Autorenblog

Kategorie: Literatur (Seite 1 von 2)

Vom Schweinehüten und Wortverdrehen

In poli­ti­scher Hin­sicht ist bes­te Platz für einen Autoren zwei­fel­los der zwi­schen allen Stüh­len. Die Nati­on? Ein abso­lut not­wen­di­ges Übel, aber nie­mand wird mich jemals mit einer Flag­ge wedeln sehen, wenn irgend­wo irgend­wel­che über­be­zahl­ten Sports­ka­no­nen einem Leder­ball hin­ter­her­ren­nen und sich »Natio­nal­mann­schaft« nen­nen. Der Sozi­al­staat? Einer­seits zwin­gend not­wen­dig für den gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt, ander­seits – wenn man’s über­treibt – eine Ein­la­dung zum Fau­len­zen. Die freie Markt­wirt­schaft? Funk­tio­niert unter bestimm­ten Umstän­den, unter ande­ren ist sie ein schlech­ter Witz. Der Kom­mu­nis­mus? Vor Gott und dem BGB mögen alle Men­schen gleich sein, in jeder ande­ren Hin­sicht sind sie es nicht. Und so wei­ter und so fort. Kein Stand­punkt darf einem fremd sein, kei­ne mensch­li­che Regung unver­ständ­lich. Wie soll­te man auch eine Geschich­te schrei­ben, ohne sich noch in die übels­ten und schrägs­ten ihrer han­deln­den Figu­ren hin­ein­ver­set­zen zu kön­nen …? Das heißt natür­lich nicht, dass man über­haupt kei­ne Prin­zi­pi­en haben soll, aber wenn man die Welt durch die Bril­le die­ser oder jener Ideo­lo­gie sieht, ver­engt sich das Blick­feld, bis man nur noch das sieht, was man sehen will. Und nichts könn­te lang­wei­li­ger sein als Lite­ra­tur, die sich irgend­ei­nem Ismus ver­schrie­ben hat.

Trotz­dem gibt es wohl manch­mal Zei­ten, in denen man es nicht ver­mei­den kann, in einem poli­ti­schen oder gesell­schaft­li­chen Streit für die eine oder ande­re Sei­te Par­tei zu ergrei­fen, weil er an die Sub­stanz geht. Wei­ter­le­sen

»Sechs Tage im Herbst« ist da!

Heu­te ist es soweit! Mein neu­es Buch ist ab sofort bei den übli­chen Quel­len erhält­lich – eine ziem­lich gute Gele­gen­heit, schnell noch beim ört­li­chen Buch­händ­ler vor­bei­zu­schau­en, bevor der nächs­te Lock­down zuschlägt …

Für Unent­schlos­se­ne gibt’s hier jetzt eine Leseprobe:

Lese­pro­be »Sechs Tage im Herbst«

Vom Segen des Feindes

Von Syd Field bis Robert McKee ver­säumt es kei­ner der bekann­ten Dreh­buch-Gurus, auf die Wich­tig­keit des Ant­ago­nis­ten hin­zu­wei­sen, wenn es um die dra­ma­ti­sche Form einer Geschich­te geht. Die­ser Gegen­spie­ler der Haupt­fi­gur ist das Haupt­hin­der­nis auf deren Weg zum dra­ma­ti­schen Ziel, der Kata­ly­sa­tor, um neue Erkennt­nis­se zu erlan­gen, und die trei­ben­de Kraft, von der die ent­schei­den­den Ereig­nis­se des Plots in Gang gesetzt wer­den. Jedem Har­ry Pot­ter sein Lord Vol­de­mort, jeder Ripley ihr Ali­en, jedem J. J. Git­tes sein Noah Cross. Ohne Ant­ago­nist ist eine Geschich­te kei­ne Geschich­te, son­dern nur eine belie­bi­ge Anein­an­der­rei­hung von Gege­ben­hei­ten und Vor­komm­nis­sen. Dabei muss die­ses dra­ma­ti­sche Grund­prin­zip nicht unbe­dingt von einer Per­son ver­kör­pert wer­den – es kann auch ein abge­spal­te­ner Teil der Per­sön­lich­keit sein wie Tyler Durden in Fight Club, eine tota­li­tä­re Ideo­lo­gie wie in 1984 oder gar ein gan­zer Pla­net wie in Der Marsia­ner.

Was pas­sie­ren kann, wenn ein zen­tra­ler und über­zeu­gen­der Ant­ago­nist fehlt, lässt sich bei­spiel­haft in der drit­ten Staf­fel der Serie Baby­lon Ber­lin ver­fol­gen, die gera­de in der ARD-Media­thek ver­füg­bar ist. Ich war ja schon von den ers­ten bei­den Staf­feln nur so halb über­zeugt, aber im Nach­hin­ein wird mir bewusst, wie sehr der wun­der­ba­re Peter Kurth als »Ober­kom­mis­sar Bru­no Wol­ter« den Laden sei­ner­zeit zusam­men­ge­hal­ten hat. Er war der Haupt­geg­ner des stets etwas täpp­si­gen Gere­on Rath, er hat­te die Fäden in jeder Hin­sicht in der Hand, und er konn­te so schnell vom Kom­man­do­ton in ver­schla­ge­ne Leut­se­lig­keit wech­seln, dass es dem Zuschau­er kalt den Rücken her­un­ter­lief. Ein Pracht­ex­em­plar von einem Antagonisten!

Lei­der starb Bru­no Wol­ter am Ende der 2. Staf­fel (in einem, mit Ver­laub, doch etwas Bruce-Wil­lis-haf­ti­gen Fina­le), und man hat es nicht ver­stan­den, in den neu­en Fol­gen für adäqua­ten Ersatz zu sor­gen. Statt­des­sen prä­sen­tiert man uns den durch­ge­knall­ten Lei­ter des poli­zei­li­chen Erken­nungs­diens­tes (der bei sei­nen frü­he­ren Auf­trit­ten in der Serie auf­fäl­lig wenig Durch­ge­knallt­heit erken­nen ließ), einen natio­na­lis­ti­schen Intri­gan­ten, der genau­so höl­zern agier­te wie in den ers­ten bei­den Staf­feln, sowie einen farb­lo­sen unga­ri­schen Gau­ner, der noch eine Rech­nung mit dem »Arme­ni­er« offen hat­te. Der Plot fällt dadurch völ­lig aus­ein­an­der, und man hat den Ein­druck, einer Kol­lek­ti­on zusam­men­hang­lo­ser, aber gewollt hoch­dra­ma­ti­scher Sze­nen bei­zu­woh­nen, die alle aus ganz unter­schied­li­chen Fil­men stam­men: in einem davon wird die Poli­zei von einem Psy­cho­pa­then in den eige­nen Rei­hen genarrt, im zwei­ten kämpft ein inte­grer Beam­ter gegen eine per­fi­de poli­ti­sche Ver­schwö­rung an, und im drit­ten wird das ewi­ge Lied vom Bru­der­zwist im Gano­ven­mil­lieu gesungen.

Dies ist natür­lich teil­wei­se der »hori­zon­ta­len« Erzähl­wei­se geschul­det, aber in den ers­ten bei­den Staf­feln wur­den die ver­schie­de­nen Hand­lungs­strän­ge noch wie erwähnt von der »Bru­no Wolter«-Figur zusam­men­ge­hal­ten; hier gibt es nichts der­glei­chen. Dadurch tre­ten die vie­len klei­nen Schwach­stel­len der Pro­duk­ti­on um so deut­li­cher her­vor: die an Selbst­par­odie gren­zen­den bedeu­tungs­schwan­ge­ren Dia­lo­ge, der alber­ne Ver­such, der treu­deut­schen Welt der Ring­ver­ei­ne ein knall­har­tes Chi­ca­go-Image zu ver­pas­sen, die ner­vi­gen Osti­na­ti der Film­mu­sik, die eher an das Post­punk-Kreuz­berg der 1980er als an die Gol­de­nen Zwan­zi­ger erin­nert, die Ein­falls­lo­sig­keit des Plots (schon wie­der eine natio­na­lis­ti­sche Ver­schwö­rung …!), die voy­eu­ris­ti­sche Lust der Kame­ra am Ekel. Sogar einen Ste­phen-King-Moment der »Kri­mi­nal-Tele­pa­thie« muss­te man ertragen.

Immer­hin ist die deut­sche Pres­ti­ge-Serie nicht die ein­zi­ge Pro­duk­ti­on, die nach dem Able­ben des Haupt-Wider­sa­chers ihren Schwung ver­lo­ren hat. Schon The Wire krankt nach dem Sieg über die Barks­da­le-Ban­de am Ende der 3. Staf­fel dar­an, dass die Erzäh­lung sich zer­fa­sert und immer neue Böse­wich­te aus dem Hut gezau­bert wer­den, die aber nie wie­der das For­mat von Avon Barks­da­le und Strin­ger Bell errei­chen. Glei­ches gilt für Home­land nach dem Ende Bro­dys am Bau­kran in Tehe­ran und Sher­lock nach dem Ver­schwin­den Moriar­tys. Wor­aus man mög­li­cher­wei­se die Erkennt­nis mit­neh­men soll­te, dass auch ein hori­zon­ta­ler Plot, der sich über meh­re­re Epi­so­den oder Staf­feln einer Serie hin­zieht, irgend­wann ein­mal aus­er­zählt ist. Näm­lich genau dann, wenn der Ant­ago­nist besiegt ist.

Ratschlag für Autoren, die nicht im Herdenbuch stehen

Vor ein paar Tagen war Alfred Döblins Geburts­tag. Eine gute Gele­gen­heit, sich ein paar Grund­sät­ze ins Gedächt­nis zu rufen, die mir eini­ges bedeu­ten und die ins­be­son­de­re beim Schrei­ben von Wolfs­stadt ihre Wir­kung ent­fal­tet haben:

Die Dar­stel­lung erfor­dert bei der unge­heu­ren Men­ge des Geform­ten einen Kino­s­til. In höchs­ter Gedrängt­heit und Prä­zi­si­on hat die Fül­le der Gesich­te vor­bei­zu­zie­hen. Der Spra­che das Aeu­ßers­te der Plas­tik und Leben­dig­keit abzu­rin­gen. Der Erzähl­schlen­dri­an hat im Roman kei­nen Platz; man erzählt nicht, son­dern baut. Der Erzäh­ler hat sei­ne bäu­ri­sche Ver­trau­lich­keit. Knapp­heit, Spar­sam­keit der Wor­te ist nötig; fri­sche Wen­dun­gen. Von Peri­oden, die das Neben­ein­an­der des Kom­ple­xen wie das Hin­ter­ein­an­der rasch zusam­men­fas­sen erlau­ben, ist umfäng­li­cher Gebrauch zu machen. Rapi­de Abläu­fe, Durch­ein­an­der in blo­ßen Stich­wor­ten; wie über­haupt an allen Stel­len die höchs­te Exakt­heit in sug­ges­ti­ven Wen­dun­gen zu errei­chen gesucht wer­den muß. Das Gan­ze darf nicht erschei­nen wie gespro­chen son­dern wie vor­han­den. Die Wort­kunst muss sich nega­tiv zei­gen, in dem was sie ver­mei­det: ein feh­len­der Schmuck, im Feh­len der Absicht, im Feh­len des bloß sprach­lich schö­nen oder schwung­haf­ten, im Fern­hal­ten der Mani­riert­heit. Bil­der sind gefähr­lich und nur gele­gent­lich anzu­wen­den; man muß sich an die Ein­zig­ar­tig­keit jedes Vor­gangs her­an­spü­ren, die Phy­sio­gno­mie und das beson­de­re Wachs­tum eines Ereig­nis­ses begrei­fen und scharf und sach­lich geben; Bil­der sind bequem.

Die Hege­mo­nie des Autors ist zu bre­chen; nicht weit genug kann der Fana­tis­mus der Selbst­ver­leug­nung getrie­ben wer­den. Oder der Fana­tis­mus der Ent­äu­ße­rung: ich bin nicht ich, son­dern die Stra­ße, die Later­nen, dies und dies Ereig­nis, wei­ter nichts. Das ist es, was ich den stei­ner­nen Stil nenne.

[…]

Der Natu­ra­lis­mus ist kein his­to­ri­scher Ismus, son­dern das Sturz­bad, das immer wie­der über die Kunst her­ein­bricht und her­ein­bre­chen muß. Der Psy­cho­lo­gis­mus, der Ero­tis­mus muß fort­ge­schwemmt wer­den; Ent­selbstung, Ent­äu­ße­rung des Autors, Deper­so­na­ti­on. Die Erde muß wie­der damp­fen. Los vom Men­schen! Mut zur kine­ti­schen Phan­ta­sie und zum Erken­nen der unglaub­li­chen rea­len Kon­tu­ren! Tat­sa­chen­phan­ta­sie! Der Roman muß sei­ne Wie­der­ge­burt erle­ben als Kunst­wert und moder­nes Epos.

(Alfred Döblin: An Roman­au­toren und ihre Kri­ti­ker, in: Der Sturm, Mai 1913)

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