Bernd Ohm

Autorenblog

Paul und der Peak

Zur Erin­ne­rung an Paul Nellen

Vor etli­chen Jah­ren, wir waren kurz davor, von Ber­lin hier­her aufs Land zu zie­hen, stol­per­te ich in der damals noch abon­nier­ten taz auf einem Arti­kel mit dem geheim­nis­vol­len Wort »Peak Oil« im Titel. Wie mitt­ler­wei­le eini­ger­ma­ßen bekannt sein dürf­te, beschreibt der Begriff die Hypo­the­se, dass die Erd­öl­för­de­rung in einem bestimm­ten Gebiet (oder sogar der gan­zen Welt) nicht ein­fach bis zum letz­ten Trop­fen immer wei­ter steigt, bis schließ­lich schlag­ar­tig Schluss ist, son­dern einen Schei­tel­punkt erreicht – den »Peak« – und dann lang­sam, aber sicher wie­der absinkt, bis dann irgend­wann wirk­lich nichts mehr da ist. Ganz gut sehen kann man das zum Bei­spiel an den nor­we­gi­schen Ölfel­dern in der Nordsee:

Das Maxi­mum der nor­we­gi­schen Ölför­de­rung lag dem­nach irgend­wann um 2000 her­um. Die Kur­ve ist nicht sym­me­trisch, und die Tat­sa­che, dass der Abstieg nicht so steil ist wie der Anstieg und sogar seit ein paar Jah­ren eini­ger­ma­ßen kon­stant bleibt, ist dem tech­ni­schen Fort­schritt zu ver­dan­ken: Neue Tech­ni­ken und För­der­me­tho­den haben es auch in der Nord­see ver­mocht, die vor­han­de­nen Fel­der noch län­ger aus­zu­beu­ten, als es vor eini­gen Jahr­zehn­ten mög­lich gewe­sen wäre. Aber ich grei­fe vor – damals hat­te ich noch nie etwas von die­sem »Peak Oil« gehört, wur­de hell­hö­rig und begann, mich ein wenig umzu­h­or­chen. Wie es der Zufall will, arbei­tet jemand aus unse­rer Ver­wandt­schaft als Geo­phy­si­ker im Umfeld der erwähn­ten nor­we­gi­schen Ölför­de­rung. Als er mal in Ber­lin zu Besuch war, quetsch­te ich ihn aus und been­de­te den Abend mit einer mitt­le­ren Panik­at­ta­cke. Ja, ja, das Phä­no­men sei in der Bran­che all­ge­mein bekannt, erläu­ter­te er ohne all­zu gro­ße Emo­tio­nen, da müs­se man eben schnell genug einen neu­en Ener­gie­trä­ger finden.

Schon damals hat­te ich den aus heu­ti­ger Sicht nicht ganz unbe­rech­tig­ten Ver­dacht, dass es mit irgend­wel­chen »neu­en Ener­gie­trä­gern« nicht all­zu weit her ist. Fuku­shi­ma war noch Zukunfts­mu­sik, trotz­dem waren sich alle irgend­wie einig, dass Kern­spal­tung für die Zukunft der Ener­gie­ver­sor­gung kei­ne Rol­le spie­len wür­de. Kern­fu­si­on ist bis heu­te eine Tech­no­lo­gie geblie­ben, deren Rea­li­sie­rung immer 50 Jah­re in der Zukunft liegt. Dass die gesam­te Indus­trie und alle Pri­vat­haus­hal­te auf Strom umge­stellt wer­den und dann durch Solar­zel­len und Wind­rä­der betrie­ben wer­den könn­ten, erscheint mir auch heu­te noch – das hal­be Phy­sik­stu­di­um lässt sich halt nicht so leicht ver­ges­sen – als rea­li­täts­fer­nes Wunsch­den­ken. Und die gran­dio­sen Plä­ne (Stich­wort »Deser­tec«), Solar­strom in der Saha­ra zu pro­du­zie­ren, um damit Was­ser­stoff zu gewin­nen und per Tan­ker nach Euro­pa zu ver­frach­ten, kamen mir nicht weni­ger grö­ßen­wahn­sin­nig vor als der alte »Atlantropa«-Plan des Archi­tek­ten Her­man Sör­gel, der einen Stau­damm in Gibral­tar bau­en woll­te, um im Mit­tel­meer neu­es Land zu gewinnen.

Sol­cher­lei Sor­gen und Beden­ken führ­ten mich – es war, lie­be Kin­der, die Zeit, als wir alten Säcke uns in mode­rier­ten Online­fo­ren noch vieeeel zivi­li­sier­ter strit­ten als ihr heu­te auf Twit­ter – in das »Peak-Oil-Forum«, eine vir­tu­el­le Debat­tier­grup­pe von Leu­ten, die das Phä­no­men ent­we­der eben­so beun­ru­hig­te wie mich oder die auf eine Gele­gen­heit hoff­ten, mit wenig Ein­satz viel Geld zu ver­die­nen, indem sie den Peak rich­tig vor­her­se­hen und vor­her jede Men­ge Roh­öl­op­tio­nen kau­fen wür­den. Einer der eif­rigs­ten Foris­ten damals war ein Nut­zer namens »Cujo«, der offen­bar tief in die Mate­rie ein­ge­drun­gen war, einen erfri­schend bei­ßen­den Ton pfleg­te, der bes­tens zu sei­nem Pseud­onym pass­te, und ein­deu­tig in die Frak­ti­on der öko­lo­gisch Moti­vier­ten gehör­te. Legen­där waren sei­ne Wort­ge­fech­te mit Forist »AlexP«, einem schnö­se­li­gen Pro­gram­mie­rer, der im Elsass leb­te, jeden Tag dut­zen­de von Postings ins Forum drück­te und stän­dig alles bes­ser wuss­te als wir ande­ren (wenn ich’s mir recht über­le­ge, lie­be Kin­der, war das dann doch nicht so ver­schie­den von Twitter).

Wie sich nach ein paar PNs und schließ­lich einem Tref­fen in Ham­burg her­aus­stell­te, han­del­te es sich – ich kann das jetzt wohl öffent­lich machen – bei Cujo um nie­mand ande­ren als den Jour­na­lis­ten Paul Nel­len. Zusam­men mit einer Rei­he von Gleich­ge­sinn­ten beschlos­sen wir, eine nord­deut­sche nicht-vir­tu­el­le »Peak-Oil-Grup­pe« zu grün­den, die sich von nun an regel­mä­ßig in Alto­na traf, um gro­ße Gedan­ken zu wäl­zen und Kon­zep­te zu ent­wi­ckeln, in der vagen Hoff­nung, irgend­wie die Poli­tik auf das Phä­no­men auf­merk­sam zu machen und die Gesell­schaft auf des­sen nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen vor­zu­be­rei­ten. Paul, der Spi­ri­tus Rec­tor des Gan­zen, hat­te davon wäh­rend einer Repor­ta­ge gehört, die er für den Deutsch­land­funk in den USA gemacht hat­te; seit­dem ließ ihn das The­ma nicht mehr los. Er hat­te eine unfass­bar unauf­ge­räum­te Home­page, die sich um kei­ner­lei Kon­ven­tio­nen von Typo­gra­fie und gutem Web­de­sign scher­te, aber jede Men­ge inter­es­san­te Links ent­hielt. Er war seit ewi­gen Zei­ten bei den Grü­nen, aber das hielt ihn nicht vom Sel­ber­den­ken ab.

Wie man sich wohl den­ken kann, blie­ben Poli­tik und Gesell­schaft von unse­ren Akti­vi­tä­ten unbe­ein­druckt. Aus heu­ti­ger Sicht waren wir da sicher auch ein wenig naiv. Die meis­ten von uns waren alt genug, um noch die Ölkri­sen der 1970er mit­er­lebt zu haben, und so in etwa stell­ten wir uns auch die Aus­wir­kun­gen von Peak Oil vor: eine jedes Jahr schlim­mer wer­den­de Knapp­heit nach Pas­sie­ren des welt­wei­ten Ölför­der­ma­xi­mums, Schlan­gen an den Tank­stel­len, Ben­zin­ra­tio­nie­run­gen, die ver­zwei­fel­te Suche nach einer ganz neu­en Lebens­wei­se, die mit weni­ger Ener­gie aus­kommt. Oder, wie der iri­sche Peak-Oil-Guru Colin Camp­bell düs­ter zu dräu­en pfleg­te, »Kan­ni­ba­len in Chicago«.

Aber, wie oben schon ange­deu­tet, der tech­ni­sche Fort­schritt spielt natür­lich eine Rol­le, und die wur­de von uns sträf­lich unter­schätzt. Die USA för­dern heu­te dank Fracking wesent­lich mehr Öl als wäh­rend ihres ers­ten Peaks, den man auf 1970 datie­ren kann. Unken­ru­fen zufol­ge han­delt es sich bei Fracking um die letz­ten Über­res­te am Boden des Fas­ses, die man irgend­wie noch schnell zusam­men­kratzt, aber die Unken rufen jetzt auch schon ziem­lich lan­ge, man wird also sehen. Schlim­mer aber war, so den­ke ich, unse­re Fixie­rung auf eine dro­hen­de Ölknapp­heit als iso­lier­tes Phä­no­men. In Wirk­lich­keit ist die Welt natür­lich viel kom­ple­xer – der pani­sche Ver­such, auf­grund einer dro­hen­den Kli­ma­er­wär­mung aus den fos­si­len Roh­stof­fen aus­zu­stei­gen, ver­hin­dert Inves­ti­tio­nen in neue Öler­schlie­ßungs­pro­jek­te; Pan­de­mien füh­ren zu Wirt­schafts­kri­sen, die nichts mit der Ölför­de­rung zu tun haben, aber trotz­dem auf Ange­bot und Nach­fra­ge wir­ken; Auto­kra­ten wie Putin nut­zen den Umstand, dass gera­de – ob nun aus geo­lo­gi­schen oder aus poli­ti­schen Grün­den – nir­gend­wo in der Welt noch grö­ße­re Ölför­der­ka­pa­zi­tä­ten brach­lie­gen, um ihre ganz alt­mo­disch impe­ria­lis­ti­schen Erobe­rungs­plä­ne umzu­set­zen. Im Grun­de befin­den wir uns gera­de mit­ten im »Ers­ten Peak-Oil-Krieg«: Ange­sichts der unge­fähr fünf Mil­lio­nen Bar­rel Öl, die täg­lich von Russ­land nach Euro­pa flie­ßen, ist es ja ganz nett, dass Finn­land und Schwe­den jetzt der NATO bei­tre­ten – aber womit wol­len sie ihre Pan­zer antrei­ben, wenn es tat­säch­lich zu einer krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zung kommt? Ganz ehr­lich, das haben wir damals bei unse­ren Sit­zun­gen in Alto­na nicht vorhergesehen …

Irgend­wann waren wir es, glau­be ich, alle leid und tra­fen uns nur noch sehr spo­ra­disch, schließ­lich gar nicht mehr. Paul und ich blie­ben lose in Kon­takt, manch­mal schick­te er mir einen Link, manch­mal tele­fo­nier­ten wir und debat­tier­ten, meist aber scho­ben sich ande­re The­men in den Vor­der­grund, die er – wie er nun ein­mal war – eben­so lei­den­schaft­lich ver­folg­te wie die Sache mit dem Ölför­der­ma­xi­mum. Als er zufäl­lig das alber­ne Radio­in­ter­view hör­te, dass die Lokal­re­por­te­rin vom NDR mit mir mach­te, als hier der Stra­ßen­na­men­krieg tob­te, rief er mich sofort an, und wir hat­ten eine Men­ge gemein­sam zu lachen. Ich komm mal mit dem Motor­rad vor­bei, ver­sprach er, und schau mir euer phan­tas­ti­sches stra­ßen­na­men­lo­ses Gemein­we­sen auch per­sön­lich an. Lei­der ist es anders gekom­men, sei­ne Krank­heit war schnel­ler, und jetzt ist er nicht mehr da.

Mach’s gut, Cujo, und beiß auch da oben allen, die dich ner­ven, kräf­tig in die Waden!

Warum ich das Wort »Faschismus« nicht mehr hören kann

Putin tut es. Nan­cy Fae­ser tut es. Ali­ce Schwar­zer tut es. Und selbst­ver­ständ­lich tut es auch der zum Sozi­al­kun­de­leh­rer der Nati­on mutier­te Jan Böh­mer­mann. Alle reden vom »Faschis­mus«. War­um eigent­lich? Aus Sicht des His­to­ri­kers han­delt es sich um ein unge­len­kes Bläh­wort. Außer dem ita­lie­ni­schen Ori­gi­nal hat kei­nes der auto­ri­tä­ren Regimes, die man für gewöhn­lich damit bezeich­net, den Begriff als Selbst­be­zeich­nung ver­wen­det. Und auch inhalt­lich wichen sie trotz schein­bar iden­ti­scher Mas­sen­auf­mär­sche und Durch­uni­for­mie­rung der Gesell­schaft alle mehr oder weni­ger stark von­ein­an­der ab. Unter Mus­so­li­ni ver­such­te man damals mehr oder weni­ger, den mit­tel­al­ter­li­chen Stän­de­staat gewalt­sam mit der indus­tri­el­len Moder­ne und der Lösung der Arbei­ter­fra­ge zu ver­ei­nen, und Ele­men­te davon fin­den sich auch in den ande­ren Bewe­gun­gen, wie etwa der spa­ni­schen Falan­ge oder dem Stras­ser-Flü­gel der NSDAP. Die Schwer­punk­te aber lagen dort ganz woanders.

Die Falan­ge war eben nicht iden­tisch mit Fran­co, dem es vor allem dar­um ging, Spa­ni­en vor den Schre­cken einer als bedroh­lich emp­fun­de­nen Moder­ne zu bewah­ren. Er stütz­te sich bei sei­ner Herr­schaft mehr auf Armee, katho­li­sche Kir­che und reak­tio­nä­res Groß­bür­ger­tum als auf die rabau­ken­haf­ten Blau­hem­den und hielt sich außen­po­li­tisch extrem bedeckt, selbst als Hit­ler-Deutsch­land gegen den gemein­sa­men Feind Sowjet­uni­on in den Krieg zog. Was mit dem Stras­ser-Flü­gel pas­sier­te, sah man dann ja in dem bekann­ten »Röhm-Putsch«. Und der Wesens­kern der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Welt­an­schau­ung – die wir­re Idee, dass die gesam­te Geschich­te ein­zig und allein als Ras­sen­kampf zu ver­ste­hen und die »ari­sche Ras­se« zum End­sie­ger die­ses Kamp­fes vor­her­be­stimmt wäre – fin­det sich in kei­nem der ande­ren »Faschis­men« wie­der. In die­ser Hin­sicht stif­tet der Begriff eher Ver­wir­rung, als dass er zu irgend­ei­nem Ver­ständ­nis beitrüge.

Es gibt aller­dings eines, in dem alle angeb­lich »faschis­ti­schen« Regimes über­ein­stimm­ten, näm­lich in ihrem hass­erfüll­ten Anti­kom­mu­nis­mus. Die­ser Hass scheint mir aus heu­ti­ger Sicht psy­cho­lo­gisch eher als Bru­der­zwist erklär­lich – auch auf der Rech­ten war man anti­bür­ger­lich, träum­te von tota­ler Herr­schaft und streb­te nach der gewalt­sa­men Trans­for­ma­ti­on der Gesell­schaft auf dem Wege einer Mas­sen­be­we­gung –, und er führ­te auf der Gegen­sei­te prompt zur ent­spre­chen­den Reak­ti­on: Nach­dem im Okto­ber 1923 die in Mos­kau schon als siche­re Bank ange­se­he­ne kom­mu­nis­ti­sche Revo­lu­ti­on in Deutsch­land kläg­lich schei­ter­te, fin­gen die Bol­sche­wi­ki plötz­lich an, die SPD als »Sozi­al­fa­schis­ten« zu denun­zie­ren, die das Gelin­gen des Umstur­zes ver­hin­dert hätten.

Das scheint zunächst schwer ver­ständ­lich – war­um »Faschis­ten« und war­um aus­ge­rech­net die SPD? Aber eigent­lich ist es ganz ein­fach: Wenn man damals der wir­ren Idee anhing, dass die gesam­te Geschich­te ein­zig und allein als Klas­sen­kampf zu ver­ste­hen und das »Pro­le­ta­ri­at« zum End­sie­ger die­ses Kamp­fes vor­her­be­stimmt wäre, muss­te man an der Tat­sa­che ver­zwei­feln, dass aus­ge­rech­net im wirt­schaft­lich am wei­tes­ten ent­wi­ckel­ten Land Euro­pas die Arbei­ter­schaft nicht in die Gän­ge kam und die ihr vom »dia­lek­ti­schen Mate­ria­lis­mus« zuge­dach­te Rol­le als Initia­tor der Welt­re­vo­lu­ti­on spielte. 

Also phan­ta­sier­te man sich aus den damals gras­sie­ren­den auto­ri­tä­ren Bewe­gun­gen ein Schreck­ge­spenst zusam­men, das man »Faschis­mus« nann­te, für das rät­sel­haf­te Aus­blei­ben die­ser Revo­lu­ti­on ver­ant­wort­lich mach­te und in pole­mi­scher Wei­se mit der SPD in Ver­bin­dung brach­te, die damals zu den weni­gen Par­tei­en gehör­te, die den Staat von Wei­mar tat­säch­lich aus vol­ler Über­zeu­gung unter­stütz­ten. »Faschis­mus ist eine Kampf­or­ga­ni­sa­ti­on der Bour­geoi­sie«, schrieb Genos­se Sta­lin schon 1924 und gab damit die Rich­tung vor, die dann 1935 von dem bul­ga­ri­schen Kom­mu­nis­ten Geor­gi Dimitroff auf dem VII. Welt­kon­gress der Kom­in­tern wei­ter ver­fei­nert wur­de: Faschis­mus sei die »ter­ro­ris­ti­sche Dik­ta­tur der am meis­ten reak­tio­nä­ren, chau­vi­nis­ti­schen und impe­ria­lis­ti­schen Ele­men­te des Finanz­ka­pi­tals«. Er sei ein Mit­tel der Kapi­ta­lis­ten, einem dro­hen­den kom­mu­nis­ti­schen Umsturz zu begeg­nen und die Arbei­ter­be­we­gung zu zerschlagen.

Mit ande­ren Wor­ten: Der heu­ti­ge Gebrauch des Wor­tes »Faschis­mus« geht auf ein Framing zurück, mit dem eines der bei­den gro­ßen Kro­ko­di­le des 20. Jahr­hun­derts das Schei­tern sei­ner ideo­lo­gie­ge­trie­be­nen Pro­phe­zei­un­gen dem ande­ren Kro­ko­dil in die Schu­he zu schie­ben ver­such­te. Dies setz­te sich dann im Sprach­ge­brauch der Sowjet­uni­on und der von ihr beherrsch­ten Staa­ten fort – wer ein­mal DDR-Lite­ra­tur gele­sen oder vor 1989 einen Blick in das Neue Deutsch­land gewor­fen hat, kann sich über einen Man­gel an Begeg­nun­gen mit »Faschis­ten« und »Faschis­mus« nicht bekla­gen. In allen Berich­ten über den Zwei­ten Welt­krieg war dies die selbst­ver­ständ­li­che Bezeich­nung für die Sol­da­ten der Gegen­sei­te, die Mau­er war ein »anti­fa­schis­ti­scher Schutz­wall«, die DDR-Füh­rung sti­li­sier­te sich im Nach­hin­ein selbst zu »Opfern des Faschis­mus«. Das war ein ziem­lich geschick­ter Schach­zug des roten Kro­ko­dils, denn die simp­le Tat­sa­che, dass es gegen das brau­ne Kro­ko­dil gekämpft und unter furcht­ba­ren Ver­lus­ten gesiegt hat­te, tauch­te sei­ne eige­nen Schand­ta­ten in ein wesent­lich mil­de­res Licht – so mil­de, dass der »Kampf gegen den Faschis­mus«, wie wir gera­de jeden Tag in den Nach­rich­ten sehen, als Legi­ti­ma­ti­on eines neu­en rus­si­schen Impe­ria­lis­mus her­hal­ten kann, der Marx und Engels nicht mehr braucht, um sei­ne Nach­barn erobern zu wollen.

Auch in der west­li­chen Lin­ken wur­de und wird das Framing aus den 1920ern immer wie­der auf­ge­nom­men: bei der »auto­no­men Anti­fa« seit den 1980ern, zur Denun­zie­rung des seli­gen Franz-Josef Strauß als Wie­der­gän­ger des »Füh­rers«, im Kampf gegen den »Faschis­ten Trump« oder bei der aktu­el­len Innen­mi­nis­te­rin, für die der »Kampf gegen Faschis­mus und Rechts­ex­tre­mis­mus, gegen Ras­sis­mus und völ­ki­sche Ideo­lo­gien« zur poli­ti­schen DNA ihrer Par­tei gehört. Ich geste­he ihr ja die aller­bes­ten Absich­ten zu, aber muss sie dazu in die Mot­ten­kis­te sta­li­nis­ti­scher Begriff­lich­kei­ten grei­fen? Sie und mitt­ler­wei­le so gut wie jeder Jour­na­list bis weit in den Teil der Pres­se hin­ein, den man frü­her ein­mal »bür­ger­lich« nannte?

Putins Abstru­si­tä­ten, die er gera­de zur Para­de am 9. Mai wie­der ein­mal unters Volks gebracht hat, soll­ten dem einen oder ande­ren viel­leicht mal zum Nach­den­ken brin­gen – wenn die­ser Ver­rück­te und sein Scher­ge Law­row dau­ernd vom »Faschis­mus« in der Ukrai­ne faseln, ohne dass jemand wüss­te, was damit über­haupt gemeint ist, soll­te man da nicht auch mal die eige­ne Wort­wahl über­den­ken …? Mich jeden­falls nervt’s kolossal.

Der Schlächter von Butscha und die RAF?

Wer mei­nen Roman Sechs Tage im Herbst gele­sen hat, kann sich viel­leicht an fol­gen­den klei­nen Dia­log erin­nern, der in der Alten Natio­nal­ga­le­rie in Ber­lin stattfindet:

»Und wer hat das entschieden? Die Stasi gibt es meines Wissens nicht mehr.«
»Aber die Leute, die hinter der Stasi standen, die gibt es noch.«
»Die Russen? Und mit denen hast du ...? Warum?«
Henning erhält keine Antwort.

Letz­te­re ergibt sich dann im wei­te­ren Ver­lauf der Hand­lung, aber ich muss auch geste­hen, dass mir beim Schrei­ben noch ein klei­nes Puz­zle­teil­chen fehl­te, um alles zu ver­ste­hen: Wie genau hat­ten »die Rus­sen« (damals natür­lich der KGB oder der Mili­tär­ge­heim­dienst GRU) in das Gesche­hen um die links­ter­ro­ris­ti­schen Grup­pen West­eu­ro­pas ein­ge­grif­fen – agier­ten sie nur als Hin­ter­män­ner der Sta­si, oder hat­ten sie auch einen eige­nen Zugang zu Grams & Co.? Für Ers­te­res sprach der Umstand, dass die Sta­si in ihrer Jah­res­pla­nung für 1990 vier »IMs im beson­de­ren Ein­satz« (IMB) auf­führ­te, die auf »Stern 1« ange­setzt waren, was der Sta­si-Deck­na­me für die akti­ve RAF-Kom­man­do­ebe­ne war (Nähe­res hier). War­um also hät­ten die Sowjets über­flüs­si­ger­wei­se eige­ne Kräf­te für die glei­che Unter­neh­mung ein­set­zen sol­len? Und für einen direk­ten Kon­takt hät­te man ja jeman­den ein­set­zen müs­sen, der gut genug Deutsch oder Eng­lisch sprach, denn Rus­sisch konn­te, soweit mir bekannt ist, von den Ter­ro­ris­ten niemand.

Wäh­rend ich noch am Manu­skript saß, hat die bri­ti­sche Jour­na­lis­tin Cathe­ri­ne Bel­ton ein Buch namens PUTIN’S PEOPLE: How the KGB Took Back Rus­sia and Then Took On the West (ein Aus­zug hier) ver­öf­fent­licht, das eini­ge in die­ser Hin­sicht inter­es­san­te Infor­ma­tio­nen ent­hält. Bel­ton berich­tet dort von einem Gespräch mit einem namen­lo­sen ehe­ma­li­gen RAF-Mit­glied, das recht offen­her­zig über die dama­li­gen Ver­hält­nis­se plau­der­te. Dem­nach habe es tat­säch­lich einen Kon­takt zu KGB-Ver­tre­tern gege­ben, die­se hät­ten aber nicht in Ost-Ber­lin, son­dern weit­ab von den neu­gie­ri­gen Bli­cken west­li­cher Geheim­diens­te im »Tal der Ahnungs­lo­sen« in Dres­den statt­ge­fun­den. Dies habe es auch den Sta­si-Bos­sen Miel­ke und Mar­kus Wolf, die Angst vor einer Auf­de­ckung ihrer blu­ti­gen Ein­mi­schung in die west­deut­sche Innen­po­li­tik gehabt hät­ten, ermög­licht, einen mög­lichst gro­ßen Abstand zu den Gescheh­nis­sen zu hal­ten. Die Tref­fen hät­ten in einem siche­ren Unter­schlupf in Dres­den statt­ge­fun­den, und der KGB habe kei­ne direk­ten Anwei­sun­gen gege­ben, son­dern nur Vor­schlä­ge gemacht und gefragt, wel­che Art von Unter­stüt­zung die Ter­ro­ris­ten benö­tigt hät­ten, und der­glei­chen mehr. Unge­fähr ein hal­bes Dut­zend sol­che Tref­fen habe es gege­ben. Feder­füh­rend auf rus­si­scher Sei­te mit dabei: der dama­li­ge – exzel­lent Deutsch spre­chen­de – KGB-Resi­dent in Dres­den, Wla­di­mir Putin.

Ist das das feh­len­de Puz­zle­teil? Es ist frag­lich, wer Bel­tons ehe­ma­li­ges RAF-Mit­glied gewe­sen sein soll. Die Autorin ver­wen­det ein männ­li­ches Per­so­nal­pro­no­men für ihren Gesprächs­part­ner, aber die noch leben­den öffent­lich bekann­ten mut­maß­li­chen oder tat­säch­li­chen Mit­glie­der der soge­nann­ten »Drit­ten Genera­ti­on«, die ab 1985 (Putins Dienst­an­tritt in Dres­den) in der DDR gewe­sen sein könn­ten, sind alles Frau­en. Aller­dings hat­te die RAF in den spä­ten 1980ern tat­säch­lich, wie von der anony­men Quel­le ange­ge­ben, Pro­ble­me bei der Waf­fen­be­schaf­fung (in Sechs Tage im Herbst hel­fen die bel­gi­schen Genos­sen von den Cel­lu­les Com­mu­nis­tes Com­bat­tan­tes aus), und natür­lich ist es mög­lich, dass sich Sta­si und KGB die Arbeit geteilt haben: die IMB hät­ten es in die­sem Fall bei der rei­nen Beob­ach­tung belas­sen, wäh­rend Putins Leu­te für die hand­fes­te­ren Tei­le des Geschäfts zustän­dig gewe­sen wären. Auch die Finan­zie­rung der RAF in die­sen Jah­ren ist wei­ter­hin ein Mys­te­ri­um. Ich habe bis­her auf Gad­da­fi getippt, aber das muss natür­lich nicht stimmen.

Sagen wir es mal so: Falls der rus­si­sche Prä­si­dent tat­säch­lich eines Tages in Den Haag vor sei­nem Rich­ter ste­hen soll­te, könn­te es noch eini­ge Über­ra­schun­gen geben.

Noch ’ne Verschwörungstheorie

Beim Schrei­ben ist es wie beim Filme­dre­hen – ein nicht unbe­deu­ten­der Teil des Roh­ma­te­ri­als endet in irgend­ei­nem Abfall­ei­mer, weil die Test­le­ser alles zu kom­pli­ziert fan­den, der Lek­tor Red­un­dan­zen bemän­gel­te oder die betref­fen­de Pas­sa­ge dem Autor selbst nicht mehr gefällt. So auch bei »Sechs Tage im Herbst«, wo die eine Sei­te der mög­li­chen Ver­schwö­run­gen viel­leicht etwas zu kurz kam, um die Les­bar­keit nicht zu beein­träch­ti­gen. Aus die­sem Grund hier welt­ex­klu­siv unver­öf­fent­lich­tes Bonus­ma­te­ri­al aus dem Kapi­tel, in dem Hen­ning und Jen­ny von Lenoir in die Geheim­nis­se der Poli­tik im Unter­grund ein­ge­weiht werden:

»Was wäre denn dei­ner Mei­nung nach eine rea­lis­ti­sche Ver­schwö­rung, die in den spä­ten Acht­zi­gern Ein­fluss auf die RAF zu neh­men versucht?«

Lenoir bleibt ste­hen und wirft in komi­scher Ver­zweif­lung die Hän­de in die Luft. »Da gab’s unend­lich vie­le! So vie­le, wie es damals Leu­te und Orga­ni­sa­tio­nen gab, deren Zie­le sich wenigs­tens teil­wei­se mit den euren gedeckt haben!«

»Ein Bei­spiel bitte!«

»Ein Bei­spiel? Also gut! Voll­kom­men ins Blaue hin­ein gespon­nen, aber kei­nes­falls unrea­lis­tisch. Wir schrei­ben die­ses Mal das Jahr 1987 oder 1988. Stell dir vor, du bist Gebiets­lei­ter bei einer bedeu­ten­den deut­schen Bank. Ein wich­ti­ger Typ mit viel Macht, Ein­fluss und diver­sen Auf­sichts­rats­pos­ten in der berühmt-berüch­tig­ten ›Deutsch­land-AG‹. Lei­der hat dein Vor­stands­vor­sit­zen­der gera­de ein Rie­sen­pro­jekt auf den Weg gebracht, in des­sen Ver­lauf die bis­he­ri­ge Gebiets­struk­tur der Bank auf­ge­löst und die Ver­flech­tung mit der ein­hei­mi­schen Indus­trie ver­rin­gert wer­den soll, um einer mehr inter­na­tio­na­len Aus­rich­tung des Geschäfts Platz zu machen. Platz machen musst für die­sen Plan aller­dings auch du, es winkt nur noch ein Pos­ten als Früh­stücks­di­rek­tor, und alles, was sich für dich dann noch irgend­wie ver­bes­sern wird, ist dein Han­di­cap beim Golf.«

Lenoir macht eine Kunst­pau­se. Wie­der hält er sein Publi­kum im Bann. »Gleich­zei­tig«, fährt er dann fort, »macht sich der Vor­stands­vor­sit­zen­de auch noch bei den ame­ri­ka­ni­schen Groß­ban­ken unbe­liebt, weil er öffent­lich für die Redu­zie­rung von Staats­schul­den der Drit­ten Welt plä­diert, wovon haupt­säch­lich eben­die­se Groß­ban­ken betrof­fen wären. Also eine Art Kriegs­er­klä­rung … Jetzt kann Ver­schie­de­nes pas­sie­ren: Viel­leicht stehst du beim Pin­keln in der Toi­let­te im 20. Stock mit Blick auf Frank­furt am Main, und neben dir schüt­telt gera­de ein ande­rer Gebiets­lei­ter sei­nen Pint aus, der genau­so, Ver­zei­hung für den schlech­ten Witz, ange­pisst ist wie du. Oder du bist viel­leicht Mit­glied in einem die­ser trans­at­lan­ti­schen Debat­tier­clubs, mit deren Hil­fe die Ame­ri­ka­ner ihr infor­mel­les Empi­re orga­ni­sie­ren, und triffst dort einen alten Stu­di­en­kol­le­gen aus Bos­ton, der bei einer der erwähn­ten Groß­ban­ken arbei­tet. Jeden­falls fällt irgend­wo irgend­wann ein­mal der nur halb spa­ßig gemein­te Satz: Wo bleibt eigent­lich die Rote Armee Frak­ti­on, wenn man sie wirk­lich mal braucht …?«

Wie­der macht Lenoir eine Pau­se. Dies­mal, um einen Schluck Whis­ky zu nehmen.

»Aber was soll dann die­ser Ban­ker mit der RAF zu tun haben?«, wen­det Jen­ny ein.

Lenoir hebt über­trie­ben dra­ma­tisch einen Zei­ge­fin­ger. »Jetzt kommt der Zufall ins Spiel, aller­dings ist er nicht an den Haa­ren her­bei­ge­zo­gen. Du bist näm­lich, wir befin­den uns wei­ter­hin im ›Rhei­ni­schen Kapi­ta­lis­mus‹, Mit­glied einer exklu­si­ven katho­li­schen Lai­en­ver­ei­ni­gung, die sich der För­de­rung des christ­li­chen Glau­bens im Hei­li­gen Land ver­schrie­ben hat. Das ist im Grun­de wenig mehr als ein inter­na­tio­na­ler Spen­dier­ho­sen-Club, in dem man sich ab und zu trifft und Bezie­hun­gen pflegt, halt auf einer etwas höhe­ren Ebe­ne als die ört­li­chen Rota­ri­er. Aller­dings macht die­ser spe­zi­el­le Club jedes Jahr einen Betriebs­aus­flug nach Jeru­sa­lem, und bei einer die­ser Rei­sen hast du dich mit einem der dor­ti­gen Kir­chen­ver­tre­ter ange­freun­det, der nach dem drit­ten Glas Car­mel-Wein anfing, mit sei­nen exzel­len­ten Bezie­hun­gen zu diver­sen paläs­ti­nen­si­schen Befrei­ungs­or­ga­ni­sa­tio­nen zu prah­len, die ja teil­wei­se von Chris­ten gelei­tet wer­den. Du hast dir das damals ange­hört, ohne dir wei­ter etwas dabei zu den­ken, aber jetzt fällt es dir wie­der ein, und du hast einen schmut­zi­gen klei­nen Gedanken …«

»Gut, die Ver­bin­dung wäre da«, fällt Hen­ning ihm atem­los ins Wort. »Aber war­um soll­te denn einer von uns sich davon beein­flus­sen lassen?!?«

Lenoir lächelt über­le­gen. »Ja, Geld braucht man doch immer, oder? Der letz­te Bank­über­fall der RAF in Deutsch­land fand 1985 statt, wie habt ihr euch danach finan­ziert? Natür­lich, Gad­da­fi zahlt ab und zu ein biss­chen was, wenn man in sei­nem Auf­trag Hand­gra­na­ten auf US-Sol­da­ten wirft, aber reicht das? Und wäre es nicht bes­ser, eine zwei­te unab­hän­gi­ge Geld­quel­le zu haben, um nicht vom Gna­den­brot der PFLP abhän­gig zu sein? Alles, was du tun musst, ist jeman­den, der sowie­so auf der Abschuss­lis­te steht, von der fünf­ten an die ers­te Stel­le zu setzen …«

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