“Eines abends, ich lag ausgestreckt auf dem Deck meines Dampfboots, hörte ich Stimmen näher kommen – Neffe und Onkel, die am Ufer spazieren gingen. Ich legte den Kopf wieder auf den Arm und war fast eingeschlummert, als ich jemanden scheinbar in meinem Ohr reden hörte: ‚Ich bin so gutmĂĽtig wie ein kleines Kind, aber ich leide es nicht, wann man mir Vorschriften macht. Bin ich nun der Direktor, oder etwa nicht? Ich habe den Befehl erhalten, ihn dorthin zu schicken. Es ist unglaublich.’ … Ich merkte, dass die beiden am Ufer neben dem Bug des Dampfboots standen, genau unter meinem Kopf. Ich rĂĽhrte mich nicht; es fiel mir gar nicht ein, mich zu rĂĽhren, schlieĂźlich war ich schläfrig. ‚Unangenehme Sache’, grunzte der Onkel. ‚Er hat die Verwaltung darum gebeten, dorthin geschickt zu werden’, sagte der andere, ‚weil er zeigen wollte, was in ihm steckt; und ich erhielt entsprechende Befehle. Was fĂĽr einen Einfluss dieser Mensch haben muss, ist das nicht furchtbar?’ Sie kamen beide ĂĽberein, dass es furchtbar sei, und machten seltsame Bemerkungen: ‚Regen oder Sonnenschein machen – ein einzelner – den Verwaltungsrat – an der Nase herum’ – Fragmente absurder Sätze, die die Oberhand ĂĽber meine Schläfrigkeit gewannen, sodass ich fast wieder im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte war, als der Onkel sagte: ‚Vielleicht schafft dir ja das Klima dieses Problem vom Hals. Ist er allein dort drauĂźen?’ ‚Ja’, antwortete der Direktor, ‚er hat seinen Gehilfen mit einem Brief flussabwärts geschickt, in dem etwa Folgendes stand: “Schaffen Sie diesen armen Teufel auĂźer Landes und schicken Sie mir bloĂź nicht mehr von der Sorte. Ich arbeite lieber allein als zusammen mit den Männern, die Sie entbehren können.” Das war vor mehr als einem Jahr. Kannst du dir eine solche Frechheit vorstellen?’ ‚Seitdem irgendwelche Nachrichten?’, fragte der andere mit heiserer Stimme. ‚Elfenbein’, stieĂź der Neffe aus, ‚Mengen davon – erste Qualität – Massen – und ausgerechnet von ihm.’ ‚Und auĂźerdem?’, grollte es fragend. ‚Die Rechnung’, lautete die Antwort, beinahe herausgefeuert. Dann Stille. Sie redeten ĂĽber Kurtz.

Zu diesem Zeitpunkt war ich hellwach, lag aber vollkommen bequem und bewegte mich nicht, da ich keinen Grund hatte, meine Position zu ändern. ‚Wie ist das Elfenbein den ganzen Weg hierher gekommen?’, knurrte der Ă„ltere, der ausgesprochen irritiert wirkte. Der andere erklärte, es sei mit einer Flotte von Paddelbooten unter dem Kommando eines Helfers angeliefert worden, eines englischen Mischlings, den Kurtz bei sich hätte; Kurtz hätte offenbar vorgehabt, selbst zurĂĽckzukehren, weil die Station zu diesem Zeitpunkte bar jeder Waren und Vorräte gewesen sei, nach dreihundert Meilen Reise aber plötzlich beschlossen zurĂĽckzukehren, und das allein in einem kleinen Einbaum mit vier Paddlern, während der Mischling mit dem Elfenbein weiter flussabwärts gefahren sei. Die beiden Knaben da unter mir schienen erstaunt, dass irgendjemand so etwas versuchen könnte. Ihnen fiel kein ausreichendes Motiv dafĂĽr ein. Was mich anging, schien ich zum ersten Mal ein Bild von Kurtz vor Augen zu haben. Es war nur ein flĂĽchtiger Blick: der Einbaum, vier paddelnde Wilde und der einsame WeiĂźe, der plötzlich dem Hauptquartier den RĂĽcken zukehrt, schon halb im Urlaub, mit dem Gedanken an die Heimat – jedenfalls vielleicht –, und sich wieder der Wildnis, seiner leeren und verlassenen Station zuwendet. Ich wusste nicht, was ihn dazu gebracht hatte. Vielleicht war er einfach nur ein braver Junge, der seine Arbeit um ihrer selbst willen liebte. Sein Name, mĂĽsst ihr wissen, war nicht ein einziges Mal gefallen. Er war ‚dieser Mensch’. Der Mischling, der – soweit ich das beurteilen konnte – ein schwieriges Unterfangen mit groĂźer Umsicht und Tapferkeit zu Ende gebracht hatte, wurde ausnahmslos als ‚dieser Halunke’ bezeichnet. Der ‚Halunke’ hatte berichtet, ‚dieser Mensch’ sei sehr krank gewesen, aber nicht vollkommen genesen. … Die zwei unter mir entfernten sich ein paar Schritte und spazierten dann in geringer Entfernung hin und her. Ich hörte: ‚Militärposten – Arzt – zweihundert Meilen – ziemlich allein jetzt – unvermeidliche Verzögerungen – neun Monate – keine Nachrichten – seltsame GerĂĽchte.’ Sie näherten sich wieder, gerade als der Direktor sagte: ‚Niemand, soweit ich weiĂź, es sei denn eine Art fahrender Händler – eine wahre Pest, die den Eingeborenen Elfenbein abgaunert.’ Ăśber wen redeten sie jetzt? Ich konnte aufschnappen, dass es sich hierbei um irgendjemanden handelte, der sich vermutlich in Kurtz’ Bezirk herumtrieb und von dem der Direktor nichts hielt. ‚Es wird solange unlauteren Wettbewerb geben, bis einer dieser Burschen zum Exempel aufgeknĂĽpft wird’, sagte er. ‚Sicher’, grunzte der andere, ‚an den Galgen mit ihm! Warum nicht? Alles – alles ist möglich in diesem Land. Das sage ich doch: Niemand hier, hörst du, niemand hier kann deine Position in Gefahr bringen. Und warum nicht? Du erträgst das Klima – du ĂĽberlebst sie alle. Die Gefahr kommt von Europa; aber dort habe ich vor meiner Abreise Sorge getroffen –’ Sie entfernten sich und flĂĽsterten, dann redeten sie wieder lauter. ‚Die ungewöhnliche Häufung von Verzögerungen ist nicht meine Schuld. Ich habe mein Bestes getan.’ Der Fette seufzte. ‚Sehr traurig.’ ‚Und dieses vollkommen absurde Geschwafel’, fuhr der andere fort, ‚er ist mir genug auf die Nerven gegangen, als er hier war. “Jede Station sollte wie ein Leuchtfeuer auf dem Weg zu einer besseren Welt sein, ein Zentrum des Handels natĂĽrlich, aber auch eines der Sittlichkeit, des Fortschritts, der Lehre.” Stell dir vor – dieser Esel! Und der will Direktor werden! Nein, es ist –’ Hier versagte ihm vor ĂĽbergroĂźer Empörung die Stimme, und ich hob meinen Kopf ein winziges StĂĽck an. Ich war ĂĽberrascht, wie nah sie mir waren – genau unter mir. Ich hätte auf ihre HĂĽte spucken können. Sie sahen gedankenverloren zu Boden. Der Direktor schlug mit einer dĂĽnnen Rute gegen sein Bein: Sein scharfsinniger Verwandter hob den Kopf. ‚Wie steht es diesmal um deine Gesundheit hier drauĂźen?’, fragte er. Der andere zuckte zusammen. ‚Wie? Meine? Oh! Die ist gesegnet – gesegnet. Aber bei den anderen – du meine GĂĽte! Alle krank. Sie sterben so schnell, dass ich nicht genug Zeit habe, sie auĂźer Landes zu schicken – es ist unglaublich!’ ‚M-hm. Wollte ich nur wissen’, grunzte der Onkel. ‚Ach, Junge! Darauf musst du vertrauen – darauf, sage ich.’ Ich sah, wie er seine kurze Flosse von einem Arm in einer Geste ausstreckte, die den Wald, den Nebenarm, den Schlamm, den Fluss in sich einbegriff – die dem sonnenbeschienene Antlitz des Landes einen entehrenden Hieb versetzte und so auf heimtĂĽckische Weise den lauernden Tod, das verborgene Böse, die tiefe Finsternis in dessen Herzen heranzuwinken schien. Ich erschreckte mich so sehr, dass ich auf die Beine sprang und zurĂĽck auf den Waldrand sah, als ob ich von dort eine Antwort auf diese dĂĽstere Zurschaustellung von Zuversicht erwartete. Ihr wisst ja, was einem manchmal fĂĽr Unsinn einfällt. Die unbewegten Baumwipfel setzte den beiden Gestalten ihre unheilschwangere Geduld entgegen, mit der sie auf das Vergehen dieser bizarren Invasionsarmee wartete.

Sie fluchten laut gemeinsam – aus lauter Angst, nehme ich an –, taten dann, als ob sie mich nicht bemerkten, und wandten sich zur Station zurück. Die Sonne stand tief; und wie sie da Seite an Seite nach vorne gelehnt gingen, schienen sie mühsam ihre beiden lächerlich ungleichen Schatten nach oben zu schleppen, die ihnen über das hohe Gras folgten, ohne einen einzigen Grashalm zu knicken.

Ein paar Tage später verschwand die Eldorado-Expedition in der geduldigen Wildnis, die sich um sie herum schloss wie das Meer um einen Taucher. Lange danach erreichte uns die Nachricht, dass alle Esel tot seien. Was das Schicksal der weniger wertvollen Tiere angeht, ist mir nichts bekannt. Zweifellos fanden sie, wie wir alle, ihr verdientes Schicksal. Ich fragte jedenfalls nicht nach. Zu diesem Zeitpunkt war ich ziemlich gespannt darauf, bald Kurtz kennen zu lernen. Wenn ich ‚bald’ sage, ist das relativ gemeint. Genau zwei Monate sollten von dem Tag an, als wir den Nebenarm verlieĂźen, vergehen, bis wir das Ufer unterhalb von Kurtz’ Station erreichten.

Die Fahrt stromaufwärts war wie eine Reise zu den frĂĽhesten UrsprĂĽngen, als die Vegetation ĂĽber die Erde wĂĽtete und die groĂźen Bäume die Könige der Welt waren. Ein leerer Strom, eine groĂźe Stille, ein undurchdringlicher Wald. Die Luft war warm, dick, schwer, träge. Es lag keine Freude im Funkeln der Sonne. Die endlos ausgedehnte, verlassene WasserstraĂźe fĂĽhrte in eine weite, schattenverhangene DĂĽsternis hinein. Auf silbrigen Sandbänken sonnten sich Flusspferde und Krokodile Seite an Seite. Das sich weitende Gewässer floss durch einen Irrgarten bewaldeter Inseln; man verirrte sich auf diesem Fluss wie in einer WĂĽste und holperte den ganzen Tag lang auf der Suche nach der Fahrrinne ĂĽber Untiefen, bis man sich wie unter einem Hexenbann fĂĽhlte, abgeschnitten von allem, das man einst – irgendwo – weit weg – vielleicht in einem anderen Leben – gekannt hatte. Es gab Momente, in denen einen die Vergangenheit wieder ĂĽberkam, wie es manchmal der Fall ist, wenn einem ĂĽberhaupt keine Atempause gewährt wird; aber sie ĂĽberkam einen in Form eines ruhelosen und lärmenden Traums, an den man sich staunend inmitten der ĂĽberwältigenden Wirklichkeit dieser seltsamen Welt aus Pflanzen, Wasser und Stille erinnerte. Und diese Lebensstille wirkte nicht im geringsten friedvoll. Es war die Stille einer unerbittlichen Macht, die mit undurchschaubaren Absichten schwanger geht. Sie sah einen an und trug dabei eine rachedurstige Miene. Später gewöhnte ich mich daran; ich sah sie gar nicht mehr; es war auch gar keine Zeit dazu. Ich musste weiter die Fahrrinne erraten; ich musste, hauptsächlich aufgrund von Eingebungen, die Zeichen verborgener Sandbänke aufspĂĽren; ich musste auf versunkene Felsbrocken achten; ich gewöhnte mich daran, elegant mit den Zähnen zu klappern, bevor mir das Herz stillstand, wenn ich durch einen glĂĽcklichen Zufall an dem verfluchten Halunken von einem im Fluss treibenden Baumstumpf vorbeischrammte, der das Konservenblech des Dampfboots aufgeschlitzt und alle Pilger in den nassen Tod geschickt hätte; ich musste Ausschau nach Anzeichen von Totholz halten, das wir abends zerhacken konnten, um am nächsten Tag weiterdampfen zu können. Wenn man sich um derlei Dinge kĂĽmmern muss, um die rein oberflächlichen Gegebenheiten, schwindet die Wirklichkeit – ja, die Wirklichkeit selbst – dahin. Die innere Wahrheit bleibt verborgen – zum GlĂĽck, kann man nur sagen. Aber ich spĂĽrte sie trotzdem; oft spĂĽrte ich ihre geheimnisvolle Stille, wie sie mir bei meinen Zirkustricks zusah, genauso wie sie jedem von euch zusieht, wenn ihr KunststĂĽcke auf eurem jeweiligen Drahtseil auffĂĽhrt, fĂĽr – was zahlt man? Ein halbe Krone fĂĽr jeden Purzelbaum –”

“Jetzt halt mal an dich, Marlow”, knurrte eine Stimme, es musste also noch jemand anderes auĂźer mir wach sein.

“Ich bitte um Verzeihung. Ich habe den Kummer vergessen, der den Rest der Bezahlung darstellt. Und tatsächlich – was kĂĽmmert einen die Bezahlung, wenn das KunststĂĽck gelingt? Ihr versteht euch auf eure KunststĂĽcke. Und ich schlug mich auch nicht so schlecht, schlieĂźlich gelang es mir, das Dampfboot auf meiner ersten Reise vor dem Sinken zu bewahren. Ich weiĂź immer noch nicht wie. Stellt euch einen Blinden vor, der ein Lastgespann ĂĽber eine schlechte StraĂźe lenken soll. Die Angelegenheit brachte mich ganz schön ins Schwitzen und zum Zittern, sage ich euch. SchlieĂźlich stellt es fĂĽr einen Seemann eine unverzeihliche SĂĽnde dar, wenn das Gefährt ĂĽber Grund schrammt, das eigentlich unter seiner Obhut jederzeit flott zu sein hat. Es fällt vielleicht niemandem auf, aber so einen Rumms vergisst man nicht, hm? Der trifft einen im Innersten. Man erinnert sich daran, träumt davon, wacht nachts auf und denkt daran – Jahre später –, und es läuft einem wieder genauso heiĂź und kalt den RĂĽcken herunter. Ich will nicht so tun, als ob das Dampfboot die ganze Zeit flott gewesen wäre. Mehr als einmal ging es nur mehr oder weniger watend weiter, und zwanzig durchs Wasser platschende und schiebende Kannibalen halfen dabei. Wir hatten einige dieser Kerle unterwegs als Mannschaft angeheuert. Feine Burschen – die Kannibalen – auf ihre Art. Das waren Männer, mit denen man arbeiten konnte, und ich bin ihnen dankbar. Und schlieĂźlich aĂźen sie sich nicht vor meinen Augen auf: Sie hatten einen Vorrat an Flusspferdfleisch mitgebracht, der faulig wurde und das Geheimnis der Wildnis stinkend in meine NĂĽstern aufsteigen lieĂź. Puh! Ich kann es jetzt noch riechen. Ich hatte den Direktor und noch drei oder vier Pilger – komplett mit KnĂĽppeln – an Bord. Manchmal gelangten wir an eine Station, die sich in Ufernähe an den Saum des Unbekannten klammerte, und die WeiĂźen, die mit groĂźen der Freude und Ăśberraschung und BegrĂĽĂźung aus einem armseligen Schuppen gerannt kamen, machten einen seltsamen Eindruck – sie wirkten, als ob sie dort von einem Zauber gefangen gehalten wĂĽrden. FĂĽr eine Weile hörte man dann das Wort Elfenbein durch die Luft schwirren – und weiter ging es in die Stille hinein, leere Flussabschnitte entlang, um stille Biegungen herum, zwischen den hohen Mauern unseres gewunden Pfads, und in hohlen Schlägen hallte dabei das schwere Stampfen des Heckrads nach. Bäume, Bäume, Millionen von Bäumen, massiv, enorm groĂź, hoch aufschieĂźend; und zu ihren FĂĽĂźen, am Ufer vor dem Strom Schutz suchend, kroch das kleine, ruĂźbeschmierte Dampfboot dahin, wie ein Insekt, das träge ĂĽber den Boden einer hochaufragenden Säulenhalle krabbelt. Man hatte das GefĂĽhl, sehr klein und sehr verloren zu sein, und trotzdem war es ĂĽberhaupt nicht deprimierend, dieses GefĂĽhl. Denn schlieĂźlich mochte der ruĂźbeschmierte Käfer klein sein, aber er krabbelte weiter – und genau das sollte er ja. Welche Vorstellungen die Pilger davon hatten, wohin das Krabbeln fĂĽhren sollte, weiĂź ich nicht. Irgendwohin, wo sie erwarteten, irgendetwas zu bekommen. Was sonst! Was mich anging, fĂĽhrte das Krabbeln zu Kurtz – ausschlieĂźlich; aber als die Dampfrohre anfingen zu lecken, krabbelten wir nur noch sehr langsam. Die Flussabschnitte öffneten sich vor uns und schlossen sich hinter uns wieder, als ob der Wald gemächlich ĂĽber das Wasser schritt, um unseren RĂĽckweg zu versperren. Wir drangen tiefer und tiefer in das Herz der Finsternis ein. Es war sehr still dort. Nachts drang manchmal das Wirbeln von Trommeln hinter dem Vorhang der Bäume den Fluss hoch und ertönte leise, als ob es in der Luft ĂĽber unseren Köpfen hing, bis zum Morgengrauen weiter. Ob es Krieg bedeutete, Frieden oder Gebet, konnten wir nicht unterscheiden. Die Dämmerung wurde jeweils vom Einsetzen einer kĂĽhlen Stille angekĂĽndigt; die Holzfäller schliefen, ihre Feuer brannten nur noch schwach, das Knacken eines Zweiges lieĂź einen zusammenzucken. Wir waren Wanderer auf einer prähistorischen Erde, auf einer Erde, die aussah wie ein unbekannter Planet. Wir konnten uns einbilden, die ersten Menschen zu sein, die ein verfluchtes Erbe antreten wollten, das nur um den Preis tiefer Qualen und maĂźloser Plackerei zu haben war. Aber dann wieder, während wir uns um irgendeine Biegung herum arbeiteten, konnte man plötzlich einen Blick auf Wände aus Binsengeflecht und spitze Grasdächer erhaschen, und da war ein Ausbruch von Schreien, ein Wirbel aus schwarzen Gliedern, eine Masse aus klatschenden Händen, stampfenden FĂĽĂźen, sich wiegenden Körpern, rollenden Augen unter dem schwer und unbeweglich herunterhängenden Blätterwerk. Das Dampfboot plagte sich langsam und mĂĽhevoll am Rand einer schwarzen und unbegreiflichen Ekstase entlang. Der Urmensch verfluchte uns, betete uns an, hieĂź uns willkommen – wer wollte das sagen? Wir waren vom Verständnis unser Umgebung abgeschnitten; wir glitten daran vorbei wie Phantome, staunend und insgeheim abgestoĂźen, wie es geistig gesunde Menschen angesichts eines Ausbruchs von Enthusiasmus im Irrenhaus wären. Wir konnten nicht verstehen, weil wir uns zu weit davon entfernt hatten, und wir konnten uns nicht erinnern, weil wir durch die urzeitliche Nacht reisten, durch jene Zeitalter, die vergangen sind und kaum ein Zeichen hinterlassen haben – und keine Erinnerungen daran.

Die Erde schien unirdisch. Wir sind es gewohnt, Ungeheuer nur in besiegter und angeketteter Form zu sehen, aber dort – dort konnte man etwas sehen, das ein Ungeheuer und doch frei war. Es war unirdisch, und die Menschen waren – nein, es war nicht so, dass sie keine Menschen waren. Na ja, wisst ihr, das war eigentlich das Schlimmste daran – diese Ahnung, dass es sich auch bei ihnen um Menschen handelte. Sie stellte sich langsam ein. Sie jaulten und sprangen umher, drehten sich im Kreis und schnitten grausige Gesichter; aber eben dieser Gedanke an ihre menschliche Natur – der unseren gleich – der Gedanke an die entfernte Verwandtschaft mit diesem wilden und leidenschaftlichen Aufruhr durchschauderte einen. Hässlich. Ja, hässlich war es allerdings; aber wenn man Manns genug war, konnte man sich selbst eingestehen, dass es da in einem drin die winzigste Spur einer Reaktion auf die furchtbare Aufrichtigkeit dieses Lärms gab, einen vagen Verdacht, dass er eine zugrunde liegende Bedeutung hatte, die man selbst – so fern der urzeitlichen Nacht – verstehen konnte. Und warum auch nicht? Die Psyche des Menschen ist zu allem fähig – denn alles ist darin enthalten, die gesamte Vergangenheit ebenso wie die gesamte Zukunft. Was gab es dort denn schließlich? Freude, Furcht, Trauer, Hingabe, Tapferkeit, Zorn – wer weiß das schon? – aber die Wahrheit – die Wahrheit, ihrer vergänglichen Hülle beraubt. Lasst den Narren sie anstarren und vor Angst zittern – der Mann weiß Bescheid und kann hinsehen, ohne auch nur zu blinzeln. Aber er muss wenigsten so viel Mumm in sich haben wie jene dort am Ufer. Er muss dieser Wahrheit mit dem begegnen, was an ihm selbst wahr ist – mit seiner eigenen angeborenen Stärke. Prinzipien reichen nicht. Angeeignete Dinge, Kleider, hübsche Fetzen – Fetzen, die beim ersten ernsthaften Windhauch davonfliegen. Nein, um was es hier geht, ist eine bewusste Überzeugung. Erhebt da jemand Einspruch aus eurer teuflischen Schar – ja? Sehr wohl; ich höre; ich gebe es zu, aber ich habe auch etwas zu sagen, und was ich zu sagen habe, lässt sich nicht unterdrücken, was auch immer die Konsequenzen sind. Natürlich, ein Narr, mit seiner schieren Angst und seiner edlen Gesinnung, ist immer sicher. Wer grunzt da? Ihr fragt euch wohl, ob ich an Land gegangen bin, um ein bisschen mitzujaulen und mitzutanzen? Nun, nein – das bin ich nicht. Edle Gesinnung, sagt ihr? Zum Teufel mit der edlen Gesinnung! Ich hatte einfach keine Zeit. Ich musste mich mit Bleiweiß und in Streifen gerissenen Wolldecken herumschlagen, um die lecken Dampfrohre zu umwickeln – so war das. Ich musste auf das Steuerrad Acht geben und besagte Baumstümpfe umschiffen, die Konservendose auf Biegen und Brechen auf ihrem Weg voranbringen. In diesen Dingen lagen so viele rein oberflächliche Gegebenheiten, dass sie auch einen klügeren Mann als mich gerettet hätten. Und ab und zu musste ich auch nach dem Wilden sehen, der als Heizer arbeitete. Es handelte sich um ein veredeltes Exemplar; er konnte einen Stehkessel befeuern. Er arbeitete direkt unter mir, und, mein Wort darauf, sein Anblick war so erbaulich wie der eines Hundes in Reithosen und mit Federhut, der auf seinen Hinterläufen geht. Ein paar Monate Ausbildung hatten diesen wirklich feinen Burschen in eine derartige Parodie verwandelt. Er blinzelte das Dampfdruckmanometer und den Wasserstandsanzeiger mit offenkundig gewollter Unerschrockenheit an, abgefeilte Zähne hatte er auch, in die Wolle auf seinem Schädel waren seltsame Mustern rasiert, und auf jeder seiner Wangen prangten drei Schmucknarben. Eigentlich hätte er am Ufer sein und die Hände klatschen und mit den Füßen stampfen müssen, stattdessen arbeitete er hier schwer, durch fremde Hexerei zur Knechtschaft gezwungen, voll des veredelnden Wissens. Er war nützlich, weil man ihn dazu ausgebildet hatte; und eines wusste er – sollte das Wasser in dem durchsichtigem Ding da verschwinden, würde der böse Geist im Innern des Kessels wegen seines großen Durstes böse werden und furchtbare Rache nehmen. Also schwitze er und befeuerte den Kessel und betrachtete angstvoll den Anzeiger (mit einem improvisierten Talisman aus Lumpen, den er an den Arm gebunden hatte, sowie einem Stück blankpolierten Knochen, so groß wie eine Uhr, das flach durch seine Unterlippe gesteckt war), während die bewaldeten Ufer langsam an uns vorbeiglitten und der kurze Lärm, die unzählbaren Meilen der Stille hinter uns zurückblieben – so krochen wir voran, Kurtz entgegen. Aber die Baumstümpfe waren zahlreich, das Wasser trügerisch und seicht, der Kessel schien tatsächlich von einem mürrischen Teufel bewohnt zu sein, und so hatten weder der Heizer noch ich Zeit, uns auch nur flüchtig mit unseren schaurigen Gedanken zu befassen.

Etwa fĂĽnfzig Meilen unterhalb der Binnenstation stieĂźen wir auf eine SchilfhĂĽtte, einen schiefen und melancholischen Fahnenmast, an dem nicht mehr identifizierbaren Fetzen hingen, die einmal irgendeine Flagge gewesen waren, und einen sauber aufgestapelten StoĂź Holz. Das hatten wir nicht erwartet. Wir gingen ans Ufer, und dort fanden wir auf dem Stapel Feuerholz ein flaches Brett mit ein paar verblichenen Bleistiftbuchstaben darauf. Nachdem wir sie identifiziert hatten, lasen wir: ‚Holz fĂĽr euch. Beeilt euch. Vorsichtig nähern.’ Es gab eine Unterschrift, aber man konnte sie nicht entziffern – es war nicht Kurtz – das Wort war viel länger. ‚Beeilt euch’ Wohin? Flussaufwärts? ‚Vorsichtig nähern.’ Das hatten wir nicht getan. Aber die Warnung konnte nicht fĂĽr den Ort selbst gelten, an dem man sie erst fand, wenn man bereits da war. Irgendetwas weiter flussaufwärts stimmte nicht. Aber was – und in welchem Umfang? Das war die Frage. Wir schĂĽttelten den Kopf ĂĽber den schwachsinnigen Telegraphenstil. Der Busch um den Ort herum sagte nichts und gewährte auch keine allzu tiefen Einblicke. Ein zerrissener Vorhang aus rotem Twillstoff hing am Eingang der HĂĽtte und flatterte uns traurig ins Gesicht. Die Behausung war verlassen, aber wir konnten sehen, dass hier vor nicht allzu langer Zeit ein WeiĂźer gelebt hatte. Es gab noch einen primitiven Tisch – ein Brett auf zwei Pfosten –, einen Abfallhaufen, der in einer dunklen Ecke ruhte, und neben der TĂĽr fand ich ein Buch. Es hatte keinen Umschlag mehr, und die Seiten waren so abgegriffen, dass sie einen Zustand extrem schmutziger Weichheit angenommen hatten, aber den BuchrĂĽcken hatte man sorgfältig neu mit weiĂźem, noch sauber aussehendem Baumwollgarn zusammengeheftet. Es war ein auĂźerordentlicher Fund. Sein Titel lautete ‚Eine Untersuchung verschiedener Fragen der Seemannskunst’ von einem Mann namens Towser, Towson – irgendetwas in der Art –, Kapitän in der Marine Ihrer Majestät. Das Thema sah nach ausgesprochen trockener LektĂĽre aus, es gab erläuternde Diagramme und abschreckende Zahlentabellen, und die Ausgabe war sechzig Jahre alt. Ich behandelte diese erstaunliche Antiquität mit der größtmöglichen Vorsicht, damit es nicht in meinen Händen auseinander fiel. Ihr Inhalt bestand daraus, dass Towson oder Towser ernsthafte Untersuchungen zur Bruchfestigkeit von Schiffsketten und Takelage und ähnlichen Dingen anstellte. Kein besonders fesselndes Buch, aber auf den ersten Blick fiel einem eine gewisse Zielstrebigkeit auf, ein echtes Interesse daran, die richtige Arbeitsweise zu finden, wodurch diese bescheidenen Seiten, die vor so vielen Jahren erdacht worden waren, in mehr als nur dem Alltagslicht des Berufs erschienen. Dieser einfache alte Seemann mit seinen Ăśberlegungen zu Ketten und Ankäufen lieĂź mich durch das kostbare GefĂĽhl, auf etwas unverkennbar Echtes gestoĂźen zu sein, Dschungel und Pilger vergessen. Dass es dort ĂĽberhaupt solch ein Buch gab, war Wunder genug; noch erstaunlicher aber waren die Anmerkungen, die mit Bleistift an den Rand geschrieben waren und sich offenbar auf den Text bezogen. Ich traute meinen Augen nicht! Es war eine Geheimschrift! Ja, es sah aus wie eine Geheimschrift. Stellt euch einen Menschen vor, der ein Buch mit derartigen Beschreibungen an diesen Ort mitten im Nichts mitnimmt und es studiert – und Anmerkungen macht – und dann auch noch in Geheimschrift! Es war ein Geheimnis der auĂźergewöhnlichen Art.

Mir war seit einiger Zeit ein vager, beunruhigender Lärm ins Bewusstsein gedrungen, und als ich die Augen hob, sah ich, dass der Holzstoß verschwunden war und der Direktor, unter Mitwirkung aller Pilger, mir von Bord aus zubrüllte. Ich steckte das Buch in meine Tasche. Ich versichere euch, dass der Abbruch der Lektüre wie der erzwungene Abschied aus dem geschützten Hort einer alten und beständigen Freundschaft war.

Ich brachte die lahme Maschine wieder auf Vorwärtskurs. ‚Das muss dieser elende Händler gewesen sein – dieser Eindringling,’ rief der Direktor, während er hasserfĂĽllt auf den Ort zurĂĽckblickte, den wir gerade verlassen hatten. ‚Er muss Engländer sein’, sagte ich. ‚Das wird ihn nicht davor bewahren, Ă„rger zu bekommen, wenn er nicht aufpasst’, murmelte der Direktor dĂĽster. Ich bemerkte vorgetäuschter Unschuld, dass kein Mensch auf dieser Welt Ă„rger aus dem Weg gehen könne.

Die Strömung war jetzt schneller, das Dampfboot schien seinen letzten Seufzer zu tun, das Heckrad flappte träge ins Wasser, und ich ertappte mich dabei, wie ich auf Zehenspitzen auf den nächsten Schlags des Bootes wartete, denn, um der Wahrheit die Ehre zu geben, erwartete ich von dem elenden Ding jeden Moment, dass es seinen Geist aufgeben würde. Es war, als ob man die letzten Lebenszeichen betrachtete. Aber wir krabbelten immer noch weiter. Manchmal suchte ich mir einen Baum aus, der ein kleines Stück voraus stand, um unsere Fortschritte in Richtung Kurtz zu messen, aber bevor wir dwars kamen, hatte ich ihn ausnahmslos wieder aus den Augen verloren. Kein Mensch konnte seinen Blick so lange auf ein einzelnes Objekt halten. Der Direktor legte eine vortreffliche Resignation an den Tag. Ich schäumte vor Wut und fing an, mit mir selbst darüber zu streiten, ob ich offen mit Kurtz reden sollte oder nicht; aber bevor ich zu einem Ergebnis kam, fiel mir ein, dass es vollkommen egal war, ob ich reden oder schweigen oder überhaupt irgendetwas tun würde. Was machte es aus, ob irgendjemand irgendetwas wusste oder nicht? Was machte es aus, wer der Direktor war? Man hat manchmal solche blitzartigen Erkenntnisse. Das Wesentliche dieser Angelegenheit lag tief unter der Oberfläche verborgen, außerhalb meiner Reichweite, und jenseits meiner Möglichkeiten, mich einzumischen.

Gegen Abend des zweiten Tages meinten wir, etwa acht Meilen von Kurtz’ Station entfernt zu sein. Ich drängte darauf weiterzufahren, aber der Direktor machte ein ernstes Gesicht und sagte mir, dass die Navigation weiter aufwärts so gefährlich sei, dass wir, da ja die Sonne schon sehr tief stehe, besser bis zum nächsten Morgen hier warteten. DarĂĽber hinaus machte er mich darauf aufmerksam, dass wir uns bei Befolgung der Warnung, vorsichtig zu sein, bei Tageslicht nähern mĂĽssten – nicht in der Abenddämmerung oder im Dunkeln. Das war nur vernĂĽnftig. Acht Meilen bedeuteten fast drei Stunden unter Dampf fĂĽr uns, und auĂźerdem konnte ich am Ende des Flussabschnitts ein verdächtiges Kräuseln sehen. Trotzdem war ich ĂĽber alle MaĂźen verärgert ĂĽber die Verzögerung, und das ganz ohne Grund, denn eine Nacht mehr konnte kaum einen Unterschied machen, nach so vielen Monaten. Da wir jede Menge Holz hatten und die Parole Vorsicht lautete, drehte ich in der Mitte des Stroms bei. Der Fluss war hier eng, gerade und wies hohe Seiten auf, wie bei einem Eisenbahneinschnitt. Die Abenddämmerung glitt langsam dort hinein, lange bevor die Sonne untergegangen war. Die Strömung war gleichmäßig und schnell, aber auf den Ufern saĂź eine dumpfe Unbeweglichkeit. Die lebenden Bäume, aneinandergebunden mit Schlingpflanzen und allen lebenden BĂĽschen des Unterholzes, wirkten wie versteinert, bis hin zum dĂĽnnsten Zweig, bis hin zum kleinsten Blatt. Es war nicht Schlaf – es wirkte unnatĂĽrlich, wie ein Trancezustand. Nicht der geringste Laut irgendeiner Art war zu hören. Man sah staunend darauf und fing an, sich fĂĽr taub zu halten – dann kam plötzlich die Nacht und lieĂź einen auch noch erblinden. Etwa um drei Uhr nachts schoss irgendein groĂźer Fisch aus dem Wasser, und das laute Aufklatschen lieĂź mich hochfahren, als ob man ein Gewehr abgefeuert hätte. Bei Sonnenaufgang lag weiĂźer Nebel ĂĽber dem Fluss, sehr warm und klamm, der einen noch weniger sehen lieĂź als die Dunkelheit der Nacht. Er änderte weder die Form, noch bewegte er sich; er war einfach da und stand um einen herum wie eine feste Masse. Um acht oder neun vielleicht hob er sich wie ein Rollladen. Wir erhaschten einen Blick auf die aufragende Masse der Bäume, den gewaltigen, in sich verfilzten Dschungel, den grellen kleinen Sonnenball, der darĂĽber hing – alles vollkommen still – und dann senkte sich der weiĂźe Rollladen wieder so sanft, als ob er in geölten Schienen lief. Ich befahl, die Ankerkette, die wir begonnen hatten einzuziehen, wieder auszuwerfen. Bevor Sie mit einem unterdrĂĽckten Rattern zum Stillstand kam, stieg langsam ein Schrei, ein sehr lauter Schrei, wie aus ungeheuerer Verzweiflung, in der undurchdringlichen Luft auf. Dann hörte er auf. Ein klagendes Geschreie, moduliert in primitiven Disharmonien, erfĂĽllte unsere Ohren. Es geschah so vollkommen unerwartet, dass mir die Haare unter meiner MĂĽtze zu Berge standen. Ich weiĂź nicht, wie die anderen darauf reagierten: Mir schien es, als ob der Nebel selbst geschrieen hätte, derart plötzlich, und offenbar von allen Seiten gleichzeitig, war dieser tumultartige und klagende Aufruhr losgebrochen. Er gipfelte in dem ĂĽberstĂĽrzten Ausbruch eines fast unerträglich lautem Kreischens, der plötzlich abbrach und uns starr vor Angst in einer Reihe alberner Posen dastehen lieĂź, hartnäckig der fast nicht weniger unerträglichen leisen Stille lauschend. ‚GroĂźer Gott! Was bedeutet –’ stammelte einer der Pilger neben mir – ein kleiner dicker Mann mit sandfarbenem Haar und rotem Backenbart, der Stiefel mit Seitenschnallen und rosa Pyjamahosen in seine Socken gesteckt trug. Zwei andere blieben mit offenen MĂĽndern eine ganze Minute stehen, stĂĽrzten dann in die kleine Kabine, um Hals ĂĽber Kopf wieder herauszustĂĽrzen und mit feuerbereiten Winchester-Gewehren in der Hand angstvolle Blicke um sich zu werfen. Alles, was wir sehen konnten, war das Dampfboot, auf dem wir uns befanden und dessen Umrisse verschwammen, als ob es sich gleich auflösen wollte, sowie ein nebliger Streifen Wasser, vielleicht zwei FuĂź breit, um das Boot herum – das war alles. Der Rest der Welt existierte nicht, jedenfalls was unsere Augen und Ohren anging. Existierte einfach nicht. Weg, verschwunden; weggefegt ohne den Hauch eines Schattens zurĂĽckzulassen.

Ich ging nach vorn und befahl, die Ankerkette anzuholen, um nötigenfalls schnell den Anker aufholen und das Dampfboot in Bewegung setzen zu können. ‚Werden sie angreifen?’ flĂĽsterte eine eingeschĂĽchterte Stimme. ‚Man wird uns alle abschlachten in diesem Nebel’, murmelte eine andere. In den Gesichtern zuckte es vor Anstrengung, die Hände zitterten leicht, die Augen vergaĂźen zu blinzeln. Es war sehr seltsam, den Gegensatz in den Mienen der WeiĂźen und der Schwarzen in unserer Besetzung anzusehen, denen dieser Teil des Flusses genauso fremd war wie uns, obwohl ihr Zuhause nur achthundert Meilen entfernt lag. Die WeiĂźen, natĂĽrlich stark erregt, machten auĂźerdem den Eindruck, auĂźerordentlich schockiert von diesem unerhörten Aufruhr zu sein. Die anderen trugen eine alarmierte, natĂĽrlich aufmerksame Miene; aber in ihren Gesichter war es im Wesentlichen ruhig, selbst bei einem oder zweien, die beim Anholen der Ankerkette grinsten. Einige wechselten kurze, gegrunzte Worte, mit denen die Angelegenheit zu ihrer Zufriedenheit erledigt schien. Ihr Vormann, ein junger Schwarzer mit breiter Brust, der schlicht in dunkelblaue, gefranste TĂĽcher gehĂĽllt war und wilde NĂĽstern sowie eine extravagante Frisur aus geölten Löckchen trug, stand neben mir. ‚Aha!’, sagte ich, der reinen Geselligkeit halber. ‚Fangen’, bellte er, und dabei weiteten sich seine Augen blutunterlaufen und seine scharfen Zähne blitzten auf, ‚Fangen. Uns geben.’ ‚Euch, ja?’, fragte ich ihn. ‚Was wĂĽrdet ihr mit ihm tun?’ ‚Essen!’, sagte er knapp und blickte, die Ellbogen auf die Reeling gestĂĽtzt, in wĂĽrdevoller und zutiefst gedankenvoller Haltung in den Nebel hinaus. Ich wäre zweifellos angemessen schockiert gewesen, wäre mir nicht eingefallen, dass er und seine Freunde ja groĂźen Hunger haben mussten, dass ihr Hunger wahrscheinlich sogar seit wenigstens einem Monat immer größer geworden war. Man hatte sie fĂĽr sechs Monate angeheuert (Ich glaube nicht, dass auch nur einer von ihnen ĂĽberhaupt eine klare Vorstellung von Zeit hatte, die der unseren, im Laufe unzähliger Zeitalter erworbenen, entspricht. Sie gehörten noch in die Anfänge der Zeit hinein – waren sozusagen ohne ererbte Traditionen, die ihnen ein ZeitgefĂĽhl beigebracht hätten.), und solange es ein StĂĽck Papier gab, das den Bestimmungen irgendeines weiter flussabwärts aufgestellten Gesetzes entsprach, scherte sich selbstverständlich niemand auch nur im Geringesten darum, von was sie sich ernährten. Sie hatten sicher einiges von dem fauligen Flusspferdfleisch mitgebracht, das aber selbst dann nicht allzu lange vorgehalten hätte, wenn die Pilger nicht in einem grässlichen Tohuwabohu den GroĂźteil davon ĂĽber Bord geworfen hätten. Das hatte reichlich willkĂĽrlich gewirkt, aber in Wirklichkeit war es ein Akt legitimer Selbstverteidigung. Man kann kein verfaultes Flusspferdfleisch riechen, wo man geht und steht und schläft und isst, und gleichzeitig die stets prekäre Verbindung zur Realität aufrecht erhalten. Davon abgesehen hatte man ihnen jede Woche drei StĂĽck Messingdraht gegeben, jeder etwa neun Zoll lang, und theoretisch hätten sie sich mit dieser Währung ihre Verpflegung in den Dörfern am Fluss kaufen sollen. Ihr könnt euch vorstellen, was daraus geworden ist. Entweder es gab keine Dörfer, oder die Menschen waren feindlich gesinnt, oder der Direktor, der sich, wie wir anderen auch, von Konserven und als gelegentlicher Zugabe etwas altem Ziegenbockfleisch ernährte, wollte das Dampfboot aus irgendeinem mehr oder weniger unerforschlichen Grund nicht halten lassen. Wenn sie also nicht gleich den Draht selbst schluckten oder daraus Schlingen zum Angeln von Fischen machten, nutzte ihnen, soweit ich das beurteilen kann, ihr ĂĽppiger Lohn ĂĽberhaupt nichts. Ich muss allerdings sagen, dass dieser mit der PĂĽnktlichkeit ausbezahlt wurde, die einer groĂźen und ehrenwerten Handelsgesellschaft wĂĽrdig ist. Ansonsten hatten sie an Essbarem – obwohl es keinen sehr essbaren Eindruck machte – nur ein paar Brocken einer Substanz dabei, die wie halbgarer Teig aussah und eine schmutzig lila Farbe hatte; sie war in Blättern eingewickelt, und von Zeit zu Zeit schluckten sie etwas davon, aber in so kleinen StĂĽcken, dass es weniger der tatsächlichen Ernährung als mehr dem Anschein davon zu dienen schien. Warum, bei allen Teufeln des bohrenden Hungers, sie sich nicht auf uns stĂĽrzten – sie waren dreiĂźig gegen fĂĽnf –, um sich wenigstens einmal einen nahrhaften Imbiss zu gönnen, verblĂĽfft mich noch heute. Es waren groĂźe, starke Männer, nicht unbedingt des Abwägens von Konsequenzen mächtig, aber mutig und stark, selbst jetzt noch, wo ihre Haut nicht mehr glänzte und ihre Muskeln nicht mehr hart waren. Und ich sah, dass hier irgendeine Hemmung, eines dieser Geheimnisse des Menschen, die der Wahrscheinlichkeit zuwider laufen, im Spiel war. Ich betrachtete sie mit plötzlich erwachendem Interesse – nicht, weil ich den Eindruck hatte, dass ich ĂĽber kurz oder lang von Ihnen gegessen wĂĽrde, obwohl ich euch gestehen muss, dass mir gerade in diesem Moment – sozusagen in einem neuen Licht – auffiel, wie ungesund die Pilger eigentlich aussahen, und ich hoffte, ja, ich hoffte wirklich, dass mein Anblick nicht so – wie soll ich sagen? – so – so unappetitlich war: ein Anflug aberwitziger Eitelkeit, der gut zu der traumartigen Empfindung passte, von der damals alle meine Tage durchdrungen waren. Vielleicht hatte ich auch leichtes Fieber. Man kann nicht so leben, dass man ständig den eigenen Puls abhört. Ich hatte oft ‚leichtes Fieber’ oder andere kleine Wehwehchen – spielerische Prankenschläge der Wildnis, die kleinen Bagatellen im Vorfeld der ernsthaften Attacke, die zur gegebenen Zeit kommen wĂĽrde. Ja, ich betrachtete sie, wie man es mit Menschen eben macht, neugierig, was ihre Antriebe, Motive, Fähigkeiten, Schwächen angesichts der PrĂĽfung durch unerbittliche physische Anforderungen anging. Hemmung! Welche Art von Hemmung konnte das sein? War es Aberglaube, Abscheu, Geduld, Furcht – oder gar irgendeine Art primitiven EhrgefĂĽhls? Keine Furcht kann sich mit dem Hunger messen, keine Geduld ihn ĂĽberdauern, Abscheu gibt es nicht, wo Hunger ist; und was Aberglaube, Religion und das, was man Grundsätze nennen könnte, angeht – weniger als Weizenspreu in einem Windhauch. Kennt ihr den Teufel des schleichenden Verhungerns nicht, seine verzweifelten Qualen, seine schwarzen Gedanken, seine dĂĽstere und grĂĽblerische Grimmigkeit? Ich fĂĽr meinen Teil schon. Ein Mann braucht die ganze ihm innewohnende Stärke, um sich dem Hunger zu stellen. Es ist wirklich einfacher, mit dem Tod geliebter Menschen, dem Verlust der Ehre und der Verdammnis seiner Seele fertig zu werden als mit dieser Art schleichenden Hungers. Traurig, aber wahr. Und diese Burschen hatten wirklich nicht den geringsten Grund fĂĽr irgendwelche Skrupel. Hemmung! Man hätte ebenso gut Hemmungen von Hyänen erwarten können, die auf einem Schlachtfeld um die Leichen herumstreunen. Aber so waren nun mal die Tatsachen – schillernd anzusehen wie der Schaum auf den Tiefen des Meeres, wie ein Kräuseln an der Oberfläche eines unergrĂĽndlich tiefen Mysteriums, eines Rätsels, das – wenn man darĂĽber nachdachte – unverständlicher war als der seltsame, unerklärliche Anflug verzweifelter Trauer in jenem wilden Aufruhr, der am Flussufer, hinter der blinden WeiĂźe des Nebels, an uns vorbeigebraust war.

Zwei der Pilger stritten sich hastig flĂĽsternd ĂĽber das Ufer. ‚Links.’ ‚Nein, nein, was redest du da? Rechts, rechts natĂĽrlich.’ ‚Das ist sehr ernst’, sagte die Stimme des Direktors hinter mir. ‚Ich wäre untröstlich, wenn Monsieur Kurtz irgendetwas zustieĂźe, bevor wir ankommen.’ Ich sah ihn an und hatte nicht den geringsten Zweifel, dass er es aufrichtig meinte. Er war genau die Sorte Mensch, der es auf das Wahren des Scheins ankommt. Daraus bestand seine Hemmung. Aber als er etwas davon murmelte, sofort weiterzufahren, machte ich mir gar nicht erst die MĂĽhe zu antworten. Ich wusste, und er wusste, dass das unmöglich war. Wenn wir unsere Verbindung zum Grund kappten, wĂĽrden wir vollkommen in der Luft hängen – im Weltall. Wir hätten nicht gewusst, in welche Richtung wir uns bewegten – flussaufwärts, flussabwärts oder quer dazu –, bis wir an einem der Ufer aufgelaufen wären, ohne auch nur zu wissen, welches es sein wĂĽrde. Selbstverständlich bewegte ich das Schiff nicht von der Stelle. Mir war nicht danach, es in ein Wrack zu verwandeln. Ihr könntet euch keinen schlimmeren Ort fĂĽr einen Schiffbruch vorstellen. Ob wir gleich ertranken oder nicht – unser baldiger Tod auf die eine oder andere Weise wäre so gut wie sicher gewesen. ‚Ich ermächtige Sie, alle nötigen Risiken einzugehen’, sagte er nach kurzer Stille. ‚Ich weigere mich, auch nur eines davon einzugehen’, antwortete ich knapp, und genau diese Antwort hatte er erwartet, obwohl ihr Ton ihn vielleicht etwas ĂĽberraschte. ‚Nun, ich muss mich Ihrem Urteilsvermögen beugen. Sie sind der Kapitän’, sagte er betont höflich. Ich wandte ihm zum Zeichen meiner Wertschätzung die Schulter zu und blickte in den Nebel. Wie lange wĂĽrde er andauern? Einen hoffnungsloseren Ausblick kann man sich nicht vorstellen. Die Fahrt zu diesem Kurtz, der in seinem vermaledeiten Urwald Elfenbein an sich raffte, war von so vielen Gefahren bedroht, als ob er eine verzauberte, schlafende Prinzessin in einem verwunschenen Schloss wäre. ‚Werden sie angreifen, was denken Sie?’, fragte der Direktor in einem vertraulichen Ton.

Ich erwartete nicht, dass sie angreifen würden, aus mehreren offensichtlichen Gründen. Einer davon war der dichte Nebel. Wenn Sie in ihren Paddelbooten vom Ufer losfuhren, würden sie darin die Orientierung verlieren, genau wie wir, wenn wir versucht hätten, weiterzufahren. Andererseits war mir auch der Dschungel auf beiden Ufern mehr oder weniger undurchdringlich erschienen, und doch hatte es Augen gegeben, die uns gesehen hatten. Die Büsche direkt am Fluss waren zweifelsohne sehr dicht, aber das Unterholz dahinter war offensichtlich durchlässig. Allerdings hatte ich, als sich der Nebel kurz hob, nirgendwo Paddelboote in diesem Abschnitt gesehen, und ganz sicher nicht querab vom Dampfboot. Aber was mir die Vorstellung eines Angriffs wirklich unmöglich machte, war die Art des Lärms – der Schreie, die wir gehört hatten. Sie waren nicht von der kämpferischen Art, die sofortige feindselige Handlungen befürchten ließen. So unerwartet, wild und gewalttätig sie auch geklungen hatten, hatte sich mir doch unweigerlich der Eindruck von Trauer aufgedrängt. Der kurze Anblick des Dampfboots hatte diese Wilden aus irgendeinem Grund mit unbändiger Trauer erfüllt. Die Gefahr, falls überhaupt welche bestand – so führte ich aus –, bestand darin, dass wir uns nahe einer ungeheuren menschlichen Erregung befanden, die keine Grenzen mehr kannte. Selbst tiefste Trauer kann sich schließlich in Gewalt entladen – aber in der Regel zeigt sie sich als Apathie. . . .

Da hättet ihr sehen sollen, wie die Pilger glotzten! Sie brachten es nicht über sich, zu lächeln, nicht einmal, mich zu beschimpfen – aber sie nahmen sicher an, ich sei verrückt geworden, vor Angst vielleicht. Ich hielt ihnen einen regelrechten Vortrag. Mein Lieben, ich hätte mich gar nicht bemühen müssen. Wache halten? Nun, ihr könnt euch sicher vorstellen, dass ich den Nebel betrachtete wie eine Katze eine Maus und nach Anzeichen für sein baldiges Anheben forschte, aber für alle anderen Zwecke waren unsere Augen so nutzlos, als ob wir unter Meilen von Baumwolle begraben gewesen wären. So fühlte er sich auch an: warm und stickig. Davon abgesehen entsprach alles, was ich sagte, so überspannt es sich anhören mochte, absolut und vollkommen der Wahrheit. Was wir später einen Überfall nennen sollten, war in Wirklichkeit ein Versuch, uns abzuschrecken. Die Handlung war weit davon entfernt, aggressiv zu sein – sie war nicht einmal abwehrend, jedenfalls im üblichen Sinn: Ihre Wurzel lag in tiefer Verzweiflung, und ihr Wesen war rein beschützender Art.

Sie ging noch, muss ich hinzufĂĽgen, zwei Stunden nach Anheben des Nebels weiter, und die Stelle, wo sie angefangen hatte, lag mehr oder weniger anderthalb Meilen unterhalb von Kurtz’ Station. Wir kamen gerade platschend und patschend um eine Biegung herum, als ich eine kleine Insel sah, nur ein grasbewachsenes, hellgrĂĽn schimmerndes HĂĽgelchen in der Mitte des Stroms. Sie war die einzige ihrer Art, aber als sich der Flusslauf vor uns weitete, sah ich, dass sie den Kopf einer langen Sandbank bildete, oder eher einer Kette von Untiefen, die sich die Flussmitte entlang erstreckten. Sie waren farblos, gerade von Wasser bedeckt, und man konnte die ganze Reihe unterhalb der Wasseroberfläche liegen sehen, genau wie das RĂĽckgrat eines Menschen unter der Haut den RĂĽcken entlang läuft. Soweit ich sehen konnte, konnte ich nun entweder rechts oder links daran vorbeifahren. Ich kannte selbstverständlich weder die eine noch die andere Fahrrinne. Die Ufer ähnelten sich mehr oder weniger, die Tiefe sah auch gleich aus; aber da man mir gesagt hatte, dass die Station auf dem Westufer lag, steuerte ich natĂĽrlich die westliche Fahrrinne an.

Kaum waren wir hineingefahren, wurde mir klar, dass sie viel enger war als ich angenommen hatte. Links von uns erstreckte sich die lange, ununterbrochene Untiefe, rechts ein hohes, steiles Ufer, das dicht mit Büschen bewachsen war. Über den Büschen standen die Bäume in engen Reihen. Ihre Zweige hingen in dichten Trauben über der Strömung, und in regelmäßigen, aber großen Abständen streckte sich ein großer, starrer Ast auf den Strom hinaus. Der Nachmittag war einigermaßen weit vorangeschritten, das Antlitz des Waldes verfinsterte sich, und ein breiter Streifen Schatten war schon auf das Wasser gefallen. In diesem Schatten dampften wir flussaufwärts – sehr langsam, wie ihr euch vorstellen könnte. Ich steuerte das Boot hart am Ufer entlang, denn dort war das Wasser am tiefsten, wie der Lotstock mir verriet.

Einer meiner hungrigen und zurückhaltenden Freunde sondierte die Tiefe am Bug direkt unter mir. Das Dampfboot war genau wie ein Deckprahm gebaut. Auf dem Deck standen zwei kleine Teakholz-Kabinen mit Türen und Fenstern. Der Kessel befand sich auf dem Vorschiff und die Maschine rechts achtern. Über dem Ganzen erstreckte sich eine leichte, von Deckstützen gehaltene Überdachung. Der Schlot ragte durch diese Überdachung hindurch nach oben, und vor dem Schlot befand sich eine kleine Kabine aus leichten Planken, die als Steuerhaus diente. Sie enthielt eine Liege, zwei Klapphocker, einen geladenen Martini-Henry-Karabiner, der in einer Ecke lehnte, einen winzigen Tisch und das Steuerrad. Die Vorderseite nahm eine breite Tür ein, an den Seiten gab es ebenso breite Klappläden. Alle diese Öffnungen standen natürlich immer weit offen. Ich verbrachte meine Tage dort ganz vorne am Rand der Überdachung hockend, vor dieser Tür. Nachts schlief ich, oder versuchte es wenigstens, auf der Liege. Ein athletisch gebauter Schwarzer aus irgendeinem der Küstenstämme, den mein glückloser Vorgänger angelernt hatte, fungierte als Steuermann. Er war mit einem Paar Ohrringen aus Messing geschmückt, von der Taille bis zu den Knöcheln in ein blaues Tuch gehüllt und vollkommen von sich selbst eingenommen. Er war der wankelmütigste Narr, der mir je untergekommen war. Seine Steuerkünste waren ohne jeden Tadel, solange man in seiner Nähe blieb, aber wenn er einen aus Augen verlor, bekam er es umgehend derart elendig mit der Angst zu tun, dass ihm unser Krüppel von einem Dampfboot in Minutenschnelle aus der Hand glitt.

Ich blickte auf den Lotstock herunter und wurde jedes Mal, wenn beim Peilen ein bisschen mehr Stock aus dem Fluss ragte, verdrieĂźlicher, als ich plötzlich sah, wie mein Lotgast seine Arbeit fahren lieĂź und sich flach auf das Deck warf, ohne auch nur den Stock einzuziehen. Er hielt ihn allerdings weiter fest, und der Stock wurde im Wasser mitgezogen. Gleichzeitig setzte sich der Heizer, den ich ebenfalls unter mir sehen konnte, abrupt auf den Boden vor seinem Kessel und zog den Kopf ein. Ich war ĂĽberrascht. Dann musste ich mich ziemlich schnell um den Fluss kĂĽmmern, weil ein Baumstumpf im Fahrwasser trieb. Zweige, kleine Zweige flogen durch die Luft – eine Unmenge davon: Sie schwirrten mir vor der Nase herum, sanken unter mir zu Boden, schlugen hinter mir gegen das Steuerhaus. Die ganze Zeit ĂĽber herrschte eine groĂźe Stille ĂĽber Fluss, Ufer und Wald – eine vollkommene Stille. Ich konnte nur den schweren platschenden Schlag des Heckrads und das Geprassel dieser Dinger hören. Wir kamen mĂĽhsam von dem Baumstumpf los. Pfeile, beim Zeus! Man schoss auf uns! Ich machte einen schnellen Schritt in die Kabine, um den Klappladen auf der Landseite zu schlieĂźen. Dieser Narr von einem Steuermann zog heftig die Knie an, stampfte mit den FĂĽĂźen auf den Boden und machte Kaubewegungen wie ein angezäumtes Pferd, während er sich an die Speichern des Steuerrads klammerte. Zur Hölle mit ihm! Dabei schlingerten wir nur zehn FuĂź vom Ufer entfernt dahin. Ich musste mich weit hinauslehnen, um den schweren Fensterladen hereinzuklappen, und sah ein Gesicht auf gleicher Höhe wie meines, das mich grimmig und ohne Unterlass anblickte; und dann plötzlich, als ob sich ein Schleier vor meinen Augen gehoben hätte, machte ich tief in dem dĂĽsteren Pflanzengewirr nackte Oberkörper aus, Arme, Beine, wĂĽtend aufblitzende Augen – der Busch wimmelte nur so von sich bewegenden, bronzefarben schimmernden menschlichen Gliedern. Die Zweige zitterten, schwankten und raschelten, die Pfeile kamen herausgeflogen, und dann war der Laden zu. ‚Geraden Kurs halten’, befahl ich dem Steuermann. Er hielt seinen Kopf starr mit dem Gesicht nach vorn, aber rollte mit den Augen und hob weiter leicht seine FĂĽĂźe an, um sie auf den Boden zu setzen, auĂźerdem hatte er etwas Schaum am Mund. ‚Ruhig bleiben!’, rief ich wĂĽtend. Ich hätte genauso gut einem Baum sagen können, dass er sich nicht im Wind biegen solle. Ich sprang nach drauĂźen. Unter mir gab es ein groĂźes Tohuwabohu von FĂĽĂźen auf dem eisernen Deck, ein Durcheinander von Rufen, und eine Stimme schrie: ‚Können Sie umdrehen?’ Ein V-förmiges Kräuseln auf dem Wasser voraus geriet mir in den Blick. Wie? Noch ein Baumstumpf! Unter meinen FĂĽĂźen krachte eine Gewehrsalve los. Die Pilger hatten das Feuer mit ihren Winchester-Gewehren eröffnet und spritzten einfach Blei in den Busch hinein. Eine Unmenge Rauch stieg empor und zog langsam in Fahrtrichtung ab. Ich fluchte. Jetzt konnte ich weder den Baumstumpf noch die von ihm verursachte Kräuselung sehen. Ich stand in der TĂĽröffnung, nach vorne spähend, und die Pfeile kamen in Schwärmen herangeflogen. Vielleicht waren sie ja vergiftet, aber sie sahen aus, als ob man damit nicht einmal eine Katze erlegen konnte. Im Busch hob ein Geheul an. Unsere Holzhacker lieĂźen ein kriegerisches Geheul ertönen; der Knall eines Gewehres genau hinter mir machte mich taub. Ich warf einen Blick ĂĽber die Schulter, und das Steuerhaus war immer noch voller Rauch, als ich mich auf das Ruder warf. Der Narr von einem Nigger hatte alles fahren lassen, um den Fensterladen aufzureiĂźen und den Martini-Henry abzufeuern. Er stand vor der breiten Ă–ffnung, zornig nach drauĂźen starrend, und ich schrie ihn an zurĂĽckzukommen, während ich unser plötzlich abdrehendes Dampfboot wieder auf geraden Kurs brachte. Es gab nicht genug Raum fĂĽr eine Wende, selbst wenn ich gewollt hätte, der Baumstumpf war irgendwo knapp voraus in dem vermaledeiten Rauch, es gab keine Zeit zu verlieren, also steuerte ich einfach hart an das Ufer heran, wo das Wasser, wie ich wusste, tief war.

Wir brachen langsam in einem Wirbel von zerbrochenen Zweigen und fliegenden Blättern durch die ĂĽberhängenden BĂĽsche. Die Gewehrsalven unter mir brachen plötzlich ab, wie ich es vorausgesehen hatte, weil die Patronenkammern leer waren. Ich warf den Kopf zurĂĽck in Richtung einer blitzartigen Erscheinung, die zischend von einem Fensterladen zu anderen das Steuerhaus durchquerte. An dem tollwĂĽtigen Steuermann, der den leeren Karabiner schĂĽttelte und das Ufer anbrĂĽllte, vorbei sah ich die vagen Umrisse von rennenden Männern, zusammengekrĂĽmmt, springend, gleitend, deutlich, unvollständig, schwindend. Irgendetwas GroĂźes tauchte in der Luft vor dem Ladenfenster auf, der Karabiner fiel ĂĽber Bord und der Mann machte einen raschen Schritt rĂĽckwärts, sah mich ĂĽber die Schulter auf seltsame, tiefgrĂĽndige, vertraute Art an und fiel auf meine FĂĽĂźe. Die Seite seines Kopfes traf zweimal das Steuerrad, und dann fiel das Ende von etwas, das wie ein langes Rohr aussah, klappernd umher und stĂĽrzte einen kleinen Klapphocker um. Es sah aus, als ob er das Ding jemandem am Ufer abgerungen und dabei das Gleichgewicht verloren hätte. Der dĂĽnne Rauch hatte sich endlich verzogen, wir hatten den Baumstumpf hinter uns und ich konnte beim Blick voraus erkennen, dass wir etwa 100 Yard weiter genug Platz hatten, um auszuscheren und vom Ufer abzuhalten; aber meine FĂĽĂźe waren so warm, dass ich nach unten blicken musste. Der Mann war auf den RĂĽcken gerollt und starrte mich direkt an; das Rohr hielt er mit beiden Händen gefasst. Es war der Schaft eines Speers – entweder geworfen oder durch die Ă–ffnung gestoĂźen –, der ihn seitlich erwischt hatte, genau unterhalb der Rippen; die Klinge steckte unsichtbar in ihm, sie hatte eine furchtbare Wunde gerissen; meine Schuhe waren voll; eine Blutlache hatte sich in aller Stille unter dem Steuerrad ausgebreitet; seine Augen funkelten mit erstaunlichem Glanz. Die Gewehrsalven gingen wieder los. Er sah mich ängstlich an, während er den Speer anpackte wie etwas Kostbares, und er sah aus, als ob er Angst hätte, dass ich es ihm wegnehme. Ich musste mich von seinem Anblick losreiĂźen und meine Aufmerksamkeit wieder dem Steuern zuwenden. Mit einer Hand tastete ich nach dem Seilzug der Dampfpfeife und schickte hastig ein Aufkreischen nach dem nächsten in die Luft. Der Tumult des wĂĽtenden und kriegerischen GebrĂĽlls brach sofort ab, und aus den Tiefen des Urwalds stieg ein solch zitterndes und anhaltendes Klagegeheul voll trauernder Angst und letzter Verzweiflung auf, dass man meinte, dem Verschwinden der letzten Hoffnung aus der Welt beizuwohnen. Im Busch erhob sich eine groĂźe Unruhe; die Pfeilschauer brachen ab, einige vereinzelte SchĂĽsse peitschen durch die Luft – dann Stille, in der das träge Schlagen des Heckrads deutlich an meine Ohren drang. Ich legte das Ruder hart Steuerbord. Genau in diesem Moment tauchte der Pilger in rosa Pyjamahosen, sehr erhitzt und aufgeregt, im TĂĽrrahmen auf. ‚Der Direktor schickt mich–’, begann er in dienstlichem Ton, hielt dann aber inne. ‚GroĂźer Gott!’, rief er und starrte den Verwundeten an.

Wir zwei WeiĂźen standen ĂĽber ihm, und sein glänzender und fragender Blick hĂĽllte uns beide ein. Ich schwöre euch, es sah aus, als wollte er uns im nächsten Moment einige Fragen in einer verständlichen Sprache stellen, aber er starb ohne einen Laut von sich zu geben, ohne ein Glied zu rĂĽhren, ohne einen Muskel zu zucken. Nur im allerletzten Moment, wie als Antwort auf ein Zeichen, dass wir nicht sehen, auf ein FlĂĽstern, das wir nicht hören konnten, runzelte er heftig die Stirn, und dieses Stirnrunzeln gab der Totenmaske seines schwarzen Gesichts einen unfassbar dĂĽsteren, grĂĽblerischen und drohenden Ausdruck. Der fragend schimmernde Glanz ging langsam in leere Glasigkeit ĂĽber. ‚Können Sie steuern?’, fragte ich den Agenten mit Nachdruck. Er sah sehr zweifelnd aus, aber ich packte ihn am Arm, und er begriff sofort, dass ich ihn steuern lassen wĂĽrde, ob er wollte oder nicht. ‚Er ist tot’, murmelte der Bursche, enorm beeindruckt. ‚Das ist er zweifellos’, sagte ich, während ich wie verrĂĽckt an meinen Schuhbändern zog. ‚Und davon abgesehen dĂĽrfte wohl auch Monsieur Kurtz jetzt tot sein.’

In diesem Augenblick war das der vorherrschende Gedanke. Ich fĂĽhlte eine ungeheure Enttäuschung, als ob mir klar wĂĽrde, dass ich einem völlig substanzlosen Phantom hinterher gejagt war. Ich war so angewidert, als ob ich den ganzen langen Weg nur gereist wäre, um eine Unterhaltung mit Monsieur Kurtz fĂĽhren zu können. Eine Unterhaltung mit … Ich schleuderte einen Schuh ĂĽber Bord, und mir wurde klar, dass es genau das war, worauf ich mich gefreut hatte – eine Unterhaltung mit Monsieur Kurtz. Ich machte die seltsame Entdeckung, dass ich ihn mir nie beim Handeln vorgestellt hatte, versteht ihr, sondern immer nur beim Reden. Ich sagte mir nicht: ‚Jetzt werde ich ihn nie sehen’ oder ‚Jetzt werde ich ihm nie die Hand schĂĽtteln’, sondern ‚Jetzt werden ich ihn nie hören’. Der Mann stellte sich mir als Stimme dar. Nicht dass ich ihn nicht auch mit irgendeiner Art von Handlung in Verbindung bringen konnte, natĂĽrlich. Hatte man mir nicht in allen Tönen der Eifersucht und Bewunderung mitgeteilt, dass er mehr Elfenbein gesammelt, eingehandelt, erschwindelt oder gestohlen hatte als alle anderen Agenten zusammen? Darum ging es nicht. Worum es ging, war seine auĂźerordentliche Begabung, und von allen seinen Talenten war das hervorstechendste, das ohne Zweifel wirklich vorhandene seine Redekunst, seine Worte – sein Ausdrucksvermögen, das VerblĂĽffende, das Erhellende, das Erhabendste und das VerabscheuungswĂĽrdigste, der pulsierende Fluss klaren Lichts oder der trĂĽgerische Strom aus dem Herzen einer undurchdringlichen Finsternis.

Der andere Schuh flog dem ersten in den Teufel von einem Fluss hinterher. Ich dachte: ‚Verflucht! Jetzt ist alles vorbei. Wir sind zu spät dran, er ist weg – die Begabung ist dahin, wegen irgendeines lächerlichen Speers, Pfeils oder PrĂĽgels. Zu guter Letzt werde ich den Burschen nie reden hören’ – und in meiner Trauer war jenes erschreckende UnmaĂź der GefĂĽhle, das ich in der jaulenden Klage jener Wilden im Busch wahrgenommen hatte. Ich hätte mich nicht verlassener und verzweifelter fĂĽhlen können, wenn ich meinen Glauben an etwas verloren oder meine Bestimmung im Leben verfehlt hätte. . . . Welches rohe Tier wagt es da, gelangweilt zu stöhnen? Absurd? Na gut, dann eben absurd. Mein Gott! Kann ein Mann nicht mal – komm, gib mal von dem Tabak.” . . .

Es entstand eine Pause tiefsten Schweigens, dann flammte ein Zündholz auf, und Marlowes hageres Gesicht tauchte auf, müde, hohlwangig, mit nach unten weisenden Falten und einem Ausdruck konzentrierter Aufmerksamkeit; und während er heftig an seine Pfeife zog, schien es im regelmäßigen Flackern der kleinen Flamme aus dem Dunkel der Nacht heraus vorzustoßen und sich wieder dorthin zurückziehen. Das Zündholz ging aus.

“Absurd!”, rief er. “Das macht es am schwersten, diese Geschichte zu erzählen. . . . Seht euch doch nur alle an: jeder an zwei Wohnungen mit guten Adressen angedockt, wie ein abgetakelter Holk mit zwei Ankern, um die Ecke ein Metzgerladen, um die nächste ein Polizist, mit bestem Appetit und normaler Temperatur gesegnet – normal, hört ihr – und das vom Beginn des Jahres bis zu dessen Ende. Und da sagt ihr: absurd! Absurd – zum Henker mit euch! Absurd! Meine Lieben, was wollt ihr von jemandem erwarten, der gerade aus lauter nervöser Erregung seine Schuhe ĂĽber Bord geworfen hat! Wenn ich so darĂĽber nachdenke, ist verwunderlich, dass ich nicht in Tränen ausgebrochen bin. Ich bin, im GroĂźen und Ganzen, stolz auf meine Tapferkeit. Aber ich war bis ins Innerste getroffen von der Vorstellung, das unermessliche Privileg verloren zu haben, dem so auĂźerordentlich begabten Monsieur Kurtz zuhören zu dĂĽrfen. NatĂĽrlich irrte ich mich. Das Privileg wartete noch auf mich. Oh ja, ich sollte noch mehr als genug zuhören. Gleichzeitig sollte ich aber auch recht behalten. Eine Stimme. Er war wenig mehr als eine Stimme. Und ich hörte ihm zu – ihr – dieser Stimme – anderen Stimmen – sie waren alle kaum mehr als Stimmen, und die Erinnerung an diese Zeit weicht nicht von mir, unmerklich wie das versinkende Auf und Ab eines ungeheuren Geschwätzes, albern, grausam, schäbig, wild oder einfach nur gewöhnlich, ohne jeden Sinn. Stimmen, Stimmen – sogar das Mädchen selbst – nun –”

Er schwieg lange.

“SchlieĂźlich bannte ich das Gespenst seiner auĂźerordentlichen Begabungen mit einer LĂĽge”, fing er plötzlich wieder an. “Mädchen! Wie? Habe ich ein Mädchen erwähnt? Oh, sie hat nichts mit all dem zu tun – nicht das Geringste. Sie – die Frauen, meine ich – haben ĂĽberhaupt nichts mit irgendetwas zu tun – und das sollen sie auch nicht. Wir mĂĽssen ihnen dabei helfen, weiter in ihrer ach so schönen Welt leben zu können, damit die unsere nicht noch schlimmer wird. Oh, sie durfte gar nichts mit all dem zu tun haben. Ihr hättet diesen lebenden Leichnam namens Monsieur Kurtz hören sollen, wie er sie ‚meine ZukĂĽnftige’ nannte. Dann hättet ihr sofort gemerkt, wie sehr sie nichts damit zu tun hatte. Und dann dieser erhabene Vorderschädel des Monsieur Kurtz! Man sagt ja, die Haare wachsen bei Leichen manchmal noch weiter, aber dieses – nun – Exemplar war von beeindruckender Kahlheit. Die Wildnis hatte ihm ĂĽber den Kopf gestrichen, und siehe da, dieser war wie eine Kugel geworden – eine Kugel aus Elfenbein. Sie hatte ihn gestreichelt, und – holla! – er war verwelkt; sie hatte ihn genommen, geliebt, umarmt, war ihm ins Blut gegangen, hatte sein Fleisch aufgezehrt und seine Seele durch die unfassbaren Rituale irgendeiner Art teuflischer Weihe an die eigene gebunden. Er war ihr verzogenes und verhätscheltes Lieblingskind. Elfenbein? Durchaus. Ganze Haufen davon, Stapel davon. Die alte LehmhĂĽtte quoll ĂĽber vor Elfenbein. Man hätte meinen können, dass im gesamten Land ĂĽber wie unter der Erde nicht ein einziger StoĂźzahn mehr zu finden war. ‚Hauptsächlich Fossilien’, hatte der Direktor geringschätzig bemerkt. Es waren genauso wenig Fossilien, wie ich eines bin, aber man nennt dort alles so, was aus dem Boden gegraben wird. Offenbar vergraben diese Nigger manchmal tatsächlich die StoĂźzähne – aber offenbar konnten sie dieses Paket nicht tief genug vergraben, um Monsieur Kurtz mit all seiner auĂźerordentlichen Begabung vor seinem Schicksal zu bewahren. Wir fĂĽllten die Lageräume des Dampfboots damit und mussten noch das Deck benutzen, um es aufzustapeln. So konnte er es sehen und seinen Anblick genieĂźen, solange es ging, denn die Gnade des Sehens sollte ihm bis zum Schluss gewährt bleiben. Ihr hättet hören sollen, wie er ‚mein Elfenbein’ sagte. Oh ja, ich hörte es. ‚Meine ZukĂĽnftige, mein Elfenbein, meine Station, mein Fluss, meine –’ alles gehörte nur ihm. Ich hielt jedes Mal den Atem an und erwartete die Wildnis in ein derartiges Gelächter ausbrechen zu hören, dass die Fixsterne am Himmel selbst erbeben mĂĽssten. Alles gehörte nur ihm – aber das waren nur Lappalien. Wirklich interessant war die Frage, wozu er wohl gehörte, wie viele Mächte der Finsternis ihn zu den ihren zählten. Und es war eben dieser Gedanke, der einem Schauer den RĂĽcken herunter jagte. Es war unmöglich – und auch nicht sehr bekömmlich – sich das vorstellen zu wollen. Er nahm einen hohen Rang in der Tischordnung der örtlichen Teufel ein – und das meine ich wörtlich. Ihr könnt das nicht verstehen. Wie auch? – mit Steinpflaster unter euren FĂĽĂźen, umgeben von freundlichen Nachbarn, die euch im nächsten Moment ebenso aufmuntern wie tadeln können, vorsichtig zwischen dem Metzger und dem Polizisten einherschreitend, im Zaum gehalten vom heiligen Schrecken vor öffentlicher BloĂźstellung, Galgen und Irrenhaus – wie könntet ihr euch vorstellen, in welche vorzeitlichen Gefilde ein Mensch ohne ihm auferlegte Fesseln geraten kann, wenn ihn die Einsamkeit dorthin fĂĽhrt – die vollkommene Einsamkeit ohne einen einzigen Polizisten in der Nähe – wenn ihn die Stille dorthin fĂĽhrt – die vollkommene Stille, ohne die warnende Stimme eines freundlichen Nachbarn, der einen fragt, was wohl die Leute denken sollen? All diese Kleinigkeiten sind von groĂźer Bedeutung. Wenn Sie wegfallen, muss man sich auf seine eigene angeborene Stärke verlassen, auf die eigene Standfestigkeit. NatĂĽrlich kann man auch einfach zu dumm sein, um vom rechten Weg abzukommen – so abgestumpft, dass man gar nicht merkt, wenn einen die Mächte der Finsternis bedrängen. Ich denke mal, dass kein Dummkopf jemals seine Seele dem Teufel verkauft hat, denn der Dummkopf ist zu dumm dazu oder der Teufel zu teuflisch – was auch immer. Oder vielleicht ist man von einer so ungeheuerlichen Erhabenheit, dass man vollkommen blind und taub gegenĂĽber allem auĂźer dem Anblick und den Klängen des Himmels ist. Dann ist die Erde fĂĽr einen nur etwas, worauf man steht – und ob einem das zum Vor- oder zum Nachteil gereicht, vermag ich nicht zu sagen. Aber die meisten von uns sind weder das eine noch das andere. Die Erde ist fĂĽr uns ein Ort, an dem sich unser Leben abspielt, dessen Anblick, dessen Klänge und, weiĂź Gott, GerĂĽche wir ertragen mĂĽssen – wir mĂĽssen totes Flusspferdfleisch riechen, ohne uns daran die Finger schmutzig zu machen, sozusagen. Und da, begreift ihr nicht? Genau da kommt die eigene Stärke ins Spiel, das Vertrauen in die Fähigkeit, ohne viele Worte Löcher graben zu können, in denen man das ganze Zeug vergraben kann – die Fähigkeit zur Hingabe, nicht an sich selbst, sondern an irgendein albernes, schweiĂźtreibendes Geschäft. Und das ist schon schwer genug. Nicht dass ich hier etwas zu entschuldigen oder auch nur erklären versuche – ich versuche nur, mir selbst Rechenschaft abzulegen fĂĽr – fĂĽr – Monsieur Kurtz – fĂĽr den Schatten von Monsieur Kurtz. Dieses wissende Gespenst aus dem verlassensten Winkel der Erde erwies mir die erstaunliche Ehre, mich in sein Vertrauen zu ziehen, bevor es endgĂĽltig dahinschwand. Das lag daran, dass er mit mir Englisch sprechen konnte. Der Kurtz von frĂĽher war teilweise in England erzogen worden, und – wie er mir freundlicherweise von sich aus mitteilte – sein Herz gehörte auf die richtige Seite. Seine Mutter war halbe Engländerin, sein Vater halber Franzose. Ganz Europa hatte an der Entstehung von Kurtz mitgewirkt, und nach und nach erfuhr ich, dass ausgerechnet die Internationale Gesellschaft fĂĽr die Bekämpfung der unzivilisierten Sitten ihn mit der Anfertigung eines Berichts betraut hatte, der als Richtlinie fĂĽr ihre zukĂĽnftigen Arbeit dienen sollte. Und er hatte ihn tatsächlich geschrieben. Ich habe ihn gesehen. Ich habe ihn gelesen. Er zeugte von groĂźer Wortgewandtheit und Beredsamkeit, war aber vielleicht etwas zu aufgeregt. FĂĽr siebzehn eng beschriebene Seiten hatte er Zeit gefunden! Aber das musste gewesen sein, bevor ihm – sagen wir mal – die Nerven durchgingen und dazu brachten, die Leitung ĂĽber bestimmte mitternächtliche Tänze zu ĂĽbernehmen, eine Ehre, die – soweit ich widerwillig verschiedenen Bemerkungen entnehmen konnte – ihm angetragen worden war – begreift ihr? – die Monsieur Kurtz persönlich angetragen worden war. Aber der Bericht war wunderbar geschrieben. Im Lichte späterer Informationen erscheint mir der einleitende Absatz allerdings heute wie ein böses Omen. Er begann mit dem Argument dass wir WeiĂźen, von der Höhe unseres Entwicklungstands aus, ‚ihnen [den Eingeborenen] notwendigerweise wie ĂĽbernatĂĽrliche Wesen erscheinen mĂĽssen – wir treten ihnen mit der Macht von Göttern gegenĂĽber’ und so weiter und so fort. ‚Durch einfaches AusĂĽben unseres Willens können wir praktisch unbegrenzt Gutes bewirken’ etc. pp. Von diesem Ausgangspunkt stieg der Gedankenflug in die Höhe und riss einen dabei mit. Die Argumentation war glänzend, allerdings auch schwer zu merken. Sie vermittelte die Vorstellung einer exotischen Unermesslichkeit, in der ein erhabenes Wohlwollen herrschte. Sie machte mich ganz aufgeregt vor Enthusiasmus. Dies war die ungehinderte Macht der Beredsamkeit – von Worten – von Worten voll des brennenden Edelmuts. Keine praktisch nutzbaren Hinweise unterbrachen den magischen Fluss der Sätze und Wendungen, es sei denn, man wollte eine Art Notiz unten auf der letzten Seite, zweifellos sehr viel später und mit unsicherer Hand hingekritzelt, als methodische Handlungsanleitung interpretieren. Sie war sehr einfacher Art, und wenn man am Ende dieses bewegenden Appells an jede erdenkliche Art von Altruismus angelangt war, stach sie grell und furchteinflößend hervor wie ein Blitz, der einen heiteren Himmel zerreiĂźt: ‚Alle ausrotten, die Brut!’ Am seltsamsten war, dass er dieses wertvolle Postskriptum dann offenbar völlig vergessen hatte, denn später, als er wieder einigermaĂźen zu sich kam, bat er mich wiederholt flehentlich, mich um ‚meine Streitschrift’ (wie er sie nannte) zu kĂĽmmern, da sie zweifellos seiner zukĂĽnftigen Karriere nĂĽtzlich sein wĂĽrde. Ich erhielt alle nötige Informationen ĂĽber diese Dinge, und darĂĽber hinaus erwies sich später, dass ich der HĂĽter seiner Erinnerungen werden sollte. Ich habe genug dafĂĽr getan, um jetzt das unanfechtbare Recht zu haben, sie nach meinem Ermessen in den Abfalleimer des Fortschritts zu werfen, wo sie zwischen all dem aufgefegten MĂĽll und den, metaphorisch gesprochen, ersäuften Kätzchen der Zivilisation ihre ewige Ruhe finden können. Andererseits ist es aber so, dass ich gar keine Wahl habe. Man wird ihn nicht vergessen. Was auch immer er war, gewöhnlich war er nicht. Er besaĂź die Fähigkeit, unterentwickelte Seelen durch Bezauberung oder Zwang dazu zu bringen, wilde Hexentänze zu seinen Ehren aufzufĂĽhren; genauso konnte er aber die engen Seelen der Pilger mit bitterer Abneigung fĂĽllen: Einen treuen Freund hatte er wenigstens, und er hatte eine Seele in der Welt erobert, die weder unterentwickelt noch durch die Suche nach sich selbst beschmutzt war. Nein, ich kann ihn nicht vergessen, obwohl ich nicht so weit gehen will, dass der Bursche wirklich das eine Leben wert war, dass wir seinetwegen verloren hatten. Ich sehnte mich schrecklich nach meinem verstorbenen Steuermann – ich vermisste ihn schon, als seine Leiche noch im Steuerhaus lag. Vielleicht kommt euch das seltsam vor, diese Trauer um einen Wilden, der keine größere Bedeutung hatte als ein Sandkorn in einer schwarzen Sahara. Nun, ihr mĂĽsst verstehen, dass er eine nĂĽtzliche Arbeit erledigt hatte, nämlich die des Steuermanns; monatelang wusste ich ihn hinter mir – eine Hilfe – ein ausfĂĽhrendes Organ. Es war eine Art Partnerschaft: Er steuerte fĂĽr mich, und ich musste mich um ihn kĂĽmmern, um seine Fehler und Schwächen. Auf diese Weise war ein delikates Band zwischen uns entstanden, dessen Existenz mir erst bewusst wurde, als es plötzlich gerissen war. Und die vertrauensvolle TiefgrĂĽndigkeit, mit der er mich im Augenblick seines Schmerzes anblickte, ist bis heute in meiner Erinnerung geblieben – als ob er in diesem einzigartigen Moment eine entfernte Verwandtschaft eingeklagt hätte.

Armer Narr! Wenn er nur den Klappladen in Ruhe gelassen hätte. Er konnte sich nicht im Zaum halten, nicht im geringsten – genau wie Kurtz – ein vom Wind geschüttelter Baum. Sobald ich ein Paar trockene Pantoffel übergestreift hätte, zerrte ich ihn heraus, nachdem ich ihm vorher den Speer aus der Seite gerissen hatte, was ich zugegebenermaßen mit fest geschlossenen Augen tat. Seine Fersen hüpften zusammen über die niedrige Türschwelle; seine Schultern waren an meine Brust gepresst; ich hielt ihn mit verzweifelter Anstrengung von hinten im Griff. Oh! wie schwer er war, so schwer, schwerer als jedes Menschenwesen, so schien es mir. Dann kippte ich ihn ohne weiteres Federlesen über Bord. Der Strom griff ihn sich, als ob er nur ein Büschel Gras wäre, und ich sah noch, wie sich die Leiche zwei oder drei Mal umdrehte, bevor ich Sie für immer aus den Augen verlor. Alle Pilger und der Direktor hatten sich in der Zwischenzeit auf dem Markisendeck um das Steuerhaus herum versammelt, aufeinander einplappernd ein wie eine Schar aufgeregter Elstern, und dann erhob sich ein schockiertes Gemurmel ob der Herzlosigkeit meiner umgehenden Reaktion. Warum auch immer sie die Leiche lieber weiter um sich gehabt hätten, ist mir ein Rätsel. Vielleicht, um sie einzubalsamieren. Aber ich hatte außerdem noch ein anderes, und dazu ausgesprochen unheilschwangeres Gemurmel auf dem unteren Deck gehört. Meine Freunde, die Holzhacker, waren ebenso schockiert, und sie hatten auch mehr Grund dazu – obwohl ich zugeben muss, dass dieser Grund ausgesprochen inakzeptabel war. Wirklich ausgesprochen! Aber wenn mein verstorbener Steuermann schon gegessen werden sollte, so beschloss ich, dann sollten ihn allein die Fische haben. Er war im Leben ein eher zweitklassiger Steuermann gewesen, aber jetzt im Tod hätte er zu einer erstklassigen Versuchung werden können, die zu allen möglichen Schwierigkeiten geführt hätte. Davon abgesehen hatte ich es eilig, das Ruder zu übernehmen, da der Mann in den rosa Pyjamahosen sich bei dieser Arbeit als hoffnungsloser Tollpatsch erwies.

Dies tat ich sofort im Anschluss an das einfache Begräbnis. Wir liefen mit halber Geschwindigkeit genau in der Mitte des Stroms, und ich hörte auf das Gerede um mich herum. Sie hatten Kurtz aufgegeben, sie hatten die Station aufgebeben; Kurtz war tot, und die Station war niedergebrannt – und so weiter, und so weiter. Der rothaarige Pilger war auĂźer sich vor Erregung bei dem Gedanken, dass man diesen armen Kurtz wenigstens anständig gerächt hätte. ‚Sagt doch mal! Die mĂĽssen wir ja richtig abgeschlachtet haben da in ihrem Busch, was? Häh? Was denkt ihr? Sagt doch mal!’ Er fĂĽhrte geradezu einen Tanz auf, dieser blutdĂĽrstige kleine Zierbengel. Und dabei war er fast in Ohnmacht gefallen, als er den Verwundeten gesehen hatte! Ich konnte nicht widerstehen zu sagen: ‚Jedenfalls haben Sie eine Menge Rauch gemacht.’ Die Art, wie die Spitzen der BĂĽsche geraschelt und zur Seite geflogen waren, hatte mir verraten, dass fast alle SchĂĽsse zu hoch gegangen waren. Man kann nichts treffen, solange man nicht aus der Schuler zielt und schieĂźt, aber diese BrĂĽder hatten aus der HĂĽfte und mit geschlossenen Augen gefeuert. Der RĂĽckzug, so beharrte ich – und sollte recht behalten –, war allein durch das Kreischen der Dampfpfeife verursacht worden. Als sie das hörten, vergaĂźen Sie Kurtz und protestierten voll aufheulender Wut.

Der Direktor stand neben dem Ruder und murmelte vertraulich, dass wir unbedingt eine genĂĽgend groĂźe Wegstrecke flussabwärts zurĂĽcklegen mussten, bevor es dunkel wurde, als ich in der Entfernung eine Lichtung am Flussufer und die Umrisse einer Art von Gebäude sah. ‚Was ist das?’, fragte ich. Er klatschte vor Verwunderung in die Hände. ‚Die Station!’ rief er. Ich hielt sofort schräg drauf zu, immer noch mit halber Geschwindigkeit.

Durch mein Fernglas sah ich den Abhang eines HĂĽgels, auf dem vereinzelt Bäume wuchsen, der aber vollkommen frei von Unterholz war. Ein langes verfallendes Gebäude auf der HĂĽgelkuppe lag halb unter hohem Gras vergraben, die groĂźen Löcher in dem Spitzdach klafften aus der Entfernung tiefschwarz, dahinter lagen der Dschungel und die Bäume. Es gab keinerlei Art von Einfriedung oder Zaun, aber es musste einmal einen gegeben haben, denn nahe des Hauses stand noch ein halbes Dutzend dĂĽnner Pfosten aufgereiht, die roh behauen und am oberen Ende mit geschnitzten Kugeln verziert waren. Die Quersprossen, oder was auch immer die Pfosten verbunden hatte, waren verschwunden. NatĂĽrlich war all dies vom Wald umschlossen. Das Flussufer war zugänglich, und ich sah einen WeiĂźen am Wasser sitzen, der einen Hut wie ein Wagenrad trug und uns wild rudernd und ausdauernd zuwinkte. Ich studierte den Waldrand ober- und unterhalb und war fast sicher, Bewegung ausmachen zu können – menschliche Formen, die hier und dort durch den Busch glitten. Ich dampfte vorsichtig an der Stelle vorbei und stoppte dann die Maschine, um das Boot flussabwärts treiben zu lassen. Der Mann am Ufer fing an zu schreien, dass wir unbedingt an Land kommen sollten. ‚Wir wurden angegriffen’, brĂĽllte der Direktor. ‚Ich weiĂź – ich weiĂź. Es ist alles in Ordnung’, schrie der andere zurĂĽck, so fröhlich es nur ging. ‚Legt ruhig an. Es ist alles in Ordnung. Ich freue mich’.

Sein Anblick erinnerte mich an etwas – irgendetwas Lustiges, dass ich irgendwo gesehen hatte. Während ich das Anlegemanöver durchfĂĽhrte, fragte ich mich: ‚An wen erinnert mich dieser Bursche?’ Plötzlich fiel es mir ein. Er sah aus wie ein Hanswurst. Seine Kleidung bestand aus einem Stoff, der einmal braunes Hollandleinen gewesen sein mochte, aber jetzt war er ĂĽber und ĂĽber mit Flicken besät, mit Flicken in leuchtenden Farben: blau, rot und gelb – Flicken hinten, Flicken vorne, Flicken an den Ellbogen, an den Knien, bunte Nähte an der ganzen Jacke, violette Borten unten an den Hosen; und im Sonnenschein machte er trotz allem einen ausgesprochen farbenfrohen und gepflegten Eindruck, weil man sehen konnte, wie sorgfältig all diese Flicken aufgesetzt worden waren. Ein bartloses, jungenhaftes Gesicht, sehr hĂĽbsch, fast ohne besondere Merkmale, die Haut an der Nase schälte sich ab, kleine blaue Augen; Lächeln und besorgte Blicke jagten einander auf diesem offenen Antlitz wie Sonne und Schatten auf einer windumtosten Ebene. ‚Vorsicht, Skipper! rief er. ;Hier hat sich gestern ein Baumstumpf verfangen.’ Wie? Noch ein Baumstumpf? Ich gebe zu, ich fluchte wie ein Rohrspatz. Fast hätte ich zum Abschluss dieser bezaubernden Reise ein Loch in mein KrĂĽppelboot gerissen. Der Hanswurst auf dem Ufer wandte mir seine Mopsnase zu. ‚Seid ihr Engländer?’, fragte er und lachte ĂĽber das ganze Gesicht. ‚Und selbst?’, rief ich vom Steuerhaus aus zurĂĽck. Das Lächeln verschwand, und er schĂĽttelte seinen Kopf, als ob ihm meine Enttäuschung leid täte. Dann hellte sich seine Mine wieder auf. ‚Macht nichts!’, rief er aufmunternd. ‚Kommen wir rechtzeitig?’, fragte ich. ‚Er ist da oben’, antwortete er und deutete mit dem Kopf den HĂĽgel hinauf. Dabei wurde er plötzlich bedrĂĽckt. Sein Gesicht war wie der Herbsthimmel, in einem Moment bewölkt, im nächsten Moment wieder aufgeklart.

Als der Direktor von den Pilgern eskortiert und wie diese bis an die Zähne bewaffnet zum Haus gegangen war, kam der Bursche an Bord. ‚Mir gefällt das eigentlich nicht. Diese Eingeborenen verstecken sich im Busch’, sagte ich. Er versicherte nachdrĂĽcklich, dass alles in Ordnung sei. ‚Das sind einfache Menschen’, fĂĽgte er hinzu. ‚Na ja, ich bin froh, dass ihr gekommen seid. Ich war die ganze Zeit damit beschäftigt, sie uns vom Hals zu halten.’ ‚Aber Sie haben gesagt, alles sei in Ordnung’, rief ich. ‚Oh, sie haben es nicht böse gemeint’, antwortete er, und als ich ihn anstarrte, berichtigte er sich: ‚Jedenfalls nicht so richtig.’ Dann, lebhaft: ‚Du meine GĂĽte, das Steuerhaus muss aber mal sauber gemacht werden!’ Nur einen Atemzug später riet er mir, den Kessel so weit unter Dampf zu halten, dass ich die Pfeife auslösen konnte, falls es Ă„rger gab. ‚Einmal ordentlich pfeifen nĂĽtzt mehr als alle eure Gewehre. Das sind einfache Menschen’, wiederholte er. Er plapperte mit einer derartigen Geschwindigkeit drauflos, dass ich ĂĽberwältigt war. Er schien einen Ausgleich fĂĽr lange Zeiten des Schweigens zu suchen, und deutete tatsächlich lachend an, dies sei der Fall. ‚Reden Sie nicht mit Monsieur Kurtz?’, fragte ich. ‚Mit einem solchen Mann redet man nicht – man hört ihm zu’, rief er mit begeisterten Ernst. ‚Aber jetzt –’ Er winkte ab, und war im Handumdrehen in der allertiefsten Mutlosigkeit verloren. Einen Moment später kam er ruckartig wieder hoch, griff meine beiden Hände, schĂĽttelte Sie fortwährend und brabbelte vor sich hin: ‚Bruder Seemann . . . Ehre . . . VergnĂĽgen . . . Freude . . . mich vorzustellen . . . Russe . . . Sohn eines Erzpopen . . . Gouvernement Tambow . . . Wie? Tabak! Englischer Tabak, exzellenter englischer Tabak! Na, das ist eines Bruders wĂĽrdig. Rauchen? Gibt es einen Seemann, der nicht raucht?’

Die Pfeife beruhigte ihn, und nach und nach fand ich heraus, dass er aus der Schule weggerannt und auf einem russischen Schiff zur See gefahren war; dann wieder weggerannt, einige Zeit auf englischen Schiffen gedient; jetzt sei er aber wieder mit dem Erzpopen versöhnt. Das betonte er ausdrĂĽcklich. ‚Aber wenn man jung ist, muss man sich die Welt ansehen, Erfahrungen sammeln, Anschauungen, den Geist weiten’. ‚An diesem Ort!’, unterbrach ich ihn. ‚Man kann nie wissen! Hier habe ich schlieĂźlich Monsieur Kurtz kennen gelernt’, sagte er vorwurfsvoll und mit jugendlichem Ernst. Danach hielt ich meine Zunge in Zaum. Wie es schien, hatte er eine holländische Handelsgesellschaft an der KĂĽste ĂĽberredet, ihn mit Vorräten und Waren auszustatten, und war dann in das Landesinnere gezogen, leichten Herzens und unschuldig wie ein Säugling in Bezug auf das, was ihn erwartete. Er war fast zwei Jahre lang allein den Fluss auf- und abgewandert, von allem und jedem abgeschnitten. ‚Ich bin nicht so jung, wie ich aussehe. Ich bin fĂĽnfundzwanzig’, sagte er. ‚Zuerst wollte mich der alte Van Schuyten zum Teufel schicken’, erzählte er freudig erregt, ‚aber ich lieĂź mich nicht abwimmeln und redete und redete, bis er schlieĂźlich Angst bekam, dass ich seinem Lieblingshund das Hinterbein abquatschen wĂĽrde, also gab er mir ein paar billige Sachen und Gewehre und sagte mir, er hoffe, mein Gesicht nie wiedersehen zu mĂĽssen. Der gute, alte Holländer Van Schuyten. Ich habe ihm vor einem Jahr ein bisschen Elfenbein geschickt, damit er mich keinen kleinen Dieb nennen kann, wenn ich zurĂĽckkomme. Hoffentlich hat er es bekommen. Und der Rest ist mir einerlei. Ich hatte einen Stapel Holz fĂĽr euch vorbereitet. Das war mein altes Haus. Habt ihr es gesehen?’

Ich gab ihm Towsons Buch. Er machte Anstalten, mich zu kĂĽssen, hielt sich dann aber doch zurĂĽck. ‚Das einzige Buch, das zurĂĽckgeblieben ist, und ich dachte, ich hätte es verloren’, rief er und betrachtete es wie in Ekstase. ‚Es gibt ja so vieles, das einem Mann zustoĂźen kann, der allein unterwegs ist. Paddelboote können umkippen – und manchmal muss man ganz schnell Fersengeld geben, wenn die Leute böse werden.’ Er blätterte durch das Buch. ‚Haben Sie Notizen auf russisch hineingeschrieben?’, fragte ich. Er nickte. ‚Und ich dachte, es wäre Geheimschrift’, sagte ich. Er lachte und wurde gleich wieder ernst. ‚Ich musste mich ganz schön anstrengen, uns diese Leute vom Hals zu halten’, sagte er. ‚Wollten die Sie umbringen?’, fragte ich. ‚Oh, nein!’, rief er und wurde zurĂĽckhaltend. ‚Warum haben sie uns angegriffen?’, beharrte ich. Er zögerte und sagte dann beschämt: ‚Sie wollen nicht, dass er geht.’ ‚Das wollen sie nicht?’, sagte ich erstaunt. Sein Nicken war voller Geheimnisse und Weisheit. ‚Ich sage dir’, rief er, ‚dieser Mann hat meinen Geist geweitet’. Er breitete seine Arme weit aus und starrte mich mit seinen kleinen blauen Augen an, die vollkommen rund waren.”