Bernd Ohm

Autorenblog

Kleiner Nachtrag zu »Wolfsstadt«

Am letzten Donnerstag hatte ich Gelegenheit, vor einem kleinen Publikum von interessierten und klugen Menschen aus meinen Büchern vorzulesen. (Nochmals vielen Dank an Joachim dafür!) Anschließend musste ich viele gute Fragen beantworten und ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern, was viel Spaß gemacht hat. Es war außerdem eine schöne Gelegenheit, mich nach längerer Zeit mal wieder damit zu beschäftigen, warum ich Wolfsstadt überhaupt geschrieben habe. Zum Glück fiel mir die richtige Antwort ein: damit sich wenigstens in der Fiktion jemand Gedanken darüber machen muss, warum er vor 1945 so problemlos als Teil der Vernichtungsmaschinerie funktioniert hat. Was in der Realität wohl für immer ein gewisses Manko bleiben wird.

Hier übrigens ein damaliger Alternativ-Entwurf zum Cover:

Tage und Zeichen (3)

Am letzten Wochenende nach
längerer Zeit mal wieder ein paar Stunden auf der Autobahn
verbracht. Ich glaube nicht, dass es in den letzten hundert Jahren
eine Zeit gegeben hat, in der derart hässliche Autos gebaut wurden.

*

Eine Frage, die ich mir in
letzter Zeit häufiger stelle: Wie kommt es eigentlich, dass alle
Welt immer so schnell eine Meinung hat …?

*

Dazu Zen-Meister Eckhart:
»Gott ist immer in uns, wir sind nur so selten zu Hause.«

*

Interessantes Konzept des mittelalterlichen arabischen Historikers Ibn Chaldun: Asabiyya ist das Maß an innerer sozialer Kohärenz und Loyalität, das es einem Gemeinwesen erlaubt, harte Zeiten durchzustehen, Opfer für das gemeinsame Wohlergehen zu bringen und sich gegen Feinde durchzusetzen. In Gesellschaften mit hoher Asabiyya herrscht hohes gegenseitiges Vertrauen, die Menschen schließen sich oft zu Interessengruppen zusammen, sie sind in der Lage, auch größere Institutionen zu gründen und aufrechtzuerhalten, und sie sind auch eher bereit, etwas für Mitbürger zu tun, die vom Glück nicht so verwöhnt sind. Gesellschaften mit geringer Asabiyya hingegen kennen kaum Solidarität über den Kreis der eigenen Familie hinaus, und ihre Mitglieder betrachten alle Arten von übergreifenden Organisationen (ob staatlich oder nicht-staatlich) eher als zu bekämpfende Feinde denn als gemeinsame »öffentliche Sache«. Man kann im Laufe der Zeit einen hohen Grad an Asabiyya auch wieder verlieren, wie etwa das Beispiel Süditalien zeigt, das von einem Kerngebiet des Römischen Reichs (maximale Asabiyya) nach dessen Zusammenbruch zum Schwarzen Loch wurde, in dem seit Jahrhunderten jede Art von überfamiliärer Solidarität spurlos verschwindet. Das Ergebnis: eine Fremdherrschaft nach der anderen, die Schattenwelt der kriminellen Familienclans, ein hohes Maß an innergesellschaftlicher Gewalt, eine Alltagskultur des Tricksens und Täuschens.

Wo stehen wir in dieser
Hinsicht? Der russisch-amerikanische Historiker Peter Turchin, dem
ich diese Einsichten verdanke, billigt den Deutschen in seinem Buch
War
and Peace and War
eine traditionell sehr hohe Asabiyya zu, und
noch vor einigen Jahren hätte ich den Gedanken, das Mutterland des
Vereinswesens und der freiwilligen Feuerwehr würde irgendwann in
Richtung Sizilien umkippen, als absurd abgetan. Mittlerweile bin ich
mir da nicht mehr so sicher.

    Fragen, Anregungen, Kommentare? Einfach eine E-Mail an kommentar@berndohm.de!

Tage und Zeichen (2)

Ein paar Stunden im Netz
und man hat den Eindruck, draußen würden paramilitärische
Kampfformationen in Braunhemden durch die Straßen marschieren und
die Machtübernahme des rechten Mobs wäre nur noch eine Frage von
Tagen. Sieben Jahrzehnte Faschismusforschung sind offenbar ohne jeden
Wert und umstandslos der absurden Annahme gewichen, allein
verantwortlich für Hitler und Auschwitz wäre ein amorph wabernder,
von konkreten historischen und psychologischen Bedingungen
losgelöster »Hass«, der nun zurückgekehrt ist und sich wie ein
Nebel des Bösen auf »Dunkeldeutschland« gelegt hat. Wozu
Geschichte studieren, wenn im Ernstfall doch nur wieder derselbe alte
Manichäismus wie eh und je von den Menschen Besitz ergreift?

*

Neil Young wird mir wieder
sympathisch. 1989 sagt er in einem Interview:

I don’t have a view, I have an opinion that changes because everyday is a different day. I’m not a liberal or a conservative. I’m not like that. With Reagan, some things he did were terrible, some things he did were great. Most people tend to take a president and say you hate… he does one thing you really don’t like. Like he builds excessive amounts of warheads or something. So you write him off completely. Which I think is completely stupid. And I think, is very narrow minded. (http://www.thrasherswheat.org/ptma/reagan.htm)

*

Gerade haben die Kirchenglocken geläutet. Um diese Zeit, kurz vor dem Mittag, zeigen sie immer an, dass jemand gestorben ist. Sie haben für meine Eltern geläutet, meine Großeltern – vermutlich für alle meine Vorfahren hier im Ort, die ich bis 1535 zurückverfolgen kann. Es ist ein etwas mulmiges Gefühl zu wissen, dass man als Nächstes selbst an die Reihe kommen wird, aber wie sagte Samuel Johnson? »When a man knows he is to be hanged…it concentrates his mind wonderfully.«

Tage und Zeichen (1)

Eines der Kinder berichtet aus der Schule: Einige Muslime im »Werte und Normen«-Unterricht sagen, dass sie nicht an die Evolutionstheorie »glauben«. Die Welt habe nun mal Allah geschaffen. Die Lehrerin verpasst die Gelegenheit, einen kleinen Exkurs über die Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt, die Rolle von Daten und Hypothesen sowie Poppers Falsifizierbarkeitsprinzip zu starten. Stattdessen nickt sie nur freundlich und schweigt. In der nächsten Stunde vertritt eine Mitschülerin die Meinung, dass auch Pflanzen Menschenrechte hätten. Sie wolle sich aber nicht dafür einsetzen, denn das habe ja ohnehin alles keinen Sinn. Wieder nickt die Lehrerin freundlich, geht aber nicht auf die Aussage ein. Wenn jemand einen längeren Text vorträgt, animiert sie die Klasse, Beifall zu klatschen. Egal, was gesagt wurde.

*

Flashback: Irgendwann 1985 oder 1986 in Frankreich. Ich stehe mit ein paar anderen Trampern an der Ausfahrt einer Autobahn-Raststätte. Da niemand anhält, komme ich mit einem der anderen ins Gespräch; wie sich herausstellt, stammt er aus einer Familie von Exil-Russen. Ich erzähle ihm von meiner Erwartung, dass sich die Nationen Europas irgendwann auflösen und in einem neuen Großen Ganzen aufgehen werden. Er lacht mich aus. Irgendwann würde der Kalte Krieg auch wieder vorbei sein, und dann würden selbstverständlich hinter dem verschwundenen ideologischen Gegensatz die alten Völker wieder ins Licht der Geschichte treten. Einen Nationalcharakter könne man nun mal nicht ändern. Ich schüttele freundlich lächelnd meinen Kopf und bin mir meiner Sache sehr sicher. Er schüttelt seinen genauso freundlich lächelnd.

*

Wir kaufen viel im Internet ein, von daher kennen uns die einschlägigen Lieferdienste mittlerweile ganz gut. Bei dem, der nach einem griechischen Gott benannt ist, kam immer eine nette Dame mittleren Alters aus der nächsten Kleinstadt, die sich anfangs nicht auf den Hof traute, weil sie Angst vor unserem Hund hatte. Irgendwann begriff sie dann aber, dass sie nur ein paar Leckerli einstecken brauchte, um die gefährlich knurrende Bestie in einen freudig schwanzwedelnden Freund zu verwandeln. Aus irgendeinem Grund hat sie den Job vor einiger Zeit aufgegeben, seitdem kommt ein Mann, der nur ein paar Brocken Englisch und noch weniger Deutsch radebrechen kann und sicher nicht aus der nächsten Kleinstadt stammt. Die Regelung, Pakete bei Nichtanwesenheit in die Garage zu stellen, haben wir mit Händen und Füßen ausgehandelt. Den Hund mag er nicht und geht ihm wo weit wie möglich aus dem Weg. Ich ertappe mich bei der Frage, wie er das mit der Garage wohl mit meinen Eltern hingekriegt hätte.

*

Konrad Lorenz: »Das fehlende Glied zwischen Mensch und Affe sind wir selbst.«

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