Mit 14 verliert man sich gerne in Phänomenen, die einem später herzlich peinlich sind: Teenie-Musik, Elektronikbasteln, Bibelkreis. Oder, in meinem Fall, Science-Fiction. Woche um Woche fieberte ich dem Erscheinen der neuen Perry-Rhodan-Heftchen (1. und 4. Auflage) entgegen, verschlang alles aus Heynes SF-Taschenbuchreihe, das ich in die Finger bekam, und saß atemlos auf der vorderen Kante des Kinositzes, während Offizier Ripley sich mit den Kreationen H. R. Gigers herumschlug (die Kinoleute nahmen es damals mit der FSK nicht so genau). Ganz zu schweigen von den zahlreichen Folgen Raumschiff Enterprise und Mondbasis Alpha, in denen Abgesandte der Menschheit freiwillig oder unfreiwillig mit Warp-Antrieb oder durch „Wurmlöcher“ beschleunigt durchs Universum düsten und sich mit den verschiedensten außerirdischen Kulturen herumschlugen. Sogar Captain Future habe ich mir noch gegeben.

Irgendwann legt man das ab wie den Parka und die Puma-Turnschuhe, ohne die sich unsereins damals nicht aus dem Hause traute. Trotzdem blieb ich dem Weltraumfieber, das ich mir schon im Grundschulalter bei der Live-Übertragung der letzten Mondlandungen zugezogen hatte, noch ein paar Jahre länger treu, wenn auch in einem etwas realistischeren Modus. Ich träumte davon, als Astronaut auf der von Präsident Reagan angekündigten internationalen Raumstation (die damals noch Freedom heißen sollte) zu arbeiten, und begann ein Studium der Lauft- und Raumfahrttechnik – das ich bald wieder hinwarf, da man schon im Praktikum genötigt wurde, an irgendwelchen Kampfjets herumzuschrauben, was mir die tatsächlichen Berufsperspektiven in diesem Bereich nur allzu drastisch vor Augen führte: Maschinen bauen, die töten. Nach ein paar Semestern Physik hatte ich endgültig die Nase voll von Technik und Weltall und fand meine wahre Berufung dort, wo ich heute bin: bei Geschichte, Sprachen und Ökologie. Als die ISS endlich zusammengeschraubt war und im Orbit schwebte, war mir das so piepegal, als ob in Kanton ein Reiskorn vom Tisch gefallen wäre.

Andere sind nicht so leicht davongekommen.

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Quelle: NASA [Public domain], aus Wikimedia Commons

Nehmen wir mal Jeff. Er ist eigentlich so eine Art Buchhändler, hat aber sein Sortiment mit der Zeit immer mehr erweitert und verkauft heute alles Mögliche, von Windeln über MP3-Player bis hin zu Gartenscheren. Neuerdings gehört ihm sogar eine Zeitung. Seine Leidenschaft aber ist der Weltraum. In seiner Jugend träumte er davon, „Hotels, Freizeitparks und Kolonien im All für 2 bis 3 Millionen Menschen“ zu bauen, um die Erde zu retten. Die könne dann nämlich ein Park werden, in dem der Mensch nicht mehr stören würde. Jeff ist weit von diesen Zielen entfernt, aber er hat immerhin eine Firma gegründet, um ein Raketensystem entwickeln zu lassen, das Menschen sicher und billig ins All bringen soll.

Dabei arbeitet er neuerdings strategisch mit Richard zusammen. Der ist schon ein bisschen älter, so alt, dass er die Swinging Sixties nicht nur vom Hörensagen kennt und ein Leben voller Abenteuer und schöner Frauen vorweisen kann. Statt mit Büchern hat er mit Schallplatten angefangen und seine Aktivitäten im Laufe seines turbulenten Lebens auf Flugzeuge, Heißluftballons und Züge ausgedehnt. In dieser Hinsicht sind die Raketenflugzeuge, deren Konstruktion er seit einigen Jahren finanziert, nur ein weiteres Verkehrsmittel unter vielen. Die schnittigen Raumboliden sollen reiche Touristen für einen Hüpfer in das Weltall, na ja, in den Bereich gerade außerhalb der Erdatmosphäre bringen und so schnell fliegen, dass die Passagiere dort ein paar Minuten Schwerelosigkeit erleben. Richard ist mit seinen Plänen ein bisschen weiter als Jeff, die ersten Testflüge haben schon stattgefunden. Seinen Suborbitalflieger hat der bekennende Star-Trek-Fan natürlich Enterprise genannt, und viele Hollywood-Stars und sonstige Berühmtheiten haben bereits Plätze darin reserviert, was immerhin 200.000 US-Dollar kostet. Noch ist es allerdings nicht soweit.

Nicht ganz so intensiv engagieren sich Sergey und Larry, die allerdings auch nicht so viel Zeit haben, weil sie zusammen eine große Firma in der Internetbranche leiten müssen. Sergey hat immerhin schon mal einen Platz bei einer anderen Firma gebucht, die Ausflüge zur ISS und als Passagier in russischen Raumkapseln vermarktet. Und Larry hat für die weitere Zukunft ganz große Pläne: Zusammen mit seinen Kumpels Eric und James möchte er in ein paar Jahren Raumsonden zu Asteroiden schicken, um dort nach mineralischen Rohstoffen schürfen zu lassen. Nicht ganz wie in Outland, dem alten Sean-Connery-Film, sondern nur mit Robotern, und vorher sollen die Asteroiden in die Erdumlaufbahn geschleppt werden, aber immerhin. Vorerst arbeitet man bei dem entsprechenden Unternehmen allerdings noch an einem Weltraumteleskop, denn schließlich muss man die geeigneten Asteroiden erst einmal finden. Das Teleskop soll so finanziert werden, dass Privatleute das Recht kaufen können, seine Funktionen für ein paar Minuten zu nutzen und die dabei aufgenommenen Bilder zusammen mit dem eigenen Konterfei in sozialen Netzen wie Facebook zu verbreiten.

Am erfolgreichsten von allen ist aber Elon. Er hat genau wie ich ein Physikstudium abgebrochen, im Anschluss daran aber eine Firma gegründet, deren Mitarbeiter eine intelligente und nützliche Software für das Bezahlen im Internet erfunden haben. Die Firma wurde schließlich verkauft, und Elon hat zwei weitere Unternehmen gegründet (in den USA spricht man in einem solchen Fall analog zum „Serienkiller“ neuerdings vom „Serienunternehmer“), von denen eines Elektroautos baut, die mit Notebook-Batterien laufen, und das andere Raketen. Diese Projektile sollen die Kosten der Raumfahrt drastisch senken, indem sie nicht mehr nach Gebrauch zu großen Teilen in der Erdatmosphäre verglühen, sondern so zur Erde zurückkehren, dass man sofort wieder damit losfliegen kann, also ganz wie Dr. Zarkovs Rakete in Flash Gordon. Das hat vor Elon noch keiner geschafft, aber er ist guter Hoffnung. Und wenn es soweit ist, soll es endlich losgehen mit dem Bau von Orbitalstationen und Mondbasen, um deren Finanzierung sich dann nicht mehr staatliche Behörden mit knappen Budgets, sondern tatkräftige Unternehmer mit Gewinnabsichten kümmern würden. Und so schnell wie möglich soll es dann auch zum Mars gehen, dessen Kolonisierung Elon für die Menschheit ermöglichen möchte. Das kann noch ein paar Jahre warten, und Elons Raketen kehren auch noch nicht so richtig zur Wiederverwendung zur Erde zurück, aber sie fliegen immerhin schon so zuverlässig, dass die NASA Flüge damit bucht, um Lasten auf die herkömmliche Art zur ISS zu bringen. Für die nähere Zukunft sind Satellitenstarts und eine bemannte Raumkapsel geplant.

Die Cleveren haben es schon gemerkt, ich rede von Amazon-Chef Jeff Bezos, Virgin-Tycoon Richard Branson, Sergey Brin, Larry Page und Eric Schmidt von Google, dem Filmregisseur James Cameron sowie Elon Musk, der das Geld, das er mit dem Verkauf von Paypal verdient hat, in Tesla Motors und SpaceX gesteckt hat. Ich kann den Enthusiasmus, den all diese Multimilliardäre für ihre Raumfahrtprojekte versprühen, noch ganz gut nachvollziehen, schließlich habe ich selber mal ähnliche Träume gehegt (ohne allerdings den Weg dorthin als Superkapitalist bestreiten zu wollen). Aber wie realistisch ist das alles? Lohnt es sich? Und was für eine Philosophie steckt dahinter?

Für Weltraumtouristen

(c) Virgin Galactic/Mark Greenberg [CC-BY-SA-3.0], über Wikimedia Commons

Das mit dem Weltraumtourismus ist wahrscheinlich kein Problem, potenzielle Touristen gibt es jedenfalls genug. Wie die kanadische Journalistin Chrystia Freeland in ihrem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch Die Superreichen (im Original weniger schamhaft: The Plutocrats) sehr anschaulich erklärt, ist in den letzten Jahrzehnten eine neue Klasse von Global-Playern entstanden, die ihren märchenhaften Reichtum sowohl Organisationstalent und harter Arbeit als auch dem Umstand verdankt, dass sich durch die IT-Revolution, die Globalisierung der Unterhaltungsindustrie und die neoliberalistische Privatisierungswelle Möglichkeiten für den Vermögenserwerb aufgetan haben, die die Welt seit den Tagen von Rockefeller und Carnegie nicht mehr gesehen hat. Nicht nur gehören Bransons Zielkunden zur dieser neuen Klasse, sondern auch er selbst und die anderen genannten Raumfahrtunternehmer; man bleibt unter sich.

Bransons VCC Enterprise könnte also schon bald zahlende Kundschaft in den Bereich außerhalb der Erdatmosphäre katapultieren. In technischer Hinsicht geht es ja eigentlich nur um einen besonders hohen Parabelflug, und solange kein größerer Unfall passiert, bei dem Passagiere zu Tode kommen, dürfte das Geschäftsmodell funktionieren. Was aber ist mit den anderen Vorhaben?

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Quelle: NASA [Public domain], aus Wikimedia Commons

Eines muss dabei klar sein: Die vielfältigen unternehmerischen Aktivitäten in Sachen Raumfahrt befinden sich momentan in einer Phase, die ungefähr derjenigen der staatlichen Raumfahrt Ende der 1950er plus besseren Computern entspricht. Die Technik unterscheidet sich nicht grundlegend von der damals konzipierten: mehrstufige Rückstoßraketen mit Kapseln an der Spitze, die den alten Gemini- oder Apollo-Systemen nicht unähnlich sind. Ideen wie die Wiederverwendung von Raketenstufen gab es damals natürlich auch schon, aber sie wurden verworfen, weil man möglichst schnell zum Mond wollte, und danach setzten sowohl die USA als auch die UdSSR auf Shuttle-Systeme (von denen nur das amerikanische verwirklicht wurde). Eine Rakete, die nach dem Einsatz wieder landen soll, verbraucht allerdings wesentlich mehr Treibstoff und ist schwerer als Wegwerflösungen, sodass entweder die Nutzlast kleiner oder die Rakete größer werden muss. Ob sich das System am Ende rechnet, steht sozusagen in den Sternen, aber es ist ein interessanter Ansatz, und vielleicht kommt wirklich etwas dabei heraus, das die Startkosten für Weltraumfrachten deutlich senken kann. Den Markt für Satellitenstarts und Forschungsflüge könnten Unternehmer wie Musk jedenfalls durchaus kräftig aufmischen.

Der umtriebige Südafrikaner hat aber, wie bereits erwähnt, in Wirklichkeit ganz andere Ziele. Es soll ja nur der Anfang sein, Satelliten in die Umlaufbahn zu schießen, um Geld damit zu verdienen, am Ende will Musk zu unserem äußeren Nachbarplaneten, auf dem eine Kolonie der Menschheit entstehen soll, um das Problem der Überbevölkerung zu lösen. Vom Reiseziel Mars träumen natürlich viele, die amerikanischen Regierungen der vergangenen Jahrzehnte haben auch immer mal wieder größere Projekte angekündigt, bei denen es um bemannte Missionen und die Errichtung von permanenten Basen auf dem Roten Planeten geht. Jedes dieser Projekte allerdings wurde von den fiskalischen Realitäten eingeholt, und derzeit sieht es nicht so aus, als ob irgendein Land der Erde allein oder in Zusammenarbeit mit anderen in nächster Zeit ein entsprechendes Mammutunternehmen anstoßen würde.

Wenn es nach den Superkapitalisten geht, die an ihren Raumfahrtprototypen herumbasteln, ist das auch gar nicht erforderlich. Die meisten von ihnen hängen dem Libertarismus an, einer in den USA weit verbreiteten radikalen Ideologie, der zufolge die Freiheit des Individuums, auch jene zur Anhäufung eines möglichst großen Vermögens, maximal ausgedehnt werden sollte. Der Staat spielt in solchen Vorstellungen keine große Rolle mehr, und eine Umverteilung von Reichtum wird natürlich weitestgehend abgelehnt, um den Fähigen keine Fesseln anzulegen. Die Bibel dieser Leute ist der Roman Atlas wirft die Welt ab der russisch-amerikanischen Autorin Ayn Rand, eine Art verschrobene Utopie, in der die gesellschaftliche Elite in den Streik gegen die Regierung tritt und sich in das Städtchen Galt’s Gulch in den Rocky Mountains zurückzieht, während um sie herum die Welt im Chaos versinkt, das von den Faulen und Inkompetenten angerichtet wird.

Auch die Raumfahrt sollte demzufolge marktwirtschaftlich organisiert sein und durch das Gewinnstreben einzelner Überflieger erschlossen werden. Aber gibt es im All überhaupt einen Markt jenseits von Kommunikations- und Navigationssatelliten? Lässt sich mit Asteroiden-Erzen und Marsflügen Geld verdienen?

Wahrscheinlich nicht.

Eine Studie von Planetary Resources, dem Unternehmen, für das sich Sergey Brin, Eric Schmidt und James Cameron engagieren, kommt zu dem Ergebnis, dass man einen 500 Tonnen schweren Asteroiden bis zum Jahr 2025 für ungefähr 2,6 Milliarden US-Dollar in eine hohe Mondumlaufbahn bringen könnte. Selbst falls das Objekt zu einem Großteil aus dem sehr wertvollen Nickel bestehen würde, hätte man bis dahin schon jede Menge Geld verloren, denn bei heutigen Preisen sind 500 Tonnen dieses Metalls nur gut 7 Millionen US-Dollar wert. Die Studie spricht denn auch nicht davon, den Asteroiden wirklich kommerziell zu nutzen, sondern schlägt vor, ihn zu Testzwecken in den Mondorbit zu bringen, um dann dort eine robotische Infrastruktur aufzubauen, die die enthaltenen Metalle weiterverarbeiten könnte. Irgendwann später, wenn die Frachtpreise durch neue Raketentechnik stark gefallen sind und Baubedarf für eine industrielle Infrastruktur im Weltall besteht, könnte das Unternehmen dann tatsächlich wirtschaftlich sein.

Das hört sich verdächtig nach einem Luftschloss an, zumal die meisten Asteroiden kein kompaktes Objekt sind, sondern eher eine lose Ansammlung von Weltraumschutt, der durch die schwache Gravitation der einzelnen Teile zusammengehalten wird. Es dürfte schon rein technisch nicht ganz einfach sein, sie in eine andere Umlaufbahn zu zwingen. Und dann müssten die Frachtpreise schon extrem weit fallen, denn selbstverständlich besteht auch ein „metallischer“ Asteroid in Wirklichkeit nur zu einem bestimmten Prozentsatz aus Metall, und billiges Eisen kommt häufiger vor als teures Nickel.

Noch düsterer wird es, wenn wir uns dem Projekt „Marskolonie“ zuwenden. Die Vorstellung, dass unser Nachbarplaneten früher irgendwie bewohnbar war oder wir ihn in der Zukunft irgendwie bewohnbar machen können, ist von Ray Bradburys Mars-Chroniken über Kim Stanley Robinsons Mars-Trilogie bis hin zu Disneys John-Carter-Desaster eine der am nachhaltigsten im kollektiven Unbewussten verankerten Vorstellungen der modernen Science-Fiction, von daher erscheint es beinahe blasphemisch, nicht daran glauben zu wollen.

Die Gründe für eine gewisse Skepsis sind allerdings recht stichhaltig. Es ist hier nicht der Platz, um alle anzuführen, aber allein zwei davon sind schon recht gewichtig: Zum einen hat der Mars nur ein extrem schwaches Magnetfeld und deshalb auch kein dem Van-Allen-Gürtel vergleichbaren Mechanismus, der die Oberfläche des Planeten frei von kosmischer Strahlung halten würde. Hypothetische Marskolonisten müssten die meiste Zeit über in Strahlenschutzkuppeln oder unter der Marsoberfläche leben, und was das ständige Bombardement mit hochenergetischen Partikeln mit der Vegetation anstellen würde, die man zum Zwecke eines „Terraforming“ auf dem Planeten ansiedeln will, kann man sich wohl vorstellen – Mutationen zu Hauf. Bereits der Flug zum Roten Planeten würde ungeschützt verlaufen und daher aufgrund seiner langen Dauer unkalkulierbare Risiken für die Raumfahrer mit sich bringen.

Des Weiteren ist der Mars sehr viel kleiner als die Erde und hat eine geringere Schwerkraft. Das könnte für Dauerbewohner zu Muskelschwund und anderen gesundheitlichen Problemen führen, aber vor allem ist dadurch auch die Fluchtgeschwindigkeit geringer, und leichte Moleküle wie Wasser können in den oberen Atmosphäreschichten vom Sonnenwind erfasst werden und den Planeten auf Nimmerwiedersehen verlassen. Sie tun das so regelmäßig, dass eine erdähnliche Lufthülle – wie auch immer herbeigeführt – auf Dauer instabil wäre und ständig durch Nachschub mit Wasser und anderen Bestandteilen aufgefrischt werden müsste. Mars-Enthusiasten führen an dieser Stelle in der Regel an, das könne durch Umlenken von Kometen geschehen, deren Kern aus Wassereis dann in der Marsatmosphäre verdampfen und abregnen würde. Aber man stelle sich das vor: Noch heute, obwohl das meiste Wasser gefroren ist, gehen dem Mars 500 Tonnen Wasser pro Tag verloren. Die Kosten dafür, die Umlaufbahn eines Kometen zu ändern, dürften dem oben angesprochenen Asteroidenprojekt ähneln. Wir müssten also jeden Tag mehrere Milliarden (oder durch fortschrittliche Technik meinetwegen mehrere Millionen) US-Dollar dafür ausgeben, eine Menge an Wasser herbeizuschaffen, die auf der Erde nicht mal einem mickrigen Dorfteich entspricht!

Diese Überlegung ist es auch, die uns an den wahren Kern des Problems bringt, und der ist ökologischer Natur: Die wirtschaftlichen Aktivitäten des Menschen sind nur durch den gigantischen kostenfreien Service möglich, den der Planet Erde jeden Tag für uns leistet. Er versorgt uns mit atembarer Luft, trinkbarem Wasser, einer sich selbst reproduzierenden Biosphäre, deren Manipulation wir unsere Nahrung verdanken, Strahlenschutz, metallischen Rohstoffen und vielen weiteren Annehmlichkeiten, die wir uns buchstäblich nicht leisten könnten, wenn wir sie uns erst erarbeiten müssten. Man vergisst das in der Regel, weil es so selbstverständlich ist, und auch in der klassischen ökonomischen Theorie kommen diese Gegebenheiten nur als „Externalitäten“ vor. Aber auf fremden, lebensfeindlichen Planeten kann man es nicht mehr vergessen, und die Vorstellung, den Mars (oder die Venus, andere Planeten, Monde…) quasi wie eine riesige Raumstation mit künstlichen Lebenserhaltungssystemen auszurüsten und ständig betriebsbereit zu halten, übersteigt die aktuellen und für die nähere bis mittlere Zukunft vorstellbaren technischen Fähigkeiten der Menschheit in einem derartigen Ausmaß, dass wir uns wohl mit dem Gedanken anfreunden müssen, bis auf Weiteres nur diesen einen Planeten als Wohnstätte zur Verfügung zu haben. Auf anderen Himmelskörpern ist schlichtweg die Miete zu hoch.

Auf eine viel tiefere Dimension des Problems verweist Jeff Bezos‘ Idee von einer Menschheit, die in Weltraumkolonien ein neues Eden gefunden hat, während die Erde quasi zu einem gigantischen Naturschutzgebiet wird. Sicher hat er das im jugendlichen Überschwang gesagt und backt momentan in Sachen Raumfahrt viel kleinere Brötchen, aber man erkennt doch in den Worten eine Hoffnung, die wir sonst nur aus Religionen kennen: Der Mensch lässt die Beschränkungen der Natur hinter sich, steigt in den Himmel auf und wohnt den Göttern gleich in silbern schimmernden Röhren, die um Lagrange 4 kreisen. Das ist allenfalls noch mit der Gnostik zu vergleichen, deren Ziel es war, den göttlichen Funken in uns zu befreien, um der hässlichen, von Teufel oder Demiurg beherrschten materiellen Realität und dem sündigen Körper zu entkommen.

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Joe Doolin [Public domain], aus Wikimedia Commons

Was für ein Blödsinn! Und was für eine tief sitzende Angst vor dem Lebendigen, dessen Teil wir doch unabwendbar sind! Hier zeigt sich eine der wesentlichen Triebfedern der Science-Fiction in der Seele ihrer jugendlichen Anhänger: die Abscheu vor der alles verschlingenden Natur, dem Mutterschoß, dem man doch gerade entronnen ist und zu dessen erneuter Wertschätzung auf höherer Ebene einen in der modernen Welt keine Rituale, keine Weisungen, keine Gebete mehr hinführen. Da wird dann die Technik zur Erlösungsreligion des jungen Mannes und die Traumwelt der Science-Fiction zu seinem Evangelium. Erst im Weltall sollt ihr eure wahre Bestimmung erfahren! Wenn ich mir heute so für Augen führe, an was ich in diesem Alter selbst geglaubt habe, gruselt mir.

Nun mag man sagen, dass all dies Überinterpretation, Kulturpessimismus und die für Geisteswissenschaftler typische Klugschnackerei sei. Und schließlich muss doch allein die Tatsache, dass hochintelligente und erfolgreiche Unternehmer wie Jeff Bezos, Larry Page oder Elon Musk ihr Geld in diese Unternehmen investieren, für deren Umsetzbarkeit sprechen. Mag sein. Aber superreich wird man nicht, weil man die Naturgesetze aushebeln kann (auch wenn Musk sich bei Gelegenheit schon mal über Newtons drittes Gesetz beschwert), sondern weil man in Umbruchzeiten zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle war und das richtige Produkt auf den Markt gebracht hat. Eine ganz andere Geschichte ist es, ein Produkt auf einem Markt zu lancieren, den es nicht gibt, für Kunden, die keinen Nutzen davon haben. Es gibt ja einen guten Grund dafür, dass die „Eroberung des Weltraums“ nicht den kolonisatorischen Verlauf genommen hat, von dem die utopische Literatur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch so selbstverständlich ausging: Außer Erkenntnissen ist dort oben nichts zu gewinnen. Weder Tempelschätze noch durch Sklaven ausbeutbare Silberminen noch lächelnde braunhäutige Frauen, mit denen man schlafen kann, um der repressiven christlichen Moral zu entkommen.

Und noch viel wichtiger: Es mag technisch irgendwie möglich sein, einen metallischen Asteroiden umzulenken und in eine Mond- oder Erdumlaufbahn zu bringen, um ihn dort von Robotern einschmelzen zu lassen. Wie viel einfacher und nützlicher aber wäre es wohl, das Wirtschaftssystem hier unten auf Erde so umzubauen, dass ein ewiger Kreislauf daraus wird, der nicht ständig neuen Nachschub an Rohstoffen braucht, ganz genau wie bei den zugrunde liegenden Systemen der Natur? Wahrscheinlich sehr viel einfacher. Und extrem viel nützlicher.

Um noch mal zu Chrystia Freeland und ihrem Buch Die Superreichen zurückzukommen: Die ganzen privaten Raumfahrtinitiativen sind eigentlich nur möglich, weil durch die wirtschaftlichen Gegebenheiten seit Reagans und Thatchers neoliberaler Zeitenwende und die digitale Revolution einige wenige so viel Geld in ihren Händen vereinen konnten, dass sie es sich leisten können, ein wenig herumzuexperimentieren, ohne die unmittelbare Macht des Marktes oder die harte Hand des Finanzministers fürchten zu müssen. Sie werden dabei sicher Techniken entwickeln, die effizientere Satellitenstarts ermöglichen und die bestehende Raumfahrttechnik billiger machen. Aber wie viel besser wären die dafür aufgewendeten Ressourcen eingesetzt, wenn man sie dafür verwendete, ein vernünftiges Kreislaufsystem hier unten auf der Erde zu schaffen! Dass die in wenigen Jahrzehnten zu erwartenden 9 Milliarden Menschen auf dem Planeten noch irgendwie in den Genuss von Elon Musks Marskolonien kommen (wenn sie denn möglich wären), ist purer Blödsinn. Die großen Probleme, die wir haben, stellen sich uns hier und jetzt. Wir werden sie nicht durch Phantastereien von einer Menschheit, die ins Weltall gehört, lösen können.

Die Ideologie des Libertarismus behauptet, dass am besten der einzelne Mensch, der zu viel Geld gekommen ist, über dessen Verwendung entscheidet, das Recht dazu habe er ja durch den Erwerb eben dieses Geldes erworben. Dummerwiese kann es einem dann passieren, dass Riesensummen in den Händen kleiner Jungs landen, die damit ihre jugendlichen Science-Fiction-Träume wahrmachen wollen. Wenn man noch einen besseren Beweis für den Irrsinn dieses zu Ende gedachten Liberalismus braucht – mir fällt keiner ein.

Und der Titel ist, ähem, ein bisschen reißerisch. Es muss natürlich heißen: Geborgen auf Sol 3 – unserer Heimat im All.

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Quelle: Nasa [Public domain], aus Wikimedia Commons

(Demnächst mehr zur Raumfahrt über die Grenzen des Sonnensystems hinaus)

 

 

Fakten, Daten, Hintergründe:

Jeff Bezos Jugendträume

Richard Branson und Jeff Bezos

Abbau von Asteroiden-Erzen

Weltraumteleskop mit Crowdfunding

Machbarkeitsstudie Asteroiden-Erze

Strahlenbelastung bei Flug zum Mars

Grundsätzliches zur Marskolonisation

Musk über Newton: „For rockets, well, there’s no way to make a rocket electric. That’s for sure. Unfortunately, Newton’s third law cannot be escaped“

Chrystia Freeland : Die Superreichen