Autorenblog

Schlagwort: C. G. Jung

Warum Mittelalter?

Jedes Jahr zu Herbst­be­ginn spie­len sich in der klei­nen Stadt, die ein paar Kilo­me­ter wei­ter fluss­auf­wärts liegt, wun­der­li­che Sze­nen ab: Men­schen jeden Alters und jeder Pro­fes­si­on wer­fen sich in Leder, Ket­ten­hemd und Zobel­pel­z­imi­tat, um zwei Tage lang die Gäss­chen des alten Burg­fle­ckens mit einem “Mit­tel­al­ter­markt” zu bele­ben, der mit dem ech­ten Mit­tel­al­ter in etwa so viel zu tun hat wie der Musi­kan­ten­stadl mit wirk­li­cher Volks­mu­sik. Zum Auf­takt schrei­tet der Graf, der hier im 15. Jahr­hun­dert tat­säch­lich resi­dier­te, von Bru­der Bischof und Toch­ter Non­ne beglei­tet auf den Platz und eröff­net das Spek­ta­kel, das angeb­lich zu Ehren sei­ner Toch­ter abge­hal­ten wird, die in der Spiel­hand­lung soeben zur Äbtis­sin ihres Kon­vents erho­ben wur­de. Spä­ter tau­chen in der Regel noch ein Min­ne­sän­ger auf, dann diver­se Musik­grup­pen, die mit Trom­mel und Schal­mei zum Mit­tel­al­ter-Folk auf­spie­len, dann tap­fe­re Rit­ter, die sich in Erman­ge­lung einer ech­ten Tur­nier­bahn Stroh­sä­cke um die Ohren hau­en, und schließ­lich zieht spät nachts eine aben­teu­er­lich aus­staf­fier­te Bitt- und Buß­pro­zes­si­on samt Pest­kar­ren und laut­hals stöh­nen­den Kran­ken durch die Markt­stra­ßen bis an den Fluss. Danach wird ordent­lich Met getrunken.

Ört­li­chen Tra­di­tio­nen ist das nicht gera­de ver­pflich­tet – im Mit­tel­al­ter kann­te man hier wie in vie­len Orten Nord­deutsch­lands einen jähr­li­chen “Frei­markt”, der zu Petri Ket­ten­fei­er (1. August) abge­hal­ten wur­de; Märk­te außer­halb der Regel waren ein eher sel­te­nes Phä­no­men. Und nur, weil eine Gra­fen­toch­ter die Lei­tung eines Klos­ters über­nahm, hät­te der Papa sicher nicht extra eine der­ar­ti­ge Groß­ver­an­stal­tung ins Leben geru­fen. Das wur­de schlicht erwar­tet – wozu sonst hät­te er dem Klos­ter eine groß­zü­gi­ge jähr­li­che Geld­ren­te über­schrie­ben? Auch die von den Ver­an­stal­tern gespro­che­ne “Markt­spra­che”, ein put­zi­ges Kau­der­welsch aus Luther- und Barock­deutsch (“Gebe er mir zwei Sil­ber­lin­ge, dass Ein­lass sei!”), hat so rein gar nicht mit­tel­al­ter­li­ches, denn in die­ser Epo­che sprach (und schrieb) man hier­zu­lan­de Mit­tel­nie­der­deutsch, den alt­ehr­wür­di­gen Vor­fah­ren des heu­ti­gen Platt­deut­schen. Und dann die Kos­tü­me! Einer sieht aus wie ein Wikin­ger, der nächs­te wie ein ent­fern­ter Vet­ter Albrecht Dürers, eine drit­te hat sich beim Out­fit von Vam­pi­rel­la inspi­rie­ren las­sen, und zu guter Letzt bie­gen auch noch ein paar Pira­ten um die Ecke, die es irgend­wie von der Schild­krö­ten­in­sel hier­her ver­schla­gen hat.

Dem Enthu­si­as­mus von Mit­wir­ken­den und Zuschau­ern tut das nicht den gerings­ten Abbruch. Im Gegen­teil, das Spek­ta­kel erfreut sich größ­ter Beliebt­heit – bei klei­nen Jungs, die ihre Väter zum Stand mit den Papprüs­tun­gen zer­ren, eben­so wie bei Leh­re­rin­nen, die sich in lan­ge Samt­ge­wän­der hül­len und ein Wochen­en­de lang das Spinn­rad antrei­ben, und Ver­wal­tungs­fach­an­ge­stell­ten, die sich einen Topf­helm auf­set­zen, eine Hel­le­bar­de in die Hand neh­men und brül­lend Befeh­le ertei­len. Irgend­et­was am Mit­tel­al­ter fasziniert.

Wenn die fal­schen Rit­ter und Pest­kran­ken sich ihre krat­zi­gen Lei­nen­hem­den über­wer­fen, haben ein paar Kilo­me­ter wei­ter süd­lich die, wie man in Bay­ern sagt, ganz Vogel­wil­den schon wie­der ihre Sachen gepackt und sich auf den Heim­weg gemacht. Acht­tau­send sol­len es angeb­lich sein, die sich all­jähr­lich für ein paar Tage im August als Pala­di­ne, Drui­den, Bar­ba­ren, Orks, Unto­te oder Ele­men­tar­we­sen des Feu­ers ver­klei­den und sich auf den Wei­den eines alten Guts­hofs gegen­sei­tig Gum­mi­schwer­ter um die Ohren hau­en. Sie tau­chen ab in das mit Ana­bo­li­ka auf­ge­pump­te Mit­tel­al­ter der Fan­ta­sy-Bücher und ‑Com­pu­ter­spie­le, suchen nach Kraft­kris­tal­len oder Zwer­gen­schät­zen, schmie­den Alli­an­zen zwi­schen Groß­fürs­ten und Hohe­pries­te­rin­nen oder ver­su­chen, das Sie­gel der Alten zu bre­chen, um am Ende (was auch sonst?) das Böse zu besie­gen. Die Kos­tü­me sind aus­ge­feil­ter, aber noch unhis­to­ri­scher als auf dem Gra­fen­markt, dafür darf man sich hier hem­mungs­los nekro­phi­len und blut­dürs­ti­gen Phan­tas­te­rei­en hin­ge­ben und so tun, als sei der alte Eichen­sün­der des Guts­hofs ein Zau­ber­wald vol­ler Dun­kel­el­fen und Wargs.

Die Sze­ne ist irgend­wann aus den Pen-und-Paper- bzw. PC-Rol­len­spie­len her­vor­ge­gan­gen. Man ver­setzt sich nicht nur im Geis­te in sei­nen Spie­le-Ava­tar, son­dern ver­kör­pert die­sen sozu­sa­gen selbst. Da aber die Fähig­kei­ten eines Cha­rak­ters in einem Rol­len­spiel durch ein recht kom­pli­zier­tes Punk­te- und Regel­sys­tem fest­ge­legt sind, kann man nicht ein­fach los­zie­hen und tat­säch­li­che Aben­teu­er erle­ben (die ja nur des­we­gen aben­teu­er­lich sind, weil man wirk­lich etwas aufs Spiel setzt), son­dern bewegt sich in einer mehr oder weni­ger fest­ge­leg­ten Geschich­te, deren Ablauf von der Spiel­lei­tung mit­hil­fe der “Nicht-Spie­ler-Cha­rak­te­re” gesteu­ert wird. Und wenn einem die Skill-Punk­te zum Meu­chel­mord feh­len, nutzt einem auch das kunst­fer­tigs­te Real­welt-Anschlei­chen an den Feind nichts, wenn der gera­de mit einem Zau­ber­trank sei­nen Intui­ti­ons­wert erhöht hat und den Über­fall mühe­los abweh­ren kann.

Dass man mich da nicht miss­ver­steht: Ich habe nichts gegen das Mit­tel­al­ter. Schließ­lich bin ich aus­ge­bil­de­ter His­to­ri­ker, das heißt ich möch­te wis­sen, war­um alles im Ver­lauf der Zeit so gewor­den ist, wie es ist. Vie­le Phä­no­me­ne der Jetzt­zeit aber ver­steht man erst, wenn man ihre Wur­zeln kennt, und die lie­gen nun mal für unse­re Brei­ten­gra­de im Wesent­li­chen in die­ser Epo­che. Von daher ist das Mit­tel­al­ter sogar mei­ne Lieb­lings­zeit…! Ich bin auch Eska­pis­mus in Form von Fan­ta­sy-RPGs gegen­über nicht abge­neigt und habe schon so man­chen elek­tro­ni­schen Pixel-Ork mit einem eben­so elek­tro­ni­schen Pixel-Zwei­hän­der plus Feu­er­ball-Zau­ber in die ewi­gen Jagd­grün­de geschickt. Ich lese sogar alle drei, vier Jahr den Herrn der Rin­ge von vor­ne bis hin­ten durch, obwohl ich die Geschich­te so lang­sam nun wirk­lich aus­wen­dig ken­ne. Trotz­dem ver­spü­re ich bei bei­den oben genann­ten Ver­an­stal­tun­gen ein gewis­ses Befremden.

Zunächst ein­mal war ja das ech­te Mit­tel­al­ter für die meis­ten Men­schen, die es tat­säch­lich erlebt haben, kei­ne beson­ders schö­ne Zeit. Wer nicht schon als Kind an einer der vie­len Krank­hei­ten oder in den zahl­lo­sen klei­nen Kriegs­hand­lun­gen ver­starb, den erwar­te­te ein kur­zes Leben vol­ler Kno­chen­ar­beit, Hun­ger und Schmutz. Die meis­ten Men­schen waren kei­ne strah­len­den Rit­ter, gelehr­ten Mön­che oder umher­schwei­fen­de Aben­teu­rer, son­dern elen­de Bau­ern, die oft mit Leib und Leben ihrem Herrn ver­schrie­ben waren und jedes Jahr im Som­mer von neu­em zit­ter­ten, ob die Ern­te dies­mal aus­rei­chen wür­de, um die Abga­ben zu zah­len. Fah­ren­de Rit­ter waren in der Regel arme Schlu­cker, die bei den gro­ßen Her­ren um ein Lehen bet­tel­ten, das ihnen ein eini­ger­ma­ßen erträg­li­ches Leben im Alter bie­ten konn­te. Vagan­ten und Spiel­leu­te waren ehr­los und ver­femt. Eine Rüs­tung kos­te­te so viel wie ein paar Dut­zend Och­sen, und Frau­en in unab­hän­gi­gen gesell­schaft­li­chen Rol­len waren wenn über­haupt nur in den luf­ti­gen Sphä­ren des Hoch­adels oder im Halb­dun­kel schwü­len Dunst der Bade­stu­ben zu fin­den. Wenn man es wag­te, eige­ne Ansich­ten über Gott und die Welt zu haben, muss­te man sie vor den Scher­gen der Kir­che ver­ber­gen oder dem siche­ren Tod als Ket­zer ins Auge sehen. Wer woll­te in sol­chen Zei­ten leben…!?

Dar­über hin­aus hat man es hier natür­li­che mit der­sel­ben Fremd­scham zu tun, die einen befällt, wenn man erwach­se­nen Men­schen begeg­net, die sich am Wochen­en­de als India­ner, römi­sche Legio­nä­re oder Pan­zer­gre­na­die­re des 2. Welt­kriegs ver­klei­den. Natür­lich kann man an einer Geschich­te, und sei sie noch abstrus, im Geis­te in einem extrem hohen Grad teil­ha­ben, aber selbst so tun, als erle­be man sie? Das Adre­na­lin, das man beim Spie­len eines PC-Adven­tures oder beim Lesen eines span­nen­den Thril­lers aus­schüt­tet, ist ja gera­de des­we­gen echt, weil man sich im Vor­gang des Spie­lens oder Lesens in der Abs­trak­ti­on der eige­nen Vor­stel­lungs­welt mit den Prot­ago­nis­ten iden­ti­fi­ziert, die ja jeder­zeit im Ver­lauf ihrer Aben­teu­er das Leben ver­lie­ren könn­ten. Wie span­nend aber kann es sein, selbst zu einer fik­ti­ven Figur zu wer­den, deren Schick­sal eben nicht durch die eige­nen, son­dern fik­tiv zuge­schrie­be­ne Eigen­schaf­ten bestimmt wird? Schau­spie­ler kön­nen das, es ist ihr Beruf, aber es muss Zuschau­er geben, die mit ihnen mit­fie­bern, sonst kann die Fik­ti­on nicht wirken.

Trotz­dem – alles, was Men­schen tun, hat irgend­ei­nen Sinn. Wel­cher also ist es hier?

Sicher­lich spielt der erwähn­te Eska­pis­mus eine gewis­se Rol­le. Das war schon bei eini­gen mei­ner Kom­mi­li­to­nen so, die nicht des­we­gen Geschich­te stu­dier­ten, weil sie irgend­ei­ne Art von Erkennt­nis­in­ter­es­se geplagt hät­te, son­dern weil die sich ger­ne “in ver­gan­ge­ne Zei­ten hin­ein­ver­setz­ten”. (Ach, ihr wacke­ren All­gäu­er Lehr­amt­skan­di­da­ten…!) Die moder­nen Indus­trie­staa­ten ermög­li­chen ihren Bewoh­nern ein Leben im Über­fluss der mate­ri­el­len Mög­lich­kei­ten, ohne Hun­ger und Not, fried­vol­ler als je zuvor in der Mensch­heits­ge­schich­te. Nicht ein­mal die Gei­ßel des Krie­ges ken­nen wir noch, die unse­re Vor­fah­ren noch alle paar Jah­re oder wenigs­tens Jahr­zehn­te mit Tod, Gewalt und Pesti­lenz heim­such­te. Im Gegen­teil, wir haben ein lan­ges Leben, in dem wir Ein­drü­cke sam­meln und Erfah­run­gen machen können.

Aber eines ist die­ses Leben nicht: selbst­be­stimmt. Jeder ist nur ein klei­ner Bestand­teil einer rie­si­gen, mög­lichst ratio­nal orga­ni­sier­ten Maschi­ne, die der Her­vor­brin­gung von Waren und Dienst­leis­tun­gen dient, und in der Regel kann man sei­ne Rol­le in die­sem Räder­werk nur aus­fül­len, wenn man so ver­nünf­tig wie mög­lich sei­ne Auf­ga­ben erle­digt. Das ist der faus­ti­sche Pakt, den jeder ein­ge­hen muss, um nicht unter besag­te Räder zu kom­men, und die Über­be­to­nung der Ratio im All­tag führt natür­lich ten­den­zi­ell dazu, dass man in der arbeits­frei­en Zeit umso hef­ti­ger die Zügel schie­ßen lässt und sich einem völ­lig sinn­ent­leer­ten Hedo­nis­mus (Par­ty! Par­ty!) oder sons­ti­gen Spiel­ar­ten der Regres­si­on hin­gibt, von denen Live-Rol­len­spie­le oder Mit­tel­al­ter-Ree­nact­ment ein­fach nur zwei beson­ders exzen­tri­sche Vari­an­ten wären.

Ich schrei­be aus­drück­lich “wären”. Denn die sym­pa­thi­sche Ernst­haf­tig­keit, die beson­ders die Live-Rol­len­spie­ler (jeden­falls die in dem Film Wochen­end­krie­ger gezeig­ten Ver­tre­ter die­ser Spe­zi­es) aus­zeich­net, spricht nicht unbe­dingt dafür, dass wir es hier ein­fach nur mit über­spann­ten Zivi­li­sa­ti­ons­flücht­lin­gen zu tun haben, die sich ein paar Tage lang in Con­an, den Bar­ba­ren oder Lilith, die Erz­dä­mo­nin ver­wan­deln, um der Tret­müh­le des All­tags zu ent­kom­men. Die all­um­fas­sen­de iro­ni­sche Distanz, mit der sich unse­re heu­ti­ge Jugend vor jeder Art von Ernst­haf­tig­keit oder Nach­den­ken über das neo­li­be­ra­le Räder­werk, bei dem sie – halb hin­ge­zo­gen, halb sich sträu­bend – mit­ma­chen muss, zu schüt­zen sucht, fin­det man aus­ge­rech­net hier über­haupt nicht. Ganz im Gegen­teil: LAR­Per sind offen­bar über­durch­schnitt­lich intel­li­gent, sozi­al hoch­kom­pe­tent und reflek­tie­ren das, was sie tun, mit Begeis­te­rung und Sach­ver­stand. Mehr noch, sie erfor­schen in ihren Rol­len­spie­len Sei­ten ihrer Per­sön­lich­keit, die in ihrem “nor­ma­len” Leben offen­bar zu kurz kom­men, und sind womög­lich aus­ge­gli­che­ner und mit sich selbst bes­ser im Rei­nen als wir armen Nicht-LARPer.

Was also bewegt sie? Was ist ihr Geheim­nis? Als eine der Rol­len­spie­le­rin­nen in dem erwähn­ten Film Wochen­end­krie­ger nach der Moti­va­ti­on gefragt wird, sich so auf­wän­dig als Elfen­kö­ni­gin aus­zu­staf­fie­ren, macht sie eine inter­es­san­te Bemer­kung: “Der Mensch sehnt sich ja doch nach irgend­et­was, das grö­ßer ist als man selbst.” Also … nach einer Gott­heit? Nach der Vor­se­hung? Soll­te hier ein Bedürf­nis ver­su­chen, sich Bahn zu schaf­fen, das letz­ten Endes eigent­lich reli­giö­ser Natur ist? Schon die aus­ge­feil­te fik­ti­ve Mytho­lo­gie hin­ter den Live-Rol­len­spie­len, bei denen nicht nur ein umfang­rei­ches Regel­werk zum Ein­satz kommt, son­dern auch Unmen­gen von Ein­flüs­sen aus den ver­schie­dens­ten kul­tu­rel­len, magi­schen und reli­giö­sen Tra­di­tio­nen ihre Wir­kung ent­fal­ten, spricht für die­se Deu­tung. Die Göt­ter stei­gen in Form von Ava­taren in die Welt der Men­schen hin­ab wie im Hin­du­is­mus, in der Regel ist die aus­ge­dach­te Welt von einem hei­li­gen Ener­gie­prin­zip erfüllt, das dem Mana der Süd­see­in­su­la­ner oder dem grie­chi­schen Pneu­ma gleicht und von “Zau­be­rern” und “Drui­den” genutzt wer­den kann, und wenn man das rich­ti­ge Ritu­al mit dem rich­ti­gen Grad an magi­scher Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit aus­führt kann man sogar Anie­sha Fey, die ers­te Toch­ter der Nega­ti­on bezwin­gen. Von den für Boss­kämp­fe zustän­di­gen Dämo­nen, deren Namen oft aus der kab­ba­lis­ti­schen Tra­di­ti­on ent­lehnt sind, ganz zu schweigen.

Also eine Art Pseu­do-Reli­gi­on? Aber wel­che Reli­gi­on, wenn man ihre Grund­la­gen näher unter­sucht, wäre nicht “pseu­do”? Man fin­det, wenn man die viel­fäl­ti­gen äuße­ren Erschei­nungs­for­men der Mit­wir­ken­den eines Live-Rol­len­spiel (oder sogar eines Mit­tel­al­ter­markts) auf ihre gemein­sa­men Ursprün­ge zurück­führt, tat­säch­lich nichts wei­ter als die Arche­ty­pen, die Carl Gus­tav Jung im kol­lek­ti­ven Unbe­wuss­ten der Mensch­heit ver­or­te­te und deren Pro­jek­ti­on nach außen in Göt­ter und Geis­ter die Grund­la­ge jeder Reli­gi­on sind, ob eta­bliert oder nicht: den wei­sen Alten, die böse Hexe, die mäch­ti­ge Mut­ter, den strah­len­den Hel­den, den Schat­ten, den Wil­den Mann, die Mai­en­kö­ni­gin, die Göt­tin der Jagd, über­haupt jede Art von Ani­ma – der gan­ze Geis­ter- und Göt­ter­zoo von Ani­mis­mus und Poly­the­is­mus tritt uns hier ent­ge­gen, und er trägt ech­te Rüs­tun­gen und fal­sche Spitz­oh­ren. Die Mit­tel­al­ter­sze­ne ist hier sozu­sa­gen die Vor­stu­fe, weil es eigent­lich nur um eine mög­lichst authen­ti­sche Kos­tü­mie­rung geht, aber die LAR­Per gehen dann den kon­se­quen­ten nächs­ten Schritt. Jeder der Mit­wir­ken­den eines Live-Rol­len­spiels ist irgend­wie im Auf­trag einer höhe­ren Macht unter­wegs, und jeder fin­det dort wenigs­tens andeu­tungs­wei­se etwas, das nur die Reli­gi­on bie­ten kann: Sinn. Es mag albern sein, Anie­sha Fey besie­gen zu wol­len, aber wenn man dazu beru­fen ist, was soll man machen? Jeder hat sein Schicksal.

Nicht zufäl­lig geht der Auf­stieg des Fan­ta­sy-Gen­res mit dem Abstieg des Chris­ten­tums in Euro­pa ein­her. Es dürf­te heu­te selbst im hin­ters­ten Ober­bay­ern schwer sein, noch jeman­den zu fin­den, der so inbrüns­tig und glü­hend an Gott, die Mut­ter Maria und die Hei­li­gen glaubt, wie dies vie­le Men­schen im tat­säch­li­chen Mit­tel­al­ter getan haben. Aber das hat unse­ren Hun­ger auf das Numi­no­se nicht besei­ti­gen kön­nen. Und es hat immer mehr dazu geführt, dass wir uns unser magisch-mythi­sches Zeit­al­ter, die Ahnen­zeit, die noch jede mensch­li­che Kul­tur hat­te, selbst zusam­men­zim­mern. Und nichts ande­res ist wohl die­se Tra­ves­tie, die auf den Mit­tel­al­ter­märk­ten auf­ge­führt und bei den Live-Rol­len­spie­len ins Absur­de gestei­gert wird, als die Traum­zeit der Moder­ne. Eine Welt, die nie­mals war, aber immer ist. Eine Sehn­sucht nach höhe­rer Bedeu­tung, nach reli­giö­sem Ritu­al, die nir­gends sonst mehr befrie­digt wird. Die ers­ten Schrit­te auf dem Weg zurück in eine Welt, die uns nach der Auf­klä­rung für immer ver­schlos­sen schien. Wenn die frü­he Sci­ence Fic­tion mit ihren galak­ti­schen Erobe­run­gen eine fik­ti­ve Fort­schrei­bung des impe­ria­lis­ti­schen Zeit­al­ters nach des­sen Ende ist, spielt die Fan­ta­sy die Rol­le des Reli­gi­ons­er­sat­zes nach dem Tod Gottes.

Es hat also auch gar kei­nen Sinn, die man­geln­de his­to­ri­sche Authen­ti­zi­tät die­ser Ver­an­stal­tun­gen zu bekla­gen. Eben­so könn­te man den Teil­neh­mern eines St.-Martin-Zuges vor­wer­fen, dass die vom Mar­tins-Dar­stel­ler getra­ge­ne Rüs­tung im 4. Jahr­hun­dert nicht gebräuch­lich war und die Römer damals noch nicht so gro­ße Pfer­de hat­ten. Und dass die Geschich­te mit dem Bett­ler und dem Man­tel sowie­so bloß aus­ge­dacht ist. Es geht hier viel­mehr um eine inne­re Wahr­heit, die dem rei­nen His­to­ri­ker fremd blei­ben muss, um das halb bewuss­te Ein­tau­chen in eine Welt, bei der das Inners­te nach Außen pro­ji­ziert wird. Um geleb­tes Ritual.

Puh…

Der ein­gangs erwähn­te Graf wär­te also das Urbild des “Wei­sen Herr­schers”, sein Bru­der, der Bischof jenes des “Magi­ers”, die Toch­ter wäre die “Hohe­pries­te­rin”, die ver­sam­mel­ten Rit­ter alles Inkar­na­tio­nen des “Strah­len­den Hel­den”, die Gauk­ler sol­che des “Nar­ren”, und selbst die Pira­ten hät­ten noch ihre Rol­le, näm­lich die des “rebel­li­schen Engels” in der Tra­di­ti­on Luzi­fers. Man könn­te ein gan­zes Tarot-Blatt aus ihnen machen.

Soll­te das also schon die Ant­wort sein? Mit­tel­al­ter-Ree­nact­ment und LARP-Cons als sozu­sa­gen frei­re­li­giö­se Erwe­ckungs­tref­fen, deren Teil­neh­mer in den kol­lek­tiv orga­ni­sier­ten Kon­takt mit den tiefs­ten see­li­schen Kräf­ten in sich selbst tre­ten? Ich den­ke, es ist zumin­dest ein Teil der Ant­wort. Im nächs­ten Text die­ser Rei­he wer­de ich aller­dings unter­su­chen, ob es nicht noch einen ande­ren Grund für die Mit­tel­al­tersehn­sucht gibt, näm­lich den, dass das Zeit­al­ter uns eine Auf­ga­be gege­ben hat, die wir immer noch nicht gelöst haben. Ins­be­son­de­re wird es um die Idee des Hei­li­gen Grals gehen, den Zau­be­rer Mer­lin und die Fra­ge, was bei­de mit der Sehn­sucht nach see­li­scher Ganz­heit und der Über­win­dung des Chris­ten­tums zu tun haben. Blei­ben Sie also dran!

 

Fak­ten, Daten, Hintergründe:

Was ist Mittelalter-Reenactment?

Was ist ein Live-Rollenspiel?

Was sind Archetypen?

C.G. Jung-Taschen­buch­aus­ga­be: Arche­ty­pen, Mün­chen 2001

 

Abenteuer mit C. G. Jung

Eigent­lich eine eher läs­ti­ge Sache, so eine Hel­den­fahrt. Eben noch geht man fried­lich durch sei­nen Gar­ten, schnei­det die Rosen und gießt den Blu­men­kohl, da kommt plötz­lich so ein komi­scher alter Kerl mit einem grau­en, ver­beul­ten Filz­hut ins Dorf, erzählt die­ses und jenes, stellt neu­gie­ri­ge Fra­gen, zeigt einem neue Wege – und schon ist man mit­ten­drin im größ­ten Schla­mas­sel und schreibt einen Blog. Dabei woll­te man doch nur sei­ne Ruhe haben…

Und immer die­se läs­ti­gen Hin­der­nis­se, die dem Hel­den sozu­sa­gen arche­ty­pisch in den Weg gelegt wer­den! Was genau woll­te man noch­mal sagen? Wie lau­tet das Syn­onym von “Per­spek­ti­ven”? Und wer will das alles über­haupt lesen? Eine Hel­den­fahrt (Rol­len­spiel­freun­de ken­nen sie als “Quest”) führt in der Regel in düs­te­re Höh­len voll schlecht gelaun­ter Dra­chen, durch Hohl­we­ge, hin­ter deren nächs­ter Bie­gung schon Diebs­ge­sin­del und Lum­pen­pack war­tet, in die tiefs­ten Tie­fen des Oze­ans und auf die höchs­ten Höhen der Ber­ge. Man kennt das ja aus “Gothic” und “Dra­ken­sang”. Und ob man das Gol­de­ne Vlies am Ende wirk­lich in die Hän­de bekommt…?

Der komi­sche Alte in mei­nem Fall war Carl Gus­tav Jung. Mein Wis­sen über die Psy­cho­ana­ly­se hat­te sich bis dahin dar­auf beschränkt, dass laut Onkel Freud alle klei­nen Jungs ger­ne mit ihrer Mama schla­fen wol­len und spä­ter neu­ro­tisch wer­den, weil das nicht geklappt hat. Klang alles eher ver­schro­ben und ziem­lich über­holt, ein Über­bleib­sel des ver­klemm­ten Bür­ger­tums der Kai­ser­zeit und der 1950er in den USA, allen­falls noch von Inter­es­se, wenn man alte Woo­dy-Allen-Fil­me ver­ste­hen woll­te. Von ande­ren Schu­len der See­len­kun­de, die wesent­lich inter­es­san­te­re Ansät­ze ver­fol­gen, hat­te ich nur vage gehört. Und dass die Neu­ro­wis­sen­schaft­ler bei ihrer Erfor­schung des Gehirns Stück für Stück das gute alte Unbe­wuss­te wie­der aus­ge­gra­ben haben, war eine gera­de­zu schock­ar­ti­ge Erkenntnis.

Eben­so unver­hofft tra­fen mich die Erkennt­nis­se des “Scha­ma­nen von Bol­lin­gen”, auf den ich mehr oder weni­ger zwang­läu­fig stieß, als ich her­aus­fin­den woll­te, was es eigent­lich mit die­ser selt­sa­men Schüs­sel namens “Gral” auf sich hat. Die jung’sche Per­spek­ti­ve hier­zu hat nicht er selbst for­mu­liert, son­dern sei­ne Wit­we Emma Jung zusam­men mit Marie-Loui­se von Franz (Die Grals­le­gen­de in psy­cho­lo­gi­scher Sicht), aber den­noch war die­ses Buch ein idea­ler Aus­gangs­punkt für wei­te­re Erkun­dungs­fahr­ten in die Welt des tief­grün­di­gen Schwei­zers, die mich zur Alche­mie, zur Gno­sis, zu den Arche­ty­pen, zur Reli­gi­on und tau­send Din­gen mehr führ­ten. Plötz­lich hat­te ich einen Schlüs­sel an der Hand (oder wenigs­tens Tei­le davon), mit dem ich ein tie­fe­res Ver­ständ­nis all jener rät­sel­haf­ten und unver­ständ­li­chen Din­ge gewin­nen konn­te, die mich von jeher umtrei­ben: Chris­ten­tum, Zen, Tran­ce, Mythen, Spi­ri­tua­li­tät, die selt­sa­men Din­ge, die wir Men­schen mit unse­rem Pla­ne­ten anstel­len. Selbst eine vor­der­grün­dig so bana­le Ange­le­gen­heit wie ein Com­pu­ter-Fan­ta­sy-RPG erscheint in einem ganz ande­ren Licht, wenn man sich klar macht, dass man eigent­lich gera­de in sei­nem eige­nen Unbe­wuss­ten unter­wegs ist.

Irgend­wann war mir klar, dass ich dar­über schrei­ben muss­te. Zwar gab es vor eini­gen Jah­ren die her­vor­ra­gen­de, von Rüdi­ger Sün­ner her­aus­ge­ge­be­ne Inter­net­zeit­schrift Ata­lan­te, aber mir scheint, dass deutsch­spra­chi­ge Bei­trä­ge zum Ver­ständ­nis von Geschich­te, Popu­lär­kul­tur und all­ge­mei­nen The­men der Zeit aus einer dezi­diert jung’schen Per­spek­ti­ve im Inter­net ansons­ten recht rar gesät sind. Des­halb also die­se Hel­den­rei­se, von der ich nicht im Gerings­ten weiß, wohin sie mich füh­ren wird.

Ein Aben­teu­er! Ich füh­le mich wie Gui­sep­pe Berg­mann, kurz bevor er in H.P.s altes Gemäu­er in Vene­dig ein­tritt… Da fällt mir ein, waren Sie schon mal in Sal­va­dor da Bahia? Wenn Sie am Pelour­in­ho die “Kir­che vom Rosen­kranz der Schwar­zen” besu­chen, könn­te es sein, dass Sie der Füh­rer anspricht und fragt, ob Sie nicht am Abend eine Can­dom­blé-Sit­zung besu­chen möch­ten, die sei­ne Freun­de in einem Haus in der Vor­stadt abhal­ten wer­den. In Wirk­lich­keit han­delt es sich natür­lich um eine Bruch­bu­de in der hin­ters­ten Fave­la, aber die aus Afri­ka stam­men­den Tran­ce-Ritua­le, die Sie dort mehr oder weni­ger haut­nah beob­ach­ten kön­nen, sind echt und kein Thea­ter für gelang­weil­te Pau­schal­tou­ris­ten. Oxós­si, Yeman­já und Ogun bestei­gen ihre Pfer­de, die hei­li­gen Kin­der, und rei­ten auf ihnen im Kreis, wäh­rend die Trom­meln schla­gen und die Mut­ter der Hei­li­gen ihre Stim­me erhebt und die alten Lie­der ihrer Yoru­ba-Vor­fah­ren singt… Was das alles mit der Ana­ly­ti­schen Psy­cho­lo­gie zu tun hat? Gera­de kei­ne Zeit, bis zum nächs­ten Mal!

© 2021 Bernd Ohm

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