Die “Nellie”, ein Jollenkreuzer, drehte ohne ein einziges Flattern der Segel am Ankerseil auf, bis sie ruhig im Strom lag. Die Flut hatte eingesetzt, es war beinahe windstill, und da die Fahrt stromabwärts gehen sollte, blieb uns nichts weiter ĂĽbrig, als vor Anker zu gehen und auf den Gezeitenwechsel zu warten.

Der Unterlauf der Themse erstreckte sich vor uns wie der Beginn eines unendlichen Wasserlaufs. Weit draußen waren offene See und Himmel nahtlos miteinander verschmolzen, und in dem lichtdurchfluteten Raum schienen die wettergegerbten Segel der mit der Flut stromaufwärts treibenden Frachtschuten in roten Haufen spitz zulaufenden Segeltuchs, zwischen denen lackierte Sprietbäume aufblitzten, unbeweglich zu verharren. Auf dem flachen Ufer saß ein nebliger Dunst, der sich immer dünner werdend in die See hinaus verlor. Über Gravesend dunkelte der Himmel und schien sich noch weiter nach hinten in einer trübsinnigen Düsternis zusammenzuziehen, die regungslos auf der größten – und großartigsten – Stadt der Welt lastete.

Der Firmendirektor war unser Kapitän und Gastgeber. Wir vier anderen betrachteten voller Zuneigung seinen Rücken, während er da am Bug stand und aufs Meer hinausschaute. Auf dem ganzen Fluss gab es nichts, das auch nur halb so seemännisch gewirkt hätte wie er. Er sah aus wie ein Lotse, der ja für den Seemann die Vertrauenswürdigkeit selbst bedeutet. Man mochte kaum glauben, dass er seinen Beruf nicht dort draußen auf der lichtdurchfluteten Flussmündung ausübte, sondern hinter uns, in der lastenden Düsternis.

Uns verband, wie ich bereits an anderer Stelle erwähnt habe, eine gemeinsame Liebe zur See. Nicht nur, dass wir ihretwegen durch lange Zeiten der Trennung hindurch einander herzlich verbunden blieben, sie machte uns auch nachsichtiger den Schnurren – und sogar den Überzeugungen – der anderen gegenüber. Dem Anwalt – mit dem man Pferde stehlen konnte – war aufgrund der hohen Zahl seiner Jahre und Tugenden das einzige Kissen auf Deck zugeteilt worden, und er lag auf dem einzigen Teppich. Der Buchhalter hatte bereits eine Schachtel Dominosteine hervorgezogen und türmte die elfenbeinernen Steine spielerisch zu kleinen Gebäuden auf. Marlow saß mit gekreuzten Beinen achtern an den Besanmast gelehnt. Er zeichnete sich durch eingefallene Wangen, eine gelbliche Hautfarbe, einen geraden Rücken und das Aussehen eines Asketen aus; mit seinen herabgesunkenen Armen und den nach oben weisenden Handflächen wirkte er wie ein Götzenbild. Der Direktor hatte sich davon überzeugt, dass der Anker festen Grund hatte, und kam nach achtern, um sich zu uns zu setzen. Wir wechselten ein paar träge Worte. Danach herrschte Stille an Bord der Yacht. Aus irgendeinem Grund fingen wir mit dem Domino gar nicht erst an. Wir waren in nachdenklicher Stimmung und brachten nichts weiter zuwege, als friedlich vor uns hinzustarren. Der Tag ging in ruhiger und von einem kostbaren Glanz erfüllter Klarheit seinem Ende entgegen. Das Wasser schimmerte friedlich; der Himmel, den kein Wölkchen trübte, hüllte uns gütig in seine Unendlichkeit makellosen Lichts; selbst der Nebel auf der Marsch von Essex war wie ein hauchdünnes Gewebe, das an den bewaldeten Anhängen landeinwärts aufgehängt war und das flache Ufer in durchsichtige Schleierfalten hüllte. Nur die Düsternis, die im Westen über dem Oberlauf lastete, wurde mit jeder Minute finsterer, als ob sie das Herannahen der Sonne in Zorn versetzte.

Und schließlich sank die Sonne in ihrem gekrümmten und unmerklich langsamen Fall nach unten, und ihre weißhelle Glut wurde zu einem matten Rot, das ohne Strahlen und Wärme war. Es war, als ob sie gleich ausgehen wollte, tödlich getroffen von der Berührung durch jene Düsternis, die über der Menschenansammlung lastete.

UnverzĂĽglich wechselte die Stimmung ĂĽber dem Wasserlauf, und die Klarheit verlor an Glanz, aber gewann an Durchdringungskraft. Der alte Fluss in seinem weiten Lauf ruhte, von keiner Böe aufgewĂĽhlt, im sich neigenden Tag. Eine halbe Ewigkeit schon hatte er dem Volk, das an seinen Ufern lebte, gute Dienste geleistet, und er breitete sich in der ruhigen WĂĽrde einer Wasserstrasse aus, die an die entlegensten Ecken der Erde fĂĽhrt. Wir betrachteten den ehrwĂĽrdigen Strom, nicht in der fiebrigen Hitze eines kurzen Tages, die kommt und fĂĽr immer wieder verschwindet, sondern im erhabenen Licht dauerhafter Erinnerungen. Und wirklich fällt jemandem, der – wie man so sagt – “zur See gefahren” ist, und dies voller Ehrfurcht und aus Neigung, nichts leichter, als auf dem Unterlauf der Themse den Geist einer groĂźen Vergangenheit zu beschwören. Der Gezeitenstrom läuft hin und her in niemals endender Dienstbarkeit, voller Erinnerungen an Männer und Schiffe, die er zur heimatlichen Rast oder zur Schlacht auf hoher See getragen hat. Er hat all die Männer gekannt, die den Stolz der Nation darstellen, und ihnen gedient, von Sir Francis Drake bis Sir John Franklin, alle von edlem GeblĂĽt, ob mit Titel oder ohne – die groĂźen fahrenden Ritter der See. Sie haben alle Schiffe getragen, deren Namen wie Juwelen in der Nacht der Zeiten aufleuchten, von der Goldenen Hirschkuh, wie sie mit ihren rundlichen, schatzgefĂĽllten Flanken heimkehrt, um von Ihrer Majestät, der Königin, besucht zu werden und dann aus der groĂźen Heldensage zu entschwinden, bis hin zu Erebus und Terror, die auf EroberungszĂĽge anderer Art gingen ¬– auch solche, die nie zurĂĽckgekehrt sind. Er hat die Schiffe gekannt, ebenso wie die Männer, die darauf losgesegelt sind, von Deptford, von Greenwich, von Erith: die Abenteurer und die Siedler, auf den Schiffen Ihrer Majestät und auf denen von Spekulanten, Kapitäne, Admirale, die schattenhaften Monopolbrecher des Asienhandels und die mit Patent versehenen “Generäle” der Ostindienflotten. Auf der Jagd nach Gold oder Ruhm sind sie alle diesen Strom hinausgefahren, mit dem Schwert und oft mit der Fackel des Lichts in der Hand, Boten der Herrscher des Landes, Träger eines Funkens vom heiligen Feuer. Welche Art von Größe war nicht auf dem Ebbstrom dieses Flusses in die Geheimnisse einer unbekannten Erde hinein gedriftet! … Die Träume von Männern, die Samen von Reichen, die Keime von Imperien.

Die Sonne ging unter; Dämmerung fiel auf den Strom, und am Ufer sah man die ersten Lichter. Der Leuchtturm von Chapman, eine dreibeinige, auf einer Wattbank errichtete Konstruktion, ließ sein helles Licht erstrahlen. In der Fahrrinne bewegten sich Schiffslampen – ein aufgeregtes Auf und Ab von Lichtern. Und weiter im Westen stromaufwärts wurde der Ort der monströs großen Stadt immer noch durch einen unheilverkündenden Himmel angezeigt, eine lastende Düsternis im Sonnenlicht, einen finsteren Schein unter den Sternen.

“Und hier bei uns war auch einmal”, sagte Marlow plötzlich, “eine der finsteren Ecken der Welt.”

Er war der einzige von uns, der noch “zur See fuhr”. Das Schlimmste, was man von ihm sagen konnte, war, dass er kein durchschnittlicher Vertreter seiner Klasse war. Er war ein Seemann, aber er war auch ein Vagabund, wohingegen die meisten Seeleute ein, der Ausdruck sei erlaubt, eher sesshaftes Leben fĂĽhren. Ihr GemĂĽt ist vom Schlage der Daheimbleiber, und ihr Heim – das Schiff – bewegt sich immer mit ihnen mit; dasselbe gilt fĂĽr ihr Vaterland – die See. Ein Schiff gleicht mehr oder weniger dem anderen, und die See bleibt immer dieselbe. Vom diesem nie wechselnden GleichmaĂź ihrer Umgebung aus betrachtet gleiten die fremden Häfen, die fremden Gesichter, die sich stets ändernde, unermessliche Vielfalt des Lebens vorbei, verhĂĽllt nicht von einem Bewusstsein fĂĽr das Geheimnisvolle, sondern von einer leicht verächtlichen Ignoranz; denn fĂĽr den Seemann gibt es nichts Geheimnisvolles, es sei denn die See selbst, die seine Geliebte und Herrin und so unergrĂĽndlich wie die Schicksalsgöttin ist. Was den Rest angeht, reichen ihm ein kleiner Spaziergang oder ein kurzer Kneipenzug nach Feierabend, um das Geheimnis eines ganzen Kontinents zu ergrĂĽnden, und in der Regel hält er das Geheimnis dann nicht fĂĽr der MĂĽhe wert. Die Schnurren eines Seemanns zeichnen sich durch eine einfache Direktheit aus und tragen ihre Bedeutung in sich wie in der Schale einer geknackten Nuss. Aber Marlow war nicht typisch (abgesehen von seiner Neigung zum Spinnen von Seemannsgarn), und fĂĽr ihn lag die Bedeutung einer Erzählung nicht innen wie der Kern in einer Nuss, sondern auĂźen, als UmhĂĽllung der Fabel, die sie hervorbringt, aber nur wie die Glut den Schein hervorbringt, ähnlich wie einer jener nebligen Heiligenscheine, die manchmal im geisterhaften Mondlicht sichtbar werden.

Seine Bemerkung schien uns nicht im Geringsten ĂĽberraschend. So war Marlow eben. Sie wurde schweigend hingenommen. Niemand machte sich die MĂĽhe, auch nur zu grunzen, und jetzt sagte er, sehr langsam: “Ich dachte an die ganz alten Zeiten, als die Römer hier zum ersten Mal auftauchten, vor tausendneunhundert Jahren – gerade vorgestern. . . . Seit wann ist dieser Fluss eine Quelle des Lichts – was meint Ihr, seit der Ritterzeit? Sicher, aber es ist wie ein Lauffeuer auf der Ebene, wie Blitze in den Wolken. Wir leben in seinem Aufflackern – möge es so lange anhalten, wie die alte Erde sich dreht! Aber erst gestern herrschte hier Finsternis. Stellt Euch vor, was der Kommandant einer dieser – wie sagt man gleich wieder? – Triremen im Mittelmeer gedacht haben muss, als man ihn plötzlich in den Norden abgeordert hat: im Eiltempo ĂĽber Land durch Gallien marschieren, dann das Kommando ĂĽber eines dieser ĂĽblicherweise von den Legionären – was fĂĽr fähige Leute das gewesen sein mĂĽssen – gezimmerten Schiffe ĂĽbernehmen, Hunderte davon hat man offenbar gebaut, in ein oder zwei Monaten, wenn man den Aufzeichnungen Glauben schenken darf. Stellt ihn euch also hier vor, am äuĂźersten Ende der Welt, bleifarbene See, rauchfarbener Himmel, das Schiff so stabil wie eine Ziehharmonika – und dann fährt er diesen Fluss hoch, mit Vorräten oder mit Befehlen, was Ihr wollt. Sandbänke, Bruchland, Wälder, wilde Eingeborene – herzlich wenig von dem, was ein zivilisierter Menschen zu essen gewohnt ist, und zu trinken nichts als Wasser aus der Themse. Kein Falernerwein, keine Landgänge. Hier und dort ein Militärlager, verloren in der Wildnis wie eine Nadel im Heuhaufen: kalter Nebel, StĂĽrme, Krankheit, Verbannung und Tod – schleichender Tod: in der Luft, im Wasser, im GebĂĽsch. Die mĂĽssen hier wie die Fliegen gestorben sein. Oh, er hat den Auftrag erledigt – sicher doch. Hat ihn zweifellos sehr gut erledigt, und ohne noch viel darĂĽber nachzudenken, es sei denn, um später damit anzugeben, was er im Leben so alles erlebt hat. Die waren Manns genug, sich der Finsternis zu stellen. Und vielleicht hat es ihn angespornt, dass er ja – mit guten Freunden in Rom und falls er das schreckliche Klima ĂĽberlebte – irgendwann befördert und zur Flotte nach Ravenna versetzt werden könnte. Oder stellt Euch einen ehrbaren römischen BĂĽrger in einer Toga vor – vielleicht zu oft beim WĂĽrfeln gesessen, Ihr wisst schon –, der im Tross irgendeines Präfekten oder Steuereintreibers oder meinetwegen Händlers hierher kommt, um sein Vermögen wiederzugewinnen. Er landet in einem Sumpf, marschiert durch die Wälder, und irgendwo in einer Handelsstation im Inneren merkt er, dass er von der Barbarei, der absoluten Barbarei, eingeschlossen ist – von dem ganzen geheimnisvollen Leben in der Wildnis, das sich da zwischen den Bäumen regt, im Urwald, in den Herzen der wilden Menschen. Und niemand hat ihn in diese Geheimnisse eingeweiht. Er muss inmitten des Unbegreiflichen, das gleichzeitig das Abscheuliche ist, leben. Und auch dies hat seine Faszination, der er sich nicht entziehen kann. Die Faszination des ScheuĂźlichen – ihr wisst schon, stellt euch seine Reue vor, seine Sehnsucht zu entkommen, den machtlosen Ekel, das Aufgeben, den Hass.”

Er hielt inne.

“Das heiĂźt natĂĽrlich”, setzte er wieder ein und hob einen Unterarm an, die Handfläche nach auĂźen gewandt, sodass er mit seinen gekreuzten Beinen aussah wie ein Buddha, der in europäischer Kleidung und ohne Lotusblume eine Predigt hält, “das heiĂźt natĂĽrlich, keiner von uns wĂĽrde genau die gleichen GefĂĽhle hegen.” Was uns rettet, ist die Effizienz – unsere Hingabe an die Effizienz. Davon hatten diese Burschen wirklich nicht allzu viel aufzuweisen. Sie waren keine Kolonisten; ihre Verwaltung bestand aus der AusĂĽbung von Zwang und sonst nichts weiter, vermute ich. Sie waren Eroberer, und dafĂĽr ist nichts als rohe Gewalt erforderlich – nichts, auf das man stolz sein muss, wenn man darĂĽber verfĂĽgt, denn die eigene Stärke ist nur ein Zufall, der auf der Schwäche der anderen beruht. Sie nahmen sich, was sie bekommen konnten, weil es eben zu haben war. Das war nur gewalttätiger RaubĂĽberfall, vorsätzlicher Mord im groĂźen Stil, ein blindes Draufhauen – gar nicht unpassend fĂĽr Männer, die mit der Finsternis fertig werden mĂĽssen. Die Eroberung der Erde, was nur bedeutet, dass wir sie denen wegnehmen, die eine andere Hautfarbe oder etwas flachere Nasen als wir selbst haben, ist keine schöne Angelegenheit, wann man sie sich mal näher betrachtet. Die einzige Erlösung liegt in der Idee. In der zugrunde liegenden Idee: keinem rĂĽhrseligen Schein, sondern einer Idee, und einem selbstlosen Glaube an die Idee – etwas, das man hinstellen, vor dem man sich verbeugen und dem man Opfer bringen kann. . . .”

Er brach ab. Lichter drifteten im Fluss, grĂĽne Flämmchen, rote Flämmchen, weiĂźe Flämmchen, verfolgten und ĂĽberholten einander, schlossen zueinander auf, kreuzten den Weg der anderen – bis sie sich, langsam oder rasch, wieder trennten. Der Verkehr der groĂźen Stadt nahm kein Ende in der dunkler werdenden Nacht ĂĽber dem schlaflosen Fluss. Wir blieben geduldig wartende Zuschauer – bis zum Ende der Flut war nichts weiter zu tun; aber erst als er nach einer langen Stille mit zögernder Stimme sagte, “Jungens, ich nehme an, ihr erinnert euch, dass ich mal eine Zeitlang als SĂĽĂźwassermatrose unterwegs war”, wussten wir, dass wir bis zur ablaufenden Ebbe dazu verdammt waren, einem von Marlowes wenig aussagekräftigen Erlebnisberichten zu lauschen.

“Ich will euch nicht allzu sehr mit meinem persönlichen Schicksal belästigen”, fing er an und zeigte durch diese Bemerkung die häufig anzutreffende Schwäche derer, die eine Geschichte erzählen wollen und so oft nicht zu wissen scheinen, was ihr Publikum am liebsten hören wĂĽrde, “aber damit Ihr den Eindruck des Ganzen auf mich verstehen könnt, mĂĽsst Ihr wissen, wie ich dorthin gekommen bin, was ich gesehen habe, wie ich jenen Fluss bis an die Stelle hochgefahren bin und wo ich den armen Kerl kennen gelernt habe. Es war der Endpunkt der Reise und der Gipfelpunkt meiner Erfahrungen. Es schien irgendwie alles um mich herum auf eine bestimmte Weise zu erhellen – sogar meine Gedanken. Gleichzeitig war es ziemlich dĂĽster – und jämmerlich – in keiner Wiese auĂźergewöhnlich – oder besonders klar. Nein, nicht sehr klar. Und doch warf es eine Art von Licht.

Ich war damals, wie ihr euch erinnern werdet, nach sehr viel Indischem Ozean, Pazifik und Chinesischem Meer nach London zurückgekehrt – eine ordentliche Dosis Orient – so um die sechs Jahre, und ich spielte den Müßiggänger, hielt euch Jungens von der Arbeit ab und fiel bei euch zu Hause ein, als ob ich den himmlischen Auftrag gehabt hätte, euch die Zivilisation zu bringen. Eine Weile ging das ganz gut, aber irgendwann hatte ich das Ausruhen satt. Dann begann ich mich nach einem Schiff umzuschauen – nicht gerade die härteste Arbeit der Welt, sollte man meinen. Aber die Schiffe interessierten sich nicht im Geringsten für mich. Und ich wurde dieses Spielchens bald ebenfalls überdrüssig.

Nun ist es so, dass ich als kleiner Bengel verrĂĽckt nach Landkarten war. Ich konnte mir stundenlang SĂĽdamerika oder Afrika oder Australien anschauen und mich in Träumen von Entdeckerherrlichkeit verlieren. Zu dieser Zeit gab es noch viele weiĂźe Flecken auf der Landkarte des Erde, und wenn ich einen sah, der mir besonders einladend erschien (aber das galt eigentlich fĂĽr alle), setzte ich immer den Finger darauf und sagte, ‚Wenn ich mal groĂź bin, fahre ich dorthin.’ Ich erinnere mich, dass zu diesen Orten auch der Nordpol gehörte. Nun ja, dort bin ich noch nicht gewesen, und jetzt werde ich es nicht mehr versuchen. Der Zauber hat sich verflĂĽchtigt. Andere Orte waren ĂĽber den ganzen Globus verteilt. An einigen davon bin ich gewesen, und … nun ja, reden wir nicht davon. Aber es gab einen Fleck – den größten, den weiĂźesten, sozusagen –, nach dem ich immer noch Sehnsucht hatte.

Sicher, zu jener Zeit war er schon kein weißer Fleck mehr. Seit meiner Kindheit hatte er sich mit Flüssen und Seen und Namen gefüllt. Er war kein weißer Fleck voller wunderbarer Geheimnisse mehr, an dem es genügend Platz für prächtige Jungensträume gab. Jetzt herrschte dort die Finsternis. Aber es gab insbesondere einen Fluss, einen ziemlich großen Fluss, den man auf der Karte sehen konnte. Er glich einer riesigen, sich windenden Schlange, deren Kopf im Meer lag, während der Körper in weit ausschwingenden Kurven über einem riesigen Territorium ruhte und der Schwanz sich in den Tiefen des Landes verlor. Und als ich die Landkarte in einem Schaufenster betrachtete, war ich von ihm fasziniert wie ein Vogel von einer Schlange – ein dummer, kleiner Vogel. Dann fiel mir ein, dass es einen großen Konzern gab, eine Gesellschaft für den Handel auf diesem Fluss. Zum Henker!, überlegte ich, man kann doch auf dieser Menge von Süßwasser keinen Handel treiben, ohne irgendeine Art von Fahrzeug zu benutzen – Dampfschiffe! Warum sollte ich nicht versuchen, das Kommando über eines davon zu bekommen? Ich ging weiter die Fleet Street herunter, aber die Idee ging mir nicht aus dem Kopf. Die Schlange hatte mich hypnotisiert.

Ihr wisst natürlich, dass sie vom Kontinent aus operierte, diese Handelsgesellschaft, aber eine Menge Verwandte von mir wohnen auf dem Kontinent, weil es wenig kostet und nicht so scheußlich ist, wie man immer denkt – sagen sie jedenfalls.

Ich gestehe es ungern ein, aber ich fing an, sie um Hilfe anzugehen. Allein das war neu fĂĽr mich. Ich war es schlieĂźlich nicht gewohnt, auf diese Weise etwas zu erreichen. Ich bin immer auf meinem eigenen Weg und mit meinen eigenen FĂĽĂźen in die Richtung gegangen, nach der mir der Sinn stand. Ich hätte es nicht von mir selbst geglaubt, aber andererseits – was soll ich sagen – hatte ich das GefĂĽhl, ich mĂĽsse unbedingt dorthin, koste es was es wolle. Also ging ich sie um Hilfe an. Die Männer sagten ‚Mein lieber Charlie’ und taten nichts. Dann – glaubt es oder nicht – versuchte ich es bei den Frauen. Ich, Charlie Marlow, setzte die Frauen in Bewegung – um eine Anstellung zu bekommen. GĂĽtiger Himmel! Na ja, ihr versteht schon, mein Verlangen trieb mich an. Ich hatte eine Tante, eine liebe, begeisterungsfähige Seele. Sie schrieb mir: ‚Das wird herrlich. Ich bin bereit, alles, wirklich alles fĂĽr dich zu tun. Die Idee ist wundervoll. Ich kenne die Gattin eines sehr hohen Persönlichkeit in der Verwaltung, auĂźerdem jemanden mit sehr groĂźem Einfluss auf’ usw. Sie war entschlossen, jeden erdenklichen Aufwand zu betreiben, um mich zum Kapitän eines Flussdampfers zu machen, wenn das denn mein Wunsch war.

Ich bekam den gewünschten Posten – was sonst; und ich bekam ihn ziemlich schnell. Offenbar hatte die Gesellschaft erfahren, dass einer ihrer Kapitäne bei einem Handgemenge mit den Eingeborenen getötet worden war. Das war meine Chance, und ich brannte nur noch mehr darauf, dass es endlich losging. Erst Monate später, als ich versuchte, die Überreste der Leiche zu bergen, hörte ich, dass der Streit ursprünglich aus einem Missverständnis wegen ein paar Hennen entstanden war. Jawohl, zwei schwarzen Hennen. Fresleven – so hieß der Bursche, ein Däne – fühlte sich bei dem Handel irgendwie übervorteilt, weshalb er an Land ging und anfing , mit einem Stock auf den Dorfhäuptling einzuhauen. Oh, es wunderte mich nicht im Geringsten, davon zu hören und gleichzeitig zu erfahren, dass Fresleven das freundlichste, stillste Wesen besaß, das je ein zweibeiniges Wesen ausgezeichnet hatte. Zweifellos stimmte das; aber, wisst ihr, er war schon ein paar Jahre dort draußen im Namen der edlen Sache unterwegs gewesen, und am Ende hatte er wahrscheinlich ein gewisses Bedürfnis, seine Selbstachtung wiederzugewinnen. Darum schlug er gnadenlos auf den alten Nigger ein, während eine große Menge seiner Leute ihm wie vom Donner gerührt zusah, bis irgendwer – der Sohn des Häuptlings, sagte man mir – aus Verzweiflung über das Schreien des Alten versuchsweise dem Weißen einen leichten Speerstoß versetzte – und selbstverständlich fand der Speer ohne große Mühe seinen Weg zwischen die Schulterblätter. Dann verschwand die ganze Bevölkerung im Wald, weil sie dachten, dass alle möglichen Arten von Katastrophen über sie hereinbrechen würden, während auf der anderen Seite das Dampfboot, das Fresleven befehligt hatte, von einer ebensolchen schlimmen Panik befallen wurde und abfuhr – ich glaube, unter dem Kommando des Ingenieurs. Hinterher schien sich niemand große Mühe mit Freslevens Überresten gemacht zu haben, bis ich das Boot verließ und in seine Fußstapfen trat. Ich konnte sie ja schließlich nicht liegen lassen; aber als sich endlich die Gelegenheit bot, meinen Vorgänger kennen zu lernen, war das Gras, das durch seine Rippen wuchs, hoch genug, um seine Knochen zu verbergen. Sie waren alle noch da. Man hatte das übernatürliche Wesen nach seinem Fall nicht mehr berührt. Und das Dorf war verlassen, die Hütten standen schwarz klaffend offen, sie verrotteten, ganz schief innerhalb ihrer umgefallenen Umzäunung. Die Katastrophe war schließlich doch gekommen. Die Menschen waren verschwunden. In panischer Angst hatten sie sich im Busch verstreut, Männer, Frauen und Kinder, und sie waren nie zurückgekehrt. Was aus den Hennen geworden ist, weiß ich genauso wenig. Ich nehme an, sie sind der Sache des Fortschritts zum Opfer gefallen. In jedem Fall war es diese glorreiche Affäre, die mir zu meiner Stellung verhalf, bevor ich überhaupt angefangen hatte, mir Hoffnungen darauf zu machen.

Ich beeilte mich wie verrückt, um abreisen zu können, und bevor achtundvierzig Stunden herum waren, überquerte ich den Ärmelkanal, um mich meinen Arbeitgebern vorzustellen und den Vertrag zu unterschreiben. Nur ein paar Stunden später kam ich in eine Stadt, die mich immer an ein weiß übertünchtes Grabmal erinnert. Sicher nur ein Vorurteil. Ich hatte keinerlei Schwierigkeiten, den Sitz der Gesellschaft zu finden. Ein größeres Gebäude gab es in der Stadt nicht, und jeder, den ich kennen lernte, war voll und ganz davon eingenommen. Man machte sich dort drüben daran, ein überseeisches Reich zu lenken und unermessliche Reichtümer aus dem Handel zu schöpfen.

Ein enge und verlassene Strasse, die im tiefen Schatten lag, hohe Häuser, unzählige Fenster mit Jalousien, ringsum Totenstille, rechts und links aus dem Boden schießendes Gras, riesige Doppeltüren, die einen bedeutungsvollen Spalt weit offen standen. Ich schlüpfte durch einen dieser schmalen Durchlässe, ging eine geschwungene Treppe ohne jede Verzierung, so eintönig wie eine Wüste, hinauf und öffnete die erste Tür, an die ich kam. Zwei Frauen, die eine dick und die andere dünn, saßen auf strohgepolsterten Stühlen und strickten mit schwarzer Wolle. Die Dünne stand auf und kam geradewegs auf mich zu – wobei sie die Augen gesenkt hielt und mit dem Stricken weitermachte – und gerade als ich anfing, mir Gedanken darüber zu machen, wie ich ihr ausweichen konnte, wie man es bei Schlafwandlern eben so macht, hielt sie an und blickte auf. Ihr Kleid war so schlicht wie die Hülle eines Regenschirms; sie drehte sich ohne ein Wort um und schritt mir voran in ein Wartezimmer. Ich gab meinen Namen an und sah mich um. In der Mitte ein Tisch zum Kartenspielen, ringsum an den Wänden einfache Stühle und an einem Ende eine große, schimmernde Landkarte, die in allen Farben des Regenbogens koloriert war. Es gab eine enorme Menge Rot – immer ein erfreulicher Anblick, weil man weiß, dass an diesen Stellen wirklich etwas geleistet wird –, einen verteufelt großen Bereich Blau, ein bisschen Grün, ein paar Spritzer Orange und, an der Ostküste, ein Flecken Violett, um den Ort zu kennzeichnen, an dem die zünftigen Pioniere des Fortschritts gemütlich bei einer Halben in ihrem Biergarten sitzen. Mein Ziel lag allerdings in keiner dieser Farben. Ich würde in das Gelb reisen. Haargenau in die Mitte. Und da war auch der Fluss – faszinierend – tödlich – wie eine Schlange. Hoppla! Eine Tür öffnete sich, ein weißhaariger Sekretärenkopf, der allerdings eine mitfühlende Miene trug, erschien und ein magerer Zeigefinger winkte mich in das Allerheiligste hinein. Dort herrschte ein trübes Licht und ein schwerer Schreibtisch hielt die Mitte des Raums besetzt. Hinter dem Möbel machte etwas den Eindruck von bleicher Fülle im Gehrock. Der Herrscher der Heerscharen persönlich. Er maß, sollte ich meinen, knapp einen Meter siebzig und konnte über Millionen und Abermillionen bestimmen. Er schüttelte meine Hand, glaube ich, murmelte ein paar vage Sätze und war mit meinem Französisch zufrieden. Bon Voyage.

Etwa fünfundvierzig Sekunden später fand ich mich in dem Wartezimmer und in Gesellschaft des Sekretärs wieder, der mir, voller Betrübnis und Mitgefühl, irgendein Dokument zur Unterschrift vorlegte. Ich glaube, dass ich mich unter anderem verpflichtet habe, keine Handelsgeheimnisse zu verraten. Nun, das habe ich nicht vor.

Ich fühlte mich langsam etwas unwohl. Ihr wisst, dass ich an solcherlei Zeremonien nicht gewöhnt bin, und die Atmosphäre war irgendwie bedrohlich. Es war gerade so, als ob man mich zum Mitglied einer Verschwörung gemacht hätte – ich weiß nicht – von etwas irgendwie Unrechtem; und ich war froh, dass ich dort wieder herauskam. In dem äußeren Zimmer strickten die beiden Frauen mit fieberhaftem Eifer mit ihrer schwarzen Wolle. Es kamen immer wieder Besucher, und die Jüngere ging hin und her, um sie anzumelden. Die Ältere blieb auf ihrem Stuhl sitzen. Ihre flachen Hausschuhe aus Stoff waren auf einen Fußwärmer gestützt und auf ihrem Schoß ruhte eine Katze. Auf dem Kopf trug sie eine Angelegenheit aus gestärktem weißen Leinen, auf ihrer Wange saß eine Warze und auf ihrer Nasenspitze hing eine Brille mit Silberrand. Sie gönnte mir einen kurzen Blick über den Brillenrand hinweg. Die flüchtige und gleichgültige Gemütsruhe dieses Blicks beunruhigte mich. Zwei junge Männer mit töricht-vergnügten Gesichtszügen wurden herübergelotst, und sie bedachte sie mit demselben flüchtigen Blick desinteressierter Weisheit. Sie schien alles über sie zu wissen und ebenso über mich. Mir schauderte. Sie machte einen unheimlichen und verhängnisvollen Eindruck. Oft dachte ich dort draußen aus weiter Ferne an diese beiden, wie sie das Tor zur Finsternis bewachten und mit schwarzer Wolle strickten, als ob ein Sargtuch daraus werden sollte, wie die eine die Besucher vorstellte, immer wieder dem Unbekannten vorstellte und die andere die töricht-vergnügten Gesichter mit desinteressierten alten Augen prüfte. Ave!, du alte Strickerin schwarzer Wolle. Morituri te salutant. Sie sah nicht viele von denen wieder, die sie so betrachtete – nicht einmal die Hälfte, bei weitem nicht.

Es war noch ein Besuch beim Arzt abzuleisten. ‚Eine einfache Formsache’, versicherte mir der Sekretär mit einer Miene, in der enorme Anteilnahme an allen meinen Sorgen lag. Folglich tauchte von irgendwoher in den oberen Stockwerken ein junger Bursche auf, der seinen Hut ĂĽber der linken Augenbraue trug, eine Art BĂĽroangestellter, nehme ich an – es musste ja Angestellte in der Firma geben, auch wenn das Haus so still war, als ob es zu einer Stadt der Toten gehörte –, und fĂĽhrte mich weiter. Er war schäbig und ohne Sorgfalt gekleidet, auf den Ă„rmeln seiner Jacke sah man Tintenflecken und seine Krawatte war groĂź und wogte unter einem Kinn, das geformt war wie die Spitze eines alten Stiefels. FĂĽr den Arzt waren wir noch zu frĂĽh dran, also schlug ich vor, etwas trinken zu gehen, woraufhin er eine Spur freundlicher wurde. Als wir ĂĽber unserem Wermut saĂźen, pries er die Geschäfte der Gesellschaft in den höchsten Tönen, und schlieĂźlich drĂĽckte ich beiläufig mein Erstaunen darĂĽber aus, dass er noch nicht in den AuĂźendienst gegangen sei. Mit einem Mal wurde er sehr kĂĽhl und zurĂĽckhaltend. ‚Wie sagte einst Plato zu seinen JĂĽngern: Ich bin nicht so dumm, wie ich aussehe’, sagte er salbungsvoll, leerte sein Glas mit groĂźer Entschlossenheit, und wir standen auf.

Der alte Arzt fĂĽhlte mir den Puls und dachte währenddessen dem Anschein nach an andere Dinge. ‚Gut, gut fĂĽr dort unten’, murmelte er und fragte mich dann mit einem gewissen Eifer, ob ich ihn meinen Kopf messen lassen wĂĽrde. Etwas ĂĽberrascht stimmte ich zu, woraufhin er eine Art Messzirkel hervorzauberte und die hinteren und vorderen und alle möglichen anderen MaĂźe nahm und sie sorgfältig notierte. Er war unrasiert und kleingewachsen und trug einen fadenscheinigen Mantel aus einer Art Gabardinestoff; seine FĂĽĂźe steckten in Hausschuhen und ich hielt ihn fĂĽr einen harmlosen Trottel. ‚Ich bitte die Männer, die von hier aus in den AuĂźendienst gehen, immer darum, ihre Schädel messen zu dĂĽrfen, im Interesse der Wissenschaft’, sagte er. ‚Auch, wenn sie zurĂĽckkommen?’, fragte ich. ‚Oh, dann sehe ich sie nie’, antwortete er, ‚und auĂźerdem finden die Ă„nderungen ja innen statt, verstehen Sie?’ Er lächelte wie ĂĽber einen privaten Scherz. ‚Sie gehen also in den AuĂźendienst. Ausgezeichnet. Und interessant dazu.’ Er blickte mich prĂĽfend an und notierte wieder etwas. ‚Jemals Fälle von Geisteskrankheit in Ihrer Familie?’, fragte er im sachlichen Ton. Ich wurde sehr verärgert. ‚Stellen Sie diese Frage auch im Interesse der Wissenschaft?’ ‚Es wäre fĂĽr die Wissenschaft’, sagte er, ohne meinen Ă„rger zu bemerken, ‚von Interesse, die geistigen Ă„nderungen bei einzelnen Menschen zu prĂĽfen, an Ort und Stelle, aber …’ ‚Sind Sie ein Seelenarzt?’, unterbrach ich ihn. ‚Jeder Arzt sollte das sein – ein wenig’, antwortete dieses Prachtexemplar von Mediziner unbewegt. ‚Ich habe da eine kleine Theorie, bei deren Beweis Ihr Herrschaften vom AuĂźendienst mir helfen mĂĽsst. Das ist mein Anteil an den Erträgen, die meinem Land aus dem Besitz eines derart groĂźartigen abhängigen Territoriums erwachsen werden. Den simplen Reichtum ĂĽberlasse ich anderen. Verzeihen Sie meine Fragen, aber Sie sind der erste Engländer, den ich untersuchen darf …’ Ich beeilte mich, ihm zu versichern, dass ich nicht im Geringsten typisch sei. ‚Wäre ich das’, sagte ich, ‚wĂĽrde ich gar nicht so mit Ihnen reden.’ ‚Was Sie da sagen, hat seinen Hintersinn, aber wahrscheinlich irren Sie sich,’ sagte er lachend. ‚HĂĽten Sie sich mehr vor Reizungen als vor direktem Sonnenlicht. Adieu. Wie sagt Ihr Engländer gleich wieder? Good-bye. Ah! Good-bye. Adieu. In den Tropen muss man vor allem ruhiges Blut bewahren.’ . . . Er hob warnend seinen Zeigefinger. . . . `Du calme, du calme. Adieu.’

Eines musste ich noch tun – meiner formidablen Tante Lebewohl sagen. Ich fand sie in triumphierender Stimmung. Ich wurde zum Tee eingeladen – dem letzten anständigen Tee fĂĽr viele Tage –, in einem Zimmer, das auf eine äuĂźerst beruhigende Art genauso aussah, wie man sich den Salon einer Dame vorstellt, und wir unterhielten uns lange an ihrem Kamin. Im Verlauf dieses Austauschs von Vertraulichkeiten wurde mir bald klar, dass ich der Frau des hohen WĂĽrdenträgers und Gott weiĂź wie vielen anderen Leuten gegenĂĽber als auĂźergewöhnliches und talentiertes Wesen dargestellt worden war – ein GlĂĽcksfall fĂĽr die Gesellschaft – ein Mann, dem man nicht alle Tage begegnet. GĂĽtiger Himmel! Und da stand ich nun und sollte das Kommando ĂĽber einen schäbigen Flussdampfer mit einer Kinderpfeife daran ĂĽbernehmen! Es schien auĂźerdem, als ob ich es jetzt zum Mitglied der Arbeiterklasse gebracht hatte – ihr wisst schon. Irgend eine Art Lichtbringer, von der Sorte niederer Apostel. Gerade damals kursierte eine Menge derartigen Unfugs in der Presse und in Gesprächen, und das fabelhafte Frauenzimmer, das inmitten dieses Geschwafelsturms lebte, hatte seine Bodenhaftung verloren. Sie sprach so lange davon, ‚die unwissenden Menschenmassen aus ihren schrecklichen Umständen zu befreien’, dass es mir, ganz ehrlich, unangenehm wurde. Ich wagte anzudeuten, dass die Gesellschaft des Profits wegen gegrĂĽndet worden war.

‚Du vergisst, lieber Charlie, dass ein Arbeiter seines Lohnes wert ist,’ sagte sie fröhlich. Es ist schon seltsam, wie wenig die Frauen von der Wahrheit verstehen. Sie leben in ihrer eigenen Welt, und so eine wie die hat es noch nie gegeben und wird es auch nie geben. Sie ist einfach insgesamt zu schön, und wenn sie von ihnen aufgebaut wĂĽrde, ginge alles vor dem ersten Sonnenuntergang in die Binsen. Irgendeine verfluchte Tatsache, mit der die Männer sich seit dem Schöpfungstag arrangiert haben, wĂĽrde ihnen in die Quere kommen und alles einstĂĽrzen lassen.

Schließlich wurde ich umarmt, zum Tragen von Flanellunterwäsche angehalten, gemahnt, oft zu schreiben und so weiter – dann ging ich. Auf der Straße – ich weiß nicht warum – überkam mich das seltsame Gefühl, ein Hochstapler zu sein. Schon komisch, dass ausgerechnet ich, der normalerweise überall auf der Welt innerhalb von vierundzwanzig Stunden seine Zelte abbrechen konnte, und das mit weniger Bedenken als die meisten Menschen beim Überqueren einer Straße haben, für einen Moment – ich sage nicht: zögerte, aber doch – angesichts einer so alltäglichen Angelegenheit – erschreckt innehielt. Am besten kann ich es euch so erklären, dass mir, während einer oder zwei Sekunden, zumute war, als ob ich nicht in die Mitte eines Kontinents, sondern zum Mittelpunkt der Erde selbst fahren würde.

Ich reiste auf einem französischen Dampfer ab, der in jedem verfluchten Hafen, den sie da drauĂźen haben, einen Zwischenhalten einlegte, und das nur, soweit ich sehen konnte, um Soldaten und Zollbeamte abzusetzen. Ich beobachtete die KĂĽste. Eine KĂĽste zu beobachten, während sie am Schiff vorĂĽberzieht, ist wie ĂĽber ein Rätsel nachdenken. Da liegt sie vor einem – lächelnd, stirnrunzelnd, einladend, groĂźartig, böse, stumpfsinnig oder wild, und immer stumm mit dem Hauch eines FlĂĽsterns: ‚Komm her und entdecke mich.’ Diese hier wies kaum Besonderheiten auf, sie schien sich erst noch zu formen und bot den Anblick grimmiger Eintönigkeit. Der Saum eines gewaltigen Dschungels, so dunkelgrĂĽn, dass er fast schwarz wirkte, und gesäumt von weiĂźer Brandung, lief gerade, wie mit dem Lineal gezogen, eine blaue See entlang, deren Glitzern durch einen schleichenden Nebel verwischt wurde. Die Sonne brannte, und das Land schien glänzend und tropfend vor SchweiĂź. Hier und dort zeigten sich Ansammlungen gräulich-weiĂźlicher Flecken durch die weiĂźe Brandung hindurch, und manchmal wehte eine Flagge darĂĽber. Siedlungen, die schon Jahrhunderte alt waren und doch nicht größer als Stecknadelköpfe vor der unberĂĽhrten Weite hinter ihnen. Wir stampften voran, hielten an, setzen Soldaten ab, fuhren weiter, setzten Zollschreiber ab, die offenbar in einer WellblechhĂĽtte mit Flaggenmast mitten in der gottverlassensten Wildnis die Ein- und Ausfuhren besteuern sollten, setzen noch mehr Soldaten ab – wahrscheinlich sollten sie die Zollschreiber im Auge behalten. Einige von ihnen, so war zu hören, ertranken in der Brandung; aber niemand schien sich besonders dafĂĽr zu interessieren. Sie wurden einfach vom Schiff geworfen und weiter ging die Reise. Jeden Tag sah die KĂĽste gleich aus, es war, als hätten wir uns nicht bewegt; in Wirklichkeit passierten wir eine Reihe von Orten – Handelsstationen – mit Namen wie GroĂź-Bassam, Klein-Popo; Namen, die zu irgendeiner abgedroschenen, vor einer unheimlichen Kulisse gespielten Farce zu gehören schienen. Der dem Passagier eigene MĂĽĂźiggang, meine Isolation unter all diesen Männern, zu denen ich keinen Kontakt hatte, die ölige und träge See, die dĂĽstere Gleichförmigkeit der KĂĽste, all das schien mich von der den Dingen innewohnenden Wahrheit abzuhalten und in die MĂĽhen einer trĂĽbsinnigen und sinnlosen Wahnvorstellung einzuspinnen. Die Stimme der Brandung, die ich ab und zu hörte, war eine freudige Ausnahme und erschien mit wie die Stimme eines Bruders. Sie war etwas NatĂĽrliches, das eine Ursache und eine Bedeutung hatte. Hin und wieder vermittelte einem ein von der KĂĽste kommendes Boot einen Augenblick des Kontakts mit der Wirklichkeit. An den Rudern saĂźen Schwarze. Man konnte von Ferne ihre Augäpfel glänzen sehen. Sie riefen, sangen; ihre Körper waren schweißüberströmt; sie hatten Gesichter wie groteske Masken – diese Burschen; aber sie waren knochig, muskulös, voll wilder Lebendigkeit und einer intensiven Bewegungsenergie, die so natĂĽrlich und wahr wie die Brandung an ihrer KĂĽste war. Sie brauchten keine armseligen GrĂĽnde dafĂĽr, am Leben zu sein. Ihr Anblick war ein enormer Trost. Eine Weile hatte ich den Eindruck, immer noch zu einer Welt der einfachen Tatsachen zu gehören, aber das GefĂĽhl hielt nicht lange an. Irgendetwas passierte immer, das es wieder vertrieb. Einmal, so erinnere ich mich, trafen wir auf ein vor der KĂĽste ankerndes Kriegsschiff. Es gab dort nicht einmal eine HĂĽtte, aber trotzdem feuerten seine Kanonen in den Busch. Wie es scheint, fĂĽhrten die Franzosen irgendwo da drauĂźen einen ihrer Kriege. Die Hoheitsflagge hing schlaff herunter wie ein Fetzen Stoff, die MĂĽndungen der Sechszöller ragten ĂĽberall aus dem niedrigen Schiffsrumpf heraus; die schmierige, schleimbedeckte DĂĽnung trug das Schiff träge nach oben, lieĂź es wieder herunter und brachte die dĂĽnnen Masten zum Schwanken. Da lag es also unbegreiflich in der leeren Weite von Erde, Himmel und Wasser und feuerte in einen Kontinent hinein. Bumm! machte in regelmäßigen Abständen einer der Sechszöller, dann schoss eine kleine Flamme heraus und verschwand wieder, etwas weiĂźer Rauch löste sich auf, ein winziges Geschoss lieĂź ein schwaches Kreischen hören – und nichts geschah. Es konnte auch nichts geschehen. Ein Hauch von Wahnsinn lag in der Vorgehensweise, in dem Anblick ein GefĂĽhl drolliger Schwermut; und beides löste sich auch nicht dadurch in Luft auf, dass mir jemand an Bord ernsthaft versicherte, dass sich irgendwo dort drauĂźen auĂźer Sichtweite ein Lager der Eingeborenen – er nannte sie Feinde! – befand.

Wir übergaben die Post (wie ich hörte, starben die Seeleute auf jenem einsamen Schiff mit einer Geschwindigkeit von drei Mann am Tag) und setzten unsere Reise fort. Wir fuhren noch weitere Orte mit grotesken Namen an, wo jeden Tag der gleiche fröhliche Toten- und Händlertanz in einer stillen und erdgeschwängerten Luft, die der Atmosphäre einer überhitzten Katakombe gleicht, abgehalten wird; die ganze Küste entlang, wo die Brandung so gefährlich schäumt, als ob Mutter Natur selbst die Eindringlinge abhalten wollte; in Flüsse hinein und daraus hervor, Todes- und Lebensströme, deren Ufer zu Schlamm vermoderten, deren Wässer in schleimgetränkter Zähigkeit die verzerrten Formen der Mangroven bedrängten, die sich uns in höchster, aber ohnmächtiger Verzweiflung entgegenzukrümmen schienen. Nirgendwo ankerten wir lange genug, um einen besonderen Eindruck des jeweiligen Ortes zu gewinnen, aber das allgemeine Gefühl eines vagen und drückenden Staunens überkam mich immer stärker. Die Reise war wie eine mühselige Pilgerfahrt inmitten von Zeichen des Alptraums.

Es sollten über dreißig Tage vergehen, bis ich die Mündung des großen Flusses sah. Wir ankerten angesichts des Sitzes der Verwaltung. Meine Arbeit würde allerdings erst etwa zweihundert Meilen weiter beginnen. Ich ergriff also so schnell ich konnte die Gelegenheit, um zu einem Ort dreißig Meilen stromaufwärts zu kommen.

Die Fahrt ging auf einem kleinen seetauglichen Dampfboot. Sein Kapitän war ein Schwede, und da er wusste, dass ich ein Seemann war, lud er mich auf die BrĂĽcke ein. Er war ein junger Mann, schlank, gutaussehend und von mĂĽrrischer Art. Sein Haar war strähnig, sein Gang schlurfend. Als wir die elende kleine Anlegestelle hinter uns lieĂźen, machte er eine heftige verächtliche Kopfbewegung in Richtung Ufer. “Haben Sie sich hier aufgehalten?” fragte er. “Ja”, antwortete ich. “Feine Burschen, diese Herrn Staatsdiener, oder nicht?” fuhr er fort und sprach dabei ein Englisch von groĂźer Präzision und beträchtlicher Bitterkeit. “Schon komisch, was manche Leute fĂĽr ein paar Franc im Monat so alles anstellen. Ich frag’ mich nur, was aus dieser Art Mensch wird, wenn sie ins Landesinnere kommt?” Ich sagte ihm, dass ich erwartete, ĂĽber diese Frage bald mehr zu erfahren. “Aha!”, rief er. Er schlurfte querab durch die BrĂĽcke, immer ein Auge wachsam nach vorn gerichtet. “Seien Sie sich da mal nicht zu sicher”, fuhr er fort. “Vor ein paar Tagen hab’ ich einen Mann abgenommen, der sich am StraĂźenrand aufgehangen hatte. Auch ein Schwede.” “Aufgehangen? Warum, in Gottes Namen?”, rief ich. Er hielt weiter wachsam Ausschau. “Wer weiĂź? Vielleicht war ihm die Sonne ĂĽber, vielleicht das Land.”

SchlieĂźlich erreichten wir einen offenen Abschnitt. Ein felsiges Kliff tauchte auf, groĂźe Erdmale aus Abraum neben dem Ufer, Häuser auf einem HĂĽgel, andere mit Blechdächern, inmitten einer Wildnis von Grabungen oder am Hang klebend. Ein ständiges, von den oberhalb liegenden Stromschnellen kommendes Geräusch schwebte ĂĽber dieser Szenerie von bewohnter VerwĂĽstung. Viele Menschen, meist schwarz und nackt, wimmelten umher wie Ameisen. Ein Anlegesteg erstreckte sich in den Fluss hinein. Eine blendende Sonne tauchte all dies von Zeit zu Zeit in einen anfallartig wiederkehrenden Ausbruch von grellem Licht. “Da ist die Station Ihrer Gesellschaft”, sagte der Schwede und zeigte auf drei hölzerne barackenartige Konstruktionen am Felshang. “Ich werde Ihre Sachen nach oben schicken. Vier Kisten, haben Sie gesagt? Na, dann. Leben Sie wohl.”

Ich traf auf einen Dampfkessel, der es sich im Gras gut gehen ließ, und fand dann einen Pfad, der den Hügel hinauf führte. Er machte eine Biegung, wenn ein Felsbrocken im Weg lag, aber auch, um einen winzigen Eisenbahnkarren zu umgehen, der dort lag und seine Räder in die Luft streckte. Ein Rad war ab. Das Ding sah so tot aus wie die Leiche irgendeines Tieres. Ich kam an weitere verrottende Maschinenteile und einen Stapel rostiger Nägel. Zur Linken spendete eine Baumgruppe Schatten, in dem sich dunkle Wesenheiten schwach zu rühren schienen. Ich blinzelte, der Pfad war steil. Von rechts ertönte eine Warnsirene, und ich sah die Schwarzen rennen. Eine heftige und dumpfe Explosion erschütterte den Boden, eine Rauchwolke kam aus dem Kliff, und damit hatte es sich. Die Oberfläche des Felsen blieb unverändert. Man baute eine Eisenbahn. Nicht dass das Kliff im Weg gewesen wäre, aber außer dem ziellosen Sprengen wurden keine Arbeiten durchgeführt.

Ein leichtes Klirren hinter mir führte dazu, dass ich mich umsah. Eine Reihe von sechs schwarzen Männer, die sich den Hang hinaufarbeiteten, kam auf mich zu. Sie gingen aufgerichtet und langsam und balancierten dabei kleine Körbe voller Erde auf ihren Köpfen; das Klirren ertönte im Takt ihrer Schritte. Um ihre Lenden hatten sie schwarze Fetzen gewunden, deren Enden hinter ihnen hin- und herwackelten wie Schwänze. Ich konnte ihre Rippen zählen, ihre Gelenke waren wie Knoten in einem Seil; jeder trug einen eisernen Ring um den Hals, und alle waren an eine Kette angeschlossen, deren durchhängende Bögen zwischen ihnen schwangen und so das Klirren erzeugten. Eine erneute Detonation vom Kliff her ließ mich plötzlich an jenes Schiff denken, dass ich in den Kontinent hineinfeuern gesehen hatte. Es war dieselbe Art unheilverkündende Botschaft, aber diese Männer hier konnte man mit der größten Phantasie nicht als Feinde betrachten. Sie wurden als Kriminelle bezeichnet, und die Furie des Gesetzes war, wie die explodierenden Granaten, als unlösbares Rätsel über das Meer auf sie gekommen. Ihre mageren Brustkörbe keuchten mit ganzer Kraft im Gleichtakt, die geweiterten Nüstern bebten, die Blicke gingen starr den Hügel hinauf. Sie passierten mich in nicht mehr als sechs Zoll Entfernung, ohne mich anzusehen, mit jener vollständigen, todesartigen Gleichgültigkeit des unglücklichen Wilden. Hinter diesem Rohmaterial schlurfte mit niedergeschlagenen Schritten, ein Gewehr in der Hand, einer der bereits Bearbeiteten daher, das Produkt der neuen hier wirkenden Kräfte. Er trug eine Uniformjacke, bei der ein Knopf fehlte, und als er den Weißen am Wegesrand stehen sah, schulterte er diensteifrig sein Gewehr. Das war reine Vorsicht, denn Weiße sahen von weitem derart ähnlich aus, dass er nicht wissen konnte, wer ich wohl sein konnte. Er war rasch wieder beruhigt und schenkte mir ein breites, weißes, schurkisches Grinsen, das mich, zusammen mit einem kurzen Blick auf seine Schützlinge, auf überschwängliche Art mit ins Vertrauen zu nehmen schien. Schließlich war ich, ebenso wie er, Teil der noblen Mission und kämpfte für die hochedle und gerechte Sache.

Statt dem Pfad weiter nach oben zu folgen, wandte ich mich nach links und ging wieder abwärts. Ich wollte die Kettensträflinge außer Sichtweite haben, bevor ich den Hügel hochstieg. Ihr wisst, dass ich nicht besonders zart besaitet bin, ich habe mich unter Umständen wehren und auch verteidigen müssen. Manchmal musste ich mich verteidigen und zuschlagen – auch nur eine Art der Verteidigung –, ohne über die genauen Kosten nachzudenken, so war eben das Leben, in das ich hineingestolpert bin. Der Teufel der Gewalttätigkeit ist mir nicht fremd, auch nicht der Teufel der Gier und der Teufel der brennenden Begierde – aber, meine Herren!, das hier waren starke und tüchtige Teufel mit blutunterlaufenen Augen, die sich in den Hüften wiegten und Menschen vor sich hertrieben – Menschen, sage ich euch. Aber schon, als ich auf diesem Hang stand, ahnte ich, dass ich in dem grellen Sonnenschein dieses Landes auch die Bekanntschaft eines kraftlosen, großspurigen, kurzsichtigen Teufels machen würde, der sich durch einen habgierigen und gnadenlosen Wahnsinn auszeichnete. Bis zu welchem Maß seine außerdem vorhandene Heimtücke reichte, würde ich erst mehrere Monate und tausend Meilen weiter erfahren. Für einen Moment stand ich voller Entsetzen da, als ob ich gewarnt worden wäre. Schließlich steig ich den Hügel hinab und ging auf die Bäume zu, die ich gesehen hatte.

Ich umging ein weites menschengemachtes Loch, das irgendjemand in den Hang gegraben hatte, zu welchem Zweck, war unmöglich zu erraten. Es war jedenfalls weder eine Mine oder ein Steinbruch noch eine Sandgrube Es war einfach nur ein Loch. Möglicherweise hatte es mit dem menschenfreundlichen Wunsch zu tun, den Kriminellen etwas zu tun zu geben, ich weiß es nicht. Dann fiel ich beinahe in eine enge Felsspalte, wenig mehr als eine Narbe im Hang. Ich entdeckte, dass man eine große Menge von importierten Abflussrohren für die Siedlung dort hineingeworfen hatte. Nicht eines von ihnen war heil geblieben. Es war mutwillige Zerstörung. Endlich gelangte ich unter die Bäume. Meine Absicht war, für einen Moment im Schatten spazieren zu gehen, aber kaum hatte ich ihn betreten, bekam ich den Eindruck, in den trostlosen Kreis irgendeiner Hölle geraten zu sein. Die Stromschnellen waren nah, und ein unaufhörlicher, gleichförmig und wild brausender Lärm erfüllte die trübsinnige Stille den Hain, in dem sich nicht ein Hauch rührte und kein Blatt sich bewegte, mit einem geheimnisvollen Klang – als ob plötzlich der rasende Schritt der durchs Weltall geschleuderten Erde selbst hörbar geworden wäre.

Schwarze Silhouetten kauerten oder lagen am Boden, saßen zwischen den Bäumen, an die Stämme gelehnt, klammerten sich an die Erde, halb sichtbar, halb verschluckt im trüben Licht, in allen Haltungen von Schmerz, Verlorenheit und Verzweiflung. Am Kliff ging eine weitere Sprengladung hoch, gefolgt von einem leichten Zittern der Erde unter meinen Füßen. Die Arbeiten gingen voran. Die Arbeiten! Und dies war der Ort, an den sich einige der Helfer zum Sterben zurückgezogen hatten.

Sie starben einen langsamen Tod, soviel war klar. Sie waren keine Feinde, sie waren keine Kriminellen, sie waren gar nichts Irdisches mehr – nichts als schwarze Schatten von Krankheit und Hungertod, die wild durcheinander im düsteren grünen Licht herumlagen. Aus allen Winkeln der Küste vollkommen rechtmäßig mit Zeitverträgen herbeigeschafft, verloren in unwirtlichen Umständen, ernährt mit ungewohntem Essen, wurden sie krank, waren nicht mehr effizient, und dann wurde ihnen erlaubt, wegzukriechen und sich auszuruhen. Diese todgeweihten Schemen waren so frei wie die Luft – und beinahe so dünn. Ich fing an, das Glänzen der Augen unter den Bäumen auszumachen. Dann, beim flüchtigen Blick nach unten, sah ich ein Gesicht neben meiner Hand. Die schwarzen Glieder lehnten in voller Länger mit einer Schulter gegen den Baum, und langsam hoben sich die Augenlider und die eingesunkenen Augen betrachteten mich, riesengroß und leer, mit einer Art blindem, weißen Flackern in den Tiefen der Augäpfel, das langsam erstarb. Der Mann schien jung zu sein – fast noch ein Kind –, aber ihr wisst ja, dass man das bei ihnen schwer feststellen kann. Mir fiel nichts anderes ein, als ihm eines der von dem guten Schweden stammenden Stücke Schiffszwieback anzubieten, die ich in meiner Tasche trug. Die Finger schlossen sich langsam darum und hielten es fest – es gab keine andere Bewegung und keinen weiteren Blick. Er hatte sich ein Stück weißen Kammgarnfaden um den Hals gebunden – Warum nur? Wo hatte er es her? War es ein Abzeichen – ein Schmuckstück – ein Talisman – ein Zeichen der Versöhnung? Hatte es überhaupt irgendeinen Sinn? Es machte einen verblüffenden Eindruck, wie es da um seinen schwarzen Hals herumgelegt war, dieses Stück weißen Garns aus Übersee.

Nahe demselben Baum saßen zwei oder drei weitere Bündel von spitzen Winkeln mit angezogenen Beinen auf dem Boden. Einer hatte sein Kinn auf die Knie gestützt und starrte auf eine unerträgliche und abstoßende Weise ins Nichts, das Phantom an seiner Seite stützte seine Stirn, als ob es eine große Müdigkeit überkommen hätte, und überall im Umkreis waren andere in jeder Art von Verrenkung zusammengebrochen. Es war wie das Bild eines Massakers oder einer Pestepidemie. Während ich vom blanken Entsetzen gepackt dastand, erhob sich eine der Kreaturen auf Händen und Knien und krabbelte auf allen vieren zum Fluss, um dort zu trinken. Er leckte das Wasser aus der hohlen Hand und setzte sich dann im mit gekreuzten Beinen im Sonnenschein auf. Nach einer Weile ließ er seinen Krauskopf auf die Brust fallen.

Ich hatte genug von meinem Bummel im Schatten und machte mich eilig auf den Weg zur Station. Nahe den Gebäuden traf ich auf einen Weißen, der mit einer derart unerwarteten Eleganz gekleidet war, dass ich ihn zunächst für eine Art Vision hielt. Ich sah einen hohen gestärkten Kragen, weiße Manschetten, eine leichte Jacke aus Alpaca-Wolle, schneefarbene Hosen, eine saubere Krawatte und gewichste Stiefel. Kein Hut. Gescheitelte, gekämmte und geölte Haare unter einem Sonnenschirm mit grünem Innenfutter, den eine große, weiße Hand hielt. Es war nicht zu fassen. Er trug sogar einen Federhalter hinter dem Ohr.

Ich gab diesem Wundermenschen die Hand und erfuhr, dass es sich bei ihm um den Hauptbuchhalter der Gesellschaft handelte und dass die gesamte Buchhaltung in dieser Station abgewickelt wurde. Er sei fĂĽr einen Moment herausgekommen, so sagte er, um ‚etwas Luft zu schnappen’. Der Ausdruck mit seiner zugrundeliegenden Vorstellung eines langweiligen Schreibstubenlebens wirkte wunderbar deplaziert. Ich hätte den Burschen gar nicht erwähnt, wäre es nicht von seinen Lippen gewesen, dass ich zum ersten Mal den Namen des Mannes hörte, der so unauflöslich mit der Erinnerung an jene Zeit verbunden ist. DarĂĽber hinaus verspĂĽrte ich Respekt fĂĽr den Kerl. Ja doch: Ich hatte Respekt vor seinem Kragen, seinen riesigen Manschetten, seinem gekämmten Haar. Er sah zweifellos aus wie eine Friseurpuppe, aber in den Umständen größter Demoralisierung, die in dem Land herrschten, schaffte er es, die Formen zu wahren. Das nenne ich RĂĽckgrat. Seine gestärkten Kragen und geckenhaften HemdbrĂĽste waren ein Zeichen von Charakter. Er war seit fast drei Jahren hier drauĂźen, und später konnte ich nicht anders als ihn fragen, wo er wohl diese Qualität an Leinen herbekomme. Er errötete nur eine winzige Spur und sagte bescheiden: ‚Ich habe es einer der Eingeborenenfrauen, die hier um die Station herum leben, beigebracht. Es war schwierig. Sie mochte die Arbeit nicht.’ Dieser Mann hatte also wirklich etwas erreicht. Und er widmete sich mit Hingabe seinen BĂĽchern, die peinlich genau gefĂĽhrt waren.

Alles andere in der Station war ein einziges Durcheinander – Köpfe, Dinge, Gebäude. Lange Reihen staubbedeckter Nigger mit Spreizfüßen kamen und gingen; ein Strom von Fertigwaren, minderwertige Baumwollstoffe, Glasperlen und Messingdraht, ergoss sich in die Tiefen der Finsternis, und als Gegenleistung tröpfelte ein kostbares Rinnsal von Elfenbein herein.

Ich musste zehn Tage lang in der Station warten – eine Ewigkeit. Ich war in einer HĂĽtte im Hof untergebracht, aber um dem Chaos zu entkommen, machte ich mich manchmal im BĂĽro des Buchhalters zu schaffen. Es bestand aus horizontalen Brettern und war so schlecht gebaut, dass er, wenn er sich ĂĽber sein Pult lehnte, von Kopf bis FuĂź von einem Gitter aus schmalen Streifen Sonnenlicht bedeckt wurde. Man musste nicht erst den groĂźen Fensterladen öffnen, um etwas sehen zu können. HeiĂź war es auch dort drinnen; groĂźe Fliegen sausten diabolisch surrend umher und stachen nicht, sondern versetzten Dolchstöße. Ich saĂź in der Regel auf dem Boden, während er, mit makellosen Ă„uĂźeren (und sogar leicht parfĂĽmiert) auf einem hohen Schemel saĂź und schrieb und schrieb. Manchmal stand er auf, um sich etwas Bewegung zu verschaffen. Als ein Rollbett mit einem Kranken (irgendein dienstunfähiger Agent aus dem Landesinneren) dort aufgestellt wurde, zeigte er milde Verärgerung. ‚Das Stöhnen dieses kranken Menschen’, sagte er, ‚beeinträchtigt meine Konzentration. Und ohne die ist es ausgesprochen schwierig, sich in diesem Klima vor Schreibfehlern zu schĂĽtzen.’

Eines Tages bemerkte er, ohne dabei den Kopf zu heben: ‚Im Landesinneren werden Sie sicher Monsieur Kurtz begegnen.’ Auf meine Frage, wer denn Monsieur Kurtz sei, antwortete er, dass es sich um einen erstklassigen Agenten handele. Als er meine Enttäuschung ĂĽber diese Information sah, fĂĽgte er langsam hinzu, während er seine Feder hinlegte: ‚Er ist ein sehr bemerkenswerter Mensch.’ Durch weitere Fragen war ihm zu entlocken, dass Monsieur Kurtz zurzeit einen Handelsposten leitete, einen sehr wichtigen, tief im echten Elfenbeinland, ‚so tief, wie es nur geht. Schickt uns so viel Elfenbein wie alle anderen zusammen …’ Er begann wieder zu schreiben. Dem Kranken ging es zu schlecht, um zu stöhnen. Die Fliegen surrten voll Friedfertigkeit.

Plötzlich erhob sich ein anwachsendes Gemurmel von Stimmen und ein lautes Trampeln von FĂĽĂźen. Eine Karawane war angekommen. Auf der anderen Seite der Bretter brach ein heftiges, ungehobeltes Stimmgewirr aus. Alle Träger redeten durcheinander, und inmitten des Aufruhrs war die jämmerliche, den Tränen nahe Stimme des Hauptagenten zu hören, der es zum zwanzigsten Mal an dem Tag ‚aufgeben’ wollte. . . . Er erhob sich langsam. ‚Was fĂĽr ein schrecklicher Aufstand’, sagte er. Er durchquerte behutsam den Raum, um nach dem kranken zu sehen. Als er zurĂĽckkam, sagte er zu mir: ‚Er hört nichts.’ ‚Was! Tot?’, fragte ich erschrocken. ‚Nein, noch nicht’, antwortete er mit groĂźer Beherrschung. Dann, mit einer Kopfbewegung auf den Tumult im Hof der Station deutend: ‚Wenn man auf die Korrektheit seiner Einträge achten muss, fängt man an, diese Wilden zu hassen – bis aufs Blut zu hassen.’ Er war fĂĽr einen Moment nachdenklich. ‘Wenn Sie Monsieur Kurtz sehen’, fuhr er fort, ‚bestellen Sie ihm von mir, dass alles hier’ – er blickte kurz auf die Veranda – ‚sehr zufriedenstellend verläuft. Ich möchte ihm ungern schreiben – bei unseren Boten ist man nie sicher, wer solch einen Brief in die Hände bekommt, dort in der Hauptstation.’ Er starrte mich einen Moment lang mit seinen sanften, hervortretenden Augen an. ‚Oh, er wird es noch weit bringen, sehr weit’, fing er wieder an. ‚Es wird nicht mehr lange dauern, bis er ein wichtiger Mann in der Verwaltung ist. Ganz weit oben – im Verwaltungsrat in Europa, sie wissen schon – wĂĽnscht man es so.’

Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Der Lärm draußen hatte geendet, und beim Hinausgehen hielt ich kurz in der Tür inne. Im stetigen Surren der Fliegen lag der Agent auf Heimreise in seinem Bett, am Ende seiner Kräfte und empfindungslos; der andere, über seine Bücher gebeugt, machte korrekte Einträge für absolut korrekte Transaktionen; und fünfzig Fuß unterhalb der Türschwelle konnte ich die unbeweglichen Baumspitzen des Todeshains sehen.

Am nächsten Tag verließ ich die Station mit einer Karawane von sechzig Männern und machte mich auf einen zweihundert Meilen langen Fußmarsch.

Sinnlos, euch viel darĂĽber zu erzählen. Trampelpfade, nichts als Trampelpfade: ein in den Boden gestampftes Netz von Wegen, die sich ĂĽber das leere Land ausbreiteten, durch das lange Gras, durch verdörrtes Gras, durch das Dickicht, frostig kalte Schluchten hinauf und wieder hinab, steinige, von der Hitze verbrannte HĂĽgel hinauf und wieder hinab – und eine Einsamkeit, eine Einsamkeit – niemand, nicht einmal eine HĂĽtte. Die Bevölkerung hatte die Gegend schon vor langer Zeit verlassen. Na ja, wenn eine Menge geheimnisvoller, mit allen Arten von furchterregenden Waffen ausgerĂĽsteter Nigger plötzlich auf die Idee käme, die StraĂźe zwischen Deal und Gravesend zu bereisen und die Einheimischen vom StraĂźenrand aufzugreifen, um sie schwere Lasten tragen zu lassen, nehme ich doch an, dass dort sehr bald jeder Bauernhof und jedes Dorf verlassen daliegen wĂĽrde. Nur, dass hier auch noch die Gebäude verschwunden waren. Es gab allerdings noch einige verlassene Dörfer, durch die wir kamen. Die Ruinen von Wänden aus Gras haben so etwas rĂĽhrend Kindisches an sich. Tagaus, tagein das Stampfen und Schlurfen von sechzig Paar nackter FĂĽĂźe hinter mir, jedes davon unter 60 Pfund Gewicht. Kampieren, kochen, schlafen, Lager abbrechen, marschieren. Ab und zu ein Träger tot in den Gurten, ruhend im langen Grass neben dem Weg, mit einer leeren KĂĽrbisflasche und dem langen Stock an seiner Seite. Eine groĂźe Stille erfĂĽllte das Land. Vielleicht einmal in einer ruhigen Nacht das Beben weit entfernter Trommeln, absinkend, anschwellend, ein weites, leises Beben; ein Klang, seltsam, lockend, andeutungsvoll und wild – und vielleicht von so tiefer Bedeutung wie der Klang von Glocken in einem christlichen Land. Einmal ein WeiĂźer in einer aufgeknöpften Uniform, der am Wegesrand mit einer bewaffneten Eskorte hager aufgeschossener Sansibarneger kampierte, sehr gastfreundlich und zum Feiern aufgelegt – um nicht zu sagen: betrunken. Er kĂĽmmere sich um die Instandhaltung der StraĂźe, so erklärte er. Ich kann nicht behaupten, irgendeine StraĂźe oder irgendeine Instandhaltung gesehen zu haben, es sei den die Leiche eines Negers mittleren Alters mit einem Einschussloch in der Stirn, ĂĽber den ich drei Meilen weiter tatsächlich stolperte, wäre als AusbaumaĂźnahme anzusehen gewesen. Ein WeiĂźer war auch mit mir unterwegs, kein ĂĽbler Busche, aber ein wenig zu gut im Futter, und er hatte die ärgerliche Angewohnheit, auf den heiĂźen Abhängen der HĂĽgel ohnmächtig zu werden, meilenweit weg vom kleinsten bisschen Schatten und Wasser. Lästige Angelegenheit, sage ich euch, jemandem den eigenen Rock wie einen Sonnenschirm ĂĽber den Kopf zu halten, während er wieder zu sich kommt. Einmal konnte ich es mir nicht verkneifen, ihn zu fragen, warum er ĂĽberhaupt dort war. ‚Um Geld zu verdienen natĂĽrlich. Was haben Sie denn gedacht?’, sagte er verächtlich. Dann bekamt er Fieber und musste in einer Hängematte, die man an einer Holzstange aufhängte, getragen werden. Da er ĂĽber zweihundert Pfund wog, nahm der Ă„rger mit den Trägern kein Ende. Sie sträubten sich, rannten weg, schlichen nachts mit ihren Lasten weg – eine richtige Meuterei. Eines Abends also hielt ich eine Rede in Englisch und machte bedeutsame Gesten, von denen nicht eine den sechzig Augenpaaren vor mir entging, und am nächsten Morgen gelangt es mir tatsächlich, die Hängematte gleich als erstes vorauszuschicken. Eine Stunde traf ich auf die ganze Angelegenheit, die in einem Busch Schiffbruch erlitten hatte – Mann, Hängematte, Stöhnen, Decken, grauenvoll. Der schwere Stock hatte seine arme Nase in eine SchĂĽrfwunde verwandelt. Er wollte unbedingt, dass ich irgendjemanden umbrächte, aber in der Nähe zeigte sich nicht der Schatten eines Trägers. Ich dachte an den alten Arzt – ‚Es wäre fĂĽr die Wissenschaft von Interesse, die geistigen Ă„nderungen bei einzelnen Menschen zu prĂĽfen, an Ort und Stelle.’ –, und hatte das GefĂĽhl, zu einem lohnenden Studienobjekt zu werden. Aber das gehört eigentlich alles gar nicht hierher. Am fĂĽnfzehnten Tag kam wieder der groĂźe Fluss in Sicht, und ich humpelte in die Hauptstation hinein. Sie lag an einem Altarm und war von GestrĂĽpp und Wald umgeben; auf der einen Seite grenzte sie an eine hĂĽbsche Barriere aus ĂĽbelriechendem Schlamm, auf den drei anderen war sie von einem absurden Umzäunung aus Binsen umgeben. Ein verwahrloster Durchlass war alles, was an Toren vorhanden war, und ein erster flĂĽchtiger Blick genĂĽgte, um zu sehen, dass hier der kraftlose Teufel das Regiment hatte. WeiĂźe mit langen KnĂĽppeln in der Hand tauchten trägen Schrittes zwischen den Gebäuden auf und kamen herĂĽbergeschlendert, um einen Blick auf mich zu werfen, dann zogen sie sich wieder nach irgendwohin auĂźer Sichtweite zurĂĽck. Eine vor ihnen, ein stämmiger, leicht erregbarer Bursche mit schwarzem Schnauzbart, informierte mich, sobald ich ihm gesagt hatte, wer ich war, mit groĂźer Redseligkeit und vielen Abschweifungen darĂĽber, dass mein Dampfboot auf dem Grund des Flusses lag. Ich war wie vom Donner gerĂĽhrt. Was, wie, warum? Oh, aber es war ‚alles in Ordnung’. Der ‚Direktor selbst’ war anwesend. Alles vollkommen korrekt. ‚Alle haben sich groĂźartig gehalten! Einfach groĂźartig!’ – ‚Sie mĂĽssen’, sagte er aufgeregt, ‚sofort den Generaldirektor aufsuchen. Er wartet schon.’

Ich begriff nicht sofort, was dieses Schiffsunglück bedeutete. Ich nehme mal an, jetzt begreife ich es, aber sicher bin ich mir da nicht – überhaupt nicht. Sicher war die Angelegenheit zu dumm – insgesamt gesehen –, um ganz natürliche Ursachen zu haben. Andererseits . . . In dem Augenblick stellte sie sich jedenfalls einfach als verdammtes Ärgernis dar. Das Dampfboot war gesunken. Man war vor zwei Tagen in plötzlicher Eile mit dem Direktor an Bord flussaufwärts losgefahren, unter dem Kommando irgendeines Amateurkapitäns, und keine drei Stunden nach Ablegen war man auf Felsen gelaufen und hatte den Boden aufgerissen, sodass es nahe dem Südufer gesunken war. Ich fragte mich, was ich dort noch sollte, jetzt wo mein Boot verloren gegangen war. Tatsächlich hatte ich aber alle Hände voll damit zu tun, das mir übertragene Kommando aus dem Fluss zu fischen. Schon am nächsten Tag musste ich damit beginnen. Dies, zusammen mit den nach Bergung der Einzelteile in der Station zu erledigenden Reparaturen, nahm einige Monate in Anspruch.

Mein erstes Gespräch beim Direktor verlief eigenartig. Er bot mir nicht an, mich zu setzen, obwohl ich doch einen Marsch von zwanzig Meilen absolviert hatte an jenem Morgen. Farbe und Schnitt seines Gesichts, seine Manieren, seine Stimme waren von groĂźer Durchschnittlichkeit. Er war von mittlerer Größe und normaler Statur. Seine Augen, wie gewöhnlich blau, waren vielleicht auĂźergewöhnlich kalt, und mit Sicherheit konnte er Blicke austeilen, die so scharf und schwer waren wie ein Fallbeil. Aber selbst dann schien der Rest seiner Person diese Haltung LĂĽgen zu strafen. Davon abgesehen lag nur ein undefinierbarer, vager Ausdruck auf seinen Lippen, irgendetwas verstohlenes – ein Lächeln – kein Lächeln – ich kann mich daran erinnern, erklären kann ich es nicht. Es was unbewusst, dieses Lächeln, aber wenn er gerade etwas gesagt hatte, wurde es fĂĽr einen Moment intensiver. Es beschloss seine Ansprachen wie ein auf die Worte gedrĂĽcktes Siegel, durch das die größten Allgemeinplätze eine vollkommen rätselhafte Bedeutung annahmen. Er war ein gewöhnlicher Händler, der seit seiner Jugend in diesem Teil der Welt arbeitete – weiter nichts. Man befolgte seine Befehle, aber er weckte weder Liebe noch Hass, noch hatte man auch nur Respekt vor ihm. Was man in seiner Gegenwart verspĂĽrte, war Unbehagen. Das war es! Unbehagen. Kein tatsächliches Misstrauen – nur Unbehagen, weiter nichts. Ihr glaubt gar nicht, wie wirksam eine solche … na ja … Begabung sein kann. Er hatte keinerlei Organisationstalent, zeigte keine Initiative und konnte auch keine Befehle geben. Das zeigte sich an Sachen wie dem traurigen Zustand, in dem sich die Station befand. Er war weder gebildet noch intelligent. Er war an seine Stellung gekommen – wie? Weil er nie krank wurde. . . Er hatte dreimal einen Dreijahresturnus dort drauĂźen absolviert … Denn eine äuĂźerst robuste Konstitution stellt inmitten des allgemeinen gesundheitlichen Zusammenbruchs schon eine Art Leistung dar. Wenn er auf Heimaturlaub war, lieĂź er die Puppen tanzen – mit allen Schikanen. Ein Seemann auf Landgang – ein ganz besonderer natĂĽrlich – und nur dem äuĂźeren Anschein nach. Soviel lieĂź sich aus seinen beiläufigen Bemerkungen erschlieĂźen. Er hatte keinerlei Ideen, er konnte nur den Routinebetrieb verwalten – das war alles. Aber er hatte etwas GroĂźartiges. Seine GroĂźartigkeit bestand aus einem winzigen Detail: der Unmöglichkeit herauszufinden, was einen solchen Menschen im Zaum halten konnte. Dieses Geheimnis verriet er nie. Vielleicht gab es in ihm einfach nichts derartiges. Ein solcher Verdacht gab einem zu Denken – denn externe Schranken gab es dort drauĂźen nicht. Einmal, als verschiedene Tropenkrankheiten fast alle ‚Agenten’ der Station ans Bett fesselten, hörte man ihn sagen: ‚Wer hier herkommt, darf keine inneren Organe haben.’ Er versiegelte diese Ă„uĂźerung mit dem besagten Lächeln, als ob sie die Pforte zu einer Finsternis, die er tief in sich trug, geöffnet hätte. Man hatte das GefĂĽhl, etwas gesehen zu haben – aber dann war schon das Siegel wieder darauf. Als ihn der ewige Streit der WeiĂźen um die Sitzordnung bei den Mahlzeiten verärgerte, befahl der die Anfertigung einer enormen Tafelrunde, fĂĽr die ein besonderes Haus gebaut werden musste. Das war dann die Stationsmesse. Wo er saĂź, war der FĂĽrstenplatz – alle anderen saĂźen im Nichts. Man hatte den Eindruck, dies sei seine unabänderliche Ăśberzeugung. Er war weder höflich noch unhöflich. Er war ruhig. Er erlaubte seinem ‚Boy’, einem ĂĽbergewichtigen jungen Neger von der KĂĽste, die WeiĂźen vor seinen eigenen Augen mit provozierender Frechheit zu behandeln.

Er begann zu sprechen, sobald er mich sah. Ich sei sehr lange unterwegs gewesen. Er habe nicht warten können und ohne mich losgemusst. Die flussaufwärts liegenden Station hätten versorgt werden mĂĽssen. Es habe vorher schon so viele Verzögerungen gegeben, dass er nicht wisse, wer noch am Leben sei und wer nicht, und wie alles voranginge – und so weiter und so fort. Er beachtete meine Erklärungen gar nicht und wiederholte, während er mit einer Stange Siegellack spielte, mehrere Male, die Situation sei ‚sehr, sehr ernst’. Es gebe GerĂĽchte, dass eine sehr wichtige Station in Gefahr sei, und ihr Leiter, Monsieur Kurtz, krank. Er hoffe, dass dies nicht wahr sei. Monsieur Kurtz sei … Ich war mĂĽde und gereizt. Zur Hölle mit Kurtz, dachte ich. Ich unterbrach ihn mit der Bemerkung, bereits an der KĂĽste von Monsieur Kurtz gehört zu haben. ‚Ach! Man spricht also dort unten ĂĽber ihn’, murmelte er vor sich hin. Dann fing er wieder an und versicherte mir, Monsieur Kurtz sei der beste Agent, den er habe, ein auĂźergewöhnlicher Mann, von allergrößter Bedeutung fĂĽr die Gesellschaft; daher könne ich seine Besorgnis sicher verstehen. Er sei, so sagte er, ‚sehr, sehr unruhig.’ Er zappelte jedenfalls ziemlich auf seinem Stuhl herum, rief ‚Ach, Monsieur Kurtz!’, brach die Stange Siegellack entzwei und schien angesichts des Unfalls völlig entgeistert. Als nächstes wollte er wissen, wie lange es wohl dauern wĂĽrde, um … Ich unterbrach ihn erneut. Ich hatte Hunger, ihr versteht schon, und durfte mich nicht setzten. Also wurde ich böse. ‚Woher soll ich das wissen?’, sagte ich. ‚Ich habe das Wrack noch nicht einmal gesehen – ein paar Monate auf jeden Fall.’ Das ganze Gerede schien mir so sinnlos. ‚Ein paar Monate’, sagte er. ‚Nun, dann sagen wir mal drei Monate, bevor es wieder losgeht. Ja, das sollte genĂĽgen.’ Ich stĂĽrzte aus seiner HĂĽtte (er lebte allein in einer LehmhĂĽtte mit einer Art Veranda), meine Meinung ĂĽber ihn vor mich hinmurmelnd: ein Schwatzkopf! Später nahm ich das wieder zurĂĽck, als ich mit Erstaunen immer mehr erkennen musste, wie extrem genau er die fĂĽr die ‚Angelegenheit’ erforderliche Zeitspanne eingeschätzt hatte.

Am nächsten Tag machte ich mich an die Arbeit und wandte dabei sozusagen der Station den RĂĽcken zu. Nur so schien es mir möglich zu sein, meine Verbindung zur erlösenden Welt der Tatsachen nicht zu verlieren. Manchmal musste man sich allerdings umdrehen, und dann sah ich diese Station, diese Männer, wie sie ziellos im sonnenbeschienenen Hof umherschlenderten. Manchmal fragte ich mich, was das alles bedeuten sollte. Sie wanderten mal hierhin, mal dorthin, mit ihren albernen langen KnĂĽppeln in der Hand, wie eine Reihe vom Glauben abgefallener Pilger, die ein magischer Bann innerhalb der verfallenen Umzäunung gefangen hielt. Das Wort ‚Elfenbein’ hing in der Luft, ein FlĂĽstern, ein Seufzer. Man hätte meinen können, sie beteten es an. Eine Prise stumpfsinniger Habgier umwehte das Ganze wie ein Hauch Leichengeruch. Meine Herren! Etwas derartig Unwirkliches ist mir noch nie im Leben begegnet. Und die stille Wildnis drauĂźen, die diesen gerodeten Fleck Erde umringte, erschien mir plötzlich groĂź und unbesiegbar, wie das Böse oder die Wahrheit selbst, geduldig darauf wartend, dass diese bizarre Invasionsarmee weiterziehen wĂĽrde.

Ach, diese Monate! Na ja, Schwamm drĂĽber. Verschiedenes passierte. Einmal brach abends in einer GrasshĂĽtte, die voller indischem Tuch, bedruckten Baumwollstoffen, Glasperlen und was sonst noch allem steckte, derart blitzartig ein Brand aus, dass man meinte, die Erde hätte sich aufgetan, um den ganzen Plunder vom rächenden Feuer verzehren zu lassen. Ich saĂź neben den Einzelteilen meines Dampfboots, rauchte meine Pfeife und sah ihnen allen dabei zu, wie sie im Feuerschein mit nach oben geworfenen Händen LuftsprĂĽnge vollfĂĽhrten, als der Stämmige mit Schnauzbart mit einem Blecheimer in der Hand herunter zum Fluss kam, mir versicherte, dass sich alle ‚groĂźartig’ hielten, ‚einfach groĂźartig!’, den Eimer mit einer Viertelgallone Wasser fĂĽllte und zurĂĽckstĂĽrzte. Mir entging nicht, dass der Eimer im Boden ein Loch hatte.

Ich schlenderte hinĂĽber. Eile war nicht angebracht, schlieĂźlich war das Ding in Flammen aufgegangen wie eine Streichholzschachtel. Es war von Anfang an ein hoffnungsloser Fall. Die Flammen waren hoch emporgeschossen, hatten alle zurĂĽckweichen lassen, alles in Brand gesetzt – und waren dann in sich zusammengefallen. Die HĂĽtte hatte sich schon in einen Haufen sengender Glut verwandelt. In der Nähe wurde ein Nigger geprĂĽgelt. Man sagte, er hätte das Feuer irgendwie zu verantworten; wie auch immer, in jedem Fall schrie er gottserbärmlich. Später sah ich, wie er mehrere Tage lang an einem schattigen Flecken saĂź, sehr krank aussah und versuchte, wieder auf die Beine zu kommen; schlieĂźlich stand er auf und ging – zurĂĽck in die Wildnis, die ihn ohne ein Geräusch zu machen wieder in ihren Busen schloss. Als ich mich der Glut aus dem Dunkeln heraus näherte, fand ich mich hinter zwei Männern wieder, die eine Unterhaltung fĂĽhrten. Ich hörte den Namen Kurtz fallen, dann die Worte: ‚diesen unglĂĽcklichen Unfall ausnutzen.’ Einer der Männer war der Direktor. Ich wĂĽnschte ihm einen guten Abend. ‚Haben Sie so etwas schon einmal gesehen – ha? Unglaublich …’, sagte er und ging weg. Der andere blieb da. Er war ein Agent erster Klasse, jung, von vornehm-adeliger Art, ein wenig reserviert; sein Gesicht zierten ein kleiner Gabelbart und eine Krummnase. Den anderen Agenten gegenĂĽber trug er die Nase hoch, und die wiederum sagten, er sei der Spion des Direktors. Was mich anging, hatte mich kaum je vorher mit ihm unterhalten. Wir kamen ins Gespräch, und mit der Zeit spazierten wird von den zischenden Ăśberresten der HĂĽtte weg. Dann bat er mich in seine Kammer, die sich im Hauptgebäude der Station befand. Er zĂĽndete ein Streichholz an, und so wurde ich gewahr, dass dieser junge Aristokrat nicht nur eine silberbeschlagene Wäschetruhe, sondern auch eine ganze Kerze ganz fĂĽr sich allein hatte. Genau zu dieser Zeit war nur der Direktor ĂĽberhaupt berechtigt, Kerzen zu verwenden. Die Lehmwände waren mit Eingeborenenmatten und einer Trophäensammlung von Speeren, Assegai-SpieĂźen, Schildern und Messern behängt. Verantwortlich war der Bursche fĂĽr die Herstellung von Ziegelsteinen – so hatte man mir gesagt; aber nirgendwo in der Station gab es auch nur den Splitter eines Ziegelsteins, und er war schon ĂĽber ein Jahr dort – und wartete immer noch. Wie es schien, brauchte er noch irgendetwas, um Ziegelsteine herzustellen, ich weiĂź nicht was – vielleicht Stroh. Wie auch immer, dort gab es dieses Etwas nicht, und da man es sicher nicht aus Europa schicken wĂĽrde, war mir nicht klar, worauf er noch wartete. Vielleicht auf eine spezielle Art der Urzeugung. Sie warteten allerdings alle auf etwas – alle sechzehn oder zwanzig Pilger gemeinsam; und mein Wort darauf, wenn man die Art betrachtete, wie sie damit umgingen, schien es keine unangenehme Beschäftigung zu sein, obwohl sie nie etwas anderes bekamen als eine Krankheit an den Hals – jedenfalls, soweit ich das ĂĽbersehen konnte. Sie vertrieben sich die Zeit durch ĂĽble Nachrede und alberne Intrigen. Ein Hauch von Ränkeschmiede lag ĂĽber der Station, aber natĂĽrlich kam nie etwas dabei heraus. Es war so unwirklich wie alles andere auch – wie der menschenfreundliche Vorwand der ganzen Unternehmung, wie ihr Gerede, wie ihre Staatsdiener, wie ihr vorgetäuschtes Arbeiten. Ihr einziges wirkliches Anliegen war es, auf eine Handelsstation versetzt zu werden, wo es Elfenbein gab, damit sie in den Genuss von Provision kamen. Sie intrigierten und ĂĽbten sich in Verleumdung und hassten sich alle deswegen – aber tatsächlich mal einen Finger zu rĂĽhren – oh, nein. Du meine GĂĽte!, es gibt wohl etwas in der Welt, dass dem einen Menschen einen Pferdediebstahl durchgehen lässt, während der andere nicht mal ein Halfter ansehen darf. Offener Pferdediebstahl. Nun denn. Er hat es getan???. Vielleicht kann er reiten. Aber es gibt eine Art, ein Halfter anzublicken, dass den wohlmeinendsten aller Heiligen zu einem FuĂźtritt verleiten wĂĽrde.

Ich hatte keine Ahnung, warum er so gesellig gestimmt war, aber während des Plauderns dort drinnen kam mir der Gedanke, dass der Bursche auf etwas aus war – mich auszuquetschen nämlich. Er spielte dauernd auf Europa und die Leute, die ich dort kennen würde, an – stellte Suggestivfragen??? hinsichtlich meiner Bekannten in der Grabmal-Stadt und so weiter. Seine Augen schimmerten wie mit Leuchtstoff unterlegt – vor Neugier –, obwohl er versuchte, seine Hochnäsigkeit nicht ganz zu verlieren. Zuerst war ich überrascht, aber bald überkam mich eine furchtbare Neugier, was er wohl von mir wissen wolle. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, etwas zu verbergen zu haben, das der Mühe wert war, die er aufwandte. Es war herrlich mit anzusehen, wie er sich selbst überlistete, denn in Wirklichkeit verbarg ich nur ein ständiges Frösteln, und in meinem Kopf befand sich nichts außer der verfluchten Dampfbootgeschichte. Es war klar, dass er mich für jemanden hielt, der nichts weiter als schamlose Ausflüchte machte. Schließlich wurde er böse, und um eine Geste wütender Verärgerung zu verbergen, gähnte er. Ich erhob mich. Dann fiel mir eine kleine Ölmalerei auf, eine Holztafel mit dem Bildnis einer in Stoffe drapierten Frau darauf, die eine Binde um die Augen und eine leuchtende Fackel in der Hand trug. Der Bildhintergrund war düster – fast schwarz. Die Frau befand sich in einer majestätischen Bewegung, und das Fackellicht warf unheimliche Schatten auf ihrem Gesicht.

Ich war gefesselt davon, und er stand höflichen daneben, eine leere Piccoloflasche Champagner in der Hand (medizinische Versorgung!), in der die Kerze steckte. Auf meine Frage hin sagte er, dass Monsier Kurtz dieses Bild gemalt habe – genau hier in dieser Station, vor mehr als einem Jahr –, während er auf ein Transportmittel zu seiner Handelsstation wartete. ‚Nun verraten Sie mir doch endlich’, rief ich, ‚wer dieser Monsieur Kurtz eigentlich ist!’

‚Der Chef der Binnenstation’, sagte er kurz angebunden und blickte weg. ‚Herzlichen Dank’, sagte ich und lachte. ‚Und Sie sind der Ziegelmacher der Hauptstation. Wie jeder weiĂź.’ Er schwieg eine Zeit lang. ‚Er ist ein auĂźergewöhnlicher Mensch’, sagte er schlieĂźlich. Er ist ein Abgesandter des Mitleids, der Wissenschaft, des Fortschritts und der Henker weiĂź, von was noch allem. ‚Uns fehlen’, fing er plötzlich an zu deklamieren, ‚zur FĂĽhrung der Mission, mit der uns Europa betraut hat, um es so auszudrĂĽcken, hohe Intelligenz, umfassendes MitgefĂĽhl und Zielstrebigkeit.’ ‚Wer sagt das?’, fragte ich. ‚Viele sagen das’, antwortete er. ‚Manche schreiben es sogar; und so kommt er also zu uns, ein besonderer Mensch, wie sie wissen sollten.’ ‚Woher sollte sich das wissen?’, unterbrach ich ihn, wirklich ĂĽberrascht. Er achtete nicht darauf. ‚Ja. Heute ist er der Chef der besten Station, nächstes Jahr wird er Vizedirektor sein, noch zwei Jahre, und … aber ich denke mal, Sie wissen, was er in zwei Jahren sein wird. Sie gehören der neuen Truppe an – der Truppe mit Grundsätzen. Dieselben Leute, die unbedingt ihn hier haben wollten, haben auch Sie empfohlen. Oh, streiten Sie es nicht ab. Ich kann meinen eigenen Augen trauen.’ Mir ging ein Licht auf. Die einflussreichen Bekannten meiner lieben Tante hatten einen unerwarteten Eindruck auf diesen jungen Mann hier gemacht. Ich brach fast in Gelächter aus. ‚Lesen Sie etwa die vertrauliche Post der Gesellschaft?’, fragte ich. Darauf wusste er gar nichts zu antworten. Es war ein HauptspaĂź. ‚Wenn Monsieur Kurtz’, fuhr ich fort, ‚erst Generaldirektor ist, werden Sie keine Gelegenheit mehr dazu haben’.

Er blies die Kerze plötzlich aus, und wir gingen nach drauĂźen. Der Mond war aufgegangen. Schwarze Gestalten wandelten lustlos umher und schĂĽtteten Wasser auf die Glut, was zu zischenden Geräuschen fĂĽhrte; der Dampf stieg ins Mondlicht empor, irgendwo stöhnte der geprĂĽgelte Nigger. ‚Was dieses Vieh sich anstellt!’, schimpfte der unermĂĽdliche Schnauzbartträger, als er an unserer Seite auftauchte. ‚Hat er sich doch selbst zuzuschreiben. Verbrechen – Strafe – Zack! Gnadenlos, absolut gnadenlos. Nur so geht es. Dadurch werden weitere FeuersbrĂĽnste in Zukunft vermieden. Gerade habe ich dem Direktor gesagt …’ Er bemerkte meinen Gefährten und fiel sofort in sich zusammen. ‚Noch nicht zu Bett’, sagte er mit einer Art unterwĂĽrfiger Herzlichkeit, ‚das ist ganz natĂĽrlich. Ha! Gefahr – Aufregung.’ Damit verschwand er. Ich ging weiter in Richtung Flussufer, und der andere folgte mir. Ein böse zischendes Gemurmel drang an mein Ohr: ‚Verdammte Idioten – los doch.’ Die Pilger standen in Haufen da und stritten sich wild gestikulierend. Einige trugen noch immer ihren KnĂĽppel in der Hand. Ich glaube beinahe, sie nahmen diese KnĂĽppel mit ins Bett. Hinter der Umzäunung erhob sich im geisterhaften Mondlicht der Wald, und durch jenen undeutlich vernehmbaren Aufruhr, durch die leisen Geräusches dieses trostlosen Stationshofs hindurch traf einen die groĂźe Stille des Landes mitten ins Herz – sein Geheimnis, seine GroĂźartigkeit, die verblĂĽffende Wirklichkeit des darin verborgenen Lebens. Irgendwo in der Nähe stöhnte leise der verletzte Nigger und lieĂź dann einen tiefen Seufzer fahren, der mich meine Schritte in davon weg lenken lieĂź. Ich fĂĽhlte, wie sich eine Hand unter meinen Arm vorstellig machte. ‚Mein lieber Herr’, sagte der Bursche, ‚Ich möchte nicht missverstanden werden, am allerwenigsten von Ihnen, der Monsieur Kurtz treffen wird, bevor ich dieses VergnĂĽgen haben kann. Ich möchte nicht, dass er einen falschen Eindruck von meiner Einstellung bekommt …’

Ich lieĂź ihn seinen Sermon abspulen, diesen Mephisto aus PappmachĂ©, und mir schien, ein Versuch hätte genĂĽgt, meinen Zeigefinger durch die HĂĽlle hindurch zu stecken, um innen drin nichts weiter als ein paar KrĂĽmel Schmutz zu finden. Er selbst, das ist euch doch wohl klar, hatte geplant, sich unter dem derzeitigen Chef nach und nach zum Vizedirektor hochzuarbeiten, und ich begriff langsam, dass die Ankunft von Kurtz die beiden nicht unwesentlich beunruhigt hatte. Er redete voller Hast und ĂĽberstĂĽrzt, und ich versuchte nicht, ihn zu unterbrechen. Ich lehnte mit den Schultern gegen das Wrack des Dampfboots, das am Uferhang dalag wie der Kadaver irgendeines groĂźen Tieres, dass man aus dem Fluss gezogen hatte. Der Geruch von Schlamm – von Urschlamm, sollte ich sagen! – erfĂĽllte meine NĂĽstern, die hochaufragende Unbewegtheit des Urwalds lag vor meinen Augen; auf der schwarzen Oberfläche des Nebenarms schimmerte es vereinzelt. Der Mond hatte ĂĽber alles einen dĂĽnnen Hauch Silber gelegt – ĂĽber das wild wuchernde Gras, ĂĽber den Schlamm, ĂĽber die Wand aus verfilzter Vegetation, die höher stand als jede Tempelwand, ĂĽber den groĂźen Fluss, den ich durch eine dĂĽstere LĂĽcke funkeln und glitzern sah, wie er in all seiner Breite lautlos vorĂĽberfloss. All dies war groĂź, voller Erwartung, stumm, während dieser Mensch nur von sich selbst schwätzte. Ich fragte mich, ob die unbewegliche Oberfläche der Unermesslichkeit, derer wir uns entgegensahen, wohl einladend oder drohend gemeint war. Wer waren wir beiden schon, die wir uns hierhin verirrt hatten? Konnten wir diese stumme Wesenheit in den Griff bekommen, oder wĂĽrde es uns umgekehrt ergehen? Ich spĂĽrte, wie unglaublich groĂź dieses Wesen war, das nicht sprechen konnte und vielleicht auch noch taub war. Was befand sich in seinem Innern? Ich konnte sehen, wie das Elfenbein daraus hervorkam, und ich hatte gehört, dass Monsieur Kurtz dort drinnen war. Und, weiĂź Gott, ich hatte mehr als genug darĂĽber gehört! Und konnte mir doch kein rechtes Bild davon machen – man hätte mir genauso gut erzählen können, ein Engel oder ein Dämon befinde sich dort drinnen. Ich glaubte daran, wie einer von euch glauben könnte, dass es Bewohner auf dem Planeten Mars gibt. Ich kannte einmal einen schottischen Segelmacher, der sicher war, todsicher sogar, dass es Marsmenschen gibt. Wenn man ihn fragte, wie man sich diese Kreaturen vorzustellen habe, pflegte er sich schĂĽchtern abzuwenden und etwas von ‚laufen auf allen Vieren’ zu murmeln. Wenn man auch nur andeutungsweise darĂĽber lächelte, bot er – ein Mann von sechzig Jahren – einem sofort PrĂĽgel an. Ich wäre nicht so weit gegangen, fĂĽr Kurtz jemanden zu verprĂĽgeln, aber ich kam doch in die Nähe einer LĂĽge fĂĽr ihn. Ihr wisst, dass ich LĂĽgen hasse, verabscheue und nicht ertragen kann, nicht weil ich ehrlicher bin als der Rest der Menschheit, sondern weil ich die LĂĽge abstoĂźend finde. Es liegt ein Hauch Tod, ein Geschmack von Sterblichkeit darin – und genau dies hasse und verabscheue ich an der Welt – genau dies möchte ich vergessen. Mir wird regelrecht schlecht davon, als ob ich in eine faule Frucht beiĂźen wĂĽrde. Eine Frage des Temperaments, nehme ich an. Wie auch immer, ich kam der Sache nah genug, indem ich den jungen Dummkopf in seinen Illusionen belieĂź, was meinen Einfluss in Europa anging. Im Handumdrehen wurde ich also genau so ein Heuchler wie der Rest der magisch gebannten Pilger. Und dies nur deshalb, weil ich das GefĂĽhl hatte, es könnte irgendwie diesem Kurtz behilflich sein, der mir damals noch gar nichts bedeutete – wenn ihr wisst, was mich meine. Er war nur ein Wort fĂĽr mich. Der Name bedeutete mir genauso wenig wie euch jetzt. Seht ihr ihn vor euch? Seht ihr da eine Geschichte vor euch? Seht ihr ĂĽberhaupt etwas? Ich habe das GefĂĽhl, euch einen Traum erzählen zu wollen – ein Versuch, bei dem ich scheitern muss, denn keine Erzählung eines Traums kann die Empfindung eines Traums vermitteln, diese Vermischung des Absurden mit dem Ăśberraschenden und dem Verwirrenden in einem fieberhaft quälendem Aufruhr, diese Ahnung, im Fantastischen gefangen zu sein, die allem Träumen zugrunde liegen …”

Er schwieg eine zeitlang.

“… Nein, es geht nicht; man kann die Empfindung irgendeines bestimmten Zeitraums des eigenen Lebens nicht vermitteln – das, worin seine Wahrheit liegt, seine Bedeutung – sein subtiles und durchdringendes Wesen. Es geht nicht. Wir leben, wie wir träumen – allein …”

Er hielt wieder inne, als ob er nachdächte, und fügte dann hinzu:

“Ihr Jungens versteht natĂĽrlich mehr von dieser Geschichte als ich es damals konnte. Ihr versteht mich, den ihr kennt …”

Es war so nachtsschwarz dunkel geworden, dass wir Zuhörer uns kaum noch sehen konnten. Seit längerer Zeit war er, weil er abseits saß, zu einer reinen Stimme für uns geworden. Niemand sprach auch nur ein Wort. Die anderen schliefen vielleicht schon, ich war aber noch wach. Ich hörte zu, hörte zu und lauerte dabei auf den Satz oder das Wort, durch den oder das ich das vage Unbehagen verstehen würde, die mir diese Erzählung bereitete, die sich ohne die Hilfe menschlicher Lippen in der schweren Nachtluft des Flusses selbst zu materialisieren schien.

“… Ja – ich lieĂź ihn seinen Sermon abspulen”, fing Marlow wieder an, “und sollte er denken, was er wollte, ĂĽber die hinter mir stehenden mächtigen Männer. Meinetwegen! Und dabei stand nichts und niemand hinter mir! Nichts als dieses jämmerliche, alte, schrottreife Dampfboot, an das ich mich lehnte, während er mit silberner Zunge ĂĽber ‚die Notwendigkeit fĂĽr einen jeden von uns, im Leben voranzukommen’ sprach. ‚Und man kommt ja nicht hierher in die Wildnis, wenn Sie mich recht verstehen, um den Mond anzustarren.’ Monsieur Kurtz sei ja ein ‚Universalgenie’, aber selbst ein Genie zöge es doch wohl vor, mit ‚den passenden Werkzeugen – intelligenten Menschen’ zu arbeiten. Nein, er stelle keine Ziegel her – wie auch, wenn es rein technisch gar nicht ginge –, wie ich sehr wohl wisse; und wenn er als Sekretär des Direktors arbeite, dann nur, weil ‚kein vernĂĽnftiger Mensch mutwillig das Vertrauen seiner Vorgesetzten ausschlägt.’ Ob ich wohl verstĂĽnde? Ich verstand. Was wollte ich denn noch? Was ich wirklich noch wollte, waren Nieten, Herrgott noch mal! Nieten. Mit der Arbeit vorankommen – um das Loch zuzubekommen. Nieten fehlten mir. Unten an der KĂĽste gab es Kisten davon – Kisten – aufgestapelt – zerbrochen – entzwei. In jenem am Hang liegenden Stationshof trat man bei jedem zweiten Schritt gegen eine lose herumliegende Niete. Nieten waren in den Todeshain hineingerollt. Alles, was man tun musste, um sich die Taschen mit Nieten voll zu stopfen, war, sich zu bĂĽcken – und hier, wo man sie brauchte, gab es nicht eine einzige Niete. Wir hatten geeignete Bleche, aber nichts, mit dem wir sie befestigen konnten. Und jede Woche verlieĂź der Bote, ein langer Neger mit einer Brieftasche um die Schulter und einem Stock in der Hand, unsere Station und machte sich auf den Weg an die KĂĽste. Und jede Woche kamen mehrere KĂĽstenkarawanen mit Handelswaren an – grässlich satiniertes indisches Tuch, dessen reiner Anblick einen schon durchschĂĽttelte, Glasperlen zu etwa einem Penny das Viertelpfund, abscheuliche TaschentĂĽcher. Aber keine Nieten. Drei Träger hätten ausgereicht, um alles heranzuschaffen, was fĂĽr das Wiederflottmachen des Dampfboots erforderlich war.

Er wurde jetzt vertraulich, aber ich nehme mal an, da ich nicht darauf einging, gab er es am Ende auf, denn er hielt es fĂĽr notwendig, mir mitzuteilen, dass er weder Gott noch den Teufel fĂĽrchte, von simplen Menschen ganz zu schweigen. Ich sagte ihm, das sei ihm natĂĽrlich anzusehen, aber was ich wirklich wolle, sei eine gewisse Menge an Nieten – und Nieten seien auch das, was Monsieur Kurtz gewollt hätte, wenn er es nur wĂĽsste. Und wo doch Briefe jede Woche an die KĂĽste gingen … ‚Mein lieber Herr’, rief er, ‚mir wird diktiert, was ich schreibe.’ Ich verlangte Nieten. Es musste einen Weg geben – fĂĽr einen intelligenten Menschen. Er änderte seine Haltung, wurde sehr abweisend und fing plötzlich an, ĂĽber ein Nilpferd zu reden, fragte mich, ob ich beim Schlafen an Bord des Dampfboots (ich klebte Tag und Nacht an meinem Bergungsgut) nicht gestört wĂĽrde. Es gab da ein altes Nilpferd, das die schlechte Angewohnheit hatte, nachts ans Ufer zu kommen und die Station heimzusuchen. Die Pilger pflegten dann auf einen Schlag drauĂźen zu erscheinen und jedes Gewehr auf das Tier abzufeuern, das sie in die Finger bekamen. Ein paar hatten sogar Nachtwache deswegen gehalten. All diese Anstrengungen fĂĽhrten allerdings zu nichts. ‚Dieses Vieh hat ein gesegnetes GlĂĽck’, sagte er, ‚was man in diesem Land allerdings nur von wilden Tieren sagen kann. Kein Mensch – verstehen Sie mich? – kein einziger Mensch hier hat ein gesegnetes GlĂĽck’. Er stand einen Moment da im Mondlicht mit seiner zarten, ein wenig schief versetzten Krummnase und seinen Leuchtstoffaugen, die ohne ein Zwinkern glänzten, dann wĂĽnschte er kurz angebunden eine gute Nacht und entfernte sich. Ich konnte sehen, dass er beunruhigt und ziemlich verwirrt war, was mich hoffnungsvoller stimmte, als ich seit Tagen gewesen war. Es war ein groĂźer Trost, mich von diesem Burschen ab- und meinem einflussreichen Freund, der zerbeulten, verbogenen, zertrĂĽmmerten Blechwanne von einem Dampfboot, zuzuwenden. Ich kletterte an Bord. Das Schiff schepperte unter meinen FĂĽĂźen wie eine leere Dose Huntley-und-Palmer-Kekse, die man mit einem FuĂźtritt in den Rinnstein befördert. Es war nicht besonders stabil und schon gar nicht schön anzusehen, aber ich hatte genug harte Arbeit auf seine Reparatur aufgewendet, um es lieb zu gewinnen. Kein einflussreicher Freund hätte mir bessere Dienste leisten können. Es hatte mir die Gelegenheit gegeben, ein wenig aus mir herauszugehen – um herauszufinden, wozu ich in der Lage war. Nicht, dass ich gerne arbeite. Ich faulenze lieber und stelle mir all die schönen Dinge vor, die man so machen könnte. Ich mag die Arbeit nicht – niemand tut das –, aber ich mag die Möglichkeit, die in der Arbeit liegt: sich selbst zu finden. Die eigene Wirklichkeit – fĂĽr einen selbst, nicht fĂĽr die anderen – was niemand anderes jemals wissen kann. Die anderen sehen immer nur das äuĂźerliche Brimborium und wissen nie, was es eigentlich bedeutet.

Es überraschte mich nicht, jemanden achtern an Deck sitzen zu sehen, der seine Beine über dem Schlamm baumeln ließ. Es war so, dass ich mich einigermaßen mit den paar Mechanikern angefreundet hatte, die zur Station gehörten und von den anderen Pilgern natürlich verachtet wurden – wegen ihrer mangelhaften Manieren, nehme ich an. Dies hier war der Vormann – von Haus aus Kesselschmied –, ein guter Arbeiter. Er war ein hagerer, knochiger, gelbgesichtiger Mann mit großen, durchdringenden Augen. Seine Miene trug stete Besorgnis, und sein Kopf war so kahl wie mein Handteller, aber offenbar war sein Haar beim Ausfallen am Kinn kleben geblieben und erfreute sich dort üppigen neuen Wachstums, denn sein Bart hing bis zum Gürtel herab. Er war Witwer und hatte sechs kleine Kinder (die bei einer Schwester in Pflege waren, damit er hierher kommen konnte); seine große Leidenschaft war die Brieftaubenzucht. Hier zeigte er Begeisterung und Kennerschaft. Er konnte ins Schwärmen geraten über Tauben. Nach der Arbeit kam er manchmal von seiner Hütte herüber, um sich über seiner Kinder und seine Tauben zu unterhalten; bei der Arbeit, wenn in den Schlamm unter dem Boden des Dampfboots kriechen musste, band er seinen Bart immer in einer Art weißem Esstuch hoch, das er extra dafür mitgebracht hatte. Er hatte Schleifen an die Enden gemacht, um es sich über die Ohren zu hängen. Abends konnte man ihn dann sehen, wie er am Ufer saß und dieses Umschlagtuch sorgfältig im Wasser des Nebenarms wusch und dann feierlich auf einen Busch zum Trocknen legte.

Ich klopfte ihm auf den RĂĽcken und brĂĽllte: ‚Wir werden Nieten bekommen!’ Er rappelte sich auf und rief aus: ‚Nein! Nieten!’, als ob er seinen Ohren nicht trauen wollte. Dann, mit gesenkter Stimme: ‚Sie … ähem?’ Ich weiĂź nicht, warum wir uns wie VerrĂĽckte benahmen. Ich legte einen Finger seitlich an meine Nase und nickte geheimnisvoll. ‚Gut fĂĽr Sie!’, rief er, schnippte mit den Fingern ĂĽber seinem Kopf und hob dabei ein Bein an. Ich versuchte es mit einem irischen Volkstanz. Wir vollfĂĽhrten LuftsprĂĽnge auf dem eisernen Deck. Aus dem Schiffsrumpf kam ein schauderhaftes Scheppern, das der Urwald am gegenĂĽberliegenden Ufer des Nebenarms in einem donnernden Rollen auf die schlafende Station zurĂĽckwarf. Einige der Pilger standen wahrscheinlich in ihren Betten. Eine schattenhafte Silhouette verdunkelte den beleuchteten Eingang der HĂĽtte des Direktors und verschwand wieder, dann, ein oder zwei Sekunden später, verschwand auch der Eingang. Wir hielten auf, und die von unserem Getrampel vertriebene Stille kam wieder von allen Enden des Landes auf uns eingeströmt. Die groĂźe Mauer aus Vegetation, eine ĂĽppige und ineinander verhedderte Masse von Ă„sten, Zweigen, Blättern, Trieben und Schlingpflanzen, lag bewegungslos im Mondlicht da wie eine zĂĽgellose Invasion lautlosen Lebens, ein Wellenbrecher aus Pflanzen, aufgetĂĽrmt, mit schäumendem Wellenkamm, bereit zum Hereinbrechen ĂĽber den Nebenarm, bereit zum Auslöschen unserer aller armseliger Existenz. Aber sie bewegte sich nicht. Ein gedämpfter Ausbruch gewaltiger Platscher und Grunzer erreichte uns von ferne, als ob ein Fischsaurier ein Bad im Glitzern des groĂźen Flusses genommen hätte. ‚SchlieĂźlich und endlich’, sagte der Kesselschmied, wieder ernsthaft, ‚warum sollten wir keine Nieten bekommen?’ In der Tat – warum nicht! Ich wusste keinen Grund, warum wir keine Nieten bekommen sollten. ‚In drei Wochen sind sie da,’ sagte ich zuversichtlich.

Aber das waren sie nicht. An Stelle von Nieten erreichte uns eine Invasion, ein Verhängnis, eine Heimsuchung. Das alles traf stückweise innerhalb der nächsten drei Wochen ein, und jeder Abschnitt wurde von einem Esel angeführt, auf dem ein Weißer in neuer Kleidung und mit gegerbten Schuhen saß und sich aus dieser Höhe den beeindruckten Pilgern zur rechten und zur linken grüßend zuneigte. Eine zänkische Bande fußkranker, mürrischer Nigger folgte dem Esel auf den Fuß; eine Unmenge von Zelten, Klapphockern, Konserven, weißen Koffern und braunen Bündeln wurde im Stationshof auf den Boden geworfen, und der Hauch von Geheimnis, der über dem Durcheinander in der Station lag, wurde jedes Mal ein wenig undurchdringlicher. Fünf Raten dieser ungewollten Zahlung erreichten uns und verbreiteten den absurden Eindruck regelloser Flucht, auf der man – so war der Eindruck – das Raubgut aus unzähligen Läden und Lagerhäusern nach einem Plünderzug in die Wildnis schleppte, um sie dort zu unter sich aufzuteilen. Ein heilloses Knäuel von Dingen, die für sich genommen keinen Anstoß erregten, aber durch die Torheit der Menschen den Eindruck erweckten, es handele sich dabei um Diebesbeute.

Diese wackere Schar also nannte sich die “Eldorado-Forschungsexpedition”, und ich glaube, sie hatten untereinander Stillschweigen vereinbart. Ihrem Reden nach waren sie allerdings nur erbärmliche Freibeuter: Wagemut ohne KĂĽhnheit, Habgier ohne Verwegenheit und Grausamkeit ohne Mut zeigten sich darin; es gab nicht ein MolekĂĽl von Vorausschau oder ernsthaften Absichten in dem ganzen Haufen, und es schien ihnen nicht bewusst zu sein, dass diese Dinge fĂĽr das groĂźe Werk der Welt gebraucht werden. Den Innereien des Landes ihre Schätze entreiĂźen, das wollten sie, und es stand kein höherer moralischer Zweck dahinter als bei Einbrechern, die einen Safe aufbrechen. Ich weiĂź nicht, wer die Kosten fĂĽr dieses edle Unterfangen trug, aber bei dem AnfĂĽhrer handelte es sich um den Onkel unseres Direktors.

Nach außen hin machte er den Eindruck eines Metzgers aus einem Armenviertel, und in seinen Augen lag eine schläfrige Durchtriebenheit. Er trug seinen fetten Wanst prahlerisch auf kurzen Beinen vor sich her, und in der Zeit, während der seine Bande die Station verseuchte, sprach er mit niemandem als seinem Neffen. Man konnte die beiden den ganzen Tag herumstreichen sehen, wie sie ihre Köpfe in einer nie endenden Kurzbesprechung zusammensteckten.

Ich hatte aufgehört, mir ĂĽber die Nieten Gedanken zu machen. Man kann so einen Unsinn weniger lange mitmachen, als Ihr vielleicht denkt. Ich sagte: zum Teufel damit! – und lieĂź den Dingen ihren Lauf. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken, und ab und an kam mir Kurtz in den Sinn. Nicht, dass er mich besonders interessiert hätte. Trotzdem war ich neugierig zu sehen, ob es dieser Mensch, der mit gewissen moralischen Vorstellungen hier angekommen war, schlieĂźlich doch an die Spitze schaffen und wie er – dort angekommen – seine Aufgabe angehen wĂĽrde.”

Teil II