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Kategorie: Das Schattencorps (Seite 1 von 3)

Am Golf der Dichter

Das Sch√∂¬≠ne an der Zeit vor dem Inter¬≠net war, dass man noch von Weg abkom¬≠men konn¬≠te. Neh¬≠men wir bei¬≠spiels¬≠wei¬≠se Pfings¬≠ten 1987 ‚Äď ich hat¬≠te aus irgend¬≠ei¬≠nem Grund, der mir ent¬≠fal¬≠len ist, in M√ľn¬≠chen ein Phy¬≠sik¬≠stu¬≠di¬≠um auf¬≠ge¬≠nom¬≠men, und muss¬≠te nun eine gr√∂¬≠√üe¬≠re Zahl von Ver¬≠suchs¬≠pro¬≠to¬≠kol¬≠len aus¬≠ar¬≠bei¬≠ten, um f√ľr die zuge¬≠h√∂¬≠ri¬≠ge  Lehr¬≠ver¬≠an¬≠stal¬≠tung einen Schein zu bekom¬≠men. Ich glau¬≠be, bereits vor¬≠han¬≠de¬≠ne Pro¬≠to¬≠kol¬≠le aus den vor¬≠an¬≠ge¬≠gan¬≠ge¬≠nen Semes¬≠tern spiel¬≠ten dabei eine nicht uner¬≠heb¬≠li¬≠che Rol¬≠le (schum¬≠meln konn¬≠te man auch ohne Goog¬≠le), aber dar¬≠auf woll¬≠te ich jetzt eigent¬≠lich nicht hinaus.

Ent¬≠schei¬≠dend ist, dass ich f√ľr ein paar Tage nach Ita¬≠li¬≠en her¬≠un¬≠ter¬≠tramp¬≠te, um die l√§s¬≠ti¬≠ge Auf¬≠ga¬≠be wenigs¬≠tens in ange¬≠neh¬≠mer Umge¬≠bung hin¬≠ter mich zu brin¬≠gen. Dabei spiel¬≠te auch eine gewis¬≠se Kath¬≠rin eine Rol¬≠le ‚Äď ich glau¬≠be, sie stu¬≠dier¬≠te Son¬≠der¬≠p√§d¬≠ago¬≠gik ‚Äď, die mit einer Freun¬≠din gera¬≠de s√ľd¬≠lich der Alpen unter¬≠wegs war und √ľber die Fei¬≠er¬≠ta¬≠ge eine Jugend¬≠her¬≠ber¬≠ge s√ľd¬≠lich von La Spe¬≠zia ansteu¬≠ern woll¬≠te. Ich rech¬≠ne¬≠te mir einen gewis¬≠sen √úber¬≠rum¬≠pe¬≠lungs¬≠ef¬≠fekt aus, wenn ich nun unan¬≠ge¬≠k√ľn¬≠digt in die¬≠ser Jugend¬≠her¬≠ber¬≠ge auf¬≠tau¬≠chen w√ľr¬≠de, um mei¬≠ne Chan¬≠cen bei der jun¬≠gen Dame zu erh√∂¬≠hen, und ach¬≠te¬≠te beim Tram¬≠pen dar¬≠auf, dass die Mit¬≠fahr¬≠ge¬≠le¬≠gen¬≠hei¬≠ten in die rich¬≠ti¬≠ge Rich¬≠tung gingen.

Lei¬≠der hat¬≠te ich ver¬≠ges¬≠sen, wie der Ort genau hie√ü, in dem sich das Ziel¬≠ob¬≠jekt befand. Heu¬≠te w√§re das nat√ľr¬≠lich kein Pro¬≠blem ‚Äď man geht auf die Web¬≠site des inter¬≠na¬≠tio¬≠na¬≠len Jugend¬≠her¬≠bergs¬≠ver¬≠bands und guckt kurz nach. Oder man steu¬≠ert La Spe¬≠zia in der Kar¬≠ten-App an und schaut, ob man s√ľd¬≠lich davon einen ent¬≠spre¬≠chen¬≠den Ort fin¬≠det. (Es han¬≠del¬≠te sich √ľbri¬≠gens um Mari¬≠na di Mas¬≠sa.) Aber 1987? H√§t¬≠te ich viel¬≠leicht extra zu Hugen¬≠du¬≠bel fah¬≠ren sol¬≠len, um im Regal mit den Rei¬≠se¬≠f√ľh¬≠rern die Adres¬≠se zu fin¬≠den? Teu¬≠res Geld f√ľr eine Kar¬≠te aus¬≠ge¬≠ben? Ach was, ein¬≠fach mal drauf¬≠los, in La Spe¬≠zia wis¬≠sen sie schon Bescheid ‚Ķ

Wuss¬≠ten sie lei¬≠der nicht. Die Dame im dor¬≠ti¬≠gen Tou¬≠ris¬≠mus-B√ľro offen¬≠bar¬≠te beim The¬≠ma ¬Ľostel¬≠li del¬≠la gio¬≠ven¬≠t√Ļ¬ę eine boden¬≠los tie¬≠fe Wis¬≠sens¬≠l√ľ¬≠cke und konn¬≠te sich nur d√ľs¬≠ter erin¬≠nern, irgend¬≠wann mal etwas von einer ent¬≠spre¬≠chen¬≠den Ein¬≠rich¬≠tung in Leri¬≠ci geh√∂rt zu haben, einem alten Fischer¬≠nest am S√ľd¬≠ende des Gol¬≠fes von La Spe¬≠zia, dort soll¬≠te ich mich doch am bes¬≠ten selbst umschau¬≠en. Immer¬≠hin konn¬≠te sie mir sagen, wel¬≠che Bus¬≠li¬≠nie ich daf√ľr neh¬≠men muss¬≠te, also mach¬≠te ich mich auf den Weg.

Und dann ‚Äď na ja, mei¬≠ne ers¬≠ten Ein¬≠dr√ľ¬≠cke habe ich sp√§¬≠ter so beschrieben:

Gott, er lieb¬≠te das‚Ķ! Der Bus don¬≠ner¬≠te im Kami¬≠ka¬≠ze-Tem¬≠po die engen Ser¬≠pen¬≠ti¬≠nen zum Meer hin¬≠un¬≠ter, und wenn man dabei die Ori¬≠en¬≠tie¬≠rung behielt, konn¬≠te man die¬≠ses unglaub¬≠li¬≠che Blau zwi¬≠schen den B√§u¬≠men hin¬≠durch¬≠schim¬≠mern sehen: T√ľr¬≠kis, Him¬≠mels¬≠far¬≠ben, Aqua¬≠ma¬≠rin, tie¬≠fes Dun¬≠kel wie Samt, ver¬≠mischt mit dem Umbra der Fel¬≠sen und dem Ocker der Sand¬≠b√§n¬≠ke, unter¬≠bro¬≠chen vom schat¬≠ti¬≠gen Gr√ľn der Zypres¬≠sen und Pini¬≠en, oran¬≠ge¬≠nen, gel¬≠ben und roten Fle¬≠cken; Mau¬≠er¬≠st√ľ¬≠cke, Zie¬≠gel. Ein rich¬≠ti¬≠ges Postkartengl√ľck.

Das St√§dt¬≠chen hie√ü Leri¬≠ci und lag recht male¬≠risch um eine klei¬≠ne Bucht am S√ľd¬≠ende der ita¬≠lie¬≠ni¬≠schen Rivie¬≠ra her¬≠um ver¬≠teilt. Einer von die¬≠sen bei¬≠den eng¬≠li¬≠schen Hel¬≠den der Roman¬≠tik, war es Byron oder Shel¬≠ley, soll¬≠te hier vor Urzei¬≠ten beim Baden im Meer ertrun¬≠ken sein, also war es nicht beson¬≠ders √ľber¬≠ra¬≠schend, dass jedes zwei¬≠te Hotel Shel¬≠ley, Pal¬≠ma di Byron oder Byron di Shel¬≠ley hie√ü, ganz abge¬≠se¬≠hen von den Mas¬≠sen √§lt¬≠li¬≠cher Eng¬≠l√§n¬≠de¬≠rin¬≠nen, die anschei¬≠nend einen guten Teil ihrer Bil¬≠dungs¬≠rei¬≠se durch das Land, wo die Zitro¬≠nen bl√ľh¬≠ten, damit ver¬≠brach¬≠ten, hier die Ufer¬≠pro¬≠me¬≠na¬≠de auf- und abzu¬≠lau¬≠fen. Wahr¬≠schein¬≠lich hoff¬≠ten sie dar¬≠auf, auf mys¬≠ti¬≠sche Wei¬≠se einen Hauch der See¬≠le des ver¬≠stor¬≠be¬≠nen Dich¬≠ters auf¬≠zu¬≠schnap¬≠pen; die¬≠se aber schweb¬≠te gelang¬≠weilt √ľber den Was¬≠sern und igno¬≠rier¬≠te sie.

Die Sze¬≠ne¬≠rie war so, wie man sich‚Äôs w√ľnsch¬≠te. An den bei¬≠den Ecken der Bucht stan¬≠den ein paar burg¬≠ar¬≠ti¬≠ge √úber¬≠res¬≠te von alten, genue¬≠si¬≠schen Fes¬≠tungs¬≠an¬≠la¬≠gen, im Hafen schau¬≠kel¬≠ten fried¬≠lich diver¬≠se Yach¬≠ten und Segel¬≠boo¬≠te vor sich hin, die H√§u¬≠ser hat¬≠ten alle so einen leicht ange¬≠gilb¬≠ten, s√ľd¬≠li¬≠chen Charme, gleich dahin¬≠ter stie¬≠gen die dicht¬≠be¬≠wach¬≠se¬≠nen Fel¬≠sen auf ‚Äď und √ľber¬≠haupt, wenn er je im Leben von Ita¬≠li¬≠en getr√§umt hat¬≠te, muss¬≠te das genau¬≠so aus¬≠ge¬≠se¬≠hen haben wie Lerici.

Mit ande¬≠ren Wor¬≠ten: Es war Lie¬≠be auf den ers¬≠ten Blick. Wie ich sp√§¬≠ter her¬≠aus¬≠fand, hat¬≠te die Jugend¬≠her¬≠ber¬≠ge in der alten Burg bereits Ende der 1960er zuge¬≠macht, jetzt befand sich ein Muse¬≠um f√ľr Pal√§¬≠on¬≠to¬≠lo¬≠gie in dem Gem√§u¬≠er. Aber das war mir egal. Ich such¬≠te mir ein Hotel¬≠zim¬≠mer, das ich mir gera¬≠de noch so leis¬≠ten konn¬≠te, und schweb¬≠te durch die Gas¬≠sen wie von Elfen ver¬≠zau¬≠bert. Die¬≠se Far¬≠ben! Die¬≠ser Duft! Die¬≠se Men¬≠schen! Sogar Kath¬≠rin ver¬≠ga√ü ich umge¬≠hend und lern¬≠te daf√ľr Gian¬≠na ken¬≠nen, mit der ich ein paar¬≠mal die Mole auf- und ablief, immer zwi¬≠schen dem Blick auf das wei¬≠te Meer und dem in ihre reh¬≠brau¬≠nen Augen hin und her¬≠pen¬≠delnd. Lei¬≠der beherrsch¬≠te ich die Lan¬≠des¬≠spra¬≠che nicht und sie nur die¬≠se, sodass wir nur non¬≠ver¬≠bal kom¬≠mu¬≠ni¬≠zie¬≠ren konn¬≠ten. Aber wird Spra¬≠che nicht ohne¬≠hin √ľberbewertet ‚Ķ?

Leri¬≠ci in den fr√ľ¬≠hen 1960ern

Wie man sich den¬≠ken kann, war ich sp√§¬≠ter noch √∂fter in dem klei¬≠nen St√§dt¬≠chen, das au√üer bei eng¬≠li¬≠schen Shel¬≠ley-Fans nie den Sta¬≠tus des Geheim¬≠tipps ver¬≠lo¬≠ren hat. Die typi¬≠schen deut¬≠schen Tou¬≠ris¬≠ten wan¬≠dern lie¬≠ber auf der ande¬≠ren Sei¬≠te des ¬ĽGol¬≠fo dei Poei¬≠ti¬ę in den Cin¬≠que Terre, weil man sich da so h√ľbsch an der uri¬≠gen Armut der Oli¬≠ven¬≠bau¬≠ern wei¬≠den kann, und wer ligu¬≠ri¬≠sche Fischer¬≠dorfro¬≠man¬≠tik pur will, f√§hrt eben nach Portofino.

Ich nicht. Im Lau¬≠fe der Jah¬≠re erfuhr ich, dass die bewuss¬≠te Jugend¬≠her¬≠ber¬≠ge eigent¬≠lich ein K√ľnst¬≠ler¬≠treff gewe¬≠sen war, in dem sich in den 1950ern Heming¬≠way und ande¬≠re Gr√∂¬≠√üen die Klin¬≠ke in die Hand gege¬≠ben hat¬≠ten. Die Kas¬≠tel¬≠lanin und Her¬≠bergs¬≠mut¬≠ter Mad¬≠da¬≠le¬≠na Di Car¬≠lo, eine etwas exzen¬≠tri¬≠sche alte Dame, war bekannt daf√ľr, nachts die Kat¬≠zen von Leri¬≠ci mit den Spa¬≠get¬≠ti¬≠res¬≠ten des Abend¬≠essens zu f√ľt¬≠tern, ihr Zim¬≠mer war ein Sam¬≠mel¬≠su¬≠ri¬≠um von Kunst¬≠wer¬≠ken und Kit¬≠sch¬≠ob¬≠jek¬≠ten, die ihr G√§s¬≠te aus aller Welt geschickt hat¬≠ten, sie stieg sogar gele¬≠gent¬≠lich auf den Berg¬≠fried und bete¬≠te zu den Wind¬≠g√∂t¬≠tern. Alle Welt nann¬≠te sie ¬ĽRegi¬≠na dei vag¬≠abo¬≠ni¬ę, die K√∂ni¬≠gin der Vaga¬≠bun¬≠den. Viel¬≠leicht kann¬≠te sie Rudolf Jacobs, einen aus Bre¬≠men stam¬≠men¬≠den Archi¬≠tek¬≠ten, der im 2. Welt¬≠krieg als Offi¬≠zier f√ľr die Fes¬≠tungs¬≠bau¬≠ten im Golf von La Spe¬≠zia zust√§n¬≠dig war und in Leri¬≠ci wohn¬≠te. Als er die Gr√§u¬≠el¬≠ta¬≠ten von SS und Mus¬≠so¬≠li¬≠nis Schwarz¬≠hem¬≠den nicht mehr ertrug, lief er zu den ita¬≠lie¬≠ni¬≠schen Par¬≠ti¬≠sa¬≠nen √ľber und kam bei einer Akti¬≠on im nahen Sarzana ums Leben. Noch heu¬≠te ver¬≠eh¬≠ren ihn die Ita¬≠lie¬≠ner als Helden.

Ansons¬≠ten gibt es gar nicht so viel berich¬≠ten aus die¬≠ser Ecke der Welt. Der Hafen war vor lan¬≠ger Zeit im Mit¬≠tel¬≠al¬≠ter von einer gewis¬≠sen Bedeu¬≠tung, weil sich hier die Genue¬≠sen mit den Pisanern strit¬≠ten und die hin¬≠ter den Ber¬≠gen lie¬≠gen¬≠de Luni¬≠gia¬≠na einen Zugang zum Meer brauch¬≠te. Dan¬≠te hat die Burg mal irgend¬≠wo erw√§hnt, Arnold B√∂ck¬≠lin leb¬≠te f√ľr kur¬≠ze Zeit in der Gegend, genau¬≠so D.H. Law¬≠rence und Emma Orc¬≠zy. In der Lite¬≠ra¬≠tur spielt der Ort kei¬≠ne gro¬≠√üe Rolle.

Ich fand, es war mal Zeit, das zu √§ndern ‚Ķ

Die Musik von ¬ĽDas Schattencorps¬ę

F√ľr alle, die ger¬≠ne mit Sound¬≠track lesen, gibt es jetzt eine klei¬≠ne You¬≠tube-Play¬≠list mit Jazz, Schla¬≠gern, Ita¬≠lo-Twist und Klas¬≠sik-St√ľ¬≠cken, die bei der Ent¬≠ste¬≠hung des Buches irgend¬≠ei¬≠ne Rol¬≠le gespielt haben. Die Aus¬≠wahl ist zuge¬≠ge¬≠be¬≠ner¬≠ma¬≠√üen ein wenig eklektisch‚Ķ

Die Geheimarmeen des Kalten Kriegs

Es ist noch gar nicht so lan¬≠ge her, dass sich in Mit¬≠tel¬≠eu¬≠ro¬≠pa zwei bis an die Z√§h¬≠ne bewaff¬≠ne¬≠te Macht¬≠bl√∂¬≠cke gegen¬≠√ľber¬≠stan¬≠den und Deutsch¬≠land durch eine schwer bewach¬≠te Gren¬≠ze geteilt war, ¬Ľhin¬≠ter der Sol¬≠da¬≠ten, Pan¬≠zer und Atom¬≠bom¬≠ber dar¬≠auf lau¬≠ern, was wohl die Sol¬≠da¬≠ten, Pan¬≠zer und Atom¬≠bom¬≠ber auf die¬≠ser Sei¬≠te des Sta¬≠chel¬≠drahts im Schil¬≠de f√ľh¬≠ren¬ę, wie es an einer Stel¬≠le von Das Schat¬≠ten¬≠corps hei√üt.

By U.S. Army pho­toPho­to Credit: USAMHI [Public domain], via Wiki­me­dia Commons

Nicht alle die¬≠se Sol¬≠da¬≠ten k√§mpf¬≠ten mit offe¬≠nem Visier. Der eigent¬≠li¬≠che ¬ĽKal¬≠te Krieg¬ę wur¬≠de von Geheim¬≠agen¬≠ten und Diplo¬≠ma¬≠ten gef√ľhrt, und irgend¬≠wo in den zwie¬≠lich¬≠ti¬≠gen Sei¬≠ten¬≠stra¬≠√üen der geschicht¬≠li¬≠chen √úber¬≠lie¬≠fe¬≠rung fin¬≠det man auch noch den einen oder ande¬≠ren Hau¬≠fen ver¬≠we¬≠ge¬≠ner Gestal¬≠ten, die auf kom¬≠mu¬≠nis¬≠ti¬≠scher eben¬≠so wie auf west¬≠li¬≠cher Sei¬≠te als Kom¬≠man¬≠do¬≠trup¬≠pen im Ver¬≠bor¬≠ge¬≠nen dienten.

Erst vor ein paar Jah¬≠ren etwa kam her¬≠aus, dass 1949 ein gewis¬≠ser Oberst Schnez (er soll¬≠te sp√§¬≠ter Gene¬≠ral¬≠inspek¬≠teur der Bun¬≠des¬≠wehr wer¬≠den) im S√ľd¬≠wes¬≠ten Deutsch¬≠lands mit Unter¬≠st√ľt¬≠zung der Ame¬≠ri¬≠ka¬≠ner unter dem Tarn¬≠na¬≠men ¬ĽSelbst¬≠hil¬≠fe¬ę eine gehei¬≠me Trup¬≠pe von 2000 ehe¬≠ma¬≠li¬≠gen Wehr¬≠machts- und Waf¬≠fen-SS-Offi¬≠zie¬≠ren auf¬≠stell¬≠te, die zum Kern einer 40.000 Mann star¬≠ken Armee wer¬≠den soll¬≠te. Man leb¬≠te damals in extre¬≠mer Angst vor einem √úber¬≠ra¬≠schungs¬≠an¬≠griff der Sowjet¬≠uni¬≠on, und die kampf¬≠erprob¬≠ten deut¬≠schen Vete¬≠ra¬≠nen soll¬≠ten im Ernst¬≠fall die West¬≠m√§ch¬≠te unterst√ľtzen.

Weni¬≠ger bekannt ist, dass Otto Skor¬≠ze¬≠ny, Idol der NS-Pro¬≠pa¬≠gan¬≠da bis 1945 und der west¬≠eu¬≠ro¬≠p√§i¬≠schen Neo¬≠na¬≠zis danach, in sei¬≠nem spa¬≠ni¬≠schen Exil √§hn¬≠li¬≠che Pl√§¬≠ne heg¬≠te. Aus den deut¬≠schen und √∂ster¬≠rei¬≠chi¬≠schen Kriegs¬≠ver¬≠bre¬≠chern, die im Fran¬≠co-Staat Unter¬≠schlupf gefun¬≠den hat¬≠ten, soll¬≠te eine ¬ĽLegi√≥n Car¬≠los V¬ę gebil¬≠det wer¬≠den, in der 200.000 Mann als Trup¬≠pen¬≠re¬≠ser¬≠ve f√ľr den Kriegs¬≠schau¬≠platz Deutsch¬≠land bereit¬≠ste¬≠hen w√ľr¬≠den. Skor¬≠ze¬≠ny bie¬≠der¬≠te sich mit dem Vor¬≠ha¬≠ben sogar bei Bun¬≠des¬≠kanz¬≠ler Ade¬≠nau¬≠er an, aber letzt¬≠end¬≠lich blieb wohl alles ein Hirngespinst.

Bericht √ľber Skor¬≠ze¬≠ny in einer spa¬≠ni¬≠schen Zei¬≠tung 1958

Nicht im Pla¬≠nungs¬≠sta¬≠di¬≠um ste¬≠cken blie¬≠ben hin¬≠ge¬≠gen die ver¬≠schie¬≠de¬≠nen para¬≠mi¬≠li¬≠t√§¬≠ri¬≠schen Orga¬≠ni¬≠sa¬≠tio¬≠nen, die von bei¬≠den Sei¬≠ten heim¬≠lich auf¬≠ge¬≠stellt wur¬≠den, um im Kriegs¬≠fall als Par¬≠ti¬≠sa¬≠nen¬≠ver¬≠b√§n¬≠de in den vom Feind besetz¬≠ten Gebie¬≠ten ope¬≠rie¬≠ren zu k√∂n¬≠nen (¬ĽStay-behind¬ę). Auf √∂st¬≠li¬≠cher Sei¬≠te war dies bei¬≠spiels¬≠wei¬≠se die ¬ĽGrup¬≠pe Ralf Fors¬≠ter¬ę, bei der von 1969 bis 1989 aus¬≠ge¬≠w√§hl¬≠te Genos¬≠sen der DKP den ¬ĽUmgang mit Hand¬≠feu¬≠er¬≠waf¬≠fen, Hand¬≠gra¬≠na¬≠ten und Pan¬≠zer¬≠f√§us¬≠ten, [den] Umgang und [den] Ein¬≠satz von Brand- und Spreng¬≠mit¬≠teln sowie das laut¬≠lo¬≠se Besei¬≠ti¬≠gen von Geg¬≠nern¬ę auf Trup¬≠pen¬≠√ľbungs¬≠pl√§t¬≠zen in der DDR lern¬≠ten. Im Ernst¬≠fall h√§t¬≠ten sie Sabo¬≠ta¬≠ge¬≠ak¬≠te gegen Infra¬≠struk¬≠tur- und Bun¬≠des¬≠wehr-Ein¬≠rich¬≠tun¬≠gen aus¬≠ge¬≠f√ľhrt und die Gegen¬≠sei¬≠te √ľber west¬≠li¬≠che Trup¬≠pen¬≠be¬≠we¬≠gun¬≠gen informiert.

Die West¬≠m√§ch¬≠te unter¬≠st√ľtz¬≠ten einer¬≠seits anti¬≠kom¬≠mu¬≠nis¬≠ti¬≠sche Akti¬≠vis¬≠ten wie die West-Ber¬≠li¬≠ner ¬ĽKampf¬≠grup¬≠pe gegen Unmensch¬≠lich¬≠keit¬ę, die Anschl√§¬≠ge in der DDR aus¬≠f√ľhr¬≠te und dort ille¬≠ga¬≠le Pro¬≠pa¬≠gan¬≠da betrieb. Ande¬≠rer¬≠seits ver¬≠lie¬≠√üen sie sich wie √ľblich auf ihre Ver¬≠bin¬≠dun¬≠gen zu Krei¬≠sen ehe¬≠ma¬≠li¬≠ger Wehr¬≠machts¬≠of¬≠fi¬≠zie¬≠re und zum dama¬≠li¬≠gen Neo¬≠na¬≠zi-Unter¬≠grund ‚Äď wobei es hier nat√ľr¬≠lich diver¬≠se √úber¬≠schnei¬≠dun¬≠gen gab. Die Ame¬≠ri¬≠ka¬≠ner initi¬≠ier¬≠ten gleich meh¬≠re¬≠re Stay-behind-Net¬≠ze, etwa in West¬≠ber¬≠lin das mit der Orga¬≠ni¬≠sa¬≠ti¬≠on Geh¬≠len ver¬≠kn√ľpf¬≠te ¬ĽF‚ÄĎNetz¬ę oder in S√ľd¬≠west¬≠deutsch¬≠land das von Oberst a.D. Wal¬≠ter Kopp gelei¬≠te¬≠te ¬ĽKiebitz¬ę-Netzwerk. Auch die Fran¬≠zo¬≠sen, die Nie¬≠der¬≠l√§n¬≠der und die Bri¬≠ten unter¬≠hiel¬≠ten √§hn¬≠li¬≠che Unter¬≠grund¬≠or¬≠ga¬≠ni¬≠sa¬≠tio¬≠nen in West¬≠deutsch¬≠land, von denen aller¬≠dings weder Name noch Umfang bekannt ist.

Abbil¬≠dung aus einem alten Hand¬≠buch f√ľr Guerillakampf

Die gr√∂√ü¬≠te Schat¬≠ten¬≠ar¬≠mee war der ¬ĽTech¬≠ni¬≠sche Dienst¬ę, offi¬≠zi¬≠ell eine Unter¬≠grup¬≠pie¬≠rung des rechts¬≠ex¬≠tre¬≠men ¬ĽBund Deut¬≠scher Jugend¬ę (BDJ), in Wirk¬≠lich¬≠keit ein Sam¬≠mel¬≠be¬≠cken f√ľr ehe¬≠ma¬≠li¬≠ge Wehr¬≠machts- und Waf¬≠fen-SS-Sol¬≠da¬≠ten, die bei den Ame¬≠ri¬≠ka¬≠nern anheu¬≠er¬≠ten, um wei¬≠ter gegen den alten Feind ¬ĽBol¬≠sche¬≠wis¬≠mus¬ę k√§mp¬≠fen zu k√∂n¬≠nen. Die Orga¬≠ni¬≠sa¬≠ti¬≠on flog 1952 auf, als ein BDJ-Funk¬≠tio¬≠n√§r bei der hes¬≠si¬≠schen Poli¬≠zei auf¬≠tauch¬≠te und aus¬≠pack¬≠te. Man hat¬≠te nicht nur im US-Auf¬≠trag einen gehei¬≠men Par¬≠ti¬≠sa¬≠nen¬≠krieg vor¬≠be¬≠rei¬≠tet, son¬≠dern gleich auch noch Schwar¬≠ze Lis¬≠ten ange¬≠legt, auf denen die im Kriegs¬≠fall zu liqui¬≠die¬≠ren¬≠den poli¬≠ti¬≠schen Fein¬≠de wie Her¬≠bert Weh¬≠ner oder der dama¬≠li¬≠ge SPD-Par¬≠tei¬≠chef Erich Ollen¬≠hau¬≠er standen.

Der BDJ wur¬≠de 1953 ver¬≠bo¬≠ten, und ab 1955 √ľber¬≠nahm der aus der Orga¬≠ni¬≠sa¬≠ti¬≠on Geh¬≠len her¬≠vor¬≠ge¬≠gan¬≠ge¬≠ne Bun¬≠des¬≠nach¬≠rich¬≠ten¬≠dienst die ent¬≠spre¬≠chen¬≠den Akti¬≠vi¬≠t√§¬≠ten in West¬≠deutsch¬≠land. Es setz¬≠te eine gewis¬≠se Pro¬≠fes¬≠sio¬≠na¬≠li¬≠sie¬≠rung ein: Die para¬≠mi¬≠li¬≠t√§¬≠ri¬≠schen Ein¬≠hei¬≠ten wur¬≠den als Fern¬≠sp√§h¬≠trup¬≠pe der Bun¬≠des¬≠wehr getarnt, und als Stay-behind-Agen¬≠ten vor Ort wur¬≠den unauf¬≠f√§l¬≠li¬≠ge B√ľr¬≠ger aus¬≠ge¬≠w√§hlt, die f√ľr den Kriegs¬≠fall mit Funk¬≠ge¬≠r√§¬≠ten und aus¬≠ge¬≠stat¬≠tet wur¬≠den und bei¬≠spiels¬≠wei¬≠se mit dem Fall¬≠schirm abge¬≠sprun¬≠ge¬≠ne Agen¬≠ten bei sich auf¬≠ge¬≠nom¬≠men h√§t¬≠ten. (Das zumin¬≠dest war der Plan ‚Äď in Wirk¬≠lich¬≠keit wuss¬≠te die Sta¬≠si nat√ľr¬≠lich l√§ngst Bescheid ‚Ķ)

Heu¬≠te geis¬≠tern all die¬≠se Unter¬≠grund¬≠trup¬≠pen und Kampf¬≠ein¬≠hei¬≠ten unter den Namen ¬ĽGla¬≠dio¬ę durch diver¬≠se Ver¬≠schw√∂¬≠rungs¬≠theo¬≠rien, die wahl¬≠wei¬≠se die ¬ĽRote Armee Frak¬≠ti¬≠on¬ę oder die Hin¬≠ter¬≠m√§n¬≠ner des Okto¬≠ber¬≠fest-Atten¬≠tats von ihnen unter¬≠wan¬≠dert sehen. F√ľr die¬≠se Hypo¬≠the¬≠sen sind schlag¬≠kr√§f¬≠ti¬≠ge Bewei¬≠se bis jetzt aus¬≠ge¬≠blie¬≠ben, aber trotz¬≠dem ist nat√ľr¬≠lich die Fra¬≠ge inter¬≠es¬≠sant, was wohl aus den zwie¬≠lich¬≠ti¬≠gen Schat¬≠ten¬≠krie¬≠gern gewor¬≠den ist, die in den fr√ľ¬≠hen 1950ern die Sze¬≠ne beherrsch¬≠ten. Eini¬≠ge wer¬≠den zur Bun¬≠des¬≠wehr gegan¬≠gen sein, ande¬≠re zur fran¬≠z√∂¬≠si¬≠schen Frem¬≠den¬≠le¬≠gi¬≠on, um in Indo¬≠chi¬≠na zu k√§mp¬≠fen. Wie¬≠der¬≠um ande¬≠re d√ľrf¬≠ten Fami¬≠li¬≠en gegr√ľn¬≠det und sich ins Pri¬≠vat¬≠le¬≠ben zur√ľck¬≠ge¬≠zo¬≠gen haben.

Auf Hans Bark¬≠hu¬≠sen, den Prot¬≠ago¬≠nis¬≠ten von Das Schat¬≠ten¬≠corps, trifft nichts davon zu. Anfang der 1960er vaga¬≠bun¬≠diert er immer noch ruhe¬≠los durch die Hafen¬≠st√§d¬≠te Nord¬≠deutsch¬≠lands und hat kei¬≠nen Anschluss an das b√ľr¬≠ger¬≠li¬≠che Leben gefun¬≠den. Vor Jah¬≠ren war er Kampf¬≠tau¬≠cher bei der ¬ĽKings Ger¬≠man Legi¬≠on¬ę, einer von den Bri¬≠ten in Deutsch¬≠land auf¬≠ge¬≠stell¬≠ten Stay-behind-Trup¬≠pe, die auch in diver¬≠se ande¬≠re Geheim¬≠dienst¬≠ak¬≠ti¬≠vi¬≠t√§¬≠ten ver¬≠wi¬≠ckelt war. Als Bark¬≠hu¬≠sen f√ľr die Suche nach dem sagen¬≠um¬≠wo¬≠be¬≠nen ¬ĽRom¬≠mel-Schatz¬ę ange¬≠heu¬≠ert wird, taucht pl√∂tz¬≠lich sein fr√ľ¬≠he¬≠rer Agen¬≠ten¬≠f√ľh¬≠rer wie¬≠der auf, sei¬≠ne alten Kame¬≠ra¬≠den schei¬≠nen neu¬≠en Her¬≠ren zu die¬≠nen, und die Ereig¬≠nis¬≠se begin¬≠nen sich zu √ľberschlagen ‚Ķ

 

Wer mehr wis¬≠sen will:

Erich Schmidt-Een¬≠boom, Ulrich Stoll: Die Par¬≠ti¬≠sa¬≠nen der NATO. Stay-Behind-Orga¬≠ni¬≠sa¬≠tio¬≠nen in Deutsch¬≠land 1946‚Äď1991, Ber¬≠lin 2015

Nor¬≠bert Juretz¬≠ko: Bedingt dienst¬≠be¬≠reit, Ber¬≠lin 2004

Tho¬≠mas Auer¬≠bach: Ein¬≠satz¬≠kom¬≠man¬≠dos an der unsicht¬≠ba¬≠ren Front: Ter¬≠ror- und Sabo¬≠ta¬≠ge¬≠vor¬≠be¬≠rei¬≠tun¬≠gen des MfS gegen die Bun¬≠des¬≠re¬≠pu¬≠blik Deutsch¬≠land, Ber¬≠lin 1999

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Mit gro¬≠√üer Freu¬≠de darf ich ver¬≠k√ľn¬≠den, dass Das Schat¬≠ten¬≠corps ab sofort beim Buch¬≠h√§nd¬≠ler Ihres Ver¬≠trau¬≠ens oder online erh√§lt¬≠lich ist. Ges¬≠tern kamen auch mei¬≠ne Autoren¬≠ex¬≠em¬≠pla¬≠re, und zur Fei¬≠er des Tages muss¬≠te eine Fla¬≠sche vom ¬ĽRoten aus den H√ľgeln von Luna, der alten R√∂mer¬≠stadt¬ę dran glau¬≠ben, der ab Sei¬≠te 198 eine gewis¬≠se Rol¬≠le spielt‚Ķ

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