Wenn man vor f√ľnf¬≠zehn, zwan¬≠zig Jah¬≠ren nach Por¬≠tu¬≠gal reis¬≠te, erwar¬≠te¬≠ten einen dort Wun¬≠der, Mys¬≠te¬≠ri¬≠en und Magie: eine halb befremd¬≠li¬≠che, halb ver¬≠f√ľh¬≠re¬≠ri¬≠sche Welt vol¬≠ler tr√§¬≠ger Nach¬≠mit¬≠ta¬≠ge in von der Neu¬≠zeit ver¬≠ges¬≠se¬≠nen Berg¬≠d√∂r¬≠fern und Fischer¬≠nes¬≠tern, in denen die Skla¬≠ven¬≠trom¬≠mel der indus¬≠tri¬≠el¬≠len Norm¬≠zeit noch nicht so unbarm¬≠her¬≠zig den Takt vor¬≠gab wie zu Hau¬≠se im unge¬≠m√ľt¬≠li¬≠chen Nor¬≠den; stil¬≠le, leuch¬≠tend barock¬≠wei¬≠√üe St√§d¬≠te voll eigen¬≠sin¬≠ni¬≠gem Stolz und Weh¬≠mut nach den Zei¬≠ten Indi¬≠ens und der bra¬≠si¬≠lia¬≠ni¬≠schen Gold¬≠mi¬≠nen (nicht zu reden von der Haupt¬≠stadt, in der jede Nacht von Neu¬≠em die Natur¬≠ge¬≠set¬≠ze aus¬≠ge¬≠he¬≠belt wur¬≠den); freund¬≠li¬≠che, sanf¬≠te und bemer¬≠kens¬≠wert un-spa¬≠ni¬≠sche Men¬≠schen, deren Melan¬≠cho¬≠lie und gehei¬≠me Ma√ü¬≠lo¬≠sig¬≠keit man ergr√ľn¬≠den und stau¬≠nend bewun¬≠dern, aber nie¬≠mals tei¬≠len konnte.

Kehrt man heu¬≠te an die eins¬≠ti¬≠gen Sehn¬≠suchts¬≠or¬≠te zur√ľck, fin¬≠det man ‚Ķ den Hei¬≠de¬≠park Sol¬≠tau. Dank einer ihre fins¬≠te¬≠ren Machen¬≠schaf¬≠ten durch¬≠aus nicht im Unter¬≠grund betrei¬≠ben¬≠den Ver¬≠schw√∂¬≠rung aus Br√ľs¬≠se¬≠ler B√ľro¬≠kra¬≠ten, aus¬≠l√§n¬≠di¬≠schen Gro√ü¬≠in¬≠ves¬≠to¬≠ren und der √ľbli¬≠chen Melan¬≠ge aus gr√∂¬≠√üen¬≠wahn¬≠sin¬≠ni¬≠gen Lokal¬≠po¬≠li¬≠ti¬≠kern, kor¬≠rup¬≠ten Beam¬≠ten und spen¬≠da¬≠blen Bau¬≠un¬≠ter¬≠neh¬≠mern vor Ort (man den¬≠ke nur an die ber√ľch¬≠tig¬≠te Expo ‚Äô98) ver¬≠f√ľgt das Land heu¬≠te √ľber gro√ü¬≠z√ľ¬≠gig aus¬≠ge¬≠bau¬≠te Auto¬≠bah¬≠nen und Land¬≠stra¬≠√üen, ein dich¬≠tes Netz gru¬≠se¬≠lig ver¬≠kitsch¬≠ter Monu¬≠men¬≠te von natio¬≠na¬≠ler his¬≠to¬≠ri¬≠scher Bedeu¬≠tung und jede Men¬≠ge auf ein¬≠sa¬≠me Str√§n¬≠de geklotz¬≠te Spa√ü¬≠rut¬≠schen Mar¬≠ke ‚ÄúErleb¬≠nis¬≠bad‚ÄĚ. Davor jeweils ein rie¬≠si¬≠ger Bus¬≠park¬≠platz, mit Stra¬≠√üen¬≠lam¬≠pen best√ľckt wie sonst nur die bel¬≠gi¬≠schen Auto¬≠bah¬≠nen (und sicher¬≠lich eben¬≠so wie die¬≠se aus der Erd¬≠um¬≠lauf¬≠bahn sicht¬≠bar) und drei gro¬≠√üe, ver¬≠schie¬≠den¬≠far¬≠bi¬≠ge Con¬≠tai¬≠ner f√ľr die kor¬≠rek¬≠te M√ľll¬≠tren¬≠nung. In farb¬≠lich post¬≠mo¬≠dern gehal¬≠te¬≠nen Ein¬≠kaufs¬≠zen¬≠tren und Fu√ü¬≠g√§n¬≠ger¬≠zo¬≠nen mit her¬≠zi¬≠gem Kopf¬≠stein¬≠pflas¬≠ter und Wasch¬≠be¬≠ton¬≠k√ľ¬≠beln (nur dass dar¬≠in Pal¬≠men ste¬≠hen) sit¬≠zen jun¬≠ge Men¬≠schen im Caf√© ‚ÄĒ in Lis¬≠sa¬≠bon seit neu¬≠es¬≠tem in der welt¬≠weit unge¬≠f√§hr sie¬≠ben¬≠hun¬≠dert¬≠neun¬≠und¬≠sech¬≠zigs¬≠ten Filia¬≠le des ‚ÄúHard Rock Caf√©‚ÄĚ ‚ÄĒ und h√∂ren die glei¬≠che Musik, tra¬≠gen die glei¬≠che, von MTV abge¬≠schau¬≠te Mode und reden ver¬≠mut¬≠lich den¬≠sel¬≠ben Unsinn wie ihre Alters¬≠ge¬≠nos¬≠sen in Lon¬≠don, Ber¬≠lin oder mei¬≠net¬≠we¬≠gen War¬≠schau. Was bis vor kur¬≠zem noch eine Art uni¬≠ver¬≠sa¬≠lis¬≠ti¬≠scher Ver¬≠hei¬≠√üung war (‚ÄúAlle Men¬≠schen sind gleich!‚ÄĚ), erscheint heu¬≠te eher als wahr¬≠ge¬≠mach¬≠te Dro¬≠hung. Und der Nor¬≠den wirkt mit einem Mal wesent¬≠lich weni¬≠ger ungem√ľtlich.

Nat√ľr¬≠lich bin ich gera¬≠de unge¬≠recht. Nat√ľr¬≠lich haben auch die Por¬≠tu¬≠gie¬≠sen das Recht, zu glo¬≠ba¬≠li¬≠sier¬≠ten Klein¬≠b√ľr¬≠gern zu wer¬≠den und ihr Land in einen The¬≠men¬≠park namens ‚ÄúPor¬≠tu¬≠gal‚ÄĚ zu ver¬≠wan¬≠deln, wenn ihnen das in den Kram passt, nat√ľr¬≠lich sind sie mit den¬≠sel¬≠ben ame¬≠ri¬≠ka¬≠ni¬≠schen Fil¬≠men und Fern¬≠seh¬≠se¬≠ri¬≠en auf¬≠ge¬≠wach¬≠sen wie wir, h√∂ren die¬≠sel¬≠ben anglo¬≠ame¬≠ri¬≠ka¬≠ni¬≠sche Musik, tr√§u¬≠men die¬≠sel¬≠ben ame¬≠ri¬≠ka¬≠ni¬≠schen Tr√§u¬≠me; nat√ľr¬≠lich kann nie¬≠mand von ihnen ver¬≠lan¬≠gen, den Esels¬≠kar¬≠ren wie¬≠der anzu¬≠span¬≠nen, damit wir zivi¬≠li¬≠sa¬≠ti¬≠ons¬≠m√ľ¬≠den Nord- und Mit¬≠tel¬≠eu¬≠ro¬≠p√§¬≠er ein paar pit¬≠to¬≠res¬≠ke Fotos mehr aus dem Urlaub mit nach Hau¬≠se neh¬≠men k√∂n¬≠nen; nat√ľr¬≠lich sol¬≠len sie kei¬≠ne Kul¬≠tur auf¬≠recht¬≠erhal¬≠ten, die sich auch durch weit¬≠ver¬≠brei¬≠te¬≠ten Analpha¬≠be¬≠tis¬≠mus und den best√§n¬≠di¬≠gen Zwang zur Emi¬≠gra¬≠ti¬≠on aus¬≠zeich¬≠ne¬≠te ‚ÄĒ aber: Haben sie denn in die¬≠ser sch√∂¬≠nen neu¬≠en Welt noch das, was man ein¬≠mal ‚ÄúSee¬≠le‚ÄĚ genannt hat, und das f√ľr kein Land wich¬≠ti¬≠ger schien als f√ľr dieses?

Wir ande¬≠ren haben ganz gewiss kei¬≠ne mehr. Wir haben das biss¬≠chen, was nach all den Kata¬≠stro¬≠phen des 20. Jahr¬≠hun¬≠derts noch davon √ľbrig war, vor Jah¬≠ren schon an einen Mephis¬≠to im Sieg¬≠fried-und-Roy-Kos¬≠t√ľm ver¬≠kauft, der uns mit dem ein¬≠neh¬≠men¬≠den L√§cheln eines kali¬≠for¬≠ni¬≠schen Gebraucht¬≠wa¬≠ren¬≠h√§nd¬≠lers daf√ľr den Traum von ewi¬≠ger Jugend, Sch√∂n¬≠heit und der nie enden¬≠den Kar¬≠rie¬≠re als IT-Mana¬≠ger, B√∂r¬≠sen¬≠jo¬≠ckey oder Rock¬≠star auf¬≠ge¬≠schw√§tzt hat. Gro¬≠√üen Wider¬≠stand haben wir ihm nicht geleis¬≠tet, und die gro¬≠√üen Tr√§u¬≠me und Uto¬≠pien, bei denen es ja auch dar¬≠um gegan¬≠gen w√§re, sich ein St√ľck die¬≠ser See¬≠le zur√ľck¬≠zu¬≠er¬≠obern, sind irgend¬≠wo auf dem Weg lie¬≠gen geblie¬≠ben, von den Scha¬≠ma¬≠nen einer neu¬≠en bar¬≠ba¬≠ri¬≠schen Reli¬≠gi¬≠on in den Schmutz getre¬≠ten und ver¬≠h√∂hnt, von jenen scham¬≠haft beschwie¬≠gen, die ein¬≠mal so gl√ľ¬≠hend an sie geglaubt haben.

Jetzt also auch L√§n¬≠der wie Por¬≠tu¬≠gal. Oder Grie¬≠chen¬≠land. Oder Irland. Oder wel¬≠ches Land Sie auch wol¬≠len. Es ist noch gar nicht so lan¬≠ge her, dass man noch Rei¬≠sen im best¬≠m√∂g¬≠li¬≠chen Sin¬≠ne der Wor¬≠tes unter¬≠neh¬≠men konn¬≠te: als Sich-Ein¬≠las¬≠sen auf die Fremd¬≠heit einer ande¬≠re Land¬≠schaft, einer ande¬≠ren Spra¬≠che, einer ande¬≠ren Art, in der Welt zu sein. Wer reis¬≠te, dem √∂ff¬≠ne¬≠te sich, wenn er Gl√ľck hat¬≠te und es rich¬≠tig anstell¬≠te, die Welt, dem er√∂ff¬≠ne¬≠te sich das Geheim¬≠nis des Lebens. Heu¬≠te k√∂nn¬≠ten wir ver¬≠mut¬≠lich Est¬≠nisch oder Litau¬≠isch ler¬≠nen und w√ľr¬≠den fest¬≠stel¬≠len, dass auch im Bal¬≠ti¬≠kum im Jah¬≠re 12 nach dem Ende des sowje¬≠ti¬≠schen Impe¬≠ri¬≠ums zumin¬≠dest die Jugend vor¬≠nehm¬≠lich damit besch√§f¬≠tigt ist, den neu¬≠en Har¬≠ry Pot¬≠ter nicht zu ver¬≠pas¬≠sen, sich eine Mei¬≠nung √ľber ‚ÄúMatrix Rel¬≠oa¬≠ded‚ÄĚ zu bil¬≠den, eine Fahr¬≠ge¬≠le¬≠gen¬≠heit zur Love-Para¬≠de zu orga¬≠ni¬≠sie¬≠ren und ‚ÄĒ um sich das alles auch leis¬≠ten zu k√∂n¬≠nen ‚ÄĒ einen Job zu ergat¬≠tern, bei dem man in l√§s¬≠si¬≠ger Auf¬≠ma¬≠chung zw√∂lf Stun¬≠den am Tag mit Kr√§u¬≠ter¬≠brau¬≠se und beleg¬≠ten Teig¬≠f¬≠la¬≠den in der Hand vor dem Com¬≠pu¬≠ter sitzt und elek¬≠tro¬≠ni¬≠sche Wer¬≠be¬≠zet¬≠tel¬≠chen ent¬≠wirft (auch als ‚ÄúWeb¬≠de¬≠sign‚ÄĚ bekannt). Die Innen¬≠st√§d¬≠te ganz Euro¬≠pas glei¬≠chen sich in ihrer ahis¬≠to¬≠ri¬≠schen, auf¬≠ge¬≠putz¬≠ten Kulis¬≠sen¬≠haf¬≠tig¬≠keit, die Vor¬≠st√§d¬≠te in ihrer mons¬≠tr√∂¬≠sen Mischung aus rie¬≠si¬≠gen Wohn¬≠ma¬≠schi¬≠nen und put¬≠zi¬≠gen Ein¬≠fa¬≠mi¬≠li¬≠en¬≠h√§u¬≠sern, das plat¬≠te Land in sei¬≠nem alber¬≠nen Wunsch, nicht mehr plat¬≠tes Land zu sein, son¬≠dern glas¬≠glit¬≠zern¬≠de und stahl¬≠schim¬≠mern¬≠de Metro¬≠po¬≠le. Wer heu¬≠te reist, der fin¬≠det wenig mehr als das eige¬≠ne Spiegelbild.

Was haben wir daf√ľr auf¬≠ge¬≠ge¬≠ben? An was k√∂n¬≠nen wir uns noch erin¬≠nern, das ein¬≠mal zu uns geh√∂rt hat? Denn nicht nur der Schnee¬≠leo¬≠pard und das Edel¬≠wei√ü k√∂n¬≠nen aus¬≠ster¬≠ben. Schon lan¬≠ge wird beklagt, dass auch die Spra¬≠chen immer weni¬≠ger wer¬≠den. Opti¬≠mis¬≠ten zufol¬≠ge zehn Pro¬≠zent, Pes¬≠si¬≠mis¬≠ten zufol¬≠ge zwei Drit¬≠tel aller 6000 auf der Erde gespro¬≠che¬≠nen Spra¬≠chen wer¬≠den die¬≠ses Jahr¬≠hun¬≠dert nicht √ľber¬≠le¬≠ben. Jede von ihnen ist eine gan¬≠ze Welt f√ľr sich. Aber was n√ľt¬≠zen am Ende sogar unter¬≠schied¬≠li¬≠che Spra¬≠chen, wenn man dar¬≠in immer nur das¬≠sel¬≠be sagen kann? Ihre Gro√ü¬≠el¬≠tern haben viel¬≠leicht noch den Dia¬≠lekt des Lan¬≠des¬≠teils gespro¬≠chen, aus dem sie stamm¬≠ten, Ihre Eltern immer¬≠hin rich¬≠ti¬≠ges Hoch¬≠deutsch. Sie selbst sind sicher stolz auf ihr gutes Eng¬≠lisch und rea¬≠li¬≠sie¬≠ren jetzt, dass die¬≠ser Unsinn hier kei¬≠nen Sinn macht, und wenn jemand Sie fragt, ob Sie okay sind, zucken Sie nicht zusam¬≠men, son¬≠dern ant¬≠wor¬≠ten mit ‚ÄúNicht wirk¬≠lich‚ÄĚ; wer wei√ü, wie es Ihren Enkeln gehen wird, mit ihrem ‚ÄúMaster‚ÄĚ-Abschluss an der ‚ÄúInter¬≠na¬≠tio¬≠nal Uni¬≠ver¬≠si¬≠ty Klein¬≠bo¬≠bin¬≠gen‚ÄĚ, ihrer Stel¬≠le als ‚ÄúChief Tech¬≠ni¬≠cal Offi¬≠cer‚ÄĚ oder ‚ÄúCon¬≠tent Mana¬≠ger‚ÄĚ, ihrem Leben in ‚ÄúJust in time‚ÄĚ-Bereitschaft. Denn am Ende des his¬≠to¬≠risch-√∂ko¬≠no¬≠mi¬≠schen Vor¬≠gangs, um den es hier geht, wird schlie√ü¬≠lich die gesam¬≠te Kul¬≠tur dran glau¬≠ben m√ľs¬≠sen, das Beson¬≠de¬≠re, das St√∂r¬≠ri¬≠sche, das Unver¬≠wech¬≠sel¬≠ba¬≠re, eben die Eigen¬≠art eines jeden Vol¬≠kes und eines jeden Menschen.

War­um das alles so ist? Geben wir uns ein wenig idyl­li­scher Nost­al­gie hin und hören wir, was zwei heu­te wenig popu­lä­re deut­sche Phi­lo­so­phen vor 150 Jah­ren zum The­ma zu sagen hatten:

Alle fes¬≠ten ein¬≠ge¬≠ros¬≠te¬≠ten Ver¬≠h√§lt¬≠nis¬≠se mit ihrem Gefol¬≠ge von alt¬≠ehr¬≠w√ľr¬≠di¬≠gen Vor¬≠stel¬≠lun¬≠gen und Anschau¬≠un¬≠gen wer¬≠den auf¬≠ge¬≠l√∂st, alle neu¬≠ge¬≠bil¬≠de¬≠ten ver¬≠al¬≠ten, ehe sie ver¬≠kn√∂¬≠chern k√∂n¬≠nen. Alles St√§n¬≠di¬≠sche und Ste¬≠hen¬≠de ver¬≠dampft, alles Hei¬≠li¬≠ge wird ent¬≠weiht, und die Men¬≠schen sind end¬≠lich gezwun¬≠gen, ihre Lebens¬≠stel¬≠lung, ihre gegen¬≠sei¬≠ti¬≠gen Bezie¬≠hun¬≠gen mit n√ľch¬≠ter¬≠nen Augen anzu¬≠se¬≠hen. [‚Ķ] An die Stel¬≠le der alten loka¬≠len und natio¬≠na¬≠len Selbst¬≠ge¬≠n√ľg¬≠sam¬≠keit und Abge¬≠schlos¬≠sen¬≠heit tritt ein all¬≠sei¬≠ti¬≠ger Ver¬≠kehr, eine all¬≠sei¬≠ti¬≠ge Abh√§n¬≠gig¬≠keit der Natio¬≠nen von¬≠ein¬≠an¬≠der. Und wie in der mate¬≠ri¬≠el¬≠len, so auch in der geis¬≠ti¬≠gen Produktion.

Der Schul¬≠di¬≠ge hie√ü damals ‚ÄúBour¬≠geoi¬≠sie‚ÄĚ, heu¬≠te sagt man lie¬≠ber ‚ÄúGlo¬≠ba¬≠li¬≠sie¬≠rung‚ÄĚ, und Marx und Engels, die¬≠se ver¬≠staub¬≠ten alten Kna¬≠ben, die einem oft so √ľber¬≠ra¬≠schend heu¬≠tig anmu¬≠ten, waren sei¬≠ner¬≠zeit der fes¬≠ten √úber¬≠zeu¬≠gung, dass die¬≠se Ent¬≠wick¬≠lung eine n√∂ti¬≠ge Vor¬≠be¬≠din¬≠gung f√ľr den √úber¬≠gang der Mensch¬≠heit aus dem Reich der Not¬≠wen¬≠dig¬≠keit in das Reich der Frei¬≠heit dar¬≠stel¬≠len w√ľr¬≠de. Wenn wir den bei¬≠den also ein letz¬≠tes Mal Glau¬≠ben schen¬≠ken wol¬≠len, m√ľss¬≠te sozu¬≠sa¬≠gen erst auch die letz¬≠te neu¬≠guin¬≠ei¬≠schen J√§ger-und-Samm¬≠ler-Gemein¬≠de eine Han¬≠dy-Quo¬≠te von knapp 100 Pro¬≠zent auf¬≠wei¬≠sen, m√ľss¬≠te der letz¬≠te Ango¬≠la¬≠ner im Gewer¬≠be¬≠ge¬≠biet Luan¬≠da-S√ľd bei IKEA ein ‚ÄúIVAR‚ÄĚ-Regal und nach¬≠her bei OBI das Werk¬≠zeug zum Zusam¬≠men¬≠schrau¬≠ben kau¬≠fen, m√ľss¬≠te der letz¬≠te All¬≠g√§u¬≠er Anar¬≠chis¬≠ten¬≠bau¬≠er den von den V√§tern ererb¬≠ten Hof ver¬≠sil¬≠bern und zu Tele¬≠kom-Akti¬≠en machen, bis die Mensch¬≠heit end¬≠lich bereit w√§re f√ľr die R√ľck¬≠kehr ins Para¬≠dies. Oder, um uns f√ľr einen Moment wie¬≠der Por¬≠tu¬≠gal zuzu¬≠wen¬≠den: Deut¬≠sche Super¬≠m√§rk¬≠te, ame¬≠ri¬≠ka¬≠ni¬≠sche Kaf¬≠fee¬≠h√§u¬≠ser und schwe¬≠di¬≠sche M√∂bel, eben¬≠so die von den heim¬≠ge¬≠kehr¬≠ten Gast¬≠ar¬≠bei¬≠tern in den Nor¬≠den des Lan¬≠des impor¬≠tier¬≠te mit¬≠tel¬≠eu¬≠ro¬≠p√§i¬≠sche Haus- und Wohn¬≠kul¬≠tur (J√§ger¬≠zaun! Alpen¬≠dach!) oder der Umstand, dass der Algar¬≠ve neben Mal¬≠lor¬≠ca und der Cos¬≠ta del Sol eben¬≠so zu einer Zweig¬≠stel¬≠le des deut¬≠schen Alten¬≠heim¬≠sys¬≠tems gewor¬≠den ist wie die Fischer¬≠d√∂r¬≠fer und Kork¬≠ei¬≠chen¬≠w√§l¬≠der des S√ľd¬≠wes¬≠tens eine Enkla¬≠ve kif¬≠fen¬≠der Kreuz- und Prenzlber¬≠ger Aus¬≠stei¬≠ger dar¬≠stel¬≠len, w√§ren nur √§u√üe¬≠rer Aus¬≠druck eines his¬≠to¬≠risch not¬≠wen¬≠di¬≠gen Pro¬≠zes¬≠ses, dem man sich bes¬≠ser nicht in den Weg stellt, weil er ohne¬≠hin nicht auf¬≠zu¬≠hal¬≠ten ist.

Heu¬≠te wer¬≠den sol¬≠che Weis¬≠hei¬≠ten nicht mehr von der Kom¬≠mu¬≠nis¬≠ti¬≠schen Inter¬≠na¬≠tio¬≠na¬≠le, son¬≠dern vom Welt¬≠wirt¬≠schafts¬≠fo¬≠rum in Davos ver¬≠k√ľn¬≠det. Wer¬≠den sie dadurch glaub¬≠w√ľr¬≠di¬≠ger? Anders gesagt: Wenn man auf einen Berg steigt und unter¬≠wegs ein Edel¬≠wei√ü fin¬≠det, soll man es dann aus¬≠rei¬≠√üen, weil an die¬≠ser Stel¬≠le ja eine Seil¬≠bahn¬≠st√ľt¬≠ze ein¬≠be¬≠to¬≠niert wer¬≠den soll? Wenn man den letz¬≠ten Schnee¬≠leo¬≠par¬≠den fin¬≠det, soll man ihn erschie¬≠√üen, weil man Angst hat, dass er die √∂rt¬≠li¬≠chen Wege f√ľr Trek¬≠king-Urlau¬≠ber gef√§hr¬≠den k√∂nn¬≠te? Wenn man eine Spra¬≠che ent¬≠deckt, die nie¬≠mand mehr spricht, soll man alle dar¬≠in geschrie¬≠ben B√ľcher zu Recy¬≠cling¬≠pa¬≠pier machen, weil sie ja doch nie¬≠mand mehr liest? Wenn man an sich selbst st√∂r¬≠ri¬≠schen Eigen¬≠sinn und hart¬≠n√§¬≠cki¬≠ge Macken fest¬≠stellt, soll man sie aus¬≠mer¬≠zen, um sich markt¬≠kon¬≠form auf dem Arbeits¬≠markt anprei¬≠sen zu k√∂n¬≠nen? Sol¬≠len wir ein¬≠fach nur dasit¬≠zen, die H√§n¬≠de in den Scho√ü legen und war¬≠ten, bis es zu sp√§t ist?

Man m√ľss¬≠te klein anfan¬≠gen, eine Rote Lis¬≠te der bedroh¬≠ten Natio¬≠nal¬≠ei¬≠gen¬≠schaf¬≠ten auf¬≠stel¬≠len; Green¬≠peace k√∂nn¬≠te neu¬≠es Leben ein¬≠ge¬≠haucht wer¬≠den, indem die Orga¬≠ni¬≠sa¬≠ti¬≠on ‚ÄĒ die ja im Grun¬≠de ein zutiefst kon¬≠ser¬≠va¬≠ti¬≠ves Anlie¬≠gen ver¬≠tritt ‚ÄĒ begrif¬≠fe, dass auch der Kampf gegen die Glo¬≠ba¬≠li¬≠sie¬≠rung eine Form des Arten¬≠schut¬≠zes dar¬≠stellt, dass schein¬≠bar √ľber¬≠kom¬≠me¬≠ne For¬≠men der hand¬≠werk¬≠li¬≠chen Pro¬≠duk¬≠ti¬≠on wie zum Bei¬≠spiel eine simp¬≠le Tisch¬≠ler¬≠werk¬≠statt oder eine rich¬≠ti¬≠ge, ‚Äúalt¬≠mo¬≠di¬≠sche‚ÄĚ Schmie¬≠de mit Amboss und Fun¬≠ken¬≠re¬≠gen zu den Din¬≠gen geh√∂rt, deren Ver¬≠lust unse¬≠re Welt nicht weni¬≠ger ver¬≠ar¬≠men las¬≠sen als das Aus¬≠ster¬≠ben einer s√ľd¬≠ame¬≠ri¬≠ka¬≠ni¬≠schen K√§fer¬≠spe¬≠zi¬≠es. Das glei¬≠che gilt f√ľr eng¬≠li¬≠sche Ma√ü¬≠ein¬≠hei¬≠ten, fran¬≠z√∂¬≠si¬≠sche Lebens¬≠kunst (selbst Frank¬≠reich war schon mal fran¬≠z√∂¬≠si¬≠scher‚Ķ), ita¬≠lie¬≠ni¬≠sche Spon¬≠ta¬≠nei¬≠t√§t, por¬≠tu¬≠gie¬≠si¬≠sche Melan¬≠cho¬≠lie und, auch das, deut¬≠schen Flei√ü und deut¬≠sche Gr√ľnd¬≠lich¬≠keit. Es gibt eine √Ėko¬≠lo¬≠gie der Kul¬≠tu¬≠ren, und sie befin¬≠det sich eben¬≠so in der Defen¬≠si¬≠ve wie die der Arten.

Machen wir uns nichts vor: Die kapi¬≠ta¬≠lis¬≠ti¬≠sche Pro¬≠duk¬≠ti¬≠ons¬≠wei¬≠se mag ja allen ande¬≠ren an Leis¬≠tungs¬≠f√§¬≠hig¬≠keit und Effi¬≠zi¬≠enz √ľber¬≠le¬≠gen sein; vom Men¬≠schen ver¬≠steht sie herz¬≠lich wenig. Und wird sie kon¬≠se¬≠quent und markt¬≠li¬≠be¬≠ral zu Ende gedacht, ist sie nicht weni¬≠ger unmensch¬≠lich als Sta¬≠lins zu Ende gedach¬≠te Auf¬≠kl√§¬≠rung und Hit¬≠lers zu Ende gedach¬≠te Roman¬≠tik. Las¬≠sen Sie uns auch die¬≠sem, viel¬≠leicht letz¬≠ten, Tota¬≠li¬≠ta¬≠ris¬≠mus ent¬≠ge¬≠gen¬≠tre¬≠ten und kon¬≠se¬≠quent f√ľr die ewi¬≠ge Unzu¬≠richt¬≠bar¬≠keit des mensch¬≠li¬≠chen Wesens strei¬≠ten! Ste¬≠hen wir zu unse¬≠ren Macken, zu unse¬≠rer Faul¬≠heit, dem klei¬≠nen Qu√§nt¬≠chen Irra¬≠tio¬≠na¬≠li¬≠t√§t, ohne das wir nicht leben k√∂nn¬≠ten, zu unse¬≠ren obsku¬≠ren Dia¬≠lek¬≠ten, die kaum jemand spricht, unse¬≠rem absei¬≠ti¬≠gen Musik¬≠ge¬≠schmack, der von EMI oder Ber¬≠tels¬≠mann nicht befrie¬≠digt wer¬≠den kann, zu unse¬≠rem hart¬≠n√§¬≠cki¬≠gen Fest¬≠hal¬≠ten an eine von den Vor¬≠fah¬≠ren √ľber¬≠kom¬≠men Land¬≠schafts¬≠ge¬≠stal¬≠tung und Bau¬≠wei¬≠se, zu unse¬≠rer Zuge¬≠h√∂¬≠rig¬≠keit an die¬≠se oder jene ganz unver¬≠wech¬≠sel¬≠bar eigen¬≠st√§n¬≠di¬≠ge Grup¬≠pe von Men¬≠schen (Sie m√ľs¬≠sen sich nicht auf eine beschr√§n¬≠ken, aber Sie wer¬≠den es nicht schaf¬≠fen, zu kei¬≠ner zu geh√∂¬≠ren), ganz all¬≠ge¬≠mein zu unse¬≠rem Fest¬≠hal¬≠ten am Alten, Her¬≠ge¬≠brach¬≠ten, wenn uns das Neue nicht gefal¬≠len will. Und h√∂ren wir auf, √ľber unse¬≠re fran¬≠z√∂¬≠si¬≠schen Nach¬≠barn zu spot¬≠ten, die wie¬≠der ein¬≠mal viel kl√ľ¬≠ger sind als wir und unge¬≠ach¬≠tet der all¬≠ge¬≠mei¬≠nen H√§me hart¬≠n√§¬≠ckig wenigs¬≠tens ver¬≠su¬≠chen, an ihrer Spra¬≠che und ihrer Kul¬≠tur fest¬≠zu¬≠hal¬≠ten, und sei es mit so plum¬≠pen Mit¬≠teln wie dem einer ‚ÄúChan¬≠son-Quo¬≠te‚ÄĚ im Radio. Die haben sich wenigs¬≠tens noch nicht aufgegeben.

Die Alter¬≠na¬≠ti¬≠ve ist grau¬≠sam: Stel¬≠len Sie sich eine Zukunft vor, in der lau¬≠ter blon¬≠de, blau¬≠√§u¬≠gi¬≠ge, krank¬≠heits¬≠lo¬≠se Men¬≠schen¬≠klo¬≠ne (Brad Pitt! Jen¬≠nif¬≠fer Anis¬≠ton!) in den funk¬≠tio¬≠nal chrom¬≠sch√∂¬≠nen Ein¬≠kaufs¬≠pas¬≠sa¬≠gen pas¬≠tell¬≠far¬≠be¬≠ner Lego¬≠land¬≠st√§d¬≠te (Pots¬≠da¬≠mer Platz!) einen lock¬≠stoff¬≠haft duf¬≠ten¬≠den, nach allen Regeln der geschmacks¬≠la¬≠bo¬≠ra¬≠to¬≠ri¬≠schen Kaf¬≠fee¬≠kunst gebrau¬≠ten Lat¬≠te Mac¬≠chia¬≠to schl√ľr¬≠fen und √ľber die im Caf√©¬≠haus¬≠tisch ein¬≠ge¬≠las¬≠se¬≠nen Bild¬≠schir¬≠me gleich¬≠zei¬≠tig eine Kon¬≠fe¬≠renz mit Kap¬≠stadt abhal¬≠ten, Abend¬≠kar¬≠ten f√ľr eine Wie¬≠der¬≠auf¬≠nah¬≠me von ‚ÄúEvi¬≠ta‚ÄĚ im Westend bestel¬≠len und die aktu¬≠el¬≠len Kur¬≠se ihrer Akti¬≠en an der B√∂r¬≠se von Kua¬≠la Lum¬≠pur √ľber¬≠pr√ľ¬≠fen. Sp√§¬≠ter w√ľr¬≠den sie beim Ita¬≠lo¬≠in¬≠der eine Piz¬≠za Tan¬≠doo¬≠ri mit Algen¬≠sa¬≠lat essen und schlie√ü¬≠lich mit einem strom¬≠li¬≠ni¬≠en¬≠f√∂r¬≠mi¬≠gen, was¬≠ser¬≠stoff¬≠be¬≠trie¬≠be¬≠nen Sport¬≠wa¬≠gen Zuf¬≠fen¬≠hau¬≠se¬≠ner Bau¬≠art und Mai¬≠l√§n¬≠der Design in die Ber¬≠ge drau¬≠√üen vor der Stadt schwe¬≠ben, wo sie in ihrem Land¬≠haus im spa¬≠ni¬≠schen Stil im Ange¬≠sicht der land¬≠schaft¬≠li¬≠chen Sch√∂n¬≠hei¬≠ten der Krim¬≠halb¬≠in¬≠sel und dank eines pr√§¬≠na¬≠tal ein¬≠ge¬≠stell¬≠ten und voll¬≠kom¬≠men opti¬≠mier¬≠ten Hor¬≠mon¬≠haus¬≠halts opti¬≠mal vor¬≠be¬≠rei¬≠tet auf eine Wei¬≠se mit¬≠ein¬≠an¬≠der schla¬≠fen, von der wir noch nicht ein¬≠mal tr√§u¬≠men k√∂n¬≠nen. Wenn sie sich noch unter¬≠hal¬≠ten, dann ver¬≠mut¬≠lich in einer ent¬≠fernt dem Eng¬≠li¬≠schen ver¬≠wand¬≠ten Stum¬≠mel¬≠spra¬≠che (gibt‚Äôs jetzt schon: ‚ÄúYo, man! Whas¬≠sup?‚ÄĚ). Abge¬≠se¬≠hen davon, dass einem schon der Instinkt sagt, dass sol¬≠che Eloi sicher auch irgend¬≠wel¬≠che Mor¬≠locks br√§uch¬≠ten, die ihnen n√∂ti¬≠gen¬≠falls mal das ver¬≠stopf¬≠te Klo rei¬≠ni¬≠gen, w√§re dies vor allem eins, n√§m¬≠lich die Selbst¬≠ab¬≠schaf¬≠fung des Men¬≠schen ‚ÄĒ in all sei¬≠ner Zer¬≠brech¬≠lich¬≠keit und Unzu¬≠l√§ng¬≠lich¬≠keit. Totalitarismus.

Gro¬≠√üe Wor¬≠te, gewiss. Und wie sich gegen all das weh¬≠ren? Wie Por¬≠tu¬≠gal wie¬≠der por¬≠tu¬≠gie¬≠sisch machen? Sie m√ľs¬≠sen, wie gesagt, nicht gleich Ber¬≠ge ver¬≠set¬≠zen. Fan¬≠gen Sie ein¬≠fach mal damit an, Sie selbst zu sein. Der Rest ergibt sich dann ja vielleicht.

 

(Anmer¬≠kung: Der Text ist schon ein paar Jah¬≠re √§lter und ber√ľck¬≠sich¬≠tigt daher die Finanz¬≠kri¬≠se und alle seit¬≠he¬≠ri¬≠gen Ent¬≠wick¬≠lun¬≠gen nicht. Man k√∂nn¬≠te vom heu¬≠ti¬≠gen Stand¬≠punkt aus nat√ľr¬≠lich ein¬≠wen¬≠den, dass die Gleich¬≠ma¬≠che¬≠rei eben doch nur ober¬≠fl√§ch¬≠li¬≠cher Art war und die gra¬≠vie¬≠ren¬≠den Men¬≠ta¬≠li¬≠t√§ts¬≠un¬≠ter¬≠schie¬≠de zwi¬≠schen den ein¬≠zel¬≠nen Staa¬≠ten Euro¬≠pas sich nicht so leicht besei¬≠ti¬≠gen las¬≠sen wie in die¬≠sem Text bef√ľrchtet.)