Jeder kennt das: Der Rasen sieht aus wie ein Tep­pich. Die gehark­ten Wege drum her­um ver­lau­fen wie mit dem Line­al gezo­gen. Damit das Gras nicht über die Rän­der wuchert, hat man es mit Spe­zi­al­werk­zeug gestutzt und zur Sicher­heit noch genau gleich­mä­ßig den Rand des Sodens neben der Weg­ein­fas­sung abge­sto­chen. Auf den Bee­ten fin­det sich nicht eine ein­zi­ge ver­welk­te Blü­te, dafür ist alles hübsch in Torf ein­ge­packt, und an den schat­ti­gen Stel­len kommt die che­mi­sche Keu­le zum Ein­satz, um den Giersch aus­zu­mer­zen. Pas­send dazu eine Gar­ten­mö­bel­gar­ni­tur, von deren leder­nen Sitz­flä­chen man essen könn­te, und eine Hecke, die alle zwei Wochen mit der Nagel­sche­re auf 1 Meter 55 gehal­ten wird. Im Herbst nicht ein ein­zi­ges Blatt Laub. Und wenn doch, wird sofort die Höl­len­ma­schi­ne ange­wor­fen, um es wegzublasen.

War­um macht man so etwas? Muss das sein? Ist das schön? Sicher, auch Hip­pie-Gär­ten brau­chen Pfle­ge, und dass der Giersch sich über­all breit macht, ist nir­gend­wo ger­ne gese­hen. Aber war­um muss alles so geord­net und geo­me­trisch sein? Was treibt Men­schen dazu, viel Schweiß und Arbeit dar­in zu inves­tie­ren, jedes biss­chen Leben­dig­keit aus ihren Gär­ten zu vertreiben?

Gut, sagt ihr, das sind Spie­ßer, und Spie­ßer sind eben so. Aber da macht man es sich in biss­chen leicht. Was ist das schließ­lich über­haupt, ein Spie­ßer? Und war­um mag er kei­nen Wild­wuchs? Er könn­te sich ja vor den Fern­se­her hän­gen (ja, es han­delt sich meist um älte­re Zeit­ge­nos­sen), ein Bier auf­ma­chen und in Ruhe das Gras wach­sen las­sen. Was stört ihn daran?

Und was mag er da in Wirk­lich­keit nicht? Gehen wir in der Zeit zurück, ein paar hun­dert oder tau­send Jah­re. Da gab es noch wirk­li­che Wild­nis, rie­si­ge Wäl­der vol­ler gefähr­li­cher Tie­re und wild wuchern­der Natur. Und dann kamen Leu­te mit Stein­äx­ten, spä­ter waren sie aus Metall, und fäll­ten Bäu­me, bau­ten aus dem Holz und Lehm geo­me­trisch sau­ber geord­ne­te Struk­tu­ren, in denen sie leb­ten, und teil­ten das gero­de­te Land in vier­ecki­ge Stü­cke, auf denen Sie Boh­nen oder Ein­korn anbau­ten und die sie mit Flecht­zäu­ne gegen das im Wald wei­den­de Vieh und fre­che Rehe schütz­ten. Jedes ein­ge­zäun­te Stück Land war ein Sieg über die Natur, die das Men­schen­tier in sei­ner Inkar­na­ti­on als Jäger und Samm­ler nur recht dürf­tig an ihren Schät­zen teil­ha­ben ließ. Gera­de Lini­en sind prak­tisch, um beim Pflü­gen nicht die Ori­en­tie­rung zu ver­lie­ren, und wer sein Gemü­se von Wild­kräu­tern über­wu­chern lässt, wird im nächs­ten Win­ter Pro­ble­me haben, an aus­rei­chend Vit­ami­ne zu kommen.

So weit, so gut. Aber, so sagt ihr zu Recht, das gilt heu­te doch gar nicht mehr. Drau­ßen, jen­seits des Gar­ten­zauns erstreckt sich kei­ne wuchern­de Wild­nis, son­dern ein eben­so geo­me­trisch geord­ne­tes Acker­land, auf dem hekt­ar­wei­se öde Mono­kul­tu­ren aus Raps, Wei­zen oder Mais anein­an­der­ge­reiht ste­hen. In Deutsch­land gibt es nicht ein ein­zi­ges Fle­cken Erde, dass dem Gestal­tungs­wil­len des Men­schen ent­kom­men wäre, sogar “Natio­nal­parks” muss man ein­rich­ten und so ummo­deln, dass sie aus­se­hen wie der Urwald, von dem die Städ­ter träu­men. Und trotz­dem wird der eige­ne Gar­ten gehegt und gepflegt, als gel­te es immer noch, die böse Natur im Schach zu hal­ten, die einem die Früch­te schweiß­trei­ben­der Feld­ar­beit weg­neh­men will. Haben sich die Leu­te nur irgend­wie im Jahr­hun­dert geirrt oder kön­nen ein­fach nicht von alten Gewohn­hei­ten lassen?

Die Ant­wort dürf­te tief in den dunk­len Geheim­nis­sen der deut­schen See­le, ja der See­le des Euro­pä­ers schlecht­hin ver­bor­gen lie­gen. Nein, ich kom­me jetzt nicht mit Freuds ana­ler Pha­se und Ador­nos auto­ri­tä­rem Cha­rak­ter. Sehen wir uns lie­ber an, was C.G. Jung in Traum und Traum­deu­tung über die Bezie­hung des Unbe­wuss­ten zur Natur zu sagen hatte:

Wir haben kei­ne Busch­see­le mehr, die uns mit einem wil­den Tier iden­ti­fi­ziert. Unse­re direk­te Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Natur ist zusam­men mit der damit ver­bun­de­nen beträcht­li­chen emo­tio­na­len Ener­gie im Unbe­wuss­ten versunken.

Soll­te der Gar­ten des Grau­ens also eine Art unbe­wuss­ter Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Natur sein? Noch zen­tra­ler ist hier wohl der Vor­gang der Pro­jek­ti­on: Die Inhal­te des Unbe­wuss­ten kön­nen wir direkt nicht erfas­sen (sonst wäre es ja nicht unbe­wusst), son­dern nur auf dem Wege der Pro­ji­zie­rung die­ser Inhal­te auf die Objek­te der Außen­welt. Die­se Pro­ji­zie­rung funk­tio­niert ganz auto­ma­tisch, und sie funk­tio­niert des­halb, weil es irgend­et­was in die­ser Außen­welt gibt, das über eine asso­zia­ti­ve gedank­li­che Ver­knüp­fung mit einem Inhalt der unbe­wuss­ten Psy­che par­al­lel gesetzt wer­den kann.

Was aber fin­den wir, wenn wir tief in das Unbe­wuss­te des abend­län­di­schen Chris­ten­men­schen eben­so wie in das sei­nes athe­is­tisch-auf­ge­klär­ten Vet­ters schau­en? All jene müh­sam ver­dräng­te Wild­heit, Grau­sam­keit und Unbän­dig­keit, die wir tra­di­tio­nell der “Natur” zuschrei­ben (mit his­to­risch durch­aus guten Grün­den, sie­he oben), und die vom Chris­ten­tum zu den Wer­ken des Satans gezählt, von der Auf­klä­rung aber in die Schmud­del­ecke des Aso­zia­len ver­wie­sen wird – mit jeweils ähn­li­chem Resul­tat. C.G. Jung zufol­ge ist das gro­ße Pro­blem der euro­päi­schen Kul­tur die feh­len­de Inte­gra­ti­on die­ses “Schat­ten­ar­che­typs” in die Gesamt­per­sön­lich­keit, d. h. die ein­sei­ti­ge Beto­nung des Chris­tus­vor­bilds, das noch im Ide­al des auf­ge­klär­ten Men­schen wei­ter­wirkt, der sich Tech­nik und Natur­wis­sen­schaf­ten bedient, um die Welt sei­nem Wil­len zu unter­wer­fen. Ein voll ent­wi­ckel­tes “Selbst” kann erst ent­ste­hen, wenn der Schat­ten im Ver­lauf einer Indi­vi­dua­ti­on bewusst und zum akzep­tier­ten Teil der Per­sön­lich­keit wird – ohne die­se zu beherr­schen und ohne die Fähig­keit des Men­schen zum Leben in Gemein­schaft mit ande­ren zu beeinträchtigen.

Das ist natür­lich eine schwie­ri­ge Kunst, die der Psy­che eini­ges an Ener­gie abver­langt (“Es muss aller­dings aner­kannt wer­den, daß man nichts schwe­rer erträgt als sich selbst.”, C.G. Jung: Die Bezie­hun­gen zwi­schen dem Ich und dem Unbe­wuß­ten, Zwei­ter Teil, Die Indi­vi­dua­ti­on, S. 110), und so ver­wun­dert es nicht, dass man den gan­zen Plun­der am liebs­ten ein­fach in den Kel­ler trägt, mit gött­li­chem Bei­stand die Tür zum Auf­gang ver­ram­melt und hofft, ihn dadurch los­zu­wer­den. Was natür­lich nie­mals gelingt.

Denn der Schat­ten klopft sofort wie­der an der Vor­der­tür an und will her­ein, dies­mal aber nicht als offen­sicht­li­cher Teil der eige­nen Per­sön­lich­keit, son­dern in Gestalt des macht­lüs­ter­nen Aus­län­ders (die eige­ne Macht­lust!), des hab­gie­ri­gen Juden (die eige­ne Hab­gier!), des gei­zi­gen Kapi­ta­lis­ten (der eige­ne Geiz!) oder eben in Form der wild wuchern­den Natur, die man unbe­dingt in Schach hal­ten muss, um die eige­ne Wild­heit nicht aner­ken­nen zu müs­sen. So wird doch auf recht ein­fa­che Wei­se ein Schuh draus – der Gar­ten Eden in der west­li­chen Tra­di­ti­on ist nun mal ein Gar­ten, kein Urwald. Man fin­det die­se Men­ta­li­tät nicht zufäl­lig beson­ders aus­ge­prägt in den pro­tes­tan­ti­schen Gebie­ten, wo der Kampf mit dem Teu­fel bekannt­lich im eige­nen Gewis­sen aus­ge­foch­ten wer­den muss, wäh­rend man katho­li­scher­seits wie üblich ein biss­chen g’schlamperter sein kann, weil man’s in der Beich­te dann ja eh wie­der loswird.

Wie die­se Men­ta­li­tät in den letz­ten zwei­hun­dert Jah­ren die Umwand­lung Deutsch­lands in die wohl­ge­ord­ne­te Ödnis unse­rer Gegen­wart vor­an­ge­trie­ben hat, wird ein­ge­hend – wenn auch ohne die Bezug­nah­me auf das Unbe­wuss­te und die Ana­ly­ti­sche Psy­cho­lo­gie – in dem sehr erhel­len­den Buch Die Erobe­rung der Natur: Eine Geschich­te der Deut­schen Land­schaft des bri­ti­schen His­to­ri­kers David Black­bourne beschrie­ben. Wir sehen hier in dem Spie­gel, den uns ein aus­län­di­scher Wis­sen­schaft­ler vor­hält, all jene “gro­ßen Pro­jek­te”, mit denen die Deut­schen ihre Natur unter­wor­fen haben – von der Begra­di­gung des Rheins durch Tul­la über die Tro­cken­le­gung des Oder­bruchs und die Ein­dei­chung der nord­west­deut­schen See­mar­schen bis hin zu den Kul­ti­vie­rungs­pro­jek­ten der Nazis im besetz­ten Ost­eu­ro­pa. Zwar sahen eini­ge Zeit­ge­nos­sen auch den enor­men Ver­lust an Bio­di­ver­si­tät, den etwa Theo­dor Fon­ta­ne am Bei­spiel des Oder­bruchs als “Ver­nich­tungs­krieg gegen Wild­bret und Geflü­gel” bezeich­ne­te, aber viel wich­ti­ger ist das Gefühl der neu­en Sied­ler und ihrer Nach­kom­men, nun in einem “Para­dies” zu leben (das dann im Fall der Gebie­te öst­lich der Oder nach 1945 zu einem “ver­lo­re­nen” Para­dies wur­de), das von Men­schen­hand in Über­ein­stim­mung mit dem gött­li­chen Plan geschaf­fen wor­den war.

Zwangs­läu­fig konn­ten Ver­trie­ben­en­dich­ter wie Agnes Mie­gel die Abtre­tung der Hei­mat an Polen und die Sowjet­uni­on auch nicht anders sehen als unter dem Vor­zei­chen einer vor­geb­li­chen Rück­kehr der Wildnis:

O kalt weht der Wind über lee­res Land,
O leich­ter weht Asche als Staub und Sand!
Und die Nes­sel wächst hoch an geborst­ner Wand,
Aber höher die Dis­tel am Ackerrand!

Frü­her aber:

Da wog­te der Rog­gen wie See so weit,
Da klang aus den Erlen der Spros­ser Singen
Wenn Her­de und Foh­len zur Trän­ke gingen,
Hof auf, Hof ab, wie ein Herz so sacht,
Klang das Klop­fen der Sen­sen in hel­ler Nacht,
Und Heu­kahn an Heu­kahn lag still auf dem Strom

[…]

Gar­be an Gar­be im Fel­de stand.
Hügel auf, Hügel ab, bis zum Hünengrab
Stan­den die Hocken, brot­duf­tend und hoch,

(Agnes Mie­gel, Es war ein Land)

Hier klingt das Bild einer wohl­ge­ord­ne­ten, grü­nen Kul­tur­land­schaft an, die der wil­den Natur abge­run­gen wur­de, und die nun wie­der, unter sowje­ti­scher Herr­schaft, in den Zustand der wil­den, zügel­lo­sen Natur zurück­kehrt, der die deut­schen Sied­ler einst­mals Ein­halt gebo­ten hatten.

Das also ist das anfangs beschrie­be­ne Spieß­er­glück: ein Gar­ten Eden, aus dem alles Böse und Wil­de ver­trie­ben wur­de und des­sen Gren­zen stän­dig gegen den Wie­der­ein­fall der ver­dräng­ten Dämo­nen des eige­nen Unbe­wuss­ten ver­tei­digt wer­den müs­sen. Him­mel hilf den armen, ver­lo­re­nen See­len! Jungs gro­ßes Pro­jekt der Indi­vi­dua­ti­on und der Inte­gra­ti­on des Schat­tens ist so nötig wie eh und je, und mit jedem Tag wächst die Sehn­sucht nach Wildnis.

Trotz­dem muss ich jetzt mal raus und das Aus­le­ger­wirr­war im Erd­beer­beet besei­ti­gen. Man muss halt irgend­wie die Balan­ce finden…