass die­ser geblen­det wur­de. Erken­nen Sie die Melodie?

Bei den rest­li­chen Ver­wick­lun­gen und Ver­stri­ckun­gen des Action-Melo­drams haben sich des­sen Macher (die offen­bar zur Bernd-Eichin­ger-Schu­le der ange­wand­ten Zuschau­er­ver­ach­tung gehö­ren, deren Cre­do da lau­tet: Wir­kung vor Logik!) aller­dings mei­len­weit von Bredels Vor­la­ge ent­fernt, lei­der jedoch noch wei­ter von jeder his­to­ri­schen Wirk­lich­keit oder auch nur dra­ma­ti­schen Plau­si­bi­li­tät. Die kom­ple­xe poli­ti­sche Lage der Jah­re um 1400 – das schmerzt natür­lich den His­to­ri­ker – wur­de bis zur Unkennt­lich­keit ent­stellt: Eine höl­zer­ne Gud­run Land­gre­be als Dron­ning Mar­gret von Däne­mark kämpft angeb­lich dafür, zoll­frei­en Zugang zu den Han­se­hä­fen zu bekom­men und stellt dafür den See­räu­bern Kaper­brie­fe aus – in Wirk­lich­keit balg­te sich die Dänen-Herr­sche­rin damals mit Her­zog Albrecht von Meck­len­burg um den schwe­di­schen Thron, wobei die För­de­rung des Kaper­we­sens von bei­den Sei­ten aus­ging. Die Han­se und die Dänen hat­ten sich 30 Jah­re vor­her bekriegt, aber dabei spiel­ten Frei­beu­ter gar kei­ne Rol­le. Man kann das dau­ern­de Gejam­mer im Film dar­über, dass die See­räu­ber den Han­del zum Erlie­gen brin­gen, gar nicht ohne den Hin­ter­grund der meck­len­bur­gisch-däni­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­ste­hen, denn natür­lich litt die Han­se als unbe­tei­lig­ter Drit­ter am meis­ten unter der offi­zi­ell gedul­de­ten Kaperei.

Und dann die Details! Stadt­to­re die­nen in “Stör­te­be­cker” offen­bar nur dazu, deko­ra­tiv in der Gegend her­um­zu­ste­hen – geschlos­sen oder auch nur bewacht wer­den sie nie, und jeder­mann kann zu jeder Tages- und Nacht­zeit die Stadt betre­ten … Die Män­ner tra­gen Stul­pen­stie­fel, die erst Jahr­hun­der­te spä­ter in Mode kamen, die Patri­zi­er­toch­ter ver­lässt die Stadt mal eben so und vol­l­eman­zi­piert in frem­der Män­ner­be­glei­tung für einen Aus­ritt (voll­kom­men undenk­bar), der Patri­zi­er­sohn benimmt sich wie ein spa­ni­scher Gockel aus dem Sig­lo de oro, das Klos­ter stammt eben­so wie die Take­la­ge der Kog­gen offen­bar aus der­sel­ben Epo­che, der Guts­hof von Stör­te­be­ckers Eltern steht mit­ten den Dünen (zwei­fel­los ein frü­hes agrar­tech­ni­sches Expe­ri­ment), alle See­leu­te kön­nen schwim­men (konn­ten sie nicht!), unbot­mä­ßi­ge Matro­sen wer­den kiel­ge­holt (eben­falls erst ab dem Zeit­al­ter der Stul­pen­stie­fel üblich), ein Patri­zi­er berei­chert sich durch unrecht­mä­ßi­ge Aneig­nung eines Guts­ho­fes (dabei galt auch frü­her: und ist der Han­del noch so klein …), die Ehe­trau­ung fin­det im Frei­en statt (die Patri­zi­er waren see­ehr stolz auf ihre gro­ßen, back­stein­ro­ten Kir­chen) und und und. Ach ja, die ein­zi­ge Han­se­stadt, die es jemals gab, heißt Ham­burg. Alle Beschlüs­se der Han­se wer­den im Ham­bur­ger Rat­haus gefällt. Die Ham­bur­ger Rats­her­ren tre­ten als Ver­tre­ter der Han­se auf, ohne mit ande­ren Städ­ten Rück­spra­che zu hal­ten. Das Hoch im Nor­den. Müs­sen wir Lübeck erwäh­nen, die “Köni­gin der Han­se”? Die 70 Städ­te allein der Kern­han­se im 14. Jahr­hun­dert? Die gro­ßen Han­se­ta­ge? Hier ver­ab­schie­de­te sich die rea­le Geschich­te voll­ends ins Nir­wa­na der Dreh­buch­phan­tas­te­rei, und man konn­te sich des Ein­drucks nicht erweh­ren, irgend­je­mand hat­te kei­ne Lust, sich ins The­ma ein­zu­le­sen und woll­te eigent­lich ein Remake des “Roten Kor­sa­ren” drehen.

Ins­be­son­de­re Ken­ner der nord­eu­ro­päi­schen Geo­gra­phie muss­ten unter Kreuz­feu­er der Dreh­buch­pein­lich­kei­ten lei­den: Von Ham­burg aus kann man offen­bar locker einen Aus­ritt ans Meer machen, die alte und ehr­wür­di­ge Han­se­stadt Wis­by auf Got­land wird zu einer Ansamm­lung von Pira­ten­hüt­ten ein­ge­dampft, Got­land selbst liegt irgend­wo fern­ab von allen Schiff­fahrts­rou­ten und nicht mit­ten in der Ost­see (die Vita­lier konn­ten sich auf Got­land wegen der man­geln­den poli­ti­schen Kon­trol­le wäh­rend der dänisch-meck­len­bur­gi­schen Kriegs­hän­del fest­set­zen, nicht weil es eine unbe­wohn­te Kari­bik­in­sel war!), von Ham­burg segelt man mal so eben mir nichts, dir nichts nach Kopen­ha­gen (anstatt nach Lübeck zu fah­ren und von dort zu segeln), und über­haupt gerät jede Fahrt zum Hoch­see­aben­teu­er, obwohl doch sogar im Film selbst erwähnt wird, dass man sich sei­ner­zeit stets eng an die Küs­ten hielt. Eine ein­zi­ge Tortur.

Was den Plot angeht, fas­sen wir uns kurz – des­sen Maschen sind auch für Nicht-Fach­leu­te ersicht­lich so weit geknüpft, dass mühe­los eine gan­ze Kriegs­kog­ge hin­durch pas­sen wür­de (um von der geball­ten Anhäu­fung unwahr­schein­li­cher Schick­sals­fü­gun­gen gar nicht erst anzu­fan­gen). Ein Bei­spiel für vie­le: War­um, zum Hen­ker, ergreift Göde­ke Michels in der Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Schiffs­haupt­mann dra­ma­tur­gisch völ­lig unvor­be­rei­tet für Stör­te­be­cker Par­tei und wirft sich mit sei­nem Schwert in Kampf­po­si­tur wie ein tele­pa­thisch gesteu­er­ter Cyborg? Und schmeißt sein gan­zes bis­he­ri­ges Leben über Bord, um Pirat zu wer­den? Kis­met? Erst zwei Minu­ten vor Schluss, als der Prot­ago­nist lehr­buch­mä­ßig sei­nen Gegen­spie­ler erle­digt, die schö­ne Frau erobert und mit sei­nen Man­nen die Stadt ver­las­sen hat­te, stell­te sich so etwas wie Neu­gier ein: Wie woll­te man in der ver­blei­ben­den kur­zen Zeit von die­sem glück­li­chen Ende schnell genug zur Hin­rich­tung auf den Gras­brook kom­men? Man tat es mit­tels einer auf­ge­setzt wir­ken­den Off-Erzäh­lung, die noch schnell den Tages­ord­nungs­punkt “kopf­los wan­ken­der Pira­ten­häupt­ling” abhak­te und ange­sichts des vor­an­ge­hen­den glück­li­chen Endes in dra­ma­tur­gi­scher Hin­sicht so befremd­lich wirk­te wie die elek­tro­ni­schen Mätz­chen, mit denen man sie am Schnei­de­tisch auf­ge­motzt hat­te. Man fragt sich kurz, wie Ham­let heu­te aus­sä­he: Kurz vor Schluss hei­ra­tet er Ophe­lia, rächt sei­nen Vater, wird König von Däne­mark und fällt schließ­lich in einem Epi­log einem ver­schluck­ten Hüh­ner­bein zum Opfer?

Immer­hin schei­nen die Schau­spie­ler gro­ßen Spaß am Pirat-Spie­len gehabt zu haben. Nach Her­zens­lust rau­fen und intri­gie­ren, tur­nen und gri­mas­sie­ren, fech­ten und char­gie­ren sie, was das Zeug hält. Dies war sicher umso schö­ner, als offen­bar kein Regis­seur in der Nähe war, der ihnen bei ihrem mun­te­ren Trei­ben Ein­halt gebo­ten hät­te. Im Alter wer­den sie ihre Enkel auf den Schoß neh­men und von den Zei­ten schwär­men, als das Augen­rol­len noch gehol­fen hat.

Und Stör­te­be­cker? Offen­bar total­ly fit-for-fun und mar­ti­al-arts-taug­lich. War­um der Mann auf das glei­che Auf­tei­len der Beu­te bestand, war­um er “Got­tes Freund” genannt wur­de, war­um er nicht nur Fürs­ten, Prä­la­ten und Pfef­fer­sä­cken, son­dern der gesam­ten Welt den Krieg erklär­te, war­um er zum Freund des Vol­kes wur­de – Pus­te­ku­chen, bil­li­ge Kli­schees. Wohl wahr, aus dem Leben des nord­deut­schen Volks­hel­den ist außer sagen­haf­ten Erzäh­lun­gen nicht all­zu viel bekannt (immer­hin lau­te­te sein Vor­na­me in Wirk­lich­keit ver­mut­lich “Johann” …), aber jede his­to­ri­sche Fik­ti­on muss sich doch zumin­dest die Auf­ga­be stel­len, ein plau­si­bel in sei­ner Epo­che rekon­stru­ier­tes Leben wie­der­zu­ge­ben; was wir am Wochen­en­de gese­hen haben, war hin­ge­gen ein abstru­ser Kos­tüm­schin­ken mit der hier­zu­lan­de seit jeher gän­gi­gen Mischung aus Bru­ta­li­tät, Sen­ti­men­ta­li­tät und Kla­mauk, fern­ab jeder his­to­ri­schen Wirk­lich­keit und – noch schlim­mer – Wahrhaftigkeit.

Am Ende bleibt eine bit­te­re Erkennt­nis: Wenn der deut­sche Unter­hal­tungs­film ganz bei sich ist, lan­det er offen­bar unwei­ger­lich in einer voll­kom­men künst­li­chen Welt vol­ler holz­schnitt­ar­ti­ger Figu­ren, vor­her­seh­ba­rer Ent­wick­lun­gen und fader Wit­ze – kurz: beim Karl-May-Film. Irgend­wann in der Mit­te des ers­ten Teils sagt mir mei­ne Frau: Wenn du bei die­sem Stuss mit­ge­macht hät­test, wür­de ich dir jetzt aber den Kopf waschen. Da habe ich wohl noch­mal Glück gehabt.

(Hin­weis: Dies ist die Ori­gi­nal­ver­si­on eines Arti­kels, der zuerst 2006 in der jun­gen welt erschien. Er bezieht sich auf den Stör­te­be­cker-Zwei­tei­ler, der damals in der ARD lief.)

Eigenartensterben

Wenn man vor fünf­zehn, zwan­zig Jah­ren nach Por­tu­gal reis­te, erwar­te­ten einen dort Wun­der, Mys­te­ri­en und Magie: eine halb befremd­li­che, halb ver­füh­re­ri­sche Welt vol­ler trä­ger Nach­mit­ta­ge in von der Neu­zeit ver­ges­se­nen Berg­dör­fern und Fischer­nes­tern, in denen die Skla­ven­trom­mel der indus­tri­el­len Norm­zeit noch nicht so unbarm­her­zig den Takt vor­gab wie zu Hau­se im unge­müt­li­chen Nor­den; stil­le, leuch­tend barock­wei­ße Städ­te voll eigen­sin­ni­gem Stolz und Weh­mut nach den Zei­ten Indi­ens und der bra­si­lia­ni­schen Gold­mi­nen (nicht zu reden von der Haupt­stadt, in der jede Nacht von Neu­em die Natur­ge­set­ze aus­ge­he­belt wur­den); freund­li­che, sanf­te und bemer­kens­wert un-spa­ni­sche Men­schen, deren Melan­cho­lie und gehei­me Maß­lo­sig­keit man ergrün­den und stau­nend bewun­dern, aber nie­mals tei­len konnte.

Kehrt man heu­te an die eins­ti­gen Sehn­suchts­or­te zurück, fin­det man … den Hei­de­park Sol­tau. Dank einer ihre fins­te­ren Machen­schaf­ten durch­aus nicht im Unter­grund betrei­ben­den Ver­schwö­rung aus Brüs­se­ler Büro­kra­ten, aus­län­di­schen Groß­in­ves­to­ren und der übli­chen Melan­ge aus grö­ßen­wahn­sin­ni­gen Lokal­po­li­ti­kern, kor­rup­ten Beam­ten und spen­da­blen Bau­un­ter­neh­mern vor Ort (man den­ke nur an die berüch­tig­te Expo ’98) ver­fügt das Land heu­te über groß­zü­gig aus­ge­bau­te Auto­bah­nen und Land­stra­ßen, ein dich­tes Netz gru­se­lig ver­kitsch­ter Monu­men­te von natio­na­ler his­to­ri­scher Bedeu­tung und jede Men­ge auf ein­sa­me Strän­de geklotz­te Spaß­rut­schen Mar­ke “Erleb­nis­bad”. Davor jeweils ein rie­si­ger Bus­park­platz, mit Stra­ßen­lam­pen bestückt wie sonst nur die bel­gi­schen Auto­bah­nen (und sicher­lich eben­so wie die­se aus der Erd­um­lauf­bahn sicht­bar) und drei gro­ße, ver­schie­den­far­bi­ge Con­tai­ner für die kor­rek­te Müll­tren­nung. In farb­lich post­mo­dern gehal­te­nen Ein­kaufs­zen­tren und Fuß­gän­ger­zo­nen mit her­zi­gem Kopf­stein­pflas­ter und Wasch­be­ton­kü­beln (nur dass dar­in Pal­men ste­hen) sit­zen jun­ge Men­schen im Café — in Lis­sa­bon seit neu­es­tem in der welt­weit unge­fähr sie­ben­hun­dert­neun­und­sech­zigs­ten Filia­le des “Hard Rock Café” — und hören die glei­che Musik, tra­gen die glei­che, von MTV abge­schau­te Mode und reden ver­mut­lich den­sel­ben Unsinn wie ihre Alters­ge­nos­sen in Lon­don, Ber­lin oder mei­net­we­gen War­schau. Was bis vor kur­zem noch eine Art uni­ver­sa­lis­ti­scher Ver­hei­ßung war (“Alle Men­schen sind gleich!”), erscheint heu­te eher als wahr­ge­mach­te Dro­hung. Und der Nor­den wirkt mit einem Mal wesent­lich weni­ger ungemütlich.

Natür­lich bin ich gera­de unge­recht. Natür­lich haben auch die Por­tu­gie­sen das Recht, zu glo­ba­li­sier­ten Klein­bür­gern zu wer­den und ihr Land in einen The­men­park namens “Por­tu­gal” zu ver­wan­deln, wenn ihnen das in den Kram passt, natür­lich sind sie mit den­sel­ben ame­ri­ka­ni­schen Fil­men und Fern­seh­se­ri­en auf­ge­wach­sen wie wir, hören die­sel­ben anglo­ame­ri­ka­ni­sche Musik, träu­men die­sel­ben ame­ri­ka­ni­schen Träu­me; natür­lich kann nie­mand von ihnen ver­lan­gen, den Esels­kar­ren wie­der anzu­span­nen, damit wir zivi­li­sa­ti­ons­mü­den Nord- und Mit­tel­eu­ro­pä­er ein paar pit­to­res­ke Fotos mehr aus dem Urlaub mit nach Hau­se neh­men kön­nen; natür­lich sol­len sie kei­ne Kul­tur auf­recht­erhal­ten, die sich auch durch weit­ver­brei­te­ten Analpha­be­tis­mus und den bestän­di­gen Zwang zur Emi­gra­ti­on aus­zeich­ne­te — aber: Haben sie denn in die­ser schö­nen neu­en Welt noch das, was man ein­mal “See­le” genannt hat, und das für kein Land wich­ti­ger schien als für dieses?

Wir ande­ren haben ganz gewiss kei­ne mehr. Wir haben das biss­chen, was nach all den Kata­stro­phen des 20. Jahr­hun­derts noch davon übrig war, vor Jah­ren schon an einen Mephis­to im Sieg­fried-und-Roy-Kos­tüm ver­kauft, der uns mit dem ein­neh­men­den Lächeln eines kali­for­ni­schen Gebraucht­wa­ren­händ­lers dafür den Traum von ewi­ger Jugend, Schön­heit und der nie enden­den Kar­rie­re als IT-Mana­ger, Bör­sen­jo­ckey oder Rock­star auf­ge­schwätzt hat. Gro­ßen Wider­stand haben wir ihm nicht geleis­tet, und die gro­ßen Träu­me und Uto­pien, bei denen es ja auch dar­um gegan­gen wäre, sich ein Stück die­ser See­le zurück­zu­er­obern, sind irgend­wo auf dem Weg lie­gen geblie­ben, von den Scha­ma­nen einer neu­en bar­ba­ri­schen Reli­gi­on in den Schmutz getre­ten und ver­höhnt, von jenen scham­haft beschwie­gen, die ein­mal so glü­hend an sie geglaubt haben.

Jetzt also auch Län­der wie Por­tu­gal. Oder Grie­chen­land. Oder Irland. Oder wel­ches Land Sie auch wol­len. Es ist noch gar nicht so lan­ge her, dass man noch Rei­sen im best­mög­li­chen Sin­ne der Wor­tes unter­neh­men konn­te: als Sich-Ein­las­sen auf die Fremd­heit einer ande­re Land­schaft, einer ande­ren Spra­che, einer ande­ren Art, in der Welt zu sein. Wer reis­te, dem öff­ne­te sich, wenn er Glück hat­te und es rich­tig anstell­te, die Welt, dem eröff­ne­te sich das Geheim­nis des Lebens. Heu­te könn­ten wir ver­mut­lich Est­nisch oder Litau­isch ler­nen und wür­den fest­stel­len, dass auch im Bal­ti­kum im Jah­re 12 nach dem Ende des sowje­ti­schen Impe­ri­ums zumin­dest die Jugend vor­nehm­lich damit beschäf­tigt ist, den neu­en Har­ry Pot­ter nicht zu ver­pas­sen, sich eine Mei­nung über “Matrix Rel­oa­ded” zu bil­den, eine Fahr­ge­le­gen­heit zur Love-Para­de zu orga­ni­sie­ren und — um sich das alles auch leis­ten zu kön­nen — einen Job zu ergat­tern, bei dem man in läs­si­ger Auf­ma­chung zwölf Stun­den am Tag mit Kräu­ter­brau­se und beleg­ten Teig­f­la­den in der Hand vor dem Com­pu­ter sitzt und elek­tro­ni­sche Wer­be­zet­tel­chen ent­wirft (auch als “Web­de­sign” bekannt). Die Innen­städ­te ganz Euro­pas glei­chen sich in ihrer ahis­to­ri­schen, auf­ge­putz­ten Kulis­sen­haf­tig­keit, die Vor­städ­te in ihrer mons­trö­sen Mischung aus rie­si­gen Wohn­ma­schi­nen und put­zi­gen Ein­fa­mi­li­en­häu­sern, das plat­te Land in sei­nem alber­nen Wunsch, nicht mehr plat­tes Land zu sein, son­dern glas­glit­zern­de und stahl­schim­mern­de Metro­po­le. Wer heu­te reist, der fin­det wenig mehr als das eige­ne Spiegelbild.

Was haben wir dafür auf­ge­ge­ben? An was kön­nen wir uns noch erin­nern, das ein­mal zu uns gehört hat? Denn nicht nur der Schnee­leo­pard und das Edel­weiß kön­nen aus­ster­ben. Schon lan­ge wird beklagt, dass auch die Spra­chen immer weni­ger wer­den. Opti­mis­ten zufol­ge zehn Pro­zent, Pes­si­mis­ten zufol­ge zwei Drit­tel aller 6000 auf der Erde gespro­che­nen Spra­chen wer­den die­ses Jahr­hun­dert nicht über­le­ben. Jede von ihnen ist eine gan­ze Welt für sich. Aber was nüt­zen am Ende sogar unter­schied­li­che Spra­chen, wenn man dar­in immer nur das­sel­be sagen kann? Ihre Groß­el­tern haben viel­leicht noch den Dia­lekt des Lan­des­teils gespro­chen, aus dem sie stamm­ten, Ihre Eltern immer­hin rich­ti­ges Hoch­deutsch. Sie selbst sind sicher stolz auf ihr gutes Eng­lisch und rea­li­sie­ren jetzt, dass die­ser Unsinn hier kei­nen Sinn macht, und wenn jemand Sie fragt, ob Sie okay sind, zucken Sie nicht zusam­men, son­dern ant­wor­ten mit “Nicht wirk­lich”; wer weiß, wie es Ihren Enkeln gehen wird, mit ihrem “Master”-Abschluss an der “Inter­na­tio­nal Uni­ver­si­ty Klein­bo­bin­gen”, ihrer Stel­le als “Chief Tech­ni­cal Offi­cer” oder “Con­tent Mana­ger”, ihrem Leben in “Just in time”-Bereitschaft. Denn am Ende des his­to­risch-öko­no­mi­schen Vor­gangs, um den es hier geht, wird schließ­lich die gesam­te Kul­tur dran glau­ben müs­sen, das Beson­de­re, das Stör­ri­sche, das Unver­wech­sel­ba­re, eben die Eigen­art eines jeden Vol­kes und eines jeden Menschen.

War­um das alles so ist? Geben wir uns ein wenig idyl­li­scher Nost­al­gie hin und hören wir, was zwei heu­te wenig popu­lä­re deut­sche Phi­lo­so­phen vor 150 Jah­ren zum The­ma zu sagen hatten:

Alle fes­ten ein­ge­ros­te­ten Ver­hält­nis­se mit ihrem Gefol­ge von alt­ehr­wür­di­gen Vor­stel­lun­gen und Anschau­un­gen wer­den auf­ge­löst, alle neu­ge­bil­de­ten ver­al­ten, ehe sie ver­knö­chern kön­nen. Alles Stän­di­sche und Ste­hen­de ver­dampft, alles Hei­li­ge wird ent­weiht, und die Men­schen sind end­lich gezwun­gen, ihre Lebens­stel­lung, ihre gegen­sei­ti­gen Bezie­hun­gen mit nüch­ter­nen Augen anzu­se­hen. […] An die Stel­le der alten loka­len und natio­na­len Selbst­ge­nüg­sam­keit und Abge­schlos­sen­heit tritt ein all­sei­ti­ger Ver­kehr, eine all­sei­ti­ge Abhän­gig­keit der Natio­nen von­ein­an­der. Und wie in der mate­ri­el­len, so auch in der geis­ti­gen Produktion.

Der Schul­di­ge hieß damals “Bour­geoi­sie”, heu­te sagt man lie­ber “Glo­ba­li­sie­rung”, und Marx und Engels, die­se ver­staub­ten alten Kna­ben, die einem oft so über­ra­schend heu­tig anmu­ten, waren sei­ner­zeit der fes­ten Über­zeu­gung, dass die­se Ent­wick­lung eine nöti­ge Vor­be­din­gung für den Über­gang der Mensch­heit aus dem Reich der Not­wen­dig­keit in das Reich der Frei­heit dar­stel­len wür­de. Wenn wir den bei­den also ein letz­tes Mal Glau­ben schen­ken wol­len, müss­te sozu­sa­gen erst auch die letz­te neu­guin­ei­schen Jäger-und-Samm­ler-Gemein­de eine Han­dy-Quo­te von knapp 100 Pro­zent auf­wei­sen, müss­te der letz­te Ango­la­ner im Gewer­be­ge­biet Luan­da-Süd bei IKEA ein “IVAR”-Regal und nach­her bei OBI das Werk­zeug zum Zusam­men­schrau­ben kau­fen, müss­te der letz­te All­gäu­er Anar­chis­ten­bau­er den von den Vätern ererb­ten Hof ver­sil­bern und zu Tele­kom-Akti­en machen, bis die Mensch­heit end­lich bereit wäre für die Rück­kehr ins Para­dies. Oder, um uns für einen Moment wie­der Por­tu­gal zuzu­wen­den: Deut­sche Super­märk­te, ame­ri­ka­ni­sche Kaf­fee­häu­ser und schwe­di­sche Möbel, eben­so die von den heim­ge­kehr­ten Gast­ar­bei­tern in den Nor­den des Lan­des impor­tier­te mit­tel­eu­ro­päi­sche Haus- und Wohn­kul­tur (Jäger­zaun! Alpen­dach!) oder der Umstand, dass der Algar­ve neben Mal­lor­ca und der Cos­ta del Sol eben­so zu einer Zweig­stel­le des deut­schen Alten­heim­sys­tems gewor­den ist wie die Fischer­dör­fer und Kork­ei­chen­wäl­der des Süd­wes­tens eine Enkla­ve kif­fen­der Kreuz- und Prenzlber­ger Aus­stei­ger dar­stel­len, wären nur äuße­rer Aus­druck eines his­to­risch not­wen­di­gen Pro­zes­ses, dem man sich bes­ser nicht in den Weg stellt, weil er ohne­hin nicht auf­zu­hal­ten ist.

Heu­te wer­den sol­che Weis­hei­ten nicht mehr von der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le, son­dern vom Welt­wirt­schafts­fo­rum in Davos ver­kün­det. Wer­den sie dadurch glaub­wür­di­ger? Anders gesagt: Wenn man auf einen Berg steigt und unter­wegs ein Edel­weiß fin­det, soll man es dann aus­rei­ßen, weil an die­ser Stel­le ja eine Seil­bahn­stüt­ze ein­be­to­niert wer­den soll? Wenn man den letz­ten Schnee­leo­par­den fin­det, soll man ihn erschie­ßen, weil man Angst hat, dass er die ört­li­chen Wege für Trek­king-Urlau­ber gefähr­den könn­te? Wenn man eine Spra­che ent­deckt, die nie­mand mehr spricht, soll man alle dar­in geschrie­ben Bücher zu Recy­cling­pa­pier machen, weil sie ja doch nie­mand mehr liest? Wenn man an sich selbst stör­ri­schen Eigen­sinn und hart­nä­cki­ge Macken fest­stellt, soll man sie aus­mer­zen, um sich markt­kon­form auf dem Arbeits­markt anprei­sen zu kön­nen? Sol­len wir ein­fach nur dasit­zen, die Hän­de in den Schoß legen und war­ten, bis es zu spät ist?

Man müss­te klein anfan­gen, eine Rote Lis­te der bedroh­ten Natio­nal­ei­gen­schaf­ten auf­stel­len; Green­peace könn­te neu­es Leben ein­ge­haucht wer­den, indem die Orga­ni­sa­ti­on — die ja im Grun­de ein zutiefst kon­ser­va­ti­ves Anlie­gen ver­tritt — begrif­fe, dass auch der Kampf gegen die Glo­ba­li­sie­rung eine Form des Arten­schut­zes dar­stellt, dass schein­bar über­kom­me­ne For­men der hand­werk­li­chen Pro­duk­ti­on wie zum Bei­spiel eine simp­le Tisch­ler­werk­statt oder eine rich­ti­ge, “alt­mo­di­sche” Schmie­de mit Amboss und Fun­ken­re­gen zu den Din­gen gehört, deren Ver­lust unse­re Welt nicht weni­ger ver­ar­men las­sen als das Aus­ster­ben einer süd­ame­ri­ka­ni­schen Käfer­spe­zi­es. Das glei­che gilt für eng­li­sche Maß­ein­hei­ten, fran­zö­si­sche Lebens­kunst (selbst Frank­reich war schon mal fran­zö­si­scher…), ita­lie­ni­sche Spon­ta­nei­tät, por­tu­gie­si­sche Melan­cho­lie und, auch das, deut­schen Fleiß und deut­sche Gründ­lich­keit. Es gibt eine Öko­lo­gie der Kul­tu­ren, und sie befin­det sich eben­so in der Defen­si­ve wie die der Arten.

Machen wir uns nichts vor: Die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se mag ja allen ande­ren an Leis­tungs­fä­hig­keit und Effi­zi­enz über­le­gen sein; vom Men­schen ver­steht sie herz­lich wenig. Und wird sie kon­se­quent und markt­li­be­ral zu Ende gedacht, ist sie nicht weni­ger unmensch­lich als Sta­lins zu Ende gedach­te Auf­klä­rung und Hit­lers zu Ende gedach­te Roman­tik. Las­sen Sie uns auch die­sem, viel­leicht letz­ten, Tota­li­ta­ris­mus ent­ge­gen­tre­ten und kon­se­quent für die ewi­ge Unzu­richt­bar­keit des mensch­li­chen Wesens strei­ten! Ste­hen wir zu unse­ren Macken, zu unse­rer Faul­heit, dem klei­nen Quänt­chen Irra­tio­na­li­tät, ohne das wir nicht leben könn­ten, zu unse­ren obsku­ren Dia­lek­ten, die kaum jemand spricht, unse­rem absei­ti­gen Musik­ge­schmack, der von EMI oder Ber­tels­mann nicht befrie­digt wer­den kann, zu unse­rem hart­nä­cki­gen Fest­hal­ten an eine von den Vor­fah­ren über­kom­men Land­schafts­ge­stal­tung und Bau­wei­se, zu unse­rer Zuge­hö­rig­keit an die­se oder jene ganz unver­wech­sel­bar eigen­stän­di­ge Grup­pe von Men­schen (Sie müs­sen sich nicht auf eine beschrän­ken, aber Sie wer­den es nicht schaf­fen, zu kei­ner zu gehö­ren), ganz all­ge­mein zu unse­rem Fest­hal­ten am Alten, Her­ge­brach­ten, wenn uns das Neue nicht gefal­len will. Und hören wir auf, über unse­re fran­zö­si­schen Nach­barn zu spot­ten, die wie­der ein­mal viel klü­ger sind als wir und unge­ach­tet der all­ge­mei­nen Häme hart­nä­ckig wenigs­tens ver­su­chen, an ihrer Spra­che und ihrer Kul­tur fest­zu­hal­ten, und sei es mit so plum­pen Mit­teln wie dem einer “Chan­son-Quo­te” im Radio. Die haben sich wenigs­tens noch nicht aufgegeben.

Die Alter­na­ti­ve ist grau­sam: Stel­len Sie sich eine Zukunft vor, in der lau­ter blon­de, blau­äu­gi­ge, krank­heits­lo­se Men­schen­klo­ne (Brad Pitt! Jen­nif­fer Anis­ton!) in den funk­tio­nal chrom­schö­nen Ein­kaufs­pas­sa­gen pas­tell­far­be­ner Lego­land­städ­te (Pots­da­mer Platz!) einen lock­stoff­haft duf­ten­den, nach allen Regeln der geschmacks­la­bo­ra­to­ri­schen Kaf­fee­kunst gebrau­ten Lat­te Mac­chia­to schlür­fen und über die im Café­haus­tisch ein­ge­las­se­nen Bild­schir­me gleich­zei­tig eine Kon­fe­renz mit Kap­stadt abhal­ten, Abend­kar­ten für eine Wie­der­auf­nah­me von “Evi­ta” im Westend bestel­len und die aktu­el­len Kur­se ihrer Akti­en an der Bör­se von Kua­la Lum­pur über­prü­fen. Spä­ter wür­den sie beim Ita­lo­in­der eine Piz­za Tan­doo­ri mit Algen­sa­lat essen und schließ­lich mit einem strom­li­ni­en­för­mi­gen, was­ser­stoff­be­trie­be­nen Sport­wa­gen Zuf­fen­hau­se­ner Bau­art und Mai­län­der Design in die Ber­ge drau­ßen vor der Stadt schwe­ben, wo sie in ihrem Land­haus im spa­ni­schen Stil im Ange­sicht der land­schaft­li­chen Schön­hei­ten der Krim­halb­in­sel und dank eines prä­na­tal ein­ge­stell­ten und voll­kom­men opti­mier­ten Hor­mon­haus­halts opti­mal vor­be­rei­tet auf eine Wei­se mit­ein­an­der schla­fen, von der wir noch nicht ein­mal träu­men kön­nen. Wenn sie sich noch unter­hal­ten, dann ver­mut­lich in einer ent­fernt dem Eng­li­schen ver­wand­ten Stum­mel­spra­che (gibt’s jetzt schon: “Yo, man! Whas­sup?”). Abge­se­hen davon, dass einem schon der Instinkt sagt, dass sol­che Eloi sicher auch irgend­wel­che Mor­locks bräuch­ten, die ihnen nöti­gen­falls mal das ver­stopf­te Klo rei­ni­gen, wäre dies vor allem eins, näm­lich die Selbst­ab­schaf­fung des Men­schen — in all sei­ner Zer­brech­lich­keit und Unzu­läng­lich­keit. Totalitarismus.

Gro­ße Wor­te, gewiss. Und wie sich gegen all das weh­ren? Wie Por­tu­gal wie­der por­tu­gie­sisch machen? Sie müs­sen, wie gesagt, nicht gleich Ber­ge ver­set­zen. Fan­gen Sie ein­fach mal damit an, Sie selbst zu sein. Der Rest ergibt sich dann ja vielleicht.

 

(Anmer­kung: Der Text ist schon ein paar Jah­re älter und berück­sich­tigt daher die Finanz­kri­se und alle seit­he­ri­gen Ent­wick­lun­gen nicht. Man könn­te vom heu­ti­gen Stand­punkt aus natür­lich ein­wen­den, dass die Gleich­ma­che­rei eben doch nur ober­fläch­li­cher Art war und die gra­vie­ren­den Men­ta­li­täts­un­ter­schie­de zwi­schen den ein­zel­nen Staa­ten Euro­pas sich nicht so leicht besei­ti­gen las­sen wie in die­sem Text befürchtet.)

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