Bernd Ohm

Autorenblog

Autor: Bernd (Seite 2 von 18)

Beten, bitte!

Die Dürre hält uns Norddeutsche jetzt schon seit Monaten in den Krallen.  Langsam macht es wirklich keinen Spaß mehr, sich jeden Tag in den Garten zu schleppen und den Wasserschlauch auf die neuralgischen Punkte zu richten. Und die Schafweide sieht aus wie die Sahelzone … Was also tun? Wie man das in früheren Zeitaltern regelte, zeigt uns exemplarisch Conrad Ludwig Lamprecht, von 1765 bis 1786 der hiesige Dorfpfarrer. Das Wetter war wohl vergleichbar:

Anno 1783 und 1784
War den Sommer über eine so große Dürre, daß das Sommerkorn nicht zum Laufen kommen konnte, wir hatten desfalls eine sehr geringe Ernte an Heu und Korn. Zum Beweis führe an, da die Pfarre von dem Breiten Lande sonst wohl 7 bis 8 Fuder Heu einerntet, so erhielt nur ½ Fuder, und statt 700 Schock auch noch nicht 275 Schock eingeerntet.

Dagegen ist der diesjährige Ernteausfall geradezu lächerlich … Und was machte man damals in so einem Fall? Genau! Und hat’s funktioniert? Na klar:

Der Höchste gab im Herbst fruchtbare Witterung, daß die Wiesen ein dem hiesigen Gebrauch zum 2ten mal gemäht, und das Vieh bis nahe dem Winter sein Futter in Wiesen und Feldern suchen könnte. Wäre nicht noch solche fruchtbare Zeit gekommen, so hätte viel Vieh verschmachten müßen.

Es wäre also wohl an der Zeit, entsprechende Maßnahmen einzuleiten! Für Nicht-Christen tut’s vielleicht auch die niedersächsische Elfenbeauftragte

Ideale und was daraus werden kann

Gestern mit den Kindern Iron Sky geschaut. Ihnen hat er durchaus gefallen, ich hingegen finde weiterhin, dass Götz Otto nicht gerade ein großer Schauspieler ist, den Witzen Timing und Tempo fehlt, und die Leute unpassenderweise alle Englisch reden wie in einem amerikanischen College-Wohnheim.

Sei’s drum. Wenn Regisseur Timo Vuorensola auch nicht gerade der nächste Billy Wilder oder David Zucker ist, so hat er doch eine Szene ins Drehbuch geschrieben, die einem mehr über den historischen Nationalsozialismus verrät als so manche langatmige Geschichts-Doku. Es handelt sich um Renate Richters naive kleine Ansprache im Büro der US-Präsidentin, in der sie die Ideale der Mond-Nazis vorstellt.

Die Worte sind ein bisschen unbeholfen (wie der ganze Film), aber es lohnt sich durchaus, sie hier wiederzugeben:

It’s very simple: the world is sick – but we are the doctors. The world is anaemic – but we are the vitamins. The world is weary – but we are the strength. We are here to make the world healthy once again. With hard work. With honesty. With clarity. With decency. We are the product of loving mothers and brave fathers. We are the embodiment of love and bravery. We are the gift of both God and science. We are the answer to the question. We are the promise delivered to all mankind.

Die deutsche Synchronisation scheint mir nicht sehr präzise, von daher rasch eine eigene Übersetzung:

Es ist sehr einfach. Die Welt ist krank – aber wir sind die Heiler. Die Welt ist blutleer – aber wir sind der Vitaminstoß. Die Welt ist müde – aber wir sind die Kraft. Wir sind gekommen, um die Welt wieder gesund zu machen. Mit harter Arbeit. Mit Aufrichtigkeit. Mit Klarheit. Mit Anstand. Wir sind das Produkt liebevoller Mütter und tapferer Väter. Wir sind die Verkörperung von Liebe und Tapferkeit. Wir sind die Gabe sowohl Gottes als auch der Wissenschaft. Wir sind die Antwort auf die Frage. Wir sind das Versprechen, dass der gesamten Menschheit gegeben wurde.

Im Film wird die Rede dann als geniale PR-Idee verkauft, mit der die (Sarah Palin nachgebildete) US-Präsidentin ihre Wiederwahl sichern will. Eine umjubelte Wahlkampfveranstaltung wird gezeigt. Das politische System und die Öffentlichkeit der Vereinigten Staaten, das will der Film uns damit sagen, sind anfällig für die Übernahme faschistischer Ideale.

Angesichts der bestialischen historischen Realitäten erscheinen Renates vor Optimismus sprühende Worte natürlich (was wohl beabsichtigt ist) als komplett gaga. Aber ich glaube, sie enthalten eine tiefere Wahrheit: Wir sind es mittlerweile gewohnt, »Nazis« in Film und Literatur als sadistische Unmenschen präsentiert zu bekommen, deren einzige Motivation darin zu bestehen scheint, anderen Menschen lustvoll Böses anzutun. In der Regel handelt es sich um sinistre Typen mit Schmiss auf der Wange und Lederhandschuhen, die gerne mal die Pistole zücken und irgendwen aus einem Impuls heraus erschießen. Dumme Sklaven ihrer eigenen Machtgeilheit. Und wenn sie intelligent sind, sind es intelligente, charmante Sadisten wie Christoph Waltz’ SS-Standartenführer Landa.

Es sollte einem klar sein, dass die historischen Nazis sich in diesem Bild nicht im geringsten wiederfinden würden. Aus eigener Sicht waren sie stattdessen aufopferungsbereite Idealisten, die einen Wandel zum Besseren herbeiführen wollten und deren Vorstellungen durchaus zu jenen passen, die Renate in ihrer Rede präsentiert. Die Nazis haben die Shoah nicht in Gang gesetzt, weil sie unheilbare Sadisten oder von nebulösem »Hass« beherrscht waren, sondern weil sie die Juden als »Krankheit« betrachtet haben, die ausgemerzt werden musste, um die Welt zu heilen. Sie haben sich ebenso wie die Anhänger von »Mondführer Kortzfleisch« als Antwort auf die müde Dekadenz des Bürgertums gesehen. Auch der Versuch des Faschismus, den Kreis aus archaischem religiösen Denken und technischer Moderne ins Quadrat zu bringen, ist in der Phrase von der »Gabe sowohl Gottes als auch der Wissenschaft« prägnant zusammengefasst. Wenn man diesen Idealismus nicht versteht, versteht man weder Himmlers berüchtigte Posener Rede noch den bizarren Umstand, dass jahrelang Ressourcen in einen militärisch völlig sinnlosen Vernichtungsapparat gesteckt wurden, obwohl die Wehrmacht an allen Fronten in der Defensive war. Es mussten eben Opfer gebracht werden – und wenn es das eigene Volk war.

Das heißt natürlich um Gottes Willen nicht, dass diese Ideale auch nur bedenkenswürdig wären (was man in Zeiten des »Vogelschiss« wohl betonen muss), aber es sollte – darf ich »idealerweise« schreiben? – zu einem gewissen Misstrauen führen. Es glaubt ja jeder, der mit heißem Herzen ein Ideal verfolgt, dass er höheren Wahrheiten verpflichtet ist, mit dem Herzen immer nur das Richtige sieht und Widerstände ausschließlich der Dummheit der verblendeten Mitmenschen zu verdanken sind. Könnte sein. Könnte aber auch sein, dass man sich genauso irrt wie damals die braune Bande und genau wie bei dieser irgendwer hinterher die Trümmer wegräumen muss …

Che und ich

Immer diese Kinderfragen … Jetzt wollte mein Sohn wissen, warum junge Leute eigentlich meistens »links« sind. Ich musste natürlich sofort an den wahlweise Winston Churchill oder Bertrand Russell zugeschriebenen Spruch denken, nach dem man kein Herz hat, wenn man mit zwanzig kein Sozialist ist, aber keinen Verstand, wenn man dieser Weltanschauung mit vierzig immer noch anhängt. Meine Frau hingegen erinnerte mich süffisant grinsend an mein altes Che-Guevara-T-Shirt, das ich vor etlichen Jahren bei den Bauarbeiten hier aufgetragen habe. Tatsächlich kann ich nicht völlig leugnen, in meiner Jugend bis zu einem gewissen Grad dem damals weit verbreiteten Aberglauben angehangen zu sein, man müsse das, was hinter dem Eisernen Vorhang so krachend und offensichtlich gescheitert war, unter dem Vorzeichen von Ökologie, Anti-Dogmatismus und Jimi Hendrix nochmal ganz neu in Angriff nehmen.

Aber warum? Beziehungsweise, warum glaube ich das jetzt nicht mehr …? Vielleicht spielt ja jugendlicher Übermut eine Rolle, revolutionäre Begeisterung, die Hormone und so weiter. Die verstrahlten Typen, die letzten Sommer beim G20-Gipfel in Hamburg Barrikadenkampf gespielt haben, schienen voll davon zu sein. Aber das sind bestimmt auch »Hooligans gegen Salafismus« oder »Salafisten gegen ungläubige Hunde«. Das ganze zwanzigste Jahrhundert war ja eigentlich eine einzige Geisterbahn, in der hinter jeder Kurve eine neue, wütende Jugendbewegung hervorgesprungen kam, egal unter welcher Flagge. Hormone sind, wie mir scheint, weltanschauungsmäßig flexibel.

Viel eher geht es um die Kraft des reinen Herzens. Als zwanzigjähriger Student kann man in der Regel auf volle zwei Jahrzehnte zurückblicken, in denen der eigene Beitrag zum Lebensunterhalt ebenso bescheiden ausgefallen ist wie die persönliche Mitwirkung an der Steuerung des Gemeinwesens, zu dem man gehört. Das verführt dann beispielsweise dazu, »Reichtum« als etwas zu betrachten, das irgendwie auf übernatürliche Weise von selbst da sei und nur »gerecht verteilt« werden müsse – so wie die Geschwisterschar die gerechte Verteilung des Taschengelds von den Eltern einfordert. Und die Politik gerät zum Kasperletheater, in dem das böse, gierige Krokodil besiegt werden muss, das – als Politiker, Banker oder Arbeitgeberpräsident getarnt – der gerechten Verteilung im Wege steht.

Etwas pompöser ausgedrückt: Man sieht die Welt vor allem im Ideal gespiegelt. Und sind Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nicht wunderbare Ideale? Ganz zu schweigen von Vernunft, Humanität und Gerechtigkeit …! Wenn man jung ist, liebt man Ideale. Sie erlauben es einem, in die Heldenrolle zu schlüpfen, in der man sich in diesem Lebensalter gerne sieht – nicht zuletzt wegen der, ähem, vorteilhaften Wirkung auf das andere Geschlecht natürlich. Man stürmt in die Welt hinein im Vollgefühl der eigenen Rechtschaffenheit und sucht überall nach Drachen, die man besiegen kann. Und selbstverständlich kämpft man nicht aus Egoismus, sondern dafür, arme, unterdrückte Proletarier/Drittweltbewohner/Minderheiten, die aus irgendwelchen geheimnisvollen Gründen nicht in der Lage sind, selbst für ihre Interessen einzutreten, aus den Klauen der Bestie zu befreien …

Wenn man Glück hat, nimmt einen das Leben später sanft bei der Hand und zeigt einem anhand ausgewählter Beispiele, dass vor dem Reichtum meistens ein Riesenhaufen Arbeit steht, statt eines glänzenden Sieges häufig nur das kleinere Übel zur Wahl steht und das Gegenteil einer schlechten Idee meist eine noch schlechtere ist. Wenn man Pech hat, haben ein oder zwei größere persönliche Katastrophen exakt die gleiche Wirkung. Das Ergebnis ist – hoffentlich – eine gewisse Nüchternheit und Skepsis sowie die Erkenntnis, dass andere Leute ihre Bedürfnisse meist ganz gut selbst artikulieren können und jedes Ideal, das man bis in die letzte Konsequenz zu verwirklichen sucht, mit ziemlicher Sicherheit geradewegs in die totalitäre Hölle führt. Gleichheit etwa ist eine tolle Sache, wenn es darum geht, dass vor dem Gesetz niemand bevorzugt wird. Wenn man allerdings weitergeht und fordert, dass jeder Mensch tatsächlich gleich sein soll (obwohl doch jeder von uns eine eigene Welt ist), endet man aller Erfahrung nach in der Gleichheit des sibirischen Arbeitslagers.

Aber das weiß man natürlich noch nicht, wenn man seine Nase zum ersten Mal aus der Tür der Kindheit heraussteckt. Ich glaube, ich war vierzehn oder fünfzehn, als ich spontan in der Buchhandlung der nächsten Kleinstadt ein Taschenbuch mit den Werken von Marx und Engels erwarb und von vorne bis hinten durchlas – ohne groß zu begreifen, um was es ging, versteht sich. Aber es kam der Satz darin vor, dass Religion das »Opium des Volkes« sei, und das gefiel mir, hatte ich doch gerade im Verlauf des Konfirmandenunterrichts unversehens meinen Glauben verloren. Irgend so ein alter Knacker mit Bart, der in den Wolken sitzt? Was wollte der denn …

Womit ein weiterer Faktor für die Beliebtheit sozialistischer Vorstellungen bei der Jugend angesprochen ist. Sie gleichen vage bestimmten christlichen Werten, ohne dass man dafür an übernatürliche Wesen glauben muss. Und es ist genauso unmöglich, sie eins zu eins in die Realität umzusetzen: Rein theoretisch klingt es ja absolut großartig, die andere Wange hinzuhalten und seinen Mantel mit einem Bettler zu teilen. Man sieht sich schon höchstpersönlich selbst auf dem Pferd sitzen und dem armen Hund da unten am Boden voll Mitgefühl die halbe Toga reichen … Im Alltag läuft es dann allerdings ein bisschen anders – welcher Unternehmer etwa könnte sich stets an Matth. 5, 40 halten (»Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel«), ohne mittelfristig Bankrott erklären zu müssen? Man gibt also ab und zu ein kleines Stückchen Mantel ab und hofft, dass man dadurch das Kamel doch noch irgendwie durchs Nadelöhr zwängt. So, wie man für die Revolution kämpft, ohne auf teure Zigarren und Rolex-Uhren zu verzichten.

Und dann gibt es natürlich immer die Verlockung, in die Haut des romantischen Helden zu schlüpfen, der wie der Wanderer über dem Nebelmeer allem Irdischen entsagt und sich ganz der Sache des Volkes verschreibt … Das letzte Mal, als ich so richtig Sympathien für eine linke Bewegung empfand, war in den 1990ern, als ein gewisser »Subcomandante Marcos« mit einer Kiste Bücher aus Mexiko-Stadt in den lakandonischen Urwald zog, um unter dem Schlachtruf »Alles für alle, nichts für uns!« für die Rechte der Indigenen zu kämpfen und »Intergalaktische Treffen gegen den Neoliberalismus« zu veranstalten. Natürlich hatte der Mann schwer einen an der Waffel – aber geht’s noch poetischer …? Zur gleichen Zeit las ich allerdings Ches Bolivianisches Tagebuch, das mit seinem Existenzialismus der verzweifelten Isolation das völlig humorlose Gegenstück zu den drolligen Aktionen der mexikanischen Zapatisten bildete.

Das war wahrscheinlich der Anfang vom Ende. Je länger ich die Abenteuer des argentinischen Ex-Arztes nachverfolgte, der in völliger Verkennung der Sachlage und blindem Aktionismus versuchte, mit einer Handvoll Desperados, die den bombastischen Namen »Nationale Befreiungsarmee« trug, in Bolivien eine sozialistische Revolution herbeizuführen, desto fremder wurde mir das alles. Die besonderen Umstände, die in Kuba zum Erfolg geführt hatten, waren eben spezifisch kubanisch und hatten nichts mit irgendeiner weltgeschichtlichen Dialektik tun, als deren Erfüllungsgehilfen sich der Comandante und seine Mitstreiter sahen. Der Andenstaat war stattdessen nichts weiter als die Kulisse für einen Film, in dem sie die Hauptrolle spielten. Ich konnte mich immer weniger mit dieser besonders dämlichen Verkörperung von Rousseaus »Volonté generale« identifizieren, einer selbst ernannten Avantgarde also, die meinte, besser als das Volk zu wissen, was das Volk wollte.

Was wiederum Erinnerungen an den Zwiespalt wachrief, in den mich die radikale Linke in gewisser Weise von Anfang an gebracht hatte. Ich bin Arbeitersohn, und die ein paar Jahre älteren Arzt- und Lehrerkinder, die in der Fußgängerzone der erwähnten Kleinstadt die Kommunistische Volkszeitung verteilten und meinen Vater zur Revolution aufstacheln wollten, erfüllten mich schon als Dreizehnjährigen mit einer gehörigen Portion Befremdnis. Arbeiter sind keine Arbeiter, weil sie von bösen Mächten dazu gezwungen wurden, sondern weil das eben der Weg war, der ihnen im Leben offenstand. Und das wissen die meisten von ihnen. Wenn ihnen jemand zu erzählen versucht, die »Arbeiterklasse« sei in Wirklichkeit ein Vehikel, mit dessen Hilfe »die Geschichte« vorhabe, den kommunistischen Himmel auf Erden zu errichten, werden sie schnell misstrauisch und riechen den Braten. Der in der Regel daraus besteht, dass ein paar verkrachte Bohemiens auf ihrem Rücken versuchen, die Macht im Staat an sich zu reißen. So ganz habe ich das – bei allen Sympathien für den Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung – nie vergessen.

Das Schlimme war ja ohnehin, dass dieser Kampf nicht nur in Bolivien in der Regel geradewegs ins Nichts führte. Von den mexikanischen Zapatisten etwa war am Ende nur noch leere Symbolik zu hören. Hier eine Pressekonferenz, dort eine Demo, schließlich eine großartige Erklärung, die eine noch großartigere Konferenz ankündigte, und immer wieder internationale Treffen, zu denen (um ein böses Wort zu zitieren) »trust-fund babies« aus aller Welt anreisten, also Berufssöhne und -töchter, die nach San Cristóbal de las Casas pilgerten, um die total authentischen Indigenen kennenzulernen, die sie von der Plage eben jenes Neoliberalismus befreien sollten, dem sie ihren monatlichen Scheck verdankten. Eine Befreiungsarmee, die nichts befreite. Eine Revolution, die nichts revolutionierte. Eine Widerstandsbewegung, die sich darin erschöpfte, die Jungsteinzeit gegen die Moderne zu verteidigen.

Und so endete das T-Shirt mit el Che vorne drauf dann als Arbeitskleidung auf dem Bau. Eigentlich ein angemessen proletarischer Rahmen, finde ich. Mein Vater – mittlerweile Rentner – verlor kein Wort darüber, während wir Seite an Seite daran arbeiteten, die Latten für die Dämmung an die Dachbalken zu schrauben. Wahrscheinlich wunderte er sich insgeheim ein bisschen, aber letztendlich war das Konterfei des berühmten Revolutionärs für ihn bloß ein flüchtiges Bild, das gelegentlich über seinen Fernsehschirm gehuscht war. Der Glückliche …

Bin ich also heute »rechts«? Also, bitte … In den Schoß der Kirche bin ich nicht zurückgekehrt, und Leute, die ihre Stellung ihrem Nachnamen, ererbten Millionen oder Vitamin B verdanken, kann ich weiterhin nicht ernst nehmen. Aber ich glaube auch, dass der Mensch einen irreduziblen Kern hat, der weder durch Erziehung, noch durch Arbeitslager oder noch so ausgeklügeltes »Nudging« verändert werden kann. Und dass eine funktionierende, national- und sozialstaatlich organisierte liberale Demokratie ohne imperialistische Ambitionen eine ausgesprochen wertvolle historische Errungenschaft ist, die man nicht leichtfertig utopischen Phantastereien opfern darf. Wahrscheinlich bin ich also ein »Alt-1848er«. Nicht zufällig ist die erfolglose Revolution damals immer noch der Teil der deutschen Geschichte, der mir am meisten Gänsehaut verursacht.

Und die edlen Ideale? Sollen meine Kinder groß werden, ohne jemals das süße Gift der brüderlichen Gemeinschaft aller Menschen genossen zu haben …? Nun, die Ablehnung eines Extrems bedeutet ja nicht, dass man den zugrunde liegenden Wert insgesamt ablehnt – der Mensch ist ebenso wenig ganz und gar brüderlich, wie er ausschließlich in Konkurrenz zueinander leben kann. Wo genau der Kompromiss liegt, den man zwischen den beiden Extremen findet, wird immer Gegenstand des politischen Streits bleiben. Und meinen Kindern wünsche ich (insofern ich mich da überhaupt einmische), dass sie im Leben ein paar Umwege weniger gehen müssen als ich …

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Alkohol und Schusswaffen

Im letzten Post habe ich die Hoyaische Kirchenordnung von 1581 zitiert, in der unter anderem die »Meigreffschaften« verboten wurden. Es gab also offenbar auch in unserem kleinen, beschaulichen Dorf den in vielen Gegenden Deutschlands und Skandinaviens verbreiteten Brauch, jedes Jahr unter den jungen, unverheirateten Männern einen sogenannten »Maigrafen« zu wählen, der als Anführer des Pfingstumgangs (in der Kirchenordnung »Pfingstgilde« genannt) fungiert und – oftmals zusammen mit einer »Maigräfin« – auch den weiteren Festlichkeiten und Riten vorsitzt, die sich im Umfeld der Frühjahrsbräuche abspielen. Ein »Graf« ist er deswegen, weil er sozusagen den »König« vertritt, das heißt den Frühling selbst, der in dieser Zeit mit Macht ins Land kommt und die Geister der Vegetation antreibt, die wie jedes Jahr für neues Leben sorgen sollen.

Das Amt geriet irgendwann in Vergessenheit, nur den Pfingstumzug gibt es immer noch. Früher wurden dazu in der Nacht zum Pfingstsonntag junge Birkenbäume an die Häuser der unverheirateten jungen Frauen gelehnt und am folgenden Tag bei einem zeremoniellem Zug durchs Dorf rituell mit einem Eimer Wasser »begossen«, woraufhin der Wirt des jeweiligen Anwesens den Burschen eine Lage Bier oder Korn spendierte. Der Brauch ist in den letzten Jahrzehnten insofern etwas ausgeartet, als dass mittlerweile an jedes Haus eine Birke gestellt wird. Offenbar empfand man mit der Lockerung der Sitten ab den 1960er Jahren die alte Regel als nicht mehr zeitgemäß und sah gleichzeitig die Gelegenheit, in den Genuss größerer Mengen von Alkohol zu kommen, sodass nun nicht mehr jeder Pfingstumgang in völliger Ordnung sein Ziel erreicht und viele Bewohner dazu übergangen sind, den fälligen Obolus in Geldform zu entrichten.

Der Suff spielte zu Pfingsten allerdings schon früher eine nicht ganz unerhebliche Rolle. Wie alten Gerichtsakten vom Ende des 17. Jahrhunderts, die das Landesarchiv aufbewahrt, zu entnehmen ist, war das Verbot von 1581 unwirksam geblieben, außerdem erfahren wir dort, dass früher zum Abschluss des Pfingstumgangs ein »Grafenbier« im Hause des Maigrafen stattfand. Im Jahr 1651 war das der Sohn eines Bauern, der seinen Hof genau in der Ortsmitte hatte (heute nicht mehr vorhanden). Den Aussagen der Zeugen zufolge wurde ordentlich gebechert, wobei sich vor allem der Sohn des hiesigen Pastors hervortat, der eigentlich nicht mehr im Dorf wohnte, sondern zu den Soldaten gegangen war und wohl über die Feiertage seine Eltern besuchte. Er prahlte mit seiner Pistole herum, die ihn als Kavalleristen ausweist (die Musketiere schossen damals in der Regel – und entgegen tausenden von Mantel-und-Degen-Filmen – mit dem Ding, nach dem sie benannt waren). Es kam zum Streit, und der junge Soldat wankte schließlich von dannen in Richtung Pastorenhaus.

Nach einer Weile verließen auch ein paar andere die Feier, die nicht weniger betrunken waren, darunter auch der frisch verheiratete Jungbauer eines der Nachbarhöfe. Brauch und Herkommen zufolge hätte er als Verheirateter eigentlich nicht mehr am Pfingstumgang teilnehmen dürfen und war wahrscheinlich nur aus alter Gewohnheit beim Grafenbier aufgetaucht, um beim Zechen nicht leer auszugehen. Die beiden Kumpanen, die ihn begleiteten, sagten später aus, das Grafenbier sei zu Ende gegangen, und man habe nicht so recht gewusst, ob es nun nach zu Hause gehen sollte oder irgendwohin weiterzechen. Wie dem man auch sein – man setzte sich in Bewegung und kam bald zum nahe gelegenen Kirchhof, an dessen Einfriedung man überraschend auf den Pastorensohn traf. Kaum wurde der Kavallerist der Neuankömmlinge gewärtig, hatte er auch schon seine Pistole gezogen und wollte in die Luft schießen.

Leider ging sein Püster nicht los – was bei den Stein- oder Radschloss-Schießprügeln der damaligen Zeit nicht ungewöhnlich ist, auf die anderen Zechbrüder aber genau den gegenteiligen Effekt des beabsichtigten hatte. Eine tiefenpsychologische Ferndiagnose spare ich mir hier, aber der Jungbauer lachte lauthals auf und verhöhnte den verhinderten Schützen, es gehöre wohl ein Becher Wasser oder Bier auf die Pistole, damit sie schießen könne. Der Soldat fühlte sich selbstverständlich in seiner Soldatenehre (und wo auch sonst noch) verletzt und spannte drohend den Hahn der Pistole erneut, um dem frechen Bengel zu zeigen, dass die Pistole sehr wohl schießen könne, der Jungbauer nahm dies als Aufforderung zum Kampf und stürzte sich auf den Kontrahenten, ein Gerangel entspann sich (wir wollen annehmen, dass die anderen beiden Zechbrüder den Kampf feixend kommentierten), und es kam, wie es kommen musste – ein Schuss löste sich und fuhr dem Jungbauern in den Leib, dass er hilflos zusammensackte.

Die Zeugenaussagen sind ein wenig wirr, aber danach ist der Täter wohl über den Zaun des Kirchhofs gesprungen und hat das Weite gesucht. Der Verwundete hingegen wurde auf seinen Hof gebracht, und man schickte nach dem »Balbierer« in Hoya (die Bartscherer waren damals nebenher als Wundheiler tätig), der aber nichts mehr retten konnte, denn nächsten Tag verstarb der Jungbauer unter starken Schmerzen. Die Akten sind leider nur bruchstückhaft überliefert, sodass nicht klar ist, ob der Täter später gefasst wurde oder sich gestellt hat; in jedem Fall hat er sich zwei Jahre später mit dem Argument verteidigt, alles sei nur zufällig so passiert und der Schuss habe sich von selbst gelöst. Auch das Urteil kennen wir leider nicht, können uns aber ausmalen, dass der volltrunkene Zustand der Zeugen zur Tatzeit nicht gerade dazu beigetragen hat, den Sachverhalt zu klären.

Und was lernen wir daraus? Ergibt sich ja eigentlich von selbst …

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