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Schlagwort: C. G. Jung

Warum Mittelalter?

Jedes Jahr zu Herbstbeginn spielen sich in der kleinen Stadt, die ein paar Kilometer weiter flussaufwärts liegt, wunderliche Szenen ab: Menschen jeden Alters und jeder Profession werfen sich in Leder, Kettenhemd und Zobelpelzimitat, um zwei Tage lang die Gässchen des alten Burgfleckens mit einem “Mittelaltermarkt” zu beleben, der mit dem echten Mittelalter in etwa so viel zu tun hat wie der Musikantenstadl mit wirklicher Volksmusik. Zum Auftakt schreitet der Graf, der hier im 15. Jahrhundert tatsächlich residierte, von Bruder Bischof und Tochter Nonne begleitet auf den Platz und eröffnet das Spektakel, das angeblich zu Ehren seiner Tochter abgehalten wird, die in der Spielhandlung soeben zur Ă„btissin ihres Konvents erhoben wurde. Später tauchen in der Regel noch ein Minnesänger auf, dann diverse Musikgruppen, die mit Trommel und Schalmei zum Mittelalter-Folk aufspielen, dann tapfere Ritter, die sich in Ermangelung einer echten Turnierbahn Strohsäcke um die Ohren hauen, und schlieĂźlich zieht spät nachts eine abenteuerlich ausstaffierte Bitt- und BuĂźprozession samt Pestkarren und lauthals stöhnenden Kranken durch die MarktstraĂźen bis an den Fluss. Danach wird ordentlich Met getrunken.

Ă–rtlichen Traditionen ist das nicht gerade verpflichtet – im Mittelalter kannte man hier wie in vielen Orten Norddeutschlands einen jährlichen “Freimarkt”, der zu Petri Kettenfeier (1. August) abgehalten wurde; Märkte auĂźerhalb der Regel waren ein eher seltenes Phänomen. Und nur, weil eine Grafentochter die Leitung eines Klosters ĂĽbernahm, hätte der Papa sicher nicht extra eine derartige GroĂźveranstaltung ins Leben gerufen. Das wurde schlicht erwartet – wozu sonst hätte er dem Kloster eine groĂźzĂĽgige jährliche Geldrente ĂĽberschrieben? Auch die von den Veranstaltern gesprochene “Marktsprache”, ein putziges Kauderwelsch aus Luther- und Barockdeutsch (“Gebe er mir zwei Silberlinge, dass Einlass sei!”), hat so rein gar nicht mittelalterliches, denn in dieser Epoche sprach (und schrieb) man hierzulande Mittelniederdeutsch, den altehrwĂĽrdigen Vorfahren des heutigen Plattdeutschen. Und dann die KostĂĽme! Einer sieht aus wie ein Wikinger, der nächste wie ein entfernter Vetter Albrecht DĂĽrers, eine dritte hat sich beim Outfit von Vampirella inspirieren lassen, und zu guter Letzt biegen auch noch ein paar Piraten um die Ecke, die es irgendwie von der Schildkröteninsel hierher verschlagen hat.

Dem Enthusiasmus von Mitwirkenden und Zuschauern tut das nicht den geringsten Abbruch. Im Gegenteil, das Spektakel erfreut sich größter Beliebtheit – bei kleinen Jungs, die ihre Väter zum Stand mit den Papprüstungen zerren, ebenso wie bei Lehrerinnen, die sich in lange Samtgewänder hüllen und ein Wochenende lang das Spinnrad antreiben, und Verwaltungsfachangestellten, die sich einen Topfhelm aufsetzen, eine Hellebarde in die Hand nehmen und brüllend Befehle erteilen. Irgendetwas am Mittelalter fasziniert.

Wenn die falschen Ritter und Pestkranken sich ihre kratzigen Leinenhemden überwerfen, haben ein paar Kilometer weiter südlich die, wie man in Bayern sagt, ganz Vogelwilden schon wieder ihre Sachen gepackt und sich auf den Heimweg gemacht. Achttausend sollen es angeblich sein, die sich alljährlich für ein paar Tage im August als Paladine, Druiden, Barbaren, Orks, Untote oder Elementarwesen des Feuers verkleiden und sich auf den Weiden eines alten Gutshofs gegenseitig Gummischwerter um die Ohren hauen. Sie tauchen ab in das mit Anabolika aufgepumpte Mittelalter der Fantasy-Bücher und -Computerspiele, suchen nach Kraftkristallen oder Zwergenschätzen, schmieden Allianzen zwischen Großfürsten und Hohepriesterinnen oder versuchen, das Siegel der Alten zu brechen, um am Ende (was auch sonst?) das Böse zu besiegen. Die Kostüme sind ausgefeilter, aber noch unhistorischer als auf dem Grafenmarkt, dafür darf man sich hier hemmungslos nekrophilen und blutdürstigen Phantastereien hingeben und so tun, als sei der alte Eichensünder des Gutshofs ein Zauberwald voller Dunkelelfen und Wargs.

Die Szene ist irgendwann aus den Pen-und-Paper- bzw. PC-Rollenspielen hervorgegangen. Man versetzt sich nicht nur im Geiste in seinen Spiele-Avatar, sondern verkörpert diesen sozusagen selbst. Da aber die Fähigkeiten eines Charakters in einem Rollenspiel durch ein recht kompliziertes Punkte- und Regelsystem festgelegt sind, kann man nicht einfach losziehen und tatsächliche Abenteuer erleben (die ja nur deswegen abenteuerlich sind, weil man wirklich etwas aufs Spiel setzt), sondern bewegt sich in einer mehr oder weniger festgelegten Geschichte, deren Ablauf von der Spielleitung mithilfe der “Nicht-Spieler-Charaktere” gesteuert wird. Und wenn einem die Skill-Punkte zum Meuchelmord fehlen, nutzt einem auch das kunstfertigste Realwelt-Anschleichen an den Feind nichts, wenn der gerade mit einem Zaubertrank seinen Intuitionswert erhöht hat und den Ăśberfall mĂĽhelos abwehren kann.

Dass man mich da nicht missversteht: Ich habe nichts gegen das Mittelalter. SchlieĂźlich bin ich ausgebildeter Historiker, das heiĂźt ich möchte wissen, warum alles im Verlauf der Zeit so geworden ist, wie es ist. Viele Phänomene der Jetztzeit aber versteht man erst, wenn man ihre Wurzeln kennt, und die liegen nun mal fĂĽr unsere Breitengrade im Wesentlichen in dieser Epoche. Von daher ist das Mittelalter sogar meine Lieblingszeit…! Ich bin auch Eskapismus in Form von Fantasy-RPGs gegenĂĽber nicht abgeneigt und habe schon so manchen elektronischen Pixel-Ork mit einem ebenso elektronischen Pixel-Zweihänder plus Feuerball-Zauber in die ewigen JagdgrĂĽnde geschickt. Ich lese sogar alle drei, vier Jahr den Herrn der Ringe von vorne bis hinten durch, obwohl ich die Geschichte so langsam nun wirklich auswendig kenne. Trotzdem verspĂĽre ich bei beiden oben genannten Veranstaltungen ein gewisses Befremden.

Zunächst einmal war ja das echte Mittelalter fĂĽr die meisten Menschen, die es tatsächlich erlebt haben, keine besonders schöne Zeit. Wer nicht schon als Kind an einer der vielen Krankheiten oder in den zahllosen kleinen Kriegshandlungen verstarb, den erwartete ein kurzes Leben voller Knochenarbeit, Hunger und Schmutz. Die meisten Menschen waren keine strahlenden Ritter, gelehrten Mönche oder umherschweifende Abenteurer, sondern elende Bauern, die oft mit Leib und Leben ihrem Herrn verschrieben waren und jedes Jahr im Sommer von neuem zitterten, ob die Ernte diesmal ausreichen wĂĽrde, um die Abgaben zu zahlen. Fahrende Ritter waren in der Regel arme Schlucker, die bei den groĂźen Herren um ein Lehen bettelten, das ihnen ein einigermaĂźen erträgliches Leben im Alter bieten konnte. Vaganten und Spielleute waren ehrlos und verfemt. Eine RĂĽstung kostete so viel wie ein paar Dutzend Ochsen, und Frauen in unabhängigen gesellschaftlichen Rollen waren wenn ĂĽberhaupt nur in den luftigen Sphären des Hochadels oder im Halbdunkel schwĂĽlen Dunst der Badestuben zu finden. Wenn man es wagte, eigene Ansichten ĂĽber Gott und die Welt zu haben, musste man sie vor den Schergen der Kirche verbergen oder dem sicheren Tod als Ketzer ins Auge sehen. Wer wollte in solchen Zeiten leben…!?

Darüber hinaus hat man es hier natürliche mit derselben Fremdscham zu tun, die einen befällt, wenn man erwachsenen Menschen begegnet, die sich am Wochenende als Indianer, römische Legionäre oder Panzergrenadiere des 2. Weltkriegs verkleiden. Natürlich kann man an einer Geschichte, und sei sie noch abstrus, im Geiste in einem extrem hohen Grad teilhaben, aber selbst so tun, als erlebe man sie? Das Adrenalin, das man beim Spielen eines PC-Adventures oder beim Lesen eines spannenden Thrillers ausschüttet, ist ja gerade deswegen echt, weil man sich im Vorgang des Spielens oder Lesens in der Abstraktion der eigenen Vorstellungswelt mit den Protagonisten identifiziert, die ja jederzeit im Verlauf ihrer Abenteuer das Leben verlieren könnten. Wie spannend aber kann es sein, selbst zu einer fiktiven Figur zu werden, deren Schicksal eben nicht durch die eigenen, sondern fiktiv zugeschriebene Eigenschaften bestimmt wird? Schauspieler können das, es ist ihr Beruf, aber es muss Zuschauer geben, die mit ihnen mitfiebern, sonst kann die Fiktion nicht wirken.

Trotzdem – alles, was Menschen tun, hat irgendeinen Sinn. Welcher also ist es hier?

Sicherlich spielt der erwähnte Eskapismus eine gewisse Rolle. Das war schon bei einigen meiner Kommilitonen so, die nicht deswegen Geschichte studierten, weil sie irgendeine Art von Erkenntnisinteresse geplagt hätte, sondern weil die sich gerne “in vergangene Zeiten hineinversetzten”. (Ach, ihr wackeren Allgäuer Lehramtskandidaten…!) Die modernen Industriestaaten ermöglichen ihren Bewohnern ein Leben im Ăśberfluss der materiellen Möglichkeiten, ohne Hunger und Not, friedvoller als je zuvor in der Menschheitsgeschichte. Nicht einmal die GeiĂźel des Krieges kennen wir noch, die unsere Vorfahren noch alle paar Jahre oder wenigstens Jahrzehnte mit Tod, Gewalt und Pestilenz heimsuchte. Im Gegenteil, wir haben ein langes Leben, in dem wir EindrĂĽcke sammeln und Erfahrungen machen können.

Aber eines ist dieses Leben nicht: selbstbestimmt. Jeder ist nur ein kleiner Bestandteil einer riesigen, möglichst rational organisierten Maschine, die der Hervorbringung von Waren und Dienstleistungen dient, und in der Regel kann man seine Rolle in diesem Räderwerk nur ausfüllen, wenn man so vernünftig wie möglich seine Aufgaben erledigt. Das ist der faustische Pakt, den jeder eingehen muss, um nicht unter besagte Räder zu kommen, und die Überbetonung der Ratio im Alltag führt natürlich tendenziell dazu, dass man in der arbeitsfreien Zeit umso heftiger die Zügel schießen lässt und sich einem völlig sinnentleerten Hedonismus (Party! Party!) oder sonstigen Spielarten der Regression hingibt, von denen Live-Rollenspiele oder Mittelalter-Reenactment einfach nur zwei besonders exzentrische Varianten wären.

Ich schreibe ausdrĂĽcklich “wären”. Denn die sympathische Ernsthaftigkeit, die besonders die Live-Rollenspieler (jedenfalls die in dem Film Wochenendkrieger gezeigten Vertreter dieser Spezies) auszeichnet, spricht nicht unbedingt dafĂĽr, dass wir es hier einfach nur mit ĂĽberspannten ZivilisationsflĂĽchtlingen zu tun haben, die sich ein paar Tage lang in Conan, den Barbaren oder Lilith, die Erzdämonin verwandeln, um der TretmĂĽhle des Alltags zu entkommen. Die allumfassende ironische Distanz, mit der sich unsere heutige Jugend vor jeder Art von Ernsthaftigkeit oder Nachdenken ĂĽber das neoliberale Räderwerk, bei dem sie – halb hingezogen, halb sich sträubend – mitmachen muss, zu schĂĽtzen sucht, findet man ausgerechnet hier ĂĽberhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: LARPer sind offenbar ĂĽberdurchschnittlich intelligent, sozial hochkompetent und reflektieren das, was sie tun, mit Begeisterung und Sachverstand. Mehr noch, sie erforschen in ihren Rollenspielen Seiten ihrer Persönlichkeit, die in ihrem “normalen” Leben offenbar zu kurz kommen, und sind womöglich ausgeglichener und mit sich selbst besser im Reinen als wir armen Nicht-LARPer.

Was also bewegt sie? Was ist ihr Geheimnis? Als eine der Rollenspielerinnen in dem erwähnten Film Wochenendkrieger nach der Motivation gefragt wird, sich so aufwändig als Elfenkönigin auszustaffieren, macht sie eine interessante Bemerkung: “Der Mensch sehnt sich ja doch nach irgendetwas, das größer ist als man selbst.” Also … nach einer Gottheit? Nach der Vorsehung? Sollte hier ein BedĂĽrfnis versuchen, sich Bahn zu schaffen, das letzten Endes eigentlich religiöser Natur ist? Schon die ausgefeilte fiktive Mythologie hinter den Live-Rollenspielen, bei denen nicht nur ein umfangreiches Regelwerk zum Einsatz kommt, sondern auch Unmengen von EinflĂĽssen aus den verschiedensten kulturellen, magischen und religiösen Traditionen ihre Wirkung entfalten, spricht fĂĽr diese Deutung. Die Götter steigen in Form von Avataren in die Welt der Menschen hinab wie im Hinduismus, in der Regel ist die ausgedachte Welt von einem heiligen Energieprinzip erfĂĽllt, das dem Mana der SĂĽdseeinsulaner oder dem griechischen Pneuma gleicht und von “Zauberern” und “Druiden” genutzt werden kann, und wenn man das richtige Ritual mit dem richtigen Grad an magischer Konzentrationsfähigkeit ausfĂĽhrt kann man sogar Aniesha Fey, die erste Tochter der Negation bezwingen. Von den fĂĽr Bosskämpfe zuständigen Dämonen, deren Namen oft aus der kabbalistischen Tradition entlehnt sind, ganz zu schweigen.

Also eine Art Pseudo-Religion? Aber welche Religion, wenn man ihre Grundlagen näher untersucht, wäre nicht “pseudo”? Man findet, wenn man die vielfältigen äuĂźeren Erscheinungsformen der Mitwirkenden eines Live-Rollenspiel (oder sogar eines Mittelaltermarkts) auf ihre gemeinsamen UrsprĂĽnge zurĂĽckfĂĽhrt, tatsächlich nichts weiter als die Archetypen, die Carl Gustav Jung im kollektiven Unbewussten der Menschheit verortete und deren Projektion nach auĂźen in Götter und Geister die Grundlage jeder Religion sind, ob etabliert oder nicht: den weisen Alten, die böse Hexe, die mächtige Mutter, den strahlenden Helden, den Schatten, den Wilden Mann, die Maienkönigin, die Göttin der Jagd, ĂĽberhaupt jede Art von Anima – der ganze Geister- und Götterzoo von Animismus und Polytheismus tritt uns hier entgegen, und er trägt echte RĂĽstungen und falsche Spitzohren. Die Mittelalterszene ist hier sozusagen die Vorstufe, weil es eigentlich nur um eine möglichst authentische KostĂĽmierung geht, aber die LARPer gehen dann den konsequenten nächsten Schritt. Jeder der Mitwirkenden eines Live-Rollenspiels ist irgendwie im Auftrag einer höheren Macht unterwegs, und jeder findet dort wenigstens andeutungsweise etwas, das nur die Religion bieten kann: Sinn. Es mag albern sein, Aniesha Fey besiegen zu wollen, aber wenn man dazu berufen ist, was soll man machen? Jeder hat sein Schicksal.

Nicht zufällig geht der Aufstieg des Fantasy-Genres mit dem Abstieg des Christentums in Europa einher. Es dürfte heute selbst im hintersten Oberbayern schwer sein, noch jemanden zu finden, der so inbrünstig und glühend an Gott, die Mutter Maria und die Heiligen glaubt, wie dies viele Menschen im tatsächlichen Mittelalter getan haben. Aber das hat unseren Hunger auf das Numinose nicht beseitigen können. Und es hat immer mehr dazu geführt, dass wir uns unser magisch-mythisches Zeitalter, die Ahnenzeit, die noch jede menschliche Kultur hatte, selbst zusammenzimmern. Und nichts anderes ist wohl diese Travestie, die auf den Mittelaltermärkten aufgeführt und bei den Live-Rollenspielen ins Absurde gesteigert wird, als die Traumzeit der Moderne. Eine Welt, die niemals war, aber immer ist. Eine Sehnsucht nach höherer Bedeutung, nach religiösem Ritual, die nirgends sonst mehr befriedigt wird. Die ersten Schritte auf dem Weg zurück in eine Welt, die uns nach der Aufklärung für immer verschlossen schien. Wenn die frühe Science Fiction mit ihren galaktischen Eroberungen eine fiktive Fortschreibung des imperialistischen Zeitalters nach dessen Ende ist, spielt die Fantasy die Rolle des Religionsersatzes nach dem Tod Gottes.

Es hat also auch gar keinen Sinn, die mangelnde historische Authentizität dieser Veranstaltungen zu beklagen. Ebenso könnte man den Teilnehmern eines St.-Martin-Zuges vorwerfen, dass die vom Martins-Darsteller getragene Rüstung im 4. Jahrhundert nicht gebräuchlich war und die Römer damals noch nicht so große Pferde hatten. Und dass die Geschichte mit dem Bettler und dem Mantel sowieso bloß ausgedacht ist. Es geht hier vielmehr um eine innere Wahrheit, die dem reinen Historiker fremd bleiben muss, um das halb bewusste Eintauchen in eine Welt, bei der das Innerste nach Außen projiziert wird. Um gelebtes Ritual.

Puh…

Der eingangs erwähnte Graf wärte also das Urbild des “Weisen Herrschers”, sein Bruder, der Bischof jenes des “Magiers”, die Tochter wäre die “Hohepriesterin”, die versammelten Ritter alles Inkarnationen des “Strahlenden Helden”, die Gaukler solche des “Narren”, und selbst die Piraten hätten noch ihre Rolle, nämlich die des “rebellischen Engels” in der Tradition Luzifers. Man könnte ein ganzes Tarot-Blatt aus ihnen machen.

Sollte das also schon die Antwort sein? Mittelalter-Reenactment und LARP-Cons als sozusagen freireligiöse Erweckungstreffen, deren Teilnehmer in den kollektiv organisierten Kontakt mit den tiefsten seelischen Kräften in sich selbst treten? Ich denke, es ist zumindest ein Teil der Antwort. Im nächsten Text dieser Reihe werde ich allerdings untersuchen, ob es nicht noch einen anderen Grund für die Mittelaltersehnsucht gibt, nämlich den, dass das Zeitalter uns eine Aufgabe gegeben hat, die wir immer noch nicht gelöst haben. Insbesondere wird es um die Idee des Heiligen Grals gehen, den Zauberer Merlin und die Frage, was beide mit der Sehnsucht nach seelischer Ganzheit und der Überwindung des Christentums zu tun haben. Bleiben Sie also dran!

 

Fakten, Daten, HintergrĂĽnde:

Was ist Mittelalter-Reenactment?

Was ist ein Live-Rollenspiel?

Was sind Archetypen?

C.G. Jung-Taschenbuchausgabe: Archetypen, MĂĽnchen 2001

 

Abenteuer mit C. G. Jung

Eigentlich eine eher lästige Sache, so eine Heldenfahrt. Eben noch geht man friedlich durch seinen Garten, schneidet die Rosen und gieĂźt den Blumenkohl, da kommt plötzlich so ein komischer alter Kerl mit einem grauen, verbeulten Filzhut ins Dorf, erzählt dieses und jenes, stellt neugierige Fragen, zeigt einem neue Wege – und schon ist man mittendrin im größten Schlamassel und schreibt einen Blog. Dabei wollte man doch nur seine Ruhe haben…

Und immer diese lästigen Hindernisse, die dem Helden sozusagen archetypisch in den Weg gelegt werden! Was genau wollte man nochmal sagen? Wie lautet das Synonym von “Perspektiven”? Und wer will das alles ĂĽberhaupt lesen? Eine Heldenfahrt (Rollenspielfreunde kennen sie als “Quest”) fĂĽhrt in der Regel in dĂĽstere Höhlen voll schlecht gelaunter Drachen, durch Hohlwege, hinter deren nächster Biegung schon Diebsgesindel und Lumpenpack wartet, in die tiefsten Tiefen des Ozeans und auf die höchsten Höhen der Berge. Man kennt das ja aus “Gothic” und “Drakensang”. Und ob man das Goldene Vlies am Ende wirklich in die Hände bekommt…?

Der komische Alte in meinem Fall war Carl Gustav Jung. Mein Wissen über die Psychoanalyse hatte sich bis dahin darauf beschränkt, dass laut Onkel Freud alle kleinen Jungs gerne mit ihrer Mama schlafen wollen und später neurotisch werden, weil das nicht geklappt hat. Klang alles eher verschroben und ziemlich überholt, ein Überbleibsel des verklemmten Bürgertums der Kaiserzeit und der 1950er in den USA, allenfalls noch von Interesse, wenn man alte Woody-Allen-Filme verstehen wollte. Von anderen Schulen der Seelenkunde, die wesentlich interessantere Ansätze verfolgen, hatte ich nur vage gehört. Und dass die Neurowissenschaftler bei ihrer Erforschung des Gehirns Stück für Stück das gute alte Unbewusste wieder ausgegraben haben, war eine geradezu schockartige Erkenntnis.

Ebenso unverhofft trafen mich die Erkenntnisse des “Schamanen von Bollingen”, auf den ich mehr oder weniger zwangläufig stieĂź, als ich herausfinden wollte, was es eigentlich mit dieser seltsamen SchĂĽssel namens “Gral” auf sich hat. Die jung’sche Perspektive hierzu hat nicht er selbst formuliert, sondern seine Witwe Emma Jung zusammen mit Marie-Louise von Franz (Die Gralslegende in psychologischer Sicht), aber dennoch war dieses Buch ein idealer Ausgangspunkt fĂĽr weitere Erkundungsfahrten in die Welt des tiefgrĂĽndigen Schweizers, die mich zur Alchemie, zur Gnosis, zu den Archetypen, zur Religion und tausend Dingen mehr fĂĽhrten. Plötzlich hatte ich einen SchlĂĽssel an der Hand (oder wenigstens Teile davon), mit dem ich ein tieferes Verständnis all jener rätselhaften und unverständlichen Dinge gewinnen konnte, die mich von jeher umtreiben: Christentum, Zen, Trance, Mythen, Spiritualität, die seltsamen Dinge, die wir Menschen mit unserem Planeten anstellen. Selbst eine vordergrĂĽndig so banale Angelegenheit wie ein Computer-Fantasy-RPG erscheint in einem ganz anderen Licht, wenn man sich klar macht, dass man eigentlich gerade in seinem eigenen Unbewussten unterwegs ist.

Irgendwann war mir klar, dass ich darĂĽber schreiben musste. Zwar gab es vor einigen Jahren die hervorragende, von RĂĽdiger SĂĽnner herausgegebene Internetzeitschrift Atalante, aber mir scheint, dass deutschsprachige Beiträge zum Verständnis von Geschichte, Populärkultur und allgemeinen Themen der Zeit aus einer dezidiert jung’schen Perspektive im Internet ansonsten recht rar gesät sind. Deshalb also diese Heldenreise, von der ich nicht im Geringsten weiĂź, wohin sie mich fĂĽhren wird.

Ein Abenteuer! Ich fĂĽhle mich wie Guiseppe Bergmann, kurz bevor er in H.P.s altes Gemäuer in Venedig eintritt… Da fällt mir ein, waren Sie schon mal in Salvador da Bahia? Wenn Sie am Pelourinho die “Kirche vom Rosenkranz der Schwarzen” besuchen, könnte es sein, dass Sie der FĂĽhrer anspricht und fragt, ob Sie nicht am Abend eine CandomblĂ©-Sitzung besuchen möchten, die seine Freunde in einem Haus in der Vorstadt abhalten werden. In Wirklichkeit handelt es sich natĂĽrlich um eine Bruchbude in der hintersten Favela, aber die aus Afrika stammenden Trance-Rituale, die Sie dort mehr oder weniger hautnah beobachten können, sind echt und kein Theater fĂĽr gelangweilte Pauschaltouristen. OxĂłssi, Yemanjá und Ogun besteigen ihre Pferde, die heiligen Kinder, und reiten auf ihnen im Kreis, während die Trommeln schlagen und die Mutter der Heiligen ihre Stimme erhebt und die alten Lieder ihrer Yoruba-Vorfahren singt… Was das alles mit der Analytischen Psychologie zu tun hat? Gerade keine Zeit, bis zum nächsten Mal!

© 2021 Bernd Ohm

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