Autorenblog

Kategorie: Literatur (Seite 1 von 2)

¬ĽSechs Tage im Herbst¬ę ist da!

Heu¬≠te ist es soweit! Mein neu¬≠es Buch ist ab sofort bei den √ľbli¬≠chen Quel¬≠len erh√§lt¬≠lich ‚Äď eine ziem¬≠lich gute Gele¬≠gen¬≠heit, schnell noch beim √∂rt¬≠li¬≠chen Buch¬≠h√§nd¬≠ler vor¬≠bei¬≠zu¬≠schau¬≠en, bevor der n√§chs¬≠te Lock¬≠down zuschl√§gt ‚Ķ

F√ľr Unent¬≠schlos¬≠se¬≠ne gibt‚Äôs hier jetzt eine Leseprobe:

Lese¬≠pro¬≠be ¬ĽSechs Tage im Herbst¬ę

Vom Segen des Feindes

Von Syd Field bis Robert McKee ver¬≠s√§umt es kei¬≠ner der bekann¬≠ten Dreh¬≠buch-Gurus, auf die Wich¬≠tig¬≠keit des Ant¬≠ago¬≠nis¬≠ten hin¬≠zu¬≠wei¬≠sen, wenn es um die dra¬≠ma¬≠ti¬≠sche Form einer Geschich¬≠te geht. Die¬≠ser Gegen¬≠spie¬≠ler der Haupt¬≠fi¬≠gur ist das Haupt¬≠hin¬≠der¬≠nis auf deren Weg zum dra¬≠ma¬≠ti¬≠schen Ziel, der Kata¬≠ly¬≠sa¬≠tor, um neue Erkennt¬≠nis¬≠se zu erlan¬≠gen, und die trei¬≠ben¬≠de Kraft, von der die ent¬≠schei¬≠den¬≠den Ereig¬≠nis¬≠se des Plots in Gang gesetzt wer¬≠den. Jedem Har¬≠ry Pot¬≠ter sein Lord Vol¬≠de¬≠mort, jeder Ripley ihr Ali¬≠en, jedem J. J. Git¬≠tes sein Noah Cross. Ohne Ant¬≠ago¬≠nist ist eine Geschich¬≠te kei¬≠ne Geschich¬≠te, son¬≠dern nur eine belie¬≠bi¬≠ge Anein¬≠an¬≠der¬≠rei¬≠hung von Gege¬≠ben¬≠hei¬≠ten und Vor¬≠komm¬≠nis¬≠sen. Dabei muss die¬≠ses dra¬≠ma¬≠ti¬≠sche Grund¬≠prin¬≠zip nicht unbe¬≠dingt von einer Per¬≠son ver¬≠k√∂r¬≠pert wer¬≠den ‚Äď es kann auch ein abge¬≠spal¬≠te¬≠ner Teil der Per¬≠s√∂n¬≠lich¬≠keit sein wie Tyler Durden in Fight Club, eine tota¬≠li¬≠t√§¬≠re Ideo¬≠lo¬≠gie wie in 1984 oder gar ein gan¬≠zer Pla¬≠net wie in Der Marsia¬≠ner.

Was pas¬≠sie¬≠ren kann, wenn ein zen¬≠tra¬≠ler und √ľber¬≠zeu¬≠gen¬≠der Ant¬≠ago¬≠nist fehlt, l√§sst sich bei¬≠spiel¬≠haft in der drit¬≠ten Staf¬≠fel der Serie Baby¬≠lon Ber¬≠lin ver¬≠fol¬≠gen, die gera¬≠de in der ARD-Media¬≠thek ver¬≠f√ľg¬≠bar ist. Ich war ja schon von den ers¬≠ten bei¬≠den Staf¬≠feln nur so halb √ľber¬≠zeugt, aber im Nach¬≠hin¬≠ein wird mir bewusst, wie sehr der wun¬≠der¬≠ba¬≠re Peter Kurth als ¬ĽOber¬≠kom¬≠mis¬≠sar Bru¬≠no Wol¬≠ter¬ę den Laden sei¬≠ner¬≠zeit zusam¬≠men¬≠ge¬≠hal¬≠ten hat. Er war der Haupt¬≠geg¬≠ner des stets etwas t√§pp¬≠si¬≠gen Gere¬≠on Rath, er hat¬≠te die F√§den in jeder Hin¬≠sicht in der Hand, und er konn¬≠te so schnell vom Kom¬≠man¬≠do¬≠ton in ver¬≠schla¬≠ge¬≠ne Leut¬≠se¬≠lig¬≠keit wech¬≠seln, dass es dem Zuschau¬≠er kalt den R√ľcken her¬≠un¬≠ter¬≠lief. Ein Pracht¬≠ex¬≠em¬≠plar von einem Antagonisten!

Lei¬≠der starb Bru¬≠no Wol¬≠ter am Ende der 2. Staf¬≠fel (in einem, mit Ver¬≠laub, doch etwas Bruce-Wil¬≠lis-haf¬≠ti¬≠gen Fina¬≠le), und man hat es nicht ver¬≠stan¬≠den, in den neu¬≠en Fol¬≠gen f√ľr ad√§qua¬≠ten Ersatz zu sor¬≠gen. Statt¬≠des¬≠sen pr√§¬≠sen¬≠tiert man uns den durch¬≠ge¬≠knall¬≠ten Lei¬≠ter des poli¬≠zei¬≠li¬≠chen Erken¬≠nungs¬≠diens¬≠tes (der bei sei¬≠nen fr√ľ¬≠he¬≠ren Auf¬≠trit¬≠ten in der Serie auf¬≠f√§l¬≠lig wenig Durch¬≠ge¬≠knallt¬≠heit erken¬≠nen lie√ü), einen natio¬≠na¬≠lis¬≠ti¬≠schen Intri¬≠gan¬≠ten, der genau¬≠so h√∂l¬≠zern agier¬≠te wie in den ers¬≠ten bei¬≠den Staf¬≠feln, sowie einen farb¬≠lo¬≠sen unga¬≠ri¬≠schen Gau¬≠ner, der noch eine Rech¬≠nung mit dem ¬ĽArme¬≠ni¬≠er¬ę offen hat¬≠te. Der Plot f√§llt dadurch v√∂l¬≠lig aus¬≠ein¬≠an¬≠der, und man hat den Ein¬≠druck, einer Kol¬≠lek¬≠ti¬≠on zusam¬≠men¬≠hang¬≠lo¬≠ser, aber gewollt hoch¬≠dra¬≠ma¬≠ti¬≠scher Sze¬≠nen bei¬≠zu¬≠woh¬≠nen, die alle aus ganz unter¬≠schied¬≠li¬≠chen Fil¬≠men stam¬≠men: in einem davon wird die Poli¬≠zei von einem Psy¬≠cho¬≠pa¬≠then in den eige¬≠nen Rei¬≠hen genarrt, im zwei¬≠ten k√§mpft ein inte¬≠grer Beam¬≠ter gegen eine per¬≠fi¬≠de poli¬≠ti¬≠sche Ver¬≠schw√∂¬≠rung an, und im drit¬≠ten wird das ewi¬≠ge Lied vom Bru¬≠der¬≠zwist im Gano¬≠ven¬≠mil¬≠lieu gesungen.

Dies ist nat√ľr¬≠lich teil¬≠wei¬≠se der ¬Ľhori¬≠zon¬≠ta¬≠len¬ę Erz√§hl¬≠wei¬≠se geschul¬≠det, aber in den ers¬≠ten bei¬≠den Staf¬≠feln wur¬≠den die ver¬≠schie¬≠de¬≠nen Hand¬≠lungs¬≠str√§n¬≠ge noch wie erw√§hnt von der ¬ĽBru¬≠no Wolter¬ę-Figur zusam¬≠men¬≠ge¬≠hal¬≠ten; hier gibt es nichts der¬≠glei¬≠chen. Dadurch tre¬≠ten die vie¬≠len klei¬≠nen Schwach¬≠stel¬≠len der Pro¬≠duk¬≠ti¬≠on um so deut¬≠li¬≠cher her¬≠vor: die an Selbst¬≠par¬≠odie gren¬≠zen¬≠den bedeu¬≠tungs¬≠schwan¬≠ge¬≠ren Dia¬≠lo¬≠ge, der alber¬≠ne Ver¬≠such, der treu¬≠deut¬≠schen Welt der Ring¬≠ver¬≠ei¬≠ne ein knall¬≠har¬≠tes Chi¬≠ca¬≠go-Image zu ver¬≠pas¬≠sen, die ner¬≠vi¬≠gen Osti¬≠na¬≠ti der Film¬≠mu¬≠sik, die eher an das Post¬≠punk-Kreuz¬≠berg der 1980er als an die Gol¬≠de¬≠nen Zwan¬≠zi¬≠ger erin¬≠nert, die Ein¬≠falls¬≠lo¬≠sig¬≠keit des Plots (schon wie¬≠der eine natio¬≠na¬≠lis¬≠ti¬≠sche Ver¬≠schw√∂¬≠rung ‚Ķ!), die voy¬≠eu¬≠ris¬≠ti¬≠sche Lust der Kame¬≠ra am Ekel. Sogar einen Ste¬≠phen-King-Moment der ¬ĽKri¬≠mi¬≠nal-Tele¬≠pa¬≠thie¬ę muss¬≠te man ertragen.

Immer¬≠hin ist die deut¬≠sche Pres¬≠ti¬≠ge-Serie nicht die ein¬≠zi¬≠ge Pro¬≠duk¬≠ti¬≠on, die nach dem Able¬≠ben des Haupt-Wider¬≠sa¬≠chers ihren Schwung ver¬≠lo¬≠ren hat. Schon The Wire krankt nach dem Sieg √ľber die Barks¬≠da¬≠le-Ban¬≠de am Ende der 3. Staf¬≠fel dar¬≠an, dass die Erz√§h¬≠lung sich zer¬≠fa¬≠sert und immer neue B√∂se¬≠wich¬≠te aus dem Hut gezau¬≠bert wer¬≠den, die aber nie wie¬≠der das For¬≠mat von Avon Barks¬≠da¬≠le und Strin¬≠ger Bell errei¬≠chen. Glei¬≠ches gilt f√ľr Home¬≠land nach dem Ende Bro¬≠dys am Bau¬≠kran in Tehe¬≠ran und Sher¬≠lock nach dem Ver¬≠schwin¬≠den Moriar¬≠tys. Wor¬≠aus man m√∂g¬≠li¬≠cher¬≠wei¬≠se die Erkennt¬≠nis mit¬≠neh¬≠men soll¬≠te, dass auch ein hori¬≠zon¬≠ta¬≠ler Plot, der sich √ľber meh¬≠re¬≠re Epi¬≠so¬≠den oder Staf¬≠feln einer Serie hin¬≠zieht, irgend¬≠wann ein¬≠mal aus¬≠er¬≠z√§hlt ist. N√§m¬≠lich genau dann, wenn der Ant¬≠ago¬≠nist besiegt ist.

Ratschlag f√ľr Autoren, die nicht im Herdenbuch stehen

Vor ein paar Tagen war Alfred D√∂blins Geburts¬≠tag. Eine gute Gele¬≠gen¬≠heit, sich ein paar Grund¬≠s√§t¬≠ze ins Ged√§cht¬≠nis zu rufen, die mir eini¬≠ges bedeu¬≠ten und die ins¬≠be¬≠son¬≠de¬≠re beim Schrei¬≠ben von Wolfs¬≠stadt ihre Wir¬≠kung ent¬≠fal¬≠tet haben:

Die Dar¬≠stel¬≠lung erfor¬≠dert bei der unge¬≠heu¬≠ren Men¬≠ge des Geform¬≠ten einen Kino¬≠s¬≠til. In h√∂chs¬≠ter Gedr√§ngt¬≠heit und Pr√§¬≠zi¬≠si¬≠on hat die F√ľl¬≠le der Gesich¬≠te vor¬≠bei¬≠zu¬≠zie¬≠hen. Der Spra¬≠che das Aeu¬≠√üers¬≠te der Plas¬≠tik und Leben¬≠dig¬≠keit abzu¬≠rin¬≠gen. Der Erz√§hl¬≠schlen¬≠dri¬≠an hat im Roman kei¬≠nen Platz; man erz√§hlt nicht, son¬≠dern baut. Der Erz√§h¬≠ler hat sei¬≠ne b√§u¬≠ri¬≠sche Ver¬≠trau¬≠lich¬≠keit. Knapp¬≠heit, Spar¬≠sam¬≠keit der Wor¬≠te ist n√∂tig; fri¬≠sche Wen¬≠dun¬≠gen. Von Peri¬≠oden, die das Neben¬≠ein¬≠an¬≠der des Kom¬≠ple¬≠xen wie das Hin¬≠ter¬≠ein¬≠an¬≠der rasch zusam¬≠men¬≠fas¬≠sen erlau¬≠ben, ist umf√§ng¬≠li¬≠cher Gebrauch zu machen. Rapi¬≠de Abl√§u¬≠fe, Durch¬≠ein¬≠an¬≠der in blo¬≠√üen Stich¬≠wor¬≠ten; wie √ľber¬≠haupt an allen Stel¬≠len die h√∂chs¬≠te Exakt¬≠heit in sug¬≠ges¬≠ti¬≠ven Wen¬≠dun¬≠gen zu errei¬≠chen gesucht wer¬≠den mu√ü. Das Gan¬≠ze darf nicht erschei¬≠nen wie gespro¬≠chen son¬≠dern wie vor¬≠han¬≠den. Die Wort¬≠kunst muss sich nega¬≠tiv zei¬≠gen, in dem was sie ver¬≠mei¬≠det: ein feh¬≠len¬≠der Schmuck, im Feh¬≠len der Absicht, im Feh¬≠len des blo√ü sprach¬≠lich sch√∂¬≠nen oder schwung¬≠haf¬≠ten, im Fern¬≠hal¬≠ten der Mani¬≠riert¬≠heit. Bil¬≠der sind gef√§hr¬≠lich und nur gele¬≠gent¬≠lich anzu¬≠wen¬≠den; man mu√ü sich an die Ein¬≠zig¬≠ar¬≠tig¬≠keit jedes Vor¬≠gangs her¬≠an¬≠sp√ľ¬≠ren, die Phy¬≠sio¬≠gno¬≠mie und das beson¬≠de¬≠re Wachs¬≠tum eines Ereig¬≠nis¬≠ses begrei¬≠fen und scharf und sach¬≠lich geben; Bil¬≠der sind bequem.

Die Hege¬≠mo¬≠nie des Autors ist zu bre¬≠chen; nicht weit genug kann der Fana¬≠tis¬≠mus der Selbst¬≠ver¬≠leug¬≠nung getrie¬≠ben wer¬≠den. Oder der Fana¬≠tis¬≠mus der Ent¬≠√§u¬≠√üe¬≠rung: ich bin nicht ich, son¬≠dern die Stra¬≠√üe, die Later¬≠nen, dies und dies Ereig¬≠nis, wei¬≠ter nichts. Das ist es, was ich den stei¬≠ner¬≠nen Stil nenne.

[…]

Der Natu¬≠ra¬≠lis¬≠mus ist kein his¬≠to¬≠ri¬≠scher Ismus, son¬≠dern das Sturz¬≠bad, das immer wie¬≠der √ľber die Kunst her¬≠ein¬≠bricht und her¬≠ein¬≠bre¬≠chen mu√ü. Der Psy¬≠cho¬≠lo¬≠gis¬≠mus, der Ero¬≠tis¬≠mus mu√ü fort¬≠ge¬≠schwemmt wer¬≠den; Ent¬≠selbstung, Ent¬≠√§u¬≠√üe¬≠rung des Autors, Deper¬≠so¬≠na¬≠ti¬≠on. Die Erde mu√ü wie¬≠der damp¬≠fen. Los vom Men¬≠schen! Mut zur kine¬≠ti¬≠schen Phan¬≠ta¬≠sie und zum Erken¬≠nen der unglaub¬≠li¬≠chen rea¬≠len Kon¬≠tu¬≠ren! Tat¬≠sa¬≠chen¬≠phan¬≠ta¬≠sie! Der Roman mu√ü sei¬≠ne Wie¬≠der¬≠ge¬≠burt erle¬≠ben als Kunst¬≠wert und moder¬≠nes Epos.

(Alfred D√∂blin: An Roman¬≠au¬≠toren und ihre Kri¬≠ti¬≠ker, in: Der Sturm, Mai 1913)

Auf der Blutbeeren-Br√ľcke

Ein Lied, das ich gera¬≠de dau¬≠ernd h√∂re, ver¬≠r√§t einem wahr¬≠schein¬≠lich mehr √ľber die Aus¬≠sich¬≠ten, dass wir jemals die ¬ĽVer¬≠ei¬≠nig¬≠ten Staa¬≠ten von Euro¬≠pa¬ę gr√ľn¬≠den wer¬≠den, als s√§mt¬≠li¬≠che Wahl¬≠pro¬≠gram¬≠me zur Euro¬≠pa¬≠wahl zusam¬≠men. Dabei hat es gar nichts mit der EU zu tun, son¬≠dern stammt aus einem 2007 erschie¬≠ne¬≠nen Kon¬≠zept¬≠al¬≠bum der pol¬≠ni¬≠schen S√§n¬≠ge¬≠rin Aga Zaryan √ľber den Auf¬≠stand der ¬ĽPol¬≠ni¬≠schen Hei¬≠mat¬≠ar¬≠mee¬ę gegen die deut¬≠schen Besat¬≠zer im Sp√§t¬≠som¬≠mer und Herbst 1944. Wer jetzt brech¬≠tisch-bier¬≠man¬≠nes¬≠ke Bedeu¬≠tungs¬≠hu¬≠be¬≠rei erwar¬≠tet, liegt aller¬≠dings v√∂l¬≠lig dane¬≠ben: Zaryan ist als Jazz-Inter¬≠pre¬≠tin weit √ľber die Gren¬≠zen ihres Hei¬≠mat¬≠lands hin¬≠aus bekannt, die musi¬≠ka¬≠li¬≠sche Umset¬≠zung ist dem¬≠entspre¬≠chend, und der Text ist weder hero¬≠isch-patrio¬≠tisch, noch pran¬≠gert er in flam¬≠men¬≠den Far¬≠ben die apo¬≠ka¬≠lyp¬≠ti¬≠sche Zer¬≠st√∂¬≠rungs¬≠wut an, mit der in jenem Jahr Wehr¬≠macht, SS und ihre ost¬≠eu¬≠ro¬≠p√§i¬≠schen Hilfs¬≠trup¬≠pen (von Leh¬≠mann in Wolfs¬≠stadt immer als ¬ĽKosa¬≠ken oder Kal¬≠m√ľ¬≠cken oder so¬ę ver¬≠un¬≠glimpft) die pol¬≠ni¬≠sche Haupt¬≠stadt √ľberzogen.

Statt­des­sen wird hier ein Gedicht der außer­halb ihres Hei­mat­lands mehr oder weni­ger unbe­kann­ten Dich­te­rin Kry­sty­na Kra­hels­ka ver­tont, die wäh­ren der deut­schen Besat­zung selbst bei den Par­ti­sa­nen kämpf­te, am War­schau­er Auf­stand als Sani­tä­te­rin der Hei­mat­ar­mee teil­nahm und dabei gleich in den ers­ten August­ta­gen ihr Leben las­sen muss­te. Hier eine Ad-hoc-Über­set­zung der ers­ten Strophen:

Ich ging √ľber die Blutbeeren-Br√ľcke
Die Blut¬≠bee¬≠ren-Br√ľ¬≠cke schaukelte
Der Wind pfiff ein Lied √ľber das Schilf
Und schrieb mit Federn in das Wasser

Die roten Bee­ren fielen
Bis auf den Grund des dunk­len Wassers
Ich ging √ľber die Blutbeeren-Br√ľcke
Die Blut¬≠bee¬≠ren-Br√ľ¬≠cke bog sich nach unten

Ich woll­te mich an dich erinnern
Aber du bist mir nicht eingefallen
Da waren Räder auf dem dunk­len Wasser
Da war ein Blut¬≠bee¬≠ren-Herz in mir

Man denkt unwill¬≠k√ľr¬≠lich an die d√ľs¬≠te¬≠re Welt, in der Andrzej Sap¬≠kow¬≠skis Roma¬≠ne und The Wit¬≠cher spie¬≠len, und in der Tat ist Kali¬≠nowy Most, die ¬ĽSchnee¬≠ball-¬ę oder ¬ĽBlut¬≠bee¬≠ren-Br√ľ¬≠cke¬ę, in den alt¬≠sla¬≠wi¬≠schen M√§r¬≠chen und Hel¬≠den¬≠sa¬≠gen eine Br√ľ¬≠cke zwi¬≠schen der Welt der Leben¬≠den und der Toten und der Ort des Kamp¬≠fes zwi¬≠schen Gut und B√∂se. Eine d√ľs¬≠te¬≠re Vor¬≠ah¬≠nung des eige¬≠nen Todes liegt in Kra¬≠hels¬≠kas Zei¬≠len eben¬≠so wie die Angst des Sol¬≠da¬≠ten am Abend vor dem Angriff, die Trau¬≠er um tote Kame¬≠ra¬≠den und die Schwe¬≠re des Schick¬≠sals, das auf dem Land las¬≠tet. Auf deut¬≠sche Ver¬≠h√§lt¬≠nis¬≠se √ľber¬≠tra¬≠gen: als w√ľr¬≠de Lisa Bas¬≠sen¬≠ge ein Lied √ľber die M√ľnch¬≠ner R√§te¬≠re¬≠pu¬≠blik sin¬≠gen, in dem die rechts¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠len Frei¬≠korps mit Mus¬≠pells S√∂h¬≠nen beim Ragna¬≠r¬≠√∂k ver¬≠gli¬≠chen werden.

Ein sol¬≠ches Lied wer¬≠den wir wohl nie¬≠mals zu h√∂ren bekom¬≠men, was schon auf einen gewich¬≠ti¬≠gen Unter¬≠schied beim Blick auf die eige¬≠ne Geschich¬≠te und √úber¬≠lie¬≠fe¬≠rung dies- und jen¬≠seits der Oder hin¬≠deu¬≠tet: In Polen sch√§mt man sich nicht f√ľr sei¬≠ne Vor¬≠fah¬≠ren, man ist stolz drauf, nie das Haupt gebeugt zu haben ‚Äď selbst wenn kei¬≠ne der zahl¬≠rei¬≠chen Erhe¬≠bun¬≠gen zur Zeit der Par¬≠ti¬≠tio¬≠nen oder dann im Kom¬≠mu¬≠nis¬≠mus jemals von Erfolg gekr√∂nt war. Und der sou¬≠ve¬≠r√§¬≠ne Natio¬≠nal¬≠staat wird weit¬≠hin nicht als Quel¬≠le allen √úbels gese¬≠hen, son¬≠dern als end¬≠lich ein¬≠ge¬≠l√∂s¬≠tes Ver¬≠spre¬≠chen nach einer lan¬≠gen Durst¬≠stre¬≠cke, w√§h¬≠rend derer man unter der Knu¬≠te der m√§ch¬≠ti¬≠gen Nach¬≠barn stand und nicht ein¬≠mal einen eige¬≠nen Staat vor¬≠wei¬≠sen konn¬≠te. Geschwei¬≠ge denn, dass man sei¬≠ne Flag¬≠ge auf fer¬≠nen Kon¬≠ti¬≠nen¬≠ten auf¬≠ge¬≠pflanzt oder mit afri¬≠ka¬≠ni¬≠schen Skla¬≠ven gehan¬≠delt h√§tte.

Man sagt ja, dass jedes Land sei¬≠ne eige¬≠ne Erwar¬≠tun¬≠gen an das geein¬≠te Euro¬≠pa hat: F√ľr die Fran¬≠zo¬≠sen sei es ein Mit¬≠tel, ihren eige¬≠nen Ein¬≠fluss in der Welt halb¬≠wegs auf dem von fr√ľ¬≠her gewohn¬≠ten Niveau zu hal¬≠ten, f√ľr die S√ľd¬≠l√§n¬≠der ein Weg zum Reich¬≠tum des Nor¬≠dens, f√ľr die Deut¬≠schen die Hoff¬≠nung, kei¬≠ne Deut¬≠schen mehr sein zu m√ľs¬≠sen, son¬≠dern ¬ĽEuro¬≠p√§¬≠er¬ę. F√ľr Polen und die ande¬≠ren klei¬≠nen L√§n¬≠der Ost¬≠mit¬≠tel¬≠eu¬≠ro¬≠pas ist es ein siche¬≠rer Hafen, in dem sie vor den Zumu¬≠tun¬≠gen des gro¬≠√üen √∂st¬≠li¬≠chen Nach¬≠barn gesch√ľtzt sind. Aber eben ein Hafen, in dem man anle¬≠gen kann; kein Schiffs¬≠fried¬≠hof, auf dem man abwra¬≠cken muss. Die Wahr¬≠schein¬≠lich¬≠keit, dass sie sich jemals in Bun¬≠des¬≠staa¬≠ten der Ver¬≠ei¬≠nig¬≠ten Staa¬≠ten von Euro¬≠pa ver¬≠wan¬≠deln wer¬≠den, ist prak¬≠tisch null. Was also wer¬≠den die Pan-Euro¬≠p√§¬≠er tun, wenn sie ihren Wil¬≠len nicht bekom¬≠men, die Pan¬≠zer wie¬≠der in Bewe¬≠gung set¬≠zen und dort einmarschieren ‚Ķ?

Klei¬≠ner Nach¬≠trag: Anna Maria Jop¬≠ek haut in die glei¬≠che Kerbe ‚Ķ

 

 

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