Faust w√§re eigent¬≠lich der Mann der Stun¬≠de. Sein unstill¬≠ba¬≠rer Wis¬≠sens¬≠durst, sei¬≠ne ma√ü¬≠lo¬≠se Dyna¬≠mik und Macht¬≠gier, sei¬≠ne Sehn¬≠sucht nach Rausch und Spi¬≠ri¬≠tua¬≠li¬≠t√§t ‚Äď all das sind zwei¬≠fel¬≠los immer noch wir. Auch einen nicht ganz unbe¬≠deu¬≠ten¬≠den Teu¬≠fels¬≠pakt haben wir geschlos¬≠sen, der uns die wis¬≠sen¬≠schaft¬≠li¬≠che Revo¬≠lu¬≠ti¬≠on, fos¬≠si¬≠le Brenn¬≠stof¬≠fe und tau¬≠send unver¬≠zicht¬≠ba¬≠re tech¬≠ni¬≠sche Hel¬≠fer¬≠lein beschert hat, nun aber lang¬≠sam dar¬≠auf zusteu¬≠ert, dass der F√ľrst der Fins¬≠ter¬≠nis sei¬≠nen √ľbli¬≠chen Lohn ein¬≠for¬≠dert. Nicht ganz zuf√§l¬≠lig hat Speng¬≠ler unse¬≠re Kul¬≠tur, die im Sp√§t¬≠mit¬≠tel¬≠al¬≠ter aus der Ursup¬≠pe von Alchi¬≠mie und Ent¬≠de¬≠ckungs¬≠fahr¬≠ten ent¬≠stand, als ¬Ľfaus¬≠tisch¬ę bezeichnet.

Was wohl das heu¬≠ti¬≠ge Thea¬≠ter dar¬≠aus macht? Ich bin lei¬≠der nicht so im The¬≠ma drin ‚Äď das letz¬≠te posi¬≠ti¬≠ve B√ľh¬≠nen¬≠er¬≠leb¬≠nis, an das ich mich erin¬≠nern kann, muss irgend¬≠wann gegen Ende der 1980er Jah¬≠re in den M√ľnch¬≠ner Kam¬≠mer¬≠spie¬≠len gewe¬≠sen sein; ich glau¬≠be, es war eine Auf¬≠f√ľh¬≠rung von Tsche¬≠chows M√∂we. Die Kos¬≠t√ľ¬≠me ent¬≠spra¬≠chen der Zeit des St√ľ¬≠ckes, das B√ľh¬≠nen¬≠bild sah aus wie ein rus¬≠si¬≠scher Guts¬≠hof Ende des 19. Jahr¬≠hun¬≠derts von innen aus¬≠ge¬≠se¬≠hen haben mag, und die Schau¬≠spie¬≠ler ver¬≠k√∂r¬≠per¬≠ten die Rol¬≠len so, wie es der Autor vor¬≠ge¬≠se¬≠hen hat¬≠te, ohne dass der Text einer Figur auf ver¬≠schie¬≠de¬≠ne Spre¬≠cher ver¬≠teilt wur¬≠de oder ein ein¬≠sa¬≠mer Mime s√§mt¬≠li¬≠che Rol¬≠len¬≠tex¬≠te mit ver¬≠stell¬≠ter Stim¬≠me aus dem Reclam-Heft ablas. Nicht mal Video¬≠ein¬≠spie¬≠lun¬≠gen oder Gesangs¬≠ein¬≠la¬≠gen gab es. Sp√§¬≠ter ging ich immer sel¬≠te¬≠ner ins Thea¬≠ter; irgend¬≠wann habe ich es ganz aufgegeben.

Ich schwei¬≠fe ab. Vor kur¬≠zem ent¬≠deck¬≠te ich das Kon¬≠ter¬≠fei Mephis¬≠tos auf dem Cover einer etwas merk¬≠w√ľr¬≠di¬≠gen, nach einem r√∂mi¬≠schen Schrift¬≠stel¬≠ler benann¬≠ten Zeit¬≠schrift, die mir eine Erkl√§¬≠rung daf√ľr ver¬≠sprach, ¬Ľwas Goe¬≠thes Meis¬≠ter¬≠werk unsterb¬≠lich macht¬ę. Gese¬≠hen, gekauft, √§rger¬≠lich wie¬≠der weg¬≠ge¬≠legt. Der Haupt¬≠text m√§an¬≠dert so vor sich hin, irgend¬≠was mit Gret¬≠chen und ¬ĽMetoo¬ę sowie eine Para¬≠de der abson¬≠der¬≠lichs¬≠ten Insze¬≠nie¬≠rungs¬≠ideen, die gera¬≠de auf den deutsch¬≠spra¬≠chi¬≠gen B√ľh¬≠nen im Umlauf sind. Wich¬≠ti¬≠ger als der Inhalt des St√ľcks scheint mitt¬≠ler¬≠wei¬≠le zu sein, wel¬≠che Rol¬≠le der Goe¬≠the¬≠kult im ¬Ľ3. Reich¬ę spiel¬≠te. Ein paar Sei¬≠ten wei¬≠ter meint irgend¬≠je¬≠mand sogar, der Dich¬≠ter¬≠f√ľrst h√§t¬≠te etwas gegen Boden¬≠spe¬≠ku¬≠la¬≠ti¬≠on schrei¬≠ben wol¬≠len ‚Ķ Der ein¬≠zi¬≠ge, der auch nur in die N√§he des Pro¬≠blems kommt, ist ein gewis¬≠ser Nico¬≠las Ste¬≠mann, der aber auf hal¬≠bem Weg ste¬≠hen¬≠bleibt und Goe¬≠thes Dra¬≠ma der ¬ĽGeburt des moder¬≠nen Kapi¬≠ta¬≠lis¬≠mus¬ę zuweist ‚Äď als w√§re Fausts gran¬≠dio¬≠se Neu¬≠land¬≠ge¬≠win¬≠nung nicht eben¬≠so gut ein Vor¬≠l√§u¬≠fer kom¬≠mu¬≠nis¬≠ti¬≠scher oder faschis¬≠ti¬≠scher Mega¬≠pro¬≠jek¬≠te. Mephis¬≠to, das ist ja das Dilem¬≠ma, hat die Moder¬≠ne ins¬≠ge¬≠samt gebracht, nicht nur die libe¬≠ral-kapi¬≠ta¬≠lis¬≠ti¬≠sche Variante.

The¬≠ma also lei¬≠der ver¬≠fehlt. Wor¬≠an mag das lie¬≠gen? Viel¬≠leicht dar¬≠an, dass wir noch nicht bereit f√ľr die Depres¬≠si¬≠on sind. Nein, das ist jetzt kei¬≠ne erneu¬≠te Abschwei¬≠fung ‚Äď ich mei¬≠ne damit die drit¬≠te der f√ľnf Pha¬≠sen des Ster¬≠be¬≠pro¬≠zes¬≠ses, die um 1970 von der schwei¬≠ze¬≠risch-ame¬≠ri¬≠ka¬≠ni¬≠schen Psych¬≠ia¬≠te¬≠rin Eli¬≠sa¬≠beth K√ľb¬≠ler-Ross in ihrem Buch Inter¬≠views mit Ster¬≠ben¬≠den iden¬≠ti¬≠fi¬≠ziert wur¬≠den. K√ľb¬≠ler-Ross hat¬≠te aus ihrer Besch√§f¬≠ti¬≠gung mit Todes¬≠kan¬≠di¬≠da¬≠ten die Erkennt¬≠nis gewon¬≠nen, dass die meis¬≠ten Men¬≠schen auf die Nach¬≠richt ihres bevor¬≠ste¬≠hen¬≠den Todes zun√§chst mit Nicht¬≠wahr¬≠ha¬≠ben¬≠wol¬≠len (deni¬≠al), dann mit Zorn (anger) und Ver¬≠han¬≠deln (bar¬≠gai¬≠ning), schlie√ü¬≠lich mit trau¬≠ern¬≠der Depres¬≠si¬≠on (depres¬≠si¬≠on and grief) und Hin¬≠nah¬≠me (accep¬≠t¬≠ance) reagie¬≠ren.

Das Modell l√§sst sich pro¬≠blem¬≠los auf die lang¬≠sam all¬≠ge¬≠mein d√§m¬≠mern¬≠de Erkennt¬≠nis √ľber¬≠tra¬≠gen, dass die Mensch¬≠heit dank Mephis¬≠tos Geschenk dabei ist, durch glo¬≠ba¬≠le Erw√§r¬≠mung, Ersch√∂p¬≠fung der Res¬≠sour¬≠cen und Natur¬≠zer¬≠st√∂¬≠rung nach¬≠hal¬≠tig ihre eige¬≠ne Exis¬≠tenz¬≠grund¬≠la¬≠ge zu besei¬≠ti¬≠gen. Aller¬≠dings ist dabei nicht jeder gleich schnell: Bei Sci¬≠ence¬≠Files und in AfD-Krei¬≠sen etwa hat man sich fest in Pha¬≠se Eins ein¬≠be¬≠to¬≠niert, w√§h¬≠rend die Gelb¬≠wes¬≠ten und die Extinc¬≠tion Rebels unge¬≠hemmt ihren Zorn aus¬≠le¬≠ben und das Dark Moun¬≠tain Pro¬≠ject schon melan¬≠cho¬≠lisch √ľber¬≠legt, wie es nach dem Zusam¬≠men¬≠bruch wei¬≠ter¬≠ge¬≠hen k√∂nnte.

Inter¬≠es¬≠san¬≠ter ist die drit¬≠te Pha¬≠se, in der sich wohl die meis¬≠ten von uns befin¬≠den. K√ľb¬≠ler-Ross mein¬≠te damit den Glau¬≠ben von Tod¬≠ge¬≠weih¬≠ten, das dro¬≠hen¬≠de Unheil etwa durch einen ¬ĽHan¬≠del mit Gott¬ę (indem man etwa sein Ver¬≠m√∂¬≠gen der Kir¬≠che stif¬≠tet) noch irgend¬≠wie abwen¬≠den zu k√∂n¬≠nen. Auch eine ganz bana¬≠le √Ąnde¬≠rung ihrer Lebens¬≠wei¬≠se kann ange¬≠bo¬≠ten wer¬≠den: Wenn man sich radi¬≠kal √§ndert, ab sofort auf¬≠h√∂rt zu rau¬≠chen, zu trin¬≠ken, Dro¬≠gen zu neh¬≠men und unge¬≠sund zu essen, wenn man Sport treibt, medi¬≠tiert und Yoga macht ‚Äď dann k√∂nn¬≠te man doch noch ein paar Jah¬≠re her¬≠aus¬≠schin¬≠den, oder ‚Ķ? Das ent¬≠spricht in etwa unse¬≠rer Hoff¬≠nung, wir m√ľss¬≠ten nur Unmas¬≠sen von Wind¬≠r√§¬≠dern in die Land¬≠schaft stel¬≠len, Die¬≠sel¬≠mo¬≠to¬≠ren ver¬≠bie¬≠ten und gen√ľ¬≠gend Geld¬≠mit¬≠tel in die Was¬≠ser¬≠stoff¬≠for¬≠schung ste¬≠cken, um damit den Unter¬≠gang unse¬≠rer Zivi¬≠li¬≠sa¬≠ti¬≠on noch¬≠mal ein Schnipp¬≠chen zu schla¬≠gen. Wie in dem M√§r¬≠chen vom Bau¬≠ern und dem Teu¬≠fel, in dem der cle¬≠ve¬≠re Land¬≠mann den H√∂l¬≠len¬≠f√ľrs¬≠ten √ľber¬≠lis¬≠tet und ihm einen Schatz abtrotzt, ohne sei¬≠ne See¬≠le daf√ľr her¬≠ge¬≠ben zu m√ľssen.

Aber ist der Teu¬≠fel wirk¬≠lich so dumm? Damit w√§ren wir wie¬≠der beim Faust¬≠stoff, der in sei¬≠ner klas¬≠si¬≠schen Vari¬≠an¬≠te, also in der Volks¬≠sa¬≠ge und in Mar¬≠lo¬≠wes Dok¬≠tor Faus¬≠tus, eine ein¬≠deu¬≠ti¬≠ge Ant¬≠wort dar¬≠auf gibt: Der Wit¬≠ten¬≠ber¬≠ger Gelehr¬≠te erh√§lt als Lohn f√ľr den Ver¬≠kauf sei¬≠ner See¬≠le einen von Dra¬≠chen gezo¬≠ge¬≠nen Him¬≠mels¬≠wa¬≠gen, eine Audi¬≠enz beim Papst, eine Stel¬≠lung als Bera¬≠ter des Kai¬≠sers, Zau¬≠ber¬≠mit¬≠tel jeder Art und als letz¬≠tes Extra die Gunst der sch√∂ns¬≠ten Frau der Anti¬≠ke, der ber√ľhm¬≠ten Hele¬≠na. Aber dann kommt die Nacht, in der abge¬≠rech¬≠net wird, und es bleibt der Phan¬≠ta¬≠sie des Lesers oder Zuschau¬≠ers √ľber¬≠las¬≠sen, wie wohl die Blut¬≠sprit¬≠zer und Gehirn¬≠res¬≠te, die sein Famu¬≠lus am n√§chs¬≠ten Mor¬≠gen an den W√§n¬≠den von Fausts Stu¬≠dier¬≠stu¬≠be ent¬≠deckt, dort¬≠hin gekom¬≠men sein m√∂gen.

Nicht so Goe¬≠the: Von den Idea¬≠len der Auf¬≠kl√§¬≠rung beseelt konn¬≠te er sei¬≠nen tra¬≠gi¬≠schen Hel¬≠den nicht ein¬≠fach so zur H√∂l¬≠le fah¬≠ren las¬≠sen. Statt¬≠des¬≠sen l√§u¬≠tert sich der Teu¬≠fels¬≠pak¬≠tie¬≠rer am Schluss, indem er den Sinn des Lebens dar¬≠in fin¬≠det, selbst¬≠los den bed√ľrf¬≠ti¬≠gen Mas¬≠sen durch sein gro¬≠√ües Ein¬≠dei¬≠chungs¬≠pro¬≠jekt zu hel¬≠fen und dadurch unsterb¬≠li¬≠chen Ruhm zu erlan¬≠gen. Mephis¬≠to hin¬≠ge¬≠gen mutiert ganz wie im M√§r¬≠chen zum l√ľs¬≠ter¬≠nen Trot¬≠tel, der sich von den appe¬≠tit¬≠lich anzu¬≠se¬≠hen¬≠den Hin¬≠tern der Engel ablen¬≠ken l√§sst und dadurch Fausts See¬≠le nicht mehr in die H√§n¬≠de bekommt. Eine Inkar¬≠na¬≠ti¬≠on der Gro¬≠√üen Mut¬≠ter¬≠g√∂t¬≠tin seg¬≠net alles ab, selbst die Sache mit Gret¬≠chen ist ver¬≠zie¬≠hen und ver¬≠ge¬≠ben, und ein mys¬≠ti¬≠scher Chor beschw√∂rt das ¬ĽEwig-Weib¬≠li¬≠che¬ę.

Auf unse¬≠re Situa¬≠ti¬≠on √ľber¬≠tra¬≠gen: K√∂n¬≠nen wir trotz unse¬≠rer vie¬≠len schwe¬≠ren S√ľn¬≠den dar¬≠auf hof¬≠fen, doch noch das Ruder her¬≠um¬≠zu¬≠rei¬≠√üen und Erl√∂¬≠sung in einer son¬≠nen- und wind¬≠ge¬≠trie¬≠be¬≠nen Welt zu fin¬≠den, in der spi¬≠ri¬≠tu¬≠ell beseel¬≠te Natur¬≠ver¬≠bun¬≠den¬≠heit und tech¬≠ni¬≠sche Zivi¬≠li¬≠sa¬≠ti¬≠on sich nicht mehr gegen¬≠sei¬≠tig aus¬≠schlie¬≠√üen? Oder gar, wie von Elon Musk und Jeff Bezos ertr√§umt, mit neu¬≠em Schwung den Welt¬≠raum erobern und die Natur hier unten sich selbst √ľber¬≠las¬≠sen ‚Ķ? Die Ant¬≠wort dar¬≠auf mag jeder sich selbst geben, aber ich w√ľr¬≠de ver¬≠mut¬≠lich sogar wie¬≠der ins Thea¬≠ter gehen, wenn nur mal jemand den Faust unter die¬≠sem Aspekt insze¬≠nie¬≠ren w√ľr¬≠de (aber bit¬≠te kei¬≠ne Reclam-Heftchen!) ‚Ķ