Bernd Ohm

Autorenblog

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Die weiße Stadt, viele Jahre später

Es ist immer ein biss­chen gefähr­lich, nach so lan­ger Zeit an einen Ort zurück­zu­keh­ren, der im eige­nen Leben eine, sagen wir mal, nicht ganz unbe­deu­ten­de Rol­le gespielt hat. Der ers­te Anfall von sau­da­de erfasst mich beim Blick aus dem Fens­ter der Unter­kunft, der vom Gra­ça-Hügel nach Süd­os­ten hin­un­ter zum Fluss geht. Ist da am Ufer nicht irgend­wo San­ta Apolô­nia, wo ich als jun­ger Spund mit einem alten Bun­des­wehr­ruck­sack auf dem Rücken aus dem Zug von Madrid gestol­pert bin und zum ers­ten Mal die Luft am West­rand Euro­pas geschnup­pert habe? Und ist hier in Gra­ça nicht irgend­wo das muf­fi­ge Sechs­bett­zim­mer, in das mich die zahn­lo­se Alte geschleppt hat, der ich vor dem Bahn­hof in die Fän­ge gelau­fen war? Das Leben vor dem Inter­net war weni­ger orga­ni­siert, dafür in der Regel spannender …

Spä­ter gehen wir zum nächst­ge­le­ge­nen Mira­dou­ro, und es kommt noch schlim­mer. Da hin­ten links die Gegend, in der mir mei­ne zukünf­ti­ge Ex-Frau gezeigt hat, was »um café e um baga­ço« bedeu­tet. Wei­ter rechts, in der Unter­stadt, die Alt­bau­woh­nung von José, dem schwu­len Rechts­an­walt, der mir (zu Recht) pro­phe­zei­te, dass ich mich irgend­wann wie­der mit mei­nen Eltern aus­söh­nen wür­de. Noch wei­ter rechts, schon oben im Chia­do, die Pra­ça Camões, war da nicht die Vor­stel­lung der Zir­kus­schu­le, mit der Pau­la und Fer­nan­da irgend­wie zu tun hat­ten? Spuck­te da nicht irgend­wer Feu­er? Fing nicht mein Freund Chris­ti­an sel­bi­ges für eine der Lusi­ta­nie­rin­nen, als sie uns spä­ter in Deutsch­land besuchten?

Gleich dane­ben das »Pal­pi­ta-me«, in dem João Osó­rio (der Name muss mal an die Öffent­lich­keit) mir einen der pein­lichs­ten Momen­te mei­nes Lebens ver­schaff­te. Wei­ter­le­sen

Ciao bella

Was man beim Recher­chie­ren so alles fin­det – Unter­schie­de bei der Aneig­nung der anglo-ame­ri­ka­ni­schen Pop­kul­tur Anfang der 1960er in Ita­li­en und Deutsch­land bei­spiels­wei­se. Süd­lich des Bren­ners inte­grier­te man Musik und Film rela­tiv ent­spannt in die ein­hei­mi­sche Lebens­wei­se, und nicht nur Adria­no Cel­en­ta­no sprang leicht­fü­ßig vom Rock’n’Roll zur tra­di­tio­nel­len Ita­lo-Schnul­ze, ohne sich dabei ein Bein zu ver­ren­ken (er war aber auch wirk­lich extrem gelenkig):

Auch die Hoch­kul­tur zeig­te dem Neu­en nicht die kal­te Schul­ter. Der damals immer­hin schon fünf­zig­jäh­ri­ge Avant­gar­de-Film­re­gis­seur Michel­an­ge­lo Anto­nio­ni bei­spiels­wei­se leg­te locker einen von Mina gesun­ge­nen Twist-Kra­cher über die Ein­gangs­ti­tel sei­nes 1962er-Bezie­hungs­dra­mas L’e­clis­se, zu dem er auch noch – so jeden­falls die ita­lie­ni­sche Wiki­pe­dia – selbst den Text geschrie­ben und es geschafft hat­te, dar­in das Wort »Radio­ak­ti­vi­tät« unter­zu­brin­gen. Man muss den Regis­seur nicht mögen (für Freun­de minu­ten­lan­ger Ein­stel­lun­gen mit gut geklei­de­ten, von abs­trak­ter Kunst und moder­ner Archi­tek­tur umrahm­ten Ober­schichts-Ita­lie­nern, die kei­ne Wor­te für ihr über­gro­ßes Lei­den an der Welt fin­den, ist er aller­dings ein abso­lu­tes Muss), der Umgang mit der Musik nötigt jeden­falls eini­gen Respekt ab. Das ist unge­fähr so, als ob Bern­hard Wicki mit Ted Herold oder Con­ny Froboess zusam­men­ge­ar­bei­tet hät­te … Wei­ter­le­sen

Und weiter geht’s: »Das Schattencorps«

Mit gro­ßer Freu­de darf ich ankün­di­gen, dass 2017 mein zwei­ter Roman »Das Schat­ten­corps« erschei­nen wird, wie­der bei ars viven­di. Freun­de des his­to­risch-poli­ti­schen Romans kom­men erneut voll auf ihre Kos­ten und dür­fen sich auf einen Aus­flug in die Welt der NATO-Geheim­ar­me­en des Kal­ten Krie­ges und die Suche nach einem legen­dä­ren Schatz freu­en. Zudem gibt’s ein Wie­der­se­hen mit einem alten Bekann­ten aus »Wolfs­stadt«, man erfährt end­lich, vor wem die USA ihre deut­schen Atom­waf­fen­la­ger wäh­rend der Kuba­kri­se schüt­zen muss­ten, und das schöns­te Auto, das jemals in Deutsch­land gebaut wor­den ist, spielt natür­lich auch eine Rolle…

Isabella

Nähe­res zu gege­be­ner Zeit!

Die Geister Tom Joads

Vor Jahr und Tag schrieb die ame­ri­ka­ni­sche His­to­ri­ke­rin Bar­ba­ra Tuch­man einen die­ser »popu­lär-his­to­ri­schen« Best­sel­ler, die in den letz­ten Jahr­zehn­ten haupt­säch­lich in der angel­säch­si­schen Welt ent­stan­den sind. Die Tor­heit der Regie­run­gen – von Tro­ja bis Viet­nam heißt das nach wie vor unein­ge­schränkt zu emp­feh­len­de Werk, und falls der Ver­lag mal eine Fort­set­zung pla­nen soll­te, müs­sen die Ereig­nis­se der letz­ten Tage dar­in unbe­dingt einen Ehren­platz fin­den. So lang­sam mischen sich ja die ers­ten Stim­men der Ver­nunft in das auf­ge­reg­te Hin- und Her­ge­flat­ter der öffent­li­chen Mei­nung (ich emp­feh­le etwa die­se exzel­len­te Ana­ly­se von Tho­mas Spahn), und es zeich­net sich immer deut­li­cher ab, dass wir es in Wirk­lich­keit mit einer gran­di­os schief­ge­lau­fe­nen Palast­re­vol­te Boris John­sons zu tun haben, der wahr­schein­lich mit einem knap­pen »Remain« gerech­net hat, um dann hin­ter­her mit die­sem Ergeb­nis im Rücken sei­nen Intim­feind Came­ron aus dem Amt zu jagen und in Brüs­sel neue Son­der­kon­di­tio­nen her­aus­schla­gen zu kön­nen. Und nu hat­ter den Salat.

Ob Groß­bri­tan­ni­en wirk­lich in den nächs­ten Jah­ren aus der EU aus­tre­ten wird, muss sich erst zei­gen. Viel­leicht fin­den die tau­meln­den Töl­pel doch noch irgend­ei­nen Weg, um sich bei wenigs­tens teil­wei­ser Gesichts­wah­rung aus der Affä­re zu zie­hen – die Sou­ve­rä­ni­tät des Par­la­ments, die Nicht­ein­be­zie­hung der Aus­lands­bri­ten, das doch ins­ge­samt sehr knap­pe Ergeb­nis, ein neu­es Refe­ren­dum wegen des zu erwar­ten­den Wirt­schafts­cha­os, was auch immer. Dadurch wür­de aller­dings nicht die tie­fe­re Ursa­che für das bla­ma­ble Wahl­er­geb­nis besei­tigt, die glei­cher­ma­ßen den Grund für John­sons epo­cha­le Fehl­ein­schät­zung dar­stel­len dürf­te: der Ver­rat an den ein­fa­chen Leu­ten. Wei­ter­le­sen

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