Autorenblog

Schlagwort: Vereinigte Staaten von Europa

Die weiße Stadt, viele Jahre später

Es ist immer ein bisschen gefährlich, nach so langer Zeit an einen Ort zurückzukehren, der im eigenen Leben eine, sagen wir mal, nicht ganz unbedeutende Rolle gespielt hat. Der erste Anfall von saudade erfasst mich beim Blick aus dem Fenster der Unterkunft, der vom Graça-Hügel nach Südosten hinunter zum Fluss geht. Ist da am Ufer nicht irgendwo Santa Apolônia, wo ich als junger Spund mit einem alten Bundeswehrrucksack auf dem Rücken aus dem Zug von Madrid gestolpert bin und zum ersten Mal die Luft am Westrand Europas geschnuppert habe? Und ist hier in Graça nicht irgendwo das muffige Sechsbettzimmer, in das mich die zahnlose Alte geschleppt hat, der ich vor dem Bahnhof in die Fänge gelaufen war? Das Leben vor dem Internet war weniger organisiert, dafür in der Regel spannender …

Später gehen wir zum nächstgelegenen Miradouro, und es kommt noch schlimmer. Da hinten links die Gegend, in der mir meine zukünftige Ex-Frau gezeigt hat, was »um café e um bagaço« bedeutet. Weiter rechts, in der Unterstadt, die Altbauwohnung von José, dem schwulen Rechtsanwalt, der mir (zu Recht) prophezeite, dass ich mich irgendwann wieder mit meinen Eltern aussöhnen würde. Noch weiter rechts, schon oben im Chiado, die Praça Camões, war da nicht die Vorstellung der Zirkusschule, mit der Paula und Fernanda irgendwie zu tun hatten? Spuckte da nicht irgendwer Feuer? Fing nicht mein Freund Christian selbiges für eine der Lusitanierinnen, als sie uns später in Deutschland besuchten?

Gleich daneben das »Palpita-me«, in dem João Osório (der Name muss mal an die Öffentlichkeit) mir einen der peinlichsten Momente meines Lebens verschaffte. Weiterlesen

The United States of what …?

Die gegenwärtige Krise der Europäischen Union ist so tiefgreifend, dass man einerseits Lust hat, den ganzen Laden in die Luft zu sprengen, andererseits drängt sich einem dann doch wieder der Ausweg auf, nun erst recht ein vereintes Europa zu schaffen, das dann wenigstens einigermaßen konsistent agieren und die gewaltigen Strukturreformen angehen könnte, die für eine langfristige Rettung der gemeinsamen Währung und die Gewährleistung einer gemeinsamen Außenpolitik nötig wären.

Aber bevor man sich wilden Blütenträumen hingibt, sollte man vielleicht doch noch mal kurz ein wenig nachdenken. Wie würde wohl ein solcher europäischer Superstaat aussehen? Gott sei Dank gibt es das Project for Democratic Union, einen in München und London ansässigen »Think Tank«, der sich bereits vielerlei Gedanken zu dieser Frage gemacht hat. Dahinter steht der irische, in Cambridge tätige Geschichtsprofessor Brendan Simms (angeblich von Schäuble verehrt), der die Zukunft der Union langfristig in den »Vereinigten Staaten von Europa« sieht. Am Ende würde Großbritannien seiner Meinung nach wohl nicht dazugehören, aber den Brexit findet er verfrüht. Erst solle die Euro-Zone einen Bundesstaat gründen, dann könne das Vereinigte Königreich austreten, ohne dass es zu größeren Verwerfungen käme.

Wie dem auch sei – das neue Europa soll dieser Vision nach einen direkt gewählten Präsidenten sowie ein Zweikammerparlament mit Abgeordnetenhaus und Senat nach US-Vorbild bekommen. Auswärtige Angelegenheiten, Bankenaufsicht und Währung wären fürderhin eine reine Unionsangelegenheit, ebenso wie das Kommando über eine einheitliche europäische Armee, deren ausschließliche Dienstsprache – ebenso wie die einzig zulässige Verwaltungssprache – Englisch wäre. Das französische Nukleararsenal würde in die Hände der VSE, Verzeihung, USE übergehen, deren junge Bürger alle verpflichtet wären, ein Jahr Bürger- oder Wehrdienst zu leisten. Außerdem wären alle nationalen Staatsschulden in europäische Schuldverschreibungen zu überführen. Freihandel wäre nur mit »echten Demokratien« erlaubt.

Na ja. Wenn ich ehrlich bin, gefällt mir davon nur der Teil mit dem allgemeinen Bürgerdienst. Weiterlesen

© 2021 Bernd Ohm

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